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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 30
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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7. Corvetto

Die Zuhörer waren über das verständige Benehmen Belluccias dermaßen erstaunt, daß sie bei deren endlicher Verheiratung soviel Freude empfanden, als wäre sie ihre leibliche Tochter gewesen; jedoch machte der Wunsch, auch Ciulla zu hören, daß sie den Antonella geschenkten Beifall unterbrachen und schon bei der Bewegung ihrer Lippen die Ohren spitzten, worauf sie also begann:

Ich habe freilich einmal sagen hören, daß sich Juno, um die Lüge aufzusuchen, nach Kreta begab; wenn mich aber jemand fragte, wo Betrug und Verstellung zu finden seien, so wüßte ich keinen anderen Ort zu nennen als die Höfe, wo die üble Nachrede immer als Lustigmacher, die Verleumdung als Possenreißer, der Verrat als Pickelhering und die Schelmerei als Hanswurst gekleidet gehen und wo man zu gleicher Zeit zerschneidet und näht, verwundet und heilt, zerbricht und leimt; wovon ich euch nur ein kleines Pröbchen in der folgenden Erzählung vorlegen will.

Es befand sich einmal im Dienste des Königs von Breitenfluß ein sehr wackerer Jüngling, der wegen seines trefflichen Benehmens von seinem Herrn in hohem Grade geliebt, von allen Höflingen aber eben deshalb von Herzen gehaßt und verabscheut wurde, da sie als Fledermäuse der Bosheit den Tagesglanz der Tugenden Corvettos nicht anschauen konnten, der sich mit der baren Münze lobenswerten Betragens die Gunst seines Gebieters erkaufte. Daher war der Zephir des ihm von dem Könige erwiesenen Wohlwollens für den Ingrimm der vor Neid Berstenden ein wahrer Schirokko, so daß sie zu jeder Stunde und in allen Winkeln des Palastes nichts anderes taten, als daß sie über den armen Corvetto brummten, murrten, flüsterten, zischelten, sich zuraunten und sprachen: »Was für einen Zauber hat denn dieser Hans Papp dem König angetan, daß dieser ihm so wohlwill? Wie kommt er denn zu dem Glück, daß fast kein Tag vergeht, wo er nicht eine neue Gunstbezeigung erhält? Denn wir gehen immer nur rückwärts wie die Seiler, kommen in unseren Umständen nur immer mehr zurück und dienen doch auch so treu wie die Hunde, schwitzen wie die Taglöhner und jagen wie die Damhirsche, um die Wünsche des Königs aufs Haar zu treffen. Fürwahr, man muß nur ein Quentchen Glück haben; denn wer das nur hat, fällt immer auf die Füße! Was ist aber zu machen? Wir können nur sehen und schweigen, und sollten wir auch darüber bersten!« – Diese und ähnliche Worte flogen von dem Bogen ihres Mundes und glichen vergifteten Pfeilen, deren Ziel der Untergang Corvettos war. – Wehe dem, der zu der Hölle der Höfe verdammt ist, wo Schmeicheleien scheffelweise verkauft, Bosheiten und böse Dienste malterweise zugemessen und Betrug und Verrat zentnerweise ausgewogen werden. Wer könnte daher sagen, wieviel Fußeisen der Hinterlist man ihm legte, um ihn fallen zu machen? Mit wieviel Seife der Falschheit man die Leiter der königlichen Ohren einschmierte, damit er herunterstürze und sich den Hals breche? Wer könnte die Gruben des Trugs zählen, die man in des Königs Herz grub, und die Fallen freundschaftlichen Eifers, in die man ihn zu locken suchte? Corvetto aber, der gefeit war und die Kniffe sah, die Pfiffe merkte, die Schlingen wahrnahm und die Listen, Anschläge, Tücken, Ränke und Nachstellungen seiner Feinde inne wurde, hielt stets die Ohren steif und die Augen weit offen, um nicht einen Fehltritt zu tun, da er wohl wußte, daß das Glück der Höflinge gläsern ist. Je höher er aber stieg, desto tiefer und schneller sanken die andern, so daß sie, am Ende nicht mehr wissend, auf welche Weise sie ihn aus dem Wege räumen sollten, da ihre Verleumdungen keinen Glauben fanden, auf den Einfall kamen, ihn durch Lobeserhebungen in einen Abgrund zu stürzen (eine Kunst, die in der Hölle erfunden und an den Höfen vervollkommnet worden ist), und zwar versuchten sie, ihre Absicht auf folgende Weise zu erreichen.

