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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 21
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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9. Das Hängeschloß

Die von der armen Lisa erduldeten Drangsale bewegten das Herz aller zu tiefstem Mitleid, und manchen standen sogar die Augen voll Tränen; denn nichts erregt das Mitgefühl so sehr, als jemand unschuldig, leiden zu sehen. Da nun aber jetzt die Reihe an Ciommetella war, den Faden weiter fortzuspinnen, begann sie also:

Der Rat der Mißgunst ist stets der Vater großen Unglückes gewesen, denn unter der Maske des Guten verbirgt er das Angesicht des Verderbens, und wer das Glück am Schopf hat, kann sich überzeugt halten, daß immer hundert andere bereit sind, ihm Schlingen vor die Füße zu legen und ihn fallen zu machen, wie dies auch ein Mägdlein erfuhr, welches durch den bösen Rat ihrer Schwestern von der Leiter des Glückes hinabstürzte, so daß nur die Barmherzigkeit des Himmels es hinderte, daß sie sich nicht das Genick brach. Es war einmal eine Mutter mit drei Töchtern, welche wegen der großen Armut, die in ihrem Hause dermaßen Fuß gefaßt, daß sich darin der Schmutz des Unglücks wie in einer Kloake hoch aufgehäuft hatte, ihre Kinder, um nur ihr Leben zu fristen, betteln schickte. Als sie nun eines Morgens einige vom Koch eines vornehmen Herrn fortgeworfene Kohlblätter auf der Straße fanden und die Mutter sie zu Hause kochen wollte, sagte diese zu jeder von den Töchtern, daß sie dazu etwas Wasser vom Brunnen holen sollten; da machten aber alle schiefe Gesichter, und keine wollte recht daran, so daß die arme Mutter endlich sprach: »Was du willst, daß getan werde, tue selbst«, und schon im Begriff war, mit dem Kruge zum Brunnen zu gehen, obwohl sie wegen des Alters kaum die Beine vom Flecke bringen konnte; allein Lucia, die jüngste von den Töchtern, sagte darauf: »Gib her, liebe Mutter; denn wenn ich auch nicht stark genug bin, so will ich dir doch diese Mühe abnehmen«, nahm dann den Krug und ging zur Stadt hinaus an den Brunnen, welcher eben den aus Furcht vor der Nacht erschrockenen Blumen Wasser ins Gesicht spritzte. Hier nun traf sie einen hübschen Mohrensklaven, der zu ihr sagte: »Mein schönes Kind, wenn du mit mir in eine nicht weit entfernte Grotte kommen willst, so will ich dir gar viele hübsche Sachen geben«, worauf Luciella, welche sehr freundlich und dienstfertig war, antwortete: »Laß mich erst diesen Krug Wasser meiner Mutter bringen, die auf mich wartet; dann komme ich gleich wieder.« Nachdem sie so das Wasser nach Hause getragen, kehrte sie unter dem Vorwand, noch einige Kohlstrünke zu suchen, zu dem Brunnen zurück, und von dem Sklaven, der sie noch erwartete, geführt, gelangte sie durch eine mit Venushaar und Efeu ausgeschmückte Grotte von Tuffstein in einen unterirdischen, sehr schönen und ganz von Gold blitzenden Palast, woselbst ihr sogleich eine herrliche Tafel hergerichtet wurde, während inzwischen zwei sehr schöne und junge Zofen erschienen, die ihr die wenigen Lumpen, die sie trug, auszogen, sie dafür auf das prächtigste schmückten und dann nach beendetem Mahl in ein ganz mit Gold und Perlen gesticktes Bett brachten, in das, nachdem die Lichter ausgelöscht waren, sich auch noch jemand legte; und dies dauerte so einige Tage fort. Endlich jedoch wünschte Lucia ihre Mutter wiederzusehen und sagte dies dem Mohren, welcher in ein Zimmer trat, dort mit jemand sprach und dann mit einem großen Beutel voll Goldstücken zurückkam, den er ihr für ihre Mutter einhändigte, auch solle sie den Weg nicht vergessen, vielmehr recht bald wiederkehren, aber auch zu Hause nicht sagen, wo sie die Zeit über gewesen. Als Lucia nun bei den ihrigen anlangte und diese sie so schön gekleidet und reich beschenkt sahen, wären sie vor Neid beinahe geborsten, so daß, als sie wieder zurückkehrte, ihre Mutter und Schwestern sie begleiten wollten; sie lehnte jedoch ihre Gesellschaft ab und gelangte wieder durch die nämliche Grotte in denselben Palast, in welchem sie sich aufs neue einige Monate aufhielt, bis sie dasselbe Verlangen empfand und mit denselben Worten und denselben Geschenken entlassen wurde wie früher. Nachdem sie dies aber drei- oder viermal wiederholt hatte, so daß ihre Vetteln von Schwestern sich vor Neid fast verzehrten, schnüffelten diese häßlichen Harpyien so lange umher, bis sie durch eine Hexe alles, was mit ihrer Schwester vorging, erfuhren und daher, als diese wieder einmal zu ihnen kam, zu ihr sagten: »Wenngleich du uns nichts von der Beschaffenheit deiner Freuden mitgeteilt hast, so mußt du doch wissen, daß uns alles genau bekannt ist, daß nämlich du alle Nacht einen Schlaftrunk erhältst und nicht wahrnehmen kannst, daß ein sehr schöner Jüngling bei dir schläft. Du wirst jedoch dein Glück nie vollkommen genießen, wenn du dich nicht entschließest, den Rat derer, die dir wohlwollen, zu befolgen; du bist ja doch unser Fleisch und Blut, und wir wünschen nur dein Vergnügen und deinen Nutzen. Wenn du daher des Abends schlafen gehst und der Mohr mit dem Schlaftrunk kommt, so sage zu ihm, daß er dir ein Handtuch bringe, um dir den Mund abzutrocknen, und gieße inzwischen geschickt den Wein aus dem Glase, damit du des Nachts wach bleiben kannst, und wann du dann deinen Mann eingeschlafen siehst, so öffne dieses Hängeschloß, welches wider seinen Willen den Zauber zerstören und dein Glück bis auf den Gipfel emporheben wird.« Die arme Luciella, welche nicht wußte, daß sich unter diesem Sattel von Samt das Widerrist, unter diesen Blumen eine Schlange und in diesem goldenen Becher Gift befand, glaubte den Worten der Schwestern und tat, als sie in den Palast zurückgekehrt und die Nacht erschienen war, ganz so, wie sie jene Schandpfähle geheißen hatten, worauf sie, sobald alles ruhig und still war, mit dem Feuerzeug ein Licht anzündete und neben sich die Blume der Schönheit, einen Jüngling von lauter Lilien und Schnee erblickte. Indem sie nun diese Herrlichkeit anschaute, sagte sie: »Meiner Treu, du sollst mir nicht mehr aus den Händen entkommen«, öffnete daher das Schloß und sah alsbald einige Weibchen herauskommen, welche auf ihren Köpfen viel hübschen gesponnenen Flachs trugen; da nun einer von ihnen eine Strähne herabfiel, rief Luciella, welche ein Muster von Gutmütigkeit, zugleich aber auch uneingedenk des Ortes war, an welchem sie sich befand, mit lauter Stimme jener zu: »Hebet das Garn auf, Jungfer!«, bei welchem Geschrei der Jüngling erwachte und dermaßen zornig darüber wurde, daß Luciella ihn überlistet hatte, daß er sogleich den Mohren rief, ihr die früheren Lumpen wieder anziehen und sie aus dem Palast führen ließ, so daß sie mit der Farbe eines eben aus dem Spital Entlassenen zu den Schwestern zurückkehrte, welche sie jedoch mit schlimmen Worten und noch schlimmem Taten fortjagten.

