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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid7cf56d80
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16.

Ols kehrte in sein Zimmer zurück, wo Mons in tiefem Schlaf auf dem Sofa lag. Sein Herz erbarmte sich des armen Kleinen.

»Lieber Gott und Vater, hilf mir, daß ich ihn dazu bringe, um Verzeihung zu bitten, ohne daß ich ihn strafen muß!«

Mit dieser Bitte im Herzen setzte er sich zur Arbeit an den Schreibtisch.

Nach langer Zeit wachte Mons auf. Er hatte sich von der heftigen Gemütsbewegung, die ihn ermattet hatte, erholt.

Der Pflegevater erinnerte ihn an sein Versprechen. Mons war durchaus nicht willig, es einzulösen; aber sein Pflegevater faßte ihn an der Hand und führte ihn zu seiner Mutter. Hier war es eine leichte Sache. Sie vergab ihm, ohne auf seine gestammelte Bitte zu warten.

Bei Helwig war es schlimmer. Sie saß am Klavier und spielte, als Ols Erik mit Mons an der Hand hineinkam. Als sie die beiden neben sich stehen sah, hörte sie auf zu spielen.

»Mons bittet um Verzeihung für das, was er getan hat.«

»Ich höre ihn gar nichts sagen.«

Ols blickte auf den Knaben hinab.

»Nun, Mons, hast du vergessen, was du sagen solltest?«

Mons schwieg, und der tückische Ausdruck seines kleinen Gesichtes verhieß nichts Gutes.

Da faßte der Pflegevater mit der Hand um seinen Nacken und wandte sein Gesicht zu sich hinauf und zwang die blinzelnden, unruhigen Augen, seinem eigenen festen, mitleidigen Blick zu begegnen.

»Denkst du an das, was ich tun muß, wenn du nicht abbitten willst?«

Eine zuckende Bewegung entstellte das Gesichtchen, aber Mons schwieg.

Da beugte sich Ols zu ihm nieder.

»Was solltest du nun sagen?« fragte er ermunternd, als gälte es, dem Kleinen bei einer Schulaufgabe zu helfen.

»Verzeihung!« stammelte er.

Seine Augen hingen an denen des Pflegevaters aus Angst vor der Strafe.

»Hörten Sie es?« fragte Ols und wandte sich an Helwig.

»Ja, aber es wurde nicht zu mir gesagt.« »Wollen Sie denn nicht vergeben?«

»Ja, trotz alledem.«

»Du hörst es, Mons. Das Fräulein vergibt dir. Nun lauf zu Mutter in die Küche.«

Mons ließ sich das nicht zweimal sagen.

Helwig lachte.

»Wozu diente die Komödie?«

»Sind Sie denn nicht ausgesöhnt?«

Wieder lachte sie leicht auf. Es sollte Gleichgültigkeit vorstellen.

»Ausgesöhnt! Sie brauchen so starke Worte. Gerade, als wenn ich mir etwas aus dem Bengel machte! Ich möchte nur wissen, was aus ihm werden soll, da Sie solche Angst davor haben, die Rute zu brauchen.«

»Warum sollte ich ihn schlagen, da er auf andere Weise weich wurde?«

»Er hätte eine tüchtige Tracht Prügel verdient.«

Die Erinnerung an des kleinen Gelbschnabels Benehmen machte Helwigs Ton hitzig.

»Mir tut es sehr leid, daß Sie in meinem Hause solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind.«

Sein Ton war aufrichtig, aber sie war zu ärgerlich, um dem gerecht zu werden.

»Es tut Ihnen viel mehr leid, daß Ihr Liebling gestraft wurde, ehe Sie nach Hause kamen und ihn mit aller Weichheit behandeln konnten.«

Sie klimperte eine kleine unruhige Melodie mit einer Hand, während sie sprach. Da er nicht antwortete, blickte sie in sein Gesicht hinauf.

»Können Sie leugnen, daß es so ist?« fragte sie.

