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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 43
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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9. Der Rabe

Wenn ich hundert Kehlen, die nimmer schwiegen, eine Brust von Erz und tausend Lungen von Stahl hätte, könnte ich dennoch nicht beschreiben, wie sehr die Geschichte Paolas gefiel, als man vernahm, wie keins der guten Werke, die sie getan, ohne Belohnung geblieben war, so daß die Dosis der Bitten, mit denen Ciometella die ihrige erzählen sollte, verdoppelt werden mußte, da einige von den noch übrigen Erzählerinnen den Mut verloren hatten, den Wagen des fürstlichen Befehls zu ziehen; da sie jedoch nicht umhinkonnte, zu gehorchen, um nicht das ganze Spiel zu verderben, begann sie endlich also:

Es ist in der Tat ein wahres Sprichwort: »Besser blind an Gesicht als blind an Verstand.« Aber so schwer, zu erreichen, daß der Verstand nur weniger Menschen den Nagel auf den Kopf trifft; vielmehr sind die meisten im dichten Wald der Ereignisse dieser Welt nur schlechte Jäger, die nichts als Böcke schießen, und wer das, worauf er zielt, am genauesten aufs Korn nehmen will, schießt gerade oft am weitesten vorbei; die natürlichste Folge ist dann, daß alle wie blind darauf loslaufen, alle sich vergeblich abmühen, alle schief urteilen, alle albern handeln, alle ins Blinde hineinfahren und für den Unglückspreis eines ungereimten Entschlusses sich eine verständige Reue erkaufen, wie es bei dem König von Dunkelbusch der Fall war, und ihr sollt vernehmen, wie es ihm erging, wenn ihr mich durch die Klingel der Freundlichkeit ins Sitzungszimmer der Nachsicht beruft, um mir für kurze Zeit ein geneigtes Gehör zu vergönnen.

Es war einmal ein König von Dunkelbusch, namens Millucio, der die Jagd so leidenschaftlich liebte, daß er die notwendigsten Geschäfte der Regierung und seines Hauses vernachlässigte, um der Fährte eines Hasen und dem Flug einer Drossel nachzugehen. Während er aber diesem Vergnügen auf solche Weise oblag, führte der Zufall ihn eines Tages in einen Wald, der aus seinem Erdreiche und seinen Bäumen eine dichtgedrängte Schlachtreihe gebildet hatte, damit sie von den Sonnenrossen nicht durchbrochen würde. Dort fand der König nun auf einem schönen Marmorstein einen frischgetöteten Raben, und als er dessen purpurrotes Blut über den schneeweißen Stein gespritzt sah, stieß er einen tiefen Seufzer aus und rief: »Himmel, könnte ich nicht eine so weiß und rote Frau bekommen, wie dieser Stein hier ist, deren Haare und Augenbrauen so schwarz wären wie die Federn dieses Raben?« In diesen Gedanken versenkte er sich dermaßen, daß er eine Zeitlang dem Steine glich und eine Marmorstatue schien, die sich um die Liebe eines anderen Marmors bewarb.

