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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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1. Der wilde Mann

Es war einmal in Maregliano eine wackere Frau namens Masella, die außer sechs unverheirateten Töchtern, welche lang waren wie die Hopfenstangen, einen so einfältigen, tölpelhaften Sohn hatte, daß ihm sogar der Schnee zu hart war, um einen Schneeball daraus zu machen, und er der wahre Gimpel aller Gimpel schien, weswegen auch kein Tag vorüberging, wo die Mutter nicht zu ihm sagte; »Was machst du denn in unserem Hause, verdammter Schlingel? Pack dich, du Klotz; marschier, du Pinsel, fort mit dir, du Unheilstifter; geh mir aus den Augen, du Bärenhäuter. Denn du bist mir in der Wiege ausgetauscht und statt eines hübschen Kindchens, Püppchens, Täubchens, ist mir ein solcher Dummerjan, ein solcher Einfaltspinsel hineingelegt worden, wie du bist.« Aber mit allen diesen Reden brachte Masella nichts zustande; denn es ging ihm zu einem Ohr hinein und zum anderen hinaus. Da nun die Mutter sah, daß keine Hoffnung vorhanden war, daß aus Anton (denn so hieß der Sohn) irgendeinmal etwas würde, ergriff sie eines Morgens; nachdem sie ihm den Kopf, und zwar ohne Seife, gehörig gewaschen hatte, einen tüchtigen Knüppel und fing an, ihm damit das Wams nach Noten auszuklopfen. Als Anton sich so ganz unerwartet durcharbeiten, krempeln und walken sah, riß er aus, sobald er ihr entkommen konnte, und lief so weit und so lange, bis er gegen Sonnenuntergang, um die Stunde, da man anfing, in den Laden des Mondes die Lichter anzuzünden, am Fuße eines Berges anlangte, der so hoch war, daß er mit dem Himmel zusammenstieß. Hier sah er auf dem Stumpf einer Pappel neben einer Grotte aus Bimsstein einen wilden Mann sitzen. O steh mir bei, wie häßlich sah der aus! Er war ein ganz kleiner Knirps und nicht größer als ein Zwerg; er hatte aber einen Kopf, dicker als ein indischer Kürbis, eine blättrige Stirn, die Augenbrauen zusammengewachsen, verdrehte Augen, eine platte Nase mit zwei Nasenlöchern, die zwei Kloaken schienen, einen Mund so groß wie eine Kelter, aus welchem zwei Hauer hervorragten, die ihm bis an die Fußspitzen gingen, eine zottige Brust, Arme wie eine Garnwinde, Beine wie eine Bogenwölbung und Füße so flach wie die einer Gans; mit einem Wort, er schien ein Popanz, ein Teufel, ein häßliches Fratzengesicht und ein wahres Schreckgespenst, das selbst einen Roland hätte in Angst setzen, einem Achilles den Mut rauben und einen Bettelbruder abschrecken können. Anton aber, der nicht so leicht vor etwas in Furcht geriet, verneigte sich und sagte zu ihm: »Gott grüß' Euch, Herr; wie geht's Euch, was macht Ihr? Kann ich Euch womit dienen? Wie weit ist es noch bis zu dem Orte, wohin ich zu gehen habe?« Sobald der wilde Mann diese ungereimte Rede hörte, fing er an zu lachen, und weil ihm dieser sonderbare Patron gefiel, fragte er ihn: »Willst du in meinen Dienst treten?« Worauf Anton erwiderte: »Was wollet Ihr den Monat?« – »Diene mir nur ordentlich«, antwortete der wilde Mann, »dann werden wir schon miteinander fertig werden, und du sollst bei mir ein lustiges Leben führen.