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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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20.

Ols Erik und Helwig verließen das Häuschen erst, als die Sonnenstrahlen anfingen schräg zu fallen und die Schatten länger wurden. Es war ein klarer Abend, und es war zu erwarten, daß der Mond scheinen würde. So schadete es nichts, daß sie sich etwas später auf den Weg machten, als es zuerst in ihrer Absicht gelegen hatte.

Der Pfad war schmal und sie gingen wie auf dem Hinweg, er voraus, sie hinterher. Es war nicht Mangel an Höflichkeit, daß er vorausging. Aber sie hätte den rechten Weg unter all denen, die sich im Wald kreuzten, nicht gefunden. Und wenn sie verkehrt gegangen wäre, hätte sie ihn auch leicht in seinen Gedanken stören können. Ging er aber zuerst, so gingen sie richtig, auch wenn er seine Gedanken nicht ausschließlich auf den Weg richtete. Und es war gut, daß er sehr sicher war, denn er dachte gar nicht an den Weg.

Helwig schwatzte jetzt nicht so wie auf dem Hinweg. Entweder hatte der Anblick des Kranken, von dem sie so leichtfertig gesprochen hatte, sie ernst gestimmt, oder es drückte sie das Schweigen dessen, der vor ihr ging.

Sie betrachtete die untersetzte, breitschultrige Gestalt mit dem ruhigen Gang. So geht einer, der weiß, wohin er geht. Sie hätte gern gewußt, was er antworten würde, wenn sie ihn bäte, ihr in so wenig Worten wie möglich zu sagen, welches Lebensziel er sich gesetzt hätte. Auch hätte sie wissen mögen, woran er jetzt eben dachte. Aber ehe sie sich entschlossen hatte, ihn zu fragen, wandte er sich plötzlich um und beantwortete unbewußt durch die Frage, die er an sie richtete, die letzte der beiden, über die sie gegrübelt hatte und die sie gern an ihn gestellt hätte.

»Warum sagten Sie das?« fragte er schroff.

»Ich habe doch gar nichts gesagt!« rief sie harmlos aus und lächelte etwas mit den leicht geteilten Lippen.

»Ich meine im Haus. Daß Sie es waren, die – daß es Ihre Schuld war, daß ich nicht früher kam?«

Also darüber hatte er beim Gehen nachgedacht. Aber wie wußte er, was sie gesagt hatte?

»Hat die alte Mutter Ihnen wiedererzählt, was ich zu ihr sagte?«

»Ich selbst hörte Sie es sagen.«

»Sie waren doch so von Jonas in Anspruch genommen. Wie konnten Sie hören, was ich dort in Großmutters Ecke sagte?« fragte Helwig verwundert.

Ihr Herz tat einen Freudensprung bei der Entdeckung, wie genau er sie beobachtet haben mußte, obschon er Gleichgültigkeit gezeigt hatte.

»Ich hörte es. Warum sagten Sie das? Es hat eher geschadet als genützt.«

»Sie sprechen mit mir, als hätte ich ein Unrecht getan.«

»Die Leute dachten gar nicht an ein Versäumnis meinerseits. Sie hatten die ganze Sache vergessen, aber nun zogen Sie sie wieder hervor und machten eine große Geschichte daraus. Wozu sollte das dienen?«

Er war stehen geblieben und stand breit vor ihr auf dem Pfad, so daß sie nicht an ihm vorbei konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Sein Gesicht war jetzt nicht hart wie Holz, es war von Gefühl durchleuchtet, aber es war schwer zu sagen, welcher Art das Gefühl war. Wie entrüstet seine Worte auch klangen, so war Entrüstung doch nicht das Vorherrschende in seiner Erregung.

Ihr Herz klopfte heftig, aber sie nahm sich zusammen.

»Ich wollte nicht, daß jemand Ihnen die Schuld für mein Versäumnis geben sollte, deshalb sagte ich, wie es war. Darum ging ich heute mit. Nun mögen Sie so böse auf mich sein, wie Sie wollen, weil ich das Unrecht, das ich tat, so gut wie möglich wieder gut gemacht habe; ich freue mich doch, daß ich es tat.«

Ihre Wangen glühten in warmer, reizvoller Farbe, wie immer, wenn sie sich erregte, und es blitzte stahlblau unter den langen Augenwimpern.

Ein Wort ihrer hitzigen Verteidigung öffnete ein Schloß, das ihm zugeschnappt war. Er empfand es wie eine Befreiung.

»Sie bereuen es also wie ein Unrecht, daß Sie mir die Botschaft vom Kranken vorenthielten?«

»Gewiß tue ich das.«

Bei dem Geständnis bebte es um den feinen Mund. So etwas kam nicht leicht über die stolzen Lippen, aber seine machtvolle Persönlichkeit in ihrer geraden Schroffheit hatte es ihr abgezwungen, ehe sie Zeit zum überlegen hatte.

