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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 49
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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4. Die goldene Wurzel

Gar mancher von den Zuhörern hätte einen Finger seiner Hand darum gegeben, wenn er sich eine Ehehälfte ganz nach Wunsch hätte bereiten können, ganz besonders aber der Prinz, der, statt wie bisher einen Haufen Gift, einen Zuckerteig an seiner Seite gesehen hätte; da nun aber die Reihe des Märchenspiels jetzt an Tolla war, so wartete sie erst keine Exekution zur Bezahlung dieser Schuld ab, sondern sprach:

Neugier und Vorwitz haben in ihren Händen immer die Lunte bereit, um die Munition ihres Glückes in die Luft zu sprengen, so daß sehr oft, wer sich um das Tun anderer bekümmert, seine eigene Habe dabei verliert und, wer zu vorwitzig Schätzen nachgräbt, oft mit seiner Nase auf eine Kloake stößt, wie das die Tochter eines Gärtners auf folgende Weise erfuhr. Es war einmal ein sehr armer Gärtner, der trotz aller angestrengten Arbeit nichts erübrigen konnte und endlich einmal für die drei Töchter, die er besaß, drei Ferkel kaufte, damit sie sie auffüttern und so etwas zur Mitgift haben sollten. Pascuzza und Cice, die ältesten der Mädchen, trieben ihre Schweinchen auf eine schöne Wiese, gestatteten aber nicht, daß ihre jüngste Schwester Parmetella mit ihnen ging, sondern jagten sie von sich, damit sie ihr Ferkel anderswohin auf die Weide führe. Parmetella trieb also ihr Tierchen in einen Wald, in dem die Dunkelheit sich gegen die Angriffe der Sonne befestigt hatte. Als sie nun bei einer Lichtung anlangte, in deren Mitte eine Quelle, gleich einem Wirtshaus, in dem frisches Wasser geschenkt wird, mit silberner Zunge die Reisenden aufforderte, einen halben Schoppen zu trinken, sah sie einen Baum mit goldenen Blättern, von denen sie eines abpflückte und es dem Vater brachte, der es mit großer Freude für mehr als zwanzig Dukaten verkaufte und mit dem Gelde ein und das andere Loch in seiner Wirtschaft zustopfte. Als er aber seine Tochter fragte, wo sie es gefunden, erwiderte sie: »Nimm nur, was ich dir gebe, lieber Vater, und frage nicht weiter«, worauf sie es am folgenden Tage wieder so machte und den Baum so lange seiner Blätter beraubte, bis er am Ende ganz entlaubt dastand, als wäre er von den Herbststürmen geplündert worden. Da sie jedoch am Ende bemerkte, daß der Baum auch eine goldene Wurzel hatte, die sie mit den Händen nicht auszureißen vermochte, so holte sie von Hause eine Axt und fing an, den Fuß des Baumes ringsumher bloßzulegen, worauf sie, so gut es gehen wollte, die Wurzel emporhob und unter ihr eine schöne Treppe von Porphyr sah. Parmetella, die ungeheuer neugierig war, stieg diese hinunter und durchschritt dann einen sehr tiefen, langen Gang, bis sie auf eine schöne Au gelangte, auf der sich ein herrlicher Palast befand, der von lauter Gold und Silber schimmerte und nichts anderes zeigte als Perlen und Edelsteine. Als nun Parmetella außer sich vor Staunen diese Herrlichkeiten eine lange Zeit betrachtet hatte und in diesem prächtigen Wohnsitz keine lebende Seele erblickte, trat sie endlich in ein Zimmer, in dem sie eine große Anzahl Gemälde erblickte, die viele schöne Dinge darstellten, unter anderen die Dummheit eines für klug gehaltenen Menschen, die Ungerechtigkeit eines, der die Waage hielt, und die vom Himmel bestrafte Gewalttätigkeit; alles so lebendig und treu dargestellt, daß es zum Erstaunen war; außerdem befand sich im Zimmer eine reichgedeckte Tafel. Parmetella, die von ihrem Magen ungestüm gemahnt wurde und niemanden sah, setzte sich zu Tisch und fing an, sich gütlich zu tun wie ein Graf; während sie aber mitten im besten Zugreifen war, trat ein Mohr herein, der zu ihr sprach: »Bleib hier und gehe nicht von der Stelle, denn ich will dich heiraten und dich zur glücklichsten Frau der Erde machen.« Obwohl nun Parmetella einen gewaltigen Schreck bekam, faßte sie dennoch bei dem freundlichen Versprechen wieder Mut, und als sie auf den Antrag des Mohren einging, erhielt sie von ihm gleich einen Wagen aus Diamanten, der von vier Rossen aus Gold, mit Flügeln aus Smaragden und Rubinen, durch die Luft gezogen wurde, damit sie in ihm spazierenführe; außerdem bestellte ihr Gemahl noch eine Schar in Goldstoff gekleideter Affen zu ihrem Dienst, die Parmetella alsbald von Kopf bis Fuß in neue Gewänder kleideten und so herrlich schmückten, daß sie wie eine Königin aussah.

