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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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6. Die Aschenkatze

Wie die Bildsäulen saßen die Anwesenden da bei Anhörung des Märchens vom Flohe und erklärten sämtlich den König Dummbart für einen großen Esel, weil er sein eigen Fleisch und Blut sowie die Erbfolge seines Staates um einer solchen Kleinigkeit willen in so große Gefahr gestürzt. Nachdem sie jedoch alle ihren Redestrom gehemmt hatten, ließ Antonella den ihren auf folgende Weise laufen. In dem Meer der Bosheit ist der Neid oft sehr schlimm angekommen, und statt einen andern ertrinken zu sehen, stürzt er entweder selbst ins Wasser oder scheitert an einer Klippe; wie es auch gewissen Mädchen erging, von denen ich euch im Begriff bin zu erzählen.

Es war nämlich einmal ein Prinz, welcher seine Frau durch den Tod verloren hatte, seine Tochter aber so herzinniglich liebte, daß er nur mit ihren Augen zu sehen pflegte. Für diese nun hielt er eine Hofmeisterin, welche sie alle möglichen Spiele und Possen lehrte und ihr soviel Zuneigung bewies, daß man es mit Worten gar nicht sagen kann. Da aber ihr Vater sich wieder verheiratete und eine verteufelt böse Sieben zur Frau nahm, so fing dieses verwünschte Weib an, ihrer Stieftochter herzlich gram zu werden und ihr so saure Mienen, schiefe Gesichter und grimmige Augen zu machen, daß das arme Kind vor Schreck ganz außer sich geriet und sich stets bei ihrer Hofmeisterin über die schlechte Behandlung, die ihr von der Stiefmutter widerfuhr, bitter beklagte und sagte: »Ach, lieber Himmel, hättest du denn nicht meine Mutter sein können, die du mich immer mit so vielen Schmeicheleien und Liebkosungen überhäufst?« So oft nun wiederholte sie diese Reden, bis die Hofmeisterin sich dieselben zu Herzen nahm und, vom Teufel geblendet, einmal zu ihr sagte: ,,Wenn du meinem einfältigen Rat folgen willst, so will ich dein Mütterchen sein und dich liebhaben wie meinen Augapfel.« Sie wollte noch weiter fortfahren, als Lukretia (denn so hieß die Prinzessin) einfiel: »Verzeihe mir, wenn ich dich unterbreche, jedoch weiß ich, daß du mich liebst, darum husch und kein Wort weiter, vielmehr lehr mich nur das Mittel, wie ich mir helfen kann, schreibe du, und ich will unterzeichnen.« – »Nun wohlan«, erwiderte die Hofmeisterin, »gib wohl acht und tu die Ohren auf, und dein Wunsch wird erfüllt sein, du wirst selbst nicht wissen wie! Wenn Papa ausgeht, so sage zur Mutter, du wünschest eines von den alten Kleidern zu haben, die sich in der Hinterstube in dem großen Kasten befinden, damit du das, welches du trägst, schonen könnest. Da sie dich nun gern in lauter Lumpen und Fetzen gehüllt sehen möchte, so wird sie auch sogleich den Kasten öffnen und sagen: ›Halte den Deckel!‹ Du aber schlage ihn, während sie darin herumsucht, unvermutet zu und brich ihr auf diese Weise das Genick. Wenn nur erst dies geschehen ist, so weißt du wohl, daß dein Vater dir zuliebe das Blaue vom Himmel holen würde, wenn er könnte; daher bitte ihn, wenn er dich liebkost, daß er mich heirate; denn dann freue dich, du sollst immer die Gebieterin meines Lebens sein.«

Sobald Lukretia dies hörte, schien ihr jede Stunde tausend Jahre zu dauern, bis sie den Rat der Hofmeisterin vollständig ins Werk gesetzt, worauf sie nach der gehörigen Trauerzeit um die Stiefmutter in den Vater zu dringen begann, daß er sich doch mit der Hofmeisterin verheiraten möchte. Anfangs nun scherzte der Prinz darüber, das Töchterlein jedoch schoß so lange bei dem Ziele vorbei, bis sie es endlich traf; denn er gab zuletzt den Bitten Lukretias nach und veranstaltete bei seiner Verheiratung mit Carmosina (so hieß die Hofmeisterin) ein großes Hochzeitsfest.