Zehn Meilen von Schottland nämlich, woselbst der Wohnsitz jenes Königs sich befand, wohnte ein wilder Mann, der grimmigste und scheußlichste aller, die je aus dem Land der wilden Männer gekommen, der vom König verfolgt, sich auf dem Gipfel eines Berges in einem Wald festgesetzt hatte, der so dicht war, daß selbst nicht einmal die Vögel darin nisteten und die festverschlungenen Zweige auch nicht einen einzigen Blick der Sonne durchließen. Dieser wilde Mann nun hatte ein schönes Roß, das aussah wie gemalt und unter vielen andern vortrefflichen Eigenschaften auch die Gabe der Rede besaß, da es durch eine besondere Zauberkraft ebenso sprechen konnte wie ein Mensch. Da nun die Höflinge wußten, wie greulich der wilde Mann, wie entsetzlich der Wald, wie hoch der Berg und wie groß die Schwierigkeit, das Roß zu erhalten, war, so traten sie eines Tages vor den König, gaben ihm eine genaue Schilderung von den Vollkommenheiten des Tieres und fügten hinzu, daß sein Besitz wohl eines Königs würdig wäre und er sich daher auf jede mögliche Weise bemühen sollte, es den Klauen des wilden Mannes zu entreißen, sowie daß Corvetto am ehesten imstande wäre, es ihm zu entführen, weil er sehr gewandt wäre und es verstünde, den Hund vom Ofen zu locken. Der König, der nicht ahnte, daß unter den Blumen dieser Worte eine Schlange verborgen lag, ließ Corvetto sogleich vor sich kommen und sprach zu ihm: »Wenn du mich irgend liebst, sieh zu, daß du mir das Roß des wilden Mannes, meines Feindes, auf eine oder die andere Weise verschaffst; denn es soll dich sicherlich nicht gereuen, mir diesen Dienst erwiesen zu haben.«

Corvetto merkte nun zwar recht gut, aus welchem bösen Loche dieser Wind pfiff, machte sich aber dennoch, um dem König zu gehorchen, auf den Weg nach dem Berge, schlich sich ganz heimlich in den Stall des wilden Mannes, sattelte das Roß, schwang sich hinauf, und mit den Füßen fest im Steigbügel, machte er sich auf den Rückweg. Als das Roß sich aber aus dem Palaste spornen sah, rief es aus: »Heda, holla! Corvetto führt mich fort!« Bei welchem Geschrei der wilde Mann mit allen Bestien, die ihm dienten, hervorstürzte, um ihn in Stücke zu reißen. Obwohl Corvetto von da eine Meerkatze, von dort einen Silberbär, links einen Löwen, rechts einen Werwolf hinter sich herkommen sah, jagte er dennoch, die Sporen dem Rosse tüchtig in die Rippen stoßend, den Berg hinunter, und indem er in einem fort mit verhängtem Zügel nach der Stadt zurückeilte, langte er glücklich im Palast des Königs an. Sobald er ihm nun das Roß übergeben, umarmte ihn dieser wie seinen Sohn, zog seinen Beutel und füllte Corvetto die Hände mit blanken Talern, wodurch die Glut des Grolls der Höflinge neue Feuerung erhielt, und wenn sie früher durch Handbälge angeblasen wurde, so loderte sie jetzt wie durch Schmiedebälge angefacht hoch auf, indem sie sahen, daß die Tücken, durch die sie Corvettos Glück zu vernichten gedachten, nur dazu dienten, den Pfad seines Gedeihens zu ebnen.

