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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 25
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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2. Das Mädchen ohne Hände

Nachdem Zeza ihre Geschichte beendet hatte, waren alle der einstimmigen Meinung, daß Cannetella dies und noch Schlimmeres dafür verdient habe, daß sie anfangs die Nase so hoch getragen, obwohl sie sich dennoch herzlich freuten, sie endlich aus so vielen Leiden befreit zu sehen, wobei sie es namentlich bemerkten, daß sie, die anfangs alle Männer so verachtet hatte, sich zuletzt soweit gebracht sah, die Hilfe eines Schmiedes anzuflehen, damit er sie aus ihrer großen Not errette. Endlich gab der Prinz Cecca einen Wink, ihre Schuld abzutragen, worauf diese, ohne lange zu zaudern, also begann:

In den Leiden bewährt sich die Tugend am besten, und das Licht der Trefflichkeit leuchtet in der Dunkelheit am meisten sowie wiederum die Drangsale das Verdienst erzeugen und dieses die Ehre hart hinter sich hat; denn nicht der erwirbt Lob und Preis, der die Hände in den Schoß legt, sondern wer sich rührt und tüchtig dahinterher ist, gleich der Tochter des Königs von Dürrenfels, die mit blutigem Schweiß und Todesgefahren sich die Wohnung des Glücks erbaute und von der ich mir vorgenommen habe, euch zu erzählen. Als nämlich einst der Tod dem Könige von Dürrenfels seine Frau geraubt hatte und dieser daher Witwer geworden war, setzte er sich die Grille in den Kopf, seine eigene Schwester, namens Penta, zu heiraten, und sagte daher zu ihr eines Tages unter vier Augen: »Ein weiser Mann, liebe Schwester, läßt das Gut, das er besitzt, nicht aus dem Hause, abgesehen davon, daß auch du nicht weißt, ob es dir gelingen wird, bei fremden Leuten gehörig Fuß zu fassen. Ich habe mir nun also die Sache genau überlegt und beschlossen, dich zur Frau zu nehmen, da du mir vollkommen zusagst und ich dich ganz genau kenne! Ergib dich also in mein Verlangen nach diesem Mosaik, diesem Verbande, dieser Aktenzusammenlegung, diesem Mischrezept; denn wir werden uns beide dabei wohlbefinden.« Als Penta diesen wahnsinnigen Vorschlag vernahm, geriet sie ganz außer sich und erbleichte über und über; denn nimmer würde sie geglaubt haben, daß ihr Bruder solche Ungereimtheiten begehen und ihr eine solche Zumutung stellen könnte. Nachdem sie nun eine geraume Zeit stumm dagestanden und nachgedacht hatte, wie sie auf den unerwarteten und unverschämten Antrag ihres Bruders antworten sollte, riß ihr endlich die Geduld, und sie begann also: »Wenn du auch den Verstand verloren hast, Bruder, will ich nicht auch die Scham verlieren. Ich muß mich höchlich darüber wundern, daß du dergleichen Worte über deine Lippen bringen kannst, die, im Scherz gesagt, an den Esel mahnen; wenn sie aber im Ernst gemeint sind, nach dem Bock riechen, so daß, wenn auch deine Zunge derartige Schandreden zu äußern vermag, doch meine Ohren sie nicht vernehmen wollen. Ich deine Frau? Bist du bei Trost? Seit wann, Mensch, hast du dergleichen Grillen und Einfalle wie ein altes Haus? Und wo leben wir denn? Etwa unter den Hottentotten? Bin ich eine gemeine Vettel oder bin ich deine Schwester? – Ich rate dir, bessere dich und laß nicht wieder solche Worte aus deinem Munde kommen, sonst mache ich einen Teufelsspektakel und werde, solange du mich nicht als Schwester behandelst, dich auch nicht als den betrachten, der du mir bist.« Indem sie dies sagte, begab sie sich in ihr Zimmer, das sie hinter sich verriegelte, und ließ sich länger als einen Monat nicht vor ihrem Bruder sehen, während dieser, der mit frecher Stirn seinen unreinen Trieb hatte befriedigen wollen, bestürzt wie ein Junge, der seinen Krug zerbrochen, und verwirrt wie eine Köchin, der die Katze das Fleisch gestohlen hat, zurückblieb.

