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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 32
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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9. Rosella

Mit großem Vergnügen wurde die Erzählung Paolos angehört, und alle stimmten darin überein, daß der Vater ganz recht hat, der verständige Söhne zu haben wünscht; wenngleich Kuckucksblut in ihren Adern flösse; denn von allem, was jene Nützliches ausführen, genießt er stets den größten Vorteil; da jedoch die Reihe des Erzählens jetzt an Ciommetella war, begann sie auf folgende Weise:

Wer schlecht lebt, kann nicht gut sterben; und wenn jemand hiervon eine Ausnahme macht, so ist er ein weißer Rabe; denn wer Unkraut sät, kann keinen Weizen ernten, und wer Disteln pflanzt, kann keine Rosen pflücken. Die Erzählung nun, die ihr jetzt gleich vernehmen sollt, wird mich hierin nicht Lügen strafen, und ich bitte nur, daß ihr mir durch gespitzte Ohren und offenen Mund so lange lohnen möget, als ich mich bemühen werde, euch angenehm zu unterhalten. Es lebte einmal ein türkischer Sultan, der mit dem Aussatz behaftet war und auf keine Weise geheilt werden konnte, so daß die Doktoren, die gar nicht mehr wußten, wie sie diesen fatalen Kranken, der ihnen immer in den Ohren lag, sich vom Leibe schaffen sollten, ihm endlich etwas Unmögliches anzuraten gedachten und daher zu ihm sagten, daß er sich im Blut eines vornehmen Prinzen baden müsse. Als der Großtürke dieses seltsame Rezept vernahm, so sandte er alsbald, da er gar sehr wünschte, gesund zu werden, zahlreiche Schiffe aus und befahl ihnen, daß sie überall umherstreifen und sich bemühen sollten, durch Spione und große Belohnungen einen Prinzen in ihre Gewalt zu bekommen. Indem diese Flotte nun längs der Küste von Klarbach hinfuhr, begegnete sie einer Barke, in der der Sohn des Königs jenes Landes, namens Pauluccio, eben eine Lustfahrt machte, der daher sogleich gefangengenommen, gefesselt und in größter Hast nach Konstantinopel geführt wurde. Sobald die Doktoren von diesem Fange hörten, sagten sie nicht sowohl aus Mitleid mit dem armen Prinzen als um ihres eigenen Vorteils willen, da sie ja selbst, wenn das Bad nichts nützte, dafür gebüßt haben würden, sie daher Zeit gewinnen und die Sache auf die lange Bank schieben wollten, deswegen also sagten sie zu dem Großtürken, daß, da der Prinz wegen der so plötzlich verspielten Freiheit so niedergeschlagen wäre, das getrübte Blut ihm im Bade mehr Nachteil als Nutzen bringen würde; es sei daher nicht nur unumgänglich notwendig, den Gebrauch dieses Mittels noch so lange aufzuschieben, bis den Prinzen seine Traurigkeit verlassen hätte, sondern auch seinen Geist auf jede Art aufzuheitern und ihm nahrhafte Speisen zu geben, damit sein Blut gesund und kräftig würde.

Als der Sultan dies vernahm, tat er alles, was in seiner Macht stand, um den Prinzen in eine so fröhliche Stimmung wie möglich zu versetzen, indem er ihn in einem wunderschönen Garten wohnen ließ, den der Frühling selbst in Erbpacht genommen haben würde und wo die Springbrunnen mit den Vögeln und frischen Winden wetteifern, wer von ihnen die Luft mit den lieblichsten Tönen erfüllen könne; außerdem gab er dem Prinzen auch noch seine Tochter Rosella zur Gesellschafterin, wobei er ihm zu verstehen gab, daß er sie ihm später zur Frau geben wollte. Kaum aber erblickte Rosella den schönen Prinzen, so fühlte sie sich von den stärksten Liebesbanden gefesselt, und da das Verlangen beider nach einem Ziele gerichtet war, trafen sie auch beide genau in denselben Ring ihrer Wünsche.

