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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 24
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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1. Cannetella

Es ist etwas sehr Schlimmes darum, meine geehrten Zuhörer, wenn man seine Ansprüche zu hoch spannt und sich mit dem Billigen unzufrieden zeigt; denn man kommt gar häufig soweit, das zu wünschen, was man fortgeworfen, indem, wer alles verloren und wer zu hoch hinaus will, ebensoviel Gefahr vor den Füßen wie Narrheit im Kopf hat, wie man dies auch an einer Königstocher sehen kann, die der Gegenstand der folgenden Erzählung sein wird.

Es war einmal ein König von Schönhügel, der ein größeres Verlangen danach hegte, Kinder zu bekommen, als die Lastträger nach Leichenbegängnissen haben, um dabei Wachs sammeln zu können, so daß er endlich der Göttin Syrinx gelobte, daß, wenn sie ihm eine Tochter verliehe, er ihr den Namen Cannetella (Röhrchen) geben wolle zum Andenken daran, daß sie selbst sich einst in Rohr verwandelt hatte, und so lange bat und flehte er, bis er nach langer Zeit seinen Wunsch erfüllt und sich von seiner Gemahlin Renzolla mit einem schönen Mägdelein beschenkt sah, der er auch wirklich den gelobten Namen gab. Diese wuchs nun zusehends heran, und als sie groß genug geworden, sprach der König, ihr Vater, eines Tages folgendermaßen zu ihr: »Du, meine liebe Tochter, die mir der Himmel noch lange erhalten möge, bist nun schon so schlank und groß wie eine Tanne und in dem Alter, um dich mit einem deiner Schönheit würdigen Gemahl verheiraten und unser Geschlecht fortpflanzen zu können. Da ich dich nun so herzlich liebe wie mich selbst und ganz nach deinem Wunsche handeln will, so möchte ich wohl wissen, was für ein Mann deinem Sinn entspräche; soll er gelehrt oder ein Dümmling sein? Jung oder alt? Gebräunt oder weiß und rot? Lang wie eine Hopfenstange oder kurz wie Haferstroh? Schlank um die Taille oder rund wie eine Tonne? Wähle du nur immer zu, denn ich bin mit allem einverstanden.« Als Cannetella diese freigebigen Anerbietungen vernahm, dankte sie dem Vater vielmal, erwiderte aber, daß sie ihre Jungfrauschaft der keuschen Göttin Diana geweiht und sich unter keinen Umständen mit einem Manne einlassen wolle. Von dem Vater dringend angefleht, fügte sie jedoch hinzu: »Wohl denn, um mich für so große Liebe nicht undankbar zu beweisen, bin ich bereit, deinen Wunsch zu erfüllen, aber nur unter der Bedingung, daß du mir einen Mann suchest, wie es keinen zweiten in der Welt gibt.«

Voll Freude über diese Worte fing der Vater an, von früh bis spät aus dem Fenster alle auf der Straße Vorübergehenden auf das genaueste zu beschauen, zu betrachten und zu prüfen, und da nun einmal ein sehr wohlgebildeter Jüngling vorbeikam, rief der König seiner Tochter zu: »Rasch, Cannetella, komm schnell her ans Fenster und sieh, ob der hier dir zusagt!« Diese ließ ihn heraufkommen und ein herrliches Bankett veranstalten, bei welchem alles mögliche zu essen und zu trinken war. Während nun der junge Mensch aß, fiel ihm eine Mandel aus dem Munde, welche er, sich zur Erde beugend, geschickt aufhob und unter das Tischtuch legte, worauf er sich nach Beendigung der Tafel fortbegab und der König Cannetella fragte: »Wie gefiel dir der Jüngling, meine liebe Tochter?« – »Bewahre mich der Himmel vor diesem Tölpel«, erwiderte Cannetella, »denn ein so großer Mensch wie er hätte sich keine Mandel aus dem Munde fallen lassen sollen.