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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 53
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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8. Nennillo und Nennella

Als Ciulla am Ziel angelangt war, schickte Paola sich an, den Wettlauf zu beginnen, und nachdem sie sich gehörig geräuspert und den Mund mit einem neuen halb linnenen, halb hänfenen Schnupftuch abgewischt hatte, begann sie:

Weh dem, der seinen Kindern in einer Stiefmutter eine Pflegerin zu geben glaubt; er bringt ihnen mit ihr doch nur eine Anstifterin ihres Verderbens ins Haus; denn nie sieht man, daß eine Stiefmutter die Kinder einer andern mit günstigen Augen betrachtet, und wenn es wirklich einmal eine gegeben hat, die dies getan, so kann man es als ein Wunder betrachten und sagen, sie sei ein weißer Rabe gewesen. Außer den vielen Stiefmüttern nun, von denen ihr vielleicht schon reden gehört habet, werde ich euch jetzt auch noch von einer erzählen, die man unter die gewissenlosesten zählen muß und die Strafe verdiente, die sie sich selbst auferlegt hatte.

Es war einmal ein Mann, namens Jannuccio, der zwei Kinder besaß, Nennillo und Nennella, die er mehr liebte als sich selbst; nachdem aber der Tod mit der Feile der Zeit alle Schlösser des Gefängnisses, in dem die Seele seiner Frau eingesperrt war, durchgefeilt hatte, heiratete er eine nichtswürdige, schändliche Bestie von Weibsbild, die nicht sobald den Fuß über die Schwelle ihres Mannes gesetzt hatte, als sie schon anfing, den Kopf hoch zu tragen und zu sagen: »Bin ich denn hierhergekommen, um die Kinder einer anderen zu lausen? Das fehlte mir gerade, daß ich mir diese Bürde aufladen und den ganzen Tag diese Schreihälse um mich haben sollte. Eher wollte ich, daß ich den Hals gebrochen hätte, als daß ich für schlechtes Essen, schlechteres Trinken und noch schlechteres Schlafen, wie's mir diese Brut bereitet, in diese Hölle gegangen wäre; ich kann dies Leben nicht länger ertragen; denn ich will Hausfrau und nicht Dienstmagd sein. Ich muß irgendein Mittel finden, um mich von diesem Gezücht zu befreien, oder gehe selbst drauf; besser ist es einmal zu erröten, als hundertmal zu erblassen; ich will der Sache ein für allemal ein Ende machen; denn ich bin fest entschlossen, sie mir vom Halse zu schaffen oder selbst davonzulaufen.« Der arme Ehemann, der dieses Weibsstück ziemlich liebgewonnen hatte, erwiderte darauf: »Sei nur nicht so erbittert, liebe Frau, denn der Zucker ist teuer. Morgen früh aber, wenn der Hahn kaum gekräht hat, will ich dich von dieser Bürde befreien und dir so allen Anlaß zum Ärger aus dem Weg räumen.« Ehe also noch des andern Tages Aurora die rote Bettdecke zum Fenster des Ostens hinausgebreitet, um die Flöhe auszuschütteln, nahm der arme Vater seine zwei Kinder bei der Hand, einen großen Korb voll Lebensmittel auf den Arm und führte sie in einen Wald, wo ein Heer von Pappeln und Buchen die Dunkelheit belagert hielt. Dort angelangt, sprach Jannuccio zu seinen Kindern: »Meine lieben Kinder, bleibet hier an diesem Ort, esset und trinket froh und fröhlich, und wenn es euch an etwas fehlt, so seht diesen Streifen Asche, den ich hier hinstreue und der euch wie ein Faden aus diesem Labyrinth geradewegs nach unserem Haus führen wird.« Hierauf gab er jedem Kinde einen Kuß und kehrte weinend nach Hause zurück. Um die Stunde aber, da alle Geschöpfe, von den Gerichtsdienern der Nacht vorgeladen, der Natur die Steuer des Schlafes abzahlen, hatten die Kinder Angst, an jenem öden Orte allein zu bleiben, wo das Rauschen eines Flusses, der die kecken Steine peitschte, die ihm mutwillig in den Weg traten, selbst einen Prahlhans hätte in Furcht setzen können; sie zogen daher langsam den Aschenpfad entlang und kamen endlich gegen Mitternacht am Hause des Vaters an. Pascozza aber, ihre Stiefmutter, gebärdete sich nicht wie ein Weib, sondern wie eine leibhaftige Furie und stieß ein gewaltiges Geschrei aus, indem sie mit Händen und Füßen um sich schlug und wie ein scheues Pferd schnaubte, wobei sie ausrief: »Was ist das? Woher kommen zum Teufel diese Fratzen, diese Filzläuse? Kann denn kein Quecksilber sie aus dem Hause treiben? Willst du sie durchaus mir zur Kränkung im Hause behalten? Schaff sie mir jetzt gleich aus den Augen, denn ich will weder das Krähen der Hähne noch das Piepen der Hühner abwarten; wenn aber nicht, so kannst du eher vor Zorn platzen, bevor ich je wieder bei dir schlafe, sondern ich kehre gleich morgen früh ins Haus meiner Eltern zurück. denn du verdienst mich nicht, und nicht dazu hab' ich so viele schöne Sachen ins Haus gebracht, um den Schmutz und Gestank der Bälge anderer Frauen aufzuriechen, noch habe ich dazu eine so reiche Mitgift von meinen Eltern erhalten, um Sklavin von Kindern zu sein, die mich nichts angehen.«

