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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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3. Viola

Allen, welche die Erzählung angehört hatten, drang sie tief ins Herz, und sie priesen laut den Prinzen, daß er die Schwestern Nellas gezüchtigt und die innige Liebe der letzteren, welche mit so vieler Mühe seine Krankheit heilte, bis zum Gipfel des Glückes erhoben hatte. Sobald aber Thaddäus das Zeichen gab, daß sie sich ruhig verhalten und Meneca die ihr obliegende Verpflichtung erfüllen sollte, bezahlte sie diese Schuld auf folgende Weise:

Der Neid ist ein Wind, welcher so stark bläst, daß er die Stützen des Ruhmes tugendhafter Menschen untergräbt und das Saatfeld ihres Wohlergehens zu Boden wirft. Sehr oft jedoch, wann dieser Wind jemand gänzlich zu stürzen vermeint, verhilft er ihm vielmehr früher zu dem erwarteten Glücke, wie ihr in dem Märchen, das ich euch jetzt erzählen will, vernehmen werdet:

Es war einmal ein sehr wackerer Mann, namens Col'Aniello, welcher drei Töchter hatte, Rose, Nelkenblume, und Viola, von denen die letztere so schön war, daß sie einem lösenden Liebessirup glich, der die Herzen von allen Leiden befreite, daher es auch geschah, daß Ciullone, der Sohn des Königs, sich sterblich in sie verliebte und jedesmal, wenn er vor der Hütte, in der die drei Schwestern arbeiteten, vorüberging, die Mütze abzunehmen und: »Guten Tag, guten Tag, Viola!« zu sagen pflegte, worauf diese dann gewöhnlich antwortete: »Ei, guten Tag, Königssohn, klüger als du bin ich schon.« Über diese Worte murrten und brummten nun immer die beiden anderen Schwestern, indem sie sagten: »Du bist gar sehr unmanierlich und wirst den Prinzen höchlich erzürnen«; Viola jedoch kehrte sich wenig daran, obwohl die Schwestern sie beim Vater anschwärzten und sagten, daß sie sich zu unverschämt und hochmütig benehme und dem Prinzen ohne Ehrfurcht antworte, als wenn sie ebensoviel wäre wie er, daß sie daher einmal übel ankommen und dafür büßen würde, wie sie es verdiente. Col'Aniello war nun aber ein verständiger Mann und schickte daher Viola, um jede Veranlassung zu dergleichen Dingen aus dem Wege zu räumen, in das Haus einer Tante, namens Backebrot, um ihr bei der Arbeit zu helfen. Als der Prinz auf diese Weise beim Vorübergehen vor dem Hause dort nicht mehr die Zielscheibe seiner Wünsche wahrnahm, so glich er einige Tage lang einer Nachtigall, welche die Jungen nicht mehr im Neste findet und, nun ihren Verlust beklagend, von Zweig zu Zweig hüpft, und so lange spürte er umher, bis er das Haus, in dem Viola jetzt wohnte, ausfindig machte, worauf er alsbald zu ihrer Tante ging und zu ihr sagte: »Du weißt, liebe Frau, wer ich bin und was ich kann und vermag, daher kein Wort weiter hierüber. Nun aber tue mir einen Gefallen, und dann verfüge über mich ganz nach deinem Belieben.« – »In allem, was ich zu tun imstande bin, seht Ihr mich zu Eurem Befehle bereit«, antwortete die Alte. – »Ich verlange nichts weiter von dir«, versetzte der Prinz, »als daß du mir Mittel an die Hand gibst, wie ich Viola einen Kuß geben könnte, inzwischen nimm dieses Gold«, worauf die Alte erwiderte: »Um Eurem Wunsche nachzukommen, kann ich nichts anderes tun, als daß ich Euch, wenn Ihr schwimmen wolltet, die Kleider halte; jedoch möchte ich nicht gerne bei ihr in den Verdacht geraten, als machte ich den Henkel zu diesem Kruge und hätte meine Hand in diesem häßlichen Spiele, so daß ich auf meine alten Tage noch den Ehrentitel ›Schmiedegesell‹ bekäme, weil ich wie ein solcher den Blasebalg handhabe; was ich Euch jedoch zu Gefallen tun kann, besteht darin, daß Ihr Euch in dem Stübchen zur ebenen Erde verstecket, und dann will ich Euch Viola unter irgendeinem Vorwand hinunterschicken; da Ihr nun so das Tuch und die Schere in der Hand haben werdet, so ist es lediglich Eure Schuld, wenn Ihr Euch nicht nach Eurem Wunsche bedienet.«

