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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 26
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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3. Renza

Während Cecca unter großem Beifall ihr Märchen erzählte, sah man unter den Anwesenden eine Olla potrida von Vergnügen und Verdruß, von Freude und Traurigkeit, von Lachen und Weinen, indem sie nämlich über die Leiden Pentas weinten, bei dem glücklichen Ausgang ihrer Drangsale aber lachten, darüber trauerten, sie in so vielen Gefahren zu sehen, sich freuten, daß sie und ihre Ehre gerettet wurden, und Verdruß über den an ihr geübten Verrat sowie Vergnügen über die deswegen genommene Rache empfanden. Meneca stand inzwischen mit der brennenden Lunte an dem Geschütz der Worte und feuerte endlich ab, indem sie also sprach:

Oft pflegt es sich zuzutragen, daß, je mehr der Mensch einem Unglück zu entfliehen glaubt, er ihm desto mehr entgegeneilt. Deswegen wird der Weise sein Schicksal stets der Fügung des Himmels überlassen und sich nie um die Zirkel und Kreise der Zauberer und Sterndeuter kümmern; denn während er in seinem Klugheitsdünkel den Gefahren zuvorzukommen sucht, stürzt er wie ein Dümmling gerade ins Verderben; und wie wahr dies sei, werdet ihr sogleich vernehmen.

Es war einmal ein König von Schmalgraben, der eine schöne Tochter hatte, und da er gern wissen wollte, was für ein Schicksal im Buch der Sterne für sie angeschrieben stände, rief er alle Zauberer, Sterndeuter und Zigeuner des Landes zusammen. Als sie nun an den königlichen Hof gekommen und der eine die Linien ihrer Hand, der andere die Züge ihres Angesichts und wieder ein anderer die Male auf dem Körper Renzas (denn so hieß die Prinzessin) genau betrachtet hatte, sagte ein jeder seine Meinung, wobei die der Mehrzahl dahin lautete, daß ihr die Gefahr drohe, den Lauf ihres Lebens durch ein Schlüsselbein zu beschließen. Sowie der König dies vernommen, dachte er einen recht klugen Streich auszuführen, indem er einen festen Turm erbauen ließ und in diesen seine Tochter mit zwölf Hoffräulein und einer Kammerfrau zu ihrer Bedienung einschloß, wobei er unter Androhung von Todesstrafe im Übertretungsfalle gebot, daß ihnen stets nur Fleisch ohne Knochen gebracht würde, um auf diese Weise den Einfluß des bösen Gestirns zu vermeiden. So wuchs nun Renza gleich einem Monde heran, und während sie eines Tages an einem vergitterten Fenster stand, wurde sie von dem Sohn der Königin von Langenweinberg, namens Cecio, gesehen, der beim Anblick einer so großen Schönheit alsobald in Flammen geriet, und da er sie seinen Gruß erwidern und sie schelmisch lächeln sah, faßte er Mut, trat unter das Fenster und sprach: »Lebe wohl, du Protokoll aller Privilegien der Natur, Archiv aller Verleihungen des Himmels; lebe wohl, du Generalregister aller Titel der Schönheit.« Bei Anhörung dieser Lobpreisungen wurde Renza durch die Schamröte nur noch schöner, goß so noch Öl in das Feuer Cecios oder, wie einmal jemand gesagt hat, siedendes Wasser auf das schon Gekochte, und da sie Cecio nicht an Freundlichkeit nachstehen wollte, erwiderte sie: »Sei tausendmal willkommen, du Speisekammer der Anmut, du Magazin der Tugendware, du Zollhaus der Liebesgüter!«. Worauf Cecio versetzte: »Warum ist doch das Kastell der Streitkräfte Kupidos in einen Turm eingeschlossen? Warum das Gefängnis der Herzen auf diese Weise eingekerkert? Warum dieser goldene Apfel hinter einem eisernen Gitter verwahrt?« Sobald ihn nun Renza von dem Grund ihrer Gefangenschaft in Kenntnis gesetzt hatte, teilte Cecio ihr mit, daß er der Sohn einer Königin, aber der Sklave ihrer Schönheit wäre und daß, wenn sie mit ihm in sein Reich fliehen wollte, er ihr eine Königskrone aufs Haupt setzen würde. Renza, die sich zwischen vier Mauern eingesperrt sah und sehnsüchtig die Stunde erwartete, wo sie die freie Lebenslust wieder mit vollen Zügen genießen könnte, ging auf seinen Antrag ein und sagte ihm, er sollte am nächsten Morgen um die Stunde wiederkehren, wenn der Tag die Vögel zu Zeugen ruft, daß Aurora ihm einen roten Makel angehängt hat; denn sie wolle dann mit ihm das Weite suchen; hierauf warf sie ihm noch eine Kußhand aus dem Fenster zu und zog sich dann zurück, während der Prinz nach Hause kehrte.

