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Das Pentameron

Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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10. Die entdeckte Alte

Es war niemand in der Gesellschaft, dem die Erzählung Ciommettellas nicht gefallen hätte, und alle empfanden ein außerordentliches Vergnügen, als sie Cannerolo errettet und den wilden Mann, der die armen Jäger so kläglich ums Leben brachte, dafür bestraft sahen. Hierauf nun erhielt Ghiacova den Auftrag, diesen Unterhaltungskontrakt auch mit ihrem Siegel zu besiegeln, und sie begann daher, wie folgt:

Das uns Frauen eingepflanzte, verwünschte Laster, hübsch zu scheinen, bringt uns so weit, daß wir, um den Rahmen der Stirn zu vergolden, das Gemälde des Antlitzes verderben, um die Falten der Haut zu weißen, die Knochen des Gebisses zerstören und, um die Glieder leuchten zu lassen, die Sehkraft verdunkeln; denn bevor die Stunde erscheint, wo der schuldige Tribut der Zeit gegeben werden muß, beginnen die Augen zu triefen, kommen Runzeln aufs Gesicht und Fäulnis in die Zähne. Wenn aber schon ein junges Frauenzimmer, das aus zu großer Eitelkeit diesen Teufelskünsten obliegt, im höchsten Grade tadelnswürdig erscheint, um wieviel mehr Züchtigung verdient nicht eine alte Vettel, die noch mit jungen Mädchen wetteifern will und sich so dem Hohn der Leute und ihrem eigenen Untergange preisgibt, wie ich euch dies in einer Erzählung zeigen werde, wenn ihr mir auf kurze Zeit ein freundliches Gehör leihen wollet.

Es lebten einmal in einem Garten, auf welchen die Fenster des Königs von Starkenfels hinausgingen, zwei alte Weiber, welche der Inbegriff der Widerlichkeiten, das Protokoll der Gebrechen, das Hauptbuch der Häßlichkeit waren und verworrene, struppige Haare, eine runzlige, blättrige Stirn, schiefe, borstige Brauen, dicke, senkrechte Augenlider, welke, verdrehte Augen, gelbsüchtige, faltige Gesichter, einen aufgesperrten, verzogenen Mund, kurzum Barte wie die Kälber, eine haarige Brust, bucklige Schultern, welke Arme, verdrehte, wankende Säbelbeine und krumme Füße hatten, weswegen sie, um mit ihren häßlichen Fratzengesichtern selbst nicht einmal von der Sonne gesehen zu werden, sich in einer Hütte unter den Fenstern jenes Königs vergraben hatten. Dieser nun sah sich von ihnen dergestalt belästigt, daß er keinen Wind lassen konnte, ohne daß diese zänkischen Vetteln sich darüber aufhielten, da sie über die geringste Kleinigkeit brummten und geiferten und sich bald darüber beklagten, daß eine heruntergefallene Jasminblume ihnen die Kahlköpfe verletzt, bald, daß ein zerrissenes Stück Papier ihnen eine Schulter zerschlagen, bald wieder ein bißchen Staub ihnen einen Schenkel gequetscht hätte, so daß der König, als er dieses Übermaß von Verzärtlung wahrnahm, daraus folgerte, daß unter ihm die Quintessenz der Zartheit, das Nonplusultra von Weichheit und das Extrem von Empfindlichkeit wohne. Es ergriff ihn daher ein Verlangen aus dem innersten Herzen und ein Gelüst aus der tiefsten Seele, dieses Wunder zu sehen und über diese Sache ins klare zu kommen, und er fing an, von unten und oben Seufzer auszustoßen, sich zu räuspern, ohne daß er den Katarrh hatte, und mit einem Wort sich freiheraus und ohne Rückhalt auszusprechen, indem er sagte: »Wo, o wo verbirgst du dich, du Juwel, Schmuck und Zier der Welt? Komm hervor, komm hervor, o Sonne, erwärme mich, o Kaiserin, laß schauen deine holden Reize, zeige die Lampen der duftreichen Liebesapotheke! Stecke doch deinen Kopf heraus, du Hauptbank der echten Schönheitskapitalien; sei nicht so geizig mit deinem Anblick, öffne die Türen dem armen Falken, verleihe mir deine Gunst, wenn du sie mir wirklich jemals verleihen willst: Laß mich das Instrument schauen, aus dem diese schöne Stimme ertönt, die Glocke, die diese Klänge entsendet, gewähre mir den Anblick dieses seltenen Vogels und lasse es nicht geschehen, daß ich gleich den politischen Schafen mich von Wermut nähre, indem du mir das Anschauen und die Betrachtung deiner Schönheit versagst.«