Der Prinz vernahm diese Rede mit großer Freude und verkroch sich, ohne Zeit zu verlieren, in dem Kämmerchen, worauf die Alte unter dem Vorwande, daß sie ein Stück Linnen zerschneiden wollte, zur Nichte sagte: »Sei doch so gut, liebe Viola, und bringe mir aus der Stube unten die Elle.« Viola ging sogleich in das Stübchen, um das Gewünschte zu holen, nahm jedoch beim Hineintreten die Falle wahr, so daß sie rasch die Elle ergriff und dann gewandt wie eine Katze wieder hinaussprang, indem sie den Prinzen mit einer vor Scham doppelt so langen Nase und außer sich vor Ärger zurückließ. Als die Alte sie so schnell wiederkommen sah, vermutete sie, daß dem Prinzen sein Anschlag nicht geglückt wäre, und sprach daher nach einiger Zeit wieder zu Viola: »Geh doch noch einmal hinunter, liebes Kind, und hole mir den Knäuel Zwirn vom Schrank«, worauf Viola hurtig in die Stube sprang, den Zwirn ergriff und wie ein Aal den Händen des Prinzen entschlüpfte. Es dauerte aber nicht lange, so sagte die Alte wiederum: »Wenn du mir nicht die Schere von unten heraufholst, liebe Viola, so nützt mir alles andere nichts«, und wiederum auch hatte Viola einen Angriff auszuhalten, entkam aber, indem sie sich mit aller Gewalt losriß, glücklich aus der Falle, und ohne Verzug zur Alten hinaufsteigend, schnitt sie ihr mit der geholten Schere ein Ohr ab, wobei sie ausrief: »Hier hast du den Sold für deine Dienstfertigkeit, jede Mühe verdient ihren Lohn; wie du mir, so ich dir, und wenn ich dir nicht auch die Nase abschneide, so geschieht dies nur, damit du den üblen Geruch deines Rufes riechen kannst, du Gelegenheitsmacherin, Kupplerin, Verführerin, Pelzjägerin, Mädchenverlockerin.« So sagend, eilte sie über Hals und Kopf nach Hause, während die Tante minus ein Ohr und der Prinz so voll Scham und Verdruß zurückblieb, daß ihn die Fliege an der Wand ärgerte. Indem er jedoch von neuem bei dem Hause ihres Vaters vorüberzugehen und sie an dem nämlichen Orte wie früher zu sehen pflegte, so stimmte er auch wieder das alte Lied an: »Guten Tag, guten Tag, Viola!«, worauf sie wie ein tüchtiger Diakonus gleichfalls ihr: »Guten Tag, Königssohn, klüger als du bin ich schon!« erwiderte.

