Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giambattista Basile >

Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 20
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
Schließen

Navigation:

8. Die Küchenmagd

»Fürwahr«, sagte der Prinz, »jeder Mensch muß sich benehmen, wie es ihm zukommt, der Herr als Herr, der Diener als Diener und der Büttel als Büttel; denn so wie ein Straßenbube, der sich wie ein Prinz betragen will, ausgelacht wird, so verliert ein Prinz, der sich wie ein Straßenbube beträgt, in der allgemeinen Achtung.« Nachdem er dies gesagt, wandte er sich zu Paola und forderte sie auf, ihren Lauf zu beginnen, worauf diese sich erst räusperte und den Kopf kratzte und dann also begann:

Die Eifersucht ist, in Wahrheit zu sagen, ein gar schlimmes Gericht, ein Schwindel, der den Kopf drehen macht, ein Fieber, das das Blut erhitzt, eine Zugluft, die den Leib erkältet, ein Durchfall, der viel Not macht, mit einem Worte, eine Krankheit, die den Schlaf raubt, den Appetit benimmt, die Ruhe stört und das Leben verkürzt, eine stechende Schlange, ein nagender Wurm, eine vergiftende Galle, eine verzehrende Kälte, ein durchnässender Regen, ein Unruhestifter in Liebesfreuden, ein Störenfried der Liebeslust und ein beständiges Unwetter im Meere der Liebesseligkeit, indem nimmer etwas Gutes aus ihr entspringt, wie ihr dies selbst einräumen werdet, nachdem ihr die folgende Erzählung vernommen. Es war einmal ein Baron von Dunkelwald, dessen noch jugendliche Schwester mit ihren Gespielinnen von gleichem Alter immer im Garten umherzuscherzen pflegte. Als sie eines Tages eine aufgeblühte Rose fanden, kamen sie überein, daß, wer von ihnen über sie springen könnte, ohne sie irgendwie zu berühren, einen bestimmten Preis davontragen sollte. Während nun so die mutwilligen Mädchen drüberzuspringen suchten, stießen alle an, und keine machte es, wie sie sollte; nur Cilla, die Schwester des Barons, welche ein wenig zurück ging, nahm einen solchen Anlauf, daß sie gerade darüber wegkam, und da sie gleichwohl dabei ein Blatt herabstieß, war sie doch so rasch und gewandt, daß sie es unbemerkt von der Erde aufhob, es verschlang und so den Preis davontrug. Es waren aber noch keine drei Tage vergangen, so fühlte sie sich schwanger, worüber sie vor Schmerz fast vergangen wäre, indem sie ja wußte, daß sie sich mit niemandem eingelassen noch irgendwo genascht hatte, und sich daher gar nicht erklären konnte, wieso ihr der Leib sich rundete. Sie begab sich daher zu einigen ihr befreundeten Feen, welche zu ihr sagten, es unterläge gar keinem Zweifel, daß dies die Folgen des verschlungenen Rosenblattes wären. Cilla bemühte sich daher, ihre Leibesfülle soviel wie möglich zu verbergen, so daß sie, als die Stunde kam, wo sie ihre Bürde ablegen konnte, im geheimen ein hübsches Töchterlein gebar, welches sie Lisa nannte und sogleich zu den Feen sandte. Jede von diesen nun verlieh dem Mägdlein einen Zaubersegen, die letzte von ihnen jedoch, welche rasch herbeieilen wollte, um das Kind zu sehen, verrenkte sich unglücklicherweise den Fuß und stieß aus Schmerz hierüber die Verwünschung aus, daß, wenn Lisa einst in dem Alter von sieben Jahren von der Mutter gekämmt würde, diese ihr aus Vergeßlichkeit den Kamm im Haar steckenlassen und Lisa dadurch sterben sollte.

