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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 17
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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5. Die Schlange

Über die Maßen wurde die arme Katze deswegen bemitleidet, daß sie sich gar so übel belohnt gesehen, obgleich einige von den Gegenwärtigen sagten, daß sie sich mit ihren Leidensgefährten hätte trösten können, da es nicht nur ihr allein so ergangen wäre, vielmehr sei die Undankbarkeit heutzutage eine ebenso einheimische und gewöhnliche Krankheit geworden wie die Lustseuche und der Schnupfen, und es gäbe noch gar viele Leute, welche alles mögliche täten und Gut und Blut verschwendeten, um diesem undankbaren Geschlechte zu dienen, sich aber, wenn sie noch eines ganz anderen Lohnes sicher zu sein glaubten als eines goldenen Sarges, zu einem Begräbnis im Hospital bestimmt sähen. Sobald man jedoch Popa zum Sprechen bereit sah, schwiegen die übrigen sämtlich still, worauf sie also begann:

Zu allen Zeiten haben sich diejenigen selbst den größten Schaden zugefügt, welche sich vorwitzigerweise zu sehr um andere Leute kümmerten, wie dies der König von Langfeld beweisen kann, der seine Nase dahin steckte, wo er nicht sollte, und daher seiner Tochter einen üblen Streich spielte sowie nicht minder seinem Schwiegersohn großes Unheil zufügte, welcher gekommen war, ein Loch zu machen, statt dessen aber selbst Löcher in den Kopf bekam.

Es lebte nämlich einmal eine Bäuerin, welche eifriger danach verlangte, Kinder zu bekommen, als Prozessierende ein günstiges Urteil, Kranke frisches Wasser und Gastwirte den Ablauf der Fastenzeit wünschen; wie fleißig aber auch ihr Mann das Feld bestellen mochte, so hatte sie doch nie die Freude, die gewünschte Fruchtbarkeit zu sehen. Als nun der arme Teufel eines Tages ein Bund dürres Holz aus dem Walde geholt hatte und dies zu Hause aufband, fand er zwischen dem Reisig ein niedliches Schlänglein, bei deren Anblick Sapatella (denn so hieß die Bäuerin) einen tiefen Seufzer ausstieß und rief: »Du lieber Himmel, selbst die Schlangen gebären Schlängelchen, und nur ich bin so unglücklich in der Welt, einen so untüchtigen Mann zu haben, daß er, obwohl ein Gärtner, dennoch nicht imstande ist, einen Baum zu pflanzen!« Sobald die Schlange diese Worte vernahm, sprach sie zu Sapatella: »Da du einmal keine Kinder bekommen kannst, so nimm mich an Kindes Statt an; denn das wird dich nicht reuen, und ich werde dich mehr lieben als meine leibliche Mutter.« Sapatella war nun zwar außer sich vor Staunen, als sie eine Schlange reden hörte, jedoch faßte sie wieder Mut und erwiderte: »Wohlan, ich bin es zufrieden, und wäre es auch nur um deiner Freundlichkeit willen, dich so bei mir aufzunehmen, als wärest du zwischen meinen Knien hervorgegangen!«, worauf sie ihr auch wirklich ein Loch zur Lagerstätte anwies und ihr stets von allem, was sie selbst hatte, mit der größten Freundlichkeit der Welt zu essen gab.