Nach Verlauf dieser Zeit aber aufs neue von dem Könige vorgefordert, damit sie zur Befriedigung seiner zügellosen Lüste beisteure, wollte sie doch sehr gern wissen, weswegen denn eigentlich ihr Bruder gerade auf sie so versessen wäre; sie verließ daher ihr Zimmer, erschien vor ihm und sprach: »Lieber Bruder, ich habe mich lange und oft im Spiegel angesehen und genau betrachtet, kann aber durchaus nichts in meinem Angesicht entdecken, was deine Liebe verdiente, da ich ja kein so lüsterner Bissen bin, der einem ein so großes Verlangen erwecken könnte!« Worauf der König erwiderte: »Zwar bist du, liebe Penta, vom Kopf bis zu den Füßen schön und makellos; jedoch ist es besonders die Hand, die mich mehr als alles andere mit Liebesglut erfüllt; sie ist die Gabel, die mir aus dem Topf meiner Brust das Herz herauszieht; der Haken, der aus dem Brunnen meines Lebens den Eimer der Seele herauswindet; der Zügel, der meinen Geist bändigt, während Amor ihn peinigt! – O Hand, du schöne Hand, du Löffel, der so schöne Herrlichkeiten darbietet, du Zange, die die Herzen kneipt, du Feuerschaufel, die auf mein Inneres Glut häuft...« Er wollte noch weiter fortfahren, als Penta ihn unterbrach und ausrief: »Ich habe genug gehört; warte nur ein wenig und gib dir weiter keine nutzlose Mühe; ich komme gleich wieder.« Sie begab sich hierauf in ihr Zimmer, rief einen Sklaven, der eben nicht mit viel Gehirn ausgestattet war, herbei und sprach, indem sie ihm ein großes Messer nebst einer Handvoll Goldstücke übergab: »Lieber Ali, tu mir Hände abhauen, ich ein geheimes Zaubermittel anwenden und schöner werden.« Der Sklave, der ihr gern gefällig sein wollte, hieb ihr die Hände mit zwei Streichen rein ab; hierauf hieß ihn Penta, sie in ein Porzellanbecken legen und, mit einem seidenen Tuch bedeckt, ihrem Bruder überbringen, wobei sie ihm sagen ließ, er solle fröhlich das genießen, was er mehr zu wünschen scheine als irgend etwas in der Welt. Als so der König sah, welch einen Streich ihm seine Schwester gespielt hatte, geriet er in einen solchen Zorn, daß er sich wie unsinnig gebärdete; endlich ließ er einen ganz verpichten Kasten herbeiholen, die Schwester hineinstecken und sie ins Meer werfen. Dieser Kasten nun wurde von den Wellen einige Zeit umhergetrieben und endlich an eine Küste geworfen, woselbst einige Fischer ihn in einem Netze ans Land zogen, ihn öffneten und darin Penta fanden, die schöner aussah als der Mond, wenn er die üppigen Fasten in Tarent zugebracht zu haben scheint (weil er gar so voll geworden ist), so daß Masiello, der Angesehenste und Vornehmste unter jenen Leuten, sie mit sich nach Hause nahm und zu seiner Frau namens Nuccia sagte, sie solle das Mädchen auf das beste hegen und pflegen. Kaum aber hatte dieser sich wieder fortbegeben, so steckte Nuccia, welche die leibliche Mutter des Verdachts und der Eifersucht war, das arme Mädchen aufs neue in den Kasten und warf sie wiederum ins Meer. Und wieder wurde der Kasten von den Meereswogen so lange hin und her geworfen, bis er einem Schiff begegnete, auf dem sich der König von Grünstadt befand, der, diesen Gegenstand auf den Wellen schwimmen sehend, die Segel einziehen, das Boot aussetzen und den Kasten auffischen ließ. Nachdem sie ihn nun geöffnet und das unglückliche Mädchen gefunden hatten, glaubte der König, als er in einem Sarge des Todes diese lebendige Schönheit erblickte, einen großen Schatz gefunden zu haben, obwohl er darüber hätte weinen mögen, daß an einem so reichen Juwelenkästchen der Liebe der Schmuck der Hände fehlte. Er brachte sie also mit sich in sein Königreich und gab sie seiner Gemahlin als Hoffräulein bei, in welcher Eigenschaft Penta alle nur möglichen Dienste, sogar nähen, einfädeln, das Stärken der Kragen und das Kämmen der Königin mit den Füßen verrichtete.

