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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 38
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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4. Die sieben Schwarten

Alle priesen einstimmig den Vorschlag Menecas, die dieses Märchen auf so anmutige Weise erzählt hatte, daß sie die in so weiter Ferne geschehenen Dinge den Augen der Zuhörer auf das lebendigste vorführte; dergestalt, daß Tolla darüber ganz neidisch wurde und den heftigsten Wunsch empfand, Meneca bei weitem zu übertreffen, weshalb sie, nachdem sie sich zuerst geräuspert, also begann:

Es gibt wohl, wie ich glaube, kein einziges Sprichwort, welches nicht entweder ganz oder doch wenigstens halb wahr ist, und wer daher gesagt hat: »Der Glückliche macht sich nichts draus und säh' er noch so häßlich aus«, wußte sicherlich, wie es in der Welt zugeht, oder er hatte vielleicht die Geschichte von Antonio und Parmiero gelesen, wo es heißt: »Ein Quentchen Glück ist besser als alle Schönheit und alles Geschick«, und die tägliche Erfahrung beweist es ja, daß diese Welt ein wahres Abbild des Schlaraffenlandes ist, wo der, der am meisten arbeitet, am wenigsten verdient, und der am besten wegkommt, der sich um nichts graue Haare wachsen läßt und ruhig abwartet, ob ihm die gebratenen Tauben in den Mund fliegen oder nicht, so daß es auch Blinden einleuchten muß, daß die Geschenke und Gaben des Glückes nicht mit schnellen Galeeren, sondern mit gewöhnlichen Ruderbooten errungen werden, wie ihr dies auch gleich hören werdet. Es war einmal eine arme alte Frau, die mit dem Rocken in der Hand, und die Leute auf der Straße bespuckend, von Tür zu Tür betteln ging, und da man mit Betrug und List das halbe Jahr durch trinkt und ißt, so machte sie einigen mitleidigen, leichtgläubigen Frauen weis, daß sie für ihre halbverhungerte Tochter eine Suppe machen wollte, und bekam auf diese Weise sieben Speckschwarten zusammen, die sie nach Hause brachte und mit einer Schürze voll Späne, die sie auf der Straße aufgeklaubt, der Tochter übergab, damit sie die Schwarten koche, während sie selbst wieder fortging, um von einigen Gärtnern ein paar Kohlblätter zu betteln und sich dann eine schmackhafte Suppe zu machen. Die Tochter nun nahm die Schwarten, sengte die Haare ab, steckte sie in einen Topf und setzte sie ans Feuer. Kaum aber fingen sie an zu kochen, so begann ihr auch der Mund zu wässern; denn der emporsteigende Geruch war eine gar zu heftige Herausforderung auf dem Felde des Appetits und eine Vorladung zwecks Information vor das Tribunal des Gaumens, dergestalt, daß sie nach langem Widerstand, von dem Dampf des Topfes angereizt, von der natürlichen Leckerhaftigkeit getrieben und von dem nagenden Hunger an der Kehle herbeigezogen, endlich ein kleines Stückchen kostete, das ihr so gut schmeckte, daß sie bei sich selbst sprach: »Bange machen gilt nicht; jetzt bin ich gerade dabei; mag's gehen, wie es gehen will; es ist ja bloß eine Schwarte, was will denn das sagen? Ich habe Fell genug auf dem Rücken, um die Schwarten zu bezahlen.