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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid7cf56d80
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21.

»Denken Sie sich, Herr Pastor, ich möchte gern fühlen, wie es tut, magnetisiert zu werden. Wollen Sie mich nicht magnetisieren, so daß ich einschlafe?«

Helwig saß auf einem Schemel bei einem seiner Büchergestelle, um ein Buch zum Vorlesen auszusuchen. Ols hätte das gut allein tun können, aber sie wollte gern bei der Wahl zugegen sein. Außerdem ergriff sie gern die Gelegenheit, in sein Zimmer zu gehen. Er hatte gerade bereit zum Ausgehen gestanden, als sie kam, hatte aber die Mütze wieder abgenommen und war geblieben. Nun saß sie mit dem Buch im Schoß und blätterte darin, um dann plötzlich aufzublicken und lächelnd ihren Wunsch vorzubringen. Sie hatte ein bezauberndes Lächeln, blitzartig schnell und ausdrucksvoll. Er hatte es schon oft beobachtet.

Wie schon früher mitunter sah sie jetzt sein Gesicht so hart wie Holz werden. Sie hatte gelernt, das Zeichen zu deuten. So wurde er, wenn er sich zusammennahm.

»Die Kraft wende ich nur bei Kranken an, die sonst keine Ruhe finden können. Ihnen fehlt aber doch nichts?«

»Wie wissen Sie das?«

Ihr Lächeln nahm einen anderen Ausdruck an. Eben war es bittend, einschmeichelnd gewesen, jetzt wurde es beinahe wehmütig.

»Ist denn etwas nicht in Ordnung?«

Mit der körperlichen Gesundheit konnte es kaum schlecht stehen. Man sieht nicht so aus wie sie, wenn man nicht gesund ist. Aber konnte ihrem Geist etwas fehlen? Hatte der gestrige Besuch in der Seehofskate Eindruck auf sie gemacht? War sie in ihrem Innern beunruhigt?

Er war gewohnt, die Leute über ihr Inneres zu befragen, aber niemals hatte er es rücksichtsvoller und zögernder getan als jetzt.

Der neue Tonfall seiner Stimme berührte sie so, daß sie den Wunsch empfand, ihm ihr Inneres zu öffnen. Aber erst jetzt, als sie das wollte, fühlte sie, wie leer es war.

»Sie sind doch Seelsorger!«

Es kam etwas schüchtern heraus, als müßte sie sich selbst dadurch Mut zusprechen, daß sie sich diese Tatsache vorhielt, und als wollte sie das Vertrauen rechtfertigen, das sie ihm schenkte.

»Das ist mein Amt.«

Mit dem Ellbogen auf eins der Bücherbretter gestützt, stand er vor ihr und umfaßte Stirn und Schläfe so mit der Hand, daß die Augen verdeckt waren. Ihm schien, als hätte er noch nie der körperlichen und geistigen Stütze so sehr bedurft. Er fühlte sich der heiklen Aufgabe, Seelsorge in diesem Fall auszuüben, nicht gewachsen. Wie konnte sein Blick klar bleiben, sein Kopf unbeirrt und sein Herz besonnen?

»Ich bin noch nie in so nahe Berührung mit ernstem Christentum gekommen wie hier bei Ihnen. Darum habe ich meine eigene Leere nie so wie jetzt eingesehen. Sie tun so viel. Und ich habe gewiß noch nie daran gedacht, etwas für andere zu tun.«

»Was ich tue, ist nicht von Bedeutung.«

Bei ihrem Selbstbekenntnis hatte sie ihn nicht angesehen, jetzt richtete sie einen fragenden Blick auf ihn.

»Was Bedeutung hat, ist, wie das meiste von dem, was ich tue, Jesu Werk in mir und durch mich,« fügte er als Antwort auf ihren fragenden Blick hinzu.

Die Antwort rief aber nur neue Fragen hervor.

»Ich denke an meine Beschäftigungen in Stockholm,« sagte sie mit Selbstverspottung und ihrem blitzartigen Lächeln. »Es findet sich in dem, was ich da tue, schwerlich etwas davon, was Jesus in mir und durch mich zu tun beabsichtigt, wie Sie das nennen. Ich male und musiziere, höre viel Musik, meistens in der Oper, sticke, gehe spazieren, unterhalte mich, gewöhnlich über nichts, lese Zeitungen und Romane, gehe aus und empfange Besuch. Ich gehe auch mitunter Sonntags in die Kirche, höre aber nicht immer ordentlich zu, und wenn ich es tue, vergesse ich es bald wieder. Während der Konfirmationszeit fühlte ich mich zu Gott gezogen, weinte und war gerührt, und hatte den Wunsch, sein zu werden, dachte aber nicht, daß ich aushalten würde. Und das tat ich wohl auch nicht, obgleich ich nie bewußtermaßen mit Gott gebrochen habe. Die Gefühle verflogen nur, und ich habe sie nie vermißt – bis jetzt. Seit ich Sie gesehen und mein Leben mit dem Ihren vergleiche, sehe ich, was für ein Schmetterlingsleben ich führe. Und doch bin ich kein schlechter Mensch und habe, soviel ich weiß, nie jemand etwas Böses getan. Können Sie mir sagen, wo die Schuld liegt?«

Eine Beichte über so wenig Sünde hatte er noch nie empfangen. Und doch sah er ein, daß ihr das Wesentlichste fehlte.