« Als der Handel auf diese Weise geschlossen war, trat Anton in den Dienst des wilden Mannes, wo es Essen die Hülle und Fülle gab und mit der Arbeit auch nicht weit her war, so daß in weniger als vier Tagen Anton feist wurde wie ein Türke, rund wie eine Tonne, mutig wie ein Hahn, rot wie ein Krebs, grün wie Knoblauch, so mager wie ein Walfisch und mit einem Wort so dick und fett, daß er nicht aus den Augen sehen konnte. Es waren aber noch keine zwei Jahre vergangen, als ihm die guten Bissen zuwider wurden und er ein großes Gelüst bekam, einmal wieder eine Fahrt nach Hause zu machen, und indem er an die Heimat dachte, wäre er fast auf der Stelle davongelaufen. Der wilde Mann, der ihm ins Herz schaute, sah ihm an der Nase die Unruhe seines Hintern an, indem Anton sich hin und her drehte, als wenn er mit dem Allerwertesten auf Nadeln gesessen hätte; er rief ihn daher beiseite und sprach zu ihm: »Lieber Anton, ich weiß, daß du großes Verlangen hast, die Deinigen zu sehen, und da ich dich so herzlich liebe, wie mich selbst, so bin ich's zufrieden, daß du einmal zu ihnen reisest und deinen Wunsch befriedigest. Nimm also diesen Esel, der dir die Mühseligkeiten des Zufußgehens ersparen wird, aber sieh dich vor, daß du nie zu ihm sagst: ›arre cacaurre‹; denn bei der Seele meines Großvaters, es möchte dir leid tun.« Anton nahm den Langohr, hing, ohne selbst nur adieu zu sagen, seine Beine über denselben und fing an, darauf loszutraben; er war aber noch nicht hundert Schritte vorwärts gekommen, als er auch schon von dem Grauen abstieg und sogleich sagte: ›arre cacaurre‹; und kaum hatte er den Mund geöffnet, als auch schon Langohr anfing, Perlen, Rubine, Smaragde, Saphire und Diamanten, alle so groß wie die Walnüsse, von hinten von sich zu geben. Anton sperrte das Maul weit auf, starrte die herrliche Ausleerung, den prächtigen Abgang und den kostbaren Durchfall des Eseleins an und füllte mit großer Herzenslust seinen Quersack mit den Edelsteinen voll. Hierauf fing er wieder an in einem tüchtigen Trabe zu reiten und gelangte endlich zu einem Wirtshaus, woselbst er, sobald er abgestiegen, zu dem Wirte vor allen Dingen sagte: »Hurtig, bindet mir diesen Esel an die Krippe und schüttet ihm gehörig vor; hütet Euch aber zu ihm zu sagen: ›arre cacaurre‹, denn es möchte Euch leid tun; und hebet mir auch diese Sächelchen hier sorgfältig auf.« Als der Wirt, der sein Handwerk gehörig verstand und ein schlauer, durchtriebener, pfiffiger Schelm war, so ganz unversehens diese Rede vernahm und die Edelsteine erblickte, welche strahlten wie die liebe Sonne, ergriff ihn die Neugier, zu sehen, was diese Worte bedeuteten. Nachdem er also Anton gut zu essen und, so viel er wollte, zu trinken gegeben hatte, steckte er ihn zwischen einen Sack und eine Bettdecke, lief, sobald er ihn die Augen schließen sah und im tiefsten Basse schnarchen hörte, nach dem Stalle und sagte zu dem Esel: ›arre cacaurre‹, worauf dieser denn auch durch das Klistier dieser Worte die gewöhnliche Operation vornahm, indem ihm der Hintere von Goldklumpen und Juwelenhaufen überlief. Kaum nahm der Wirt diese köstliche Ausleerung wahr, so faßte er den Entschluß, den Esel auszutauschen und so jenem Bauerntölpel von Anton einen Streich zu spielen, ihn zu hintergehen, anzuführen, zu betrügen, zu beluchsen, zu prellen, zu berücken, hinters Licht zu führen und einem solchen Hansnarren, Schöps, Pinsel, Gimpel, Dummerjan wie jener, der ihm in die Hände gelaufen war, die Augen gehörig auszuwischen. Als daher Anton zur Zeit, wann Aurora ganz rot vor Scham an das Fenster des Ostens tritt, um den Nachttopf ihres alten Ehekrüppels auszugießen, erwacht war, sich die Augen mit den Händen gerieben, sich eine halbe Stunde lang gedehnt und gereckt und ein Schock mal nach Art eines Zwiegespräches gegähnt und gerülpst hatte, rief er den Wirt und sagte zu ihm: »Kommt her, Kamerad; kein Kredit, lange Freundschaft; wir sind Freunde, unsere Beutel Feinde; drum macht mir die Rechnung, denn ich will bezahlen.