Renza fing nun sogleich an nachzudenken, auf welche Weise sie Reißaus nehmen und ihren Gesellschafterinnen entwischen könnte, als ein Bullenbeißer, den der König zur Bewachung des Turmes hielt, mit einem großen Schlüsselbein im Maul zu ihr ins Zimmer kam und ihn unter ihrem Bette zu benagen anfing. Indem aber Renza sich bückte und so diesen Hundeschmaus gewahr wurde, schien es ihr, daß ein günstiges Geschick ihr in ihrer Not einen Ausweg zeige, sie jagte daher den Hund hinaus, hob den Knochen auf, und nachdem sie ihre Zofen unter dem Vorwand, daß sie Kopfschmerz hätte und daher ungestört sein wollte, entlassen, verriegelte sie die Tür und fing an, wie für Tagelohn zu arbeiten, bis sie endlich einen Stein der Mauer dergestalt zerbröckelte und aushöhlte, daß sie ohne Mühe durch die Öffnung gelangen konnte. Sie zerriß hierauf ein paar Bettücher, drehte sie wie einen Strick zusammen, und sobald der Vorhang der Dunkelheit vor der Szene des Himmels weggezogen wurde, damit Aurora auftreten und den Epilog zu der Tragödie der Nacht hersage, hörte Renza Cecio pfeifen, befestigte das eine Ende der Bettücher an eine Klammer, ließ sich hinunter, sah sich bald von Cecios Armen aufgefangen und von ihm auf einen schön aufgezäumten Esel gesetzt, worauf sie unverzüglich den Weg nach Langenweinberg einschlugen. Als sie abends an einem Ort, namens Viso anlangten, fanden sie da einen sehr schönen Palast, woselbst Cecio sogleich als Zeichen ehelichen Besitzes seines neuerworbenen schönen Gutes einen Pfahl einschlug. Es ist aber eine alte, üble Gewohnheit des Schicksals, den Leuten einen Strich durch die Rechnung zu machen, ihnen das Spiel zu verderben und allen Plänen der Liebenden in die Quere zu kommen; daher erschien auch jetzt mitten in den Freuden der Neuvermählten ein Bote mit einem Brief von der Mutter Cecios, in dem sie ihm schrieb, daß, wenn er nicht stehenden Fußes zu ihr eile, er sie nicht mehr am Leben finden würde, weil sie nahe daran wäre, am Z des Lebensalphabets anzulangen. Bei dieser fatalen Nachricht sprach Cecio zu Renza: »Mein liebes Herzchen, die Sache leidet keinen Aufschub, ich muß über Hals und Kopf jagen, um noch zur rechten Zeit einzutreffen. Jedoch halte dich nur fünf bis sechs Tage in diesem Palast auf; denn ich kehre entweder selbst wieder oder lasse dich von hier abholen.« Als Renza diese traurige Botschaft vernahm, fing sie an zu weinen und erwiderte: »Wehe meinem unglückseligen Verhängnis, wie rasch ist doch das Faß meines Glückes bis auf die Hefen verronnen, der Topf meiner Freuden bis auf den Boden ausgeleert, das Gefäß meiner Seligkeit bis auf den Satz erschöpft! Ich Unglückliche! Meine Hoffnungen fliehen hin, meine Aussichten werden zunichte, und all meine Zufriedenheit löst sich in Rauch auf! Kaum habe ich dieses herrliche Ragout meinen Lippen genähert, so bleibt mir auch schon der Bissen in der Kehle stecken; kaum meinen Mund an diesen Quell der Süßigkeit gelegt, so wird meine Freude mir auch getrübt; kaum habe ich die Sonne aufgehen sehen, so kann ich auch schon sagen: Gute Nacht, warmes Bett!« – Diese und noch viele andere Worte flogen von dem Partherbogen jener Lippen und durchbohrten die Seele Cecios, so daß dieser erwiderte: »Sei ruhig, schönste Stütze meines Lebens, helle Leuchte meiner Augen, stärkende Hyazinthe meines Herzens, denn ich kehre bald wieder; aber auch eine meilenweite Entfernung kann mich nicht von deiner holdseligen Liebe entfernen noch die Gewalt der Zeit dein Andenken aus meinem Geiste verbannen! Sei ruhig, beschwichtige deinen Kummer, trockne deine Augen und behalte mich in deinem Herzen!