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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 27
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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4. Sapia Liccarda

Das große Vergnügen, das die Zuhörer bei den früheren Erzählungen empfunden hatten, wurde durch das traurige Schicksal der unglücklich Liebenden getrübt, und sie saßen lange da, wie wenn eine Tochter geboren worden wäre; so daß der Prinz, der dies wahrnahm, zu Tolla sagte, daß sie etwas fröhliches erzählen sollte, um die Trauer über den Tod Renzas und Cecios zu mildern, worauf diese, der Aufforderung gemäß, ihren Wortlauf also begann:

Die Klugheit ist in der Nacht der Drangsale dieser Welt eine treffliche Laterne, mit der man ohne Gefahr Gräben überspringt und ohne Furcht über gefährliche Stellen hinwegkommt; daher ist es viel besser, Verstand zu besitzen als Gold; denn dies geht und kommt, jenen aber hat man immer, wenn man ihn braucht, wovon ihr ein klares Beispiel an der Sapia Liccarda sehen werdet, die durch den helleuchtenden Polarstern der Klugheit aus einem furchtbaren Sturm entkam und in einen sicheren Hafen einlief.

Es war einmal ein steinreicher Kaufmann, namens Marcone, der drei schöne Töchter hatte, nämlich Bella, Cenzolla und Sapia Liccarda. Da er nun einst in Geschäften verreisen mußte und sehr wohl wußte, daß die beiden ältesten Töchter sich gern Fensterparaden halten ließen, so vernagelte er alle Fenster, übergab einer jeden einen Ring mit gewissen Steinen, die ganz fleckig wurden, wenn die, so ihn trug, ihre Ehre preisgab, und reiste dann ab. Kaum aber hatte er Offenburg verlassen (denn so hieß jene Stadt), so fingen sie auch schon an, die Fenster aufzunageln und hinauszusehen, trotzdem daß Sapia Liccarda, die jüngste von ihnen, einen Mordsspektakel erhob und schrie, ihr Haus sei weder eine gemeine Kneipe noch ein Bordell, noch ein öffentliches Haus, noch ein Ort »für Herren«, daß sie den Nachbarn solche verliebte Blicke und verbuhlte Winke zuwürfen.

Es befand sich aber dem Hause gerade gegenüber der Palast des Königs, der drei Söhne hatte, namens Ceccariello, Grazullo und Tore, von denen der letztere besonders an der jüngsten Schwester großes Gefallen fand, alle aber ihren Nachbarinnen zuzuwinken begannen; von den Winken kamen sie dann zu Kußhänden, von den Kußhänden zu Worten und von Worten zu Versprechungen, so daß sie eines Abends, als die Sonne, um nicht mit der Nacht in Streit zu geraten, sich mit Sack und Pack zurückzog, durch ein Fenster in das Haus der drei Schwestern stiegen. Indem nun die beiden ältesten Brüder sich mit den älteren Schwestern gütlich taten und auch Tore Sapia Liccarda erhaschen wollte, entschlüpfte sie ihm wie ein Aal und verriegelte sich dergestalt, daß es dem armen Tore nicht möglich war, die Türe aufzusprengen, sondern er leer ausging und, während seine Brüder sich erlustierten, das Zusehen hatte. Als daher der Morgen kam und die Vögel als Trompeter der Morgenröte sämtlich zum Satteln bliesen, damit die Stunden des Tages aufsitzen sollten, kehrten die Brüder nach Hause, die zwei älteren vergnügt über die gehabten Genüsse, der jüngste aber ganz verdrießlich über die schlimme Nacht, die er gehabt. Die beiden Schwestern nun fühlten sich bald darauf schwanger, und fürwahr eine böse Schwangerschaft war es für sie, indem Sapia Liccarda so viel