« So summieren sie denn zusammen, so viel für Brot, so viel für Wein, das für Suppe, das für Fleisch, fünf für Stallgeld, zehn für das Nachtlager und fünfzehn das Frühstück und Biergeld, worauf Anton die Spieße aufzählt, den falschen Esel nebst seinem Quersack voll Bimsstein statt der kostbaren Juwelen in Empfang nimmt und über Hals und Kopf nach dem Wohnort seiner Mutter eilt. Ehe er aber noch einen Fuß ins Haus setzte, fing er schon an, aus vollem Halse zu schreien wie ein Zahnbrecher: »Komm schnell herbei, Mutter, komm ganz schnell; denn wir sind jetzt reich; mach Tischtücher zurecht, breite Laken aus, lege Decken auf die Erde; denn du wirst Schätze sehen.« Die Mutter, außer sich vor Freude, öffnet also einen großen Kasten, in welchem die Ausstattung ihrer heiratsfähigen Töchter lag, zieht ganz feine Laken, die man wegblasen hätte können, Tischtücher, die noch nach der Wäsche rochen, und Bettdecken, die einen bis über die Nase verhüllen, hervor und breitet sie alle säuberlich auf die Erde. Alsdann wird der Esel darauf gestellt und Anton fängt an, sein ›arre cacaurre‹ anzustimmen; aber arre cacaurre du nur immer zu; denn der Esel kümmerte sich gerade soviel um diese Worte als um den Klang der Laute. Gleichwohl wiederholte Anton diese Worte noch drei- oder viermal, da aber alles in den Wind geredet war, ergriff er einen tüchtigen Knüppel und fing an, das arme Tier so zu bearbeiten, gerbte und drosch und walkte es dergestalt durch, daß dem armen Grauen die Hintertür aufsprang und durch dieselbe ein gelber Fladen auf die weißen Tücher geflogen kam. Als die arme Masella den Esel auf diese Weise überlaufen und statt in ihr armes Haus einen Strom von Reichtümern einen zwar allerdings reichen, aber derartigen Strom sich ergießen sah, daß er dasselbe hätte ganz verpesten können, ergriff sie einen Knüttel, und ohne daß sie Anton Zeit ließ, auch noch seine Bimssteine zu zeigen, fütterte sie ihn mit einer solchen Prügelsuppe, daß er sich eilends wieder zurück zu dem wilden Manne auf den Weg machte. Sobald er dort mehr im Trabe als im Schritt angekommen war, erhielt er von dem wilden Manne, der durch seine Zauberkünste alles und daher auch das wußte, daß Anton sich von seinem Gastwirt hatte überlisten lassen, eine tüchtige Tracht Schläge, indem ihn sein Herr dabei einen unverständigen, dummen, albernen, blödsinnigen Tagedieb, einen Strohkopf; einen Tölpel, eine Schafsnase, einen Stoffel, einen ausgemachten Narren, einen Erzgimpel, einen Hans Tepp nannte, der sich für einen juwelenmachenden Esel eine Bestie hatte anbinden lassen, die eine Überfülle von pomeranzenfarbigem Quarkkäse von sich gab. Anton verschluckte jedoch diese bittere Pille und schwor, daß er sich nie wieder, nein, nie wieder von einem lebenden Wesen würde eine Nase drehen und hinters Licht führen lassen. Kaum war aber ein anderes Jahr vorüber, als ihn wieder dieselbe Lust plagte und er fast vor Sehnsucht, die Seinigen wiederzusehen, vergangen wäre. Der wilde Mann, der häßlich von Ansehen, aber schön von Herzen war, gab ihm Erlaubnis zur Reise und schenkte ihm außerdem eine hübsche Serviette, indem er hinzufügte: »Bringe dies deiner Mutter, sieh dich aber vor, daß du nicht wieder solch ein Rindvieh bist und es machst wie mit dem Esel, und ehe du nicht zu Hause anlangst, sage ja nicht: ›Tu dich auf und tu dich zu, Serviette‹; denn wenn dir darüber etwas Schlimmes widerfährt, so ist es dein Schaden; jetzt geh mit Gott und komme bald wieder.