Da sie jedoch wußten, daß die Eiche nicht auf den ersten Streich fällt, wollten sie es noch einmal versuchen und sprachen zum König: »Wir gratulieren dir auf das herzlichste zu dem schönen Rosse, das wahrhaftig die Zierde des königlichen Marstalls sein wird; nur wünschten wir, daß du auch die Zimmertapeten des wilden Mannes bekommen könntest; denn die sind etwas unbeschreiblich Prächtiges, und dein Name würde durch deren Besitz im Munde aller sein. Aber niemand anders kann deine Reichtümer durch diesen Schatz vermehren als Corvetto, der es ganz besonders weg hat, solche Dinge auszuführen.«

Der König, der tanzte, wie man ihm pfiff, und von diesen bittern, aber überzuckerten Früchten eben nur die Schale aß, ließ Corvetto wieder vor sich kommen und bat ihn, ihm die Zimmertapeten des wilden Mannes zu verschaffen. Ohne ein Wort zu erwidern, begab sich Corvetto in eins, zwei, drei auf den Berg des wilden Mannes, schlich sich ungesehen in sein Schlafzimmer, verbarg sich unter dem Bette und wartete da, ohne sich zu rühren, bis die Nacht, um die Sterne lachen zu machen, dem Himmel das Gesicht schwarz anrußt, worauf er, nachdem der wilde Mann sich mit seiner Frau niedergelegt hatte, so leise wie möglich die Tapeten von den Wänden nahm, und da er sogar auch die Bettdecke mit fortmausen wollte, diese ganz sachte wegzuziehen anfing. Hierüber erwachte jedoch der wilde Mann und sagte zu seiner Frau, sie solle nicht so sehr ziehen, denn sie decke ihn ganz auf, so daß er sich leicht erkälten könnte. »Was Kuckuck«, versetzte die Frau, »du deckst mich ja auf, und ich liege schon ganz bloß.« – »Wo Teufel ist denn die Decke?« sprach nun der wilde Mann, und indem er die Hand aus dem Bette steckte, faßte er Corvetto gerade ins Gesicht, so daß er sogleich zu schreien anfing: »Der Kobold, der Kobold! Heda, Lichter, hurtig!« und bei diesem Lärm das Haus in Aufruhr geriet. Corvetto hatte jedoch inzwischen die Tapeten zum Fenster hinausgeworfen, sprang ihnen nach und eilte, sie rasch zusammenfassend, spornstreichs in die Stadt zurück, woselbst er von dem Könige mit solchen Freudenbezeigungen überhäuft wurde, daß man sich weder diese noch auch den Ärger der Höflinge denken kann, die vor Verdruß fast barsten. Gleichwohl faßten sie den Plan, mit dem Nachtrab der Schelmerei über Corvetto herzufallen, und traten daher wieder vor den König, der fast närrisch war vor Freude über die Tapeten, da sie nicht nur von Seide gewirkt und mit Goldstickereien verziert waren, sondern auch außerdem noch tausenderlei sinnreiche Einfälle und Gedanken eingewebt hatten, wie zum Beispiel, wenn ich mich recht erinnere, einen Hahn, der beim Anblick der Morgenröte eben seine Stimme erheben wollte, mit einem Motto in toskanischer Sprache: »Sol ch' io te miri« (Sonne, wenn ich dir nur sehe); ferner eine welke Sonnenblume mit einer gleichfalls toskanischen Überschrift: »Al calar del sole« (wenn die Sonne sinkt) und außerdem noch so viele andere Dinge, daß ein ganz anderes Gedächtnis und weit mehr Zeit als die meinige nötig wäre, um alles herzuzählen.

