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Das Pfarrhaus von Skalunga

Elsa Beskow: Das Pfarrhaus von Skalunga - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenovelette
authorElsa Beskow
titleDas Pfarrhaus von Skalunga
publisherAgentur des Rauhen Hauses
printrunSechstes bis achtes Tausend
year1926
firstpub1922
translatorM. E. Fischer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11.

So oft Helwig am Klavier sang, kam Ols herein, wenn er zu Hause war und Zeit hatte; verhinderte ihn aber seine Beschäftigung daran, sein Zimmer zu verlassen, so öffnete er wenigstens die Türen, um sie zu hören.

Sie merkte es mit Befriedigung. Es war hier mehr Feuer und Leben in ihr Spiel und in ihren Gesang gekommen, und sie begeisterte sich mehr als je für die Musik, denn diese, und bisher nur diese, verlieh ihr Macht über die selten starke Persönlichkeit, durch die sie je länger, desto mehr gefesselt wurde.

Aber eines Tages bekam sie den Beweis, daß die neuerworbene Macht über ihn sich nicht so weit erstreckte, um auf seine Handlungen einzuwirken.

Der kleine rothaarige Mons, der mit seiner Pflegemutter in der Küche saß, als Helwig das erstemal dort aß, war für immer ins Pastorat aufgenommen.

»Das ginge wohl noch an,« dachte Helwig, konnte sich aber nicht ohne Widerspruch dareinfinden, daß er jedesmal mitkam, wenn der Pastor und sie zusammen sangen.

Wenn der Junge sich wenigstens damit begnügt hätte, in einer Ecke zu sitzen; aber nein, er mußte dicht neben dem Pflegevater stehen. Und sein kleines, unsympathisches Affengesicht mit dem beständigen Blinzeln störte Helwig. Es schien, als könnte er die Augen nicht drei Sekunden offenhalten.

Es war etwas Unangenehmes an dem Jungen. Er machte einen scheuen und tückischen Eindruck. Der einzige, zu dem er Zuneigung hatte, war Erik und allenfalls auch dessen Mutter. Bei ihnen schien er Schutz gegen alle anderen zu suchen. Besonders dem Pastor folgte er überall auf den Fersen wie ein Hund. Helwig begriff nicht, wie der Pastor es ertrug, den Jungen beständig hinter sich zu haben; er schickte ihn nur ausnahmsweise fort und auch dann augenscheinlich nur ungern.

»Schicken Sie den Jungen hinaus!« sagte Helwig eines Tages, als der Pastor bei ihr am Klavier stand, um zu singen, und Mons neben sich hatte.

»Lassen Sie ihn doch bleiben!« antwortete Ols schnell und abwehrend.

»Er stört mich!« beharrte Helwig.

Statt zu antworten, schob Ols Erik den Knaben hinter sich, so daß Helwig ihn nicht mehr sehen konnte.

Sein Widerstand gegen ihren deutlich ausgesprochenen Wunsch empörte sie, und es trieb sie dazu, ihre Macht ernstlich zu erproben.

»Entweder er geht, oder ich verlasse das Zimmer,« sagte sie mit festem Blick.

Ihr war, als verhärte sich sein Gesicht zu Stein. Er begegnete ihrem Blick mit einem nicht weniger festen.

»Gönnen Sie es ihm nicht, hier zu sein?«

»Er hat es gewiß ebensogut in der Küche.«

Ob mit Absicht oder nicht, Ols hatte gleich bei ihren ersten Worten seine Hand auf Mons' Ohr gelegt und den Kopf gegen sein Bein gedrückt, so daß der Knabe nicht gut hören konnte. Auch hatte er mit so leiser Stimme geantwortet, daß Helwig ihn kaum verstehen konnte und unwillkürlich auch ihre Stimme senkte. Der Knabe aber, der auf diese Weise geschont werden sollte, hatte sich losgewunden, um seine Ohren frei zu machen und zu horchen.