Da jedoch nach einigen Monaten die Königin vor die Bank der Parzen zitiert wurde, um die Schuld der Natur zu bezahlen, ließ sie den König zu sich rufen und sprach zu ihm: »Es kann nicht mehr lange dauern, bis das eheliche Band zwischen meiner Seele und meinem Körper aufgelöst wird; darum lebe wohl, mein lieber Mann, und schreibe mir recht bald. Wenn du mich aber liebst und willst, daß ich mit ruhigem Herzen in die andere Welt hinüberreise, so erweise mir einen großen Gefallen.« – »Gebiete nur, mein liebes Kind«, erwiderte der König, »denn wenn ich dir auch nicht mehr während deines Lebens Zeichen meiner Anhänglichkeit zu geben vermag, so will ich dir doch bei deinem Tode beweisen, wie sehr ich dir zugetan bin.« – »Wohlan«, versetzte die Königin, »so bitte ich dich im Vertrauen auf dein Versprechen von ganzem Herzen, daß du, sobald die Erde mir die Augen bedeckt, Penta heiratest, denn obwohl wir nicht wissen, wer sie ist oder woher sie kommt, so ist doch an dem Kennzeichen ihrer feinen Sitten deutlich zu ersehen, daß sie ein Roß edler Rasse ist.« – »Ei was«, versetzte der König, »lebe du lieber noch viele hundert Jahre, aber wenn du wirklich gute Nacht sagen solltest, um mir einen bösen Tag zu bereiten, so schwöre ich dir hiermit, daß ich mir Penta zur Frau nehmen und mich um so weniger darankehren werde, daß sie keine Hände und das volle Gewicht nicht hat, als man von dem Unwillkommenen immer lieber das wenigste nimmt.« Die letzten Worte jedoch murmelte er nun leise vor sich hin, damit seine Frau sie nicht hören sollte. Kaum war nun der Königin das Lebenslicht ausgegangen, so heiratete er alsbald Penta, und gleich in der ersten Nacht zeugte er mit ihr einen Sohn.

Es trug sich nun aber einmal zu, daß der König wieder eine Seereise nach dem Königreich Hohenfels machen mußte und daher, von Penta Abschied nehmend, zu Schiffe ging. Während dieser Abwesenheit geschah es, daß Penta entbunden wurde und ein wunderschönes Knäblein gebar, so daß man aus Freude in der ganzen Stadt Feuerwerke veranstaltete und der Hohe Rat eine besondere Feluke absandte, um den König von dem Ereignis in Kenntnis zu setzen. Dies Schiff hatte jedoch einen sehr heftigen Sturm auszustehen, dergestalt, daß es bald von den Wellen in die Höhe geschleudert und bis zu den Sternen emporgehoben, bald wieder in die tiefsten Abgründe gestürzt und endlich durch eine besondere Schickung des Himmels an die Küste geworfen wurde, an der Penta von dem mitleidigen Fischer aufgenommen und von seiner unbarmherzigen Frau wieder ins Meer gestürzt worden war. Unglücklicherweise nun wusch gerade diese Frau die Windeln ihres Sohnes am Ufer, und neugierig wie die Weiber alle, fragte sie den Patron der Feluke, woher er käme, wohin er ginge und wer ihn abgeschickt, worauf jener antwortete: »Ich komme von Grünstadt und bin auf der Fahrt nach Hohenfels, um den König dieses Landes aufzusuchen und ihm einen Brief einzuhändigen, mit dem ich besonders abgeschickt worden bin. Ich glaube zwar, daß er von seiner Frau ist, doch wüßte ich nicht genau zu sagen, was er enthält.« – »Und wer ist denn diese Frau des Königs?« fragte Nuccia weiter. »So wie ich höre«, versetzte der Patron, »ist es eine sehr schöne Frau, namens ›Penta ohne Hände‹, so genannt, weil ihr beide Hände fehlen. Man sagt, daß sie in einem Kasten auf dem Meere gefunden und durch ihr glückliches Geschick von dem König geheiratet worden ist. Ich weiß allerdings nicht, was sie ihm so Wichtiges zu schreiben hat, doch darf ich keinen Augenblick zögern, um rasch bei ihm anzulangen.