Als nun das Schlänglein zusehends herangewachsen und schon groß geworden war, sprach es eines Tages zu Cola Matteo, den es wie einen Vater ehrte: »Lieber Papa, ich möchte mich gern verheiraten.« – »Ich bin's zufrieden«, erwiderte Cola Matteo, »wir wollen eine andere Schlange aufsuchen und dann diese Heirat im ›Winkel‹ vollziehen.« – »Das wäre nicht gut«, versetzte die junge Schlange, »dann würden wir ja ein und dieselbe Sippschaft mit den Nattern und Vipern. Man sieht wohl, daß du ein Tölpel bist und nimmst, was dir in den Wurf kommt. Ich aber will die Tochter des Königs; darum geh stehenden Fußes hin, halte für mich bei dem König um seine Tochter an und sag ihm, daß eine Schlange sie zur Ehe begehrt.« Cola Matteo, der ein einfältiger Tropf war und sich auf Dinge dieser Art eben nicht sehr genau verstand, ging daher ganz getrost zum König und richtete seinen Auftrag aus, indem er sagte: »Der Bote ist straflos und erleidet nur soviel Prügel wie Sand am Meere. So wisse denn, daß eine Schlange deine Tochter zur Frau verlangt und ich als Gärtner zu dir komme, um zu sehen, ob ich vielleicht eine Schlange mit einem Täubchen paaren kann.« Der König, der Cola Matteo an der Nase ansah, was für ein Pinsel er war, erwiderte darauf, um sich ihn vom Halse zu schaffen: »Geh hin und sage der Schlange, daß, wenn sie mir alle Früchte dieses Gartens in Gold verwandelt, ich ihr meine Tochter geben will«, und indem er dabei in lautes Lachen ausbrach, entließ er den Boten. Als jedoch dieser der Schlange den erhaltenen Bescheid mitteilte, sprach diese zu ihm: »Morgen früh geh hin, suche alle Fruchtkerne zusammen, die du nur irgend in der Stadt findest, und besäe damit den Garten, dann wirst du dein blaues Wunder sehen.« Sobald nun die Sonne mit ihrem goldenen Besen das Kehricht der Dunkelheit aus den mit Morgentau besprengten Feldern weggefegt hatte, nahm Cola Matteo, der sich auch jeden Quark weismachen ließ und weder zu antworten noch zu widersprechen verstand, einen Korb an den Arm, suchte von Markt zu Markt, von Gasse zu Gasse alle Kerne von Pfirsichen, Aprikosen, Pflaumen, Kirschen, Apfelsinen und Weinbeeren zusammen, begab sich alsdann in den Garten des Königs und streute sie daselbst überall umher, ganz so, wie die Schlange ihm vorgeschrieben, worauf unverzüglich die Bäume zu sprossen begannen und Blätter, Blüten und Früchte sämtlich aus leuchtendem Golde her vortrieben, so daß der König bei diesem Anblick vor Erstaunen außer sich geriet und vor Freude zu zittern anfing.

Als aber Cola Matteo wiederum zum König gesandt wurde, um von demselben die Erfüllung seines Versprechens zu fordern, entgegnete dieser: »Nur sachte, mein Freund; denn wenn die Schlange meine Tochter haben will, so verlange ich noch etwas anderes, und zwar, daß sie die ganze Mauer und den Erdboden meines Gartens in Edelsteine verwandle.« Kaum hatte jedoch der Bauer der Schlange diese Antwort hinterbracht, so sprach diese zu ihm: »Geh morgen früh wieder aus, suche alle Scherben zusammen, die du auf der Erde findest, und wirf sie auf die Gänge und die Mauer des Gartens; denn diesen Überklugen will ich schon kriegen.« Sobald daher die Nacht wegen ihres den Dieben geleisteten Vorschubs aus dem Lande gewiesen wurde und am Himmel eben nur noch aus den zerstreuten Schatten der Morgendämmerung ihr Bündel schnürte, nahm Cola Matteo auch wieder einen Korb unter den Arm und fing an, Scherben von Krügen, Stücke von Blumengefäßen und Stürzen, Böden von Töpfen und Tiegeln, Hälse von Tonflaschen, Henkel von Vasen und Ränder von Becken aufzusuchen sowie alle zerbrochenen Lampen, zerschlagenen Kruken, geborstenen Häfen und alle Trümmer von irdenem Geschirr, die er auf den Straßen fand, zusammenzuklauben, und verfuhr dann damit, wie die