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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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6. Die Bärin

Die ganze Erzählung Popas machte die Frauen aus vollem Halse lachen, und besonders da, wo es sich zeigte, daß sie Schlauheit genug besäßen, selbst einen Fuchs zu übertölpeln, waren sie nahe daran, zu bersten. In der Tat haben auch die Weiber an jedem Haar ihres Kopfes Listen hundertweise wie die Granaten aufgereiht; denn die Falschheit ist ihre Mutter, die Lüge ihre Amme, die Schmeichelei ihre Lehrerin, die Verstellung ihr Ratgeber und der Betrug ihr Gefährte, wodurch sie die Männer hin und her drehen, wie es ihnen gefällt. Wir kehren aber zu Antonella zurück, welche schon voll Verlangen war zu reden; und nachdem sie ein wenig nachgedacht, als wenn sie ihre Gedanken Musterung passieren ließe, begann sie:

Fürwahr, jener weise Mann hatte recht, der sagte, daß man einem Befehl voll Galle nicht mit einem Herzen voll Zucker gehorchen könne. Um Gehorsam von richtigem Gewicht zu finden, muß man Gebote von gehörigem Maß erteilen; aus Befehlen, die nicht ziemen, entspringt Widerstand, der nicht nachgibt; so geschah es auch dem König von Rauhenfels, der seiner Tochter ungeziemende Anträge machte und sie daher zwang, mit Gefahr ihrer Ehre und ihres Lebens zu entfliehen.