»Und ich, der ich mit Gott kämpfte, um Ihre Schuld auf mich zu nehmen!« entfuhr es ihm, wie einem zu schwer Beladenen ein Seufzer der Erleichterung entfährt, wenn ihm seine Last abgenommen wird.

Sie stand überrascht, beinahe erschrocken da. Sein Wort offenbarte plötzlich eine strahlende Tiefe seiner Seele, und sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als fürchte sie, darin zu versinken.

»Nehmen Sie alles – – so schwer?« fragte sie, und ihre kurze Frage wurde von einem krampfhaften Atemzug unterbrochen.

Er antwortete nicht. Es war, als hätte er sie nicht gehört. Er blieb noch stehen und sah sie mit seinem festen Blick an. Sie fühlte sich von ihm beherrscht, obgleich sie merkte, daß er nicht die geringste Absicht hatte, es zu tun.

»Sie müssen finden, daß ich etwas Schreckliches getan habe?« sagte sie in fragendem Ton.

»Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.«

Alles, was er ihr zu antworten hatte, ließ sich am besten in dem Wort zusammenfassen, darum rief er es ihr zu, als brennte es um ihretwillen in seinem Gewissen.

Aber sie vernahm nicht den Urteilsspruch darin.

»Sie kamen doch zu dem Kranken und sind jetzt auch dort gewesen!«

»Begreifen Sie nicht, wer das war, der durch unser Versäumnis einen ganzen Tag Schmerzen leiden mußte, die man doch hätte lindern können?«

»Erachten Sie den Kätner Jonas für gleich mit Jesus?«

Sie fand seine Theorie unerhört.

»Der Weltenrichter selbst begegnet uns in jedem seiner hilfsbedürftigen Brüder, und er wird einst danach urteilen, ob wir sie übersehen oder ob wir ihnen geholfen haben.«

»Aber das wäre ja furchtbar, wenn man alles so ansehen müßte!«

»Es würde noch furchtbarer sein, wenn man es nicht so ansähe!«

»Sie sind unheimlich streng.«

»Ich bin es nicht, der streng ist. Ich stehe vor demselben Richter wie Sie.«

»Und vor dem haben Sie meine Schuld auf sich nehmen wollen, wie Sie es vor den Leuten in der Kate taten!«

Jetzt, da sie das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, wagte sie es, in die strahlende Tiefe seiner Seele zu blicken.

»Aber jetzt bereuen Sie, und da können Sie selbst die Sache mit Gott abmachen.«

Als er ihr so geantwortet hatte, wandte er sich um und setzte seinen Weg fort. Er brauchte sich nicht umzublicken, um zu sehen, ob sie ihm folgte, denn er hörte ihre leichten Schritte hinter sich. Es war, als fühlte er sie mit jedem Nerv seines Körpers.

Als er so vor ihr herging, betrachtete sie wieder seinen breiten Rücken, den kräftigen Nacken und den ruhigen Gang, aber ihre Stimmung war anders als vorher. Sie war so weich, daß ihr beobachtender, kritischer Geist entwaffnet wurde und sie wenigstens einmal ungehemmt ihren Empfindungen Raum gab.

Er hatte vor Gott und Menschen ihre Schuld auf sich nehmen wollen! Das war ihre Entdeckung! Er hatte es ernst gemeint mit dem, was er wollte, und er war noch von dem Ernst erfüllt, das fühlte sie.

Er zürnte ihr, weil sie vor Menschen die Schuld auf sich nehmen wollte, und sein Zorn rührte sie.

Auch vor Gott hatte er ihre Schuld auf sich nehmen wollen! Aber wie hatte er sich das nur gedacht? Was war er nur für ein Mystiker, daß er auf solche Gedanken kommen konnte?

War ihre Schuld wirklich so groß, wie er meinte? Hatte sie wirklich Jesus selbst durch ihre Vergeßlichkeit und Gedankenlosigkeit Leiden verursacht? Und wenn dem so wäre, wie konnte der Mann, der jetzt vor ihr ging, ihre Schuld auf sich nehmen? Selbst wenn sie vor Gott schwieg, würde das allsehende Auge wissen, daß die Schuld bei ihr lag und nicht beim Pastor! So dachte sie, und es war ja sonnenklar, daß sie recht dachte; aber so groß war jenes Pastors persönlicher Einfluß, daß sie fast glaubte, er müsse auf irgendeine Weise den allmächtigen Weltenrichter so beherrschen, wenn nicht gar irremachen können, daß er sich nach seinem edelmütigen Willen richtete.

Der Richter der Welt! Sie blickte hinauf in die Weite, wo Abenddämmerung den Himmel bedeckte und die Sterne zu leuchten anfingen. Hatte sie sich in ihrer Gedankenlosigkeit gegen den Mächtigen vergangen, der das Weltall erschuf und die Welten nach seinem Willen leitete? Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie den Gott, der über und hinter der sichtbaren Welt steht, als eine Wirklichkeit, und ein Schauer durchfuhr sie bei dem Gedanken an seine erzürnte Majestät.

