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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12.

An dem Tage aß Helwig nicht in der Küche, sondern drin bei ihrer Mutter. Sie wich Ols aus, der sie gewähren ließ; aber in seinem Innern reifte das, was er ihr sagen wollte, wenn sie sich wieder träfen. Und das sollte bald geschehen, das heißt, wie man's nimmt. Denn wie ein Tag für den, der leidet, unendlich lang sein kann, so ist er kurz für den, der eine solche Wartezeit mit Arbeit ausfüllt, selbst wenn sich das Herz nach Aussprache und Aufklärung sehnt.

Der folgende Tag war Helwig unsagbar lang geworden. Sie war den ganzen Tag nicht ausgegangen. Dafür hatte sie sich der Mutter mehr gewidmet als je.

»Bist du des Essens in der Küche schon überdrüssig geworden?« fragte die Mutter verwundert.

»Selbst das kann mit der Zeit langweilig werden.«

»Arme Kleine! Es muß dir hier in der Einöde gewiß alles langweilig werden. Bist du heute nicht ganz wohl? Du hast gar nicht gesungen.«

»Es geht mir ganz gut.«

Die Mutter sah aber doch, daß Helwig etwas fehlte, wie sehr sich diese auch bemühte, es zu verbergen.

»Ich habe Pastor Larsson heute nicht gesehen,« sagte sie. »Ist er fort?«

»Das glaube ich nicht. Ich habe ihn auch nicht gesehen.«

»Habt ihr Meinungsverschiedenheiten gehabt?«

»Warum denkst du das?«

»Was hat er getan?«

»Ach, nichts! Nur, daß er tölpisch ist; das kann bis zu einem gewissen Grade unterhaltend sein, aber man kann dessen auch überdrüssig werden.«

»Hat er dich gekränkt?«

»Liebstes Mütterchen, frage doch nicht so viel! Wir gerieten aneinander über den unangenehmen kleinen Jungen, den er ins Haus genommen hat, und gegen den er ganz unbegreiflich schwach ist. Ich will, daß er ihn ein bißchen erzieht, aber das will er nicht.«

Helwig war zu stolz, um ihrer Mutter zu sagen, daß sie vor Mons hatte weichen müssen. Daß sie sogar weniger Macht über des Pastors Herz hatte als der unbeholfene kleine Junge, schmeckte ihrer Eigenliebe gar nicht. Es war ihr bitter wie Galle. Verzogen wie sie war, fand sie einen solchen Zwischenfall unerhört. Das konnte sie nicht verschmerzen und es entstand ein rasender Aufruhr in ihr.

»Du siehst heute ganz blaß aus und bist den ganzen Tag nicht draußen gewesen,« sagte die Mutter besorgt. »Du mußt vor Abend etwas ausgehen, sonst schläfst du heute nacht nicht.«

Helwig hatte zwar keine Lust, ging aber doch aus, hauptsächlich, um weiteren Fragen zu entgehen; denn sie merkte, daß ihre Antworten die Mutter nicht befriedigten, die den wahren Grund ihrer Verstimmung ahnte.

Ols Erik saß in seiner Stube und sah Helwig nach der Skalungahöhe hinaufsteigen. Er ließ sie ein Stück Wegs vorausgehen, dann folgte er ihr.

Sie hörte ihn kommen und wandte sich steif und gleichgültig um. Wenn sie wollte, konnte sie etwas sehr Vornehmes in ihr Wesen legen. Ohne ein Wort ließ sie ihn empfinden, daß er hier überflüssig sei.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen,« sagte er als Antwort auf ihr Schweigen.

Er stand jetzt neben ihr. Der Aufstieg mochte ihnen beiden wohl beschwerlich geworden sein heute abend; denn sie atmeten schnell.

»Ich möchte über Mons mit Ihnen sprechen,« ergänzte er.

»Sie sind unbegreiflich schwach gegen den unangenehmen Burschen,« sagte sie kalt und ging weiter.

Er antwortete nicht, blieb aber an ihrer Seite.

»Sie tragen nicht einmal Bedenken, seinetwegen unhöflich zu werden,« fügte sie in demselben kalten, vornehmen Ton hinzu.

Sie wollte ihn glauben lassen, daß seine Handlungsweise sie nicht verletzte, sondern nur ihre Verachtung hervorrief.

Er schwieg beharrlich, denn er grübelte darüber, wieviel er von Mons' Ursprung dem jungen, feinen und behüteten Mädchen enthüllen dürfe. Sie war wohl nie mit solch unreinen Sünden, wie die, aus der Mons hervorgegangen war, in Berührung gekommen.

Auf dem Gipfel der Skalungahöhe blieb Helwig stehen und blickte über die in ihrem erhabenen Ernst beklemmend wirkende Waldlandschaft. Die Sonne ging hinter einer Wolke unter und es begann zu dunkeln.

»Nun, was haben Sie mir über Mons zu sagen?«

Ihr Ton war der einer Königin, die ungern Audienz erteilt.

»Sie mögen ihn nicht?«

»Nein,« antwortete sie mit Nachdruck, »und ich glaube, Sie sind der einzige, der ihn mag.«

»Und das ärgert Sie?«

Sie hatte das unangenehme Gefühl, daß er durch seine ruhigen Fragen irgendwie ihre Spitzen gegen sie selbst richtete, sowie auch, daß ihre vornehme Kühle die Wirkung auf ihn verfehlte. Anscheinend machte sie nicht den geringsten Eindruck auf ihn.