Indem nun, sage ich, die Höflinge den König voller Jubel und Freude antrafen, sprachen sie zu ihm: »Da Corvetto Euch zuliebe schon so sehr Großes ausgeführt hat, so würde es nun eine Kleinigkeit sein, wenn er, um Euch einen ganz besonderen Dienst zu erweisen, Euch den Besitz des Palastes des wilden Mannes verschaffte, der von der Art ist, daß selbst ein Kaiser darin wohnen könnte; denn er enthält so viele Flügel und Gemächer, daß er ein Heer zu fassen vermöchte, und Ihr könnt Euch die Höfe, Hallen, Bogengänge, Altanen, geruchlosen Latrinen und Röhrenkamine gar nicht vorstellen, die daselbst mit so großartiger Architektur angelegt sind, daß die Kunst auf ihn stolz ist, die Natur sich schämt und das Staunen auf die Spitze getrieben wird.« Der König, dessen Phantasie sehr empfänglich war und rasch schwanger wurde, ließ wiederum Corvetto rufen und sagte ihm, welch ein Gelüst nach dem Palast des wilden Mannes ihn ergriffen hätte und daß er zu so vielen Diensten, die er ihm erwiesen, auch noch diesen hinzufügen möchte; denn er würde ihn mit der Kreide der Dankbarkeit an die Tafel des Gedächtnisses schreiben. Corvetto nun, der bei jeder Gelegenheit gleich Feuer fing und sich eine Sache nicht zweimal heißen ließ, nahm sogleich die Beine über den Buckel. Im Palast des wilden Mannes anlangend, fand er, daß dessen Frau von einem niedlichen wilden Männlein entbunden worden war, er selbst aber sich fortbegeben hatte, um seine Vettern einzuladen, während die Wöchnerin, aus dem Bett aufgestanden, voller Geschäftigkeit alle Anstalten zum Schmause traf. Sobald daher Corvetto in den Palast trat, sprach er zu ihr: »Grüß Euch Gott, wackere Frau, Ihr seid eine tüchtige Hauswirtin; warum plagt Ihr Euch denn aber gar sehr ab? Gestern erst war Eure Niederkunft, und heute schon arbeitet Ihr so sehr darauf los, ohne alles Mitleid mit Euch selbst?« – »Was soll ich tun«, versetzte die Frau, »wenn niemand da ist, der mir helfen kann!«- »Ich bin ja da«, erwiderte Corvetto, »und will Euch aus allen Kräften beistehen.« – »So seid mir vielmal willkommen«, entgegnete die Frau, »und da Ihr mir so freundlich Eure Dienste anbietet, so helft mir diese paar Stücke Holz spalten.« – »Sehr gern«, antwortete Corvetto, »und wenn diese paar Stücke nicht genug sind, spalte ich mehr.« Und indem er eine frischgeschliffene Axt ergriff, hieb er, statt in das Holz, der wilden Frau auf den Schädel, so daß sie stracks zur Erde stürzte, lief dann sogleich vor den Eingang des Palastes, machte eine tiefe, tiefe Grube, und nachdem er sie mit Zweigen und Erde bedeckt, paßte er hinter dem Tore auf, bis er den wilden Mann mit den Vettern ankommen sah, worauf er innerhalb des Hofes zu rufen anfing: »Halt da, ich will's euch geraten haben! Es lebe der König von Breitenfluß!« Als der wilde Mann diese Herausforderung vernahm, eilte er nebst den übrigen wie besessen auf Corvetto los, um aus ihm ein Ragout zu machen; indem sie jedoch blindlings unter die Vorhalle des Tores liefen, fielen sie samt und sonders in die Grube. Sobald sie nun hinuntergestürzt waren und Corvetto sie mit Steinwürfen in einen Brei verwandelt hatte, verschloß er das Tor des Palastes und brachte die Schlüssel dem König, der jetzt nachdem er den Eifer, den Mut und die Klugheit Corvettos vollkommen kennengelernt, trotz seines niedrigen Herkommens, zum Ärger des Neides und zum Verdruß der Höflinge, ihm seine Tochter zur Frau gab, so daß auf diese Weise die Hindernisse der Mißgunst für Corvetto zu Walzen geworden waren, auf denen er das Schifflein seines Lebens in das Meer des Glücks von Stapel lassen konnte, während seine Feinde, ganz beschämt und vor Wut fast berstend, mit einer langen Nase abziehen mußten, denn:

Des Bösen Strafe zögert zwar zuweilen,
Doch wird zuletzt sie immer ihn ereilen..

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