« Als der König dies vernahm, trat er wiederum ans Fenster, und indem ein anderer Mann von hübschem Wuchs vorüberging, rief er wiederum die Tochter, um zu hören, ob dieser etwa Gnade in ihren Augen finden würde. Auch dieser wurde auf Cannetellas Wunsch heraufgerufen, und nachdem er ebenso wie der erste bewirtet worden und fortgegangen war, fragte der König seine Tochter, wie ihr der gefallen habe. »Was sollte ich mit diesem Bären anfangen«, versetzte darauf jene, »der wenigstens ein paar Bediente hätte mitbringen sollen, um sich den Mantel abnehmen zu lassen, da er selbst zu ungeschickt dazu war.« – »Das sind faule Fische«, versetzte der König, »das sind Entschuldigungen eines schlechten Bezahlers, und du suchst nur leere Ausflüchte, um meinem Wunsch nicht willfahren zu müssen. Jedoch fasse einen kurzen Entschluß, denn ich will dich durchaus verheiraten und von dir Sprößlinge bekommen, aus denen der Stamm meiner Familie von neuem emporsprießen kann.« Trotz dieser zornigen Rede erwiderte jedoch Cannetella: »Um es Euch rein heraus und ohne Umschweife zu sagen, Herr Vater, so ist all Euer Reden vergeblich und all Eure Mühe nutzlos, denn ich werde mich nie einem lebenden Manne untertänig machen, es sei denn, daß er einen Kopf und Zähne von Gold habe.« Der König war nun zwar über diese Starrköpfigkeit seiner Tochter sehr niedergeschlagen, jedoch ließ er öffentlich bekanntmachen, daß, wer nur irgend im ganzen Lande den Anforderungen seiner Tochter zu entsprechen vermöchte, sich ihm vorstellen und dann die Hand der Prinzessin und das Königreich als Mitgift erhalten sollte. Nun aber hatte der König einen Feind, namens Scioravante, der ihn sehr haßte und den er wiederum nicht nennen hören konnte. Dieser Scioravante war ein großer Zauberer und zitierte, sobald er die Bekanntmachung des Königs vernahm, eine Anzahl Trabanten des Gottseibeiuns vor sich, denen er befahl, ihm sogleich einen goldenen Kopf und Zähne zu machen. Zwar erwiderten sie, daß es ihnen sehr schwer sein würde, diesen Befehl auszuführen, da er etwas so Unerhörtes zum Zwecke hätte, und daß sie ihm viel lieber goldene Hörner (als das heutzutage viel gewöhnlichere) machen wollten; jedoch durch seine Beschwörungen und Zaubereien gezwungen, erfüllten sie endlich sein Gebot, worauf er mit einem Kopf und Zähnen von vierundzwanzigkarätigem Golde unter den Fenstern des Königs umherspazierte. Kaum aber hatte dieser den Mann, der ganz so war, wie er ihn suchte, wahrgenommen, so rief er seine Tochter herbei, welche, sobald sie Scioravante erblickte, auch sogleich ausrief: »Das ist der Rechte, und er könnte nicht anders sein, wenn ich ihn mir selbst gemalt hätte.« Als daher Scioravante Miene machte, fortzugehen, rief der König ihm zu: »Warte doch ein wenig und sei nicht so hitzig; es scheint, als wenn's dir sehr eilig täte und als wenn du Quecksilber im Leibe und Sporen in den Seiten hättest. Nur hübsch langsam, ich will dir etwas Gepäck und Leute mitgeben, die dich und meine Tochter begleiten sollen, denn ich will sie dir zur Frau geben.« – »Schönsten Dank«, erwiderte Scioravante; »doch braucht's nicht so vieler Vorbereitungen. Es ist genug, wenn Ihr mir ein Pferd gebet, das mich und sie tragen kann, denn in meinem Hause sind mehr Diener und Sachen als Sand am Meer.