Während er sich nun diesen unseligen Gedanken in den Kopf setzte und ihn ohne Unterlaß mit der Speise des Verlangens nährte, wuchs er unversehens vom Zahnstocher zum Balken, vom Holzapfel zum indischen Kürbis, vom Schürhaken zum Hochofen, vom Zwerg zum Riesen empor, so daß er an nichts anderes dachte als an jenes Bild, das in seinem Herzen wie ein Stein in ein Mosaik eingefügt war. Wohin er auch die Augen wandte, zeigten sie ihm jene Gestalt, die er in der Brust umhertrug, und alles übrige vergessend, hatte er nichts anderes im Kopf als jenen Marmor, ja, er schliff sich stets so sehr an diesem Stein, daß er zuletzt selbst so dünn aussah wie eine Messerschneide, und der Stein ihm zum Mühlstein wurde, der ihm alle Lebensfreude zermahlte, zum Porphyr, auf dem die Farben seiner Tage zerrieben wurden, zum Feuerzeug, der das Schwefelholz seiner Seele in Brand steckte, zum Magnet, der ihn anzog, zu einem Steine endlich, der nimmer ruhen konnte; so daß sein Bruder Jennariello, der ihn so bleich und entstellt umherschleichen sah, endlich zu ihm sprach: »Was ist denn mit dir vorgegangen, lieber Bruder, daß sich der Schmerz in deinen Augen einquartiert und die Verzweiflung sich unter der verblaßten Fahne deines Angesichts hat anwerben lassen? Was ist dir denn zugestoßen? Sprich, öffne deinem Bruder dein Herz; der in einer Stube eingeschlossene Kohlendampf betäubt die darin befindlichen Personen, das in einen Felsen gebrachte Pulver zersprengt ihn in Trümmer in die Luft; die Krätze, die nicht zum Ausbruch kommt, verdirbt das Blut; die im Körper verhaltenen Winde erzeugen Blähungen und Kolik; darum tue deinen Mund auf und sage mir, was dir ist; wenigstens kannst du dich versichert halten, daß ich tausend Leben daransetzen würde, um dir zu helfen.« Milluccio stieß hierauf ein Gemisch von Worten und Seufzern aus, dankte ihm für sein Anerbieten und sagte, daß er an seiner Liebe nicht zweifle, daß aber seinem Kummer nicht abzuhelfen wäre, da er von einem Steine herkäme, auf den er seine Wünsche ohne Hoffnung auf Frucht gesät hätte; von einem Steine, von dem er nicht einmal einen Pilz von Befriedigung erwarte; von einem Sisyphussteine, den er auf den Berg der Pläne trüge und der, auf dem Gipfel angelangt, husch, wieder hinunterrolle. Endlich aber, nach vielen Bitten, teilte er seinem Bruder alle näheren Umstände seiner unglücklichen Liebe mit, worauf Jennariello ihn, so gut er konnte, tröstete und zu ihm sagte, er solle nur guten Mutes sein und sich seinen traurigen Gedanken nicht zu sehr ergeben; denn er wäre entschlossen, um seinetwillen die Welt so lange zu durchziehen, bis er eine Frau fände, die das Abbild jenes Steines wäre. Jennariello ließ hierauf sogleich ein großes Schiff ausrüsten, belud es mit Waren und segelte als Kaufmann gekleidet nach Venedig, dem Spiegel Italiens, dem Sammelplatz aller tugendhaften und gescheiten Menschen und Hauptbuch aller Wunder der Kunst und Natur, woselbst er sich einen Geleitbrief zur Fahrt nach der Levante ausfertigen ließ und dann nach Kairo unter Segel ging. Als er dort angelangt und in die Stadt gegangen war, sah er einen Mann, der einen sehr schönen Falken trug, den Jennariello gleich kaufte, um ihn seinem Bruder zu bringen, da dieser ein leidenschaftlicher Jäger war. Bald nachher begegnete er einem anderen Mann mit einem herrlichen Rosse, das er gleichfalls kaufte, worauf er sich in ein Wirtshaus begab, um sich von den Mühseligkeiten der Seereise zu erholen. Am folgenden Morgen aber, um die Zeit, wo das Heer der Sterne beim Feuer des Sonnengenerals die Zelte auf der Himmelsebene abbricht und sich zurückzieht, fing Jennariello an, die Stadt zu durchwandern, indem er seine Augen wie ein Luchs überall umherwarf und alle Frauen, die er auf seinem Wege antraf, genau betrachtete, um zu sehen, ob er vielleicht auf einem Angesicht von Fleisch eine Ähnlichkeit mit einem Steine wahrnehme. Während er nun so ohne bestimmtes Ziel überall umherging und wie ein Dieb, der Furcht vor den Häschern hat, sich bald da-, bald dorthin wandte, begegnete er einem Bettler, der ein ganzes Hospital von Pflastern und eine ganze Trödelbude von Lumpen auf dem Leibe hatte und zu ihm sprach: »Was ist dir denn, wackrer Mann? Du bist ja so niedergeschlagen.