Sie blickte wieder auf den Mann vor ihr und stellte sich vor, wie Eva sich in Adams Armen bergen wollte, als sie den Ruf Gottes nach dem Sündenfall im Paradiese hörten.

Adam hatte die Schuld auf Eva geschoben, aber der, der hier mit ihr ging, hatte ihre Schuld sowohl vor Menschen als auch vor Gott auf sich nehmen wollen, obgleich er ihr Vergehen schwer fand. Er hätte es sicher auch tun wollen, wenn es ebenso groß, ja, noch größer als Evas gewesen wäre. Was offenbarte ihr sein Verhalten nicht alles?

Wieder durchfuhr sie ein Schauer, aber anderer Art als vorher. Es war ihr, als löse eine feste Hand die Ankerkette ihres kleinen Fahrzeugs, um sie hinaus über unbekannte Tiefen großen Weiten entgegenzuführen.

Ols Erik wußte nichts von dem, was in dem Herzen vorging, das dicht hinter ihm klopfte, dachte auch nicht darüber nach. Er war mit sich selbst beschäftigt. Er sah sich vor dem Richter der Welten und hörte das Wort: »Ich bin krank gewesen, und du hast mich besucht.« Aber es erfüllte ihn nicht mit Seligkeit, weil Helwig neben ihm stand, zu der gesagt wurde: »Ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht.« Sie faßte das Wort nicht! Ihr schien, als wäre sie bei dem Kranken gewesen, und doch wurde sie auf die linke Seite gestellt. Da sah er sich selbst von der rechten Seite zu ihr auf die linke Seite gezogen. Was bedeutete das? Vielleicht Abgötterei? – –

Es wurde dunkel. Aber dann ging der Mond auf und erhellte die Luft. Es war mitunter schwer, auf dem Pfad unter den Bäumen Wurzeln und Steine zu unterscheiden. Auf einem steilen und steinigen Abhang wandte Ols sich um und faßte Helwigs Hand, damit sie nicht stolperte oder ausglitte. Der Tau machte die Steine schlüpfrig.

»Es ist hier dunkler, als ich dachte; aber es dauert nicht lange, bis wir wieder auf den Weg hinauskommen,« sagte er.

»Ich fürchte mich nicht, da Sie mit sind.«

Sie sah ebensogut im Dunkeln wie er, und war nicht bange vorm Stolpern; aber sie mochte doch sehr gern den festen, sicheren Griff seiner Hand um die ihre fühlen.

»Ihre Mutter wird sich hoffentlich nicht ängstigen. Wir blieben länger fort, als ich dachte.«

»Sie weiß ja, daß Sie mit sind, und Sie verirren sich nicht.«

»Wenigstens nicht hier in den Wäldern.«

»Sie gehen nirgends irre,« sagte sie zuversichtlich. »Sie sind keiner, der sich mit seinem Gewissen abzufinden sucht.«

Sie hatte das also verstanden, was er in seinen Äußerungen unausgesprochen ließ! Daß sie so leicht verstand, fesselte ihn nicht wenig an ihr.

Wie er gesagt hatte, kamen sie bald auf den Weg hinaus.

Jetzt führte der Pfad hinauf auf die Skalungahöhe, und als sie oben standen, blickten sie hinaus ins weite Land. Ihnen am nächsten, auf dem Abhang, lag das Pastorat.

»Jetzt sind wir zu Hause,« sagte sie.

Zu Hause! Sie betrachtete sein Heim als das ihre und wohnte da. Aber wie lange noch? dachte er plötzlich mit stechendem Schmerz.

Sie waren auf der Höhe stehen geblieben. Vom Mondlicht umflossen standen sie dicht nebeneinander. Stärker als je empfand sie die magnetische Kraft, die von ihm ausstrahlte, und er sah, wie der leichte Atem ihre Brust hob und senkte. Es war gefährlich, länger hier bei ihr stehen zu bleiben.

»Wir müssen wohl jetzt hinuntergehen.«

Mit der ruhigsten Stimme sagte er das. Aber sie hörte doch ein starkes, beherrschtes Gefühl heraus. Sie warf einen schnellen Blick auf ihn und ging dann vorwärts. Über ihren Blick und dessen Wirkung grübelnd, folgte er. Was hatte darin gelegen, das ihn erzittern ließ? –

Schlank, geschmeidig und schön gewachsen ging sie vor ihm her auf sein Heim zu, das jetzt auch noch das ihre war. Er zwang seinen Blick, der ausschließlich auf ihrer Gestalt haften wollte, und sah hinaus auf die Gegend, in der sein Lebenswerk lag. Wie würde es hier sein, wenn sie abgereist war? Würde er die Leere ertragen können? Hatte sein Lebenswerk nichts mit der zu tun, die ihm jetzt am nächsten war? Oder bedeutete sie etwa eine Versuchung, die er fliehen mußte?

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