Als aber die Zeit kam, wo die Katzen läufig werden und es der Sonne Spaß macht, sich mit dem himmlischen Widder nach Art der Böcke zu stoßen, entdeckte Rosella, daß die Ärzte, wohl wissend, daß im Frühling das Blut der Menschen reiner und fröhlicher in den Adern strömt, beschlossen hatten, Pauluccio zu töten und dem Sultan das Bad zu bereiten; denn wenngleich der Vater ihr alles verborgen gehalten hatte, erlangte sie dennoch durch eine ihr von ihrer Mutter verliehene Zauberkraft Kenntnis von dem grausamen Verrat, den man gegen ihren Geliebten im Schilde führte; sie gab ihm daher einen schönen Degen und sprach zu ihm: »Wenn du, mein Schatz, die Freiheit, die so teuer, und das Leben, das so süß ist, dir erhalten willst, so mache dich schnell auf die Beine und eile an das Meeresufer, besteige die Barke, die du dort finden wirst, und erwarte mich dann; denn vermöge dieses gefeiten Degens wird die Mannschaft des Fahrzeuges dir, gleich einem Könige, die verdienten Ehrenbezeigungen erweisen.« Pauluccio, der sich einen so guten Weg zu seiner Befreiung so unverhofft eröffnen sah, ergriff den Degen, begab sich rasch ans Meer und wurde von denen, die in der Barke waren, auch wirklich mit der größten Ehrfurcht empfangen. Rosella hatte inzwischen ein Stück Papier gefeit und es unbemerkt der Mutter in die Tasche gesteckt, so daß diese alsbald in einen totenähnlichen Schlaf versank; hierauf raffte sie alle ihre Edelsteine zusammen, eilte zur Barke und ging dann auf das schnellste mit Pauluccio unter Segel.

