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Das peinliche Gericht

Alexander Benzion: Das peinliche Gericht - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAlexander Benzion
titleDas peinliche Gericht
publisherJosef Singer Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171228
projectid105000dd
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Männer

Goya

Die Schlieffen und die Adebar

In der Stadt Kolberg, in Pommern an der See, waren vor alter Zeit zwei Geschlechter die gewaltigsten: die Schlieffen und die Adebar.

Am Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts lebten aus den beiden Geschlechtern zwei junge Männer in solcher Freundschaft miteinander, daß sie wie Brüder galten. Der von den Adebar hieß Benedictus und hatte des nachmaligen Bischofs zu Kamin Schwester zur Ehe; der von den Schlieffen hieß Niclas. Beide genossen alle Ehre guter Bürger und Edelleute.

Eines Abends waren sie miteinander in froher Gesellschaft, wo der Wein die Köpfe erhitzte. Niclas Schlieffen ging zu guter Zeit vor dem anderen nach Hause und legte sich, da er müde war, zu Bette. Etwa eine Stunde darauf kehrte auch Benedictus Adebar heim, und es scheint, daß beide in einem Hause gewohnt haben.

Der Adebar klopfte an die Tür, und Schlieffen, der aufwachte, merkte gleich, daß es der Freund war. Er sprang im Hemd auf, um ihn einzulassen. Als Adebar ihn hörte, wollte er ihn in der Weinlaune erschrecken. Er stach also mit seinem Schwert durch die Tür, Niclas Schlieffen sah es nicht in der dunklen Stube, und da er hastig nach der Pforte stürzte, um dem Freunde zu öffnen, lief er ins Schwert.

Er schrie laut, doch öffnete er noch und sprach zum Adebar: »Benedict, du hast mich erstochen!«

Da erschrak Adebar und tat, was an ihm, um dem armen Freunde zu helfen. Er stillte das Blut, so gut er konnte, und rief jammernd, daß er's nicht aus bösem Gemüte, sondern aus Fürwitz getan. In der Stille führte er den Verwundeten zum Arzte, der ihn verband.

Aber Schlieffen fand sich sehr übel und fühlte den Tod nahe. Da nahm er all seine Kraft zusammen und riet seinem Bruder und Freund, nicht in der Stadt zu bleiben, sondern schnell daraus zu fliehen, denn wenn die anderen vom Hause Schlieffen ihn erhaschten, so müsse er auch den Tod erleiden.

Adebar war sehr unglücklich, daß er also wider seinen Willen seinen guten Gesellen und liebsten Freund in Todesgefahr gebracht und sich selbst in große Sorge. Doch wich er nicht aus der Stadt, ob er es gleich in der Nacht noch gekonnt; er mochte nicht fort von dem Sterbenden und versteckte sich nur.

 

Niclas Schlieffen starb bald an der schweren Wunde, und sobald er tot war, suchte seine Freundschaft, der es oblag, den Erstochenen zu rächen, mit allem Eifer nach dem, der ihn getötet. Sie fanden ihn und setzten ihn ins Gefängnis.

Adebars Freundschaft nahm sich nun auch der Sache an und tat, was an ihr war, um sie gütlich zu schlichten. Des Benedictus Schwestermann, Dr. Martinus Carit, der nachmalige Bischof von Kamin, gab sich gar große Mühe, die Schlieffen zu bewegen, den Adebar gegen ein Blutgeld frei zu lassen.

Aber die Schlieffen wollten ihr Recht und keine Abfindung. Sie zogen Benedict Adebar vor das Gericht, das feierlich gehegt ward, und die Richter fanden gegen ihn das Todesurteil.

Nachdem er verurteilt war, erklärten die Schlieffen: nun wollten sie ihn losgeben, damit man sage, daß sie ihm das Leben geschenkt hätten.

Das aber wollte Adebar und seine Freundschaft nicht annehmen, denn sie meinten: ein Verurteilter wäre ehrlos und des Lebens nicht weiter wert.

Benedict Adebar trat vor die Richter und Schöppen und die anklagende Sippschaft hin und erklärte offen und freien Mutes, er wolle viel lieber bei seinem guten Gesellen und Bruder, dem erschlagenen Schlieffen, sein, denn so länger leben.

Und damit war der Prozeß abgetan, sein Urteil war gefunden, er hatte die Gnade des Anklägers nicht angenommen, eine andere gab es nicht, noch hätte sie der Verurteilte angerufen. Also mußte Benedict Adebar sterben; aber nicht wie ein Missetäter.

Der Nachrichter und seine Diener durften ihn nicht anrühren, sondern er ging gutwillig den letzten Weg, und der gesamte Rat von Kolberg und die ganze Stadt begleitete ihn, und alle betrübten sich seinethalben.

Adebars Schwester, die Äbtissin war im Jungfrauenkloster zu Kolberg, trat ihm am Tore mit einem Kruzifix in der Hand entgegen und sprach mit fester Stimme zu ihm: er solle auf Gott trauen und in seinem Glauben sterben.

So kam der Zug aus dem Tore und ging nach dem Totenacker. Weil Adebar keine Missetat begangen, war ihm vergönnt worden, daß er nicht auf der Richtstätte, sondern auf einem Kirchhof sich den Kopf abhauen lasse. So geschah es.

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