« Kaum hatte die schändliche Nuccia dies vernommen, so lud sie den Patron zu einem Glas Wein ein, machte ihn bis über die Ohren betrunken und zog ihm dann den Brief aus der Tasche. Während sie sich nun denselben vorlesen ließ, empfand sie soviel Neid, daß sie fast geborsten wäre, und vernahm keine Silbe, ohne einen tiefen Seufzer auszustoßen; hierauf ließ sie von demselben bekannten Studenten, der ihr den Brief gelesen, die Handschrift desselben nachahmen und an den König einen andern schreiben, des Inhalts, daß seine Frau eine scheußliche Mißgeburt ans Licht gebracht hätte und man seinen Befehl erwarte, um zu wissen, was man mit ihr anfangen solle. Als dieser Brief geschrieben und gesiegelt war, steckte sie ihn dem Patron in die Tasche, und da dieser beim Erwachen das Wetter wieder günstig sah, befahl er, die Segel hurtig ins Kreuz zu brassen, um vollen Wind zu bekommen, und langte so in kurzem bei dem Könige an, dem er das Schreiben unverzüglich einhändigte. Dieser nun antwortete, nachdem er ihn gelesen, daß man die Königin nach wie vor mit der größten Aufmerksamkeit behandeln und sie auch nicht im mindesten das gehabte Unglück empfinden lassen sollte; denn dergleichen Dinge geschähen mit des Himmels Zulassung, und ein rechtlicher Mensch müsse den Sternen nichts vorschreiben wollen. Hierauf fuhr der Bote wieder ab und gelangte am dritten Tage wiederum an die Küste, wo Nuccia wohnte, die ihn auf das freundlichste empfing und ihm auch, wie das vorige Mal, tüchtig zu schlucken vorsetzte, so daß er seinen ganzen Verstand im Glase verlor und zuletzt wie tot in einen tiefen Schlaf versank, worauf Nuccia ihm wiederum die Taschen untersuchte und auch richtig den Brief fand. Diesen ließ sie sich auch alsbald vorlesen und statt dessen einen andern an den Hohen Rat von Grünstadt schreiben, der besagte, daß man unverzüglich Mutter und Kind verbrennen sollte. Sobald der Schiffspatron den Rausch ausgeschlafen hatte, fuhr er ab, und in Grünstadt angelangt, überreichte er den Brief. Kaum war dieser geöffnet und gelesen, so erhob sich unter den bejahrten und weisen Besitzern des Rates ein lautes Gemurmel, und nachdem sie diese Sache lange besprochen hatten, kamen sie zu dem Schluß, daß der König entweder um seinen Verstand gekommen oder behext worden sein müsse; da er, der doch eine Perle von Frau und ein Juwel von Kind besäße, aus ihm ein Zahnpulver für den Tod machen wollte. Sie waren deswegen sämtlich der Meinung, einen Mittelweg einzuschlagen und die Königin nebst ihrem Söhnlein fortzuschicken, so daß man nie wieder das geringste von ihnen höre. Man gab ihr daher eine Handvoll Taler auf den Weg und beraubte so den königlichen Palast eines Schatzes, die Stadt einer leuchtenden Zier und ihren Gemahl der beiden Stützen seiner Hoffnung. Als nun die unglückliche Penta, obwohl sie weder ein unehrbares Frauenzimmer noch die Verwandte eines Geächteten, noch ein liederlicher Student war, sich dennoch auf diese Weise aus dem Lande gewiesen sah, nahm sie ihren Sprößling, den sie von nun an stets mit Milch und Tränen benetzte, auf den Arm und begab sich auf den Weg nach Klagensee, wo ein gewaltiger Zauberer herrschte, der beim Anblick der ihrer Hände beraubten schönen Frau, die die Herzen der sie Erblickenden sofort raubte und trotz ihrer verstümmelten Arme siegreicher war als der hundertarmige Briareus, von ihr die vollständige Erzählung ihrer Drangsale vernehmen wollte, die sie von der Zeit an erlitten, da ihr Bruder wegen