Die Ärmste fing daher an, in der Welt umherzubetteln, bis sie unter tausendfachen Drangsalen hochschwanger nach einer Stadt namens Langenturm kam und in dem Palast des Königs um eine Zufluchtstätte flehte, wäre es auch nur auf einem bißchen Stroh; so daß sie auch wirklich von einer gutmütigen Hofdame aufgenommen wurde. Als aber die Stunde da war, wo sie ihre Leibesbürde ablegen sollte, gebar sie einen wunderschönen Knaben, ein wahres Goldpüppchen, und in der ersten Nacht, da er geboren wurde, trat ein schöner Jüngling in das Zimmer und sprach: »Oh! Schönstes Söhnchen mein, du beste meiner Freuden, wenn's meine Mutter wüßt', sie würd' an dir sich weiden; hüllt' dich in Gold, wüsch' dich in Gold, wie wärst du zu beneiden; und krähten keine Hähne mehr, nie würd' von dir ich scheiden!«, nach welchen Worten er bei dem ersten Krähen des Hahnes wie Quecksilber verschwand. Indem nun die Hofdame, welche dies mit angesehen hatte, den Jüngling alle Nacht wiederkehren sowie dieselben Worte wiederholen hörte, so sagte sie es endlich der Königin, welche, sobald die Sonne gleich einem Arzt alle Sterne aus dem Hospital des Himmels entlassen hatte, den grausamen Befehl ergehen ließ, alle Hähne jener Stadt zu töten und auf diese Weise alle Hennen in einem Augenblick zu verlassenen Witwen zu machen. Als hierauf der Jüngling in der folgenden Nacht wiederkam, erkannte die Königin, die auf der Lauer lag und die Ohren gewaltig spitzte, ihren eigenen Sohn und umarmte ihn auf das herzlichste, so daß die von einer Hexe dem Prinzen angetane Verwünschung, die darin bestand, daß er fern von seinem Vaterhause umherirren sollte, bis er von seiner Mutter umarmt worden wäre und kein Hahn mehr krähe, in dem Augenblick, wo er sich in den Armen seiner Mutter befand, gelöst und sein Drangsal beendet war. So hatte nun die Mutter einen Enkel und Lucia einen Gemahl, wie sie ihn nur wünschen konnte, bekommen; den Schwestern aber, welche bei der Nachricht von dem jener widerfahrenen Glück so unverschämt waren, sie zu besuchen, wurde Gleiches mit Gleichem vergolten und ihnen in derselben Münze bezahlt, so daß sie zu ihrem Schaden erkannten:

Missgunst bestraft sich selbst.

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