Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giambattista Basile >

Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 52
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
Schließen

Navigation:

7. Die fünf Söhne

Nach Beendigung der Geschichte Antonellas war die Reihe des Erzählens an Ciulla, und nachdem diese sich gehörig zurechtgesetzt und einen Blick nach allen Seiten hingeworfen hatte, begann sie auf anmutige Weise, wie folgt:

Wer immer hinter dem Ofen hockt, bleibt ein Dummkopf sein Leben lang; wer nicht reist, sieht nichts; wer nichts sieht, lernt nichts. Das viele Reisen macht die Weisen; Übung macht den Meister; geh in die weite Welt, dann erwirbst du Klugheit und Geld, wie ich euch durch den Beweis folgender Erzählung zeigen werde.

Es war einmal ein ehrlicher Mann, namens Pacione, der fünf so einfältige Söhne hatte, daß sie schon zu gar nichts in der Welt taugten und der Vater, der sie nicht länger ernähren konnte, endlich beschloß, sie sich vom Leibe zu schaffen. Er sprach daher eines Tages zu ihnen folgendermaßen: »Meine teuren Kinder, Gott weiß, daß ich euch liebe und euch als mein eigenes Fleisch und Blut betrachte; aber ich bin alt und kann nur noch wenig arbeiten, ihr aber seid jung und esset zuviel, so daß ich mir nicht mehr durchhelfen kann wie bisher. Jeder für sich und Gott für uns alle; darum geht hin und sucht euch einen Herrn und lernt etwas; jedoch merkt euch, daß ihr euch nicht für länger als ein Jahr verdingt, denn nach Verlauf dieser Zeit erwarte ich euch wieder bei mir, und zwar müßt ihr dann was Ordentliches können.« Als die Söhne diesen Beschluß ihres Vaters vernahmen, verabschiedeten sie sich von ihm, und mit einigen Lumpen im Bündel schlugen sie jeder einen besonderen Weg ein, indem jeder sein Glück auf seine eigene Weise machen wollte.