Ihre Schwestern glaubten nun aber, diese Unverschämtheit nicht länger ertragen zu können, und kamen daher untereinander überein, sie aus dem Wege zu räumen, und da eins der Fenster ihres Hauses auf den Garten eines wilden Mannes hinausging, so beschlossen sie, den Dorn in ihren Augen auf diesem Wege fortzuschaffen. Sie ließen daher ein Gebund Zwirn, mit welchem sie an einem Vorhang für die Königin arbeiteten, absichtlich in den Garten hinunterfallen und riefen dann aus: »Herrgott im Himmel, wir sind ruiniert, denn wir können unsere Arbeit nicht zur gehörigen Zeit fertigmachen, wenn Viola, welche die jüngste und leichteste von uns ist, nicht hinuntersteigt, um den Zwirn heraufzuholen.« Als Viola ihre Schwestern dermaßen betrübt sah, war sie auf der Stelle bereit, und so ließen sie sie denn auch wirklich an einem Strick hinunter, ließen dann aber diesen fallen. Gerade um diese Zeit nun war der wilde Mann in den Garten getreten, um sich darin umzusehen, und da er sich durch den feuchten Boden stark erkältet hatte, so ließ er einen so gewaltigen Furz streichen und mit so vielem Geräusch und Getöse, daß Viola vor Furcht laut aufschrie und ausrief: »Mutter, Mutter, Hilfe!« Der wilde Mann drehte sich sogleich um, und da er hinter sich ein hübsches Mädchen erblickte und sich erinnerte, einmal von einem Studenten gehört zu haben, daß die Stuten in Spanien durch den bloßen Wind trächtig werden, so dachte er, daß auch der Wind seines Leibes irgendeinen Baum geschwängert und dieser das reizende Geschöpf geboren hätte; weswegen er sie mit großer Herzlichkeit umarmte und zu ihr sprach: »Geliebte Tochter, Teil meines Körpers, Atem meines Hauches, wer hätte es mir jemals gesagt, daß ich durch eine abgegangene Blähung ein so holdseliges Angesicht ins Leben rufen, wer hätte es mir jemals gesagt, daß die Wirkung einer Erkältung dieses Liebesfeuer erzeugen könnte?« Und indem er diese und noch andere zärtliche, herzinnige Worte äußerte, übergab er Viola dreien Feen, damit sie dieselbe unter ihre Obhut nehmen und auf das sorgfältigste pflegen sollten. Der Prinz aber, welcher Viola nicht mehr sah und über sie auch nicht das allergeringste erfuhr, wurde deshalb von so großer Traurigkeit ergriffen, daß seine Augen anschwollen wie ein Bruchsack, das Gesicht vergelbte, die Lippen erblaßten und er nie einen Bissen, der ihm Kraft, oder Schlaf, der ihm Ruhe verliehen hätte, genoß. Da er sich indes alle erdenkliche Mühe gab und große Belohnungen verhieß, um von Viola nur irgendeine Nachricht zu erhalten, so gelang es ihm endlich durch seine Späher, zu erfahren, wo sie sich aufhielt; daher er den wilden Mann zu sich kommen ließ und ihn um die Erlaubnis bat, sich nur einen einzigen Tag und eine Nacht in seinem Garten zu seiner Erholung aufhalten zu dürfen, indem er, wie jener wohl sehen könnte, sich sehr krank befände und ihm ein bloßes Stübchen genüge. Der wilde Mann konnte als Untertan des Vaters dem Prinzen diese kleine Gefälligkeit nicht versagen, vielmehr bot er ihm, wenn ein Zimmer nicht genüge, deren alle und selbst sein Leben zu seinem Dienste an, worauf der Prinz ihm herzlich dankte und sich ein Gemach anweisen ließ, welches sich glücklicherweise ganz nahe bei dem des wilden Mannes befand, der mit Viola zusammen in einem Bette schlief. Sobald nun die Nacht erschien und ihren gestirnten Vorhang ausbreitete, trat der Prinz durch die Türe, welche der wilde Mann wegen der heißen Sommernacht und der Sicherheit des Ortes aufgemacht hatte, um frische Luft hereinzulassen, ganz leise in die Stube, und indem er die Seite, auf welcher Viola schlief, ertastete, zwickte er sie zweimal, wodurch sie erwachte und ausrief: »Ach, lieber Vater, wie beißen mich die Flöhe!