Der arme Jannuccio sah, wie schlimm die Sache stehe und wie hitzig seine Frau wurde, nahm alsogleich die Kinder wieder bei der Hand und kehrte mit ihnen in den Wald zurück, wo er ihnen wie das vorige Mal einen Korb mit Eßsachen gab und sagte: »Ihr sehet, einzig geliebte Kinder, wie sehr eure Stiefmutter, die euch zum Verderben und mir zum Kummer in mein Haus gekommen ist, euch haßt; darum bleibt nur in diesem Walde, wo die Bäume, mitleidiger als sie, euch gegen die Sonne schützen, wo der Fluß, wohlwollender als sie, euch ohne Gift und Galle zu trinken geben und die Erde, freundlicher als sie, euch Rasenlager ohne Gefahr darbieten wird, und wann es euch an Lebensmitteln fehlt, so kommt diesen Pfad von Kleie entlang, den ich in gerader Linie bis an unser Haus ziehe, und holt euch, was ihr bedürft.« So sprechend, wandte er sein Angesicht fort, um nicht zu zeigen, daß er weinte, und die armen Dinger nicht zu entmutigen.

Als sie nun das, was im Korbe war, verzehrt hatten, wollten sie nach Hause zurückkehren; da aber zum Unglück die auf die Erde gestreute Kleie von einem Esel weggefressen worden war, verfehlten sie den Weg und irrten einige Tage lang im Walde umher, indem sie sich von Eicheln und Kastanien nährten, die sie auf der Erde fanden. Durch die Fügung des Himmels jedoch, der stets seine Hand über die Unschuldigen hält, ging gerade um diese Zeit ein Prinz in jenem Walde auf die Jagd, und Nennillo bekam beim Bellen der Hunde so große Furcht, daß er in einen hohlen Baum kroch, während Nennella anfing, aus allen Kräften zu laufen, bis sie aus dem Wald hinaus an die Meeresküste gelangte. Dort wurde sie von Seeräubern, die Holz einnahmen, entführt und hierauf von deren Anführer in sein Haus gebracht, wo er und seine Frau, kurz vorher durch den Tod einer Tochter beraubt, sie an Kindes Statt annahmen.

Inzwischen war Nennillo, der sich in den Baum verkrochen hatte, von Hunden umringt worden, die ein betäubendes Gebell erhoben, so daß der Prinz endlich nachsehen ließ, was der Anlaß dazu wäre, und da man diesen schönen Knaben fand, der noch so klein war, daß er nicht zu sagen wußte, wer seine Eltern seien, so hieß er einen Jäger, ihn mit auf den Sattel nehmen und in den königlichen Palast bringen. Dort ließ er Nennillo sehr sorgfältig erziehen und in allen schönen und nützlichen Dingen, besonders aber in dem, was ein Vorschneider wissen muß, unterrichten, so daß er nach einigen Jahren dermaßen geschickt in seiner Kunst wurde, daß er die Speisen aufs zierlichste vorzuschneiden verstand.

