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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 39
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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5. Der Drache

Die Geschichte von den sieben Schwarten tat in die Vergnügungssuppe des Prinzen so viel Fett, daß es bei der Erzählung von der dummen Bosheit und boshaften Dummheit Saporitas, die Tolla mit soviel Gewandtheit mitgeteilt hatte, zum Überlaufen kam. Popa jedoch, welche Tolla in nichts nachstehen wollte, fuhr durch das Meer der Geschichten mit folgendem Märchen:

Wer anderen schaden will, fügt sich oft selbst das größte Leid zu, und wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, wie ihr dies an einer Königin sehen werdet, die sich mit ihren eigenen Händen die Schlinge legte, in der sie zuletzt mit dem Fuße hängenblieb.

Es war einmal ein König von Honenufer, dem wegen seiner Grausamkeit und Tyrannei, während er sich einst mit seiner Gemahlin auf ein von der Stadt weit entferntes Lustschloß begeben hatte, von einer Zauberin der Thron geraubt wurde. Als er daher eine viel besuchte hölzerne Bildsäule, die dunkle Orakelsprüche erteilte, um Rat fragen ließ, erhielt er die Antwort, daß er seinen Thron erst dann wiedererlangen könnte, wann die Zauberin ihr Leben verlöre. Da er indes sah, daß die Zauberin, außerdem, daß sie von einer zahlreichen Wache umgeben war, auch die von ihm gegen sie abgeschickten Leute an der Nase erkannte und sie ohne Erbarmen hinrichten ließ, geriet er zuletzt in Verzweiflung und beschloß, allen Frauenzimmern aus jener Stadt, die ihm in die Hände fielen, Ehre und Leben zu rauben. Nach vielen Hunderten nun, die von ihrem bösen Geschick getrieben, durch ihn ihren Ruf vernichtet und ihr Leben verkürzt sahen, kam endlich auch eine Jungfrau, namens Porziella, in seine Gewalt, das anmutigste Wesen, das man nur irgend in der ganzen Welt finden konnte. Ihre Haare waren die Handschellen der Liebeshäscher, ihre Stirn eine Tafel, auf der die Reize und Freuden in der Vorratskammer der Liebe sämtlich verzeichnet waren; ihre Augen zwei Leuchttürme, die den mit Wünschen beladenen Schiffen wiesen, wohin sie steuern müßten, um in den Hafen der Lust einzulaufen, und ihr Mund ein lieblicher Heckengang zwischen zwei Reihen Rosenstöcken. Sobald also diese Jungfrau in die Hände des Königs gefallen war und von ihm dieselbe Behandlung wie ihre Vorgängerinnen erfahren hatte, wollte er sie gleich diesen töten, im selben Augenblick aber, da er den Dolch erhob, ließ ein Vogel ihm eine gewisse Wurzel auf den Arm fallen, wodurch er in ein solches Zittern geriet, daß ihm die Waffe aus der Hand sank. Dieser Vogel war aber eine Fee, die einige Tage vorher in einem Walde schlafend, wo man unter dem Zelte der Bäume der Mittagshitze entfliehen konnte, wenn man der Furcht vor der dort herrschenden Finsternis zu trotzen verstand, in dem Augenblick, wo ein Satyr ihre Ehre antasten wollte, von Porziella aufgeweckt wurde, so daß sie von dieser Zeit an sie immerwährend begleitete, um ihr bei günstiger Gelegenheit einen Dienst durch einen anderen zu vergelten. Als nun der König wahrnahm, was mit ihm vorgegangen war, so dachte er, daß die Schönheit jenes Angesichts ihm auf den Arm Beschlag gelegt und den Dolch bezaubert habe, damit er die Jungfrau nicht durchbohre, wie er es mit so vielen anderen gemacht; daher wollte er dieselbe Sache nicht zweimal wiederholen und nicht das Instrument des Todes mit Blut färben, wie er es mit dem des Lebens getan, sondern sie in eine Giebelstube seines Palastes einmauern und darin verhungern lassen. Gesagt, getan, die