Es war nämlich einmal ein König von Rauhenfels, dessen Frau, die wahre Mutter der Schönheit, mitten im besten Lauf ihrer Jahre vom Roß der Gesundheit fiel und sich das Leben brach. Ehe jedoch ihr Lebenslicht ausging, rief sie ihren Gemahl zu sich und sprach: »Ich weiß, daß du mich immer auf das herzlichste geliebt hast, darum beweise mir auch durch die Tat das, worauf mein Dasein bisher beruhte und worin deine Liebe ihren Gipfel finden wird, indem du mir versprichst, dich nie wieder zu verheiraten, es sei denn, daß du eine Frau findest, die so schön ist wie ich; sonst lasse ich eine grauenvolle Verwünschung zurück und trage dir sogar bis in die andere Welt den furchtbarsten Haß nach.« Als der König, der seiner Frau über alle Maßen zugetan war, diesen ihren letzten Wunsch vernahm, fing er an, in Tränen auszubrechen, und konnte eine Zeitlang auch nicht das geringste Wörtchen hervorbringen; endlich jedoch hörte er auf zu jammern und sprach zu ihr: »Ehe ich deinem Willen entgegenhandle, möge mich das Zipperlein plagen und mich übler zurichten, als es je einen andern zugerichtet hat! Glaube doch ja nicht, meine liebe Träumerin, an dergleichen Träumereien, als wenn ich mein Herz einem andern Weibe zuwenden könnte, da ich dich zuallererst mit dem neuen Rock meiner Liebe bekleidet habe und du auch die letzten Lumpen meiner Zuneigung mit dir nehmen wirst.« Während aber der König dies sagte, verdrehte die arme Frau die Augen und streckte alle viere von sich, so daß er, ihr Leben verronnen sehend, nun auch seine Augen von neuem laufen ließ und dergestalt anfing, sich die Brust zu schlagen und laut aufzujammern, daß der ganze Hof herbeilief, wobei der Ärmste in einem fort den Namen jener guten Seele ausrief, das Schicksal, welches sie ihm geraubt, verwünschte und, indem er sich den Bart ausraufte, die Sterne höhnte, die ihm dieses Unglück zugesandt. Da aber auch er nach dem Sprichworte: »Schmerzen am Ellbogen und Schmerz um die Frau tun zwar sehr weh, vergehen aber bald« und gemäß jenem andern: »Die eine an der letzten Stätte, die andere im weichen Bette« handeln wollte, war die Nacht kaum auf dem Paradeplatz des Himmels erschienen, um über die Fledermäuse Musterung zu halten, als er auch schon anfing, sich die Sache genauer zu überlegen und bei sich selbst sprach: »Meine Frau ist nun tot, und ich bin ein unglücklicher Witwer ohne die geringste Hoffnung, jemand anderen vor mir zu sehen als die unselige Tochter, die sie mir zurückgelassen hat. Gleichwohl muß ich irgendeinen Schritt tun und etwas ersinnen, um einen Sohn zu bekommen; wie aber fange ich das an? Wie finde ich eine der Schönheit meines verstorbenen Weibes entsprechende Frau? Wenn jede andere im Vergleich zu ihr wie eine Hexe aussieht, so rate mir einer, was zu tun ist. Wo soll ich eine andere mit der Laterne suchen, wo nach einer andern in den Straßen umherrufen, wenn die Natur erst Nardella – Gott habe sie selig – hervorbrachte und dann die Form zerbrach? Weh mir, in welch ein Labyrinth hat sie mich gestürzt! Wozu, zum Kuckuck, war das Versprechen, das sie mir abnahm? – Aber wie? Noch habe ich nicht den Wolf gesehen und fliehe schon? Erst wollen wir doch suchen und dann sehen, wie die Sachen stehen! Sollte es wirklich möglich sein, daß keine andere Eselin im Stall wäre als Nardella? Ist es möglich, daß für mich allein die Welt verschlossen sei? Sollte vielleicht eine Teuerung, ein Mangel an Weibern eingetreten oder vielleicht gar deren Samen gänzlich zugrunde gegangen sein?« Dies sagend, ließ er sogleich durch den Büttel einen öffentlichen Ausruf und Befehl ergehen, daß alle Weiber der Welt zur Prüfung ihrer Schönheit sich an seinem Hofe einfinden sollten, da er die schönste zur Frau nehmen und ihr ein Königreich als Morgengabe geben wolle. Sobald nun das Gerücht hievon sich überallhin verbreitet hatte, war keine einzige Frau in der Welt, die nicht gekommen wäre, ihr Glück zu versuchen, so daß auch nicht die häßlichste Hexe zurückblieb, die sich nicht eingefunden hätte; denn wenn man nur irgend den Punkt der Schönheit berührt, so gibt es kein Scheusal, das sich nicht für ein Wunder hielte, kein Ungeheuer, das zurückträte; eine jede bildet sich was ein, eine jede will mehr sein als die andere, und wenn der Spiegel ihnen die Wahrheit sagt, so beschuldigen sie das Glas, daß es blind, und das Quecksilber, daß es falsch aufgelegt sei. Als auf diese Weise die Stadt sich mit Weibern angefüllt hatte, ließ der König sie in Reihe und Glied stellen und fing an, zwischen ihnen durchzugehen, wie es der Großtürke tut, wenn er das Serail betritt, um den besten Genueser Schleifstein auszuwählen und dann daran seine Damaszenerklinge zu wetzen. Indem er nun so von oben bis unten, gleich einem Affen, der nimmer Ruhe findet, hin und her ging und bald die, bald jene von Kopf bis Fuß beschaute und musterte, schien ihm die eine krummstirnig, eine andere langnäsig, eine dritte breitmäulig, eine vierte dicklippig, eine fünfte lang wie eine Hopfenstange, eine sechste kurz wie ein Knirps, eine siebente zu dick, eine achte zu dünn, die Spanierin gefiel ihm nicht wegen ihrer gelbsüchtigen Farbe, die Neapolitanerin sagte ihm nicht zu wegen ihres watschligen Ganges, die Deutsche kam ihm zu kalt und eisig vor, die Französin zu leichtsinnig und flatterhaft, die Venezianerin mit ihrem hellgelben Haar wie ein Rocken voll Flachs; mit einem Wort, er schickte die eine wegen der einen, die andere wegen der andern Ursache mit einer langen Nase fort, und da er sah, daß hinter so vielen schönen Gesichtern am Ende auch gar nichts gesteckt hatte, er jedoch entschlossen war, sein Gelüst zu stillen, machte er sich an seine eigene Tochter, indem er sprach: »Wozu suche ich in der Ferne, was ich in der Nähe habe? Scheint nicht Preziosa mit ihrer Mutter aus einer Form hervorgegangen zu sein? Ich habe dieses schöne Gesicht in meinem Hause und suche es überall in der Welt umher.« Kaum hatte er jedoch die Tochter von seiner Absicht in Kenntnis gesetzt, so fuhr sie toll und wütend über ihn her, daß man gar nicht sagen kann, wie sehr; worauf der König voll Zorn ausrief: »Stimme diesen hohen Ton herab, oder halt lieber ganz dein Maul und sei bereit, heute abend das eheliche Band mit mir zu knüpfen; sonst reiße ich dir zumindest die Ohren aus.« Als Preziosa diesen Entschluß vernahm, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und bejammerte dort bitterlich ihr trauriges Geschick, wobei sie auch kein Haar auf ihrem Kopfe ganz ließ. Während sie nun so in die heftigsten Klagen ausbrach, kam zufällig eine alte Frau zu ihr, welche zuweilen von Preziosa ein Almosen zu empfangen pflegte und jetzt, da sie die Prinzessin mehr auf jener als auf dieser Welt antraf und von ihr die Ursache ihres Kummers vernahm, zu ihr sagte: »Fasse Mut, meine Tochter, und verzweifle nicht, denn für jedes Übel ist ein Kraut gewachsen, nur für den Tod nicht. Jetzt höre mir genau zu. Da dein Vater, der eigentlich ein Esel ist, durchaus heute abend ein Hengst sein will, so nimm dieses Spänchen in den Mund, dann wirst du dich auf der Stelle in eine Bärin verwandeln; mache dich hierauf sogleich aus dem Staube, denn er wird dich nicht zurückzuhalten wagen, und schlage den Weg nach dem Walde ein, woselbst der Himmel seit dem Tage, an dem du geboren wurdest, dir dein Glück aufbewahrt hat. Wann du aber in deiner natürlichen Gestalt, die dir immer verbleiben wird, erscheinen willst, so nimm das Spänchen aus dem Mund, dann wirst du sie sogleich wieder erhalten.« Preziosa umarmte die alte Frau auf das herzlichste, ließ ihr eine Schürze voll Mehl, Schinken und Speck geben und entließ sie alsdann.