Diese und noch viele andere Worte rief der König aus, aber er hätte mit allen Glocken läuten können, die alten Weiber hätten ihn doch nicht erhört, da ihre Ohren für ihn verstopft waren. Dadurch wurde indes nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen, und der König fühlte sich wie Eisen in dem Ofen des Verlangens erglühen, von der Zange des Gedankens festgehalten und von dem Hammer der Liebespein gehämmert, um irgendeinen Schlüssel ausfindig zu machen, mit dem er das Kästchen jener Juwelen, die ihn vor Sehnsucht sterben machten, öffnen könnte. Er ließ daher nicht ab, sondern fuhr fort, flehende Bitten auszustoßen und immer eindringlicher zu reden, ohne sich jemals einige Ruhe zu gönnen, so daß die alten Vetteln, die anfangs über die Liebeserklärungen und Verheißungen des Königs voll Ärger und Zorn gewesen waren, endlich beschlossen, sich diese Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen, um diesen Vogel, der von selbst ins Netz flog, auch darin zu fangen.

Als daher der König wieder eines Tages oben am Fenster ungeduldig wartete, sagten sie zu ihm durch das Schlüsselloch mit leiser Stimme, daß die größte Gunst, die sie ihm nach Verlauf von acht Tagen erweisen würden, nur darin bestehen könnte, daß sie ihn einen einzigen Finger sehen ließen. Der König, der als erfahrener Krieger recht gut wußte, daß man die Festungen nur ellenweise erobert, schlug diesen Antrag nicht ab, indem er das alte Wort: »Nimm, was du bekommst, und fordere mehr»recht gut kannte und hoffte, auch diesen festen Platz, den er belagerte, fingerweise zu erobern, weswegen er diesen peremptorischen Termin des achten Tages bereitwillig annahm, um das achte Wunder der Welt endlich zu schauen.

Die alten Weiber taten unterdes nichts anderes, als daß sie gleich einem Apotheker, der Sirup eingegossen hat, sich die Finger in der Absicht leckten und saugten, damit, wenn der festgesetzte Termin erschiene, die, welche den glättesten hatte, ihn dem Könige zeigen sollte. Dieser befand sich inzwischen wie auf der Folter, indem er die bestimmte Stunde sehnsüchtig herbeiwünschte, um sein Verlangen zu befriedigen, und die Tage zählte, die Nächte ruhelos verbrachte, die Stunden abwog, die Minuten abmaß, die Sekunden belauschte und die Augenblicke berechnete, welche ihm für die Erwartung des ersehnten Glückes als Ziel gegeben war, sowie bald die Sonne anflehte, daß sie in den Gefilden des Himmels irgendeinen Nebenpfad einschlagen möchte, damit sie auf diese Weise ihren Weg verkürzend vor der gewöhnlichen Stunde den feurigen Wagen in den Schuppen bringen und die von so langer Fahrt ermüdeten Rosse zur Tränke führen könne, bald wieder die Nacht beschwor, daß sie die Dunkelheit zerstreuen und ihn jenen Tag erblicken ließe, der, solange er ihn nicht sähe, ihn in den Kalkofen der Liebesflammen festbannte, und ein andermal wieder mit der Zeit zankte, daß sie, um ihn zu ärgern, auf Krücken ginge und sich bleierne Schuhe angezogen habe, damit sie die Stunde verzögere, wo die ihm von dem geliebten Gegenstand ausgestellte Verschreibung liquidiert und die zwischen ihnen stipulierte Verpflichtung erfüllt werden sollte. Endlich jedoch erschien mit des Himmels Hilfe der festgesetzte Tag; er begab sich daher an demselben in eigener Person in den Garten und pochte an die Tür, indem er ausrief: »Nanu, nanu!«, worauf eine von den alten Weibern, die bejahrteste von beiden, nachdem sie auf dem Probierstein der Vergleichung gesehen hatte, daß ihr Finger von besserem Gehalt als der ihrer Schwester war, ihn durch das Schlüsselloch steckte und dem Könige zeigte.