unglückliche Geliebte wurde zwischen vier Wänden eingemauert und ihr weder etwas zu essen noch zu trinken zurückgelassen, damit sie so nach und nach hinsterbe. Sobald aber der Vogel Porziella in solcher Bedrängnis sah, tröstete er sie mit freundlichen Worten, indem er zu ihr sagte, sie solle nur guten Mutes sein; denn er würde, um sich für einen Dienst, den sie ihm erwiesen, dankbar zu bezeigen, ihr nötigenfalls mit seinem eigenen Blute beistehen, jedoch wollte er, trotz aller Bitten Porziellas, ihr nicht sagen, wer er wäre, sondern nur, daß er ihr verpflichtet sei und alles tun würde, um ihr irgendwie zu dienen; und indem er sah, daß das arme Mädchen vor Hunger fast verging, flog er rasch fort, kehrte jedoch sogleich mit einem spitzen Messer aus dem Tischkasten des Königs wieder und sagte zu ihr, daß sie nach und nach ein Loch in eine Ecke des Fußbodens machen sollte, welche sich gerade über der Küche befände, aus der er ihr immer etwas holen würde, um damit ihr Leben zu fristen. Porziella grub also eine Zeitlang mit großer Anstrengung und machte endlich ein solches Loch, daß sie dem Vogel einen Weg bahnte, auf dem er, indem eben der Koch einen Eimer Wasser von dem Brunnen holte, in die Küche hinunterflog, ein fettes Huhn, das eben am Feuer stand, heraufholte und es Porziella überbrachte; da sie aber auch großen Durst hatte und er nicht wußte, wie er ihr etwas zu trinken bringen sollte, so flog er in die Speisekammer, in der sich eine große Menge Weintrauben befanden, und brachte ihr die schönste davon herauf getragen; so machte er es eine Zeitlang jeden Tag.

Porziella aber, die durch jene Gewalttat des Königs schwanger geworden war, gebar endlich einen hübschen Knaben, den sie mit immerwährender Hilfe des Vogels säugte und, soviel sie konnte, pflegte. Als er nun herangewachsen war, riet die Fee Porziella, daß sie das Loch größer machen und so viel Schindeln von dem Fußboden wegbrechen solle, bis Miuccio (so hieß nämlich der Sohn) hindurchkriechen könnte, darauf solle sie ihn mit einigen Stricken, die der Vogel ihr brachte, hinunterlassen und dann die Schindeln wieder an ihren Ort legen, damit man nicht merke, wie Miuccio hinuntergekommen wäre. Nachdem also Porziella getan, wie der Vogel sie geheißen, und sie dem Sohne eingeschärft hatte, nie zu sagen, woher er gekommen und was er wolle, ließ sie ihn in die Küche hinunter, als gerade einmal der Koch hinausgegangen war, welcher bei seiner Rückkehr, einen so hübschen Knaben in der Küche sehend, ihn fragte, wer er wäre, woher er gekommen und was er wolle, worauf der Kleine, des Befehls seiner Mutter eingedenk, sagte, daß er sich verirrt hätte und einen Dienst suche. Während dieses Hinundherredens kam der Seneschall. Kaum hatte dieser den aufgeweckten Knaben erblickt, so dachte er gleich, daß er sich sehr gut zum Edelknaben des Königs eignen würde; er brachte ihn daher auf der Stelle vor den König, der an diesem Juwel von Schönheit und Anmut alsbald großen Gefallen fand, ihn in seinem Dienst als Pagen, in seinem Herzen aber als Sohn behielt und ihn in allen ritterlichen Künsten unterrichten ließ, so daß er mit der Zeit die größte Zierde seines Hofes war und von dem König weit mehr geliebt wurde als dessen Stiefsohn. Gerade deswegen aber fing die Königin an, Miuccio von Herzen gram zu werden und ihn von Grund ihrer Seele zu hassen, und um so tiefere Wurzeln schlug ihr Neid und ihr Ingrimm, je höher Miuccio durch die Gunstbezeigungen und das Wohlwollen emporstieg, das der König für ihn an den Tag legte, so daß sie beschloß, die Sprossen seiner Glücksleiter dergestalt einzuseifen, daß er von ihr herunterstürze.