Während aber das junge Volk beim Tanze war und Lukretia zufällig auf einem Balkon stand, kam ein Täubchen herbeigeflogen, setzte sich auf eine Mauer und sprach zu ihr: »Wenn du nach irgend etwas Verlangen haben solltest, so lasse es nur die Feentaube auf der Insel Sardinien wissen; denn dann wirst du es gleich bekommen.«

Fünf bis sechs Tage lang nun überhäufte die neue Stiefmutter Lukretia mit Liebkosungen, indem sie dieselbe bei Tische an den besten Platz setzte, ihr die besten Bissen zukommen ließ und die besten Kleider anzuziehen gab.

Kaum jedoch war die erste Zeit vorüber, so vergaß und verbannte sie gänzlich jede Dankbarkeit für den empfangenen Dienst (wehe dem, der einen schlimmen Herrn hat!), fing an, ihre Töchter, die sie bis dahin verborgen gehalten, hervorzuziehen, und brachte es bei ihrem Manne so weit, daß er die Stieftöchter liebgewann und sein eigenes Kind ganz und gar hintansetzte, so daß Lukretia, immer mehr und mehr vernachlässigt und immer tiefer sinkend, am Ende aus den Staatszimmern in die Küche, von dem Thronhimmel an den Herd, von den seidenen und goldenen Prachtgewändern zu dem Scheuerwisch und von dem Zepter zum Bratspieß kam und nicht nur den Stand, sondern auch den Namen änderte, da sie nicht mehr Lukretia, sondern Aschenkatze genannt wurde. Es ereignete sich nun einmal, daß der Prinz, ihr Vater, in Staatsangelegenheiten nach Sardinien reisen mußte und von den Stieftöchtern, welche Imperia, Calamita, Sciorella, Diamante, Colommina und Cascarella hießen, jede einzeln fragte, was er ihnen von der Reise mitbringen solle; worauf die eine sich prächtige Kleider wünschte, die andere schönen Kopfschmuck, die dritte Schminke, die vierte Spielwerk zum Zeitvertreib, kurzum die eine das, die andere jenes. Zuletzt sagte er, gleichsam wie zum Spott, zu seiner Tochter: »Und was möchtest du denn gern haben?«, worauf sie erwiderte: »Nichts anderes, als daß du die Feentaube von mir grüßest und ihr sagest, sie solle mir doch etwas schicken, und daß, wenn du dies vergessest, du dich nicht mögest vom Flecke rühren können. Vergiß nicht, was ich dir sage; denn wie du tun wirst, so wird's dir gehen.«

Der Prinz reiste darauf ab, verrichtete seine Geschäfte in Sardinien, kaufte alles ein, was die Stieftöchter sich gewünscht hatten, aber Lukretia vergaß er gänzlich. Sobald er sich indes eingeschifft hatte und in See gehen wollte, konnte man das Fahrzeug auf keine Weise aus dem Hafen bringen, so daß es schien, als würde es von einem Saugefisch zurückgehalten. Der Patron des Schiffes, der fast in Verzweiflung geriet, legte sich ganz ermattet schlafen und sah im Traum eine Fee, welche zu ihm sagte: »Weißt du auch, warum das Schiff nicht aus dem Hafen kann? Weil der Prinz, den du an Bord hast, seiner Tochter sein Versprechen gebrochen und sich aller andern, nur nicht seines eigenen Blutes erinnert hat.« Alsobald erwachte der Patron und erzählte seinen Traum dem Prinzen, welcher ganz beschämt über den Bruch des Versprechens, das er geleistet, sich nach der Feengrotte begab und den Gruß seiner Tochter ausrichtend, hinzufügte, man möchte ihr doch etwas schicken, worauf unversehens eine wunderschöne Jungfrau aus der Höhle hervortrat, welche zu ihm sagte, daß sie seiner Tochter für das freundliche Angedenken, in welchem diese sie hielte, bestens danke und sie bitte, sie solle nur ihr zuliebe immer froh und fröhlich sein. Zugleich auch gab sie ihm einen Dattelzweig, eine Haue, einen kleinen Eimer, alles von Gold, und ein seidenes Handtuch, indem sie bemerkte, das eine wäre zum Behacken und das andere zum Begießen des Zweiges.