« Nachdem sie eine Zeitlang gestritten hatten, setzte zuletzt Scioravante seinen Willen durch und stieg nebst Cannetella auf ein Pferd, und sie ritten davon. Als nun der Abend hereinbrach und die Stunde da war, wo in der Roßmühle des Himmels die Füchse ab- und die weißen Ochsen angespannt werden, langten sie an einem Stall an, in dem einige Pferde fraßen. In diesen nun ließ Scioravante Cannetella hineintreten und sagte zu ihr: »Ich muß jetzt eine Reise nach Hause unternehmen und brauche dazu sieben Jahre. Erwarte mich daher in diesem Stalle und verlasse ihn ja nicht, noch lasse dich von irgendeinem lebendigen Menschen sehen, sonst gebe ich dir einen Denkzettel für dein ganzes Leben.« – »Du bist mein Herr und Gebieter«, versetzte Cannetella, »und ich werde deinem Gebot auf das genaueste Folge leisten. Jedoch wünschte ich wohl zu wissen, was du mir zurückließest, um in der Zwischenzeit leben zu können«; worauf jener erwiderte: »Der Hafer, den die Pferde übriglassen, wird für dich hinreichen.« Man denke sich nun, wie der armen Cannetella zumut wurde und wie sie die Stunde und den Augenblick verwünschte, wo sie geboren wurde; das Blut erstarrte ihr fast in den Adern, sie ersetzte durch Tränen, was ihr an Speise abging, sie verfluchte das Verhängnis und vermaledeite die Sterne, welche sie von einem königlichen Palast zu einem Stall, von Wohlgerüchen zum Mistgestank, von den weichsten wollenen Decken zum Stroh und von den leckersten Bissen zu den Überbleibseln von Pferdefutter herabgebracht hatten. Dieses traurige Leben nun führte sie ein paar Monate lang, während welcher Zeit den Pferden von unsichtbarer Hand zu fressen gegeben wurde und der Abhub der Tafel ihr zum Unterhalt diente.

Als sie aber einmal nach Verlauf dieser Zeit durch ein Loch guckte, erblickte sie einen wunderschönen Garten, in dem sich so viele Spaliere von Limonenbäumen, so viele Zitronengebüsche, so viele Blumenbeete, so viele Fruchtbäume und Weinlauben befanden, daß es einem das Herz erfreute, sie anzuschauen, so daß auch sie von einem heftigen Eßverlangen nach einer schönen Weintraube, die sie erblickte, ergriffen wurde und zu sich selbst sagte: »Ich will doch ganz heimlich und stille hinausgehen und sie mir abpflücken; mag daraus entstehen, was da will, und sei es auch das Schlimmste; was geschehen ist, ist geschehen, und wer will es auch meinem Manne sagen? Gesetzt aber auch, er erführe es, was kann er mir denn Großes tun? Übrigens ist das hier eine ganz köstliche Traube und keine von den gewöhnlichen.« Darauf ging sie hinaus und erquickte wieder einmal ihren durch den erlittenen Hunger gar sehr heruntergekommenen Leib. Bald darauf jedoch und vor der festgesetzten Zeit kehrte ihr Mann zurück, und eines von den im Stalle befindlichen Pferden klagte Cannetella an, daß sie eine Traube abgebrochen hätte; worüber Scioravante in solchen Zorn geriet, daß er ein Messer aus der Tasche zog und Cannetella töten wollte; sie fiel jedoch vor ihm auf die Knie, flehte ihn an, sie doch nicht so hart zu strafen, denn der Hunger tue weh, und bat und weinte so lange, bis Scioravante endlich zu ihr sagte: »Diesmal will ich es dir noch verzeihen und dir das Leben schenken; wenn du dich aber noch einmal von dem, der so viele Leute holt, verführen läßt und ich erfahre, daß du dich wieder aus dem Neste gerührt hast, so hacke ich dich in kleine Stücke; darum sieh dich ja vor, denn ich verreise jetzt wieder und werde diesmal volle sieben Jahre wegbleiben; laß es dir also gesagt sein, noch einmal kommst du nicht so wohlfeilen Kaufs davon, vielmehr mache ich dann die alte und neue Rechnung zugleich ab.«