darüber redete, daß jene von Tag zu Tag nicht so viel zunahmen, als diese stündlich Vorwürfe und Schmähungen von sich gab, wobei sie immer damit schloß, daß ihr wie eine Trommel aufgeschwollener Leib ihnen Krieg und Unheil bringen und daß, wenn der Vater zurückkehrte, ihnen die Ohren gellen würden. Da jedoch das Verlangen Tores, teils durch die Schönheit Sapia Liccardas, teils weil er mit einer langen Nase hatte abziehen müssen, immer mehr wuchs, so verabredete er sich mit den älteren Schwestern, Sapia, ehe sie sich dessen versähe, in die Falle zu locken, wobei sie ihm versprachen, sie so weit zu bringen, daß sie ihn in seinem eigenen Hause aufsuchen würde. Sie riefen daher eines Tages Sapia zu sich und sprachen zu ihr: »Liebe Schwester, was geschehen ist, ist geschehen; wenn man Ratschläge bezahlte, so wären sie entweder teurer oder höher geachtet, und wenn wir dich auf vernünftige Weise gehört hätten, so würden wir weder die Ehre unseres Hauses verkleinert noch unseren Leib vergrößert haben. Was ist aber zu tun? Die Sachen sind schon zu weit gekommen, das Messer sitzt uns an der Kehle, und das Wasser steht uns bis an den Hals. Darum können wir auch nicht glauben, daß du in deinem Zorn so weit gehen willst, uns aus der Welt zu schaffen, und wenn auch nicht um unsrethalben, so wirst du doch um der schuldlosen Würmer willen, die wir unter unserem Herzen tragen, Mitleid mit unserem Zustande haben.« – »Der Himmel weiß«, versetzte Sapia Liccarda, »wie sehr mir das Herz wegen eures Fehltrittes blutet, indem ich die gegenwärtige Schande und die Strafe bedenke, die euch erwartet, wenn der Vater wiederkehrt und diese Entehrung seines Hauses vernehmen wird, und gern würde ich ein Glied meines Fingers darum hingeben, wenn diese Sache nicht vorgefallen wäre. Da nun aber einmal der Böse euch verblendet hat, so saget mir, was ich für euch tun kann, wenn nur meine Ehre nicht dabei leidet; denn, wie dem auch sei, Blut bleibt ja doch Blut, ihr seid einmal meine Schwestern, und eure Lage schmerzt mich so sehr, daß ich mein Leben daransetzen würde, wenn ich euch daraus befreien könnte.« Nachdem Sapia so gesprochen, erwiderten die Schwestern also: »Wir verlangen kein anderes Zeichen deiner Zuneigung, liebe Schwester, als daß du uns ein Stückchen Brot bringst, von dem, das der König ißt; denn wir empfinden ein so großes Gelüst danach, daß, wenn wir es nicht befriedigen können, dringende Gefahr vorhanden ist, daß die armen Geschöpfe ein Brötchen an der Nasenspitze mit auf die Welt bringen. Um deiner christlichen Liebe willen tue uns also morgen früh diesen Gefallen; denn wir werden dich durch das Fenster, durch das die Söhne des Königs zu uns heraufgestiegen sind, hinunterlassen und dich als Bettlerin verkleiden, damit du nicht erkannt wirst.« Voll Mitleid für ihre armen Schwestern zog sich Sapia Liccarda, als die Sonne wegen ihres gegen die Nacht gewonnenen Sieges Lichttrophäen aushängte, ein ganz zerlumptes Kleid an, nahm eine Hechel über die Schulter und ging in den Palast des Königs, wo sie um ein Stückchen Brot bettelte. Als sie es erhalten und eben fortgehen wollte, wurde sie von Tore, der, der Verabredung gemäß, auf sie gelauert hatte, sogleich erkannt; als er sie aber ergreifen wollte, drehte sie sich plötzlich um, so daß er statt ihrer die Hechel erfaßte und sich dermaßen zerkratzte, daß er einige Tage lang die Hand nicht rühren konnte.