Der Prinz nahm hierauf, ganz verwundert über das Geschenk, von der Fee Abschied, kehrte nach Hause zurück, und nachdem er unter die Stieftöchter die gewünschten Sachen ausgeteilt, gab er zuletzt auch seiner Tochter die von der Fee erhaltenen Geschenke. Diese war vor Freude ganz außer sich, pflanzte den Dattelzweig in einen schönen Blumentopf, pflegte und behackte ihn und trocknete ihn mit dem seidenen Handtuch morgens und abends, so daß er schon nach vier Tagen bis zur Höhe einer Frau emporgewachsen war und eine Fee aus demselben hervortrat, welche Lukretia fragte: »Was wünschest du dir?«, worauf diese antwortete, daß sie gern manchmal ohne Wissen ihrer Schwestern aus dem Hause gehen möchte. »So komme denn«, erwiderte die Fee, »jedesmal, wenn du diesen Wunsch hegst, an den Blumentopf und sprich:

›O Dattelbaum, du goldene Gabe,
den stets ich mit goldenem Spaten umgrabe,
mit Wasser aus goldenem Eimerchen labe.
Mit seidenem Handtuch getrocknet habe,
jetzt zieh du dich aus
und mich putz heraus.‹

Wenn du dich aber ausziehen willst, so ändere die letzten Verse und sage:

›Zieh mich doch jetzt aus
und dich putz heraus.«

Sobald daher der nächste Festtag erschienen und die Töchter der ehemaligen Hofmeisterin ausgegangen waren, ganz geschniegelt und gebügelt, ganz schimmernd und flimmernd, ganz Bänder und Gewänder und befalbelte Ränder, während Blumen und Düfte parfümierten die Lüfte, und tausend von Dingen sie noch umfingen, eilte Lukretia rasch zu dem Blumentopf, und nachdem sie die ihr von der Fee gelehrten Worte ausgesprochen, sah sie sich plötzlich wie eine Königin ausgeschmückt und auf einem Zelter sitzend, dem zwölf schmucke, zierliche Pagen folgten, worauf sie sich eben dahin begab, wohin ihre Schwestern gegangen waren, denen beim Anblick der Schönheit dieses holden Täubchens förmlich der Mund wässerte vor Verlangen, so auszusehen wie sie. Der Zufall fügte es nun aber so, daß sich in derselben Gesellschaft gerade der König jenes Landes befand, welcher von der ungemeinen Schönheit Lukretias beim ersten Blick bezaubert, einem vertrauten Diener auftrug, daß er zusehen solle, wie er über diese fremde Jungfrau etwas Näheres erfahren könne, wer sie nämlich wäre und woher sie käme. Der Diener ging ihr nun zwar sogleich auf dem Fuße nach; Lukretia aber, welche den Späher bemerkte, warf eine Handvoll Goldtaler, welche sie sich von dem Dattelbaum zu diesem Behuf hatte geben lassen, hinter sich. Jener steckte sich sogleich die Laterne an und vergaß dem Zelter zu folgen, um sich lieber die Hände mit Goldfüchsen zu füllen, worauf Lukretia in aller Geschwindigkeit in ihr Haus trat und daselbst, wie die Fee sie gelehrt, sich auskleidete. Bald darauf kamen auch ihre Hexen von Schwestern heim und erzählten ihr, um sie zu ärgern, von den tausend hübschen Sachen, die sie gesehen.