« – Dies sagend, stieg er zu Pferd und fing an, sich in Trab zu setzen. Renza jedoch, die sich dermaßen aufs trockene gesetzt sah, machte sich auf den Weg Cecio nach, indem sie ein Pferd, das sie auf einer Wiese weiden sah, losfesselte und ihm nacheilte. Sie begegnete hierauf einem jungen Menschen, dem Aufwärter eines Einsiedlers, und vom Pferde steigend, gab sie ihm ihre ganz mit Gold besetzten Kleider, wofür sie den Sack und Strick empfing, die er am Leibe trug und die sie sich nun anlegte, indem der Strick ihre Seele wie mit einer Liebesfessel umschlang. Sie bestieg darauf wieder ihr Roß und jagte spornstreichs weiter, so daß sie in kurzem Cecio einholte und zu ihm sprach: »Grüß' Euch Gott, Herr Ritter!« Worauf Cecio antwortete: »Schönen Dank, kleines Eremitlein! Woher und wohin?« Und Renza erwiderte:

»Ich komm' von da, wo tief in Leid versenkt
ein Weib stets ruft: O weißes Angesicht,
Weh mir, was hat mich doch von dir verdrängt?«

Als Cecio diese Verse vernahm, sprach er zu Renza, die er noch immer für einen Knaben hielt: »Ich freue mich sehr, mein liebes Bübchen, dich zum Gesellschafter zu haben, und bitte dich daher recht herzlich – ich will mich gewiß auch so dankbar erzeigen, als möglich –, daß du dich nimmer von meiner Seite trennen und mir von Zeit zu Zeit diese Verse wiederholen mögest, die mir bis ins tiefste Herz dringen.« Auf diese Weise fächelten sie sich mit dem Fächer der Unterhaltung in der Hitze des Weges und kamen endlich in Langenweinberg an, woselbst sie fanden, daß die Königin Cecio verlobt und ihn aus diesem Grunde hatte holen lassen, indem auch seine Braut ihn schon erwartete. Zu Hause angelangt, bat Cecio die Mutter, seinen jugendlichen Begleiter im Hause zu behalten und wie seinen leiblichen Bruder zu behandeln, worein die Mutter gern willigte und Renza immer um ihren Sohn sein und sogar mit der Braut an ihrem Tische speisen ließ. Man kann sich leicht denken, wie der armen Renza zumute war und daß ihr das Essen wie Brechwurzel schmeckte; trotzdem wiederholte sie von Zeit zu Zeit die Verse, die Cecio so sehr gefielen. Als aber die Tafel beendet war und das Brautpaar sich zurückgezogen hatte, um sich allein zu unterhalten, bekam auch Renza freien Spielraum, ihre Wehklagen ungehindert hervorbrechen zu lassen, daher sie in einen Garten ging, der sich neben dem Speisesaal befand, und, unter einem Maulbeerbaum sich niederlassend, also zu jammern begann: »Wehe mir, du grausamer Cecio! Ist das der ›Tausend Dank‹ für die Liebe, die ich für dich hege? Ist dies das ›Gott lohn's‹ für die Zuneigung, die ich dir beweise? Ist dies das Trinkgeld für die Hingebung, die ich für dich an den Tag lege? Meinen Vater habe ich verlassen, meine Heimat aufgegeben, meine Ehre mit Füßen getreten und mich einem mitleidslosen Barbaren preisgegeben, um mir den Paß verrannt, die Tür vor der Nase zugemacht und die Brücke aufgezogen zu sehen, als ich eben diese schöne Festung in Besitz nehmen wollte; um mich in das schwarze Buch deiner Undankbarkeit eingeschrieben zu sehen, als ich sorglos in dem Lusthaus deiner Gunst zu sein glaubte; um mich dem Spott der Straßenbuben, dem Staubbesen des Büttels auszusetzen, als ich von dir: ›Ich schneide, schneide Schinken, wen ich liebhab', werd' ich winken‹, zu hören erwartete. Habe ich deswegen Hoffnungen gesät, um Quark zu ernten, Netze der Sehnsucht ausgeworfen, um den Sand der Undankbarkeit ans Land zu ziehen, Luftschlösser gebaut, damit sie so