Als aber die Nacht erschien und die Sonne voll Verlangen, an den Ufern des indischen Stromes von den Mücken unbelästigt zu schlafen, das Licht auslöschte, sprach der Mohr zu Parmetella: »Wenn du Heia machen willst, liebes Kind, so leg dich in dieses Bett; wenn du dich aber in die Decke gewickelt hast, lösche das Licht aus und tue ja, wie ich dir sage; denn sonst könnte es dir schlimm ergehen.« Parmetella tat, wie ihr geheißen war, hatte jedoch kaum die Augen geschlossen, als der Mohr sich in einen schönen Jüngling verwandelte und neben sie legte. Hierüber erwachte Parmetella, und als sie merkte, daß ihre Wolle ohne Hechel gekrempelt wurde, wäre sie fast vor Schreck gestorben; da sie aber wahrnahm, daß die Sache sich auf einen innerlichen Krieg beschränke, hielt sie den wiederholten Angriffen mutig stand. Ehe sich jedoch Aurora erhob, um zur Stärkung ihres bejahrten Geliebten frische Eier zu holen, sprang der Jüngling aus dem Bett und nahm seine andere Gestalt wieder an, während Parmetella voll Neugier zurückblieb, was für ein Leckermaul das Erstlingsei einer so schönen Henne ausgeschlürft habe. Als nun wieder die Nacht erschien und Parmetella ganz wie am vergangenen Abend sich niedergelegt und die Lichter ausgelöscht hatte, erschien auch wieder der schöne Jüngling, um sich zu ihr zu legen, und als er, von seinen Kunststücken ermüdet, in Schlaf gesunken war, ergriff Parmetella ein Feuerzeug, das sie sich zur Hand gesetzt hatte, schlug den Stahl, zündete den Schwefelfaden und mit diesem das Licht an, worauf sie die Decke emporhob und das Ebenholz in Elfenbein, den Kaviar in Milch und Sahne und die Kohlen in ungelöschten Kalk verwandelt sah. Während sie jedoch so mit offenem Munde dasaß und den schönsten aller Pinselstriche, den die Natur jemals auf die Leinwand des Wunders getan, anstaunte, erwachte der Jüngling und fing an, Parmetella mit Vorwürfen zu überhäufen, wobei er ausrief: »Weh mir, um deinetwillen muß ich noch sieben Jahre lang diese verwünschte Strafe erdulden, da du aus Neugier deine Nase in meine Geheimnisse gesteckt hast; geh und mache, daß du fortkommst, pack dich aus meinen Augen und kehre zu deinen Bauerliesen zurück; denn du ahnest nicht, was für ein Glück du verlierst.« Mit diesen Worten verschwand er wie Quecksilber, während die arme Parmetella, starr und kalt vor Schreck, mit gesenktem Haupte den Palast verließ. Als sie jedoch aus dem unterirdischen Gang getreten war, begegnete sie einer Fee, die zu ihr sprach: »Dein Leid, meine Tochter, schmerzt mich in der tiefsten Seele; denn du Unglückliche gehst der Schlachtbank entgegen und hast eine haarbreite Brücke zu passieren. Um daher deiner Gefahr zuvorzukommen, nimm diese sieben Spindeln, diese sieben Feigen, dieses Näpfchen mit Honig und diese sieben Paar Eisenschuhe und wandere, ohne auszuruhen, so lange, bis sie zerreißen, dann wirst du auf einer Altane eines Hauses sieben Frauen sehen, die von oben herabspinnen und die Fäden auf Totenknochen aufgewickelt haben. Weißt du nun, was du tun sollst? Halte dich ganz ruhig und versteckt, zieh aber immer, wenn ein Faden herunterkommt, den Knochen heraus und stecke dafür eine mit Honig bestrichene Spindel an, mit einer Feige statt des Knopfes; denn wenn sie die heraufziehen und die Süßigkeit schmecken, werden sie sagen: ›Wer uns versüßt hat unseren Mund, dem werd nur süßes Leben kund.‹ Nach diesen Worten wird nun eine nach der andern sprechen: ›O du, der du uns diese Süßigkeiten gebracht hast, laß dich sehen!