»Sie müssen von neuem geboren werden.«

Mit mehr Neugier als Heilsverlangen hatte sie seine Antwort erwartet. Sie hatte sich nicht denken können, was er sagen würde; aber am allerwenigsten hatte sie etwas so Durchgreifendes erwartet. Sie hatte sich vielleicht eine milde Ermahnung gedacht, daß sie an die Kranken und Armen denken und etwas für sie tun solle! Aber er kam nicht mit solchem Stückwerk, dieser gründliche Seelsorger, sondern mit der Forderung: Wiedergeburt! Sie wurde bei der Antwort verlegen, denn es lag viel tieferer Ernst darin als in ihrer Frage.

Wenn sie ganz ehrlich gegen sich sein wollte, mußte sie einsehen, daß sie mehr aus Interesse an der Person als an der Sache mit dem Mann über die Angelegenheiten ihrer Seele geredet hatte. In dem Fall war sie aber nicht ganz ehrlich gegen sich und konnte es wohl auch nicht sein, denn das Gefühl, das er ihr einflößte, hatte einen so starken religiösen Einschlag, daß es sie irre machen konnte. Unter jenes Mannes Einfluß hätte sie anfangen mögen, ihr Leben zu bessern, seit sie durch den Vergleich mit dem seinigen die Leere des ihrigen erkannt hatte. Sein lebhafter Anteil hätte ihr Kraft und Antrieb sein sollen, seine Billigung ihre Belohnung.

Aber Wiedergeburt! Für etwas so Tiefgehendes war sie nicht reif. Die unerwartete Forderung weckte Widerstand in ihr.

»Wie wissen Sie, ob ich nicht schon wiedergeboren bin?«

»Sind Sie es?«

Die Frage schlug ihren Trotz nieder; sie hatte sich dieselbe nie gestellt, und als er es jetzt tat, hatte sie keine Antwort darauf, und das war gleichbedeutend mit einem Nein.

»Steht es schlecht mit mir, wenn ich das nicht bin?«

»Dann sind Sie noch außerhalb des Reiches Gottes.«

Sie holte tief Atem. Er war furchtbar, wenn man so eingehend und persönlich mit ihm sprach. Hätte sie das geahnt, würde sie sich nie auf so ein empfindliches Thema eingelassen haben. Sie faßte den Grund nicht klar, warum seine Antworten sie so peinlich berührten. Herzlos wären sie ihr vorgekommen, wenn sie nicht mit ihrem ganzen Wesen gespürt hätte, daß sie das nicht waren. Er schätzte sie so sehr, daß er ihr die Wahrheit sagte, trotz der großen Gefahr, sie damit zu verletzen. Sie war auch verletzt, aber weniger von der Schärfe der Wahrheit, als davon, daß gerade er sie gegen sie richtete.

Mit wahrer Angst fühlte sie, daß sie erregt war, und daß ihre Wangen brannten, und sie hatte nur einen Wunsch: daß sie unter Wahrung ihrer Würde das Gespräch sobald wie möglich schließen könnte.

In diesem verhängnisvollen Augenblick öffnete sich die Tür und Mons trat ins Zimmer. Zum erstenmal war der Anblick des häßlichen kleinen Jungen Helwig willkommen. Und auch zum erstenmal war er es Ols nicht.

»Du sollst klopfen, ehe du die Tür aufmachst und hereinkommst,« sagte er zum Kleinen und wollte augenscheinlich hinzufügen, daß er wieder hinausgehen sollte.

»Das tat ich auch, aber niemand hörte,« antwortete Mons.

Etwas Schlaues in seinem Blick deutete darauf hin, daß er mehr begriff, als mit seiner Jugend vereinbar war, sowie auch, daß er es auf seine eigene frühreife Art deutete.

»Du solltest lieber wieder gehen,« sagte der Pflegevater.

Aber Helwig war aufgestanden.

»Das ist nicht nötig,« sagte sie in ihrem gewöhnlichen Ton. »Ich habe Sie schon lange genug aufgehalten, Herr Pastor. Ich nehme dieses Buch mit.«

Sie zeigte ihm das Titelblatt, und er nickte zum Zeichen, daß er ihre Wahl billigte. Dann verließ sie die Stube.

Wenn es nach seinem Willen gegangen wäre, hätte Mons ihr diesmal weichen müssen, nun war sie aber gegangen. Der Gedanke befriedigte sie.

Als Helwig fort war, nahm Ols seinen Rucksack und seine Mütze, um nach der Seehofskate zu gehen. Er sah Mons an.

»Willst du mitgehen? Es ist ein weiter Weg.«

Freilich wollte Mons mit! Der weite Weg machte ihm keine Sorge. Er war klein, aber stark.

»Wenn du zu müde wirst, kann ich dich tragen,« sagte sein Pflegevater.

Sie gingen also denselben Weg, den Ols gestern mit Helwig gegangen war.

Es war ein Unterschied zwischen den Weggenossen von gestern und heute. Und doch war in Ols Eriks Bewußtsein ein Zusammenhang zwischen den beiden, der schönen, feinen Dame und dem häßlichen, kleinen Jungen. Zuerst unbewußt, aber dann absichtlich prüfte er an Mons die Tiefe und den Gehalt von Helwigs Herzen.

Als er mit Mons' kleiner Hand in der seinen ging, machte er Vergleiche zwischen den beiden. Er grübelte darüber, wer von beiden eine Gefahr für ihn war, und wer ihm zum Besten dienen könnte, sie, die mit ihrer Schönheit und dem Glanz ihres weltlichen Wesens sich an den Mann in ihm wandte, oder die in einem häßlichen Körper in angeborener Schlechtigkeit gefangene Kindesseele, die den Geistlichen in ihm anrief.

Er riß sich aber von diesen Gedanken los, um mit Mons vom Walde und den Tieren darinnen zu sprechen, sowie auch von ihres Schöpfers und Vaters wunderbarem Werk.

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