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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 54
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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9. Die drei Zitronen

Man kann es nicht durch Worte ausdrücken, wie sehr die Erzählung Paolas allen Zuhörern gefiel; da aber jetzt die Reihe an Ciommetella war, so winkte ihr der Prinz, worauf sie also begann:

Jener weise Mann hat fürwahr recht gehabt, der das sagte: »Sprich nicht alles, was du weißt, und tu nicht alles, was du kannst.« Denn beides bringt unbekannte Gefahren und unerwartetes Verderben, wie ihr von einer Mohrensklavin (mit Vergunst der Frau Prinzessin sei es gesagt) hören werdet, die einer armen Jungfrau alles mögliche Böse zufügen wollte und so übel dabei ankam, daß sie selbst über ihr Vergehen das Urteil sprach und sich selbst die verdiente Strafe zuerkannte. Es war einmal ein König von Langturm, der einen Sohn hatte, den er mehr liebte als sich selbst, auf den er all seine Hoffnung setzte und für den er lieber heut als morgen eine passende Gemahlin zu finden gewünscht hätte, um sich recht bald Großvater nennen zu hören. Der Prinz war jedoch dem Heiraten so feind und so eigensinnig, daß, wenn man zu ihm von Frauen redete, er den Kopf schüttelte und sich hundert Meilen weit wegwünschte, weswegen der arme Vater, da er die Unbeugsamkeit und Hartnäckigkeit seines Sohnes wahrnahm und das Verlöschen seines Stammes voraussah, so verdrießlich und traurig und so betrübt und niedergeschlagen war wie eine Hure, die ihren Kunden verloren hat, wie ein Kaufmann, dessen Handelsfreund bankerott geworden, und wie ein Bauer, dem der Esel gestorben ist; denn den Prinzen rührten weder die Tränen des Vaters, noch erweichten ihn die Bitten seiner Untertanen, noch machten ihn die Ratschläge wackerer Männer anderen Sinnes, die ihm den Wunsch dessen, der ihn gezeugt, das Bedürfnis des Volkes und seinen eigenen Vorteil vor Augen stellten, sowie daß er der letzte in der Reihe seiner königlichen Vorgänger wäre und daß er mit der Hartnäckigkeit eines stützigen Pferdes, mit dem Eigensinn eines alten Maulesels und mit der Dickfelligkeit eines Langohrs sich mit den Füßen festgestemmt, sich die Ohren verstopft und das Herz, das vielleicht noch verwundet werden könnte, mit einem undurchdringlichen Panzer bewehrt habe. Da sich nun aber oft in einer Stunde mehr als in hundert Jahren zu ereignen pflegt und man gar nicht sagen kann: »Dies will ich tun und jenes lassen«, so geschah es eines Tages, daß, während sich alle bei Tisch befanden und der Prinz einen frischen Käse durchschneiden wollte, dabei aber auf das Gespräch seiner Umgebung achtete, er sich unvorsichtigerweise in den Finger schnitt, so daß zwei große Tropfen Blutes auf den Käse fielen und eine so schöne, liebliche Farbenmischung hervorbrachten, daß der Prinz, sei es nun, daß der ihm auflauernde Amor ihn züchtigen oder daß der Himmel sich des wackeren Mannes, seines Vaters, erbarmen wollte, dem nichts so viel Hauskreuz machte wie sein Kreuzkopf von Sohn, daß der Prinz, sag' ich, es sich in den Kopf setzte, eine Frau für sich ausfindig zu machen, die gerade so weiß und rot wäre wie der von seinem Blut gefärbte Käse, und daher zum Vater sprach: »Wenn ich nicht ein Weib von solchem Aussehen bekomme, Herr Vater, so ist es mit mir vorbei. Nie hat mir eine Frau das Blut erhitzt, jetzt aber wünsche ich eine Frau, die wie mein eigenes Blut aussieht. Wenn du daher willst, daß ich am Leben bleibe, so mußt du mir erlauben, in der Welt umherzuziehen und eine Schönheit, die genau diesem Käse entspricht, aufzusuchen, sonst ist mein Lebenslauf beendet und ich kann mir meine Sohlen schmieren.