des ihm versagten Genusses ihrer Schönheit sie den Fischen zur Speise preisgegeben, bis zu dem Augenblick, wo sie den Fuß in sein Land gesetzt hatte. Beim Anhören dieser langen Leidensgeschichte vergoß der Zauberer zahllose Tränen, und das Mitleid, das ihm durch die Öffnungen der Ohren ins Herz drang, brach durch das Luftloch des Mundes wieder in Seufzern hervor; endlich begann er sie aber zu trösten und sprach: »Sei guten Mutes, meine Tochter; denn wie morsch auch immer der Wohnsitz einer Seele sein mag, so kann er doch durch die Stützen der Hoffnung aufrechterhalten werden. Lasse also das Herz nicht sinken; der Himmel dehnt zuweilen menschliches Unglück bis an den äußersten Rand des Verderbens aus, um seine Fügungen desto wunderbarer erscheinen zu lassen. Sei daher ohne Furcht, denn du hast in mir Vater und Mutter gefunden, und ich würde, wenn es sein müßte, selbst mein Leben für dich aufs Spiel setzen.« Die arme Penta dankte ihm auf das innigste und erwiderte: »Ich für meine Person würde mir nicht das geringste darausmachen, wenn der Himmel auf mich Leiden herabregnen und Drangsale herabhageln ließe, so lange ich mich nur unter dem Schutzdach Eurer Gunst befinde; denn Ihr vermöget ja, mich gegen alles zu schützen und nur dieses arme Geschöpf erfüllt mich mit Kummer.«

Nach dergleichen tausendfachen freundlichen Reden von der einen und ebenso vielen Danksagungen von der andern Seite wies der Magier Penta eine schöne Zimmerreihe in seinem Palaste an, hegte und pflegte sie wie seine eigene Tochter und ließ gleich am nächsten Morgen eine öffentliche Bekanntmachung ergehen, daß, wer an seinen Hof kommen und das größte, ihm zugestoßene Unglück erzählen würde, eine Krone und ein Zepter von Gold, von größerem Werte als ein Königreich, von ihm zum Geschenk erhalten solle. Als sich nun das Gerücht hiervon durch ganz Europa verbreitete, strömten die Leute an seinem Hofe wie die Bienenschwärme zusammen, um jene reiche Belohnung davonzutragen. Der eine erzählte, daß er zeit seines Lebens bei Hofe gedient und, nachdem er Gut und Blut, Jugend und Gesundheit dabei zugesetzt, einen rechten Quark als Belohnung erhalten hätte. Ein zweiter wieder sagte, daß ihm von einem vornehmen Manne eine schwere Unbill zugefügt worden sei, für die er sich nicht rächen konnte, so daß er die bittere Pille hätte verschlingen und seinen Zorn im Leibe behalten müssen. Ein dritter beklagte sich, daß er sein ganzes Hab und Gut auf eine Schiffsladung gesetzt und ein widriger Wind ihn so arm wie eine Kirchenmaus gemacht hätte. Ein vierter bejammerte es, daß er sein ganzes Leben damit zugebracht, die Feder zu handhaben, und sie ihm den Geldbeutel dennoch stets leicht wie eine Feder gelassen habe; ganz besonders aber brächte es ihn zur Verzweiflung, daß gerade die Bemühungen seiner Feder von so schlechtem Erfolg gewesen, da doch sonst der Stoff der Tintenfässer in der Welt soviel Glück gemacht hätte. Inzwischen war der König von Grünstadt nach Hause zurückgekehrt und hatte da die schöne Bescherung vorgefunden, so daß er sich wie ein losgelassener Löwe gebärdete und seinen Räten das Fell über die Ohren gezogen hätte, wenn sie ihm nicht seinen Brief vorgezeigt hätten, infolgedessen er, die nachgemachte Handschrift wahrnehmend, den Boten vor sich kommen und sich von ihm haarklein erzählen ließ, wie es ihm auf der Reise ergangen war. Auf diese Weise also kam er dahinter, daß das Weib Masiellos das ganze Unglück angerichtet hatte, fuhr daher sogleich in eigener Person auf einer