Inzwischen kam der Sultan in den Garten, um nach dem Prinzen zu sehen; da er jedoch weder diesen noch die Tochter vorfand, so setzte er alles in Aufruhr und suchte seine Frau, vermochte diese indes weder durch Schreien noch durch Zupfen an der Nase aufzuwecken, so daß er dachte, eine Ohnmacht hätte ihr die Besinnung geraubt, und sie daher durch ihre Kammerfrauen entkleiden ließ. Kaum aber war ihr das Kleid ausgezogen worden, so erwachte sie plötzlich und rief aus: »Weh mir, meine verräterische Tochter hat mir einen schönen Streich gespielt; denn sie ist mit dem Prinzen entflohen! Aber mag sie nur, ich will ihr gleich die Straßen bahnen und die Wege verkürzen.« Dies rufend, eilte sie ans Ufer und warf dort ein Baumblatt ins Meer, das sich sogleich in eine zierliche Feluke verwandelte, auf der die Sultanin unverzüglich den Flüchtlingen nachzujagen begann. Obwohl sie nun hierbei unsichtbar einherfuhr, so sah Rosella doch mit den Augen der Zauberkraft das ihr drohende Verderben und sprach daher zu Pauluccio: »Hurtig, mein Herzchen, zieh deinen Degen, stelle dich hier auf das Hinterdeck, und sobald du ein Geklirr von Ketten und Haken vernimmst, wie wenn man unser Fahrzeug entern wollte, so hau blindlings zu; wen du triffst, triffst du, und wer draufgeht, geht drauf.« Der Prinz, der da merkte, daß er sich seiner Haut wehren mußte, ließ es sich gesagt sein, und sobald die Sultanin, die Barke erreichend, die Enterhaken auswerfen ließ, führte er einen gewaltigen Hieb, der glücklicherweise der Sultanin beide Hände rein abhieb, so daß sie wie eine Seele im Fegefeuer zu heulen anfing und die Tochter verwünschte, daß sie von dem Prinzen beim ersten Tritt, den er ans Land seiner Heimat täte, vergessen werden sollte; hierauf eilte sie mit ihren von Blut triefenden Stümpfen nach Hause zurück, trat vor ihren Gemahl und sprach, indem sie ihm dies traurige Schauspiel vor die Augen hielt: »Sieh da, lieber Mann, wie du an dem Spieltische des Schicksals deine Gesundheit verspielt hast, ich aber mein Leben.« Nachdem sie dies gesprochen, entfloh ihr der Atem und der Geist, und sie ging hin, um dem Meister, der sie die Zauberkunst gelehrt, das Lehrgeld zu bezahlen; so daß der Sultan, seiner Frau wie ein Bock in das Meer der Verzweiflung nachspringend, ihr auf dem Fuß nachfolgte und kalt wie Eis in der Höllenhitze anlangte. Sobald aber Pauluccio in Klarbach anlangte, sagte er zu Rosella, sie möchte nur in der Barke warten, bis er Dienerschaft und Karossen herbeigeholt, um sie wie im Triumph in seinen Palast zu führen. Kaum jedoch hatte der Prinz den Fuß ans Land gesetzt, als Rosella seinem Gedächtnis gänzlich entschwand; er selbst aber begab sich in den königlichen Palast, wo er von seinen Eltern mit unglaublicher Freude empfangen und Festlichkeiten und Feuerwerke veranstaltet wurden, die die ganze Welt in Erstaunen setzten, während Rosella, nachdem sie Pauluccio drei Tage lang vergeblich erwartet hatte, sich endlich der Verwünschung ihrer Mutter erinnerte und sich vor Verdruß in die Lippen biß, da sie nicht glaubte, ihren Verlust wiedergutmachen zu können. Sie begab sich daher voll Verzweiflung ans Land und mietete einen Palast gerade über dem des Königs, um zuzusehen, ob sie wohl auf irgendeine Weise dem Prinzen die Verpflichtung, die er gegen sie hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen vermöchte. Als nun die Herren vom Hofe, die gern ihre Nase in alles stecken, das neue Vögelchen, das in jenem Hause eingekehrt war, bemerkten und dessen Schönheit wahrnahmen, die alle Vorstellungen übertraf, jedes Maß überstieg, über alle Grenzen hinausging, Wunder über Wunder erweckte, das Staunen auf die Spitze trieb und die Leute Maul und Nase aufsperren machte, so fingen sie an, sie wie die Mücken zu umschwärmen, und es verging kein Tag, wo sie nicht Rosella auf der Straße umringten und vor ihren Fenstern vorüberparadierten. Die Sonette kamen in Haufen, die Liebesbriefe in Massen, die Serenaden so zahlreich, daß sie den Nachbarn die Ohren betäubten, die Kußhände in solcher Fülle, daß ihnen die Lippen aufsprangen, und da immer der eine nichts vom andern wußte, so schossen sie alle nach einem und demselben Ziel, und alle bemühten sich wie Liebestrunkenbolde, dieses schöne Faß anzuzapfen. Rosella aber, die sich dies zunutz zu machen gedachte, machte allen ein freundlich Gesicht, zeigte sich zuvorkommend gegen alle und hielt alle mit Hoffnungen hin; da sie jedoch endlich der Sache ein Ende machen wollte, so versprach sie heimlich einem sehr vornehmen Kavalier, daß, wenn er ihr tausend Dukaten und einen vollständigen Anzug gäbe, er eines Abends von ihr den Schatz ihrer Zuneigung ausgeliefert bekommen solle.

Der arme Fensterparadierer, dem die Leidenschaft den Star in die Augen gebracht hatte, pumpte sich sogleich die Moneten, nahm bei einem Kaufmann einen reichen Anzug von dem prächtigsten Goldbrokat auf Borg und erwartete so sehnlichst die Stunde, wo die Sonne mit dem Monde »Verstecken« spielt, um die Frucht seiner Wünsche zu pflücken. Sobald nun die Nacht erschien, begab er sich heimlich in das Haus Rosellas und fand sie auf einem schönen Bette liegend, so daß sie der Liebesgöttin auf einem Blumenlager glich, worauf sie ihn mit schmeichelnder Stimme bat, sich doch nicht eher zu legen, als bis er die Tür zugemacht. Dem Galan schien dies nur ein kleiner Dienst, um einem so reizenden Wesen zu Willen zu sein, er ging daher hin, um die Tür zuzumachen; sooft er sie aber zumachte, ebensooft flog sie sperrangelweit auf, daher er immer wieder umkehrte und die Tür immer wieder aufging, so daß dieses Auf- und Zugemache, dieses Klippklapp die ganze Nacht hindurch währte, bis die Sonne die von Aurora durchfurchten Gefilde mit goldenem Licht besäte, indem so der arme Liebhaber eine Nacht in ihrer ganzen Länge und Breite mit dieser verwünschten Tür verbracht hatte, ohne von seinem eigenen Schlüssel Gebrauch zu machen. Als Zugabe zu dieser angenehmen Beschäftigung wurde er aber auch noch von Rosella tüchtig heruntergemacht, welche ihn einen Tölpel ohnegleichen nannte, der nicht einmal eine Türe zuzumachen tauge und doch den Schatz der Liebesgenüsse sich zu öffnen vermessen hätte, dergestalt, daß der beklagenswerte Tropf ganz beschämt und verhöhnt mit glühendheißem Kopf und erkaltetem Feuer seiner Wege ging.