« Kaum hatte der König diesen wahnsinnigen Entschluß vernommen, so dachte er, das Dach fiele ihm auf den Kopf. Er wechselte die Farbe, das Blut gerann ihm in den Adern, und als er endlich wieder zu sich kam und der Sprache mächtig wurde, rief er aus: »Mein geliebter Sohn, mein Herzblatt, mein Leben, Stütze meines Alters, bist du denn ganz von Sinnen? Hast du denn ganz den Verstand verloren? Du willst entweder nichts oder alles; denn erst mochtest du gar nicht heiraten und mir keinen Enkel schenken, und jetzt hast du ein Gelüst bekommen, daß ich darüber in die Grube fahren könnte. Warum willst du denn in der weiten Welt umherirren und dein Leben so nutzlos verbringen, dein Haus, deinen Herd, deine Heimat aber verlassen? Du weißt nicht, wie vielen Mühseligkeiten und Gefahren sich der aussetzt, der auf Reisen geht; darum schlag dir diese Grille aus dem Kopf und laß dir raten; denn sonst ist's mit meinem Leben vorbei, unser Haus stürzt zusammen, und die ganze Wirtschaft geht zugrunde.« Aber diese und noch viele andere Worte gingen dem Prinzen zu einem Ohr hinein und zum andern hinaus und waren alle in den Wind gesprochen, so daß der arme König, der sah, daß er den Sinn seines Sohnes nicht beugen konnte, ihm endlich einen großen Sack mit Geld nebst einigen Dienern gab und von ihm Abschied nahm, wobei es ihm dünkte, als würde ihm das Herz aus dem Leibe gerissen; hierauf trat er, bitterlich weinend, in einen Erker und verfolgte den Prinzen so lange mit seinen Blicken, bis er ihn aus den Augen verloren hatte.

Als dieser aber von dem schwerbetrübten Vater geschieden war, fing er an, durch Wälder und Felder, durch Schluchten und Ebenen, über Berg und Tal immer darauflos zu reiten, viele Länder zu durchziehen und mit mancherlei Leuten umzugehen, dabei aber auch immer die Augen offenzuhalten, ob er das Ziel seiner Wünsche irgendwo finden könnte, bis er nach Verlauf von vier Monaten in Frankreich an die Seeküste gelangte, wo er alle Diener wegen ihrer wunden Füße in einem Hospital zurückließ, sich selbst aber an Bord eines genuesischen Fahrzeuges einschiffte und nach der Meerenge von Gibraltar begab. Dort bestieg er ein größeres Schiff und nahm seinen Weg nach Indien, indem er immer ein Reich nach dem andern, eine Provinz nach der andern, eine Stadt nach der andern, eine Straße nach der andern, ein Haus nach dem andern, einen Winkel nach dem andern durchsuchte, um zu sehen, ob er vielleicht das genaue Original zu jenem Bilde, das er im Herzen trug, finden könnte. So lange rührte er die Beine und trieb sich so lange umher, bis er bei der Hexeninsel anlangte. Als er dort vor Anker gegangen und ans Land gestiegen war, fand er eine ganz alte, zusammengeschrumpfte, häßliche Frau, der er die Veranlassung, die ihn dorthin gebracht, erzählte. Die Alte geriet vor Erstaunen ganz außer sich, als sie den sonderbar grillenhaften Einfall des Prinzen und die Mühseligkeiten und Gefahren vernahm, die er zur Befriedigung dieses Hirngespinstes ertragen, und sagte endlich zu ihm: »Mach, daß du von hier fortkommst, mein Sohn; denn wenn meine drei Töchter dich hier finden, die nach nichts so lüstern sind wie nach Menschenfleisch, so gebe ich keinen Dreier für dein Leben; halb lebendig und halb gebraten kannst du dann deinen Sarkophag in einem Tiegel und dein Grab in einem Bauch finden. Darum reiß aus, so schnell du kannst; denn nicht weit von hier wirst du finden, was du suchst.