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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 37
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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3. Die drei Tierbrüder

Nicht wenige von den Zuhörern wurden durch das von Marcuccio seinem Bruder bewiesene Mitleid tief gerührt, und alle kamen darin überein, daß die Tugend einen sicheren Reichtum verleiht, den weder die Welt vermehrt noch ein Sturm fortführt, noch die Motten fressen, so wie im Gegenteil die anderen Güter des menschlichen Lebens gehen und kommen und das unrecht erworbene Gut nie von Kindeskind genossen wird. Endlich setzte jedoch Meneca als Beilage zu dem eben vernommenen Ereignis folgende Geschichte auf die Tafel der Märchengerichte auf.

Es war einmal ein König von Grünhügel, der drei Töchter, drei wahre Edelsteine, besaß. Für diese hatten nun zwar die drei Söhne des Königs von Schönau eine heftige Liebe gefaßt; da sie jedoch von einer Fee verwünscht und in Tiere verwandelt waren, wollte der König von Grünhügel ihnen seine Töchter nicht zu Frauen geben; weshalb der älteste, der die Gestalt eines schönen Falken hatte, alle Vögel zu einer Versammlung zusammenrief und den Finken, Zaunkönigen, Auerhühnern, Baumhackern, Fliegenschnäppern, Hähern, Spechten, Gimpeln, Kuckucken, Amseln und allem anderen Federgetier, die sämtlich auf seinen Ruf erschienen, den Befehl erteilte, alle Blüten der Bäume in Grünhügel ohne Ausnahme zu zerstören, so daß weder Blüten noch Blätter zurückblieben. Der zweite, der ein Hirsch war, berief alle Ziegen, Kaninchen, Hasen, Stachelschweine und alle anderen Tiere jenes Landes und ließ sämtliche Saatfelder dergestalt verheeren, daß auch nicht ein Halm übrigblieb. Der dritte aber, ein Delphin, verabredete sich mit unzähligen Seeungeheuern und erregte an der Küste einen so gewaltigen Sturm, daß auch nicht eine Barke der Vernichtung entging. Als nun der König sah, daß es immer übler wurde und er den Schaden nicht abzuwehren vermochte, den diese drei ungestümen Liebhaber ihm zufügten, so beschloß er, sich aus diesen Nöten zu befreien, und war es zufrieden, ihnen seine Töchter zu Frauen zu geben, worauf sie, ohne Feste noch Musik zu verlangen, ihre Weiber aus dem Lande führten. Beim Scheiden aber gab die Königin Grazolla jeder der drei Töchter einen Ring, der den übrigen beiden auf das genaueste glich, indem sie zu ihnen sagte, daß, wenn sie sich einmal trennen müßten und nach einiger Zeit wiederfinden oder auch irgendeinen anderen ihrer Verwandten sehen wollten, so würden sie sich an diesen Ringen wiedererkennen.

Nachdem sie Abschied genommen und sich auf den Weg begeben hatten, brachte der Falke die älteste der Schwestern, Fabiella, auf einen ungeheuer hohen Berg, der bis über die Wolken hinausging und mit dem trockenen Gipfel bis dahin reichte, wo es nie regnet, ließ sie hier in einem schönen Palast wohnen und hielt sie wie eine Königin. Der Hirsch führte die zweite Schwester, namens Vasta, in einen Wald, der so dicht war, daß die Dunkelheit, wenn sie von der Nacht herbeigerufen wurde, nicht wußte, wie sie herauskommen sollte, um ihrem Ruf Folge zu leisten, und dort wohnte sie, wie es ihrem Range gebührte, in einem wunderschönen Palast, bei dem sich ein ebenso herrlicher Garten befand. Der Delphin aber schwamm mit Rita, der dritten Schwester, auf den Schultern mitten ins Meer, wo sie auf einem Felsen ein so prächtiges Gebäude antraf, daß selbst ein gekröntes Haupt darin hätte Aufenthalt nehmen können.