Schlange ihm vorgeschrieben hatte. Da mit einem Male sah er den Garten über und über mit Smaragden und Chalzedonen bedeckt und mit Rubinen und Karfunkeln ausgelegt, dergestalt, daß ihr Glanz die Sehkraft innerhalb der Augen festbannte und in das Erdreich des Herzens Staunen pflanzte. Bei diesem wunderbaren Schauspiel blieb der König wie versteinert stehen und wußte nicht, wie ihm geschah; als er indes die erneute Aufforderung der Schlange, ihr sein gegebenes Versprechen zu halten, vernahm, erwiderte er: »Was bis jetzt geschehen, ist alles nur eine Bagatelle, wenn die Schlange mir diesen Palast nicht bis oben hinauf mit Gold füllt.« Auch diesen neuen Einfall des Königs hinterbrachte Cola Matteo der Schlange, worauf diese sagte: »Geh hin und nimm ein Bündel Grünzeug und bestreiche damit den Fuß des Palastes; dann, hoffe ich, wird der Nimmersatt wohl zufrieden sein.« Alsbald machte sich Cola Matteo einen gewaltigen Flederwisch von Kohl, Rübenblättern, Weißkraut, Portulak, Gartenkresse und Kerbel, und nachdem er damit den unteren Teil des Palastes gehörig eingerieben, sah er ihn plötzlich wie eine vergoldete Pille leuchten, dermaßen, daß die Armut sich wohl hundert Häuser weit von diesem Sitz des Reichtums hätte zurückziehen sollen. Sobald nun Cola Matteo zum König zurückkehrte und im Namen der Schlange um seine Tochter anhielt, ließ dieser, jeden Ausweg abgeschnitten sehend, die Prinzessin rufen und sprach also zu ihr: »Liebe Grannonia, um einen Freier, der dich zu heiraten wünscht, zu verspotten, habe ich ihm Bedingungen gestellt, deren Erfüllung mir unmöglich schien; da ich mich aber, ich weiß selbst nicht wie, angeführt und gefangen sehe, so bitte ich dich, wenn du eine gehorsame Tochter sein willst, daß du mich instand setzest, mein Versprechen zu halten, indem du in das einwilligst, was der Himmel verlangt und ich zu tun gezwungen bin.« – »Tuet, wie Euch beliebt, gnädiger Herr Vater«, versetzte Grannonia, »denn ich werde kein Haarbreit von Eurem Willen abweichen.« Als der König diese Worte vernahm, sagte er zu Cola Matteo, die Schlange möchte doch kommen, und wirklich erschien diese auch bald nachher auf einem goldenen, von vier gleichfalls goldenen Elefanten gezogenen Wagen bei Hofe. Überall aber, wo sie vorüberzog, liefen die Leute, indem sie eine so große und grauenvolle Schlange durch die Stadt einherfahren sahen, voller Schrecken davon, und als diese endlich in dem Palaste anlangte, so bebten auch dort die Hofleute wie Espenlaub und nahmen Reißaus sowie nicht minder der König und die Königin, von eiskaltem Entsetzen ergriffen, sich in ihrem Zimmer verkrochen, dergestalt, daß nur allein Grannonia standhielt, und obwohl der Vater wie die Mutter ihr zuschrien: »Fliehe, rette dich, Grannonia, mach fort, Mädel!«, sich dennoch nicht vom Flecke rühren wollte, indem sie sagte: »Ich will vor dem Gemahl nicht fliehen, den ihr mir gegeben!« Sobald nun aber die Schlange ins Zimmer kam, umschlang sie Grannonia mit ihrem Schweif und gab ihr eine Anzahl Küsse, so daß der König vor Grauen fast erstarrte, und hätte man ihn zur Ader gelassen, es wäre kein Tropfen Blut herausgekommen. Die Schlange trug alsdann Grannonia in ein anderes Gemach, verschloß die Tür, und indem sie die Haut abstreifte, verwandelte sie sich in einen sehr schönen Jüngling, mit einem Kopf voll goldiger Locken und bezaubernden Augen, welcher hierauf die ersten Früchte seiner Liebe genoß. Wie nun der König die Schlange mit seiner Tochter das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich zuschließen sah, sprach er zu seiner Frau: »Der Himmel habe meine gute Tochter selig! Denn die ist ohne Zweifel nicht mehr am Leben, und jene verwünschte Schlange wird sie wie ein Eidotter verschlungen haben.