« Der wilde Mann hieß nun zwar Viola sogleich in ein anderes Bett gehen; da aber der Prinz sie wiederum zwickte, Viola wiederum schrie und der wilde Mann sie wiederum bald Matratzen, bald Bettücher wechseln ließ, so verstrich auf diese Weise die ganze Nacht, bis Aurora die Nachricht hinterbrachte, daß die Sonne noch lebendig wäre und die Trauerhülle von dem Himmel weggezogen würde. Kaum war es Tag geworden, so ging auch schon der Prinz bei dem Hause vorüber, und indem er Viola vor der Türe stehen sah, sagte er zu ihr: »Guten Tag, guten Tag, Viola«, worauf diese wie gewöhnlich antwortete: »Guten Tag, Königssohn, klüger als du bin ich schon!«, der Prinz aber hinzusetzte: »Ach, lieber Vater, wie beißen mich die Flöhe!« Viola, die diesen Stich fühlte, vermutete sogleich, daß die Unruhe der vergangenen Nacht durch den Schelm von Prinzen verursacht worden war, daher suchte sie gleich die Feen auf und erzählte ihnen die ganze Sache: »Wenn das Ding so steht«, erwiderten diese, »so wollen wir ihm Trumpf gegen Trumpf setzen und Schach gegen Schach bieten; hat dich dieser Hund gebissen, so soll er wenigstens Haare dabei lassen, und kommt er uns so, so kommen wir ihm so und nochmals so! Lasse dir also nur vom Vater ein Paar mit Schellen besetzte Pantoffel machen und für das übrige uns sorgen, denn wir wollen ihn mit gleicher Münze bezahlen.« Viola, welche vor Verlangen brannte, sich zu rächen, ließ sich ohne Verzug die Pantoffeln von dem wilden Manne machen, und indem sie warteten, bis der Himmel sich gleich einer Genueserin einen schwarzen Schleier vor das Gesicht zog, gingen sie alle vier auf einmal nach dem Palast des Prinzen, wo sie sich sämtlich ungesehen bis in sein Zimmer schlichen und die Feen, sobald er anfing, die Augen zu schließen, ein lautes Getöse machten, Viola aber so heftig mit den Füßen auf die Erde stampfte, daß der Prinz sowohl hierdurch als durch das Klingeln der Schellen erweckt, gewaltig erschrocken emporfuhr und rief: »Ach, liebe Mutter, liebe Mutter, hilf mir doch!« Und dies wiederholten sie zwei- oder dreimal, worauf sie sich wieder nach Hause schlichen. Am folgenden Morgen nahm der Prinz zuvörderst etwas Zitronensaft und Wurmkraut zu sich und ging dann in den Garten spazieren, indem er auch nicht einen Augenblick fern von dieser Viola sein konnte, deren Duft ihm so lieblich dünkte, und da er sie in der Türe stehen sah, sprach er zu ihr: »Guten Tag, guten Tag, Viola«, worauf diese erwiderte: »Guten Tag, Königssohn, klüger als du bin ich schon!« Sobald nun aber der Prinz hinzufügte, »O lieber Vater, wie beißen mich die Flöhe!«, versetzte Viola rasch: »Ach, liebe Mutter, liebe Mutter, hilf mir doch!« Kaum hatte der Prinz diese Rede vernommen, so rief er aus: »Du hast es mir zuvorgetan und hast mich herumbekommen, ich weiche dir und bekenne mich für überwunden; und da ich nun wirklich überzeugt bin, daß du klüger bist als ich, so will ich dich auch ohne weiteres heiraten.« Er ließ daher sogleich den wilden Mann herbeirufen und forderte sie von ihm zur Frau, vernahm aber von diesem, daß er sich nicht in Dinge mischen könnte, die ihn nichts angingen, indem er an demselben Morgen erfahren hätte, Viola sei die Tochter Col'Aniellos, er aber wäre in einem großen Irrtum befangen gewesen, als er diese wohlriechende Blume für den Sprößling eines stinkenden Zephirs hielt. Der Prinz ließ daher den Vater Violas herbeirufen, teilte ihm das Glück mit, welches seiner Tochter wartete, und veranstaltete dann unter großer Lust und Freude das Hochzeitsfest, durch welches sich wiederum die Wahrheit des Sprichwortes bewies:

Ein schmuckes Mädchen schön und fein
wird bald ein stattlich Weibchen sein.

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