‹ Und du mußt dann antworten: ›Ich will nicht; denn ihr fresset mich auf.‹ Darauf werden sie erwidern: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unseren Löffel behüte.‹ Du aber rühre dich nicht und bleibe ruhig an deinem Ort; darum werden sie fortfahren: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unseren Spieß behüte.‹ Du jedoch verhalte dich regungslos, als wärest du an den Boden gewurzelt; dann werden sie weitersprechen: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unseren Besen behüte.‹ Du aber traue ihnen nicht; und wenn sie auch sprächen: ›Wir fressen dich nicht, so wahr uns Gott unseren Eimer behüte‹, so halte du dennoch deinen Mund und muckse nicht; bis sie endlich sagen werden: ›So wahr uns Gott Donnerundblitz behüte, wir fressen dich nicht.‹ Dann steige du hinauf und sei sicher, daß sie dich nicht fressen werden.« Sobald Parmetella dies vernommen hatte, fing sie, an, über Berg und Tal so lange zu wandern, bis nach Verlauf von sieben Jahren die eisernen Schuhe zerrissen und sie an einem großen Hause angelangt war, wo sie auf einem Balkon die sieben spinnenden Frauenzimmer erblickte, und nachdem sie dem Rate der Fee gemäß gehandelt und jene endlich nach tausenderlei Finten und Lockungen den Schwur bei Donnerundblitz geleistet hatten, stieg sie hinauf, worauf die Frauenzimmer zu ihr sagten: »Du schändliche Bübin bist die Ursache, daß unser Bruder zweimal sieben Jahre fern von uns in der Gestalt eines Mohren in jener unterirdischen Behausung gelebt hat; sei aber nur unbekümmert; denn wenn du es auch verstanden hast, uns durch den Schwur ein Schloß vor den Rachen zu legen, wirst du gleichwohl bei erster Gelegenheit die alte und die neue Rechnung zusammen bezahlen. Jetzt aber tu folgendes: Verbirg dich hinter diesem Trog, und wenn unsere Mutter nach Hause kommt, die dich ohne weiteres verschlingen würde, so sieh zu, daß du hinter ihren Rücken kommst; pack sie dann bei ihren Brüsten, die sie wie Quersäcke über den Schultern hängen hat, und ziehe aus Leibeskräften, ohne eher loszulassen, als bis sie bei Donnerundblitz schwört, dir nichts zuleide zu tun.« Parmetella tat, wie ihr geheißen war, und nachdem die Hexe bei der Feuerschüppe, bei der Zange, beim Spinnrade, bei der Waschrumpel, beim Topfbrett und endlich bei Donnerundblitz geschworen hatte, ließ Parmetella sie los und trat vor die Hexe, worauf diese zu ihr sprach: »Du hast mich dieses Mal drangekriegt, Bübin; aber sieh dich vor; denn bei der ersten Wäsche wirst du mit eingeseift.« Indem nun die Hexe so die Gelegenheit, Parmetella aufzufressen, wie mit Kerzen suchte, nahm sie eines Tages zwölf Säcke verschiedener Hülsenfrüchte, als Erbsen, Kichern, Linsen, Wicken, Fisolen, Bohnen, Reis und Lupinen, mengte sie untereinander und sprach zu ihr: »Hier nimm diese Hülsenfrüchte, du schändliches Weibsbild, und lies sie mir dergestalt aus, daß jede Fruchtart gesondert liegt; wenn du aber bis heute abend nicht fertig bist, so verzehre ich dich wie eine Dreiersemmel.« Die arme Parmetella setzte sich neben die Säcke hin und sprach weinend: ,,O du lieber Gott, wie ist mir doch die goldene Wurzel zur Wurzel so großer Drangsal geworden; diesmal ist es mit mir vorbei; und weil ich ein schwarzes Gesicht weiß gesehen habe, wird mir jetzt dafür ganz schwarz vor den Augen. Weh mir, meine Stunde hat geschlagen, mir ist nicht mehr zu helfen; mir scheint schon, als wäre ich zwischen den Zähnen der scheußlichen Hexe. Niemand ist da, um mir beizustehen, niemand ist da, mir zu raten, niemand ist da, mich zu trösten.