Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giambattista Basile >

Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
Schließen

Navigation:

4. Gagliuso

Unbeschreiblich groß war die Freude, welche alle über das Glück Violas empfanden, zumal da sie durch ihre Klugheit sich selbst ihr günstiges Schicksal geschaffen hatte, trotz alles Widerstrebens ihrer Schwestern, die als Feindinnen ihres eigenen Blutes ihr so viele, böse Streiche spielten, um ihr womöglich den Hals zu brechen. Da es aber Zeit war, daß auch Tolla die Steuer, die sie zu entrichten hatte, abtragen sollte, so schüttete sie aus der Börse ihres Mundes die Goldstücke ihrer schönen Worte und bezahlte ihre Schuld durch folgendes Märchen:

Die Undankbarkeit, gnädiger Herr, ist ein rostiger Nagel, welcher, in den Baum der Dienstfertigkeit geschlagen, ihn verdorren macht, ein zerbrochenes Kloakenrohr, durch das die Grundlagen der Zuneigung in Fäulnis geraten, und ein Ruß, der in das Gesicht der Freundschaft fallen, ihm Geruch und Geschmack benimmt, wie sich dies täglich und so auch in der folgenden Erzählung deutlich erweist.

Es war einmal in meiner geliebten Vaterstadt Neapel ein sehr, gar sehr armer Mann, welcher so luftig, leer und leicht, so dürftig und bloß, und so ohne den geringsten Lappen und Lumpen auf dem Leibe war, daß er nackt ging wie eine Laus. Als er nun so weit war, daß er den Sack des Lebens ausschütteln sollte, rief er Oratiello und Pippo, seine Söhne, herbei und sprach zu ihnen: »Bereits bin ich auf Grund der Schuldverschreibung, die die Natur von mir in Händen hat, vorgefordert worden, und ihr könnt mir, so wahr wir Christen sind, glauben, daß ich diese Kummerhöhle, diesen Leidenskerker mit vieler Freude verlassen würde, wenn ich euch nicht in gar so übler Lage, so von allem entblößt wie die Kartäuser, so arm wie die Kirchenmäuse und ohne den allergeringsten Pfennig, blank wie die Barbierbecken, leicht wie die Federn und trocken wie die Pflaumenkerne zurückließe, so daß ihr nicht soviel habet, als der Hund auf dem Schwanz forttragen kann, und wenn ihr hundert Meilen lauft, euch auch kein Heller aus der Tasche fällt; denn mein Schicksal hat mich dermaßen auf den Mist gebracht, daß es mir am nötigsten fehlt und ich nicht mehr besitze als zur Stunde, da ich aus dem Mutterleibe kam, daß ich, wie ihr wisset, immerfort vor Hunger gähne und stets ohne Licht schlafen gegangen bin. Trotz allem dem will ich euch bei meinem Tode ein Zeichen meiner Liebe zurücklassen, und daher nimm du dir, Oratiello, der du mein erstgeborner Sohn bist, das Sieb, das dort an der Mauer hängt, und du, der du das Nestvögelchen bist, nimm dir die Katze, und gedenket beide eures Vaters!« Indem er so sprach, fing er an zu weinen und sagte bald darauf: »Lebet wohl, ich gehe schlafen!«

Sobald nun Oratiello die Beerdigungskosten für den Vater zusammengebettelt und ihn hatte begraben lassen, nahm er das Sieb und suchte hier und da Arbeit, um sich seinen Unterhalt zu erwerben, so daß er desto mehr verdiente, je mehr er durchs Sieb durchbrachte; Pippo aber nahm die Katze und sprach: »Da seh einer einmal, was für eine herrliche Erbschaft mein Vater mir hinterlassen hat; ich, der ich selbst nichts zu leben habe, muß nun gar für zwei sorgen! Hat man je ein so unseliges Vermächtnis gesehen? Wenn doch lieber die ganze Erbschaft beim Kuckuck geblieben wäre!« Als nun die Katze dieses Gejammer vernahm, sprach sie zu ihm: »Du beklagst dich über die erlittene Unbill und hast doch mehr Glück als Verstand; denn du weißt nicht, daß ich dich reich machen kann, wann ich nur immer will.«

