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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 23
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22.

Erst am folgenden Tage kam Ols nach Hause. Er war ernst und ging gleich in sein Zimmer. Zu Mittag erschien er nicht und wollte auch kein Essen auf sein Zimmer haben.

»Er ist so betrübt,« erklärte Mutter Ols nachher Helwig, die rechts von des Hausherrn leerem Platz am Küchentisch saß. »Jonas ist heute Nacht gestorben.«

Helwigs Herz versagte.

»Und das ergreift ihn so?«

»Ich habe ihn noch nie so ergriffen von einem Todesfall gesehen. Er sieht sonst immer Gottes Hand darin.«

»Warum kann er die nicht hierin sehen?«

Mutter Ols schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe es nicht. Das einzige wäre, wenn er sich einer Versäumnis bewußt wäre. Das allein könnte seine Betrübnis erklären.«

Helwig versagte fast das Herz. Sie wußte ja, daß eine Versäumnis begangen war, und wie tief ihm die zu Herzen ging, obgleich nicht er die Schuld daran trug, sondern sie.

Mutter Ols bedauerte, daß Helwig so wenig aß, und meinte, daß das Essen nicht schmecke.

»Es hat nichts mit dem Essen zu tun.«

»Ist Euch denn schlecht?«

»Nein, ich bin nicht hungrig. Sie müssen wissen, Mutter Ols, daß ich vorgestern mit in der Kate war und Jonas sah. Auch mich ergreift es, daß er jetzt gestorben ist. Wie wird es jetzt seiner Frau gehen und den kleinen Kindern und der alten Mutter?«

»Das wird wohl schwer genug sein.«

»Werden sie das Haus verlassen müssen?«

»Wenn Eline es nicht weiter besorgen kann. Sie ist tüchtig, und wenn sie jemand für die schwere Arbeit mieten kann, wird es vielleicht gehen.«

Es war aber nicht der Gedanke an die Frau und die Kinder der Kate, was Helwig den Appetit nahm, sondern das Bewußtsein, daß der Pastor in seiner Stube saß und an die begangene Versäumnis als an eine schwere Sünde dachte.

Sie fand, daß er übertrieb, aber das half ihr nicht. Sie fühlte, daß sie ihn zu dieser Einsicht bringen müßte, wenn ihr beunruhigtes Gemüt wieder Frieden finden sollte.

Sollte sie es wagen, zu ihm hineinzugehen? Aber heute trug sie Bedenken, es zu tun. Sie wollte warten und sehen, ob er etwa im Laufe des Nachmittags ein wenig zur Mutter und ihr hineinkommen würde, wie er jetzt immer tat, wenn er zu Hause war.

Der Nachmittag verging. Mutter Ols brachte das Kaffeegeschirr hinein und trug es wieder hinaus, als der Kaffee getrunken war. Der Abend kam und ging, aber die Tür wurde nicht mit dem festen, ruhigen Griff geöffnet, nach dem Helwig und ihre Mutter sich sehnen gelernt hatten.

Ein paarmal zog Helwig sich an, ging hinaus und schritt die Wege in der Nähe des Predigerhofes auf und ab, in der Hoffnung, daß er sie sehen und zu ihr herauskommen würde. Aber wenn er sie vielleicht auch sah, so kam er doch nicht. Sie sah auch keine Spur von ihm. Vielleicht war er wieder von Haus fortgegangen. Helwig wagte nicht, Mutter Ols zu fragen, aus Angst, ihre Unruhe zu verraten.

Sie bettete ihre Mutter für die Nacht und ging dann in ihrer Stube daneben zu Bett. Aber sie konnte lange nicht einschlafen. In Gedanken hielt sie lange Gespräche mit dem Pastor und sagte ihm schlagende Wahrheiten, die ihn zwangen, klein beizugeben. Sie bewies ihm, daß er alles, was es auch sei, viel zu ernst nähme, wie zum Beispiel die Verzögerung der Krankenbotschaft. Glaubte er denn nicht an Gott? Oder hielt er Gott für so schwach, daß Er bei der Entscheidung über eines Menschen Leben oder Tod sich von solchen Kleinigkeiten, wie einer verspäteten Botschaft, beeinflussen ließ? Der muß eine hohe Meinung von seiner ärztlichen Kunst haben, der da glaubt, daß er den Tod hätte verhindern können, wenn es ihm gelungen wäre, etwas eher dazu zu kommen! Aber in diesem Phantasiegespräch wurde sie auch mitunter weich, bekannte sich schuldig und bat ihn, sie nicht zu hart zu richten.

Helwig war sehr erbaut von dem Verlauf der Erörterung und widerlegte jeden Einwand, den sie ihm in den Mund legte. Seine Äußerung, daß er ihre Schuld auf sich nahm, war doch übertrieben! Es fanden sich doch sichtbare Opfer, die man für andere bringen konnte, ohne daß man eine solche Ungereimtheit auf sich zu nehmen brauchte. In Gedanken sagte sie ihm das in beredten Worten, und er konnte seine Auffassung durchaus nicht verteidigen.

Sie beschloß, am Morgen wirklich mit ihm zu reden, und ihn dazu zu bringen, Vernunft anzunehmen. Und mit dem Entschluß schlief sie endlich ein.

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