Nach Verlauf des Jahres trafen alle der Verabredung gemäß im Hause ihres Vaters wieder zusammen, der sie mit größter Freude empfing und, da sie von der Reise müde und entkräftet waren, sogleich den Tisch decken ließ, an den sie sich sämtlich niedersetzten. Während sie nun mitten im besten Essen waren, hörten sie einen Vogel singen, so daß der jüngste von den fünf Söhnen vom Tisch aufstand und hinausging, um zu horchen. Als er aber zurückkehrte, hatte man bereits abgeräumt, und Pacione sprach zu seinen Söhnen: »Nun, Kinder, sagt mir, was ihr Gutes und Schönes in der Zeit eurer Abwesenheit gelernt habt, und erfreut dadurch das Herz eures Vaters.« Hierauf begann Luccio, welcher der Älteste war, folgendermaßen: »Ich habe die Kunst der Langfinger studiert und bin das Muster aller Spitzbuben, das Vorbild aller Diebe, der Altmeister aller Gauner, so daß man nicht noch einen findet, der mit mehr Geschicklichkeit Mäntel zu stehlen und wegzupraktizieren, Wäsche zusammenzuraffen und fortzuschaffen, Taschen zu erleichtern und abzuschneiden, Läden aufzuräumen und auszufegen, Geldbeutel herauszuziehen und wegzustibitzen, Kisten auszuleeren und auszukehren versteht als ich, so daß, wohin ich auch komme, ich Wunder in der Kunst Merkurs verrichte.« – »Brav«, sagte der Vater, »du hast eine wahre Wechslerkunst gelernt, um für das Spiel der Finger Bezahlung auf dem Rücken, für das Drehen von Schlüsseln, das Drehen von Rudern und für das Ersteigen von Fenstern Aufstiege des Henkers einzutauschen. Wehe mir Armen, hätte ich dich doch lieber gelehrt, eine Spindel zu drehen, dann würde sich mir jetzt nicht vor Angst der Kopf drehen, da ich dich schon im Geist vor Gericht sehe mit einer Armensündermütze von Papier, oder wie du mit entblößtem Rücken der Ruderbank übergeben oder, wenn du dem entgehst, an einem Strick erhöht wirst.« So sprechend, wandte Pacione sich zu seinem zweiten Sohn, namens Titillo, und sagte: »Und du, was hast du gelernt?« – »Die Schiffbauerkunst«, versetzte der Sohn. – »Das lasse ich mir gefallen«, erwiderte der Vater, »denn das ist ein ehrenwertes Handwerk und ernährt seinen Mann. Und du, Renzone, wie steht es mit dir?« – »Ich kann mit der Armbrust so gut zielen«, entgegnete dieser, »daß ich das Weiße im Auge treffe.« – »Das ist doch etwas«, sprach der Vater, »denn du kannst auf die Jagd gehen und dir dein Brot verdienen.« Hierauf wandte er sich zu dem vierten Sohn, namens Ghiacuccio, und fragte ihn das nämliche, worauf dieser antwortete: »Ich kenne ein Kraut, womit man einen Toten wieder lebendig zu machen vermag.« – »Brav, das muß ich sagen«, rief Pacione aus, »dadurch können wir uns endlich einmal aus unserem Elend heraushelfen und den Leuten von größerem Nutzen sein als Hippokrates.« Zuletzt fragte er den jüngsten Sohn, namens Menecuccio, was er könne, worauf dieser antwortete: »Ich verstehe die Sprache der Vögel.« – »Nicht ohne Ursache also« erwiderte der Vater, »standst du auf, während wir bei Tische saßen, um dem Zwitschern jenes Vogels zuzuhören. Da du dich nun also rühmst zu verstehen, was die Vögel sagen, so sage mir, was du von dem vernommen hast, der auf jenem Baume saß.« – »Er sagte«, versetzte Menecuccio, »daß ein wilder Mann die Tochter des Königs von Tiefschlund geraubt und sie auf einen Felsen gebracht hat, so daß man von ihr gar nichts mehr erfahren kann und daher der Vater hat bekanntmachen lassen, daß er den, der die Prinzessin auffindet und sie ihm wiederbringt, zu seinem Schwiegersohn machen will.« – »Wenn sich das so verhält, so sind wir gemachte Leute«, rief Luccio aus; »denn ich getraue mich, die Prinzessin aus der Gewalt des wilden Mannes zu befreien.« – »Wenn du dich das getraust«, sprach nun der Vater, »so wollen wir uns stehenden Fußes zum König begeben, und wenn er uns sein Wort gibt, daß er sein Versprechen halten will, uns erbieten, ihm seine Tochter wiederzubringen.« Da alle dieser Meinung beistimmten, machte Titillo alsbald ein schönes Schiff, welches sie sämtlich bestiegen, worauf sie die Segel aufspannten und nach Tiefschlund fuhren. Dort angelangt, baten sie den König um eine Audienz, und da sie sich anheischig machten, die Tochter zu befreien, erhielten sie von ihm neue Bestätigungen seines Versprechens. Sie fuhren hierauf nach dem Felsen und trafen es glücklicherweise so, daß der wilde Mann, während er sich sonnte, mit dem Kopf im Schoße der Prinzessin, die Cianna hieß, eingeschlafen war. Sobald sie daher das Schiff kommen sah, wollte sie vor großer Freude gleich aufspringen; Pacione winkte ihr jedoch, daß sie sich ruhig verhalten sollte, und nachdem sie dem wilden Manne einen großen Stein unter den Kopf gelegt hatten, hießen sie Cianna aufstehen und mit ihnen ins Schiff kommen, worauf sie hurtig wieder in See stachen. Sie waren aber noch nicht sehr weit vom Ufer entfernt, als der wilde Mann erwachte, und da er Cianna nicht mehr neben sich sah, seine Augen seewärts wandte. Dort erblickte er nun