« – »Was nützte es, dir das zu sagen?« versetzte Jennariello. »Es wäre nur verlorene Müh und so gut wie tauben Ohren gepredigt.« – »Nur sachte, Freund«, erwiderte der Bettler, »wenn Darius nicht einem Stallknechte das, was ihn drückte, erzählt hätte, wäre er nicht Herr von ganz Persien geworden. Es liegt daher nichts dran, wenn du einen Bettler wissen lassest, was du auf dem Herzen hast; denn es ist kein Spänchen so dünn, daß es nicht als Zahnstocher dienen könnte.« Als Jennariello den Bettler so verständig und überlegt reden hörte, teilte er ihm mit, was ihn in jenes Land geführt hatte, worauf der Bettler erwiderte: »Nun sieh, mein Sohn, wie man niemand verachten muß; denn wenn ich auch nur Kehricht bin, bin ich doch gut genug, das Feld deiner Hoffnungen zu düngen. Gib also wohl acht, was ich dir jetzt sage. Ich werde nämlich unter dem Vorwand, ein Almosen zu erbitten, an die Haustür der jungen und schönen Tochter eines Zauberers pochen, dann tue die Augen gehörig auf, sieh sie an, beschaue sie, betrachte sie, begucke sie, miß sie von Kopf bis Fuß; denn du wirst in ihr das Abbild derjenigen finden, die dein Bruder wünscht.« So sprechend, klopfte der Bettler an die Tür eines nicht weit entfernten Hauses, worauf Liviella öffnete und ihm ein Stück Brot zuwarf. Als Jennariello sie erblickte, glaubte er ein Gebäude nach dem ihm von seinem Bruder gegebenen Modell vor sich zu sehen; er gab daher dem Bettler ein reiches Almosen und entließ ihn, er selbst aber kehrte in das Wirtshaus zurück, verkleidete sich dort als Tabulettkrämer, indem er in zwei Kasten die herrlichsten Sachen der Welt mit sich führte, und ging hierauf, seine Waren ausrufend, so lange vor dem Hause Liviellas auf und ab, bis sie ihn hineinrief und all die schönen Krausen, Schleier, Bänder, Flore, Kanten, Spitzen, Halstücher, Kragen, Nadeln, Schminktöpfchen und den herrlichen Kopfputz, den er mit sich führte, in Augenschein nahm. Nachdem sie alle seine Sachen immer wieder von neuem betrachtet hatte, sagte sie zu ihm, daß er ihr noch irgend etwas Schönes zeigen sollte, weshalb Jennariello erwiderte: »In diesen beiden Kasten, edle Jungfrau, habe ich nur wohlfeile und gewöhnliche Dinge. Wenn Ihr aber die Gewogenheit besitzen wollet, auf mein Schiff zu kommen, so würde ich Euch die seltensten Dinge der Welt vorzeigen können; denn dort habe ich Kostbarkeiten, die eines gekrönten Hauptes würdig sind.« Liviella, die, um der Weibernatur keinen Abbruch zu tun, das gehörige Maß Neugier besaß, versetzte darauf: »Fürwahr, wenn mein Vater nicht eben aus dem Hause wäre, so wollte ich wohl einmal einen Spaziergang nach Eurem Schiff machen.« – »Desto eher könntet Ihr jetzt hinkommen«, entgegnete Jennariello, »denn er würde Euch vielleicht diese Freude nicht bewilligen, und ich verspreche, Euch Herrlichkeiten zu zeigen, daß Ihr darüber außer Euch geraten werdet; Halsbänder und Ohrgehänge, Kästchen, Putztische und Papparbeiten, mit einem Wort Dinge, daß Ihr vor Staunen die Hände zusammenschlagen sollt.