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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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2. Verdeprato

Mit so unbeschreiblichem Vergnügen wurde das Märchen Zezas vernommen, daß, wenn es auch noch eine Stunde gedauert hätte, diese den Zuhörern wie ein Augenblick erschienen wäre. Als nun hierauf die Reihe an Cecca kam, so begann sie also zu reden:

Es lohnt wahrlich die Mühe, die Wahrheit des Sprichwortes zu erwägen, daß von demselben Holze sowohl Götterstatuen als Galgenbalken, sowohl Königsthrone als Nachtstuhldeckel gemacht werden, so wie auf nicht minder seltsame Weise von einem und demselben Lumpen sowohl das Papier, das mit Liebesbriefen beschrieben und von schönen Frauen geküßt wird, als auch Arschwische herkommen; ein Umstand, der den gescheitesten Astrologen um seinen Verstand bringen könnte. Dasselbe kann man auch von den Müttern sagen, von denen gute wie schlechte, sowohl liederliche als wirtschaftliche, sowohl schöne als häßliche, sowohl neidische als liebevolle, sowohl wie Diana keusche als wie Huren unzüchtige, sowohl unglückliche als vom Glück begünstigte Töchter geboren werden, welche alle, von demselben Stamm entsprossen, doch von einem Charakter sein sollten. Indem ich jedoch die Erwägung dieser Dinge gelehrten Leuten überlasse, will ich euch nur in bezug auf das, was ich hier angedeutet, das Beispiel dreier Töchter einer und derselben Mutter anführen, an denen ihr die erwähnte Verschiedenheit der Sitten erkennen werdet, welche die bösen Töchter in einen feurigen Ofen, die gute aber auf den Gipfel des Glücksrades brachte.

Es war einmal eine Mutter mit drei Töchtern, von denen zwei das Unglück so sehr verfolgte, daß ihnen nie etwas gelang, daß alles, was sie sich vornahmen, ihnen mißglückte und alle ihre Hoffnungen ihnen stets zu Wasser wurden; die jüngste aber, namens Nella, hatte aus dem Mutterleibe das Glück mit auf die Welt gebracht, und man konnte glauben, daß bei ihrer Geburt sich alles verband, um ihr das Allerbeste und Auserlesenste zuteil werden zu lassen; denn der Himmel verlieh ihren Augen sein reinstes Licht, Venus begabte sie mit der tadellosesten Schönheit, Amor mit dem höchsten Grade seiner Gewalt, die Natur mit den zierlichsten Sitten, sie verrichtete nie etwas, das ihr nicht nach Wunsch vonstatten gegangen, sie unternahm nichts, das ihr nicht auf das beste gelungen wäre, und sie besuchte nie einen Tanz, den sie nicht mit aller Ehre verlassen hätte, weswegen sie zwar von den Neidhammeln von Schwestern gehaßt, aber noch viel mehr von allen andern geliebt und geachtet, und zwar von ihren Schwestern unter die Erde gewünscht, aber noch viel mehr von allen andern auf Händen getragen wurde. So geschah es nun, daß ein zauberkundiger Prinz, welcher in jenem Lande wohnte und in dem Meer ihrer Schönheit auf den Fang ausging, so lange den Angelhaken der Liebesbewerbung nach diesem schönen Goldfischlein auswarf, bis er es endlich an den Kiefern der Zuneigung erfaßte und es in seine Gewalt bekam. Damit sie jedoch ohne Wissen der Mutter, welche ein sehr schlimmer Bissen war, miteinander ihre Liebe genießen könnten, so machte der Prinz einen unterirdischen Gang aus Kristall, welcher, obwohl sie vier Meilen voneinander entfernt waren, dennoch von seinem Palast bis unter das Bett Nellas ging, gab ihr dann ein gewisses Pulver und sprach zu ihr: »Jedesmal, wenn du mich wie einen Sperling mit deiner holdseligen Schönheit atzen willst, wirf etwas von diesem Pulver ins Feuer, alsdann werde ich so schnell wie zu einem Lockvogel durch den Gang zu dir kommen und auf kristallenem Pfade zu dem Genuß deines silbergleichen Antlitzes eilen.« Dieser Verabredung gemäß verging keine Nacht, wo der Prinz nicht vermittels jenes Ganges das Raus-und-Rein- und Geh-und-Komm-Spiel mit Nella gespielt hätte, so daß die Schwestern, welche sie auf das schärfste belauerten und ihre nächtlichen Freuden erspäht hatten, ihr diesen guten Bissen zu rauben beschlossen und, um ihre Liebesgewebe zu zerreißen, den Kristallgang gänzlich zerstörten. Als daher das arme Ding wieder das Pulver ins Feuer warf, um ihrem Geliebten ein Zeichen zu geben, damit er komme, richtete sich dieser, der immer in blinder Hast und ganz nackt herbeizueilen pflegte, an den zerbrochenen Kristallstücken so übel zu, daß es wahres Mitleid erweckte, ihn anzusehen. Indem er nun auf diese Weise nicht weiter vorwärts konnte, kehrte er, zerschlitzt wie die Pumphosen eines Deutschen, nach Hause zurück und ließ, nachdem er sich zu Bett gelegt, alle Doktoren der Stadt herbeirufen; das bezauberte Kristall hatte ihm jedoch so tödliche Wunden beigebracht, daß kein menschliches Mittel Hilfe zu leisten vermochte und der König, durch die verzweifelte Lage seines Sohnes erschreckt, öffentlich bekanntmachen ließ, daß, wer den Prinzen von seinem Übel befreie, wenn es eine Frau wäre, denselben zum Gemahl, wäre es aber ein Mann, die Hälfte seines Reiches erhalten solle.