Als daher sie und der König eines Abends die Instrumente gestimmt hatten und miteinander eine Unterhaltungsmusik anfingen, sagte die Königin zu ihrem Gemahl, daß Miuccio sich gerühmt hätte, drei Schlösser in die Luft zu bauen, so daß der König teils, weil er ganz überrascht war, teils um seiner Frau eine Freude zu machen, Miuccio am nächsten Morgen, um die Zeit, wann der Mond den Schatten der Nacht wie ein Schulmeister seinen Schülern wegen des Sonnenfestes Ferien gibt, rufen ließ und ihm befahl, ohne alle Widerrede die verheißenen drei Schlösser in die Luft zu bauen, sonst müsse er selbst den Lufttanz am Galgen tanzen. Da Miuccio dies vernahm, ging er in seine Stube und fing an, bitterlich zu klagen, indem er sah, wie zerbrechliches Glas doch die Gunst der Fürsten sei und wie schnell das Wohlwollen verginge, das sie erwiesen.

Während er nun so weinte und klagte, erschien plötzlich der Vogel und sprach zu ihm: »Nur Mut, Miuccio, und fürchte nichts, solange du mich bei dir hast; denn ich vermag es, dich aus deiner Not zu erretten.«

Hierauf befahl er ihm Pappendeckel und Leim zu nehmen und daraus drei große Schlösser zu machen, ließ alsdann drei mächtige Greife kommen, band einem jeden eins der Schlösser auf den Rücken, und nachdem er sie so hatte in die Luft fliegen lassen, hieß er Miuccio den König herbeirufen, der auch sogleich mit seinem ganzen Hofe zu diesem Schauspiel herbeieilte. Wie nun der König den Scharfsinn Miuccios wahrnahm, so gewann er ihn noch viel lieber, als er ihn vorher schon hatte, und erwies ihm alle nur möglichen Liebkosungen, dergestalt, daß er dem Neid der Königin noch mehr Nahrung gab und neues Öl in ihr Zornfeuer goß, indem sie nämlich sah, daß ihr nichts nach Wunsch gehen wollte. Sie konnte daher weder des Tages wachen, ohne nachzudenken, auf welche Art, noch des Nachts schlafen, ohne zu träumen, auf welche Weise sie sich diesen Dorn aus den Augen ziehen könnte, so daß sie wieder nach einigen Tagen zu dem König sagte: »Lieber Mann, jetzt ist endlich die Zeit gekommen, wo wir zu der vergangenen Größe und zu den vorjährigen Freuden zurückkehren können, da Miuccio sich erboten hat, die Fee zu blenden, und dadurch, daß sie mit ihren Augen herausrücken muß, dir dein verlorenes Königreich zurückzukaufen.« Als der König sich an seinem wunden Fleck berührt fühlte, ließ er im selben Augenblick Miuccio herbeirufen und sprach zu ihm: »Ich bin im höchsten Grade verwundert, daß du, trotzdem ich dich so sehr liebe und du mich auf den Sitz erheben kannst, von dem ich heruntergepurzelt bin, dennoch so gleichgültig bist und dir gar nicht angelegen sein läßt, mich aus der Bedrängnis zu reißen, in der ich mich befinde, da du mich doch von einem Königsthron auf einen Wald, von einer Stadt auf ein ärmliches Schloß und von der Beherrschung einer zahlreichen Bevölkerung auf wenige Hungerleider und Brotsuppenesser heruntergekommen siehst. Wenn du daher meine Ungnade vermeiden willst, so laufe jetzt gleich und hole mir die Augen der Fee, die mir das meinige entrissen hat; denn indem du ihre Läden zumachst, wirst du das Magazin meiner Größe wieder öffnen, und indem du ihre Lampen auslöschst, die Fackeln meines Glanzes wieder anzünden, der jetzt verfinstert und allen Lichtes beraubt ist.« Sobald Miuccio diese Rede des Königs vernahm, wollte er zwar antworten, daß der König übel berichtet wäre und sich in ihm irre; denn er wäre kein Rabe, der Augen aushacke, noch ein Abtrittfeger, der Löcher ausräume; jedoch der König unterbrach ihn und sagte: »Kein Wort weiter, so will ich es, und so soll es geschehen; verlasse dich darauf, daß im Laden meines Kopfes die Waage bereit ist, um dir damit, wenn du deine Pflicht erfüllst, deinen Lohn, wenn du aber nicht tust, was ich dir befehle, deine Strafe zuzuwägen.«