»Ich weiß kaum, was ich am meisten beklage, Ihr vernichtetes Gemälde und durchnäßtes Kleid, oder das verwirrte und erschreckte Gemüt des armen Kleinen. Ich verteidige seine Ungezogenheit nicht, aber ich halte dafür, daß Erwachsene Kindern mehr Böses tun können, als Kinder den Erwachsenen. Ihr Widerwille gegen Mons schadet ihm. Sie hätten ihm eben mit etwas Freundlichkeit helfen können, um Verzeihung zu bitten, aber Sie zogen vor, es ihm zu erschweren.«

»Das war seine Ungezogenheit, nicht ich.«

»Man spricht laut mit einem Tauben und führt einen Blinden, ebensogut muß man bei einem ungeratenen Kind Rücksicht auf seine Ungeratenheit nehmen. Das eine ist ein körperlicher Fehler, das andere ein Geistesfehler.«

»Das wäre bequem, alle unsere Fehler so zu nehmen!«

»Aber nicht bequem, die Fehler anderer so zu nehmen.«

Sie blickte belustigt und kampfbereit zu ihm auf.

»Wie nehmen Sie Ihre eigenen Fehler?« beharrte sie. »Wie Geistesfehler, gegen die man nichts tun kann?«

»Ja. Und ich suche einen Arzt dafür.«

»Einen Arzt?«

»Ja. Den großen Arzt.«

Seine Antwort entwaffnete sie, lenkte ihr Interesse aber auch auf ein neues, würdigeres Gebiet.

»Kämpfen Sie denn gar nicht dagegen?«

»So wie man von einem Kranken sagen kann, daß er gegen seine Krankheit kämpft, wenn er den Verordnungen des Arztes Folge leistet.«

»Dann sehen Sie die Sünde nur als eine Krankheit an?«

»Was ist sie anderes?«

»Aber dann fällt die Schuld weg?«

Sie war von ihrer Gegenfrage entzückt; denn sie sah, daß sie ihn zu scharfem Nachdenken zwang und ihm auch sichtlich vermehrtes Interesse für das Wortgefecht einflößte. Bis jetzt hatte er steif neben ihr gestanden, als wolle er gleich wieder gehen, jetzt machte er sich bereit, zu bleiben. Er stützte den Ellbogen oben auf das Klavier und legte die Hand um den Nacken.

»Die Sünde ist eine selbstverschuldete, ansteckende Krankheit. Wenn man den Vorschriften des Arztes nicht gehorcht, wird sie schlimmer und geht auf andere über. Urteilen Sie selbst, ob ein Mensch dadurch Schuld auf sich ladet! Andererseits kann man davon genesen und verhindern, daß sie andere ansteckt, wenn man dem Arzt gehorcht. Die Schuld wird vergrößert, wenn man in dieser Hinsicht nicht sein möglichstes tut.«

»Aber wenn Sie es so ansehen, als wäre die Sünde eine selbstverschuldete Krankheit, warum strafen Sie dann einen solchen Kranken wie Mons nicht, damit er lernt, seine Schuld einzusehen?«

»Die Krankheit der Sünde ist erblich. Ein Kind, das noch keinen Verstand für die Vorschriften des Arztes hat, muß zur Kenntnis und zum Gehorsam derselben geführt werden. Und wenn das im Guten geschehen kann, braucht man nicht zu strafen.«

»Glauben Sie nicht doch, daß Liebe bei Mons weggeworfen ist? Würde er nicht eine Tracht Prügel besser verstehen? So wie er ist, eine Gassenjungennatur?«

»Wir haben eine verschiedene Auffassung von Mons,« sagte Ols ziemlich kurz. »Ihn zu schlagen, nachdem er bekannt hat, wäre doch nur Rache. Können Sie sich nicht ohne das zufrieden geben?«

Es gefiel ihm augenscheinlich nicht, daß man im Widerstand gegen ihn beharrte. Helwig hatte vom ersten Augenblick an geahnt, daß er etwas vom Despoten an sich hatte, und nun sah sie diese Ahnung bestätigt.

»Ich möchte Sie um eins bitten, Fräulein Helwig. Machen Sie den Weg des Kindes nicht schwerer, als er schon ist! Es ist gefährlich, eines dieser Kleinen zu ärgern.«

Sie errötete stark. Der Vorwurf, der in seinen Worten lag, traf.

»Ich wüßte nicht, daß ich das getan hätte,« sagte sie steif.