« Als nun Liviella diese schönen Sachen alle aufzählen hörte, rief sie eine Nachbarin, damit sie sie begleite, und begab sich nach dem Schiffe. Kaum aber hatte sie es bestiegen, so ließ Jennariello, während er sie durch den Anblick der vielen Herrlichkeiten, die er mitgebracht, gefesselt hielt, die Anker lichten und die Segel aufspannen, so daß sie, ehe Liviella die Augen von den Waren abgewandt und wahrgenommen, daß sie das Ufer verlassen hatten, sich schon weit auf hoher See befanden. Kaum wurde jedoch Liviella den ihr gespielten Streich endlich gewahr, so fing sie an, Ariosts Olympia im verkehrten Sinne zu spielen; denn während jene darüber gejammert hatte, daß sie auf einem Felsen zurückgelassen wurde, jammerte Liviella darüber, die Felsen des Ufers zu verlassen. Als aber Jennariello ihr sagte, wer er sei, wohin er sie führe, was für ein Glück sie erwarte und ihr außerdem die Schönheit, die herrlichen Eigenschaften und die Tugenden Milluccios, besonders aber die Liebe schilderte, mit der er sie empfangen würde, brachte er es endlich so weit, daß sie sich beruhigte, ja sogar den Wind anflehte, sie so schnell als möglich das vollständige Bild des Umrisses, den Jennariello ihr gezeichnet, sehen zu lassen. Indem sie nun so fröhlich weiterschifften, fingen plötzlich die Wellen unter dem Schiff zu murren an, so daß, obwohl sie anfangs nur ganz leise redeten, der Schiffspatron, der diese Art Sprache sehr wohl verstand, ausrief: »Hallo, jeder auf seinen Platz; denn es naht ein Sturm, bei dem uns Gott, gnädig sein möge.« Kaum waren diese Worte gesprochen, so wurden sie auch schon durch das Pfeifen des Windes bestätigt, und im selben Augenblick war der Himmel mit Wolken bedeckt, und das Meer fing an, hohl zu gehen. Da nun die Wogen, voller Neugier zu wissen, was sie nichts anging, ungeladen auf das Verdeck kamen, so schöpfte sie der mit einer Wanne in einen Zuber, jener jagte sie mittels einer Pumpe hinaus, und während von den Matrosen, weil es sich um eigene Sache handelte, der eine auf das Steuer, der andere auf das Segel, der dritte auf das Tauwerk achtete, stieg Jennariello zum Mastkorb empor, um mit einem Fernrohr umherzuspähen, ob er vielleicht Land entdecke, wo sie Zuflucht finden könnten. Als er nun dabei war, eine Entfernung von fünfzig Meilen mit zwei Spannen Sehrohr zu durchmessen, sah er plötzlich ein Taubenpaar herbeifliegen, das sich auf eine Segelstange niedersetzte, worauf das Männchen sagte: »Ruck, ruck!« und das Weibchen ihn fragte: »Was hast du denn, lieber Mann, daß du so klagst?« – »Der arme Prinz«, versetzte der Täuberich, »hat einen Falken gekauft, der kaum in die Hände seines Bruders gelangt, ihm die Augen auskratzen wird, doch brächt' er ihn nicht, weil's ihn tat' reun, oder sollte er ihm Warnung leihn, so würde er zum Marmelstein.« Hierauf rief jener wiederum: »Ruck, ruck!« Und wiederum fragte das Weibchen: »Klagst du noch immer? Ist noch etwas los?« – »Jawohl«, versetzte der Täuberich, »denn er hat auch ein Pferd gekauft, und das erste Mal, wenn sein Bruder darauf wird Reiter sein, bricht alsbald er Hals und Bein; doch brächt' er's nicht, weil's ihn tat' reun, oder sollte er ihm Warnung leihn, so würde er zum Marmelstein!« Kaum hatte der Täuberich dies gesprochen, so rief er wieder: »Ruck, ruck!« – »Himmel, so viele Ruck, ruck«, sprach die Taube, »was ist denn nun noch los?« Und jener fuhr fort: »Der Prinz bringt seinem Bruder auch eine schöne Frau; aber die erste Nacht, wo sie beieinander schlafen, werden sie beide von einem greulichen Drachen verschlungen werden; doch brächt' er sie nicht, weil's ihn tat' reun, oder sollte er ihm Warnung leihn, so würde er zum Marmelstein.« Noch hatte er diese Worte nicht beendet, so ließ der Sturm nach, und die Unruhe des Meeres wie das Toben des Windes legte sich; aber nun erhob sich in der Brust Jennariellos ein weit größrer Sturm durch das, was er gehört hatte, und wohl zwanzigmal wollte er alle jene Dinge in die See werfen, um seinem Bruder nicht die Ursache seines Verderbens zu bringen, anderseits aber dachte er an sich selbst und daß die ganze Sache ihn selbst so nahe anging, indem er, wenn er seinem Bruder die Geschenke nicht brächte oder ihn warnte, in einen Marmorstein verwandelt zu werden fürchtete, weshalb er auch beschloß, lieber an den Eigennamen als an den Rufnamen zu denken, da das Hemd ihm näher war als der Rock.