« Sobald der Prinz diese Worte gehört, nahm er ganz erschrocken, bestürzt, entsetzt, voller Angst die Beine auf den Buckel und fing von neuem an, Schusters Rappen zu reiten, bis er wieder in ein anderes Land kam, wo er wiederum eine alte Frau antraf, die noch viel häßlicher aussah als die erste, der er gleichfalls erzählte, was er vorhatte, und die ihm ebenso sagte: »Drück dich hurtig von hier, wenn du den Hexlein, meinen Töchtern, nicht zum Vesperbrot dienen willst. Lauf aber immer zu; denn du kommst jetzt bald zur Ruh und wirst finden, was du suchst.« Kaum vernahm dies der arme Prinz, so fing er an auszukratzen, wie wenn er Sporen in den Seiten hätte, und lief so lange, bis er wieder eine alte Frau antraf, die mit einem Korb voll Pastetchen und Zuckerwerk auf einem Rade saß und mit den Süßigkeiten eine Herde Esel fütterte, die hierauf am Ufer eines Flusses umherzuspringen und einigen armen Schwänen, die dort herumliefen, Hufschläge auszuteilen begannen. Nachdem nun der Prinz bei der alten Frau angelangt war und sie auf tausendfache Weise begrüßt hatte, erzählte er ihr die Geschichte seiner Wanderschaft, so daß die Alte ihn freundlich tröstete, ihm ein gutes Frühstück vorsetzte, daß er sich die Finger danach leckte und ihm alsdann drei Zitronen, die erst frisch gepflückt zu sein schienen, sowie ein hübsches Messer überreichte, wobei sie sagte: »Du kannst nun ohne weiteres nach Italien zurückkehren, da deine Arbeit getan ist und du jetzt hast, was du suchst. Darum geh jetzt deiner Wege, und wenn du nicht mehr weit von deiner Heimat bist, schneide bei der ersten Quelle, die du antriffst, eine von diesen Zitronen mitten durch; es wird aus ihr eine Fee herauskommen und zu dir sagen: ›Gib mir zu trinken!‹ Du aber sei rasch mit dem Wasser zur Hand, sonst verschwindet sie so schnell wie Quecksilber, wenn du nun aber nicht auch hurtig bist bei der zweiten und die Augen auftust bei der dritten, indem du ihnen rasch zu trinken reichst, so entgehen sie dir, ehe du dich dessen versiehst; im andern Fall aber wirst du im Besitz einer Frau sein, wie dein Herz sie verlangt.« Der Prinz küßte hierauf der Alten voll Freude die rauhe Hand, die dem Rücken eines Stachelschweines glich, verabschiedete sich dann und reiste ab. An der Meeresküste angelangt, schiffte er sich nach den Säulen des Herkules (Landenge von Gibraltar) ein, gelangte ins Mittelmeer und landete endlich nach tausendfachen Stürmen und Gefahren eine Tagereise weit von seiner Heimat. Als er nun in einem anmutigen Gehölz angelangt war, wo das Laubdach den Wiesengrund beschattete, damit er nicht von der Sonne gesehen würde, ließ er sich bei einer Quelle, die mit kristallener Zunge die Vorübergehenden herbeirief, sich zu erquicken, auf einem prächtigen Teppich von Rasen und Blumen nieder, zog das Messer aus der Scheide und schnitt die erste Zitrone auseinander, aus der schnell wie ein Blitz eine wunderschöne Jungfrau, weiß wie Milch und rot wie eine Erdbeere, hervorkam, die alsbald zu dem Prinzen sagte: »Gib mir zu trinken.« Der aber saß mit offenem Munde so verwundert und verdutzt da, daß er ihr nicht schnell genug das Wasser reichte und die Jungfrau ebenso rasch verschwand, wie sie erschienen war. Ob dies der Prinz nun wie einen Schlag auf den Magen fühlte, mag der beantworten, der sein Glück schon in Händen hatte und es dennoch verloren hat. Als er hierauf die zweite Zitrone durchgeschnitten, ging es ihm ebenso; das war der zweite Genickfang für den Prinzen, der nun seine Augen in zwei Quellen verwandelte und mit der, an der er saß, um die Wette Tropfen auf Tropfen, Welle auf Welle, Strom auf Strom hervorsprudeln ließ und ihr in nichts nachgab, wobei er anfing, zu jammern und ausrief: »Was bin ich doch für ein Tölpel, für ein Einfaltspinsel! Zweimal habe ich mir sie entschlüpfen lassen, als wären mir die Hände gebunden gewesen (hol' mich der Teufel!), und ich sitze da, wie aus Blei gegossen, während ich wie ein Windspiel hätte hurtig sein sollen. Meiner Treu, das war einmal brav gemacht! – Doch nur Mut, noch ist eine dritte da, und aller guten Dinge sind ja drei; versagt mir diesmal das Messer die Fee, dann nimmer ich lebend von hier auf steh'!