« Und indem sie so sprach, verschluckte sie die erste, und da sie der Magen mit immer größerer Gewalt antrieb, so nahm sie auch die zweite, hierauf beknabberte sie die dritte, und so verputzte sie endlich nach und nach immer eine hinter der andern, alle sieben. Nachdem sie aber diesen schlimmen Streich ausgeführt und, über ihr Vergehen nachdenkend, die Gewißheit erlangt hatte, daß die Schwarten ihr teuer zu stehen kommen würden, so faßte sie den Entschluß, der Mutter ein X für ein U vorzumachen, schnitt daher die Sohle eines alten Schuhes in sieben Streifen und steckte diese in den Topf. Inzwischen kehrte die Mutter mit einem Bündel Kohlstrünke nach Hause, schnitt sie, um auch nicht das geringste bißchen davon zu verlieren, mitsamt allen Wurzeln in Stücke, und da sie den Topf in vollem Sieden sah, warf sie dieselben nebst einem Stückchen Schmer hinein, das ein Kutscher beim Einschmieren eines Wagens übrigbehalten und ihr als Almosen geschenkt hatte. Hierauf deckte sie einen Lappen über einen alten Kasten von Pappelholz, holte aus einem Schnappsack zwei Stücke vertrockneten Brotes, nahm von dem Schüsselbrett einen hölzernen Napf, schnitt das Brot hinein und schüttete alsdann den Kohl mit den Lederstücken darüber. Sobald sie aber anfing zu essen, merkte sie gleich, daß sie keine Schuhmacherzähne hatte und daß die Schweineschwarten durch eine neue ovidische Metamorphose in ein Büffelfell verwandelt waren; sie wandte sich daher zur Tochter und sprach: »Du hast mir da einen hübschen Streich gespielt, du verdammtes Mensch! Was für einen Quark hast du mir denn hier in die Suppe getan? Ist denn mein Magen ein alter Schuh, daß du ihn mit Lederstücken ausflicken willst? – Jetzt gleich gestehst du mir, was da vorgegangen ist, oder es wäre dir besser, du wärest nimmer geboren, denn keinen Knochen im Leibe will ich dir ganz lassen.« Saporita legte sich nun zwar anfangs aufs Leugnen, durch die Drohungen der Alten jedoch endlich in Furcht gesetzt, schob sie alle Schuld auf den Dampf des Topfes, der sie zu diesem bösen Streich verführt hätte. Da nun die Alte sich ihr Essen auf diese Weise verdorben sah, so ergriff sie zuletzt einen Besenstiel und fing an, ihn dergestalt zu schwingen, daß sie Saporita mehr als siebenmal fahrenließ und wieder ergriff, wobei sie ganz blindlings immer darauf losschlug. Bei dem Geschrei ihrer Tochter aber trat ein Kaufmann, der gerade vorüberging, ins Haus, und indem er die Wut der Alten sah, riß er ihr den Besenstiel aus der Hand und sprach: »Was hat denn das arme Mädchen begangen, daß du sie dergestalt totprügeln willst? Heißt dies bestrafen oder das Leben nehmen? Hast du sie vielleicht beim Liebsten getroffen oder hat sie dir die Sparbüchse erbrochen? Schämst du dich nicht, das arme Ding so mitleidslos zu mißhandeln?« – »Ihr wißt nicht, was sie mir getan«, versetzte die Alte; »der schändliche Nickel sieht, wie arm ich bin, und doch kehrt sie sich nicht daran, sondern will mich durch den Arzt und Apotheker zugrunde richten; denn obwohl ich ihr verboten habe, jetzt, in dieser heißen Jahreszeit, so angestrengt zu arbeiten, damit sie sich nicht etwa krank mache, da ich nichts habe, um sie zu verpflegen, hat das ungehorsame Ding heute früh mir zum Trotz sieben Spindeln voll gesponnen, auf die Gefahr hin, vor Mattigkeit hinzusinken und infolgedessen ein paar Monate lang bettlägerig zu werden.