Als er nun im Hafen von Dunkelbusch ankam, fand er den Bruder schon am Ufer, der das Schiff hatte zurückkehren sehen und ihn daher voll Hoffnung erwartete. Sobald er daher sah, daß Jennariello ihm die brachte, die er in seinem Herzen trug, und nach Vergleichung beider Gesichter wahrnahm, daß auch nicht der mindeste Unterschied zwischen ihnen bestand, empfand er so große Glückseligkeit, daß die zu schwere Bürde der Wonne ihn fast unter ihrer Last erdrückt hätte. Seinen Bruder mit großer Freude umarmend, sprach er deshalb: »Was ist das für ein Falke, den du da auf der Faust trägst?« – Jennariello versetzte: »Ich habe ihn für dich zum Geschenk gekauft.« – »Da sehe ich wohl«, entgegnete Milluccio, »daß du mich liebst, da du dir alle Mühe gibst, all meine Wünsche zu erfüllen, und wenn du mir einen kostbaren Schatz gebracht hättest, so würde er mir fürwahr nicht soviel Freude gemacht haben wie dieser Falke.« Während er ihn aber eben in die Hand nehmen wollte, ergriff Jennariello rasch ein großes Messer, das er an der Seite hängen hatte, und hieb dem Vogel den Kopf ab. Als der König dies sah, wurde er von größtem Staunen ergriffen und glaubte, sein Bruder sei närrisch geworden, daß er eine solch wahnsinnige Handlung begangen hatte; um aber die Freude des Wiedersehens nicht zu trüben, schwieg er still. Als er hierauf das Pferd erblickte und auf seine Frage, wem es gehöre, vernahm, daß es sein wäre, wandelte ihn das Verlangen an, es einmal zu reiten; während er sich jedoch die Steigbügel halten ließ, durchschnitt Jennariello schnell mit dem Messer die Beine des Rosses. Dies fuhr dem König gewaltig in die Nase, da er glaubte, daß Jennariello ihm dies aus Bosheit getan, und der Kamm begann ihm zu schwellen; doch schien es ihm nicht an der Zeit, seinem Unmut Luft zu machen, um seiner Braut nicht gleich das erste Zusammentreffen zu verbittern. Von dieser aber verwandte er seine Augen nicht eine Minute lang und drückte ihr fortwährend die Hände; im königlichen Palaste angelangt, lud er hierauf alle vornehmen Herren und Damen der Stadt zu einem schönen Feste ein, bei dem man im Saal eine ganz natürliche Reitschule voller Pferde, die Kurbetten und Kreuzvolten machten, nebst einer Anzahl Füllen in Gestalt von Frauen erblickte; nach Beendigung des Balles aber und nachdem man einem reichlichen Mahl den Garaus gemacht, begab man sich zur Ruhe.