Miuccio, der nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen wollte und sah, daß er es mit einem wahren Teufel zu tun hatte, setzte sich in einen Winkel und fing wieder an zu klagen, bis der Vogel aufs neue erschien und zu ihm sprach: »Ist es möglich, Miuccio, daß du immer die Hosen gleich so voll hast? Könntest du ein größeres Geheul anfangen, wenn es sogar schon mit mir vorbei wäre? Weißt du denn nicht, daß ich für dein Leben mehr besorgt bin als für mein eigenes? Verliere also den Mut nicht und komm mit mir; denn du sollst sehen, was ich für ein Kerl bin.« Hierauf schwang er sich empor und ließ sich in einen Wald nieder, woselbst er kaum angefangen hatte zu zwitschern, als ihn auch sogleich eine Schar anderer Vögel umringte, zu denen er sagte, daß er dem, der sich getraue, die Zauberin zu blenden, einen Schutzbrief gegen die Klauen der Sperber und Habichte und ein frei Geleit gegen Flinten, Bogen, Armbrüste und Leimruten ausfertigen würde. Unter diesen Vögeln nun befand sich auch eine Schwalbe, die ihr Nest an einem Vorsprung des königlichen Palastes erbaut hatte und die Zauberin von Herzen haßte, da sie oftmals von ihr, wenn sie ihre teuflischen Zauberkünste verrichtete, durch die Räucherungen von ihrem Fenster vertrieben worden war, weswegen sie, teils aus Rachlust, teils um die verheißene Belohnung zu erlangen, sich erbot, den gewünschten Dienst zu verrichten. Sie flog daher schnell wie der Blitz nach der Stadt und in den Palast hinein und sah, wie die Zauberin, auf einem Ruhebett liegend, sich von zwei Kammerfrauen mit einem Fächer Kühlung zuwehen ließ. Die Schwalbe setzte sich also gerade über den Augen der Zauberin nieder, und indem sie ihren Kot auf diese herunterfallen ließ, raubte sie ihnen alsbald die Sehkraft. Da sich nun die Fee auf diese Weise am hellen Mittag in Nacht gehüllt sah und sehr wohl wußte, daß durch dieses Schließen ihrer Augenläden es mit der Ware des Herrschens vorbei war, stieß sie ein Geschrei aus wie eine Seele im Fegefeuer, ließ das Zepter fahren und ging hin, um sich in einer Höhle zu verkriechen, wo sie mit ihrem Kopf so lange gegen die Wände stieß, bis sie ihr Leben endete. Kaum aber war sie fortgezogen, so schickten auch schon die Räte Gesandte an den König, daß er wieder in seine Residenz zurückkehre, da die finstere Nacht der Zauberei für ihn diesen hellen Tag herbeigeführt hätte. Zu derselben Zeit nun, als der König anlangte, erschien auch Miuccio, der auf den Rat des Vogels zum König also sprach: »Die Zauberin ist nun blind und das Reich wieder dein; wenn ich daher irgendeine Belohnung für diesen Dienst verdiene, so lasse mich in Gottes Namen von dir, ohne mich noch einmal dergleichen Gefahren auszusetzen.