Sobald Pippo diese Worte hörte, dankte er Seiner Katzlichkeit und empfahl sich ihrem Wohlwollen auf das dringendste, wobei er ihr drei- oder viermal über den Rücken strich, so daß die Katze voll Mitleid über den armen Gagliuso alle Morgen um die Stunde, wann die Sonne mit dem Köder des Lichts an dem goldenen Angelhaken die Schatten der Nacht zu fischen pflegt, sich an das Ufer begab und wenn sie eine große Muräne oder einen hübschen Goldfisch bemerkte, ihn fing und zu dem Könige brachte, indem sie zu ihm sagte: »Herr Gagliuso, Euer Majestät ganz untertänigster Diener, schickt Euch diesen Fisch in aller Ehrfurcht, obwohl er meint, daß es für einen so großen Herrn nur ein kleines Geschenk ist!« Der König antwortete hierauf der Katze mit einem freundlichen Gesicht, wie man es dem zu machen pflegt, der etwas bringt: »Sage dem unbekannten Herrn, daß ich mich schönstens bedanke.« Ein anderes Mal wieder lief die Katze nach den Mooren und Gebüschen, und wenn die Jäger einen Auerhahn, eine Schnepfe oder ein Huhn niederschossen, husch, war sie damit fort und überbrachte sie dem König mit denselben Worten; kurz, sie setzte dies so lange fort, bis der König einmal zu ihr sagte: »Ich fühle mich dem Herrn Gagliuso so verpflichtet, daß ich ihn kennenzulernen und mich ihm für die mir erwiesene Zuvorkommenheit dankbar zu erweisen wünsche«; worauf die Katze erwiderte: »Der Wunsch des Herrn Gagliuso geht nur darauf, sein Gut und Blut für Euer Majestät daran zu setzen, und morgen früh, sobald die Sonne die Stoppelfelder des Himmels in Brand gesteckt hat, wird er herkommen, Euch seine Ehrfurcht zu bezeigen.« Als aber der Morgen erschienen war, begab sich die Katze zum König und sprach: »Herr Gagliuso läßt sich bei Euer Majestät entschuldigen, daß er nicht erscheinen kann; denn es sind ihm heute nacht einige Kammerdiener davongelaufen, die ihm auch nicht ein einziges Hemd übriggelassen haben.« Kaum hatte der König dies vernommen, so befahl er seinem Garderobenmeister, Herrn Gagliuso eine Anzahl Kleidungsstücke und Wäsche zu überbringen, so daß keine zwei Stunden vergangen waren, als dieser auch schon in Begleitung der Katze nach dem Palast kam und sich von dem König mit Höflichkeiten überhäuft sah, indem letzterer ihn sogar in seiner Gegenwart niedersitzen hieß und ein prächtiges Gastmahl veranstaltete.

Während nun Gagliuso hierbei tüchtig zugriff, wandte er sich einmal übers andere zu der Katze und sprach zu ihr: »Liebes Miezchen, sieh mir nur ja zu, daß die paar Lumpen mir nicht wieder aus den Händen schlüpfen!«, worauf die Katze versetzte: »Sei nur ruhig und stopfe dir den Mund, und mache nicht soviel Gerede von dergleichen Bettel!« Und als der König wissen wollte, ob Gagliuso vielleicht etwas verlangte, antwortete die Katze, daß er eine kleine Limone wünsche, daher der König alsbald in dem Garten ein Körbchen voll abpflücken ließ. Gagliuso fing indes bald wieder das Lied von den alten Kleidern und Hemden an, die Katze sagte ihm von neuem, er solle sich den Mund zuspunden, und auch der König fragte ebenso, ob er etwas wünsche, so daß die Katze wie vorher mit einem schnellen Vorwande dem niedrigen Sinn Gagliusos zu Hilfe kommen mußte. Nachdem man endlich zu speisen aufgehört und eine Zeitlang von dem und jenem geplaudert hatte, beurlaubte sich Gagliuso, während jedoch die Katze noch bei dem König zurückblieb und ihm Tugend, Geist und Scharfsinn ihres Herrn, besonders aber seinen großen Reichtum und Grundbesitz pries, welcher sich, wie sie sagte, in der Umgegend von Rom und in der Lombardei weit und breit ausdehnte, so daß sie ihn wohl für würdig hielte, sich mit einem gekrönten Haupte zu verschwägern. Als nun hierauf der König fragte, wie reich er wohl sein könnte, erwiderte die Katze, daß man die beweglichen und unbeweglichen Güter und Geräte dieses Krösus, der selbst nicht wüßte, wieviel er habe, gar nicht zählen könnte; wenn der König sich von der Wahrheit dessen, was sie sagte, zu überzeugen wünsche, so möchte er Leute mit ihr über die Grenze schicken, welche sich durch den Augenschein überzeugen sollten, daß kein Reichtum auf der Welt dem seinen gleichkäme. Der König ließ daher einige seiner vertrautesten Diener kommen und befahl ihnen, sich auf das sorgfältigste von der in Rede stehenden Sache zu unterrichten, worauf diese denn auch der Katze von Ort zu Ort nachfolgten, da sie nämlich unter dem Vorwand, die notwendigen Erfrischungen für sie an den jedesmaligen Ruheplätzen bereithalten zu lassen, immer voraneilte; sooft sie aber eine Herde Schafe, Kühe, Pferde oder Schweine unterwegs antraf, rief sie den Hütern und Hirten derselben zu: »Heda, aufgepaßt, denn eine Räuberbande plündert alles, was sich auf diesen Feldern hier befindet; wenn ihr jedoch den Händen derselben entkommen und euer Eigentum unangetastet sehen wollet, so saget nur, daß es dem Herrn Gagliuso gehört, dann wird euch kein Haar gekrümmt werden.« Dasselbe sagte die Katze auch in den Gehöften, bei denen sie vorüberkam, so daß die Leute des Königs, wo sie auch immer anlangten, überall dieselbe Leier hörten, denn von allen Dingen, denen sie auf ihrem Wege begegneten, wurde ihnen gesagt, daß sie dem Herrn Gagliuso gehörten; daher sie endlich vom Fragen ermüdet zum König zurückkehrten und demselben Wunderdinge über den Reichtum des Herrn Gagliuso berichteten. Infolgedessen versprach der König der Katze einen hübschen Kuppelpelz, wenn sie eine Heirat zwischen seiner Tochter und Gagliuso zustande brächte; welchen Auftrag diese, wie ein Weberschiffchen hin und her laufend, denn auch wirklich ausführte, indem Gagliuso wieder erschien und hierauf sowohl die Tochter des Königs als auch eine sehr große Mitgift in Empfang nahm.