Jennariello aber, der an nichts anderes dachte, als seinem Bruder das Leben zu retten, verbarg sich hinter dem Bett des Brautpaars, und indem er so bereitstand, die Ankunft des Drachens abzuwarten, erschien plötzlich um Mitternacht ein greuliches Untier in dem Gemach, das Flammen aus den Augen und schwarzen Dampf aus dem Rachen spie und durch den Schrecken, den es durch seinen Anblick einflößte, ein guter Makler für Apotheker gewesen wäre und allen ihren Niederschlagpulvern raschen Absatz verschafft hätte. Kaum erblickte also Jennariello das Ungeheuer, so fing er an, mit einem Damaszenersäbel, den er unter dem Mantel hatte, auf den Drachen rechts und links loszuhauen, und unter anderem holte er einmal so gewaltig aus, daß er einen Pfosten des Bettes, in dem der König schlief, mittendurch hieb, so daß dieser bei dem Geräusch erwachte und der Drache verschwand. Als nun Milluccio seinen Bruder mit einem Schwert in der Hand dastehen und den Bettpfosten durchgehauen sah, erhob er ein lautes Geschrei und rief: »Heda, holla, Leute! Hilfe! Hilfe! Dieser Verräter von einem Bruder will mich ermorden!« Bei diesem Lärm eilten einige Kammerdiener, die im Vorzimmer schliefen, herbei, so daß der König Jennariello alsbald ergreifen und ins Gefängnis bringen ließ. Kaum aber öffnete die Sonne am darauffolgenden Morgen ihr Kontor, um den Gläubigern des Tages ihre Lichtforderungen auszuzahlen, so berief Milluccio seine Räte, und nachdem er ihnen den Vorfall mitgeteilt, zu dem noch die bei der Tötung des Falken und des Rosses an den Tag gelegte böse Absicht, den König zu kränken, hinzutrat, waren alle der Meinung, daß Jennariello den Tod verdiene; und selbst die Bitten Liviellas vermochten es nicht, das Herz des Königs zu erweichen, der vielmehr sagte: »Fürwahr, du liebst mich nicht, Frau, da dir das Leben des Schwagers mehr gilt als das deines Mannes; denn mit deinen eigenen Augen hast du gesehen, wie der Meuchelmörder mich mit einer Klinge, die ein Haar in der Luft durchgespalten hätte, durchbohren wollte; und wenn die Säule des Bettes für mich nicht zur Säule des Lebens geworden wäre und mich geschützt hätte, wärst du jetzt deines Gemahls beraubt.« So sprechend befahl er, der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen. Als Jennariello nun sein Urteil vernahm und dadurch, daß er recht gehandelt, sich in solches Unglück gestürzt sah, wußte er sich weder zu retten noch sich zu helfen; denn wenn er nicht sprach, so war es schlimm für ihn, im umgekehrten Falle aber noch schlimmer; wie er sich auch drehen mochte, war er übel dran und mußte fürchten, aus dem Regen in die Traufe zu kommen; denn wenn er schwieg, verlor er den Kopf unter dem Eisen, und wenn er sprach, beschloß er sein Leben in einem Stein. Endlich nach vielfachem Wechseln seines Entschlusses blieb er dabei stehen, seinem Bruder alles zu entdecken; da er nämlich durchaus sterben mußte, so hielt er es für besser, seinen Bruder von der Wahrheit zu unterrichten und seine Tage zu beenden, nachdem er sich in seinen Augen als unschuldig bewiesen, als die Wahrheit für sich zu behalten und wie ein Verräter aus der Welt geschafft zu werden. Er ließ daher den König wissen, daß er mit ihm von etwas höchst Wichtigem zu sprechen habe, und vor ihn geführt, machte er erst eine lange Einleitung von der Liebe, die er stets für seinen Bruder gehabt, dann ging er auf die Täuschung über, die er gegen Liviella ausgeführt, um seine Wünsche zu befriedigen, ferner auf das, was er von den Tauben über den Falken vernommen, und daß er, um nicht in einen Marmorstein verwandelt zu werden, ihn ihm zwar brachte, aber ohne ihm das Geheimnis zu offenbaren, den Vogel tötete (bei welchen Worten Jennariello bereits fühlte, wie seine Beine erstarrten und zu Marmor wurden); und indem er ebenso die Sache von dem Pferde berichtete, verwandelte er sich zusehends bis an den Gürtel in Stein und verhärtete sich auf mitleiderregende Weise, was er zwar in Kampf und Feuer mit barem Gelde bezahlt haben würde, jetzt aber brach es ihm das Herz. Als er zuletzt zur Erzählung vom Drachen kam, blieb er, ganz in Stein verwandelt, mitten in dem Saale wie eine Bildsäule stehen, so daß der König bei diesem Anblick seine Torheit und das unüberlegte Urteil, das er über einen so guten und liebevollen Bruder gefällt hatte, verwünschte und länger als ein Jahr um ihn trauerte, indem er stets, wenn er an ihn dachte, einen Tränenstrom vergoß.