»Sie mögen ihn nicht, und das fühlt er.«

»Kann ich etwas dafür? Er ist mir so unsympathisch. Und durch Ihre Schwachheit wird er unglaublich verzogen und immer unausstehlicher.«

Damit wandte sie sich dem Klavier zu und blätterte mit zitternden Händen im Notenbuch. Sie wunderte sich, daß der Wortwechsel sie so aufgeregt hatte. Ihre Wangen brannten wie im Fieber. Allzugern hätte sie gewußt, was er dachte, während er dastand und sie beobachtete, ohne auf ihre scharfen Worte zu antworten.

Sie wollte ihn fort haben und seine schweigende Beobachtung ihres erhitzten Gesichts hindern, darum faßte sie den oberen Klavierdeckel, auf den er den Ellbogen stützte. Er nahm den Arm gleich fort und half ihr, den Deckel zu heben. Dann setzte sie sich zurecht und fing an, das erste beste Stück zu spielen.

Er ging an eins der Fenster und setzte sich dort hin, aber ehe sie das Stück beendet hatte, stand er auf und ging hinaus, denn er sah jemand auf das Haus zukommen. Helwig spielte weiter, peinlich berührt und unzufrieden mit ihm, mit sich und mit der ganzen Welt.

Zum Spielen war sie zu aufgeregt und hörte darum bald auf. Zur Mutter wollte sie auch nicht hineingehen, denn sie war sich bewußt, daß sie erregt aussähe. Statt dessen ging sie hinaus auf die Höhe.

Es quälte sie, daß sie sich über den Pastor und seinen unausstehlichen Schützling ärgerte. Sie war nun schon zum zweitenmal um des Jungen willen beiseite geschoben worden. Das erste Mal hatte der Junge, streng genommen, nichts Unrechtes getan, aber jetzt! Daß er nach all seiner Unart und Ungezogenheit so leicht davonkam, und sie, die Benachteiligte, ermahnt wurde und sogar Vorwürfe hinnehmen mußte – das war unerhört! Der Gedanke daran empörte Helwig. Ihre Wangen glühten, ihre Augen flammten, und sie stieg mit mächtigen Schritten den Berg hinauf.

Es war ein heller Abend. Die Sonne schien schräg durch die Bäume und das Gemurmel eines kleinen Baches in der Nähe plauderte unaufhörlich in seiner wortlosen, aber fröhlichen und beruhigenden Sprache. Die kühle Luft umschmeichelte ihr Gesicht und füllte ihre vom schnellen Gehen hastig atmenden Lungen. Unbewußt nahm sie die Ruhe der Umgebung in sich auf und fing an, geordneter zu denken.

Es war etwas Merkwürdiges mit diesem Pastor, wie er alle beherrschte! Helwig hätte gern gewußt, worin das Geheimnis seiner Macht lag. Seine Mutter tat alles, was er wollte. Helwig dachte mit einem gewissen humoristischen Ärger, daß die alte Frau gewiß schon Buße für ihre wohlbegründete Strenge gegen Mons getan habe. Die Dienstboten gehorchten Ols so vollständig, daß sie nicht einmal seine Anweisungen brauchten, sondern ihre Arbeit von selbst taten. Ihre eigene Mutter richtete sich, ohne nachzudenken, in allem nach ihm. Sie machte keinen Unterschied zwischen ihm und dem Doktor, außer daß sie dem Doktor mit Einwendungen kam, niemals aber dem Pastor, zu dem sie ein unbegrenztes Vertrauen hatte. Dafür, daß er seine Gemeinde beherrschte, hatte Helwig mehrere Beweise. Das hatte er sogar selbst bezeugt, als er sich im Tischgespräch mit dem Alten aus Hocklingen »allzu eigenmächtig« genannt hatte! Und ein Mal nach dem anderen war auch sie von ihm überwunden worden.

Er war ein Despot, aber – –. Sein Despotismus weckte nicht nur Verdruß bei ihr, und auch bei allen anderen hatte sie keine Spur von Verdruß gemerkt. Sie beugten sich willig unter ihn und gediehen unter seiner Herrschaft. Ja, sogar der kleine ungezogene Mons, gegen den er so schwach war, wurde doch von ihm beherrscht. Das konnte sie jetzt bei ruhigerem Nachdenken nicht leugnen.