« Während sie so jammerte, erschien plötzlich wie ein Blitz Donnerundblitz, der die ihm durch eine Verwünschung auferlegte Verbannungszeit beendet hatte. Obwohl er nun noch voll Zorn gegen Parmetella war, ließ ihm dennoch seine Liebe zu ihr keine Ruhe, und als er sie so laute Klagen ausstoßen hörte, fragte er sie: »Was hast du denn, Verräterin, daß du so weinst?« Worauf Parmetella ihm die üble Behandlung seitens seiner Mutter, wie sie es darauf abgesehen habe, ihr den Garaus zu machen und sie zu verschlingen, der Länge nach mitteilte. »Beruhige dich und fasse Mut«, erwiderte Donnerundblitz, »denn nichts von alledem wird geschehen.« Zugleich streute er alle Hülsenfrüchte auf die Erde und ließ eine Unzahl Ameisen hervorkommen, die sogleich anfingen, die Früchte einzeln aufzuhäufen, so daß Parmetella eine jede Gattung für sich zusammenraffen und in die Säcke füllen konnte. Als nun die Hexe nach Hause kam und alles fertig fand, geriet sie fast in Verzweiflung und rief aus: »Der verdammte Donnerundblitz hat mir diesen Streich gespielt, aber du sollst mir nicht so davonkommen; darum nimm hier diese Überzüge von Zwilch, die für zwölf Unterbetten sind, und sieh zu, daß sie bis heute abend voll Federn sind; sonst zerreiße ich dich in Stücke.« Die Ärmste nahm die Bettziechen, setzte sich auf die Erde und fing an ganz kläglich zu jammern, indem sie sich ganz zerkratzte und ihre Augen in zwei Tränenquellen verwandelte. Wiederum erschien jedoch Donnerundblitz und sprach zu ihr: »Weine nicht, Verräterin, sondern laß mich nur machen, ich werde schon für dich sorgen. Du aber löse dir deine Haare auf, breite die Bettziechen auf die Erde und fange an, zu weinen und zu heulen und rufe dabei aus, daß der König der Vögel gestorben ist, dann wirst du sehen, was geschieht.« Parmetella tat, wie ihr geheißen war, und plötzlich erschien eine Wolke von Vögeln, die die Luft verdunkelten und mit den Flügeln schlagend die Federn haufenweis herunterfallen ließen, so daß in weniger als einer Stunde die Betten voll waren.

Als nun die Hexe nach Hause kam und dies sah, schwoll sie vor Zorn dermaßen an, daß sie fast barst, wobei sie ausrief: »Donnerundblitz hat es sich in den Kopf gesetzt, mich zu ärgern; hol' mich aber dieser und jener, wenn ich sie nicht doch einmal so drankriege, daß sie mir nicht entwischen kann.« Hierauf wandte sie sich zu Parmetella und sprach: »Lauf, eile zu meiner Schwester und sage zu ihr, sie soll mir die Instrumente schicken; denn Donnerundblitz soll sich verheiraten, und wir wollen ein königliches Hochzeitsfest feiern.« Zugleich aber ließ sie der Schwester sagen, daß, wenn Parmetella um die Instrumente käme, so solle sie sie gleich schlachten und kochen; denn sie selbst würde zu ihr kommen, um an dem Mahle teilzunehmen. Als nun Parmetella sah, daß ihr leichtere Dienste auferlegt wurden, war sie ganz erfreut, da sie glaubte, daß das Wetter jetzt heiterer würde; aber wie blind sind doch oft die Menschen! – Indes begegnete ihr unterwegs Donnerundblitz, der sie, sie so rasch darauf losschreiten sehend, fragte: »Wohin gehst du da, Unglückliche? Weißt du nicht, daß du deinem Tode entgegeneilst, dir selbst deine Fesseln schmiedest, dir selbst das Messer schleifst, selbst das Gift mischst; denn du wirst zu einer Hexe geschickt, damit sie dich verschlinge. Jedoch hör mir zu und sei ohne Furcht. Nimm hier dieses Brötchen, dieses Bund Heu und diesen Stein; und