« Während er dies sagte, guckte er durch das Schlüsselloch und wollte sehen, was aus der Tochter geworden wäre; kaum aber hatte er die ungemeine Anmut des Jünglings und die Schlangenhaut, welche auf der Erde dalag, wahrgenommen, so stieß er die Tür ein, sprang nebst seiner Frau in das Zimmer, warf die Haut ins Feuer und verbrannte sie ohne weiters. Nicht so bald jedoch sah dies der Jüngling, so rief er aus: »Ihr habt mir da einen schönen Streich gespielt, ihr verdammten Schelme!«, verwandelte sich alsdann in eine Taube, und indem er durch die Fenster entfliehen wollte, stieß er einige Male mit dem Kopf an die Scheiben, bis er sie zerbrach, wobei er sich aber so übel zurichtete, daß ihm kein Fleck am Schädel gesund blieb. Grannonia, die sich in demselben Augenblick fröhlich und traurig, glücklich und unglücklich, reich und arm sah, zerkratzte sich das Gesicht und warf ihren Eltern diese Trübung ihrer Freude, diese Vergiftung ihrer Wonne und diesen Raub ihrer Glückseligkeit vor, wogegen sich indes diese damit entschuldigten, daß sie es ja nicht böse gemeint hätten. Grannonia aber jammerte und klagte in einem fort, bis die Nacht herbeikam, um die Lichter des Himmelskatafalks zur Leichenfeier der hingeschiedenen Sonne anzuzünden, und sobald sie alle Bewohner des Palastes zu Bett gegangen sah, nahm sie aus einem Schränkchen allen Juwelenschmuck, den sie besaß, und verließ den Palast durch eine Hintertür in der Absicht, das verlorene Gut so lange zu suchen, bis sie es wiederfände. Sie war aber kaum, vom Mondschein geleitet, aus der Stadt getreten, als sie einem Fuchs begegnete, der sie fragte, ob sie Gesellschaft wünsche, worauf Grannonia antwortete: »Sehr gern, Gevatter; denn ich weiß hier herum gerade nicht den besten Bescheid.« Während sie nun so miteinander weitergingen, kamen sie in einen Wald, wo die Bäume wie die Kinder spielten und sich Häuschen machten, um die Dunkelheit darin zu verstecken. Da die beiden Wanderer bereits von dem Wege ermüdet waren und sich ausruhen wollten, so begaben sie sich unter das Laubdach, wo eine Quelle mit dem umherwachsenden Grase Feuerwehr spielte, indem sie es mit dem Wasser über und über bespritzte, legten sich auf ein Pfühl von weichem Rasen nieder und zahlten der Natur den Zoll, den sie ihr für die Ware des Lebens schuldeten, ohne eher aufzuwachen, als bis die Sonne mit dem gewöhnlichen Feuersignal den Schiffern und Boten das Zeichen gab, daß sie ihren Weg fortsetzen könnten. Sobald sie aber endlich den Schlaf abgeschüttelt hatten, hielten sie sich noch eine Zeitlang auf, um den Gesang der Vögel anzuhören, wobei Grannonia ein großes Wohlgefallen an ihrem Zwitschern und Trillern an den Tag legte, so daß der Fuchs, dies wahrnehmend, zu ihr sagte: »Wenn du nun erst gar verstündest, was sie sagen, wie ich es verstehe, würdest du noch viel größeres Vergnügen empfinden.« Bei diesen Worten ersuchte Grannonia, da alle Weiber von Natur ebenso neugierig als plauderhaft sind, den Fuchs auf das inständigste, ihr doch zu sagen, was er von der Unterhaltung der Vögel gehört hätte, worauf dieser, nachdem er erst hatte wiederholt in sich dringen lassen, um eine desto größere Neugier in bezug auf das, was er erzählen wollte, zu erwecken, ihr sagte, daß die Vögel untereinander von einem dem Sohn des Königs zugestoßenen Unfall sprächen, welcher Prinz nämlich so schön sei wie ein Adonis und, weil er das unzüchtige Verlangen einer verdammten Hexe nicht hätte befriedigen wollen, von ihr verwünscht worden wäre, sieben Jahre lang in eine Schlange verwandelt zu leben, welcher Zeitraum seiner Beendigung schon nahe war, als er sich in die Tochter eines Königs verliebte. Er sei nun eines Tages bei ihr im Zimmer gewesen, während der abgestreifte Schlangenbalg auf der Erde lag, die