Während dieser Zeit nun entdeckte man, daß der Schiffseigner, in dessen Hause sich Nennella befand, ein Seeräuber sei, und wollte ihn daher ins Gefängnis setzen; weil er aber die Gerichtsleute zu Freunden hatte und sie in seinem Solde hielt, bekam er Wind und machte sich mit seinem ganzen Hause aus dem Staube. Es war aber vielleicht die Gerechtigkeit des Himmels, die es bewirkte, daß der, der sein Verbrechen auf dem Meere verübt, auch auf dem Meere dafür büßen sollte; denn da er sich auf einer schwachen Barke eingeschifft hatte und sich eben mitten auf hoher See befand, kam ein solcher Windstoß und Wogendrang, daß die Barke umschlug und alle ertranken. Nur Nennella, die nicht wie seine Frau und seine Kinder an den Räubereien teilgenommen hatte, entkam der Gefahr, indem sich zur selben Zeit in der Nähe des Schiffes ein großer bezauberter Fisch befand, der seinen furchtbaren Rachen öffnete und Nennella verschlang. Grade als sie glaubte, daß es mit ihr vorbei wäre, erblickte sie im Bauch des Fisches wunderbare Dinge; denn es befanden sich darin herrliche Gefilde, wunderschöne Gärten und ein prächtiger Palast mit allen Bequemlichkeiten, in dem sie wie eine Prinzessin wohnte. Der Fisch brachte sie hierauf mit größter Schnelligkeit an eine Seeküste, und da eben drückendste Sommerglut herrschte, die wie ein Kalkofen sengte, so hatte sich der Prinz gerade dorthin begeben, um sich an der Meeresfrische zu erquicken. Während man ein prächtiges Mahl bereitete, war Nennillo auf einen Balkon des Palastes, der am Ufer stand, getreten und schliff dort einige Messer, da er, um sich Ehre einzulegen, seinem Amt mit vielem Eifer vorstand. Als ihn Nennella daher durch den Schlund des Fisches erblickte, erhob sie ihre Stimme aus der Tiefe und rief: »Mein Brüderlein, mein Brüderlein, die Messer sind geschliffen fein, gedeckt der Tisch adrett und rein, doch schmerzt es mich gar bitterlich, im Fisch zu weilen ohne dich!« Nennillo achtete zwar anfangs nicht auf diese Stimme; der Prinz aber, der sich auf einer anderen Altane befand und diese klagenden Töne gleichfalls vernommen hatte, wandte sich nach dieser Richtung hin und erblickte den Fisch. Als er dieselben Worte noch einmal wiederholen hörte, geriet er vor Erstaunen ganz außer sich und schickte eine Anzahl Leute ab, um zuzusehen, ob sie vielleicht den Fisch durch List oder sonst auf irgendeine Weise ans Land ziehen könnten. Inzwischen hörte er immer dieselben Worte »Mein Brüderlein, mein Brüderlein« wiederholen und fragte daher jeden einzelnen seiner Diener, ob er vielleicht eine Schwester besäße, die sich von ihm verloren hätte, worauf endlich Nennillo erwiderte, er erinnere sich wie im Traume, daß, als er im Walde gefunden wurde, er eine Schwester gehabt, von der er nie wieder etwas gehört. Der Prinz sagte hierauf zu ihm, er solle sich dem Fisch nähern und sehen, was da los wäre, vielleicht ginge diese Sache gerade ihn an. Nennillo ging an den Fisch heran, worauf dieser seinen Kopf dem Ufer nahe brachte und einen sechs Ellen hohen Rachen öffnete, aus dem Nennella in solcher Schönheit heraustrat, daß sie ganz wie eine Nymphe aussah, die in irgendeinem Zwischenspiel durch die Zauberei eines Magiers aus dem Bauche eines Ungeheuers hervorkommt. Als der Prinz sie nun fragte, wie sie da hineingekommen wäre, erzählte sie ihm einen Teil ihrer Leidensgeschichte, namentlich, wie sie von ihrer Stiefmutter gehaßt worden. Da jedoch weder sie noch ihr Bruder sich des Namens ihres Vaters oder ihres Wohnortes zu erinnern vermochten, so ließ der Prinz öffentlich ausrufen, daß, wer zwei Kinder namens Nennillo und Nennella verloren hätte, in den königlichen Palast kommen sollte; denn er würde dort eine erfreuliche Nachricht erhalten. Jannuccio, der die ganze Zeit über ein trauriges und trostloses Leben verbracht hatte, weil er glaubte, seine Kinder wären von den Wölfen gefressen worden, eilte, als er jene Bekanntmachung vernahm, voll Freude zum Prinzen und sagte ihm, daß er die Kinder verloren habe, wobei er zugleich erzählte, wie er von seiner Frau gezwungen worden sei, sie in den Wald zu bringen. Der Prinz wusch ihm nun gehörig den Kopf und nannte ihn einen Einfaltspinsel, daß er sich von einer Frau so habe ins Bockshorn jagen lassen und zwei solche Juwelen wie seine Kinder von sich gestoßen habe. Nachdem er ihn aber gehörig heruntergemacht, legte er ihm wieder das Pflaster des Trostes auf, indem er ihm seine beiden Kinder zuführte, die der Vater zu umarmen und zu küssen nicht müde wurde, worauf der Prinz ihm den Kittel abnehmen und statt dessen eine prächtige Kleidung anlegen ließ. Dann hieß er die Frau Jannuccios herbeirufen, zeigte ihr dessen schmuckes Kinderpaar und fragte sie, was derjenige wohl verdiene, der ihnen irgend etwas Böses tue und sie in Lebensgefahr bringe. »Ich würde ihn«, erwiderte sie, »in ein zugemachtes Faß stecken und dies hierauf einen Berg hinunterrollen.« – »So geschehe es«, versetzte der Prinz, »der Bock hat sich dieses Mal selbst gestoßen. Da du dir dein Urteil selbst gesprochen, soll es auch ausgeführt werden; denn du hast deine Stiefkinder mit unverdientem Haß verfolgt.« Demgemäß befahl er den von ihr selbst gefällten Spruch in Ausführung zu bringen, worauf er Nennella einem seiner Vasallen, einem sehr reichen Edelmann, die Tochter eines anderen ebenso reichen Edelmannes aber ihrem Bruder zur Frau gab, wobei er ihnen hinlängliche Einkünfte anwies, damit sie und ihr Vater, ohne irgend jemandes zu bedürfen, bequem leben könnten, während ihre Stiefmutter in ein Faß ein- und damit vom ferneren Leben ausgeschlossen wurde, wobei sie bis zu ihrem letzten Atemzug immerfort durchs Spundloch schrie:

Wohl langsam mahlt der Mühlenstein,
doch fasst er sicher und zermahlt euch fein.

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