Es war dies aber kein Finger, sondern ein zugespitztes Hölzchen, das ihm ins Herz stach; aber auch kein Hölzchen, sondern eine Keule, die ihm einen betäubenden Schlag versetzte! Aber was sage ich Hölzchen und Keule? Es war ein angezündeter Schwefelfaden für den Zunder seines Verlangens, eine brennende Lunte für das Schießpulver seiner Wünsche! Jedoch was sage ich Hölzchen, Keule, Schwefelfaden und Lunte? Es war ein Dorn unter dem Schwanz seiner Gedanken oder vielmehr eine Purgans von Fingerfeigen, die ihm die Blähungen der Liebespein mit einem Sturm von Seufzern abtrieb. Der König ergriff hierauf diesen Finger, küßte ihn und rief aus: »O du Behältnis der Süßigkeiten, du Verzeichnis der Freuden, du Register der Liebesprivilegien, um dessentwillen ich zum Vorratshaus der Leiden, zum Magazin der Schmerzen, zum Zollhaus der Qualen geworden hin! Ist es möglich, daß du dich so hart und unerbittlich zeigen willst, daß du dich von meinen Klagen nicht erweichen lassest? Ach, mein teuerstes Leben, wenn du mir durch das Loch den Schwanz zeigst, biete mir doch auch das Mäulchen dar, damit wir uns ein Gelee von Genüssen bereiten! Wenn du mir eine Schnecke weisest, o du Meer der Süßigkeiten, weise mir doch auch die Austern; laß mich die Augen des wundervollen Falken schauen und ihn an meinem Herzen sich sättigen! Wer sperrt den Schatz deines schönen Antlitzes in einen Abtritt? Wer läßt diese schöne Ware in einer finsteren Höhle Quarantäne halten? Wer hält die Gewalt Amors in dieser Hundehütte gefangen? Komm hervor aus dieser Grube, tritt heraus aus diesem Stalle, befreie dich aus diesem Loche, fasse ein Herz, denn ich stehe dir bei; und alles, was ich kann und vermag, ist dir zu Befehl. Wisse nämlich, daß ich ein König bin und nicht etwa ein Lump, vielmehr schaffen und zerstören kann nach meinem Belieben; jener falsche, blinde Sohn eines lahmen Schmiedes und einer gemeinen Metze aber (bekanntlich ist Amor Sohn des Vulkan und der Venus), der über die Zepter eine unbeschrankte Willkür ausübt, will, daß ich dein Sklave sei und als Gnade das erbitte, was ich dir durch eigene Machtvollkommenheit entreißen könnte; denn ich weiß sehr wohl, daß man Venus durch Schmeicheleien und nicht durch Trotz und Gewalt bemeistert.«