« So sprechend durchschnitt er die dritte Zitrone, aus der hierauf die dritte Fee hervorkam, die wie die beiden ersten zum Prinzen sagte: »Gib mir zu trinken!« Er reichte ihr rasch Wasser, und sogleich sah er eine Jungfrau vor sich stehen, weiß und zart wie ein frischer Käse mit roten Streifen, daß sie aussah wie ein Abruzzoschinken Und eine Preßwurst aus Nola, ein Wunder, das man noch nie in der Welt gesehen, eine Schönheit, wie sie noch nie dagewesen, eine Weiße ohnegleichen, eine Anmut, größer, als man sich denken kann; auf ihre Haare hatte Zeus Gold herabgeregnet, aus ihnen hätte Amor die Pfeile machen können, mit denen er die Herzen durchbohrt; ihre Wangen hatte Amor rot angestrichen, damit irgendein Unschuldiger an diesem Galgen des Verlangens hängenbliebe; in ihren Augen hatte die Sonne zwei Feuerwerkslunten angebracht, damit in der Brust dessen, der sie sähe, der Zunder Feuer finge und die Schwärmer und Raketen der Seufzer emporfuhren; über ihre Lippen war Venus, als sie die Menses hatte, hingezogen und hatte deren Rosen ihre Farbe verliehen, damit sie mit ihren Dornen die Seelen tausend Liebender verwundeten; auf ihren Busen hatte Juno Milch aus ihrer Brust gedrückt, um damit die Sehnsucht und Lust der Menschen zu stillen; mit einem Wort, sie war so wunderschön von Kopf bis zu den Füßen, daß man sich nichts Holdseligeres denken konnte, und der Prinz, der gar nicht wußte, wie ihm geschah, ganz außer sich diese reizende Geburt aus einer Zitrone, diese anmutige Zitronenschnitte einer Frau betrachtete, so daß er bei sich selbst sprach: »Schläfst du oder bist du wach, Ciommetiello? Sind deine Augen bezaubert oder bist du blind? Welch weißes Geschöpf ist da aus einer gelben Schale, welch süßer Teig aus der Säure einer Zitrone, welch schöner Schmetterling aus einer Puppe hervorgekommen?« Als er jedoch zuletzt sah, daß er nicht träume und daß alles Wirklichkeit sei, schloß er die Fee in seine Arme, küßte sie hundert- und aber hundertmal auf das herzlichste, und nach unzähligen schmeichelnden Liebesworten, die sie zueinander sprachen, Worte, die gleich einer Grundmelodie von zuckersüßen Küssen begleitet waren, sprach er zu ihr: »Ich will dich, meine geliebte Braut, jetzt nicht ohne den Prunk, der deiner Schönheit ziemt, und ohne das Gefolge, das einer Königin zukommt, in den Palast meines Vaters bringen; darum steige auf diese Eiche, wo die Natur, als wüßte sie, wessen wir bedürfen, ein Versteck in Gestalt eines Kämmerchens angelegt hat, und erwarte dort meine Rückkehr; denn ich fliege in größter Eile zu dir zurück, und ehe du dich dessen versiehst, hole ich dich mit solcher Kleidung und solchem Gefolge ab, wie es unserem Range ziemt.« Nach welchen Worten er sich von ihr auf die gehörige Weise verabschiedete und sie verließ. Inzwischen wurde eine Mohrensklavin mit einem Krug an jene Quelle um Wasser geschickt, und da sie zufällig in den Wellen das Spiegelbild der Fee erblickte, so glaubte sie, daß sie selbst es wäre, und rief daher ganz erstaunt aus: »Was ist das, arme Lucia? Du sein so schön, und Wasser holen gehn? Das darf nicht länger geschehn!