Für den darauffolgenden Abend aber verabredete sie ein Stelldichein mit einem anderen vornehmen Herrn, indem sie auch von diesem tausend Dukaten und einen Anzug forderte, so daß er das ganze Gold und Silber, das er im Hause hatte, beim Juden verpfändete, um einer Lust zu frönen, hinter der sogleich die Reue folgt, und sobald die Nacht wie eine verschämte Arme mit dem Mantel vor dem Gesicht das Almosen der Stille zu betteln anfing, begab er sich nach dem Hause Rosellas, die bereits im Bette war und zu ihm sagte, er solle das Licht auslöschen und dann zu ihr ins Bett steigen. Der Kavalier legte also den Mantel und Degen ab und fing an, das Licht auszublasen; je mehr er sich aber anstrengte, desto heller brannte es; denn die Luft aus seinem Munde hatte dieselbe Wirkung wie der Blasebalg auf das Feuer der Schmiedeesse, so daß der arme Galan die ganze Nacht mit dem Geblase verbrachte, und um ein Licht auszulöschen, sich wie ein Licht verzehrt hatte; und als die Nacht, um nicht die vielfachen Torheiten der Menschen zu sehen, sich zu verbergen begann, mußte er, mit einer Brühe von Schimpf und Hohn übergossen, gleich dem andern davongehen.

Sobald aber die dritte Nacht erschienen war, erschien auch der dritte Liebhaber mit tausend auf Wucher geliehenen Dukaten und einem irgendwie aufgetriebenen Frauenkleide, und nachdem er ganz leise in das Zimmer, wo sich Rosella befand, hinaufgestiegen war, sprach sie zu ihm: »Ich will mich nicht eher legen, als bis ich mir das Haar gekämmt habe.« – »Laß mich das lieber tun«, versetzte der Kavalier, der gehechelten Flachs in die Hände zu bekommen glaubte, und indem er sie mit dem Kopf in seinem Schoß niedersitzen ließ, fing er an, die Haare mit dem elfenbeinernen Kamm zu kämmen; je mehr er sich aber das verfitzte Haar zu entwirren bemühte, desto mehr Verwirrung brachte er ins Land; so daß er die ganze Nacht vertrödelte, ohne daß er irgend etwas ausrichtete, und um einen Kopf in Ordnung zu bringen, seinen eigenen dermaßen verdrehte, daß er mit ihm fast an die Wand hätte rennen mögen. Als daher die Sonne hervorgekommen war, um die Vögel ihre Gesangslektion zu überhören und die Grillen mit der Strahlenrute für ihren Lärm bei Nacht zu züchtigen, verließ er, nach Noten ausgehungert und kalt wie Eis, das Haus. Sobald er sich aber in dem Vorzimmer des Königs eingefunden hatte, einem Orte, wo man zerreißt und zusammennäht, wo der Blasebalg der Schmeichelei in steter Tätigkeit ist, wo die Gewebe der Hinterlist angezettelt, die Tasten der Verleumdung angeschlagen, wo zum Beweis der Torheit Schafsköpfe zugerichtet werden und man den Müttern, deren Söhne sich dort befinden, Anlaß gibt, zu jammern und zu klagen, erzählte der letztgenannte Kavalier sein ganzes Abenteuer und welch ein Streich ihm war gespielt worden; worauf der zweite bemerkte: »Beruhige dich nur, Freund, denn wenn du übel weggekommen bist, so ist es auch mir nicht viel besser ergangen, da ich gleich dir von dieser Tunke gekostet habe; doch ›gemeinschaftliche Leiden sind ja halbe Leiden‹.« – »Du siehst also«, erwiderte der dritte, »daß wir sämtlich in denselben Dreck gefallen sind, und wir können uns zusammen trösten, ohne aufeinander neidisch zu sein, da dieses schändliche Weibsbild uns alle drei ganz gehörig angeführt hat; jedoch wollen wir diese Pille nicht verschlingen, ohne uns irgendwie zu rächen; denn wir sind die Leute nicht, die sich so mir nichts, dir nichts äffen und zum Narren haben lassen, darum soll dieses freche Ding, dieser abgefeimte Nickel uns auch gehörig büßen.«