Eltern der Jungfrau jedoch, die aus Neugier dazugekommen wären, hätten die Haut verbrannt; der Prinz aber, als er in der Gestalt einer Taube fliehen und eine Fensterscheibe durchbrechen wollte, hätte sich so übel zugerichtet, daß er sich am Rande des Grabes befände. Grannonia, die von eigener Sache reden hörte, fragte vor allen Dingen, wer die Eltern dieses Prinzen wären und ob gar keine Hoffnung mehr vorhanden sei, ihn wieder geheilt zu sehen, worauf der Fuchs erwiderte, daß die Vögel den König von Langtal als seinen Vater genannt und gesagt hätten, es gäbe kein anderes Mittel, die Löcher seines Kopfes so zu verstopfen, daß die Seele nicht durch sie ausschlüpfe, als die Wunden mit dem Blut der nämlichen Vögel, die das erzählt, zu bestreichen. Bei diesen Worten kniete Grannonia vor dem Fuchs nieder und flehte ihn an, ihr doch den Dienst zu erweisen, daß er die Vögel finge, damit sie ihnen das Blut abziehen könnte; die Belohnung wolle sie dann getreulich mit ihm teilen. »Nur gemach«, erwiderte der Fuchs, »wir müssen vor allen Dingen die Nacht abwarten, und wenn dann erst die Vögel in ihren Nestern sind, so laß du mich nur machen, ich steige dann auf den Baum und fange mir dann einen nach dem andern.«

So brachten sie nun den ganzen Tag hin, indem sie sich bald von der Schönheit des Prinzen, bald von der Unüberlegtheit des Vaters der Jungfrau, bald von dem daraus entstandenen Unheil unterhielten, bis unter dem Geplauder der Tag hingeschwunden war und die Erde einen großen Bogen schwarzen Pappendeckels ausbreitete, um das Wachs von den Kerzen der Nacht aufzufangen. Sobald aber der Fuchs die Vögel auf den Zweigen eingeschlafen sah, stieg er leise hinauf und erwischte nach und nach alle Stieglitze, Auerhähne, Zaunkönige, Finken, Haselhühner, Amseln, Käuzlein, Spechte, Drosseln, Baumhacker, Häher und Fliegenschnapper, die auf dem Baume waren. Nachdem sie sie nun getötet, gossen sie das Blut in ein Fläschchen, das der Fuchs zur Erquickung unterwegs bei sich führte, wobei Grannonia vor Freude wie im Himmel war; der Fuchs jedoch sagte zu ihr: »Deine Fröhlichkeit, liebe Tochter, ist nur wie die eines Träumenden; denn das ist alles noch gar nichts, wenn du nicht auch mein Blut hast, um damit das der Vögel zu versetzen«; und nach diesen Worten fing er an, Reißaus zu nehmen. Grannonia, die auf diese Weise all ihre Hoffnungen zerstört sah, nahm ihre Zuflucht zu den gewöhnlichen Künsten der Frauen, der List und der Schmeichelei, und rief ihm nach: »Du tätest recht, Gevatter Fuchs, dir dein Fell in Sicherheit zu bringen, wenn ich dir nicht so verpflichtet wäre und es nicht noch andere Füchse in der Welt gäbe; da du jedoch weißt, wieviel ich dir verdanke, und auch weißt, daß es hier herum an deinesgleichen nicht fehlt, so kannst du dich immer auf meine Ehrlichkeit verlassen. Mache es also nicht wie die Kuh, die das Melkfaß umwirft, wenn sie es eben mit Milch gefüllt hat; das Wichtigste hast du ja schon getan, und nun hörst du mitten im Besten auf; fürchte nichts, sondern komm zurück und begleite mich nach der Stadt des Königs, dann bin ich dir auch immer mit Leib und Seele ergeben.« Der Fuchs also, der es nie geglaubt, daß es Überfüchse gäbe, ließ sich gleichwohl von einem Frauenzimmer beluchsen; denn nachdem er eingewilligt, wieder mit Grannonia weiterzugehen, hatte er kaum fünf Schritte mit ihr gemacht, als sie ihm mit dem Stock, den sie trug, einen solchen Schlag auf den Kopf versetzte, daß er sogleich alle viere von sich streckte, worauf sie ihn vollends tötete, ihm das Blut abzapfte und es in das Fläschchen goß. Dies getan, fing sie an, tüchtig zuzuschreiten, und kam in Langtal an, wo sie sich sogleich nach dem Palast begab und den König wissen ließ, daß sie gekommen wäre, den Prinzen zu heilen. Der König befahl daher, sie unverzüglich vor ihn zu führen, und wunderte sich, ein so junges Mädchen etwas versprechen zu hören, was die besten Ärzte der Welt vergebens versucht hatten; ein Versuch konnte jedoch in keinem Falle schaden, und so sagte er denn, es würde ihm sehr lieb sein, ihr Versprechen verwirklicht zu sehen, worauf Grannonia erwiderte: »Wenn es mir nun gelingt, Euren Wunsch zu erfüllen, so verlange ich, daß Ihr mir dann Euren Sohn zum Gemahl gebet.