»Man kann ja jetzt nie mehr mit Ihnen zusammen sein, ohne den Bengel mit in Kauf zu nehmen. Er hängt wie eine Klette an Ihnen.«

»Er hält sich zu mir, und wie könnte ich ihn dann von mir stoßen?«

»Warum konnte Mutter Britta ihn nicht behalten?«

»Sie konnte ihn nicht lieb gewinnen. Und ihr Mann verstand nicht, mit ihm umzugehen.«

»Das wundert mich nicht. Ich habe nie ein unangenehmeres Kind gesehen.«

»Mutter Britta hat eigene Kinder, und fürchtete, daß sein Einfluß ihnen schaden könnte. Hier gibt es keine Kinder, denen er schaden kann.«

»Sie geben also zu, daß sich Schlechtes in Ihrem Liebling findet?«

»Wenn sein Aussehen wahr spricht, so findet sich viel Schlechtes in ihm, obgleich ich nicht wüßte, daß er bisher etwas Schlechtes getan hätte.«

»In dem Kinde nähren Sie eine Schlange an Ihrem Busen.«

»Das hoffe ich nicht.«

Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens fügte Ols hinzu:

»Mons ist ein Kind der Gewalttätigkeit und der Verzweiflung, und die Herkunft hat ihm ihren Stempel aufgedrückt.«

Er begegnete Helwigs schnellem und plötzlich interessiertem Blick nicht, sondern sah beharrlich auf die fernen Höhen.

»Ich will sehen, ob die Liebe so etwas überwinden kann,« fügte er hinzu.

Obgleich seine vorige Äußerung sie neugierig gemacht hatte, hielt sie ein unbestimmtes Gefühl davon ab, nach Einzelheiten zu fragen. Dafür ging sie auf seine letzte Bemerkung ein.

»Haben Sie das Kind wirklich lieb?«

»Ich vermag es wenigstens in Christi Namen aufzunehmen.«

»Ist das Liebe?«

»Das glaube ich wohl, wenn es auch nicht die natürliche Liebe ist. Die hat ihn im Stich gelassen. Seine arme Mutter wollte ihn überhaupt nicht sehen, und sein Vater ist als Verbrecher im Gefängnis.«

»Kannten Sie die beiden?«

»Die Mutter kannte ich. Dem Vater stand ich als Zeuge gegenüber, als ich ihn dem Gericht überlieferte.«

Helwig war voller Fragen, wagte aber nicht, sie zu äußern. Der Gegenstand war zu heikel.

Ols fand, daß er jetzt genug gesagt hatte. Wieviel sie von dem Gesagten verstanden hatte, hing davon ab, wieviel sie von dem Bösen in der Welt wußte.

»Ist es mir geglückt, Ihnen ein besseres Gefühl für den armen Mons einzuflößen?«

Sie fühlte, daß er das mit seiner Mitteilung beabsichtigte; aber die Wirkung war eine andere. Mons war für sie immer noch der kleine unsympathische Bursche, der Pastor aber, der sich seiner mit übernatürlicher Liebe annahm, um ihm die natürliche zu ersetzen, stand vor ihr als ein echtes Glied des Priesterstandes, dessen Hoherpriester mit seinem eigenen Blut die Selbstlosigkeit seiner Liebe besiegelt hatte. Frei von aller Selbstüberhebung stand in dem Augenblick der einfache Mann aus dem Bauernstand so hoch vor ihren Augen wie keiner je zuvor. Ihr war, als höre sie seinen starken Herzschlag im Takt mit dem Herzen, das einst aus Liebe für die Verlorenen brach. Die Empfindung war stark, aber leider nur vorübergehend, denn sie wurde plötzlich wieder von dem eiskalten Blick der Kritik verdrängt. Bis zu einem gewissen Grade trotzte sie aber doch diesem ihren Tyrannen, gestärkt durch die Macht des Mannes, der neben ihr stand.

»Ich will Ihr Liebeswerk gegen ihn nicht mehr erschweren,« sagte sie mit ungewohnter Nachgiebigkeit. »Ich werde Sie nicht wieder bitten, ihn hinauszuschicken.«

Sie sagte nicht, daß sie das Versprechen um des Pastors und nicht um des Knaben willen gab.

Er war dankbar für ihr Zugeständnis. Es war ein Sieg. –

Mit leicht gesenktem Kopf stand sie da, und er musterte das gerade, feine Profil mit dem nachdenklichen Ausdruck. Es war ein Trumpf, daß es ihm geglückt war, die milde und weich zu stimmen, die von Natur weder milde noch weich war. Helwig hatte etwas sehr Bezauberndes an sich, aber ihr Reiz war nicht der weiblicher Weichheit. Ihr schmächtiges Gesicht erinnerte an das eines Jünglings; ihr Ausdruck verriet mehr Intelligenz als Herz, mehr ironische Überlegenheit als Hingebungsfähigkeit. Er hatte das Gefühl, daß sie im Grunde männlichen Gerechtigkeitssinn besaß, wie weiblich unvernünftig sie auch manchmal erscheinen konnte. Und nun war es ihm geglückt, diesen Sinn in ihr zu wecken, und er meinte, dem habe er seinen Sieg über ihren unvernünftigen Widerwillen gegen Mons zu verdanken, ohne im entferntesten die wirkliche Ursache des Sieges zu erraten.

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