Nachdem er dies gesprochen, zog er von dannen, Cannetella aber vergoß einen Strom von Tränen, rang die Hände und rief aus, indem sie sich die Brust zerschlug und die Haare ausriß: »Lieber wollte ich doch nimmer geboren worden sein, als ein so bitteres Los ertragen! Ach, liebster Vater, was hast du mir da angetan! – Aber warum klage ich doch meinen Vater an, da ich selbst mir mein Unglück zugezogen, ich selbst den Anlaß zu meinem traurigen Geschick gegeben habe! – Einen Kopf von Gold habe ich mir gewünscht, um ins größte Elend zu stürzen und durch Eisen zu sterben. Oh, wie muß ich nun dafür büßen, denn weil ich goldene Zähne haben wollte, werden meine Zähne jetzt gelb wie Gold! Das ist aber die Strafe des Himmels; ich hätte den Willen meines Vaters tun und nicht soviel Umstände machen sollen; denn du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit es dir wohl ergehe!« So verging nun kein Tag, wo sie nicht diese Klagen ausgestoßen hätte; bis ihre Augen in zwei Tränenbäche verwandelt und ihr Gesicht so mager und fahl geworden war, daß es einen erbarmte. Wo waren die feurigen Augen, wo die apfelroten Backen, wo das Lächeln ihres Mundes hingekommen? Fürwahr, ihr eigener Vater hätte sie nicht wiedererkannt. Nun geschah es einmal nach Verlauf eines Jahres, daß der Schmied des Königs, den Cannetella sehr wohl kannte, zufälligerweise nicht weit von jenem Stalle vorüberkam, daher sie ihn rief und dann aus dem Hause trat. Jener, der seinen Namen rufen hörte, das arme Kind aber nicht wiedererkannte (so sehr hatte sie sich verändert), war anfangs im hohen Grade darüber verwundert; nachdem sie ihm jedoch mitgeteilt, wer sie sei und auf welche Weise sie ihr früheres Aussehen verloren, so steckte er sie teils aus Mitleid mit ihr selbst, teils um sich bei dem König in Gunst zu setzen, in ein leeres Faß, das er auf einem Lasttier liegen hatte, und den Weg nach Schönhügel einschlagend, langte er um Mitternacht bei dem Palast des Königs an. Nachdem er nun daselbst angepocht und die Diener, die ans Fenster kamen, vernommen hatten, daß es der Schmied wäre, hunzten sie ihn tüchtig herunter und nannten ihn einen unverschämten Esel, daß er zu so ungehöriger Zeit die Leute mitten im besten Schlafe störe und daß er sich gratulieren könne, wenn sie ihm nicht irgendeinen Stein oder alten Topf an den Kopf würfen. Der König hatte indes ebenfalls den Lärm gehört, und sobald er von einem Diener erfahren, was los war, befahl er, den Schmied unverzüglich einzulassen, indem er sich gleich dachte, daß, da er zu so ungewöhnlicher Stunde einen solchen Spektakel zu machen wagte, etwas Außerordentliches vorgefallen sein müßte. Der Schmied packte hierauf sein Lasttier ab und schlug dann dem Faß den Boden ein, aus welchem nun zwar Cannetella sogleich hervorkam, jedoch lange nicht vom Vater erkannt wurde, der sogar auch ihren Worten durchaus nicht glauben wollte; und hätte sie ihm nicht ein Mal gezeigt, das sich auf ihrem rechten Arme befand, so hätte sie unverrichtetersache wieder abziehen müssen. Kaum aber hatte er sich von allem vollkommen überzeugt, so umarmte und küßte er sie tausendmal, ließ ihr hierauf ein warmes Bad bereiten und sie vom Kopf bis zu den Füßen reinigen, und als sie umgekleidet worden war, ihr ein stärkendes Mahl vorsetzen; denn sie starb fast vor Hunger. Indem nun der Vater zu wiederholten Malen ausrief: »Wie hätte ich es je ahnen können, daß ich dich so wiedersehen werde! Wie siehst du denn aus, Kind? Was hat dich denn so heruntergebracht?