Nach einem mit zahlreichen Festen verbrachten Monate äußerte endlich Gagliuso, er wolle doch nun auch seine junge Frau nach ihrem neuen Wohnsitz bringen, und begab sich demgemäß, vom Könige bis an die Grenze begleitet, nach der Lombardei, woselbst er auf den Rat der Katze eine Anzahl Güter und Ländereien ankaufte und sich zum Baron machen ließ. Da sich nun Gagliuso auf diese Weise steinreich und geehrt sah, dankte er der Katze auf das allerherzlichste, indem er zu ihr sagte, er wisse wohl, daß er ihrer Liebe sein Leben und seinen Reichtum schulde und daß die Klugheit einer Katze ihm mehr Gutes erwiesen als der Verstand seines Vaters; sie könne daher ganz nach ihrem Wunsch und Belieben über seine Habe und sein Leben schalten und walten, und er verspreche ihr auf das heiligste, daß, wenn sie einst nach langen Jahren sterben sollte, er ihren Körper einbalsamieren lassen und in einem goldenen Sarge in seinem eigenen Zimmer aufbewahren würde, um die Erinnerung an sie immer vor Augen zu haben. Die Katze hörte ruhig diese Großsprecherei mit an und ließ erst einige Zeit vorübergehen, dann aber streckte sie sich eines Tages der Länge nach in dem Garten auf die Erde und stellte sich tot, so daß die Frau Gagliusos, sobald sie dies bemerkte, ausrief: »Ach, liebster Mann, welch ein Unglück! Die Katze ist tot!« – »Wolle Gott, das wäre das größte Unglück, das uns je widerführe«, versetzte Gagliuso, »besser sie stirbt als wir!« – »Was fangen wir aber mit ihr an?« fragte die Frau. – »Pack sie beim Beine und wirf sie zum Fenster hinaus«, erwiderte Gagliuso. Kaum hörte jedoch die Katze von dieser herrlichen Belohnung, die sie sich am allerwenigsten vorgestellt hätte, so sprang sie alsbald auf und rief aus: »Ist dies der Dank dafür, daß ich dich den Läusen entrissen habe? Ist dies die Vergeltung dafür, daß du durch meine Hilfe die Lumpen fortgeworfen hast und jetzt einen ganzen Rock trägst? Ist das der Lohn dafür, daß ich dich mit prächtigen Kleidern überhäuft und alle deine Wünsche befriedigt habe, der du vorher ein verhungerter Bettler, welchem das Hemd zu den Hosen heraushing, ja, ein zerrissener, zerlappter, zerlumpter, zerfetzter Haufen von Hadern warst? Aber so geht es gewöhnlich denen, die ihre Perlen den Säuen vorwerfen! Verwünscht sei alles, was ich an dir getan; denn du verdienst nicht einmal, daß man dir ins Gesicht spuckt! Ist das der goldene Sarg, in den du mich legen, dies das herrliche Begräbnis, das du mir veranstalten wolltest? Da diene, arbeite, mühe und schwitze sich einer immer ab, um zuletzt diesen schönen Lohn zu erhalten! Wie beklagenswert ist doch der, welcher seinen Topf an der Hoffnung, die er auf andere setzt, erwärmen will, und wie wahr hat doch der Philosoph gesprochen, welcher sagte, daß, wer wie ein Esel verfährt, auch wie ein solcher behandelt wird, und daß mit einem Wort, je mehr man tut, man desto weniger Lohn erwarten möge!« Indem die Katze dies ausrief und dabei ein ganz trauriges Gesicht machte, eilte sie hinaus, und so sehr auch Gagliuso sich bemühte; sie mit der Zunge der Demut zu lecken, gelang es ihm dennoch nicht, sie zur Rückkehr zu bewegen, vielmehr lief sie immer geradeaus, ohne auch nur einmal den Kopf umzudrehen, wobei sie zu wiederholten Malen ausrief:

Gott hüt' uns vor den Hohen, die gefallen,
so wie vor den gestiegenen Bettlern allen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.