schnell umgeblasen werden? Das ist der Dank und Lohn, den ich erhalte; das ist die Vergeltung, die mir zuteil wird, das die Bezahlung, die ich empfange. Ich habe den Eimer in den Brunnen der Liebe hinabgelassen, und der Henkel ist mir in der Hand geblieben; ich habe die Wäsche meiner Pläne in der Sonne aufgehängt, und es hat wie mit Kannen geregnet; ich habe den Topf meiner Gedanken an das Feuer der Sehnsucht gestellt, und der Ruß des Unglücks ist mir hineingefallen. Wer hätte aber geglaubt, du Überläufer, daß dein Wort sich als das eines Betrügers erweisen, daß das Faß deiner Versprechungen bis auf die Hefen auslaufen, das Brot deines Wohlwollens verschimmeln würde? Schöne Handlung eines Ehrenmannes, schöne Tat eines wackern Menschen, schönes Benehmen eines Königssohnes, mich anzuführen, zu hintergehen, zu betrügen und mir eine lange Nase zu machen, damit mir die Röcke zu kurz werden, mir den Himmel auf Erden zu versprechen, um mich in eine finstere Grube zu bringen, mir etwas weiszumachen, damit mir ganz schwarz vor den Augen werde. O ihr windigen Versprechungen, ihr Worte wie Kleie, ihr Schwüre wie Spreu, hier muß ich nun schweigen, ehe ich stumm geworden; hundert Meilen weit bin ich entfernt, da ich eben glaubte, in einem Ruhesitz angelangt zu sein; hier sieht man recht klar die Wahrheit des Spruches: ›Aus den Augen, aus dem Sinn! ‹ – Wehe mir, ich dachte, mit diesem Krokodil wie ein Leib und eine Seele zu leben, statt dessen aber werden wir uns wie Hund und Katze hassen; ich glaubte mit diesem Erzbösewicht ein Herz und ein Leben zu haben, und wir werden uns feind sein wie die Spinnen; denn ich mag es nicht ertragen, daß eine andere durch ein glückliches Spiel mir den ersten Strich meiner Hoffnungen raube; ich will es nicht dulden, daß mir ein Schachmatt geboten werde! Törichte Renza, geh nur immer hin, traue nur, verlasse dich nur auf Worte von Männern ohne Treu und Glauben! Wehe dem Weib, das sich mit ihnen einläßt; unglücklich, die sich an sie hängt, verloren, die sich der lockenden Lagerstätte anvertraut, die sie ihr bereiten. Trotze aber nicht gar so sehr, Cecio; denn du weißt ja, wer Unschuldige betrügt, wie ein Hund unterliegt; du weißt ja, daß es bei dem Gerichtshof des Himmels keine betrügerischen Advokaten gibt, die Akten verfälschen, und wenn du es am wenigsten vermutest, wird auch dein Tag kommen, wo du in klingender Münze dafür bezahlt werden wirst, daß du die, die sich ganz dir hingab, so schmählich betrogen hast. Jedoch sehe ich denn nicht, daß ich in den Wind rede, vergeblich und nutzlos seufze und meine Klagen ungehört verhallen? Heute abend noch wird er mit seiner Braut seine Rechnung machen und den Bund mit mir aufheben, ich aber werde meine Rechnung mit dem Tode abschließen und die Schuld der Natur bezahlen; er wird in einem weißen, noch frisch nach der Bleiche duftenden Bette ruhen, ich aber werde auf einer schwarzen, nach Leichenmoder stinkenden Bahre liegen, er wird mit jener Glücklichen das Liebesspiel, ich aber werde ›Mariechen saß auf einem Stein‹ spielen; da ich mir ein spitzes Messer in das Herz stechen und so meinem Leben den Garaus machen will.« Während dieser und noch vieler anderer Worte des größten Herzeleids war die Stunde der Kinnbackenarbeit herangekommen, und Renza wurde daher zu Tisch gerufen, wo die Braten und Ragouts ihr wie Arsenik und Schierling schmeckten, da ihr Sinn auf etwas ganz anderes gerichtet war als aufs Essen und sie ganz etwas anderes im Magen hatte als die Lust, ihn zu füllen, so daß Cecio, der sie so gedankenvoll und hinfällig sah, zu ihr sagte: »Woher kommt's, daß du nicht zugreifst? Was hast du, woran denkst du, was fehlt dir?«