« Anton machte sich also wieder auf den Weg, aber nicht weit von der Höhle legte er alsbald das Tellertuch auf die Erde und sagte: »Tu dich auf und tu dich zu, Serviette«, worauf diese sich sogleich auftat und in ihrem Innern so viel Pracht und Herrlichkeiten und Schmucksachen sehen ließ, wie man gar nicht glauben kann. Als Anton dies wahrnahm, sagte er rasch: »Tu dich zu, Serviette«, und unverzüglich verbarg sie wieder alles in sich. Anton zog alsdann wieder weiter nach demselben Wirtshause und sagte zum Wirt: »Da, hebet mir diese Serviette auf und saget ja nicht: ›Tu dich auf und tu dich zu, Serviette‹« Der Wirt, der ein durchtriebener Schelm war, erwiderte hierauf: »Seid ganz ohne Sorge«, gab ihm tüchtig zu essen, trank ihm so lange zu, bis er benebelt war, und bracht ihn dann hurtig zu Bette; alsdann nahm er die Serviette und sagte: »Tu dich auf, Serviette«, welche sich denn auch sogleich auf tat und so viele Kostbarkeiten zeigte, daß der Wirt vor Erstaunen ganz außer sich geriet. Er suchte daher eine andere, dieser ähnliche Serviette heraus, die er Anton, als er des Morgens aufgestanden war, auch wirklich anhängte. Dieser nun langte tüchtig darauf losstiefelnd in dem Hause seiner Mutter an und rief alsbald aus: »Diesmal, meiner Treu, werden wir gewiß unsere Armut zum Teufel jagen; diesmal gewiß die Lumpen, den Plunder und den ganzen Trödelkram aus dem Hause werfen«, zugleich breitete er die Serviette auf die Erde aus und fing an zu sagen: »Tu dich auf, Serviette.« Aber er hätte diese Worte bis zum andern Morgen wiederholen können und hätte nur seine Zeit damit verloren, denn er brachte nichts zuwege, auch nicht das mindeste. Da er nun sah, daß es ihm nicht nach Wunsch ging, sagte er zu der Mutter: »Hol's der Kuckuck, der Wirt hat mir wieder diesen Quark angehängt; aber warte nur, Schelm, du sollst mir das bezählen, es wäre dir besser, du wärst nie geboren, besser, du wärest als Kind überfahren worden. Ich will das Liebste, was ich habe, verlieren, wenn ich ihn nicht beim nächsten Einkehren in seinem Wirtshause zu Brei haue.« Als die Mutter diesen neuen Eselsstreich vernahm, erglühte sie vor Wut und sagte: »Daß du doch den Hals brächest oder dir das Genick abstürztest, du Unglückssohn, scher dich zum Teufel; denn du bist mir zuwider wie eine Spinne, ich kann dich nicht ansehen, ohne daß mir übel wird, und ich bekomme den Krampf immer, wenn du mir zwischen die Füße kommst. Mach ein Ende und laß dir dünken, daß dieses Haus in Flammen steht, denn ich schüttle mir die Kleider aus und betrachte dich gar nicht als meinen Sohn.« Der arme Anton, welcher den Blitz sah und den Donner nicht abwarten wollte, senkte den Kopf, riß aus, gleich als hätte er etwas gestohlen, und kam über Hals und Kopf rennend bei dem wilden Mann an. Kaum sah dieser ihn so traurig und niedergeschlagen anlangen, so ließ er ein neues Donnerwetter über ihn ergehen, indem er sagte: »Ich weiß nicht, was mich abhält, dir eine Laterne anzustecken, du Vielfraß, Furzpeter, Dummbart, nichtsnutziger Schlingel, Plappermühle, Plaudermatz, der du wie eine Gerichtstrompete alles öffentlich ausrufst, ausspeiest, was du im Leibe hast und auch nicht einmal junge Schoten bei dir behalten kannst; wenn du im Wirtshaus dein Maul gehalten hättest, so wäre dir das nicht widerfahren, was dir widerfahren ist; weil du deine Zunge wie einen Mühlstein gebraucht hast, hast du dir das Glück zermahlen, das dir aus meinen Händen zuteil geworden war.«

Anton stand da wie ein abgebrühter Pudel und hörte still und geduldig diese Musik an; als er aber noch andere drei Jahre im Dienste des wilden Mannes ruhig zugebracht und so wenig an seine Heimat gedacht hatte als daran, Graf zu werden, bekam er doch wieder einen Fieberanfall, und wiederum setzte er es sich in den Kopf, die Seinigen einmal zu besuchen. Er bat deswegen den wilden Mann um Erlaubnis, welcher denn auch, um den lästigen Tölpel loszuwerden, ihn gehen ließ und ihm einen sehr schön gearbeiteten Stock mit den Worten schenkte: »Nimm diesen Stock zum Andenken von mir, hüte dich aber zu sagen: ›Steh auf, Prügel‹, oder ›leg dich nieder, Prügel‹; denn sonst beneide ich dich nicht um das, was geschehen würde.