Bald nach der Abreise ihrer Töchter gebar Grazolla noch einen schönen Knaben, der den Namen Tittone erhielt. Als er aber sechzehn Jahr alt war und die Mutter immer darüber jammern hörte, daß sie von seinen an drei Tiere verheirateten Schwestern nie wieder etwas gehört hätte, setzte er es sich in den Kopf, so lange die Welt zu durchstreifen, bis er etwas von ihnen vernähme. Nachdem er daher die Eltern sehr lange gequält hatte, erlaubten sie ihm auszuziehen und gaben ihm alle Reiseausrüstung und Begleitung mit, die für einen Prinzen wie er notwendig war und ziemte, die Mutter aber insbesondere einen Ring, denen ganz ähnlich, die sie den Töchtern gegeben hatte. Tittone nun ließ keine Ecke Italiens, keinen Winkel Frankreichs, keinen Teil Spaniens ununtersucht, und nachdem er England durchzogen, Slawonien durchstreift, Polen durchstöbert, mit einem Wort den Osten und Westen durchwandert und seine Diener teils in den Wirtshäusern, teils in den Spitälern zurückgelassen hatte sowie ohne einen Dreier in der Tasche geblieben war, langte er auf dem von dem Falken und Fabiella bewohnten Berge an. Während er aber ganz außer sich vor Erstaunen dastand und die Pracht des Palastes, die Ecksteine von Porphyr, die Mauern von Alabaster, die goldenen Fenster und silbernen Ziegel bewunderte, wurde er von seiner Schwester erblickt, die ihn sogleich hereinrufen ließ und befragte, wer er wäre, woher er käme und welche Veranlassung ihn in jenes Land geführt. Kaum hatte daher Tittone ihr seine Heimat, seine Eltern und seinen Namen angesagt, so erkannte Fabiella in ihm ihren Bruder und um so mehr, als sie den Ring, den er am Finger trug, mit dem, den sie von der Mutter erhalten, verglich, und nachdem sie ihn mit großer Freude umarmt, verbarg sie ihn aus Furcht, daß ihr Mann über seine Ankunft unwillig sein möchte. Sobald nun der Falke nach Hause gekehrt war, fing Fabiella an, davon zu reden, was für ein großes Verlangen nach den Ihrigen sie ergriffen hätte, worauf jedoch der Falke erwiderte: »Laß dir diesen Wunsch nur vergehen, liebe Frau; denn er ist ganz vergeblich, solange ich nicht Lust habe, ihn zu erfüllen.« – »Wenigstens«, entgegnete Fabiella, »lasse mir einen meiner Verwandten holen, der einige Zeit bei mir bleiben kann.« – »Und wer«, versetzte der Falke, »wird einen so weiten Weg machen, um dich zu sehen?« – »Und wenn nun jemand käme«, entgegnete Fabiella, »würdest du darüber ungehalten sein?« – »Warum sollte ich darüber ungehalten sein«, erwiderte der Falke, »es wäre genug, daß es ein Verwandter von dir wäre, damit ich ihn auf Händen trüge.«

Als Fabiella dies vernahm, so faßte sie sich ein Herz, ließ ihren Bruder hervorkommen und stellte ihn dem Falken vor, welcher alsobald ausrief: »Verwandtenblut ist treu und gut, das Wasser dringt durch den Stiefel und die Freundschaft durch den Handschuh; sei mir tausendmal willkommen, betrachte dich als Herrn dieses Hauses, befiehl, was du wünschst, und schalte, wie dir gutdünkt.« Und zugleich gebot er seinen Dienern, Tittone wie ihn selbst zu respektieren und zu bedienen. Nach einem vierzehntägigen Aufenthalt bei seiner Schwester aber dachte Tittone daran, auch seine anderen beiden Schwestern aufzusuchen, und verabschiedete sich daher von Fabiella und ihrem Gemahl, welch letzterer ihm eine seiner Federn schenkte und dabei sagte: »Nimm diese Feder, lieber Tittone, und achte sie wert, denn wenn du dich einmal in großer Not befinden solltest, wirst du sie für einen großen Schatz halten; bewahre sie also sorgfältig, und wenn du Hilfe bedarfst, so sage: ›Komm her, komm her!‹ Und du wirst mit mir zufrieden sein.« Tittone packte die Feder in ein Stück Papier, das er dann in einen Beutel steckte, und verabschiedete sich hierauf unter tausend gegenseitigen Versicherungen der Liebe und Freundschaft.