wenn du in dem Hause meiner Tante anlangst, wird ein bellender Fleischerhund auf dich losstürzen, um dich zu beißen. Du aber stopfe ihm mit diesem Brötchen die Kehle. Nach dem Hunde wirst du ein Pferd frei herumlaufen sehen, das gegen dich ausschlagen und dich wird unter seine Hufe treten wollen, gib ihm aber das Bund Heu, dadurch fesselst du ihm die Füße. Zuletzt wirst du an eine Tür kommen, die immer auf- und zuschlägt; leg daher diesen Stein vor, dadurch wirst du sie zum Stehen bringen. Dann steige hinauf, wo du die Hexe mit einem kleinen Kinde auf dem Arm und das Feuer, um dich zu braten, schon angezündet finden wirst. Die Hexe wird dann zu dir sagen: ›Halte mir ein bißchen das Kind und warte so lange, bis ich die Instrumente heruntergeholt habe.‹ Sie wird jedoch nur gehen, um sich die Hauer zu wetzen und dich dann stückweis zu zerreißen. Du aber wirf inzwischen das Kind ohne Mitleid in den Ofen, denn es ist Hexenfleisch, nimm die Instrumente, die hinter der Tür stehen, und mach dich davon, ehe die Hexe zurückkehrt; denn sonst ist es mit dir vorbei. Jedoch merke dir, daß die Instrumente sich in einem Futteral befinden, das du nicht öffnen darfst, wenn es dir nicht sehr schlimm ergehen soll.« Parmetella tat, wie ihr Geliebter ihr riet, jedoch öffnete sie auf dem Heimweg das Futteral, in dem sich die Instrumente befanden – da, mit einem Male, flogen hier eine Flöte, dort eine Schalmei, hüben eine Pfeife, drüben ein Dudelsack empor, die in der Luft tausenderlei Musik machten, während Parmetella sich vor Kummer das ganze Gesicht zerkratzte.

Inzwischen kam die Hexe in die Stube zurück, und als sie Parmetella nicht mehr vorfand, trat sie an ein Fenster und rief der Tür zu: »Quetsch die Verräterin tot!« Worauf die Tür erwiderte: »Warum soll ich der Armen Böses tun? Durch sie kann ich ja endlich ruhn!« Hierauf rief die Hexe dem Pferde zu: »Tritt die Spitzbübin mit deinen Hufen tot!« Aber das Pferd versetzte: »Wenn ich sie träte, fühlt ich Reu', sie gab mir ja ein Bündel Heu!« Endlich rief die Hexe den Hund und sprach zu ihm: »Beiß die Schelmin tot!« Der Hund jedoch entgegnete: »Fürwahr, ich beiße sie nicht tot, sie gab mir ja ein groß Stück Brot!«

Parmetella aber, die indessen hinter den fortgeflogenen Instrumenten herschrie, begegnete Donnerundblitz, der sie gehörig auszankte und zu ihr sprach: »Hast du denn noch nicht auf deine Kosten gelernt, Verräterin, daß du dich durch deine verwünschte Neugier in die große Not gebracht hast, in der du bist?« So sprechend, rief er die Instrumente durch einen Pfiff herbei und schloß sie wieder ins Futteral ein, wobei er zu Parmetella sagte, daß sie sie nun der Mutter bringen solle. Als diese nun Parmetella erblickte, rief sie mit lauter Stimme: »Grausames Schicksal, sogar meine Schwester handelt mir zuwider, da sie mir nicht einmal diesen Gefallen hat tun wollen.« Bald nachher langte die Braut ihres Sohnes an, die eine wahre Pest, ein wahres Unglück, eine Harpyie, ein Gespenst, ein Grauen, ein Scheusal, ein Ungeheuer von Häßlichkeit und dabei die leibhaftige Schwindsucht war und durch die Blumen und Reiser, mit denen sie sich aufgeputzt hatte, wie ein neueröffnetes Wirtshaus aussah. Die Hexe veranstaltete nun gleich ein großes Fest, und da sie noch ganz voll Gift und Galle war, ließ sie den Tisch nahe bei einem Brunnen aufstellen und setzte die sieben Töchter, jede mit einer Fackel in der Hand, daneben hin, Parmetella aber gab sie deren zwei und wies ihr außerdem ihren Platz auf dem Rande des Brunnens an, damit sie, wenn sie schläfrig würde, hinunterstürze. Während nun die Speisen auf- und abgetragen wurden und die Köpfe schon anfingen, warm zu werden, sprach Donnerundblitz, dem vor seiner Braut sehr übel zumute war, zu Parmetella: »Liebst du mich, Verräterin?