Sobald Nella, welche sich wegen der Lage des Prinzen in Verzweiflung befand, dies vernahm, färbte sie sich das Gesicht, verkleidete sich und verließ ohne Wissen der Schwestern das Haus, um den Prinzen noch einmal vor seinem Tode zu sehen. Da aber die von dem Sonnengott vergoldete Kugel, mit welcher dieser auf den Fluren des Himmels zu spielen pflegt, ihren Lauf bereits nach dem Westen zu nahm, so wurde Nella in einem Walde ganz nahe bei dem Hause eines wilden Mannes von der Nacht überfallen, daher sie, um etwaige Gefahren zu vermeiden, auf einen Baum stieg, während eben der wilde Mann mit seiner Frau bei offenen Fenstern zu Tisch war, um so die frische Luft zu genießen. Nachdem sie nun die Krüge geleert und die Lampe ausgelöscht hatten, fingen sie an, von dem und jenem zu reden, so daß Nella, die fast nicht weiter entfernt war, als die Nase vom Munde ist, alles ganz genau hören konnte und unter anderem auch, wie die wilde Frau zu ihrem Manne sagte: »Was gibt es Neues, lieber Zottelbär? Was hört man in der Welt?«, worauf dieser antwortete: »Nicht viel Gutes, liebe Frau, alles geht drüber und drunter und nichts, wie es soll.« – »Nun aber doch«, versetzte die Frau, »sage mir, was man hört.« – »Da wäre wohl viel zu erzählen«, erwiderte der wilde Mann, »von all dem Wirrwarr in der Welt; denn man vernimmt Dinge, daß man außer sich geraten möchte, wie Possenreißer herrlich beschenkt, Schelme hochgeehrt, Schurken belohnt, Räuber geschützt und Mörder verteidigt, redliche Männer aber geringgeschätzt oder vielmehr gar nicht geschätzt werden. Da man aber darüber vor Ärger aus der Haut fahren könnte, so will ich nur das erwähnen, was dem Sohne des Königs zugestoßen ist. Dieser nämlich hatte sich einen kristallenen Gang gebaut, auf welchem er sich immer nackt zu einem hübschen jungen Weibsgesicht zu begeben pflegte, um sich mit ihr die Zeit zu vertreiben; dieser Gang aber ist, ich weiß nicht wie, zerbrochen worden, und indem er nun wieder einmal durchgehen wollte, hat er sich dermaßen zerschnitten, daß, ehe er so viele Löcher zumachen kann, die Lebenskraft ihm ganz ausgelaufen sein wird; der König hat freilich durch öffentlichen Ausruf dem, der ihn heilt, große Versprechungen gemacht, doch ist dies alles nur verlorene Mühe und der Sache nicht abzuhelfen; das beste, was er tun könnte, wäre, die Trauerkleider bereitzuhalten und Anstalt zum Begräbnis zu treffen.