Galeere an jene Küste, und nachdem er die Frau aufgefunden, entlockte er ihr auf schlaue Art das Geständnis ihrer hinterlistigen Schändlichkeiten. Da er nun so auch erfuhr, daß Eifersucht die Veranlassung zu demselben gewesen sei, ließ er sie über und über mit Wachs und Talg bestreichen, sie dann mit einer großen Menge dürren Holzes rings umgeben und dies hierauf anstecken. Sobald er aber sah, daß das Feuer mit glühroter Zunge jene Unglückliche verzehrt hatte, ging er wieder unter Segel und begegnete im hohen Meere einem Schiffe, an dessen Bord sich der König von Dürrenfels befand, der nach tausendfachen gegenseitigen Zeremonien dem König von Grünstadt mitteilte, daß er auf dem Wege nach Klagensee wäre, woselbst er infolge der von dem Herrscher jenes Reiches erlassenen Aufforderung sein Glück versuchen wolle, da er an Drangsalen dem leidvollsten Menschen der Welt nicht nachstünde. »Was diesen Punkt betrifft«, versetzte der König von Grünstadt, »bleibst du weiter hinter mir zurück, der Allerunglücklichste ist eine Null im Vergleich zu mir, und wenn alle andern ihre Unfälle metzenweise messen, so kann ich es scheffelweise. Darum will ich dich begleiten, und wir wollen beide wie Brüder verfahren, so daß wir, wer auch immer von uns den Preis gewinnt, ihn bis auf das kleinste Körnchen teilen.« – »Sehr gern«, erwiderte der König von Dürrenfels, und nachdem sie sich gegenseitig ihr Wort gegeben, setzten sie gemeinschaftlich ihren Weg nach Klagensee fort, woselbst angelangt sie sich zu dem Magier begaben, der sie als gekrönte Häupter aufs beste empfing, sie unter einem Thronhimmel niedersitzen und tausendmal willkommen hieß. Als er nun vernahm, daß sie zu dem Wettstreit der Unglücklichen gekommen wären, wollte er wissen, welche Bürde von Schmerz sie dem Schirokko der Seufzer preisgäben, worauf der König von Dürrenfels von der Liebe zu erzählen begann, die er für sein leibliches Blut gefühlt, von der entschlossenen Tat, die seine Schwester als ehrbares Frauenzimmer ausgeführt, und von dem ruchlosen Herzen, das er gezeigt, da er nämlich befohlen hätte, sie in einen ausgepichten Kasten zu sperren und ins Meer zu werfen, weswegen ihn einerseits die Gewissensbisse über sein eigenes Verbrechen folterten, anderseits ihn der Kummer über den Tod seiner Schwester peinigte. So quälte ihn da die Scham, dort der Verlust, daß die Leiden der am meisten gemarterten Seelen der Hölle, auf der Destillierblase abgezogen, keine solche Quintessenz von Jammer gäben, wie der seinige wäre. Als der eine König aufgehört hatte zu reden, begann der andere: »Weh mir, wie sind doch deine Schmerzen nur Zuckerwaffeln, Bonbons und Honigkuchen im Vergleich zu den Qualen, die ich empfinde, denn jene Jungfrau ohne Hände fand ich, und sie sah aus wie eine Kerze von weißestem Wachs in einem pechschwarzen Sarge, die zu meinem Begräbnis leuchten sollte. Nachdem ich sie aber geheiratet und sie mir ein schönes Söhnlein geboren hatte, so fehlte wenig, daß nicht beide durch die Bosheit eines schändlichen Weibsbildes auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden wären. Jedenfalls aber – o Dorn meines Herzens, o Pein, die nimmer aufhören wird! – hat man sie verstoßen und aus meinem Reich vertrieben, dergestalt, daß ich, jeder Freude bar, gar nicht begreifen kann, wie unter einer so schweren Bürde von Leiden der Esel meines Lebens noch nicht zusammengebrochen ist.