So sprechend, begaben sie sich zu dem König und erzählten ihm alles, was vorgefallen war, daher dieser sogleich Rosella vor sich rufen ließ und sie fragte: »Wo hast du denn diese Manier, meine Hofkavaliere so an der Nase herumzuführen, gelernt? Glaube nur ja nicht, daß du so leichten Kaufs davonkommen wirst, du Gelbschnabel, du grünnasiges Ding, du Lumpenliese.« Worauf Rosella, ohne die Farbe zu verändern, erwiderte: »Was ich getan, Herr König, geschah nur, um mich wegen einer mir von einem Eures Hofes angetanen Unbill zu rächen, obgleich nichts in der Welt hinreichen könnte, um das Unrecht, welches ich erlitten, zu vergelten.« Und von dem König aufgefordert, zu sagen, was man sich gegen sie hätte zuschulden kommen lassen, erzählte sie, ohne jedoch den Prinzen zu nennen, was sie alles für ihn getan, wie sie ihn aus der Sklaverei befreit, vom Tode errettet, den Händen einer Zauberin entrissen und wohlbehalten in seine Heimat zurückgebracht hätte, um dann das Blatt sich wenden zu sehen und mit einer langen Nase abziehen zu müssen, ein Lohn, den sie, die sie von hoher Geburt und die Tochter eines Beherrschers ausgedehnter Reiche wäre, am wenigsten verdiente. Kaum hatte der König dies alles vernommen, so hieß er sie unter großen Ehrenbezeigungen niedersitzen und bat sie, den gefühllosen undankbaren Menschen namhaft zu machen, der ihr diesen Streich gespielt, weshalb sie einen Ring vom Finger zog und ausrief: »Der, den dieser Ring aufsuchen wird, ist der treulose Verräter, der mich so hat sitzenlassen!« Indem sie hierauf den Ring von sich warf, flog er dem Prinzen, der sich gegenwärtig befand und wie versteinert dastand, an den Finger, so daß die geheime Kraft des Ringes ihm sogleich in den Kopf drang, das verlorene Gedächtnis ihm wiederkehrte, die Augen ihm aufgingen, das Blut ihm wieder rascher durch die Adern lief und alle Lebensgeister wieder erwachten, daher er auf Rosella zueilte, um sie zu umarmen, und nicht müde wurde, die Fesseln seiner Seele immer fester zu ziehen, sich nicht sättigen konnte, das Gefäß seiner Glückseligkeit zu küssen, und sie um Verzeihung bat, für den Kummer, den er ihr verursacht; worauf Rosella erwiderte: »Du bedarfst der Verzeihung nicht für ein Vergehen, das du nicht aus freiem Antrieb begangen hast; denn ich weiß recht gut, wie du deine Rosella vergessen konntest, und bin des Fluches sehr wohl eingedenk, den meine unselige Mutter gegen dich ausstieß, daher verzeihe ich dir und bemitleide dich von ganzem Herzen.« Diese und noch viele andere liebevolle Worte äußerten beide gegeneinander, so daß der König, nachdem er die hohe Herkunft Rosellas vernommen, aus Dankbarkeit für die seinem Sohne von ihr erwiesenen Dienste, in ihre Verbindung freudig willigte und, sobald Rosella Christin geworden war, sie ihm zur Frau gab, worauf beide ihr Leben in größerer Glückseligkeit zubrachten als alle, die je das eheliche Joch ertragen haben, und am Ende einsahen:

Geduld überwindet alles.

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