« Worauf diese erwiderte: »Mehr als mich selbst.« – »Nun denn, wenn du mich liebst«, entgegnete Donnerundblitz, »so gib mir einen Kuß.« – »Behüte Gott«, versetzte Parmetella, »das sei fern von mir; du hast ja ein so niedliches Geschöpf neben dir, die der Himmel dir hundert Jahre lang bei Gesundheit und zahlreicher Nachkommenschaft bewahren möge.« – »Man sieht wohl, was du für ein einfältiges Ding bist und bleiben wirst, wenn du auch ewig lebtest«, sprach nun die Braut, »da du die Spröde spielst und einem so hübschen Jüngling keinen Kuß geben willst; denn ich habe mich für ein paar Kastanien von einem Viehhirten nach Herzenslust küssen lassen.« Der Bräutigam wurde bei diesen Worten ganz giftig und schwoll an wie eine Kröte, so daß ihm das Essen im Halse steckenblieb, gleichwohl machte er gute Miene zum bösen Spiel und verschlang die Pille, indem er sich vornahm, sich späterhin zu revanchieren und die Rechnung auszugleichen. Als man nun abgegessen hatte, schickte er die Mutter und die Schwestern fort, während er selbst, die Braut und Parmetella zurückblieben, um zu Bett zu gehen. Als er sich nun von Parmetella die Schuhe ausziehen ließ, sprach er zu seiner Braut: »Hast du achtgegeben, liebes Weibchen, wie dieses hochmütige Ding mir einen Kuß verweigerte?« – »Sie hat unrecht getan«, versetzte die Braut, »dir den Kuß abzuschlagen, da du ein so hübscher Mann bist; denn ich habe mich für ein paar Kastanien von einem Schafhirten küssen lassen.« Donnerundblitz konnte sich nun nicht länger halten, sondern mit Blitzen von Zorn und Donner von Taten, ergriff er, da ihm diese Rede zu sehr in die Nase gefahren war, ein Messer, stach die Braut nieder und vergrub sie in ein Loch, das er im Keller machte. Hierauf umarmte er Parmetella und sprach zu ihr: »Du bist mein Juwel, du bist die Blume der Frauen und der Spiegel der Ehre; schau mich daher mit deinen Augen an, gib mir deine Hand, reiche mir deinen Mund, nähere dich mir, die du mein Leben bist, denn ich will dein sein, so lange die Welt besteht.« So sprechend ging er mit Parmetella zu Bett und scherzte mit ihr, bis die Sonne die Feuerrosse aus dem Wasserstalle zieht und auf die von Aurora besäten Felder auf die Weide führt. Als nun die Hexe mit frischen Eiern erschien, damit die Neuvermählten sich stärken sollten und die junge Frau sagte: »Glückselig die, die sich verheiratet und eine Schwiegermutter bekommt!«, sie Parmetella aber in den Armen ihres Sohnes fand und außerdem noch vernahm, was vorgefallen war, eilte sie zu ihrer Schwester, um mit ihr zu überlegen, wie sie sich diesen Dorn aus den Augen schaffen könnte. Sie fand jedoch, daß diese aus Schmerz über ihre im Ofen gebratene Tochter gleichfalls in den Ofen gekrochen war und daß bereits der Brandgeruch die ganze Nachbarschaft verpeste, worüber die Hexe in solche Verzweiflung geriet, daß sie gleich einem Widder so lange mit dem Kopf gegen die Mauer rannte, bis sie ihr Gehirn verspritzt hatte. Donnerundblitz aber söhnte Parmetella mit seinen Schwestern aus, worauf sie sämtlich ein frohes und fröhliches Leben führten und die Wahrheit des Sprichwortes erkannten:

Geduld überwindet alles.

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