« Der König jedoch umarmte ihn auf das herzlichste, erlaubte ihm in seiner Gegenwart den Hut aufzubehalten und ließ ihn an seiner Seite sitzen, daher es unmöglich ist, zu beschreiben, wie sehr die Königin vor Zorn braun und blau wurde, so daß man an dem bunten Regenbogen, der sich auf ihrem Gesichte zeigte, den Unglückssturm erkennen konnte, der sich in ihrem Herzen gegen den armen Miuccio erhob. In einiger Entfernung von dem Lustschlosse nun hielt sich ein greulicher Drache auf, der der Zwillingsbruder der Königin war, und da ihr Vater bei ihrer Geburt die Astrologen hätte rufen lassen, damit sie hierüber die Sterne befragen sollten, so gaben sie ihm den Bescheid, daß seine Tochter gerade so lange leben würde wie der Drache, daß aber bei dem Tode des einen von ihnen das andere notwendigerweise mitsterben müsse; und nur ein Mittel könne die Königin wieder ins Leben rufen, und zwar wenn man ihr die Schläfen, das Brustbein, die Nasenlöcher und die Pulse mit dem Blute des nämlichen Drachen bestriche. Indem nun der Königin die gewaltige Wut und Kraft des Drachen bekannt war, so ging sie damit um, ihm Miuccio irgendwie in die Klauen zu spielen, überzeugt, daß das Ungetüm ihn in einem Bissen verschlingen und Miuccio für den Drachen nur wie auf einen hohlen Zahn sein würde; sie wandte sich daher zum König und sprach: ,,Meiner Treu, Miuccio ist ein wahrer Schatz für dein Haus, und du wärest im höchsten Grade undankbar, wenn du ihn nicht so sehr als möglich liebtest, um so mehr er sich hat verlauten lassen, daß er den Drachen töten will, der sich dir immer so feindselig gezeigt hat; denn obgleich dieser mein leiblicher Bruder ist, so liebe ich doch ein einziges Haar meines Mannes mehr als hundert Brüder.« Der König, der den Drachen tödlich haßte, aber nie vermocht hatte, sich ihn vom Leibe zu schaffen, ließ sogleich Miuccio rufen und sprach zu ihm: »Ich weiß, lieber Miuccio, daß dir alles gelingt, was du unternimmst, und deshalb mußt du, da du schon soviel für mich getan, mir nun noch einen Gefallen erzeigen; dann aber kannst du mit mir machen, was du willst. Gehe also stehenden Fußes hin und töte den Drachen; denn du leistest mir dadurch einen sehr wichtigen Dienst und sollst eine entsprechende Belohnung dafür erhalten.« Miuccio war bei diesen Worten nahe daran, den Verstand zu verlieren, und nachdem er den Gebrauch seiner Sprache wiedererlangt, sprach er also zu dem König: »Fürwahr, das ist doch sehr hart, daß Ihr so großes Gefallen daran findet, mich in Gefahr und Not zu stürzen! Ist denn mein Leben gar nichts wert, daß Ihr es so preisgebt? Das ist meiner Treu kein Zuckerlecken, sondern hier handelt es sich um einen Drachen, der mit den Krallen zerreißt, mit dem Kopfe zerschmettert, mit dem Schwanz zerquetscht, mit den Zähnen zerfetzt, mit den Augen vergiftet und mit dem Atem tötet. Wollt Ihr mich also in den Tod schicken? Ist das die Sinekure, die Ihr mir dafür verleiht, daß ich Euch Euer Königreich zurückerworben? Welcher verwünschte Halunke hat mir denn diese Suppe wieder eingebrockt? Was für ein Höllenbraten hat Euch denn das wieder in den Kopf gesetzt und Euch auf diese Sprünge geholfen?« Der König, der sich so leicht wie ein Ball hin und her werfen ließ, aber in der Durchführung dessen, was er einmal gesagt, unerschütterlich war wie ein Fels, beharrte nun erst recht auf seinem Kopf und sprach: »Das Schwerste hast du überstanden und bleibst nun mitten im Besten stecken! Darum verliere kein Wort weiter und befreie mein Reich von diesem Ungeheuer, wenn ich dir nicht das Leben nehmen soll!