Die Alte, welche wußte, wo Bartel den Most holt, und eine Erzfüchsin, eine alte Katze und im höchsten Grade schlau, listig und verschlagen war, außerdem aber auch noch bedachte, daß die Bitte eines Höheren soviel ist wie ein Befehl und der Widerstand eines Dieners die cholerischen Säfte im Leibe des Herrn aufrührt, die sich dann in einem Durchfall von Unheil Luft machen, fing an, klein beizugeben, und sprach mit einer Stimme, wie die einer geschundenen Katze: »Gnädiger Herr, da Ihr die Gnade habet. Euch der zu unterwerfen, die unter Euch steht, und es nicht für unwürdig erachtet, Euch von dem Zepter zur Kunkel, von dem Palast zu einem Stall, von der königlichen Pracht zu einem Unterrock, von dem Glück zum Elend, vom Söller zum Keller und vom Roß zum Esel herabzulassen, so kann, mag und darf ich mich nicht dem Willen eines so großen Königs widersetzen. Wenn Ihr daher diese Verbindung zwischen einer Fürstin und einer Magd, dieses Mosaik von Elfenbein und Pappelholz, diese Inkrustierung von Diamanten und Glaswürfeln wünschet, so bin ich jetzt gleich zu Eurem Befehl willig und bereit, indem ich mir nur eine einzige Gnade als erstes Zeichen des Wohlwollens, welches Ihr für mich heget, erbitte, daß Ihr mich nämlich bei Nacht und ohne Licht in Euer Bette aufnehmet, da ich es nicht ertragen könnte, entblößt gesehen zu werden.« Der König, ganz außer sich vor Freude, schwur ihr also mit der Hand auf dem Herzen, daß er dies sehr gern tun würde, und nachdem er nun auf diese Weise eine Schale voll Zucker nach einem Mundvoll Teufelsdreck geworfen hatte, ging er von dannen und konnte die Stunde nicht erwarten, wo die Sonne aufhört, die Gefilde des Himmels zu pflügen, damit die Sterne darauf gesät werden können, um selbst das Feld zu besäen, auf welchem er Freuden scheffelweise und Genüsse nach Zentnern zu ernten hoffte. Kaum war aber die Nacht erschienen und hatte voll Zorn darüber, so viele Laden- und Manteldiebe auf den Straßen zu sehen, die Dunkelheit gleichsam eimerweise ausgegossen, so zog die Alte sich alle Runzeln am Leibe zusammen, machte daraus eine einzige, die sie mit einem Bindfaden auf dem Rücken zusammenband, und gelangte alsdann im Dunkeln, von einem Kammerdiener geführt, in das Gemach des Königs, woselbst sie ihre Lumpen rasch abwarf und ins Bett kroch. Als nun der König, welcher wie die Lunte am Zündloch bereit war, sie eintreten und sich niederlegen hörte, so rieb er sich vom Kopf bis auf die Füße mit Moschus und Zibet ein, begoß sich über und über mit wohlriechenden Wassern und stürzte sich hierauf wie ein korsischer Bullenbeißer in das Bett. Der Alten kamen freilich die mannigfachen Salben und Düfte, die der König mitbrachte, wie gerufen, da er auf diese Weise den Atem ihres Mundes, den Bocksgeruch der Achseln und den Gestank noch anderer Dinge nicht gewahr wurde; sobald er sich indes niedergelegt und angefangen hatte, zu fühlen, so merkte er beim Betasten den dicken Wulst auf dem Rücken, nahm auch die schlappen Schrotbeutel und die eingefallenen Hinterbacken der Alten wahr und fiel daher ganz wie aus den Wolken; er wollte jedoch für den Augenblick nichts sagen, um zuvor genauer nachzuforschen, sondern tat sich lieber Gewalt an, indem er in einen abscheulichen Hafen einlief, während er an der Küste von Posilippo zu sein glaubte, und in einem elenden Lastschiffe fuhr, während er an Bord einer Galeere zu segeln dachte. Nicht sobald aber wurde die Alte vom ersten Schlaf überfallen, als der König rasch aus einem Schrank von Ebenholz und Silber einen gemsledernen Beutel, in welchem sich ein Feuerzeug befand, hervornahm, eine Lampe anzündete und dann die Bettdecke aufhob; aber statt einer Nymphe erblickte er eine Harpyie, statt einer Huldgöttin eine Furie, statt einer Venus eine Meduse und geriet hierüber in solche Wut, daß er das Tau abhauen wollte, welches an diesem Schiff befestigt gewesen war, und schnaubend vor Zorn alle seine Diener herbeirief; diese eilten auf das Alarmgeschrei ihres Gebieters wie bei einer Kamisarde in Hemden herbei und sahen den König auf die Alte loshauen, als wenn er Fleisch hackte, während er ihnen zurief: »Sehet doch einmal, was für einen Streich mir diese Großmutter des Teufels gespielt hat! Denn da ich es mit einem säugenden Kälbchen zu tun zu haben glaubte, so sehe ich ein Mondkalb vor mir; da ich eine zarte Taube gefangen zu haben dachte, finde ich diese Eule in meinen Händen, da ich mir einbildete, einen Bissen für einen König erhascht zu haben, halte ich mir dieses Scheusal, dieses Brechmittel an den Mund. Freilich, so und noch viel schlimmer muß es jedem ergehen, der die Katze im Sack kauft! – Hat sie mich nun aber auch auf diese Weise übertölpelt, so soll sie doch dafür gehörig büßen; darum ergreifet sie rasch und, wie sie da geht und steht, werfet sie zum Fenster hinaus!« Als die Alte dies hörte, fing sie an, sich mit Händen und Füßen zu verteidigen, indem sie ausrief, daß sie von diesem Urteil appelliere, da sie nur auf sein eigenes, dringendes Flehen in sein Bett gekommen sei, daß sie außerdem hundert Doktoren der Rechte zu ihrer Verteidigung herbeibringen würde, daß ferner nach dem Sprichwort ein altes Huhn gute Brühe gäbe und daß endlich nach einem andern man nicht den alten Weg für den neuen verlassen solle. Trotz alledem aber wurde sie beim Kopf und bei den Beinen ergriffen und in den Garten hinuntergestürzt, wobei sie indes glücklicherweise mit den Haaren an dem Zweige eines Feigenbaumes hängenblieb und deswegen auch nicht den Hals brach. So geschah es nun, daß am andern Morgen sehr früh, ehe noch die Sonne von dem Gebiet Besitz genommen, das die Nacht ihr abgetreten hatte, bei jenem Garten einige Feen vorüberzogen, welche aus einer gewissen verdrießlichen Laune noch nie weder gesprochen noch gelacht hatten, und als sie jenes Schreckgespenst, das die Schatten der Nacht vor der Zeit verscheucht hatte, an dem Baume hängen sahen, wurden sie von einem solchen baucherschütternden Lachen befallen, daß sie fast geborsten wären und mit herausgestreckter Zunge den Mund eine Zeitlang nicht zu schließen vermochten. Um die Alte nun für diesen herrlichen Spaß zu belohnen, verliehen ihr die Feen jede einen Zaubersegen, indem eine nach der andern ihr wünschte, daß sie jung, schön, reich, vornehm, tugendhaft, von jedermann geliebt und glückselig werden sollte, worauf sie sich entfernten. Die Alte aber befand sich plötzlich auf dem Boden, auf einem Sitz von schwerstem Samt mit goldenen Fransen, am Fuße desselben Baumes, an dem sie gehangen und der sich jetzt in einen Baldachin von grünem Samt mit goldenem Hintergrund verwandelt hatte; ihr Gesicht sah aus wie das eines fünfzehnjährigen Mädchens und so schön, daß alle andern Schönheiten alte Schlapfen neben einem niedlichen Schuh und Strümpfchen geschienen hätten; im Vergleich mit dieser Grazie der Paläste hätte man alle andern Grazien für Bewohnerinnen des Trödlerviertels und der Winkelgassen halten müssen; wo diese ihren Trumpf des Scherzes und Kosens ausspielte, würde sie allen andern die Bank gesprengt haben; außerdem war sie auch so geputzt, geschmückt und prunkend wie eine Königin; denn das Gold leuchtete, die Edelsteine blitzten, die Blumen wiegten sich, und so viele Diener und Dienerinnen umstanden sie ringsumher, daß es schien, als würde Ablaß ausgeteilt. Inzwischen hatte sich der König eine Decke umgehängt, ein Paar Pantoffel angezogen und sich dem Fenster genähert, um zu sehen, was aus der Alten geworden war; bei dem überraschenden Anblick aber, der sich ihm darbot, blieb er mit weit aufgesperrtem Maule stehen und betrachtete eine Zeitlang, wie an den Boden gewurzelt, jenes hübsche Stück Menschenfleisch, indem er bald die Haare bewunderte, die zum Teil entfesselt um die Schultern spielten, zum Teil in einen goldenen Knoten geknüpft waren und den Neid der Sonne erweckten, bald seine Aufmerksamkeit auf die Augenbrauen wandte, welche gleich Bogen die Herzen mit ihren Pfeilen durchbohrten, bald die Augen anschaute, welche die Leuchtfeuer Amors zu sein schienen, bald wieder sich von dem Mund entzückt fühlte, in welchem die Grazien wie in einer Liebeskelter Anmut kelterten und den süßen Zyperwein und Malvasier des Entzückens hervorlockten. Anderseits drehte er sich wie ein Wetterhahn und als wäre er von Sinnen beim Anblick des schimmernden und flimmernden Schmuckes, den sie am Halse trug, und der reichen Kleiderpracht, die sie umgab, so daß er mit sich selbst zu reden begann und also sprach: »Bin ich im ersten Schlaf oder wache ich? Habe ich meine Sinne oder fasele ich? Bin ich ich selbst oder bin ich es nicht? Welcher Wurf hat mit dieser schönen Kugel mich, den König, so geschickt getroffen, daß ich sogleich umgepurzelt bin? Es ist vorbei mit mir, es ist um mich geschehen, wenn ich keinen Ausweg finde! – Woher ist doch diese Sonne aufgegangen, wie ist diese Blume emporgesproßt, wie dieses Vögelein ausgekrochen, um mein Herz wie mit Haken an sich zu ziehen? Welches Schiff hat sie hierhergebracht, welche Wolke herabgeregnet? Was für Ströme von Schönheit reißen mich in ein Meer von Qualen?« Während dieses Selbstgesprächs stürzte er die Treppe hinunter, eilte in den Garten und vor die neuverjüngte Alte tretend, rollte er sich fast vor ihr auf der Erde, indem er ausrief: ,,O mein liebliches Kußmäulchen, o Püppchen der Grazien, o holde Taube von dem Wagen der Venus, siegreicher Köder Amors, wenn du jemals dein Herz wie ein Stück Wäsche im Fluß eingeweicht hast, wenn kein Hundeunrat dir in die Ohren gekommen und kein Schwalbenkot dir in die Augen gefallen ist, wie dem Tobias, so bin ich überzeugt, daß du die Schmerzen und Leiden wahrnehmen und erkennen mußt, die deine Schönheit so plötzlich und unversehens über meine Seele ausgegossen hat, und wenn du auch dem Waschkessel meines Gesichtes die Lauge nicht ansiehst, die mir im Innersten kocht, der Flamme meiner Seufzer den Kalkofen nicht ansiehst, der mir überall in meinem Leibe brennt, so kannst du doch vermöge deines Verstandes und deiner Klugheit leicht aus deinen Haaren abnehmen, welche Bande mich fesseln, aus deinen Augen, welche Gluten mich verzehren, und aus den roten Bogen deiner Lippen, welche Pfeile mich durchbohren! Verriegle daher nicht die Türe des Mitleids, ziehe die Brücke der Barmherzigkeit nicht auf, verstopfe die Quelle der Gnade nicht, und wenn du mich auch nicht für würdig hältst, vor deinem schönen Antlitz Nachsicht zu erwerben, so gewähre mir wenigstens den Geleitschein freundlicher Worte, den Schutzbrief irgendeines Versprechens und die Anwartschaft guter Hoffnung; denn sonst nehme ich mir mit Gewalt, was du nie wiedererlangen kannst.«