Helwig dachte an den Ausdruck, den des Pastors Gesicht getragen hatte, als er sich zu Mons hinabgebeugt hatte, um ihn zu bewegen, das schwere Wörtchen »Verzeihung« zu sagen. Bei dieser Gelegenheit hatte sie der Mangel an Strenge erzürnt, aber jetzt in der Erinnerung sah sie es mit anderen Augen an und mußte gestehen, daß es unvergleichlich gewesen war. Des Knaben Ungezogenheit war dadurch überwunden worden, und das fand Helwig jetzt ganz natürlich, seit sie selbst anfing, die Unwiderstehlichkeit seines Wesens zu empfinden.

Sein Despotismus war nicht gewollte Anmaßung, sondern Naturgabe. Er war auch nicht selbstsüchtig, denn wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, tat er es niemals mit der Absicht, seine Macht zu fühlen oder sie andere fühlen zu lassen. Er hatte immer etwas Bestimmtes im Auge.

In der Erinnerung durchging sie noch einmal die Unterredung mit ihm in allen Einzelheiten. Sie erinnerte sich seiner Worte und Mienen. Selbst gegen sie war er erbarmungsvoll und fest. Selbst sie hatte er so gut wie Mons getadelt.

Wieviel er dem Knaben unter vier Augen über dessen Vergehen gesagt hatte, wußte sie ja nicht, aber sie glaubte doch sicher, daß er gegen sie strenger war. Sie hätte sich gegen Mons der Sünde, eines dieser Kleinen zu ärgern, schuldig gemacht! Und jemand, der das tut, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt würde. So streng verurteilte er sie! Bei dem Gedanken fingen Helwigs Wangen, die kühler geworden waren, wieder an zu brennen. Jetzt aber nicht vor Entrüstung, sondern vor Scham. Es peinigte sie, daß er sie so hatte sehen müssen. Fand er sie herzlos? Sie hatte früher nie daran gedacht, daß sie das sein könnte!

Aber wie er sie auch ansehen mochte, und was für Fehler er an ihr zu finden glaubte, so hatte er ihr doch niemals Verachtung oder Ärger bezeigt. Er sah etwas in ihrem Innern, das ihn ansprach. Gerade wie es ihm mit Mons ging!

Sie mußte innerlich lachen bei der Entdeckung, daß er sie und Mons auf dieselbe Weise behandelte. Bei beiden blickte er durch die Schale auf den Kern, ohne sich durch ihrer beider verschiedenartige Fehler oder ihre eigenen Vorzüge irre machen zu lassen.

Er hatte von seiner Liebe zu Mons gesprochen, und es war klar, daß er für den Jungen eine große, erbarmende Liebe fühlte. Das war das Geheimnis seiner Macht über den Jungen. War Liebe auch das Geheimnis seiner Macht über sie? Das hätte Helwig gern gewußt. Wie heftig es sie auch jedesmal aufregte, wenn er sie überwunden hatte, so konnte sie ihm im Grunde doch nicht zürnen, und immer mehr festigte sich seine Macht über sie nach jedem Streit. Wenn Liebe die Ursache war, war es dann dieselbe Art erbarmender Liebe, die Mons ihm einflößte? Helwig lachte innerlich wieder bei der Vorstellung, daß sie der Gegenstand einer derartigen Liebe eines Mannes sein könnte, sie, die eine ganz andere Art Liebe gewohnt war. Kannte der Pastor denn keine andere Liebe als die erbarmende?

Bei dem Gedanken lächelte sie leise, halb spöttisch, halb gutmütig anerkennend. Sie dachte an sein unfertiges Gesicht mit seinen großangelegten Zügen. War es ein Sinnbild seines bisher nur zugehauenen, aber in seinen Einzelheiten noch nicht fertig ausgemeißelten Wesens? War es der Liebe vorbehalten, diese Ausmeißelung an ihm vorzunehmen?

Schlicht, großartig und herzenbeherrschend war er in seiner Hirtenliebe. Wie würde er wohl in der Liebe sein, die den Mann dem Weibe zu Füßen legte?

Helwig blickte mit leuchtenden, träumerischen Augen über Skalunga hinaus, das in der Abendsonne glühte. Das Kreuz der Kirche leuchtete so blendend gegen den Abendhimmel, daß sie es nicht ansehen konnte, ohne nachher, wohin sie auch blickte, ein dunkles Kreuz zu sehen.

Wollte das Kreuz ihre Gedanken beantworten? War das Kreuz der Grund seiner Hirtenliebe, und würde es ihn in all seine Liebe hineinbegleiten?

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