Inzwischen kehrte der Diener zu dem König zurück und teilte ihm mit, wie es sich mit den Goldtalern zugetragen hatte, worauf dieser in einen heftigen Zorn geriet, den Diener schmähte, daß er um ein paar lumpiger Dreier willen den Wunsch seines Herrn unerfüllt gelassen, und ihm scharf ansagte, daß er am nächsten Feste sich ja jede erdenkliche Mühe geben solle, zu erfahren, wer jene schöne Jungfrau wäre und wo jener seltene Vogel sein Nest habe.

Das nächste Fest erschien, und die Schwestern, im vollsten Staat das Haus verlassend, ließen Lukretia am Herde zurück, diese jedoch lief sogleich zu dem Dattelbaum, und nachdem sie die bewußten Worte gesagt, traten aus demselben mit einemmal eine Anzahl Zofen, die eine mit einem Spiegel, die andere mit einem Fläschchen Kürbiswasser, eine dritte mit einem Brenneisen, eine vierte mit einem Schminktöpfchen, eine fünfte mit einem Kamm, eine sechste mit Nadeln, eine siebente mit den Kleidern und wieder eine andere mit den Brust- und Halsketten, und nachdem sie Lukretia so glänzend geschmückt hatten, daß sie leuchtete wie eine Sonne, setzten sie sie in eine sechsspännige Karosse, welche von Lakaien und Pagen in voller Livree begleitet wurde. Nachdem sie nun an demselben Ort, wo sie am vorhergehenden Feste gewesen, angelangt war, vergrößerte sie das Staunen in dem Herzen der Schwestern und das Feuer in der Brust des Königs. Sobald sie sich wieder fortbegeben hatte und bemerkte, daß der Diener des Königs ihr nachging, warf sie, um von diesem nicht ausgespäht zu werden, eine Handvoll Perlen und Edelsteine hinter sich, welche jener wackere Mann für gar nicht zu verachten hielt, so daß er zurückblieb, um sie aufzuklauben, und Lukretia Zeit gewann, unbemerkt nach Hause zu gelangen und sich auf gewöhnliche Weise zu entkleiden. Nach langer, langer Zeit erst kehrte der Diener zu dem König zurück, welcher ihn auf folgende Weise anfuhr: »So wahr ich lebe, wenn du mir diese Jungfrau nicht ausfindig machst, so kriegst du eine derbe Tracht Prügel und so viele Fußtritte in den Hintern, wie du Haare in deinem Barte hast.« Das nächste Fest erschien, die Schwestern gingen wieder aus, und Lukretia trat vor den Dattelbaum, worauf sie nach Wiederholung des Zauberspruches auf das prächtigste angekleidet und alsdann in einen goldenen Wagen gebracht wurde, den so viele Diener umringten, daß der ganze Aufzug dem eines auf einem öffentlichen Spaziergange arretierten, von Bütteln umringten Freudenmädchens glich. Nachdem sie nun bei ihren Schwestern den gewöhnlichen Neid erweckt hatte, begab sie sich wieder fort, von dem Diener des Königs begleitet, der sich wie mit doppeltem Zwirn an ihren Wagen annähte. Als sie nun sah, daß er immer hinter ihr her kam, so rief sie: »Fahr zu, Kutscher«, worauf der Wagen mit solcher Schnelligkeit davonjagte und ihre Eile so groß war, daß ihr ein Pantoffel entfiel, und zwar einer der niedlichsten, die man je gesehen. Da nun der Diener den dahinfliegenden Wagen nicht erreichen konnte, hob er den Pantoffel von der Erde auf und brachte ihn dem Könige, indem er ihm zugleich erzählte, wie es ihm ergangen war. Der König nahm den Pantoffel in die Hand und sprach: »Wenn der Grundbau so schön ist, wie wird erst das Haus aussehen? O schöner Leuchter, auf dem sich das Licht befand, das mich entzündet; o Dreifuß des schönen Kessels, in dem das Leben siedet; o du schöner Kork, befestigt an die Angelschnur Amors, mit der er meine Seele gefangen hat, sieh, hier umarme ich dich und drücke dich an mein Herz, und wenn ich auch den Baum nicht erreichen kann, so bete ich doch die Wurzeln an, wenn ich auch den Knauf nicht haben kann, so küsse ich doch das Fußgestell! Bisher warst du das Gefängnis eines weißen Fußes, jetzt bist du die Fessel eines unglücklichen Herzens; du erhöhtest um anderthalb Zoll die Tyrannei meines Lebens, und durch dich auch wächst um ebensoviel die Wonne meines Lebens, solang ich dich besitze und bewahre.« Nachdem er dies gesprochen, rief er seinen Sekretär, ließ einen Trompeter kommen und hierauf »Tatarata«, eine öffentliche Bekanntmachung ergehen, daß alle Frauen des Landes sich bei einem gewissen Feste und Bankett einfinden sollten, das er sich in den Kopf gesetzt, zu veranstalten. Als daher der bestimmte Tag erschien, o du, mein Himmel, was für ein Geschmause und Gejubel gab es da, woher kamen nur alle die Pasteten und Torten, woher die Braten und Fleischklöße, woher die Makronen und das Zuckerwerk? Denn sie waren in so großer Menge vorhanden, daß man ein vollständiges Heer damit hätte speisen können.