« Da der König diesen schon ganz aufgegeben hatte, so versetzte er ohne weiteres: »Wenn du mir ihn wieder frisch und gesund machst, so will ich ihn dir auch zum frischen und gesunden Manne geben; denn es will wahrlich nicht viel sagen, der einen Mann zu geben, die mir einen Sohn wiedergibt.« Sie begaben sich nun in das Zimmer des Prinzen, und kaum hatte sie ihn mit dem Blut bestrichen, so fühlte er sich so wohl und munter, wie wenn er nie krank gewesen wäre. Als Grannonia auf diese Weise den Prinzen in der Tat wieder vollkommen hergestellt sah, bat sie den König, ihr nun auch sein Wort zu halten, wonach dieser sich zu seinem Sohne wandte und sprach: »Schon habe ich dich fast für tot gehalten, mein lieber Sohn, und dennoch sehe ich dich jetzt wieder lebendig vor mir, so daß ich kaum meinen eigenen Augen zu trauen vermag. Da ich nun aber diesem Mädchen versprochen, dich ihr, wenn sie dich heilte, zum Gemahl zu geben, und der Himmel so gnädig gewesen ist, dich dem Leben wiederzugeben, so erfülle nun auch mein Versprechen um all der Liebe willen, die du für mich hegst; denn die Dankbarkeit fordert es dringend, daß wir diese Schuld bezahlen.« Nicht sobald jedoch vernahm der Prinz diese Worte, als er erwiderte: »Wohl wünschte ich, Herr Vater, daß die Freiheit meines Willens ebenso groß wäre als die Liebe, die ich für Euch empfinde, damit ich Eurem Verlangen nachkommen könnte. Da ich aber bereits einem andern Mädchen ein Eheversprechen gegeben habe, so werdet weder Ihr es gestatten, daß ich es breche, noch wird meine Heilerin selbst es haben wollen, daß ich der, die ich liebe, solche Unbill zufüge; wie denn auch ich selbst dies nun und nimmer tun würde.« Als Grannonia diese Rede hörte, empfand sie ein unbeschreibliches Vergnügen darüber, ihr Andenken bei dem Prinzen noch so lebendig zu sehen, und indem ihr Angesicht sich mit Purpur übergoß, sprach sie zu ihm: »Gesetzt aber, ich vermöchte das von Euch geliebte Mädchen, mir ihr Anrecht auf Eure Hand abzutreten, würdet Ihr Euch dann meinem Wunsche fügen?« – »Nimmer«, erwiderte der Prinz, »nimmer werde ich aus meiner Brust das holdselige Bild meiner Geliebten verbannen! Mag sie mich nun in eine Liebeskonserve verwandeln und konservieren oder in Kassialatwerge und kassieren, so wird mein Herz und Sinn doch immer unverändert bleiben, und wenn ich auch in Gefahr wäre, meinen Platz am Tisch des Lebens zu verlieren, werde ich doch nie auf diesen Tauschhandel eingehen.« Hier konnte Grannonia sich nicht länger in den Fesseln der Verstellung halten und entdeckte sich dem Prinzen als seine Geliebte; denn das wegen seiner Krankheit ganz verhängte Zimmer und ihre Verkleidung hatten sie ganz unkenntlich gemacht, so daß der Prinz, als er sie endlich wiedererkannte, sie mit unbeschreiblicher Freude umarmte, indem er zugleich dem Vater mitteilte, wer sie wäre und was er für sie erduldet und getan. Hierauf ließen sie auch den König und die Königin von Langtal holen, und sobald diese erschienen, wurde ein sehr großes und fröhliches Hochzeitsfest veranstaltet, wobei sich alle besonders über den Tölpel von Fuchs lustig machten und sich wiederum die Wahrheit des Wortes bewies:

Für der Liebe Freuden
sind beste Würze Leiden.

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