« So sprechend, zerbrach sie den Krug und kehrte nach Hause zurück. Als die Gebieterin sie fragte, was sie da getan hätte, antwortete sie: »Ich an die Quelle gegangen sein und Krug zerbrochen an einem Stein.« Die Gebieterin nahm diese Lüge hin und gab ihr am anderen Tage ein schönes Faß, das sie an derselben Quelle mit Wasser füllen sollte; als sie aber wieder hinkam und wiederum jene Schönheit im Wasser abgespiegelt sah, sprach sie mit einem lauten Seufzer: »Ich nicht breitmäulige Mohrin sein, ich nicht Bratgans sein; ich gar schön und reizend bin, und trag' ein Faß zum Brunnen hin?« So sagend, zerbrach sie, bums, auch das Faß in tausend Trümmer, kehrte brummend nach Hause zurück und sprach zu ihrer Herrin: »Kommt Esel fürbaß, stößt mir ans Faß, auf die Erd' fällt das, bricht entzwei, vorbei der Spaß.« Als die arme Frau dies hörte, riß ihr der Geduldsfaden; sie ergriff daher einen Besenstiel und prügelte die Sklavin dermaßen durch, daß sie es ein paar Tage lang spürte; darauf gab sie ihr einen Schlauch und sprach: »Jetzt lauf und brich den Hals, du Lumpenliese, du Säbelbein, du schwarzer Mistfink, lauf und trödle mir nicht, und drehe dich nicht lange hin und her, sondern bring mir rasch diesen Schlauch voll Wasser wieder; wenn nicht, so zerdresche ich dich ganz verzweifelt und haue dich zusammen wie Kraut und Rüben.« Die Sklavin lief fort wie gebrüht, da sie den Blitz gefühlt hatte und nicht erst den Donner abwarten wollte; während sie aber den Schlauch füllte, erblickte sie wiederum die schöne Gestalt im Wasser und sprach: »Ich Närrin bin, wenn ich Wasser schöpfe; besser ist auf eigene Faust leben; das kein Gesicht ist zum Totprügeln und einer bösen Gebieterin dienen.« So sprechend, nahm sie eine große Haarnadel und fing an, den Schlauch dermaßen zu durchstechen, daß er schließlich einem freien Gartenplatz mit Wasserkünsten glich, bei denen das Wasser aus hundert kleinen Springbrunnen hervorsprudelt und die Fee bei diesem Anblick in ein lautes Lachen ausbrach. Als dies nun die Sklavin vernahm und daher emporsah, erblickte sie die versteckte Fee und sagte bei sich selbst: »Du also Ursach, daß ich geprügelt? Aber warte nur!« Hierauf sprach sie zu jener: »Was machen da oben, schönes Mädchen?« Und die Fee, die die Freundlichkeit selbst war, gab alles preis, was sie wußte, ohne auch nur ein Titelchen von allem wegzulassen, was sich zwischen ihr und dem Prinzen zugetragen. Dann fügte sie hinzu, daß sie stündlich und augenblicklich seine Ankunft mit Kleidern und Gefolge erwarte, um sich mit ihm in das Reich seines Vaters zu begeben und dort mit ihm ein glückliches Leben zu führen. Als die boshafte Sklavin dies hörte, dachte sie, sie könne der Fee diesen schönen Preis abgewinnen, und sagte daher zu ihr: »Da du Bräutigam erwarten, laß mich hinaufkommen, dir Haare kämmen und dich schöner machen.« – »Sehr gern, sei mir tausendmal willkommen«, versetzte die Fee und reichte der Sklavin ihre weiße Hand, die, von den schwarzen Krallen der Mohrin gepackt, aussah wie ein Kristallspiegel in einem Rahmen von Ebenholz. Die Sklavin kletterte nun auf den Baum, und indem sie anfing, das Haar der Fee in Ordnung zu bringen, stach sie ihr eine große Nadel in die Schläfe. Kaum aber fühlte diese den Stich, so rief sie aus: »Taube, Taube«, und verwandelte sich sogleich in eine Taube, worauf sie sich emporschwang und davonflog. Die Mohrin zog sich nun ganz aus, wickelte die Lumpen und Fetzen, die sie auf dem Leibe trug, in ein Bündel zusammen und schleuderte sie, so weit sie konnte, von sich, sie selbst aber blieb splitterhackt auf dem Baum, so daß sie aussah wie eine Bildsäule aus Achat in einem Gehäuse von Smaragd.