« Indem aber der Kaufmann dies alles hörte, dachte er, daß die Arbeitsamkeit dieses Mädchens das Glück seines Hauswesens machen könnte, und sprach daher zu der Alten: »Laß ab von deinem Zorn; denn ich will, um dich von dieser Gefahr zu befreien, deine Tochter heiraten und sie in mein Haus bringen, wo sie wie eine Prinzessin leben soll, da ich, Gott sei Dank, meine eigenen Hühner füttere, mein Schwein mäste, meinen Taubenschlag habe und mich in meinem Hause nicht umdrehen kann, so voll ist es; denn – ohne Beschreiung sei es gesagt! – ich habe Scheuern voll Getreide, Kisten voll Mehl, Krüge voll Öl, Töpfe und Blasen voll Schmalz, die Nägel voll Speckseiten, die Topfbretter voll Geschirr, große Schober Holz, ganze Berge Kohlen, einen Schrank voll Wäsche und ein Bett wie ein König, besonders aber ein so großes Einkommen an Zinsen und Miete, daß ich davon wie ein vornehmer Herr leben kann; außerdem verdiene ich mir manches Dutzend Dukaten auf den Messen, so daß, wenn es so fortgeht, ich bald ein reicher Mann sein werde.« Als die Alte dieses so unverhoffte Glück vor sich sah, nahm sie Saporita bei der Hand und übergab sie, wie es der herkömmliche Brauch und Sitte in Neapel ist, dem Kaufmann mit den Worten: »Nimm sie hin, hier hast du sie als die Deine auf ewige Zeiten, Gott schenke euch Gesundheit und hübsche Kinder!« Hierauf umarmte der Kaufmann Saporita, führte sie in sein Haus und konnte die Zeit nicht erwarten, bis die neue Woche anfing. Sobald daher der Montag erschien, stand er frühzeitig auf, ging auf den Markt, wo die Bäuerinnen ihre Waren feilhalten, und kaufte zwanzig Gebund Flachs, die er dann nach Hause brachte und Saporita überlieferte, indem er sprach: »Hier kannst du spinnen, soviel du Lust hast, und brauchst nicht zu fürchten, wieder von einer so verrückten Närrin wie deine Mutter gehindert zu werden, welche dir die Rippen zerbrach, weil du die Spindeln vollspannst; denn ich werde dir im Gegenteil für jedes Dutzend Spindeln ein Dutzend Küsse und für jede Strähne Garn mein ganzes Herz geben. Arbeite also nach Herzenslust, und wenn ich von der Messe zurückkehre, welches ungefähr in zwanzig Tagen der Fall sein wird, hoffe ich diese zwanzig Gebund Flachs gesponnen zu finden; dann sollst du auch von mir ein schönes Mieder von rotem Tuch mit grünem Samt besetzt zum Geschenk bekommen.« – »Wart nur«, erwiderte leise Saporita, »du bist gewaltig auf dem Holzwege und wirst dich ungeheuer wundern; wenn du je denkst, ein Hemd von meiner Hände Arbeit zu tragen, so hast du die Rechnung ohne Wirt gemacht. Denn bei mir bist du gerade an die Rechte gekommen! – Kann ich etwa hexen, daß ich in zwanzig Tagen zwanzig Gebund Flachs spinnen soll? Hol der Kuckuck die Stunde, da du geboren wurdest! Aber warte du nur immer zu; denn du wirst das Garn nicht vor dem Nimmermehrstag fertig finden!« Inzwischen war ihr Mann abgereist, und Saporita, ebenso leckermäulig wie arbeitsscheu, tat nun nichts anderes, als daß sie Schürzen voll Mehl und Kännchen voll Öl nahm und Pfannkuchen und Torten buk, an denen sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend in einem fort wie eine Maus knabberte und wie ein Bürstenbinder fraß. Als jedoch die Zeit da war, wo ihr Mann nach Hause kehren sollte, fing sie an, in sich zu gehen und zu bedenken, was für einen Heidenspektakel er machen würde, wenn er den Flachs unangerührt, die Kasten und Krüge aber leer finden sollte. Sie nahm daher eine lange Stange, wickelte darum ein ganzes Gebund Flachs mit allem Werg und allen Fasern, steckte dann einen Kürbis an eine große Gabel, und nachdem sie die Stange an das Geländer des Daches angebunden, fing sie an, jene Großmutter aller Spindeln vom Dache herabzulassen, wobei ihr ein großer Kessel