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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 46
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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1. Die Gans

Es ist ein wahres Wort, das Hesiod gesprochen, daß der Handwerker dem Handwerker, der Schmied dem Schmied, der Musiker dem Musiker, der Nachbar dem Nachbar und der Bettler dem Bettler übel will, denn es gibt keinen Winkel im ganzen Weltgebäude, an den die verdammte Spinne des Neides, die von nichts anderem lebt als vom Schaden des Nächsten, nicht ihre Gewebe hängt; wie ihr dies besonders aus folgender Erzählung sehen werdet.

Es waren einmal zwei Schwestern, die in bitterer Not steckten und sich nur dadurch auf das kümmerlichste ernährten, daß sie sich von früh bis spät die Finger naß machten und dann das bißchen Gespinst verkauften. Trotz diesem elenden Leben aber gelang es der weißen Kugel der Armut doch nicht, beim Zusammentreffen mit der roten der Ehre, diese wegzustoßen, weswegen der Himmel, der sich in der Belohnung des Guten stets ebenso freigebig zeigt wie in der Züchtigung des Bösen, die armen Mädchen auf den Gedanken brachte, auf den Markt zu gehen, dort einige Gebund Garn feilzubieten und dann für die paar Groschen, die sie dafür bekämen, eine Gans zu kaufen. Gesagt; getan, sie brachten die Gans nach Hause und pflegten sie mit so vieler Liebe und Sorgfalt wie eine leibliche Schwester, indem sie sie sogar in ihrem eigenen Bette schlafen ließen. So geschah es nun, daß endlich einmal für die armen Mädchen heiteres Wetter eintrat; denn ganz unversehens fing die Gans an, von hinten Goldtaler von sich zu geben, so daß die Schwestern nach und nach einen großen Kasten mit ihnen anfüllten, und da sie nun Geld hatten wie Mist, den Kopf höher zu tragen und auch in ihrem Äußeren viel stattlicher auszusehen begannen als früher; weshalb zwei von ihren Bekanntinnen, die sich eines Tages zum Klatschen zusammengefunden hatten, folgendermaßen zueinander sprachen: »Habt ihr gesehen, Gevatterin Vasta, wie es jetzt mit Lilla und Lolla geht? Es ist noch nicht lange her, so hatten sie kaum ein paar Lumpen, um sich die Blöße zu bedecken, jetzt gehen sie in Staat und Prunk einher, wie vornehme Damen; man sieht auch an ihren Fenstern immer Hühner und Töpfe mit Fleisch, die einen ordentlich anlachen. Was mag da wohl vorgegangen sein? Sie müssen entweder das Faß der Ehre angezapft oder einen Schatz gefunden haben.« – »Ich bin außer mir vor Verwundern, Gevatterin Perna«, erwiderte Vasta, »denn da ich eben glaubte, daß sie ganz heruntergekommen sind, sehe ich sie obenauf, so daß es mir scheint, als ob ich träume.« Nach diesen und vielen anderen ähnlichen Reden machten sie, vom Neide getrieben, ein Loch in die Wand, die sich zwischen ihrem Hause und dem der Schwestern befand, um sie zu belauschen und zu sehen, ob sie vielleicht ihrer Neugier einige Nahrung geben könnten. Sie spähten auch wirklich so lange, bis sie eines Abends, als die Sonne mit dem Lineal der Strahlen auf die Bänke des indischen Meeres schlug, um den Tagesstunden das Zeichen zum Feierabend zu geben, Lilla und Lolla ein Laken auf die Erde breiten, eine Gans darauf setzen und diese einen solchen Durchfall von Talern von sich geben sahen, daß sie Maul und Augen aufsperrten.

Als nun der Morgen erschien und Apoll mit seinen goldenen Ruten die Schatten vom Himmel verscheuchte, besuchte Vasta die beiden Mädchen, und nach tausenderlei Umschweifen in die Länge und in die Breite kam sie endlich auf die Hauptsache, indem sie sie bat, ihr doch auf ein paar Stunden die Gans zu leihen, um einige junge Gänschen, die sie gekauft, ans Haus zu gewöhnen; und so viel und so lange sprach sie, bis die beiden einfältigen Dinger, teils weil sie aus Gutmütigkeit nichts abschlagen konnten, teils um in der Gevatterin keinen Verdacht zu erwecken, ihr die Gans liehen, unter der Bedingung jedoch, daß sie sie recht bald wiederbringe. Die Nachbarin suchte nun sogleich ihre andere Gevatterin auf, und ohne Verzug breiteten sie dann auf die Erde ein Laken, auf das sie die Gans setzten, die jedoch, anstatt in ihrem Hintern ein dukatenprägendes Münzamt zu eröffnen, alsbald einen Abtrittkanal auftat und das Weißzeug der armen Frauen dergestalt mit Gilbkraut färbte, daß sich der Geruch davon ebenso durch das ganze Haus verbreitete wie sonntags der aus den Bratpfannen. Als die Gevatterinnen dies wahrnahmen, dachten sie, daß die Gans bei gutem Futter besseren Stoff zum Stein der Weisen ansetzen würde. Sie gaben ihr daher so reichlich zu fressen, daß es ihr bis zum Kopf heraufstand, und setzten sie dann wieder auf ein reines Laken; wenn aber die Gans sich früher gar nicht hartleibig gewiesen hatte, so bekam sie jetzt sogar einen Durchfall, zu dem auch die Unverdaulichkeit das Ihrige beitragen mochte. Hierüber gerieten aber die beiden Frauen in solchen Zorn, daß sie der Gans den Hals umdrehten und sie durch das Fenster in ein Sackgäßchen schleuderten, durch das gewöhnlich niemand ging und wohin man den Unrat zu werfen pflegte.