« Als Nella die Ursache der Krankheit des Prinzen vernahm, fing sie an, bitterlich zu weinen, und sprach bei sich selbst: »Was ist das doch für eine verwünschte Seele gewesen, die den Gang, auf welchem mein holdseliger Vogel zu mir kam, zerstört hat, damit auch mir die Gänge meiner Lebensgeister zerstört werden?« Sobald aber die wilde Frau wieder zu reden begann, schwieg Nella ganz mäuschenstill, um wieder zu horchen, worauf jene also sprach: »Ist es wirklich möglich, daß der arme Prinz der Welt entrissen werde und für sein Übel kein Mittel zu finden sei? Ei, so mag die ganze Heilkunde sich verstecken, alle Doktoren sollten sich einen Strick um den Hals nehmen und ihren Schülern das Lehrgeld wiedergeben, da die nicht einmal imstande sind, dem Prinzen ein Rezept zu verschreiben, das ihn wieder gesund mache.« – »Stille doch, Mütterchen«, erwiderte der wilde Mann, »die Doktoren brauchen ja keine Heilmittel zu entdecken, die über die Grenzen der Natur hinausgehen. Das ist da nicht etwa eine Windkolik, die mit einem Ölbade abgemacht ist, nicht etwa eine Blähung, die man durch Abführmittel von Feigen und Mäusekot vertreiben kann, nicht etwa ein Fieber, das durch etwas Medizin und Diät bald vergeht; auch sind es nicht etwa gewöhnliche Wunden, zu deren Heilung bloß etwas Scharpie und Feldzypressenöl nötig ist, denn der Zauber, der dem zerbrochenen Kristalle anhing, bringt gerade dieselbe Wirkung hervor wie Zwiebelsaft auf eine Pfeilspitze, durch den die Wunde unheilbar wird. Nur ein Mittel könnte ihm das Leben erhalten, aber frage mich nicht weiter danach, denn die Sache ist von Wichtigkeit.« – »Sag mir's nur, alter Großzahn«, versetzte die Frau, »sag mir's nur, wenn ich nicht vor Neugier sterben soll.« – »Nun gut«, antwortete der wilde Mann, »ich will's dir sagen, wenn du mir versprichst, es keinem lebenden Wesen anzuvertrauen, denn es wäre um unser Haus und Leben geschehen.« – »Hab keine Sorge, mein liebes, allerliebstes Männchen; denn eher wird man Schweine mit Hörnern, Affen mit Flügeln und Maulwürfe mit Augen sehen, als mir ein Wort in betreff dieser Sache über die Lippen kommen.« Nachdem sie nun mit der Hand auf dem Herzen ihrem Mann Verschwiegenheit zugeschworen, sagte er zu ihr: »So wisse denn, daß nichts unter dem Himmel oder auf der Erde den Prinzen von den Häschern des Todes befreien kann außer Fett von unserem Leibe; denn wenn man ihm damit seine Wunden bestreicht, so würde seine Seele, die schon aus dem Hause seines Leibes Reißaus nehmen will, in ihrem Gefängnisse noch ferner bleiben müssen.«