« Anton nahm den Stock und antwortete: »Seid ganz ohne Sorgen, ich habe den Schleifstein des Verstandes eingeschraubt und weiß recht gut, wieviel zwei mal zwei ist; ich bin kein Kind mehr; denn wer Anton etwas weismachen will, muß früh aufstehen.« – »Eigenlob stinkt«, erwiderte der wilde Mann, »gesagt ist leichter als getan; was ich sehe, glaube ich; wenn du nicht taub bist, so mußt du mich verstanden haben, und wer sich raten läßt, dem ist auch zu helfen.« Während nun der wilde Mann noch immer zu reden fortfuhr, war Anton schon auf dem Wege zu seiner Mutter, er hatte aber noch keine halbe Meile hinter sich, als er auch schon sagte: »Steh auf, Prügel.« Dies wirkte jedoch nicht wie gewöhnliche Worte, sondern wie ein Zauberspruch; denn gleich als wäre der Stock von einem bösen Geiste besessen gewesen, geradeso fing er auch urplötzlich an, dem unglücklichen Anton den Rücken dergestalt zu bearbeiten, daß die Schläge wie in Strömen herabregneten und einer nicht den andern erwartete. Als der arme Schelm sich so zerbleut und durchgegerbt sah, sprach er rasch: »Leg dich nieder, Prügel«, worauf auch sogleich der Prügel abließ, auf dem Rücken Antons aufzuspielen, und dieser, auf seine Kosten gewitzigt, ausrief: »Nun weiß ich, was ich zu tun habe, und meiner Treu, es soll nicht ungetan bleiben; noch ist der nicht zu Bett, dem es heute abend noch sehr schlimm ergehen wird.« Dies sagend, kommt er bei dem gewöhnlichen Wirtshaus an, wo er mit der größten Freundlichkeit von der Welt empfangen wird. Kaum angelangt, sagt er zu dem Wirt: »Da nehmt diesen Stock und hebt mir ihn gut auf; hütet Euch aber, daß Ihr nicht etwa sagt: ›Steh auf, Prügel‹; denn wenn es Euch übel bekommt, versteht mich wohl, so beschwert Euch nicht über den Anton; ich kann dann nichts dafür und wasche mich zum voraus von aller Schuld rein.« Der Wirt, voll der größten Freude über diesen dritten Glücksfang, läßt Anton tief in die Schüssel greifen und noch tiefer ins Glas gucken, und nachdem er ihn zu Bett gebracht, eilt er mit seiner Frau, die er zu dem schönen Fest herbeigerufen, zu dem Stock und sagt: »Steh auf, Prügel.« Dieser fängt denn auch sogleich an, die Hinterseite des Wirtes und seiner Ehehälfte heimzusuchen, und tick hier, tack da, fährt er wie der Blitz hin und her, so daß sie, sich so kläglich und jämmerlich zugerichtet sehend, immer mit dem Prügel hinter sich, Anton aufzuwecken liefen und ihn um Barmherzigkeit anflehten. Als dieser nun wahrnahm, daß die Sache ganz nach Wunsch ging und die Makkaroni im Käse und den Kohl im Speck sah, sagte er: »Da ist nicht zu helfen; ihr müßt euch nun einmal dazu bequemen, totgeprügelt zu werden; es sei denn, daß ihr mir meine Sachen wiedergebt.« Der Wirt, von Schlägen fast zermalmt, rief alsbald aus: «Nehmt alles, was ich habe, nur befreiet mich von diesem Dreschflegel«, und um Anton sicherzustellen, ließ er auch wirklich alles herbeiholen, was er ihm früher abgeluchst hatte. Sobald Anton das Seinige wieder in seiner Gewalt sah, sagte er: »Leg dich nieder, Prügel«, und dieser hörte auch sogleich auf und sank herab. Anton nahm nun den Esel sowie die anderen Sachen und begab sich damit zu seiner Mutter, und nachdem er daselbst mit der Serviette einen sehr gelungenen Versuch angestellt und das Hintergestell des Esels eine Generalprobe hatte halten lassen, saß er von der Zeit an ganz warm, verheiratete seine Schwestern, machte seine Mutter zur reichen Frau und bezeugte so die Wahrheit des Sprichwortes:

Narren und Kindern steht der Himmel bei

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