Sobald nun die Sonne wie eine bankrotte Hure ihr Quartier zu wechseln begann, ließ der König die Musikanten kommen, hieß alsdann ein großes Gastmahl veranstalten, wozu er alle seine vornehmen Vasallen einlud, und nachdem sie vier bis fünf Stunden lang getanzt hatten, setzten sie sich zur Tafel, nach welcher sich der König mit vollem Bauche zu Bett begab. Indem er aber hierauf seiner Tochter zurief, die Rechnung herbeizubringen, weil er das Liebeskonto saldieren wollte, nahm sie das Spänchen in den Mund, verwandelte sich in eine furchtbare Bärin und begab sich zu ihrem Vater, welcher, über dieses Wunder ganz entsetzt, sich in die Bettdecken einhüllte und vor dem nächsten Morgen nicht wieder den Kopf hervorzustecken wagte.

Inzwischen verließ Preziosa den Palast und machte sich auf den Weg nach dem Walde, in welchem die Schatten der Dunkelheit sich miteinander berieten, wie sie der Mittagssonne irgendeinen Abbruch an ihrer Gewalt zufügen könnten. Dort nun hielt sich Preziosa in der angenehmen Gesellschaft der anderen Tiere so lange auf, bis der Sohn des Königs von Schnellwasser in jene Gegend kam, welcher beim Anblick jener Bärin fast vor Furcht gestorben wäre; sobald er sie aber wie ein Hündchen an sich herankriechen, sich an ihn schmiegen und ganz zutraulich mit dem Schwanze wedeln sah, faßte er wieder Mut, und indem er ihr schmeichelte und zu ihr sagte: »Kusch dich, kusch dich, sachte sachte, artig artig, ruhig ruhig, pst pst, miez, miez«, führte er sie nach Hause, wo er seinen Dienern befahl, sie zu pflegen wie ihn selbst, und sie in einen Garten neben dem königlichen Palast bringen ließ, um sie, immer wenn er Lust hatte, vom Fenster aus sehen zu können.