Diese und noch tausend andere Worte kamen ihm aus der tiefsten Brust, so daß sie die neuverjüngte Alte auf das lebhafteste rührten und sie ihn zuletzt zu ihrem Gemahl erkor, worauf sie sich erhob, sich an seinem Arme zur Kutsche begab und mit ihm in derselben nach dem königlichen Palaste fuhr. Hier nun wurde alsbald ein sehr großes Gastmahl veranstaltet und dazu alle vornehmen Frauen eingeladen, nicht minder aber auch die Freundin der jungen Alten, welche diese gleichfalls gegenwärtig zu sehen wünschte. Es kostete jedoch gar große Mühe, sie ausfindig zu machen und zu dem Bankett zu bringen, da sie vor großer Furcht sich dermaßen versteckt und verkrochen hatte, daß man keine Spur von ihr entdecken konnte. Als sie aber nach vielem Suchen herbeigeschafft war und nun neben ihrer früheren Genossin, welche sie nur mit genauer Not wiederzuerkennen vermochte, dasaß, fing zwar die ganze übrige Gesellschaft an, tüchtig zuzugreifen; die arme Alte jedoch hatte einen ganz anderen Hunger, der sie nagte, indem sie nämlich vor Neid platzte, ihre Gevatterin so jung und schön zu sehen, und sie daher alle Augenblicke am Ärmel zupfte und ihr zuraunte: »Was ist denn mit dir vorgegangen, Schwester, was ist denn mit dir vorgegangen?« Worauf diese antwortete: »Jetzt iß, nachher werde ich dir erzählen.« Der König, der dies bemerkte, fragte seine Braut, ob die Alte etwas verlange, und da sie ihm erwiderte, daß ihre Freundin ein wenig grüne Soße zu haben wünschte, befahl er sogleich, Knoblauchbrühe, gepfefferten Senf und zahllose andere Tunken herbeizubringen, um der Alten Appetit zu machen. Diese jedoch, welcher die köstlichste Soße wie Ochsengalle schmeckte, zog wiederum ihre Freundin am Ärmel, indem sie sie fragte: »Wie hast du es denn angefangen, Schwester, wie hast du es denn angefangen?« Worauf diese entgegnete: »Pst, wir haben ja mehr Zeit als Geld, drum iß nur jetzt, solange du was hast, nachher werden wir schon mehr reden.« Da der König wiederum fragte, was jene denn wolle, versetzte seine Braut, die sich durch diese Fragen so verwickelt sah wie ein Küchlein im Weg und sich gern von dem lästigen Drängen frei gemacht hätte, daß die Alte etwas Süßes zu essen wünsche, und alsbald schneiten von hier die Pastetchen, regnete von da das Zuckerwerk und strömten von dort die Bonbons herbei. Die Alte aber, welche nicht ruhen konnte und der es wie ein Mühlrad im Kopf herumging, fing immer wieder dasselbe Lied an, bis daß ihre verjüngte Freundin keinen andern Ausweg mehr wußte und, um sich jene vom Halse zu schaffen, zu ihr sprach: »Ich habe mir die Haut abziehen lassen, liebe Gevatterin«, worauf die neidische Alte vor sich hinmurmelte: »Nun ist's gut, und du sollst zu keinen tauben Ohren geredet haben; auch ich will mein Glück versuchen, denn ich bin nicht weniger als du, und wenn es mir gelingt, so sollst du nicht allein alles haben, sondern auch ich muß meinen Teil bis auf das kleinste Körnchen abbekommen.«