Sobald daher die bestimmte Zeit da war und sich alles, wie es bestimmt war, zugetragen hatte, so schloß die Mutter, welche über dieses Unglück in die tiefste Verzweiflung geriet und in die bittersten Klagen ausbrach, endlich den Leichnam ihres Töchterleins in sieben Kristallkisten, setzte diese dann in das entfernteste Gemach des Schlosses und trug den Schlüssel zu demselben stets bei sich in der Tasche. Da ihr jedoch durch den Schmerz, den dieser Unfall ihr verursachte, das Leben bis auf die Hefe verronnen war, so ließ sie den Bruder zu sich kommen und sprach zu ihm: »Ich fühle, lieber Bruder, wie der Tod mich nach und nach mit seinem Haken zu sich zieht, und hinterlasse dir daher den ganzen Trödelkram, den ich besitze, so daß du nun fortan sein Herr und Besitzer sein wirst. Nur bitte ich dich, mir zu versprechen, daß du das Zimmer, dessen Schlüssel ich dir hier übergebe, nie öffnen, den Schlüssel selbst aber sorgfältig in deinem Schreibtisch aufheben mögest.« Der Bruder, der sie herzlichst liebte, gab ihr das heilige Versprechen, ihren Wunsch zu erfüllen, worauf sie sprach: »Lebe wohl, ich segle ab.«

Als sich jedoch ihr Bruder nach Verlauf eines Jahres verheiratet hatte und einst, zur Jagd eingeladen, seiner Frau beim Weggehen die Sorge fürs Haus empfahl, wobei er ihr insbesondere einschärfte, ja nicht das Gemach zu öffnen, zu dem der Schlüssel in seinem Schreibtisch läge, so hatte er kaum den Rücken gekehrt, als auch schon seine Frau, von Verdacht getrieben, von Eifersucht gestachelt und von Neugierde, der natürlichen Mitgift der Weiber, gereizt, den Schlüssel nahm, das Zimmer aufschloß und die Kisten öffnete, durch welche sie das Mägdlein durchscheinen sah. Diese aber schien zu schlafen und war in der Zwischenzeit mitsamt den Kisten gewachsen, so daß die eifersüchtige Frau beim Anblick dieser schönen Jungfrau alsbald ausrief: »Bravo, meiner Treu! Von außen rein, von innen ein Schwein. – Das also war die Sorge, daß das Zimmer nicht geöffnet werde, damit man nicht den Götzen sehe, den er anbetet und in den Kisten so sorgfältig verwahrt.« So sprechend, packte sie das Mägdlein bei den Haaren und riß sie empor, dergestalt, daß der Kamm darüber zur Erde fiel und Lisa wieder zu sich kam, während sie ausrief: »Mutter, Mutter!« – »Warte nur«, versetzte die Baronin, »ich werde dich schon bemuttern und bevatern!« Und indem sie wütend wurde wie eine Mohrin, bissig wie eine Hündin, die geworfen hat, und giftig wie eine Schlange, schnitt sie ihr sogleich die Haare ab, prügelte sie auf ganz jämmerliche Weise, zog ihr zerlumpte Kleider an, überhäufte sie alle Tage mit Beulen auf dem Kopfe, mit blauen Flecken um die Augen und mit Striemen im Gesicht und schlug ihr den Mund so blutig, daß sie aussah, als hätte sie Kirschsuppe gegessen. Sobald aber der Mann nach Hause kam und sie das Mädchen so mißhandeln sah, fragte er sie, wer dies denn wäre, worauf seine Frau antwortete, es wäre eine Negersklavin, die ihre Base ihr geschickt hätte und deren Starrsinn sie durch Prügelfutter brechen müsse.