Nachdem er nun wieder einen erschrecklich weiten Weg zurückgelegt hatte, langte er in dem Walde an, in dem der Hirsch mit Vasta wohnte, und da er fast tot vor Hunger in den Garten trat, um einige Früchte abzupflücken, wurde er von der Schwester gesehen und von ihr ebenso wie von Fabiella erkannt, worauf sie ihn ihrem Gemahl vorstellte, der ihn auf das freundlichste empfing und wie einen Prinzen bewirtete. Aber auch von hier reiste Tittone nach vierzehn Tagen wieder ab, um die dritte Schwester aufzusuchen, und erhielt von dem Hirsch eins seiner Haare mit denselben Worten, wie sie der Falke bei Überreichung der Feder gesprochen. Hierauf begab sich Tittone mit einem Beutel Geld, den ihm der Falke, und mit einem andern, den ihm der Hirsch gegeben, wieder auf den Weg und zog immer weiter, bis er endlich ans Ende der Erde gelangte, und da er nun nicht mehr zu Fuß weiterkommen konnte, mietete er ein Schiff in der Absicht, alle Inseln zu durchsuchen und so vielleicht etwas von seiner Schwester zu vernehmen. Er ging daher unter Segel und fuhr so lange auf der See umher, bis er bei der Insel anlangte, auf der der Delphin mit Rita wohnte, und kaum ans Land gestiegen, wurde er von dieser ebenso erkannt wie früher von den beiden anderen Schwestern und von dem Schwager mit aller nur denkbaren Freundlichkeit empfangen. Sobald aber Tittone auch von dort abreisen wollte, um nach so langer Zeit endlich seine Eltern wiederzusehen, gab der Delphin ihm eine seiner Schuppen mit denselben Worten wie die anderen beiden Schwäger; worauf Tittone sich zu Pferd setzte und auf den Weg begab. Er war jedoch kaum eine halbe Meile vom Meeresufer entfernt, als er in einen Wald kam, in dem die Furcht und die Nacht ihren Wohnsitz hatten und ein beständiger Markt des Grauens und der Dunkelheit gehalten wurde. In diesem Waide nun sah Tittone inmitten eines Sees, der die Füße der Bäume küßte, damit sie die Sonne sein greuliches Gewässer nicht sehen ließen, einen hohen Turm und an einem seiner Fenster eine sehr schöne Jungfrau zu Füßen eines schlafenden Drachen. Als sie Tittone erblickte, rief sie ihm mit leiser Stimme zu: »Schöner Jüngling, den mir vielleicht der Himmel als Retter aus meinem Elend hierhergesandt, wo nie eine Christenseele sich sehen läßt, befreie mich doch aus der Gewalt dieser Schlange, die mich meinem Vater, dem König von Helltal, entrissen und in diesen schauerlichen Turm gesperrt hat, wo ich vor Jammer und Leid meinem Tode entgegengehe.« – »Schöne Jungfrau«, versetzte Tittone, »wie soll ich es anfangen, um deinem Wunsch zu willfahren? Wer könnte über diesen See setzen? Wer den Turm ersteigen? Wer diesem furchtbaren Drachen nahen, dessen Anblick in Schrecken setzt, Grauen sät und Entsetzen erweckt? Jedoch habe nur Geduld und warte ein bißchen, vielleicht gelingt es mir, diese Schlange durch Hilfe anderer zu verjagen; aber nur sachte und langsam; denn Eile mit Weile; wir werden bald sehen, was dahintersteckt.« Und indem er so sprach, warf er die Feder, das Haar und die Schuppe, die er von seinen Schwägern erhalten, auf einmal zu Boden, wobei er ausrief: »Komm her, komm her!« Und kaum hatten sie die Erde berührt, als sie auch gleich einem Sommerregen, der die Frösche hervorlockt, plötzlich den Falken, den Hirsch und den Delphin herbeibrachten, die zu gleicher Zeit ausriefen: »Hier sind wir! Was wünschst du?« Als Tittone sie erblickte, sagte er voller Freude: »Ich wünsche nichts weiter, als diese arme Jungfrau den Klauen jenes Drachen zu entreißen, sie aus dem Turme fortzuführen, alles zu zertrümmern und die schöne Jungfrau selbst als Frau mit mir nach Hause zu führen.« – »Nur gelassen«, versetzte der Falke, »denn ehe du dich dessen versiehst, wird geschehen, was du willst; es soll nicht lange dauern, bis das Ungetüm zu Kreuze kriechen und tanzen wird, wie du pfeifst.« – »Wir wollen keine Zeit verlieren«, begann nun der Hirsch, »denn was du tun willst, tu bald.« Und nachdem sie so gesprochen, ließ der Falke eine Schar Greife herbeikommen, die an das Fenster des Turmes flogen, die Jungfrau fortführten und über den See an den Ort trugen, wo sich Tittone mit den Schwägern befand, und wenn sie in der Ferne dem Monde geglichen hatte, so schien sie in der Nähe eine Sonne, so glänzend war ihre Schönheit.