Da nun die Schwestern auf diese Weise das Brot erhalten hatten, dem armen Tore aber der Hunger gewachsen war, fingen sie wiederum an, sich zu besprechen; und zwei Tage nachher klagten jene der Sapia Liccarda unter vielen und dringenden Bitten aufs neue, daß sie ein Gelüst nach zwei Birnen aus dem Garten des Königs bekommen hätten. Die arme Sapia zog sich also einen anderen Kittel an, begab sich in den königlichen Garten und traf da den Prinzen, der die Bettlerin sogleich erkannte und kaum vernommen hatte, daß sie ein paar Birnen zu haben wünschte, als er selbst auf einen Baum stieg und ihr einige zuwarf. Während er jedoch wieder heruntersteigen wollte, um sie festzuhalten, zog sie rasch die Leiter weg und ließ ihn oben unter dem Laubdach mit den Vögeln um die Wette schreien, so daß, wenn nicht zufällig ein Gärtner vorübergegangen wäre, der ein paar Köpfe Salat holen wollte und der ihm nun herunterhalf, er die ganze Nacht dort hätte bleiben müssen, worüber er sich vor Ärger in die Hände biß und sich fürchterlich zu rächen drohte. Sobald aber die gehörige Zeit erschien und die Schwestern ein paar hübsche Knäblein zur Welt gebracht hatten, sprachen sie folgendermaßen zu Sapia Liccarda: »Wir sind rettungslos verloren, liebe Schwester, wenn du uns deinen Beistand versagst; denn in kurzem muß der Vater zurück sein, und wenn er die Bescherung im Hause findet, so reißt er uns zumindest die Ohren aus. Steige also zum Fenster hinunter, nimm die Kleinen in einem Korbe mit dir und bringe sie ihren Vätern, damit diese weiter für sie sorgen.« Obwohl das Sapia Liccarda eine sehr starke Anforderung schien, diesen lästigen Auftrag zu übernehmen, fühlte sie dennoch, trotz der Leichtfertigkeit ihrer Schwestern, soviel Liebe für diese, daß sie sich wirklich mit den Kindern zum Fenster hinunterließ und sie in die Zimmer der Prinzen trug. Sie fand sie zwar nicht zu Hause, da sie sich jedoch vorher von allem genau unterrichtet hatte, legte sie in jedes Bett ein Kindlein, unter das Kopfkissen Tores aber einen großen Stein und kehrte dann nach Hause zurück. Als hierauf die Prinzen in ihre Zimmer zurückkehrten und die schönen Knäbchen, von denen jedes den Namen seines Vaters auf einem Zettel ans Hemdchen geheftet hatte, vorfanden, fühlten sie die lebhafteste Freude; Tore aber, der, ganz betrübt darüber, nicht einmal ein Söhnchen zu haben, sich niederlegen wollte und sich verdrießlich aufs Lager warf, fiel dergestalt mit dem Kopf auf den Stein, daß er sich eine große Beule schlug. Nicht lange nachher kehrte der Kaufmann von seiner Reise zurück und betrachtete alsbald die Ringe seiner Töchter; als er daher die der beiden ältesten mit Flecken bedeckt fand, geriet er in die höchste Wut und wollte schon den Degen ergreifen, um ihnen den Garaus zu machen und so seine Schande zu bedecken, als plötzlich die drei Söhne des Königs erschienen und um seine Töchter anhielten, dergestalt, daß er anfangs gar nicht wußte, wie ihm geschah, und sich verspottet glaubte; nachdem er jedoch vernommen hatte, was vorgefallen war und daß er bereits Enkel besäße, so pries er sich ganz glücklich und bestimmte gleich denselben Abend zur Hochzeit. Obwohl nun Sapia die dringende Bewerbung des Prinzen um ihre Hand gehört hatte, so kratzte sie sich doch den Kopf, da sie der ihrem Bräutigam früher gespielten Streiche sehr wohl eingedenk war und recht gut wußte, daß nicht alles, was glänzt, Gold ist und jede Rose ihre Dornen hat. Sie machte daher eine sehr schöne und große Puppe von Zuckerteig, legte sie in einen großen Korb, bedeckte sie mit verschiedenen Kleidungsstücken, und während des Abends alles noch voll Festlichkeiten und Tanz war, ging sie unter dem Vorwand einer leichten Übelkeit früher als alle anderen zu Bett, ließ sich den Korb bringen, wie wenn sie sich andere Wäsche anziehen wollte, und legte dann die Puppe in das Bett, sie selbst aber versteckte sich hinter den Vorhängen desselben, um hier den Ausgang abzuwarten. Als nun die Stunde da war, wo die Neuvermählten schlafen gingen, kam auch Tore an sein Bett, und indem er glaubte, daß Sapia darinläge, sprach er zu ihr: »Jetzt sollst du mir, du Schändliche, für alle die Kränkungen, die du mir angetan hast, büßen und erfahren, was es heißt, wenn sich eine Maus mit einem Elefanten in Streit einläßt; jetzt will ich dich auf einmal für alles bezahlen und dir einen Denkzettel geben sowohl für die Hechel und die weggezogene Leiter als für all die anderen Verhöhnungen, die du dir gegen mich erlaubt.« So sprechend, ergriff er einen Dolch und durchbohrte die Puppe durch und durch, während er, damit nicht zufrieden, auch noch ausrief: »Und nun will ich sogar auch dein Blut noch aussaugen.« Kaum hatte er aber den Dolch der Puppe aus der Brust gezogen und beim Ablecken desselben die Süßigkeit des Zuckers und den Geruch des Moschus, der ihm gar stark in die Nase fuhr, wahrgenommen, so fing er an, voll Reue darüber, eine so zuckersüße und duftreiche Jungfrau getötet zu haben, seine blinde Wut zu verwünschen und zu jammern, daß es die Steine hätte erbarmen mögen, indem er sein Herz eine Galle und den Stahl ein Gift nannte, daß sie etwas so süßes und liebliches hatten verletzen können. Nach langen Klagen ließ er sich endlich von der Verzweiflung so weit fortreißen, daß er schon die Hand mit dem Dolch emporhob, um sich zu durchbohren, als Sapia plötzlich aus ihrem Versteck hervoreilte, seinen Arm ergriff und ausrief: »Halt ein, Tore, fort mit dem Dolch; hier ist, die du beweinst, frisch und gesund, damit du auch gesund und munter bleibest! Halte mich aber nicht für eine naseweise Närrin, wenn ich mit dir gescherzt und dir einige kleine Streiche gespielt habe; denn ich tat es bloß, um deine Beständigkeit und Treue zu prüfen und zu erforschen; diese letzte Täuschung aber unternahm ich nur, um den Unwillen eines erzürnten Herzens abzulenken; daher bitte ich dich um Verzeihung für alles, was sich zwischen uns zugetragen.« Als Tore diese Worte hörte, umarmte er Sapia voller Liebe, versöhnte sich mit ihr auf das herzlichste und ließ sie dann an seiner Seite ruhen, indem ihm nach so langem Entbehren die gegenwärtigen Freuden desto süßer erschienen und er die kurze Zurückhaltung seiner Frau viel höher achtete als die so große Bereitwilligkeit ihrer Schwestern, denn, wie der Dichter sagt:

Es wird die nackte Venus selbst,
Diana selbst von Lieb' entglommen,
geachtet nie, wenn sie entgegenkommen.

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