»Ich fühle mich nicht ganz wohl«, versetzte Renza, »ich weiß nicht, ob es eine Verdauungsstörung oder Schwindel ist.« – »Du tust recht daran, daß du dir den Magen leer hältst«, erwiderte Cecio, »denn Diät ist die beste Medizin für jede Krankheit; wenn du jedoch einen Arzt brauchst, so wollen wir einen Urindoktor kommen lassen, der durch das bloße Ansehen, ohne auch nur den Puls zu fühlen, die Krankheiten der Leute erkennt.« – »Für mein Übel gibt es kein Rezept«, antwortete Renza, »denn nur der weiß, wo ihn der Schuh drückt, der ihn trägt.« – »Geh ein bißchen an die frische Luft«, entgegnete Cecio, worauf Renza wieder sagte: »Je mehr ich sehe, desto mehr fühle ich mich bedrückt.« Während sie aber so sprachen, war die Tafel zu Ende gegangen und die Schlafzeit gekommen. Cecio nun, der die Verse Renzas in einem fort zu hören wünschte, hieß sie, sich im nämlichen Zimmer, in dem er mit seiner Braut schlief, auf ein Ruhebett legen, und forderte sie von Zeit zu Zeit auf, diese Worte zu wiederholen, die Dolchstiche ins Herz Renzas und eine große Belästigung für die Braut waren, so daß sie sie eine Zeitlang bloß mit großem Geduldaufwand anhörte, dann aber losbrach und ausrief: »Meiner Treu, der Kopf dreht sich mir schon von dem ewigen weißen Gesicht! Das ist immer ein und dasselbe Lied! Da möchte einem ja übel werden, wenn das länger so fortgeht; darum genug für jetzt! Tausend noch einmal, ist es möglich, daß ihr beide es euch in den Kopf gesetzt habt, immer ein und dieselbe Sache zu wiederholen? Ich glaubte, wenn du in meinem Zimmer schliefest, dich ganz anders aufspielen zu sehen, nicht aber solche Klagelieder zu vernehmen. Sag selbst, ob es etwas Langweiligeres gibt, als immer dasselbe Lied zu hören; darum bitte ich dich, lieber Mann, höre nun endlich einmal auf, denn es kommt doch nichts Vernünftiges aus deinem Munde, und laß uns lieber ein bißchen schlafen.« – »Sei gut, liebes Weibchen«, versetzte Cecio, »das Gerede wird bald ein Ende haben.« Dies sagend, gab er ihr einen tüchtigen Kuß, dessen Schmatzen man eine Meile weit hörte, während der Schall ihrer Lippen ein Donner für die Brust Renzas war, die darüber so großen Schmerz empfand, daß, indem alle Lebensgeister dem Herzen zu Hilfe eilten, sie dadurch zeigten: ›Zuviel ist ungesund‹, denn der Andrang des Blutes war dermaßen stark und heftig, daß sie dabei erstickte und bald darauf starr dalag. – Sobald aber Cecio sein Spiel mit seiner Frau getrieben, rief er Renza mit leiser Stimme zu, ihm doch die Worte zu wiederholen, die ihm so sehr gefielen; da er indes nicht die gewünschte Antwort erhielt, bat er sie aufs neue, sie möchte ihm doch den kleinen Gefallen tun, und als sie noch immer nicht das geringste Wörtchen sprach, erhob er sich endlich ganz leise, zog sie am Arme, und immer noch keine Antwort erhaltend, faßte er ihr zuletzt mit der Hand ins Gesicht, so daß er die eiskalte Nase zu packen bekam und wahrnahm, daß die natürliche Wärme jenes Körpers erloschen war. Hierüber im höchsten Grade erschrocken und bestürzt, rief er nach Lichtern, und indem er Renza genauer betrachtete, erkannte er sie an einem Mal, das sie mitten auf der Brust hatte, daher er ein lautes Wehklagen erhob und ausrief: »Was sehen deine Augen, Cecio? Was ist dir da widerfahren, Unseliger? Was für ein Schauspiel bietet sich deinen Augen? Welch ein Verderben ist über dein Haupt hereingebrochen? Wer hat