Als nun einmal alle Hausbewohner ausgegangen und der Prinz allein zurückgeblieben war, trat er, um die Bärin zu betrachten, ans Fenster und bemerkte, wie Preziosa, welche das Spänchen aus dem Munde genommen hatte, um sich die Haare zu machen, sich ihre goldenen Flechten kämmte, so daß er beim Anblick dieser ungewöhnlichen Schönheit vor Erstaunen ganz außer sich geriet, hierauf die Treppen hinunterstürzte und in den Garten lief, während Preziosa, seine Absicht wahrnehmend, rasch wieder den Span in den Mund steckte und ihre Bärengestalt wieder annahm. Sobald aber der Prinz unten anlangte und das nicht fand, was er von oben gesehen hatte, ging ihm dieser fatale Streich so sehr zu Herzen, daß er in eine große Traurigkeit versank und nach vier Tagen in eine schwere Krankheit verfiel, wobei er ohne Unterlaß ausrief: »Liebe Bärin, liebe Bärin.« Indem nun seine Mutter diese Jammertöne vernahm, glaubte sie, die Bärin hätte ihn irgendwie gemißhandelt, und befahl daher, sie zu töten; die Diener jedoch, die dem zahmen Tier sehr zugetan waren, welches selbst den Steinen am Wege Liebe abgewann, hatten Mitleid mit ihm, und statt ihm den Garaus zu machen, trugen sie es in den Wald, während sie der Königin berichteten, daß sie ihr das Lebenslicht ausgeblasen hätten. Kaum war dies aber zu Ohren des Prinzen gekommen, so gebärdete er sich wie unsinnig, sprang krank, wie er war, aus dem Bette und wollte die Diener in kleine Stücke hauen; nachdem er indes von ihnen den wahren Hergang der Sache erfahren, schwang er sich halbtot auf ein Roß und suchte so lange hin und her, bis er die Bärin wiederfand, worauf er sie wieder zurück nach Hause führte, sie in sein Zimmer brachte und zu ihr sagte: »O du schöner Bissen für einen König, der du in dieses Fell eingehüllt, o du Liebeslicht, welches du in diese rauhe Laterne eingeschlossen bist, wozu soll alles dieses geheimnisvolle Wesen, durch welches ich nur immer mehr herunter und am Ende ganz auf den Hund kommen muß? Ich sterbe vor Glutverlangen und Sehnsucht nach deiner Schönheit, und den Beweis davon siehst du auch ganz deutlich, denn ich habe schon um zwei Drittel abgenommen wie eingekochter Wein, ich bestehe nur noch aus Haut und Knochen, und das Fieber hat sich mit doppeltem Zwirn mir an die Adern genäht. Ziehe also doch den Vorhang dieses stinkenden Felles empor und laß mich dies Schauspiel deiner Schönheiten schauen; nimm doch, ja nimm doch die Blätter von diesem Korbe weg und gewähre mir den Anblick deiner schönen Früchte; hebe auf diese Hülle und gestatte meinen Augen, sich an der Pracht deiner Wunder zu weiden! Wer hat doch in einen aus Haaren gewebten Kerker ein so glattes Geschöpf gesperrt? Wer in einen Schrein aus Leder einen so schönen Schatz geschlossen? Laß mich doch das Mirakel deiner Reize erblicken und nimm als Belohnung alle meine Liebe hin; denn nur dein Bärenfett, teuerstes Wesen, kann die Zusammenziehung der Nerven heilen, an der ich leide.« Nachdem aber der Prinz vergeblich lange hin und her geredet hatte und sah, daß alle seine Worte verloren waren, streckte er sich wieder aufs Bett und wurde von einem so heftigen Krankheitsanfall ergriffen, daß die Doktoren ihm ein sehr schlimmes Prognostikon stellten und die Mutter, die kein größeres Gut auf Erden hatte als ihn, sich neben sein Bett setzte und sprach: »Woher, mein Sohn, kommt dir dieser Kummer? Was für eine Traurigkeit hat dich da ergriffen? Du bist jung, geliebt, vornehm, reich; was fehlt dir noch? Sprich, denn dem verschämten Bettler bleibt die Tasche leer. Wenn du eine Frau willst, so wähle du nur, denn ich bewirke die Verlobung; nimm du nur, denn ich bezahle. Siehst du denn nicht, daß deine Krankheit auch mich krank macht? Dir pocht der Puls durch das Fieber im Blut, mir das Herz durch einen Schmerz im Gehirn. Da ich nun keine andere Stütze meines Alters habe als dich, so heitere dich auf, um mein Herz zu erheitern, und stürze nicht das ganze Reich in Klage, dies Haus in Jammer und deine Mutter in das tiefste Weh.« Als der Prinz diese Worte vernahm, erwiderte er: »Nichts anderes kann mir Erleichterung verleihen als der Anblick der Bärin; wenn du mich daher gesund sehen willst, so lasse sie bei mir im Zimmer bleiben und keinen andern mich pflegen, keinen andern mir das Bett machen und für mich kochen als nur sie; denn ohne Zweifel werde ich aus Freude darüber in eins, zwei, drei gesund sein.« Obwohl es nun die Mutter für ungereimt hielt, daß die Bärin den Koch und Kammerdiener ihres Sohnes machen sollte, und fürchtete, daß dieser den Verstand verloren hätte, ließ sie dennoch, um ihn zufriedenzustellen, die Bärin herbeikommen, welche sogleich, nachdem sie sich dem Bette des Prinzen genaht, die Tatze aufhob und dem Kranken den Puls fühlte, so daß die Königin anfing zu lächeln, und dachte, sie würde ihm wohl bald die Nase zerkratzen. Sobald aber der Prinz zu der Bärin sagte: »Willst du nicht für mich kochen und mir zu essen geben und mich pflegen, mein kleines Petzchen?«, so nickte sie mit dem Kopfe, als wenn sie den Antrag annehme. Die Mutter ließ also ein paar Hühner bringen, in dem Krankenzimmer selbst ein Feuer auf dem Kamin anzünden und Wasser zum Kochen beisetzen, worauf die Bärin ein Huhn ergriff, es geschickt rupfte und ausnahm, einen Teil an den Spieß steckte und einen andern auf dem Rost briet dergestalt, daß der edle Prinz, dem bisher selbst der Zucker bitter geschmeckt hatte, sich nach diesem Gerichte die Finger leckte. Nachdem er nun aufgegessen hatte, gab sie ihm auch zu trinken, und zwar mit so großer Anmut, daß die Königin sie darüber auf die Stirne küßte, worauf die Bärin, nachdem der Prinz aufgestanden war, um die Klugheit der Ärzte auf die Probe zu stellen, rasch das Bett machte, dann in den Garten lief, eine Serviette voll Rosen und Zitronenblüten pflückte und sie ihm auf die Kissen streute, so daß die Königin ausrief, die Bärin wäre mehr wert als ein Schatz und daß ihr Sohn recht und noch einmal recht hätte, ihr so sehr zugetan zu sein.