Sobald nun die Frauen alle angelangt waren, vornehme und geringe, reiche und arme, alte und junge, schöne und häßliche und sämtlich im besten Putz, und man erst tüchtig geschmaust hatte, probierte der König einer jeden der Eingeladenen, ohne auch nur eine zu übergehen, den Pantoffel an, um zu sehen, welcher er so gut und genau passe, daß er an der Form des Pantoffels das, was er suchte, zu erkennen vermöchte; er fand aber keinen passenden Fuß und war nahe daran, zu verzweifeln. Gleichwohl gebot er Stillschweigen und sprach: »Kommet morgen wieder und esset mit mir eine Suppe; doch bitte ich auch, daß ihr kein einziges Frauenzimmer zu Hause lasset und sei sie, wer sie wolle.« Hierauf sagte zu ihm der Prinz: »Ich habe zwar noch eine Tochter, allein sie steckt immer hinter dem Herde, und es fehlt ihr so gänzlich an aller Zierlichkeit der Gestalt und Sitten, daß sie es nicht verdient, an Eurem Tische zu essen.« – »Schon gut«, sagte der König, »gerade sie soll vor allen anderen kommen, denn so wünsche ich es.«

So nun schieden sie, und am darauffolgenden Tage fanden sich wiederum alle ein, und zugleich mit den Töchtern Carmosinas kam auch Lukretia. Kaum wurde diese von dem König erblickt, so schien sie ihm auch sogleich die zu sein, welche er suchte; jedoch hielt er seine Empfindungen fürs erste noch zurück. Nachdem aber die Kinnbackentätigkeit der Anwesenden ihr Ende gefunden, wurden wieder die Proben mit dem Pantoffel angestellt, und nicht sobald näherte letzterer sich Lukretias Fuß, als er gleich dem Eisen, welches auf den Magnet losfährt, von selbst an den Fuß dieses Herzblattes Amors fuhr. Kaum nahm dies der König wahr, so eilte er auf sie los, um ihr aus seinen Armen eine Presse zu machen, bat sie, sich unter dem Thronhimmel niederzulassen, und setzte ihr alsdann die Krone aufs Haupt, worauf alle Anwesenden vor ihr, als vor ihrer Königin, Knickse und Reverenzen zu machen anfingen. Als ihre Schwestern dies sahen, barsten sie fast vor Ärger, und da sie nicht gesonnen waren, dieses Herzleid länger mit anzusehen, schlichen sie sich ganz heimlich und still nach Hause, indem sie sich wider Willen gestehen mußten, daß:

In gar grosser Narrheit lebt,
wer den Sternen widerstrebt.

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