« Der arme Miuccio, der bald eine Schmeichelei, bald eine Drohung hörte, bald sich das Gesicht streicheln, bald einen Stoß in den Hintern geben fühlte und bald so, bald so behandeln sah, fing an, darüber nachzudenken, wie veränderlich die Hofluft sei, und wäre gern die Freundschaft des Königs los gewesen; da er aber sehr wohl wußte, daß es töricht ist, den Großen Einwendungen zu machen, und ebenso gefährlich, als den Löwen am Bart zu rupfen, so entfernte er sich, indem er sein Schicksal verwünschte, das ihn an den Hof geführt und ihm daher auch in dem Hause des Lebens immer nur eine Hofwohnung angewiesen hatte. Während er nun, das Gesicht zwischen den Knien, auf der Treppe vor dem Palasttor sitzend, seine Schuhe mit Tränen benetzte und den Platz zwischen den Beinen durch Seufzer erwärmte, erschien plötzlich der Vogel mit einem Kraut im Schnabel und sprach zu ihm, indem er es ihm in den Schoß warf: »Stehe auf und fasse Mut; denn nicht mit deinem Leben wirst du ›Vogel, flieg aus‹ spielen, sondern um das des Drachen würfeln. Darum nimm dieses Kraut, eile damit zu der Höhle des Ungeheuers und wirf es hinein; hierauf wird ihn plötzlich ein so fester Schlaf überfallen, daß du ihm währenddessen mit einem Schwert auf das schnellste den Garaus machen kannst; alsdann begib dich sofort und sei guten Mutes; denn es wird dir am Ende noch besser ergehen, als du denkst.« – »Genug«, versetzte Miuccio, »ich weiß nun, was ich zu tun habe; außerdem haben wir Zeit genug, und Zeit gewonnen, alles gewonnen.« So sprechend, erhob sich Miuccio, nahm einen scharfgeschliffenen Degen und das Kraut unter den Mantel und machte sich auf den Weg nach der Hofburg des Drachen, die sich am Fuß eines so hoch gewachsenen Berges befand, daß die drei Berge, die den Giganten als Leiter dienten, ihm nicht bis an den Gürtel gereicht hätten. Dort angelangt, warf er das Kraut in die Höhle, und da der Drache sogleich vom Schlaf überfallen wurde, fing auch Miuccio ohne Zögern an, ihn in Stücke zu hauen.

Zu derselben Zeit aber, da Miuccio das Ungetüm also zerhackte, fühlte auch die Königin sich das Herz zerhacken, und in dieser schweren Bedrängnis wurde sie ihr großes Versehen gewahr, sich den Tod so mutwillig zugezogen zu haben. Sie ließ daher ihren Mann rufen und sagte zu ihm, was die Sternkundigen einst verkündigt hatten, daß nämlich der Tod des Drachen den ihrigen zur Folge haben müßte und daß sie fürchtete, da ihre Kräfte nach und nach hinschwänden, daß der Drache jetzt eben von Miuccio getötet würde; worauf der König versetzte: »Wenn du wußtest, daß das Leben des Drachen die Stütze des deinigen und die Wurzel deines Daseins war, warum veranlaßtest du mich, Miuccio auszusenden? Wer hat nun die Schuld? Du hast das Übel angerichtet und magst es auch beweinen; du hast den Schaden angerichtet und magst ihn auch bezahlen!« – ,,Ich glaubte nimmer«, versetzte die Königin, »daß ein solches Bürschlein soviel List und Kraft besitzen würde, ein Tier zu überwältigen, das ganzen Heeren trotzte, vielmehr erwartete ich sicherlich, daß Miuccio dabei ins Gras beißen würde; da ich jedoch die Rechnung ohne Wirt gemacht und das Schifflein meiner Pläne Schiffbruch gelitten hat, so erweise mir, wenn du mich liebst, einen Dienst und nimm nach meinem Tod einen in das Blut des Drachen getauchten Schwamm und bestreiche damit alle Endglieder meines Körpers, ehe du mich begraben läßt.« – »Das ist nur sehr wenig bei der Liebe, die ich für dich hege«, erwiderte der König, »und wenn das Blut des Drachen nicht hinreicht, will ich auch noch das meinige hinzutun, um deinem Wunsche zu genügen.