Helwig sagte nichts weiter, sondern stand nur auf mit einer herausfordernden Frage in ihren Augen. Sie zögerte einige Augenblicke, um ihm Zeit zu lassen, ihrem Wunsch nachzukommen und den Jungen hinauszuschicken. Da er aber keine Miene machte, das zu tun, ging sie wie eine beleidigte Königin hinaus.

Ols blieb stehen und sah ihr nach, aber dann wandte er seinen Blick auf den Knaben, der noch an sein Bein gelehnt dastand und nun mit seinen scheuen, blinzelnden Augen zu ihm aufsah.

Sah er recht, oder war es Einbildung, daß er in dem nichts weniger als unschuldigen Kinderblick einen Schimmer von Schadenfreude zu sehen glaubte?

Er strich leicht mit der Hand über des Knaben Augen, so daß sie sich schließen mußten. Eine breite, kräftige Hand war es, die das Kind berührte, und obgleich ein fester Wille und eine gewisse Mißbilligung herauszufühlen war, so lag doch in der Berührung mitfühlende Behutsamkeit.

Das Innere dieses Mannes war groß veranlagt. In der Tiefe seiner Brust fanden sich klare Quellen, und er hatte ein liebendes Herz, das den Gefangenen gegenüber weich werden und sie frei machen konnte.

»Soll ich dir etwas vorsingen, Mons?« sagte er mehr zu sich selbst als zum Knaben.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er vom Klavier, neben dem er stand, zur Orgel. Der Kleine folgte ihm.

Ols setzte sich, und, seine kräftige Stimme dämpfend, fing er an zu singen, indem er Mons von Zeit zu Zeit anblickte, als wollte er etwas von der ewigen Wahrheit in das dunkle Bewußtsein des Knaben hineinsingen:

»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen!
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
Und meiner Bitt es öffne;
Denn so du willst das sehen an,
Was Sünd und Unrecht ist getan,
Wer kann, Herr, vor dir bleiben?«

Während er das sang, wurde seine Stimme immer ausdrucksvoller; denn er sang dem Kind sein eigenes Leid vor.

»Bei dir gilt nichts, denn Gnad und Gunst,
Die Sünde zu vergeben;
Es ist doch unser Tun umsonst,
Auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann,
Des muß dich fürchten jedermann
Und deiner Gnade leben.«

Aus dem Innern seines Herzens kam der beredte Ausdruck seines Gesanges. Es läßt sich nicht sagen, wieviel Mons von den Worten verstand; aber er hörte aufmerksam zu. Des Pflegevaters Blick hielt ihn gefesselt.

»Darum auf Gott will hoffen ich,
Auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
Und seiner Güte trauen,
Die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort,
Des will ich allzeit harren.«

Nun war Ols die Melodie so geläufig, daß er seine Augen ganz auf Mons richten konnte, und den nächsten Vers sang er ihm mit besonderer Betonung vor.

»Und ob es währt bis in die Nacht
Und wieder an den Morgen,
Doch soll mein Herz an Gottes Macht
Verzweifeln nicht noch sorgen.
So tu Israel rechter Art,
Der aus dem Geist erzeuget ward,
Und seines Gotts erharre.«

Es lag wahres, tiefes Gefühl in der gedämpften Männerstimme, und eine doppelte Liebe darin, sowohl die Liebe zu dem, von dem er sang, als zu dem Kind, dem er vorsang.

»Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnade;
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schade.
Er ist allein der gute Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen.«

Wieviel mochte des Kindes Seele, gefangen in einer angeboren schlechten Natur, von den erlösenden Worten der ewigen Liebe wohl fassen? Das konnte niemand wissen; aber der Pflegevater, der sie dem Kinde vorsang, dachte: Kann ich die Lieblosigkeit nicht zum Schweigen bringen, so kann ich ihn doch wenigstens etwas von der Liebe hören lassen.

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