Inzwischen hatte Liviella ein wunderschönes Zwillingspaar von Söhnen geboren, und als sie einige Monate nachher eines Tages aufs Feld hinaus spazierengegangen war, der König aber mit den zwei Kleinen mitten im Saale stand und die Bildsäule, das Denkmal seiner Torheit, durch die er sich des besten aller Menschen beraubt, mit tränenvollen Augen betrachtete, trat plötzlich ein stattlicher Greis ein, dessen Haar auf die Schultern herabwallte und dessen Bart die Brust bedeckte. Er verneigte sich gegen den König und sprach zu ihm: »Was gäbest du darum, o König, wenn dein Bruder seine frühere Gestalt wiederbekäme?« Worauf der König versetzte: »Ich gäbe mein Königreich darum.« – »Hier handelt es sich nicht um Dinge«, erwiderte der Greis, »die durch Güter belohnt werden können, sondern da es hier auf ein Leben ankommt, so muß es durch ein anderes Leben bezahlt werden.« Teils aus Liebe zu Jennariello, teils weil er sich dessen Unglück vorwerfen hörte, entgegnete der König: »Glaube mir, ehrwürdiger Greis, daß ich mein Leben für das meines Bruders hingäbe. Wenn nur er den Stein verließe, wäre ich es gern zufrieden, selbst statt seiner in den Marmor eingeschlossen zu werden.« Als der Greis dies vernahm, entgegnete er: »Ohne daß du dein Leben daransetzest, da es ja soviel Mühe kostet, einen Menschen großzuziehen, würde das Blut deiner beiden Kinder genügen und, auf die Bildsäule gestrichen, ihr gleich wieder Leben verleihen.« Bei diesen Worten versetzte der König: »Kinder werden geschaffen, solange nur die irdene Form dazu vorhanden ist; darum können auch mir andere zuteil werden, einen Bruder aber darf ich nie wieder zu bekommen hoffen.« Nachdem er so gesprochen, opferte er vor einem Bild von Stein zwei unschuldige Böcklein; mit ihrem Blut bestochen, wurde die Statue gleich wieder lebendig, worauf die beiden Brüder sich mit unbeschreiblicher Freude umarmten. Als aber die beiden armen Kinder gerade in den Sarg gelegt waren und mit aller gebührenden Ehre begraben werden sollten, kehrte die Königin nach Hause zurück, daher Milluccio seinen Bruder sich verbergen hieß und zu seiner Gemahlin sagte: »Was gäbst du darum, liebe Frau, wenn mein Bruder wieder lebendig würde?« – »Ich gäbe das ganze Königreich darum«, versetzte Liviella; worauf der König weiterfragte: »Würdest du aber wohl das Blut deiner Kinder darum geben?« – »Das freilich nicht«, entgegnete jene, »denn ich könnte nicht so grausam sein, mir mit meinen eigenen Händen die Sterne meiner Augen auszureißen!« – »Weh mir«, rief nun der König aus, »um meinen Bruder wieder ins Leben zu rufen, habe ich meine Kinder abgeschlachtet; das war der Preis für Jennariellos Leben!