« Als nun der Magier beide Könige angehört hatte, sah er ihnen an der Nase an, daß der eine der Bruder, der andere der Gemahl Pentas war; er ließ daher dessen Sohn, der den Namen Nufriello erhalten hatte, herbeirufen und sagte zu ihm: »Hier ist dein Papa, geh und küsse ihm die Hände!«, was der Kleine auch sofort tat, so daß der Vater, als er sah, wie artig und manierlich der kleine Patron war, ihm eine schöne goldene Kette um den Hals hängte. Hierauf sagte der Magier aufs neue zu ihm: »Küsse auch deinem Oheim die Hand, mein Söhnchen!« Und das Bübchen tat sogleich, wie ihm geboten war, so daß auch der König von Dürrenfels, ganz erstaunt über das aufgeweckte Bürschlein, ihm einen hübschen Edelstein schenkte und den Magier fragte, ob es sein Sohn wäre, worauf dieser antwortete, er solle die Mutter fragen. Penta, welche unterdes hinter einem Vorhang alles mit angehört hatte, trat nun hervor, und wie ein Hündchen, das seinen Herrn verloren hat und ihn nach langer Zeit wiederfindet, ihn anbellt, beleckt, mit dem Schwanz wedelt und tausend andere Zeichen der Freude von sich gibt, so lief auch Penta bald zum Bruder, bald zum Gemahl, bald von der Gattenliebe, bald von der Geschwisterliebe angezogen, und umarmte bald diesen, bald jenen mit unsäglichem Jubel, so daß die drei ein Trio von halben Worten und unterbrochenen Seufzern aufführten. Endlich wurde aber eine Pause gemacht, und nun begannen sie wieder das Söhnchen zu liebkosen, indem bald der Vater, bald der Oheim es herzten und küßten und vor Wonne ganz außer sich waren. Nachdem nun allerseits lange gejubelt und gesprochen worden war, begann der Magier folgendermaßen: »Der Himmel weiß, wie sehr mein Herz vor Freude bebt, Frau Penta wieder glücklich zu sehen, die wegen ihrer trefflichen Eigenschaften es wohl verdiente, auf Händen getragen zu werden, und um derentwillen ich mir auch soviel Mühe gegeben habe, ihren Mann und ihren Bruder hierherzubringen, daß ich mich ihnen nötigenfalls in Ketten als Sklaven übergeben hätte. Da nun aber der Ochs an den Hörnern, der Mensch durch sein Wort gebunden wird und das Versprechen eines ehrlichen Mannes so gut ist wie ein Aktenstück, da ich auch glaube, daß der König von Grünstadt vor Kummer und Verdruß wirklich dem Bersten nahe war, so will ich ihm auch mein Wort halten und ihm nicht nur die durch die öffentliche Bekanntmachung verheißenen Krone und Zepter, sondern auch das ganze Königreich übergeben; denn ich habe weder Kind noch Kegel und will, wenn ihr es zufrieden seid, dieses schöne Ehepaar an Kindes Statt annehmen, das mir so lieb und teuer sein wird wie mein Augapfel; und damit nichts an der vollkommenen Freude Pentas mangle, so stecke sie die Stümpfe ihrer Arme unter die Schürze; denn sie wird wieder Hände hervorziehen, die schöner sein werden als ihre früheren.« Als dies nun, wie der Zauberer gesagt, geschehen war, kann man den Jubel gar nicht beschreiben, der sich dann erhob; sie sprangen vor Freude bis an die Decke, besonders aber der König von Grünstadt, der das Wiederfinden seiner Gemahlin für ein größeres Glück hielt als das ihm von dem Magier geschenkte Königreich. Nachdem sie so einige Tage lang voll Fröhlichkeit zugebracht hatten, kehrte der König von Dürrenfels nach Hause zurück, sein Schwager aber ließ durch ihn seinen jüngeren Bruder mit der Regierung seines Reiches beauftragen und blieb selbst mit seiner Frau bei dem Magier, indem er die zollangen Leidenstage mit ellenlangen Wonnejahren beschloß und der Welt bewies:

Der kennet nicht die Süssigkeit der Freuden
wer nicht vorher gekannt bittre Leiden.

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