Der Zufall aber, der, wenn man es am wenigsten erwartet, die seltsamsten Dinge zutage fördert, fügte es, daß der Sohn eines Königs, der auf die Jagd gegangen war, es plötzlich dermaßen in den Leib bekam, daß er Degen und Roß einem Diener zu halten gab, hierauf in jenes Gäßchen trat, um seine Notdurft zu verrichten, und nachdem er fertig war, sich der frischgetöteten Gans als Reinigungsmittel bediente, da er gerade kein Papier in der Tasche hatte. Die Gans aber, die keineswegs tot war, fuhr mit ihrem Schnabel dem armen Prinzen dergestalt ins Fleisch, daß er ein lautes Geschrei erhob, worauf seine Leute herbeieilten und die Gans losreißen wollten, doch gelang es ihnen nicht; denn sie hatte sich wie eine Furie, ein geflügelter Blutegel, wie ein Vampir an ihn gehängt, so daß der Prinz, der es nicht länger vor Schmerz ausholten konnte und die vergeblichen Bemühungen seiner Diener sah, sich auf ihren Armen in den königlichen Palast tragen und dann die geschicktesten Doktoren herbeirufen ließ. Die konsultierten nun angesichts der verletzten Stelle lange hin und her und wandten alle nur erdenklichen Mittel an, um der Sache abzuhelfen, indem sie Salben aufstrichen, Zangen anlegten und Pulver aufstreuten; da aber die Gans festsaß wie eine Filzlaus, die man nicht durch Quecksilber, und wie ein Blutegel, den man nicht durch Essig losbekommen kann, so ließ der Prinz öffentlich bekanntmachen, daß, wer ihn von diesem beschwerlichen Anhängsel seines Hinterteils zu befreien vermöchte, wenn es ein Mann wäre, das halbe Königreich erhalten, wäre es aber ein Weib, sie seine Gemahlin werden sollte. Alsbald sah man die Leute scharenweise herbeikommen und ihre Nase in Dinge stecken, bei denen sie nichts helfen konnten; denn je mehr Mittel angewandt wurden, desto fester biß sich die Gans und desto mehr kniff sie den armen Prinzen, daß es schien, als hätten alle Rezepte Galens, alle Aphorismen des Hippokrates und alle Heilmittel der Welt sich gegen den Podex zur Qual des Unglücklichen verschworen. Das Schicksal fügte es aber, daß nach so vielen Leuten, die herbeikamen, um ihre Geschicklichkeit zu versuchen, endlich auch Lolla, die jüngste der beiden Schwestern, erschien. Kaum hatte sie die Gans erblickt, so erkannte sie sie auch auf der Stelle und rief aus:

»Mein liebes Wulli-Wulli!« Als nun die Gans die Stimme ihrer treuen Pflegerin vernahm, ließ sie gleich ihre Beute los und lief ihr entgegen, indem sie ihr schmeichelte und sie küßte und den Hintern eines Prinzen sehr gern mit dem Mund einer Bäuerin vertauschte. Beim Anblick dieses seltsamen Vorfalles wollte der Prinz wissen, wie die Sache zusammenhing, und da er auf diese Weise hinter den Streich der beiden Gevatterinnen kam, ließ er sie aus dem Lande peitschen und auf ewige Zeiten verbannen, heiratete hierauf Lolla, die ihm die zahllose Schätze machende Gans als Aussteuer mitbrachte, und gab auch Lilla einen steinreichen Mann. So lebten nun alle in Glück und Freude trotz den Gevatterinnen, die den beiden Schwestern den vom Himmel gewiesenen Weg zum Reichtum versperren wollten und ihnen gerade dadurch einen andern zur Glückseligkeit eröffneten, so daß es sich am Ende klar erwies:

Es bringen Hindernisse manchmal Hilfe nur.

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