«, erwiderte Cannetella: »Jener unbarmherzige Barbar hat mich wie einen Hund mißhandelt, dergestalt, daß ich alle Augenblicke den Geist aufzugeben dachte; jedoch will ich dir nicht alles sagen, was ich erduldet habe, denn es ging über jedes menschliche Leiden hinaus und müßte dir deshalb unglaublich erscheinen. Genug, daß ich wieder bei dir bin, lieber Vater, und mich niemals mehr von dir trennen werde: lieber wollte ich ja eine Magd in deinem Hause sein als Königin in dem Hause anderer, lieber einen schlechten Kittel tragen, wenn ich nur in deiner Nähe bin, als einen goldgestickten Mantel, von dir entfernt, lieber den Spieß in deiner Küche drehen als den Zepter unter dem Baldachin eines andern tragen.« Inzwischen war Scioravante wieder nach Hause zurückgekehrt und vernahm von den Pferden, daß der Schmied Cannetella in einem Fasse fortgebracht hatte; worauf er ganz wütend über den erlittenen Schimpf und glühend vor Zorn sich eilig auf den Weg nach Schönhügel machte. Als er eine alte Frau sah, die dem königlichen Palast grade gegenüber wohnte, sagte er zu ihr: »Was gebe ich dir, Mütterchen, wenn du mir die Tochter des Königs zeigst?« Da diese nun hundert Dukaten haben wollte, zog Scioravante seinen Beutel und zählte ihr die Dukaten in Reih und Glied auf den Tisch. Die Alte strich sie gleich ein und ließ ihn dann auf ihren Boden hinaufsteigen, von wo aus er sah, wie die Prinzessin sich eben auf dem Altan das Haar machte. Wie von einer Ahnung getrieben, wandte aber auch Cannetella in diesem Augenblick ihren Kopf nach jener Seite hin. Kaum hatte sie den lauernden Zauberer erblickt, so stürzte sie die Treppe hinunter, eilte zum Vater und rief aus: »Mein teuerster Herr und Vater, wenn Ihr mir nicht unverzüglich ein Zimmer mit sieben eisernen Türen machen lasset, bin ich ein Kind des Todes!« – »Wenn es weiter nichts ist«, versetzte der König, »so will ich dich um solch einer Kleinigkeit willen nicht verlieren, vielmehr müßte dein Wunsch erfüllt werden, wenn es mir auch ein Auge kosten sollte!« Und sogleich wurde Hand ans Werk gelegt, wurden die Türen zugeschlossen. Kaum erfuhr dies Scioravante, so kehrte er zu der Alten zurück und sprach zu ihr: »Ich gebe dir, was du willst, wenn du dich unter dem Vorwande, ihr ein Näpfchen Schminke zu verkaufen, in den Palast des Königs zur Prinzessin begibst und unbemerkt dieses Zettelchen zwischen die Kissen ihres Bettes legst, indem du dabei ganz leise sagst: ›Alle sollen schlafen, nur Cannetella wach bleiben.‹« Die Alte forderte wieder hundert Dukaten und bediente ihn dann ganz nach Wunsch; drum wehe dem, der sein Haus solchen alten Schandweibern öffnet, die unter dem Vorwande, Rot zu verkaufen, ihm Ehre und Leben so untergraben, daß ihm grün und blau vor den Augen wird. Sobald nun also die Alte ihren Auftrag ausgerichtet, befiel alle Bewohner des Palastes ein so gewaltiger Schlaf, daß sie wie tot dalagen. Nur Cannetella blieb wach und mit offenen Augen. Kaum hörte sie daher die Türen einbrechen, so fing sie an, zu schreien, als ob sie am Spieße steckte, jedoch kam niemand bei ihrem Lärm herbei; daher Scioravante alle sieben Türen hintereinander einrannte und, in das Zimmer dringend, Cannetella mitsamt allen Betten ergriff, um sie fortzutragen. Sein böses Geschick jedoch wollte es, daß der Zettel, den die Alte zwischen die Kissen gelegt hatte, auf die Erde fiel, und da dem Zauberer auf diese Weise der Brei verschüttet war, erwachten nun alle Bewohner des Palastes, die alsbald sämtlich, ohne daß selbst die Hunde und Katzen zurückblieben, auf das Geschrei Cannetellas herbeieilten, den wilden Mann ergriffen und ihn in Stücke hieben wie einen Thunfisch, dergestalt, daß er am Ende selbst in die Schlinge fiel, die er der unglücklichen Cannetella gelegt hatte, und zu seinem Schaden erfuhr:

Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

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