Es traf sich nun einmal, daß der Baron in die nächste Stadt zum Jahrmarkt ging und alle Bewohner des Hauses, ohne sogar die Katzen zu übergehen, fragte, was er jedem von ihnen mitbringen sollte, und indem sich der eine dies, der andere das gewünscht hatte, kam er zuletzt auch zu der Küchenmagd; seine Frau jedoch gebärdete sich wie unsinnig und rief aus: »Ja, nicht wahr, auch diese schwarze Vettel gehört mit dazu, sie ist soviel wie wir alle, und wir sind nicht mehr als sie! Laß sie doch zu allen Teufeln aus dem Spiel und setze der garstigen Hexe nicht einen solchen Dünkel in den Kopf!« – Der Baron indes, welcher sehr gutmütig war, wollte durchaus, daß auch die Küchenmagd einen Wunsch aussprechen sollte, so daß sie endlich sagte: »Ich will nichts anderes als eine Puppe, ein Messer und ein Stück Bimsstein; wenn du dies aber vergissest, so wünsche ich, daß du über den ersten Fluß, den du unterwegs antriffst, nicht sollst wegkommen können.« Nachdem nun der Baron alle Sachen außer denen, die seine Nichte sich gewünscht, eingekauft hatte und an einen Fluß gelangt war, der Steine und Bäume vom Gebirge ins Meer trug, gleich als wenn es daraus seine gewaltigen, wunderbaren Mauern auftürmen sollte, so war es dem Baron nicht möglich, ihn zu passieren. Er erinnerte sich daher der Verwünschung der Küchenmagd, kehrte um, kaufte richtig alles ein und teilte, zu Hause angelangt, die eingekauften Sachen unter die sämtlichen Hausbewohner aus. Sobald aber Lisa ihre Geschenke erhalten hatte, ging sie in die Küche, stellte die Puppe vor sich hin und fing an, zu jammern und zu klagen, indem sie diesen zusammengeflickten Lappen die ganze Geschichte ihrer Leiden erzählte, als wenn sie zu einem lebendigen Menschen spräche. Als sie jedoch sah, daß sie ihr nicht antwortete, nahm sie das Messer und sagte, indem sie an dem Bimsstein schliff: »Jetzt antwortest du mir gleich, wenn nicht, so durchbohre ich mich mit diesem Messer, und dann hat der ganze Spaß ein Ende«, worauf die Puppe, nach und nach wie ein Dudelsack anschwellend, endlich antwortete: »Nun denn, so sage ich dir, daß ich dich besser gehört habe als ein Tauber!« Indem aber dieses Stück einige Tage so fortspielte und der Baron, dessen Kanzleizimmer dicht neben der Küche lag, wieder einmal diese Klagetöne vernahm, so guckte er durch das Schlüsselloch und sah, daß Lisa der Puppe erzählte, wie ihre Mutter über die Rose hinweggesprungen, das Blatt gegessen und darauf sie geboren hätte, wie sie selbst hierauf mit Zaubersegen begabt, von der Fee verwünscht, mit dem Kamm im Haar gelassen, von dem Totenschlaf ergriffen, in sieben Kisten geschlossen und in das Gemach gesetzt worden, wie hierauf die Mutter gestorben, der Schlüssel dem Bruder übergeben worden, dieser auf die Jagd gegangen und die Eifersucht der Frau erwacht, diese dann gegen den Befehl des Mannes in das Gemach, in welchem sie lag, getreten, ihr selbst das Haar abgeschnitten, sie wie eine Sklavin behandelt und mit noch tausend andern Qualen überhäuft worden wäre, und daß Lisa, indem sie so sprach und weinte, zu der Puppe sagte: »Antworte mir, Puppe, wenn nicht, so töte ich mich mit diesem Messer«, wobei sie das Messer schliff und sich schon durchbohren wollte, als der Baron mit einem Fußstoß die Tür sprengte, ihr das Messer aus der Hand riß und sie, nachdem er die Geschichte umständlicher vernommen und die Jungfrau als seine Nichte umarmt hatte, aus dem Hause zu einer seiner Verwandten brachte, damit sie sich bei derselben ein wenig erholen sollte, denn durch die grausame Behandlung jenes Medeaherzens war sie sehr heruntergekommen. Als nun Lisa nach einigen Monaten wieder anfing, wie eine Göttin auszusehen, ließ er sie eines Tages in sein Haus kommen, indem er sagte, sie wäre eine Nichte von ihm, veranstaltete alsdann ein großes Gastmahl und hieß nach aufgehobener Tafel Lisa ihre ganze Leidensgeschichte und wie grausam sie von seiner Frau behandelt worden, erzählen, so daß alle Gäste darüber in Tränen ausbrachen, worauf er seine Frau aus dem Hause jagte und sie zu ihrem Vater zurückschickte, seiner Nichte aber einen Mann gab, der ganz nach dem Wunsch ihres Herzens war, so daß sie deutlich erkannte:

Ist die Not am grössten, ist die Hilf' am nächsten.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.