Inzwischen kehrte der Prinz mit zahlreichem Gefolge wieder, und als er statt des Eimers Milch, den er zurückgelassen, ein Faß Kaviar vorfand, blieb er eine Zeitlang wie versteinert stehen; endlich jedoch rief er aus: »Wer hat mir diesen Tintenklecks auf das Briefpapier gemacht, auf das ich meine glücklichsten Tage zu schreiben gedachte? Wer hat mir das frischgeweißte Haus mit Trauer behangen, in dem ich ein fröhliches Leben zu führen vermeinte? Wer läßt mich diesen Probierstein da finden, wo ich ein Silberbergwerk zurückließ, das mich reich und glücklich machen sollte?« Als nun die schlaue Sklavin das Staunen des Prinzen wahrnahm, sprach sie zu ihm: »Wundere dich nicht, mein Prinz, denn ich in eine Mohrin verzaubert und aus einem Weißgesicht ein Schwarzarsch worden bin.« Der arme Prinz, der sah, daß der Sache nicht abzuhelfen war, ließ den Kopf sinken und verschlang diese bittere Pille; hierauf hieß er die Mohrin herabsteigen, kleidete sie von Kopf bis zu Fuß in neue Gewänder, und traurig und betrübt, niedergeschlagen und bestürzt trat er mit ihr den Rückweg in die Heimat an, wo sie von dem Könige und der Königin, die ihnen sechs Meilen weit entgegengekommen waren, mit derjenigen Freude empfangen wurden, mit der der Eingekerkerte den Freispruch empfängt, indem sie nämlich wahrnahmen, welch eine Wahl ihr närrischer Sohn getroffen, der so lange und so weit in der Welt umhergeirrt war, um eine weiße Taube zu finden, und nun eine schwarze Krähe nach Hause gebracht hatte. Da sie jedoch die Sache nicht ändern konnten, traten sie die Krone ihren Kindern ab und setzten den goldenen Dreifuß auf jenes Kohlengesicht. Während gewaltige Feste und prächtige Bankette angeordnet wurden und die Köche Gänse rupften, Ferkel schlachteten, Zicklein abzogen, Braten begossen, Töpfe abschäumten, Fleischklöße hackten, Kapaunen spickten und tausend andere leckere Bissen bereiteten, kam an ein Fenster der Küche ein schönes Täubchen und sprach: »O Koch in der Küche, o liebster Koch! Wie's dem König und der Mohrin geht, sag mir doch!« Der Koch achtete zwar anfangs wenig darauf, da aber die Taube ein zweites und drittes Mal wiederkehrte und die nämlichen Worte wiederholte, eilte er in den Speisesaal, um dieses Wunder mitzuteilen, worauf die Mohrin, die wohl merkte, wer die Taube war, sie sogleich zu ergreifen, zu schlachten und zu braten befahl. Der Koch kehrte also in die Küche zurück, und es gelang ihm auch wirklich, sie zu fangen; er tat hierauf, wie ihm von der Schwarzen geboten war, brühte die Taube ab, rupfte sie und schüttete das Wasser und die Federn davon von einer Galerie aus auf ein Gartenbeet, aus dem nach kaum drei Tagen ein schöner Zitronenbaum hervortrieb und dann rasch emporwuchs.