das Schiff, das sie davontrug, weswegen er sich alsbald in eine schwarze Wolke verwandelte und durch die Luft dem Schiff nacheilte. Cianna, die die Künste des wilden Mannes kannte, merkte sogleich, daß er in jener Wolke verborgen wäre, und verriet solche Furcht, daß sie nur mit Mühe Pacione und seine Söhne von dem, was ihnen drohte, in Kenntnis setzen konnte und darauf leblos hinsank. Als daher Renzone die Wolke herankommen sah, ergriff er eine Armbrust und schoß dem wilden Manne genau beide Augen aus, so daß er vor Schmerz aus der Wolke wie von einem Kornboden, plumps, herunterfiel. Nachdem nun alle ihre Augen voll Furcht lange auf die Wolke gerichtet hatten, wandten sie sie endlich ins Schiff zurück, um zu sehen, was Cianna mache, und erblickten sie, alle viere von sich gestreckt und von der Lebensbühne abgetreten, so daß Pacione anfing, sich den Bart auszuraufen, und ausrief: »Das nenne ich wahrhaftig Zeit und Mühe verlieren; alle Anstrengungen sind nun umsonst, alle Hoffnungen wie der Wind verweht. Denn die hier hat sich aus dem Staube gemacht und hat uns im Dreck sitzenlassen; sie hat ›Gute Nacht‹ gesagt, um uns einen bösen Tag zu bereiten, sie hat ihren Lebensfaden durchgerissen und zugleich die Angelschnur unserer Hoffnungen durchgebissen. Da kann man recht deutlich sehen, wie einem ehrlichen Manne nie etwas gelingt; hier zeigt es sich recht klar, daß, wer einmal unglücklich sein soll, auch unglücklich bleibt! Denn die Prinzessin ist befreit, wir kehren nach Tiefschlund zurück, die Heirat ist abgemacht, die Hochzeit veranstaltet, das Zepter winkt, und sieh da – jetzt haben wir einen rechten Quark von dem allen.« Ghiacuccio hatte sich dieses Gerede des Vaters lange mit angehört; da er aber endlich sah, daß es gar nicht abreißen wollte und daß er die Leier des Schmerzes bis auf das Schalloch herunterspielte, sprach er: »Nur sachte, lieber Vater, denn wir wollen trotz all dem nach Tiefschlund fahren und unsere Sachen zu einem fröhlicheren und glücklicheren Ende bringen, als du glaubst.« – »Bleib mir mit diesem Trost vom Leibe«, versetzte Pacione, »wenn wir dem Könige diesen Leichnam bringen, wird er uns freilich aufzählen lassen, aber nicht etwa Geld, und während andere dieses Meer glücklich durchschifft haben, wird sich bei uns bloß das Unglück mehren.« – »Nicht so hitzig«, erwiderte Ghiacuccio, »wo hast du denn deinen Kopf gelassen? Erinnerst du dich denn nicht, was für eine Kunst ich erlernt habe? Laß uns nur landen und mich das Kraut suchen, das ich kenne, dann sollst du deine Wunder sehen.« Bei diesen Worten faßte der Vater wieder Mut, schloß Ghiacuccio in seine Arme, und so stark ihn Ungeduld fortzog, so stark zog er am Ruder, so daß sie nach kurzer Zeit an der Küste von Tiefschlund anlangten, worauf Ghiacuccio ans Land stieg, das Kraut aufsuchte, damit ins Schiff zurückeilte und Cianna dessen Saft in den Mund drückte, so daß sie, einem Frosch gleich, den man in die Hundsgrotte gebracht hat und dann in den See von Agnano wirft, wieder lebendig wurde. Hierüber hoch erfreut, begaben sie sich ohne Verzug zum Könige, der nicht aufhörte, seine Tochter zu umarmen und zu küssen und sich bei ihren Befreiern zu bedanken. Als sie ihn nun aber baten, daß er sein Versprechen halte, sprach er: »Welchem von euch soll ich nun meine Tochter geben? Sie ist ja kein Kuchen, den man in Stücke schneiden kann; darum kann auch mir einer den Lohn bekommen, die anderen müssen freilich leer ausgehen.« – »Herr König«, erwiderte hierauf der Älteste, der ein schlauer Patron war, »die Belohnung muß sich nach der Mühe richten; darum sehet zu, wer diesen herrlichen Bissen am meisten verdient hat, und dann entscheidet, wie es sich geziemt.« – »Du sprichst wie Salomo«, versetzte der König, darum berichtet mir alle, was ihr getan habet, damit mir zum richtigen Ausspruch nicht die richtige Einsicht fehle.« Sobald also jeder der Söhne erzählt hatte, was er zur Befreiung der Prinzessin beigetragen, wandte der König sich zu ihrem Vater und sprach: »Und was hast du dabei getan?« – »Mir scheint, das meiste«, versetzte dieser; »denn ich habe meine Söhne zu Menschen gemacht und sie für mein Geld das lernen lassen, was sie können; sonst wären sie zur Zeit noch lauter Wildstämme, wohingegen sie jetzt so schöne Früchte hervorbringen.« Als nun der König beide Parteien vernommen, die Gründe beider erwogen und noch einmal erwogen und das, was ihm recht dünkte, von allen Seiten überlegt und in Betracht gezogen hatte, sprach er seine Entscheidung dahin aus, daß seine Tochter Pacione, als ihrem Hauptbefreier, zukomme. So wurde der Spruch auch ausgeführt, den Söhnen aber eine reiche Belohnung an Geld gegeben, damit sie es auf vorteilhafte Weise anlegen sollten, während der Vater vor Freude jung wurde und des Sprichwortes eingedenk war:

Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte.

 << Kapitel 51  Kapitel 53 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.