dich gepflückt, o meine Blume? Wer hat dich ausgelöscht, meine Leuchte? Wie bist du übergelaufen, Topf der Liebesgenüsse? Wer hat dich eingerissen, schönes Haus meiner Wonne? Wer hat dich zerrissen, Freibrief meiner Seligkeit? Wer hat dich in den Grund gebohrt, schönes Schiff der Freuden meines Herzens? O du mein teuerstes Gut, durch das Schließen deiner Augen ist die Bank der Schönheit bankrott geworden, die Grazien haben ihr Geschäft eingestellt, und Amor ist seines Warenlagers verlustig! Durch das Hinscheiden deiner schönen Seele ist der Samen der Anmut vernichtet, die Form der Holdseligkeit zerbrochen und der Kompaß im Meer der Liebesseligkeit verloren! Ein unersetzlicher Verlust, Zerstörung ohnegleichen, Vernichtung ohne Grenzen! Geh nur immer hin, Mutter, und freue dich, denn du hast da einen klugen Streich begangen, daß du mich so verlockt und um diesen köstlichen Schatz gebracht hast! – Was werde ich nun anfangen, ich Unglücklicher, jedes Trostes Beraubter, jedes Labsals Barer, jedes Vergnügens Verlustiger, jeder Wonne Entkleideter, an Freuden Leerer, um jede Lust Betrogener? – Glaube nicht, mein süßes Leben, daß ich ohne dich der Welt zur Last bleiben werde; nein, ich will dir folgen und nimmer von dir lassen, wohin du auch gehen magst, so daß wir, dem Tode zum Trotz, uns für immer vereinen werden, und wenn ich dich früher als eine Dienerin für mein Bett annahm, so sollst du doch im Grabe meine vollkommene Genossin sein, soll doch eine Grabschrift die Unfälle beider erzählen.« Indem er dies sagte, ergriff er einen Nagel und machte sich unter der linken Brust einen unseligen Aderlaß, aus dem ihm das Leben in fortwährendem Lauf entströmte, so daß seine Braut von eiskaltem Entsetzen ergriffen wurde. Als sie jedoch endlich die Zunge los und die Stimme frei bekam, schrie sie laut nach der Königin, die bei dem Lärm auch sogleich mit dem ganzen Hof herbeieilte. Kaum hatte sie das traurige Ende ihres Sohnes und Renzas gesehen und die Veranlassung dieses Unheils vernommen, so ließ sie sich kein Haar auf dem Kopfe, zappelte wie ein Fisch außerhalb des Wassers, nannte die Sterne, die soviel Unglück auf ihr Haus herabgeregnet, Krokodile, verwünschte ihr unseliges Alter, in dem sie noch von so schwerem Leid betroffen wurde, und nachdem sie lange genug geschrien, gejammert, sich zerschlagen und zerrauft hatte, ließ sie endlich beide Leichen in ein Grab legen und die ganze Geschichte ihres traurigen Schicksals darauf eingraben. Gerade zu dieser Zeit langte der Vater Renzas an, der bei seinem Umherziehen in der Welt, um die entflohene Tochter aufzusuchen, den Aufwärter des Eremiten, der die Kleider Renzas hie und da verkaufte, angetroffen und von ihm erfahren hatte, was vorgefallen war. Der König von Schmalgraben erschien also gerade, als man die beiden Liebenden, die die Ähren ihres Lebens abgemäht hatten, begraben wollte, und indem er seine Tochter erblickte und erkannte, fing er an zu weinen und zu seufzen und verwünschte den Knochen, durch den diese Unglückssuppe fett geworden war; denn er hatte ihn in dem Zimmer seiner Tochter gefunden und als das Werkzeug dieses harten Schlages erkannt, so daß dieses Unheil die traurige Prophezeiung jener Gaukler im allgemeinen und sogar im besonderen bewahrheitete, die vorausgesagt hatten, daß seine Tochter durch ein Schlüsselbein sterben sollte, woraus wiederum klar erhellte:

Wenn Unglück kommen soll, so bleibt's nicht aus
und sollt' es auch vom Dach herunterfallen!

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