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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14.

Es war Sonntagnachmittag, und im Hause herrschte Ruhe. Der Pastor war vor einem Weilchen ausgegangen, mit Mons auf den Fersen. Der Knecht Matz und die kleine Anna hatten beide frei und waren verschwunden, Mutter Ols saß, ungewöhnlicherweise auch unbeschäftigt, in ihrem Stübchen neben der Küche. Die Baronin schlief, und Helwig schlich sich aus der Stube. Sie hatte Lust, eine Entdeckungsfahrt durch das Haus zu machen. Noch nie war sie im oberen Stockwerk gewesen, das unbenutzt zu stehen schien. Wenigstens hatte sie oben niemals Schritte gehört.

Sie ging langsam durch die großen hellen Zimmer. Einige waren leer, aber in anderen standen etliche Möbel.

Helwig dachte, wie schön es hier doch sein könnte, und stattete in ihrer Einbildung die Räume mit den Möbeln aus, die sie und ihre Mutter in Stockholm hatten. Sie breitete Teppiche auf die Dielen, hängte Vorhänge vor die Fenster und Bilder an die Wände. Sie sah ihre seine Einrichtung in den schönen Zimmern mit der herrlichen Aussicht und sich selbst als Mittelpunkt des Ganzen, und sie stellte sich vor, wie sie, wenn alles geordnet wäre, den Hausherrn rufen würde, um ihm ihr Werk zu zeigen.

Aber sie konnte sich nicht vorstellen, welche Wirkung es auf ihn haben würde! Würde es Eindruck auf ihn machen, und würde er es bewundern oder gleichgültig bleiben? Wahrscheinlich letzteres, denn er war nicht leicht zu überwältigen und neigte nicht zum Bewundern. Nur damals, als er ihren Gesang entdeckt hatte, war es ihr geglückt, eine lebhafte Bewegung in ihm zu wecken, aber nicht einmal da war seine Bewunderung zum Ausbruch gekommen. Sie empfand wohl, daß sie ihn interessierte, aber das Interesse schien anderer Art zu sein als das, was sie gewöhnlich erregte.

Sie grübelte darüber nach, als sie an einem der Fenster stand und hinausblickte, ohne eigentlich auf das acht zu geben, was sie sah. Was die anderen Leute an ihr fesselte, schien er zu übersehen. Es kam ihr vor, als dringe er bis in die tiefsten Tiefen ihres Herzens, um etwas zu finden. Sie hätte gern gewußt, was er da suchte. Und ob er es finden würde? – –

Ihre Grübeleien wurden durch Mutter Ols unterbrochen, die in das Zimmer guckte.

»Es schien mir, als hörte ich jemand hier gehen, und ich mußte sehen, wer das war,« erklärte die alte Frau.

»Ja, ich kam herauf, um mir die Zimmer anzusehen. Wie entzückend gemütlich es hier werden könnte! Warum werden sie nicht benutzt?«

»Erik liegt nichts daran, Möbel für alle anzuschaffen. Er braucht sie nicht.«

»Aber es ist doch schade, sie leer stehen zu lassen.«

Der Gedanke war Mutter Ols augenscheinlich nie gekommen.

»Man spart im Winter das Feuern darin und braucht sie nicht auszuräumen,« sagte sie.

»Sie könnten vermietet werden. Es würde eine entzückende Sommerwohnung sein. Denkt doch nur, wenn meine Mutter und ich einen anderen Sommer ohne gebrochene Beine hierher kämen! Könnten wir uns dann hier einmieten?«

Die alte Frau streichelte Helwigs Arm.

»Würdet Ihr Euch hier heimisch fühlen können? Ich bin sehr bange, daß Ihr Euch hier langweilt. Ihr seid so jung, und hier ist es so einförmig.«

Helwig streichelte die alte Frau auch.

»Ich fühle mich so sehr wohl hier. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je irgendwo besser befunden hätte,« versicherte sie.

Mutter Ols strahlte vor Befriedigung. Sie war entzückt von dem jungen Mädchen, und es fiel ihr nicht im Traume ein, sich an dessen unbewußt herablassender Freundlichkeit zu stoßen.

»Sagt, Mutter Ols, wer ist Mons' Mutter?«

Das Gesicht der alten Frau veränderte sich. Es war klar, daß die Frage ihr unangenehm war.

»Ein Mädchen hier aus Skalunga. Sie ist jetzt in Amerika.«

»Und der Vater sitzt im Gefängnis?«

»Ja, das tut er. Wie wißt Ihr etwas von der Geschichte?«

»Der Pastor hat mit mir davon gesprochen.«

»Hat Erik das getan?«

Das wunderte die alte Frau. Sie selbst trug Bedenken, über so eine unheimliche und häßliche Geschichte mit einer jungen Dame zu sprechen, die doch gewiß nichts Derartiges kannte, und dann sollte Erik es getan haben! Aber da er es getan hatte, mußte es natürlich richtig sein – und dann könnte sie es ebensogut tun, meinte sie.

»Der Pastor hat nicht viel gesagt. Wollt Ihr mir nicht die ganze Geschichte erzählen, Mutter Ols?«

Das tat die Alte denn auch.

»Das schlimmste ist,« schloß sie, »daß der schlechte Kerl geschworen hat, sich an Erik zu rächen. Wenn er dabei bleibt, wird es gefährlich, wenn er herauskommt.«

»Vielleicht hat er seine Drohung vergessen oder ist im Gefängnis anders geworden,« bemerkte Helwig.

»Man muß es hoffen; aber er sah nicht aus wie einer, der vergißt. Es war ein unheimlicher Kerl.«

»Ist Mons ihm ähnlich?«

»Das feuerrote Haar hat er vom Vater.«

»Vielleicht viel anderes Häßliches auch. Findet Ihr nicht, Mutter Ols, daß es unangenehm ist, ihn im Haus zu haben?«

»Erik will sich seiner annehmen, und da darf man ihn nicht hindern.«

»Es kann doch nicht eines Pastors Pflicht sein, sich aller verlassenen Kinder anzunehmen!«

»Nicht aller, aber derjenigen, die ihm in den Weg kommen.«

»Sagt, Mutter Ols,« sprach sie, zu einem anderen Gegenstand übergehend, »es steht wohl nichts im Wege, daß ich mitunter hier oben sitze und male? Ich hätte Lust, die Aussicht von dem Fenster zu malen.«

»Das hat keine Schwierigkeit. Ich will Anna hier scheuern lassen, damit es etwas gemütlicher wird.«

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