So geschah es nun, daß der König, als er einmal zufällig an ein Fenster trat, das auf den Garten hinausging, diesen Baum, den er noch nie gesehen, erblickte und den Koch rufen ließ, um ihn zu fragen, wann und von wem er gepflanzt worden wäre. Indem er also von Meister Kochlöffel vernahm, wie die Sache sich verhielt, fing er an, Verdacht zu schöpfen, und befahl daher bei Todesstrafe, den Baum nicht anzurühren, vielmehr ihn aufs sorgfältigste zu pflegen. Nach einigen Tagen nun zeigten sich drei sehr schöne Zitronen, denen ähnlich, die der König von der Alten empfangen hatte; sobald sie größer geworden waren, pflückte er sie ab, schloß sich mit einer großen Schale Wasser in einem Zimmer ein und fing an, mit demselben Messer, das er noch immer an der Seite trug, die Zitronen durchzuschneiden. Zwar ging es ihm mit der ersten und zweiten Fee ebenso, wie es ihm das erste Mal ergangen war; als er jedoch die dritte Zitrone durchgeschnitten und der Fee, die herauskam, ihrem Verlangen gemäß zu trinken gegeben hatte, stand dieselbe Jungfrau vor ihm, die er auf dem Baume gelassen und ihm nun das ganze schändliche Verfahren der Mohrin mitteilte. Wer könnte wohl den allerkleinsten Teil der Wonne schildern, die der König bei diesem glücklichen Ereignis empfand, wer sein Singen und Springen, Jubeln und Jauchzen beschreiben? Denn er schwamm in einem Meer von Freude, der Himmel hing ihm voller Geigen, und die Stube wurde ihm zu eng. Er drückte daher die Fee in seine Arme, ließ sie auf das herrlichste ankleiden und führte sie dann an der Hand in den großen Saal, in dem sich der ganze Hof und die vornehmsten Leute der Stadt befanden, um das Hochzeitsfest durch ihre Gegenwart zu schmücken. Von diesen also befragte der König jeden einzelnen und sprach: »Sagt mir, was würde der für eine Strafe verdienen, der dieser schönen Jungfrau ein Leid zufügte?« Worauf der erste erwiderte, daß er ein hänfenes Halsband, ein zweiter, daß er ein Grabmal von Steinen, ein dritter, daß er eine Musik mit einem Schlegel auf den Magen, ein vierter, daß er einen Schluck Schierlingssaft, ein fünfter, daß er einen Mühlstein als Busennadel, und der eine, daß er dies, und der andere, daß er jenes verdienen würde. Als er zuletzt die schwarze Königin herbeirief und die nämliche Frage an sie richtete, antwortete sie: »Er verdienen verbrannt werden und Asche in die Luft streuen.« Kaum vernahm der König nun diese Antwort, so rief er aus: »Du hast dir selbst den Strick gedreht, dein Grab gegraben, das Messer geschliffen, das Gift gemischt, denn niemand hat ihr soviel Leid zugefügt wie du nichtswürdige Bestie. Weißt du, daß dies die schöne Jungfrau ist, die du mit der Haarnadel durchbohrt hast? Weißt du wohl, daß sie das schöne Täubchen ist, das du hast schlachten und im Tiegel braten lassen? Was meinst du nun hierzu, Liese? He? Jetzt magst du sagen und tun, was du willst, es hilft dir nichts; du hast dir selbst den Brei eingerührt; wie du mir, so ich dir, wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.« So sprechend, ließ er die Mohrin alsbald ergreifen, lebend auf einen großen Holzstoß setzen, und nachdem dieser angezündet und sie zu Asche verbrannt war, streute man diese von der Zinne des Schlosses in alle vier Winde, wodurch wiederum das Sprichwort wahr wurde:

Wer Butter auf dem Kopfe hat, geht nicht in die Sonne.

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