Alle diese schönen Dienste aber gossen nur noch mehr Öl in das Feuer des Prinzen, und wenn er sich früher lotweise verzehrt hatte, so löste er sich jetzt pfundweise auf, daher er zur Mutter sprach: »Liebste Frau Mutter, wenn ich dieser Bärin nicht einen Kuß geben kann, so entflieht mir der Atem«; worauf die Mutter, die ihn ganz ohnmächtig sah, zur Bärin sprach: »Küsse ihn nur, küsse ihn, mein schönes Tierchen, denn sonst stirbt mir mein armer Sohn!« Indem sich diese nun näherte und der Prinz, sie fest an seine Brust schließend, Mund an Mund gedrückt, sich an ihr gar nicht sattküssen konnte, fiel, ich weiß nicht wie, Preziosa das Spänchen aus dem Mund, so daß der Prinz mit einem Male das schönste Geschöpf der Welt in seinen Armen sah, welches er nun mit den Liebeszangen der Arme umschloß, während er ausrief: »Du bist gefangen, Schelmin, und entkommst mir nun nicht wieder ohne meinen Willen.« Bei diesen Worten fügte Preziosa die Farbe der Scham zu dem Gemälde der natürlichen Schönheit hinzu und sprach: »Ich bin zwar in deiner Gewalt, doch bitte ich dich, schone meine Ehre; übrigens mache mit mir, was du willst.« Als nun die Königin fragte, wer diese schöne Jungfrau wäre und was sie zu solch einer verwilderten Lebensweise gebracht hätte, erzählte Preziosa ihr der Reihe nach die ganze Geschichte ihrer Leiden, worauf die Königin sie als ein wackeres, ehrbares Mädchen lobte und zu dem Sohne sagte, daß sie nichts dawider hätte, wenn er sie heirate, so daß dieser ihr auf der Stelle den Trauring an den Finger steckte, die Mutter beiden ihren Segen verlieh und alsdann diesen schönen Ehebund mit großen Festen und Illuminationen feierte, Preziosa aber die Geltung des Ausspruches kennenlernte:

Wie du tust, so lohnt dir Gott.

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