« So sprechend, zeigte er ihr die toten Kinder in dem Sarge, bei welchem entsetzlichen Anblick die Königin sich wie wahnsinnig gebärdete und ausrief: »O meine Kinder, ihr Stützen meines Lebens, ihr Sterne meines Daseins, ihr Quellen meines Blutes, wer hat die Fenster meiner Sonne so rot angestrichen? Wer ohne Erlaubnis des Arztes die Pulsader meines Lebens geöffnet? Weh mir, meine Kinder, meine Kinder, jede Hoffnung für mich ist mit euch vernichtet, jedes Licht verfinstert, jede Freude vergiftet, jede Stütze geraubt, ihr seid vom Schwert durchstochen, ich vom Schmerz durchbohrt; ihr seid in eurem Blut ertrunken, ich ersticke in meinen Tränen; weh mir, daß ihr, um euerm Oheim das Leben wiederzugeben, eure Mutter getötet habet; denn ich kann ohne euch, die ihr die schönen Gegengewichte am Webstuhl meines nun verödeten Lebens wäret, das Gewebe meiner Tage nicht vollenden; die Orgel meiner Stimme muß jetzt verstummen, da ihr die Blasebalge entzogen sind! O meine Kinder, meine Kinder! Warum antwortet ihr denn nicht eurer Mutter, die euch das Blut in euren Adern gab und es jetzt aus ihren Augen weint? Wohlan, da mein trauriges Geschick mir jetzt die Quellen meiner Glückseligkeit vertrocknet zeigt, will ich auch nicht länger, meines Schmuckes beraubt, in der Welt leben!« So sprechend, lief sie an ein Fenster, um sich hinauszustürzen! Im selben Augenblick aber kam ihr Vater in einer Wolke durch das nämliche Fenster in den Saal und rief ihr zu: »Halt ein, Liviella, meine Absicht ist jetzt erreicht, ich habe mich an Jennariello, der in mein Haus kam, um mir meine Tochter zu entführen, dadurch gerächt, daß ich ihn, in einen Stein gesperrt, lange Monde als Marmorstatue dastehen ließ; ich habe dich für dein unziemendes Betragen, daß du dich ohne meine Erlaubnis auf ein fremdes Schiff begabst, dadurch gezüchtigt, daß ich dir deine beiden Kinder, oder vielmehr deine beiden Juwelen, von ihrem eigenen Vater ermordet zeigte, habe den König, deinen Gemahl, für das Gelüst einer schwangeren Frau, das er sich in den Kopf gesetzt, dadurch bestraft, daß ich ihn zuerst zum Kriminalrichter seines Bruders und dann zum Henker seiner Kinder machte, und auf diese Weise drei Fliegen mit einem Schlag getötet. Da ich euch alle aber nur kratzen und nicht schinden wollte, so will ich euch jetzt wiederum alles Gift in Zuckerwerk verwandeln; darum sollst du auch deine Kinder und meine Enkel, die jetzt noch schöner sind als früher, wieder an dein Herz drücken. Du aber, Milluccio, komm in meine Arme, denn ich erkenne dich von Stund an als den Gemahl meiner Tochter und als meinen Sohn an, so wie ich auch Jennariello sein Vergehen gegen mich verzeihe, indem er alles nur einem so trefflichen Bruder zuliebe getan hat.« Kaum hatte er geendet, so erschienen die beiden Kinder, die der Großvater gar nicht genug herzen und küssen konnte, zu welcher Freude auch noch Jennariello als dritter Teilnehmer hinzukam. Nach Erduldung so vieler Leidensstürme schwamm er jetzt in einem Meere Von Glückseligkeit, obwohl er stets der erlittenen Gefahren eingedenk war, indem er bedachte, wie töricht sein Bruder gewesen und wie vorsichtig man sein müsse, um nicht ins Unglück zu stürzen, denn:

Der Menschen Klugheit alle
ist nur falsch und schief.

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