Indem sie nun dies so vor sich hin sprach und man unterdessen die Tafel aufhob, stellte sie sich, als müßte sie einmal hinausgehen, lief stracks nach einem Barbierladen und sagte zu dem Herrn desselben, wahrend sie mit ihm in ein Hinterstübchen trat: »Hier habt ihr fünfzig Dukaten und ziehet mir einmal die Haut ab vom Kopf bis zu den Füßen«, worauf der Barbier, der sie für verrückt hielt, erwiderte: »Geht nur, Gevatterin, ihr seid nicht recht gescheit und solltet eigentlich einen Wärter haben.« – »Du Tor«, versetzte die Alte, »der du dein Glück so von dir stoßest; denn außer den fünfzig Dukaten, die ich dir gebe, sollst du auch, wenn mir eine gewisse Sache gelingt, wie ich es wünsche, der Fortunadas Becken an das Kinn halten; darum ergreif dein Messer und verliere keine Zeit, denn dein Glück ist gemacht.« Nachdem der Barbier noch eine lange Zeit vergeblich widersprochen, protestiert und gestritten hatte, gab er endlich gleichsam der Gewalt nach und schickte sich an, ihrem törichten Verlangen zu willfahren; hierauf ließ er die alte Schachtel auf eine Bank niedersetzen und fing an, sie dermaßen zu schinden, daß sie über und über Blut rieselte und pißte, wobei sie jedoch mutig standhielt, als würde sie nur rasiert, und bloß von Zeit zu Zeit ausrief: »Au, au! Ohne Leiden keine Freuden!« –Indem nun jener auf diese Weise ihr das Fell immer weiter abzog, sie aber stets bei ihrem Ausruf beharrte, strich er die Baßgeige ihres Leibes herunter bis auf das Schalloch des Nabels; bei diesem jedoch ging ihr die Kraft aus, und von hinten einen Abschiedsschuß abfeuernd, bewahrheitete sie auf ihre Unkosten den Vers des Sannazaro:

Der Neid mein Sohn, vernichtet sich selbst.

Diese Erzählung nun endete gerade um die Zeit, wo der Sonne, wie einem relegierten Studenten, eine Stunde Zeit gegeben wurde, um das Quartier des Himmels zu räumen, worauf der Prinz den Fabiello und Chiacovuccio, von denen der eine sein Garderobenmeister, der andere sein Haushofmeister war, rufen ließ, damit sie den Nachtisch dieses Tages aufwarten sollten. Hurtig wie die Häscher waren sie da, der eine in schwarzen, langen Hosen, einem Pluderrock mit Knöpfen, so groß wie die Talerstücke, und einer flachen Kappe, die ihm bis über die Ohren ging, der andere mit einer Tellermütze, einem Wams und Weste und weißen Kniehosen, und indem sie hinter einem Spalier von Heidelbeersträuchern wie hinter einer Kulisse hervortraten, begannen sie ein scherzhaftes ländliches Zwiegespräch, welches sie mit so possierlichen Gebärden und Grimassen begleiteten, daß alle Zuhörer darüber vor Lachen hätten bersten mögen. Um die Stunde aber, wann die Feldarbeiter von den zirpenden Grillen aufgefordert werden, nach Hause zurückzukehren, entließ auch der Prinz die Frauen, indem er ihnen wiederholt einschärfte, daß sie sich wieder am folgenden Morgen einstellen sollten, um die angefangene Weise der Unterhaltung fortzusetzen, während er selbst mit der Mohrin sich in seine Gemächer zurückzog.

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