Makkaronibrühe als Wassernapf diente, und indem sie so fein spann, als wenn sie Schifftaue machen wollte, spielte sie jedesmal, wenn sie sich die Finger naß machte, mit den Vorübergehenden Karneval, das heißt, sie spritzte sie an. Zufällig geschah es nun aber, daß einige Feen vorbeikamen, die an diesem seltsamen Schauspiel so großes Ergötzen fanden, daß sie vor Lachen fast barsten, weswegen sie der Spinnerin wünschten, daß aller Flachs, den sie im Hause hätte, sich auf der Stelle nicht nur in Garn, sondern sogar in fertige und gebleichte Leinwand verwandeln sollte, welches auch sogleich geschah, so daß Saporita beim Anblick dieses unverhofften Glücks in einem Freudenmeere schwamm. Damit sie jedoch nicht mehr in Zukunft von ihrem Manne mit dergleichen Arbeiten belästigt würde, schüttete sie sich ein Maß Nüsse ins Bett und legte sich dann, sobald sie jenen nach Hause kehren sah, hinein, worauf sie anfing, zu wimmern und sich dermaßen hin und her zu werfen, daß sie die Nüsse zerdrückte und es schien, als ob ihr die Rippen im Leibe knackten. Als nun ihr Mann sie fragte, wie sie sich befände, antwortete sie mit schwacher und gebrochener Stimme: »Ich kann mich gar nicht schlimmer befinden, lieber Mann; denn kein Knochen im Leibe ist mir ganz geblieben, scheint es dir denn auch ein geringes, zwanzig Gebund Flachs in zwanzig Tagen zu spinnen und sogar daraus noch Leinwand zu machen? Geh nur, geh, lieber Mann, du hast kein menschliches Herz im Leibe, und Verstand hast du auch nicht viel im Schädel; wenn ich aber erst tot bin, so werde ich nicht wieder von neuem geboren, darum kriegst du mich nicht noch einmal zu solcher Pferdearbeit heran; denn ich bin nicht gesonnen, um so viel Spindeln voll zu machen, die Spindel meines Lebens abzuspinnen.« Als ihr Mann diese Worte vernahm, so fing er an, sie zu liebkosen, und sprach: »Gott bewahre, daß ich dich verlieren sollte; denn ich liebe dich, die aus lauter Reizen gewoben ist, mehr als alle Gewebe der Welt; und jetzt erkenne ich, wie recht deine Mutter daran tat, dich für dein unaufhörliches Arbeiten zu bestrafen, wenn du deine Gesundheit dabei zusetzest; drum sei nur guten Mutes, liebe Frau, ich gehe jetzt gleich zum Doktor; denn du sollst wieder gesund werden, und sollte es mir auch ein Auge kosten.« Und indem er dies sagte, ging er auch schon in aller Eile fort, um den Meister Catruppolo zu holen, während welcher Zeit Saporita alle Nüsse aufaß und die Schalen zum Fenster hinauswarf. Sobald nun der Doktor erschien und ihr den Puls gefühlt, ihr Gesicht genau angesehen, das Nachtgeschirr in Augenschein genommen und das Kammerbecken berochen hatte, schloß er mit Hippokrates und Galenus aus allen Symptomen, daß ihr Übel von zu vielem Blut und zu wenig Arbeit herrühre; der Kaufmann aber, der diesen Ausspruch für eine große Ungereimtheit hielt, steckte dem Doktor einen Dukaten in die Hand und schickte ihn ohne weiteres wieder nach Hause. Zwar wollte er nun noch einen anderen Arzt holen, jedoch Saporita sagte ihm, er solle es nur lassen; denn der bloße Anblick des ersten hätte sie vollkommen kuriert; worauf ihr Mann sie umarmte und zu ihr sagte, daß sie hinfür gar nicht mehr arbeiten, sondern sich lieber aufs beste pflegen sollte; denn es wäre nicht möglich, Wein und Kohl auf einen Fleck zu pflanzen und:

Man kann nicht zweien Herren zugleich dienen.

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