« Indem ihm nun die Königin danken wollte, entfloh ihr das Leben zugleich mit der Sprache; denn in demselben Augenblick hatte Miuccio das letzte Stück des Drachen durchgehauen. Kaum war er daher vor dem König erschienen, um Bericht zu erstatten, wie es ihm ergangen wäre, so befahl ihm dieser, das Blut des Drachen herbeizuholen; da er jedoch selbst das von Miuccio vollbrachte Werk zu sehen wünschte, so folgte er ihm zu gleicher Zeit nach. Indem nun Miuccio eben aus dem Palasttor trat, kam ihm der Vogel entgegen, der ihn fragte: »Wo gehst du hin?« – »Dahin, wohin der König mich schickt, um das Blut des Drachen«, versetzte Miuccio. – »Unglücklicher«, erwiderte der Vogel, »dieses Drachenblut wird für dich zu Gift werden und dich platzen machen, dieses Blut wird den bösen Samen aller deiner Trübsal wieder zum Keimen bringen; denn die Königin trachtet dir nach dem Leben und wird dich daher immer wieder neuen Gefahren aussetzen, der König aber, den diese garstige Hexe so sehr unter dem Pantoffel hält, wirft dich wie einen Ball umher und stürzt dich bald in das eine, bald in das andere Drangsal, der du doch von seinem Fleisch und Blut und Ableger von seinem Stamm bist; aber der Unselige weiß dies nicht, obwohl der angeborne Herzensdrang ihm diese so nahe Verwandtschaft zwischen euch schon längst entdeckt haben müßte; dann würden freilich die Dienste, die du ihm erwiesen, und die unvermutete Auffindung eines so schönen Sohnes und Erben ihn dazu zwingen, die unglückliche Porziella, deine Mutter, wieder in Gnaden aufzunehmen, die nun schon seit vierzehn Jahren in einem Giebelstübchen lebendig begraben ist, so daß man in einer Bodenkammer einen Tempel von Schönheit erbaut sieht.« Während aber die Fee also zu ihm sprach, trat der König, der alles mit angehört hatte, näher heran, um genauer zu hören, worum es sich eigentlich handle, und als er vernahm, daß Miuccio der Sohn der von ihm schwanger gebliebenen Porziella wäre und letztere sich noch in dem Bodenstübchen am Leben befände, befahl er alsbald, daß dieses erbrochen und Porziella zu ihm gebracht würde. Da er nun sah, daß sie schöner war als je (so gut war sie von dem Vogel gepflegt worden), so umarmte er sie voller Liebe und wurde gar nicht satt, bald die Mutter, bald den Sohn ans Herz zu drücken, indem er jene wegen der von ihm erduldeten unbarmherzigen Behandlung, diesen aber wegen der Gefahren, denen er ihn ausgesetzt, wiederholt um Verzeihung bat, worauf er Porziella in die prächtigsten Gewänder der verstorbenen Königin kleiden ließ und sie auf der Stelle zur Frau nahm. Dem Vogel aber, durch dessen Beistand allein, wie er erfuhr, sein Sohn aus so vielen Gefahren errettet und Porziella am Leben erhalten worden war, bot der König sein Reich und Leben als Beweis seiner Dankbarkeit an, jedoch erwiderte jener, daß er als Lohn so vieler Dienste nichts weiter als Miuccio zum Gemahl verlange, und indem er dies sagte, verwandelte er sich in eine wunderschöne Jungfrau, die sich unter großer Freude des Königs und Porziellas mit Miuccio vermählte, so daß, während die verstorbene Königin mit Erde schaufelweise bedeckt wurde, die Neuvermählten Lust und Freude scheffelweise genossen, worauf diese, um noch größere Feste zu veranstalten, sich in ihr Königreich begaben, wo man sie mit großer Sehnsucht erwartete.

Alle aber erkannten, daß ihnen dieses ganze Glück von der Fee nur um des Dienstes willen, den Porziella ihr einst erwiesen, verliehen worden war; denn das bleibt einmal wahr:

Wer Wohltaten sät, erntet Dank.

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