Während sie jedoch Tittone eben noch umarmte und herzte, erwachte der Drache und kam, sich aus dem Fenster stürzend, herbeigeschwommen, um Tittone zu verschlingen, als der Hirsch plötzlich eine Schar Löwen, Tiger, Panther, Bären und Meerkatzen erscheinen ließ, die alsbald über den Drachen herfielen und ihn mit ihren Klauen in kleine Stücke zerrissen. Indem nun Tittone hierauf weiterreisen wollte, begann der Delphin: »Auch ich will etwas tun, um mich dir dienstwillig zu erweisen.« Und damit auch nicht die allergeringste Spur von einem so verwünschten unseligen Orte übrigbliebe, machte er, daß der See furchtbar anschwoll, sein Ufer übertrat und mit solcher Wut auf den Turm losstürzte, daß er ihn von Grund aus zerstörte. Tittone dankte nun seinen Schwägern von ganzem Herzen und forderte die Prinzessin auf, desgleichen zu tun, da sie durch die Hilfe jener aus so großer Bedrängnis befreit worden war. »Im Gegenteil«, sagten die drei Tierbrüder, »wir müssen dieser schönen Jungfrau danken, da sie die Ursache ist, daß wir unsere natürliche Gestalt wiedererlangen. Bei unserer Geburt nämlich wurden wir wegen eines Verdrusses, den unsere Mutter einer Fee verursachte, von dieser verwünscht, daß wir so lange in Tiere verwandelt sein sollten, bis wir eine Königstochter aus großer Not befreit hätten. Diese von uns so ersehnte Zeit ist nun endlich erschienen und der Zauber gelöst; schon fühlen wir einen neuen Geist in unserer Brust und neues Blut in unseren Adern.« Und während sie so sprachen, verwandelten sie sich in drei schöne Jünglinge, von denen einer nach dem anderen den Schwager umarmte und dessen Braut herzlich die Hand schüttelte, die inzwischen vor Freude ganz außer sich geraten war. Als Tittone dieses alles sah, stieß er einen tiefen Seufzer aus, als wenn es sein letzter gewesen wäre, und sprach: »Mein Gott, warum hat mein Vater und meine Mutter nicht auch teil an dieser großen Freude? Denn sie würden beim Anblick so schöner, liebenswürdiger Schwiegersöhne vor Entzücken außer sich geraten.« – »Noch ist nicht aller Tage Abend«, versetzten die drei Brüder; »denn die Scham darüber, in Tiergestalt erscheinen zu müssen, zwang uns, die Augen der Menschen zu fliehen. Da wir uns aber jetzt, Gott sei Dank, vor den Leuten sehen lassen können, so wollen wir nebst unseren Frauen von nun an auch sämtlich unter einem Dache wohnen und unser Leben in Freude und Fröhlichkeit zubringen. Darum hurtig auf den Weg gemacht; denn ehe die Sonne morgen früh ihre Strahlenballen am Zollhaus des Ostens auspackt, müssen wir alle bei unseren Weibern sein.« Damit sie nun aber nicht nötig hätten, zu Fuß zu gehen, da nichts anderes da war als die abgemagerte Schindmähre, die Tittone getragen hatte, ließen die Brüder eine von sechs Löwen gezogene, sehr schöne Karosse erscheinen, die alle fünf bestiegen und in der sie nach ununterbrochenem Fahren des Abends in einem Wirtshause anlangten, woselbst sie während der Zubereitung des Nachtessens sich die Zeit damit vertrieben, all die Zeugnisse menschlicher Dummheit zu lesen, die an die Wände geschmiert waren. Nachdem man aber gehörig geschluckt und sich zu Bett gelegt hatte, stahlen sich die drei Brüder heimlich fort und verwandten die Nacht dergestalt, daß, als die Sterne, verschämt wie die Jungfern, sich des Morgens den Blicken der Sonne entzogen, sie sich sämtlich mit ihren Weibern in dem nämlichen Wirtshause einfanden, worauf eine allgemeine Umarmung stattfand und alle von Lust und Freude erfüllt waren. Alsdann setzten sich alle acht wieder in denselben Wagen und kamen nach einer langen Reise in Grünhügel an, wo sie von dem König und der Königin mit unsäglichem Jubel empfangen wurden, da diese nicht nur das verloren geglaubte Kapital von vier Kindern wiedererlangt, sondern auch noch drei Schwiegersöhne und eine Schwiegertochter, die man die vier Stützen des Tempels der Schönheit nennen konnte, als Zinsen dazubekommen hatten. Auch die Könige von Schönau und Helltal wurden unverzüglich von dem glücklichen Ereignis in Kenntnis gesetzt und erschienen alle beide bei den hierauf veranstalteten Festen, indem sie zum Ragout des allgemeinen Jubels auch ihren Anteil von dem Schmalz der Freude hinzutaten, so daß alle für die früheren Drangsale reichen Ersatz empfanden; denn:

Durch einer einz'gen Stunde Freuden
vergisst man tausendjähriges Leiden.

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