Sobald Nella dies vernahm, wartete sie ruhig ab, bis die beiden aufhörten zu plaudern, worauf sie von dem Baume stieg und, sich ein Herz fassend, an die Türe des wilden Mannes pochte, indem sie dabei ausrief: »Ach, mein liebster Herr, ach, liebste Frau, schenket doch eine Gabe, ein Almosen, ein Zeichen von Mitleid, ein wenig Barmherzigkeit einer armen Unglücklichen, Elenden, welche vom Schicksal verfolgt, fern von der Heimat, jeder menschlichen Hilfe beraubt, in diesem Walde von der Nacht überfallen worden ist und vor Hunger stirbt«; und dabei pochte sie immer darauf los. Als die wilde Frau sich die Ohren auf diese Weise betäuben hörte, wollte sie ihr ein halbes Brötchen zuwerfen und sie fortschicken; ihr Mann aber, welcher neugieriger nach Christenfleisch war als das Eichhörnchen nach Nüssen, der Bär nach dem Honig und die Katze nach Fischen, das Schaf nach Salz und der Esel nach Kleie, sagte zu ihr: »Laß doch das arme Ding hereinkommen; denn wenn sie unter freiem Himmel schläft, könnte sie leicht von Wölfen überfallen werden«; kurzum, er redete so lange, bis seine Frau die Türe aufmachte, während er mit seinem hinterlistigen Mitleid sie in drei oder vier Bissen zu verschlingen gesonnen war. Aber diesmal hatte er sich stark verrechnet; denn da sowohl er wie seine Frau schwer berauscht waren und daher bald einschliefen, nahm Nella ein Messer aus einem Schrank, schlachtete damit beide ab und begab sich, nachdem sie alles Fett in ein Gefäß getan, an den Hof des Königs, woselbst sie sich diesem vorstellte und sich erbot, den Prinzen zu heilen. Voll der größten Freude ließ der König sie in das Zimmer seines Sohnes treten, und kaum hatte sie diesen mit dem Fett gehörig eingeschmiert, als sich auch unverzüglich, wie wenn sie Wasser ins Feuer gegossen hätte, die Wunden schlossen und der Prinz so gesund wurde wie ein Fisch. Sobald der König dies sah, sagte er zu dem Sohne: »Dieses wackere Frauenzimmer verdiente wohl, daß ihr die öffentlich verheißene Belohnung zuteil würde und du sie zur Frau nähmest.« Bei Anhörung dieser Worte erwiderte jedoch der Prinz alsbald: »Mit Eurem Antrage kommt Ihr jetzt zu spät; denn ich habe nicht etwa eine Vorratskammer von Herzen, daß ich deren so viele weggeben könnte, wie ich will. Das meine ist schon verpfändet, und eine andere ist Herrin desselben.« Als Nella dies vernahm, antwortete sie: »Du sollst sie lieber ganz vergessen, da sie Ursache deines ganzen Übels gewesen ist.« – »Das haben mir vielmehr ihre Schwestern getan«, versetzte der Prinz, »und sie sollen mir schon dafür büßen.« – »Du liebst sie also wirklich?« begann Nella von neuem, worauf der Prinz entgegnete: »Mehr als mein Leben.« – »Nun denn«, rief Nella aus, »wenn dem so ist, so umarme mich, umschlinge mich, denn ich bin das Feuer deines Herzens.« Da jedoch der Prinz sie wegen ihres gefärbten Gesichtes nicht gleich erkannte, antwortete er: »Du bist eher die Kohle als das Feuer; darum entferne dich, damit du mich nicht schwarz machest.« Nella, welche sah, wie die Sachen standen, ließ sich rasch ein Becken mit frischem Wasser kommen, wusch sich das Gesicht, und indem sie jene Wolke von Ruß verbannte, zeigte sie dem Prinzen die glänzende Sonne, welche von demselben alsbald erkannt wurde, so daß er Nella wie ein Polyp umschlang und sich dann ohne Verzug mit ihr verheiratete. Ihre Schwestern aber ließ er in einen feurigen Ofen werfen, damit sie sich wie die Blutegel vom verdorbenen Blut des Neides in der Asche reinigen und das Sprichwort wahr machen sollten:

Kein Vergehen ohne Strafe

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