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Das peinliche Gericht

Alexander Benzion: Das peinliche Gericht - Kapitel 16
Quellenangabe
authorAlexander Benzion
titleDas peinliche Gericht
publisherJosef Singer Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171228
projectid105000dd
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Kuriosa

Goya

Jonathan Bradford

Im Jahre 1736 unternahm Master Hayes aus London, ein sehr wohlhabender Mann, eine Reise, um Verwandte in Oxford zu besuchen. Als die Nacht einbrach, beschloß er, nicht weiter zu reiten, sondern in dem am Wege liegenden trefflichen Wirtshause des Jonathan Bradford zu übernachten.

Er fand angenehme Gesellschaft vor: zwei andere Gentlemen waren ebenfalls bei Bradford eingekehrt. Nach dem Abendessen entspann sich zwischen den drei Gästen und dem Wirt eine lebhafte Unterhaltung, der Punsch dampfte auf dem Tisch, und Hayes war so unvorsichtig, zu erwähnen, daß er eine große Summe Geldes bei sich habe.

 

Es war noch nicht allzu spät, als die Gesellschaft sich trennte; Hayes ging auf sein Zimmer, die beiden Gentlemen suchten das ihre auf. Ein paar Stunden mochten die letzteren geschlafen haben, da erwachte plötzlich der eine. Ihm schien es, als höre er ein Stöhnen in der anstoßenden Kammer. Er schwieg, er glaubte sich zu täuschen. Aber es kam deutlich wieder. Nun weckte er leise den anderen. Beide lauschten aufmerksam. Das Stöhnen war wie das eines Sterbenden. Ohne Geräusch zu machen, sprangen beide im Augenblick aus dem Bett und schlichen nach der Tür, welche vom Flur aus in die Nebenkammer führte.

Die Tür stand nur angelehnt. Ein Lichtschimmer drang aus dem Zimmer. Sie drückten die Tür ganz auf und hatten einen fürchterlichen Anblick. Auf dem Bette wälzte sich jemand in seinem Blute, und vor ihm stand ein Mann, eine Blendlaterne in der einen, ein Messer in der andern Hand.

Der Mann schien ebenso entsetzt als die beiden, welche ihn überraschten. Seine Knie schlotterten, seine Arme zitterten, Todesblässe legte sich über das ganze Gesicht, aus welchem die Augen mit geisterhaften Blicken bald den Sterbenden – der eben den letzten Atemzug tat – bald die beiden Fremden anstarrten. Wie vom Schrecken an den Boden gewurzelt, machte er auch nicht einmal einen Versuch, zu entfliehen.

Die beiden Herren hatten auf den ersten Blick in dem nun Toten ihren Gesellschafter von der gestrigen Abendtafel, in dem anderen Manne mit dem Messer aber ihren Wirt erkannt. Sie sprangen auf Bradford los, ergriffen ihn und rissen ihm, ehe er sich zur Wehr setzen konnte, das Messer aus der Hand. Es war mit Blut bedeckt. Sie schalten ihn einen Mörder. Er stammelte unverständliche Worte. Nachdem er sich etwas gesammelt, nahm er die Miene eines Unschuldigen an und beteuerte, er sei nicht der Mörder seines unglücklichen Gastes.

Was er vorbrachte, stimmte fast völlig mit dem überein, was die zwei Gentlemen erlebt hatten. Auch er hatte in der Nacht ein Geräusch gehört und war davon erwacht; er vernahm ein Stöhnen, wie das eines Sterbenden, darauf war er aus dem Bett gesprungen, hatte ein Licht angezündet und ein Messer ergriffen, um sich, wenn es not täte, zu verteidigen. Bei allem, was heilig, schwor er, daß er keine Minute vor den Herren eingetreten und noch im ersten Schrecken über das gewesen sei, was er gesehen.

Das Messer war blutig, seine Hände waren blutig; wie sollte er Glauben finden! Die beiden Herren machten Lärm im Hause; sie stellten fest, daß dem Toten Geldbeutel und Uhr bereits fehlten, und ließen Bradford bis am Morgen, wo zum nächsten Friedensrichter geschickt wurde, nicht aus den Augen.

Auch vor diesem leugnete Bradford die Mordtat; es geschah aber unter solch unzweifelhaften Anzeichen eines bösen Gewissens, daß ihm der Beamte auf den Kopf zusagte: »Master Bradford, einer von uns beiden ist der Mörder!«

 

Der Fall erregte ein außerordentliches Aufsehen. In der ganzen Umgegend, in Oxford, in London wurde von dem ruchlosen Mörder gesprochen, der, mit dem blutigen Messer über dem noch warmen und röchelnden Körper des Opfers betroffen, doch zu leugnen sich erdreistete.

Bradford wurde in Oxford vor die Geschworenen gestellt. Zeugen gegen ihn waren die beiden Gentlemen; beide Ehrenmänner, gegen deren Wahrhaftigkeit auch nicht der geringste Zweifel erhoben werden konnte; beide einig in ihrer Aussage, die durch die Worte des Angeschuldigten nur bekräftigt wurde.

Bradford verteidigte sich vor Gericht, wie er es vor dem Friedensrichter und den beiden Gentlemen getan hatte: War es nicht selbstverständlich, daß jenes Stöhnen, das an sein Ohr gedrungen, ihn eiligst in das Zimmer des Gastes führte? War das Entsetzen, das ihn beim Anblick des Sterbenden ergriff, nicht natürlich? War es nicht natürlich, daß ihm die Knie schlotterten, daß sein Blick starr und unsicher war, als die beiden Gäste ihn an dessen Lager betrafen?

Es war eine schwache Verteidigung, Hayes wälzte sich noch in seinem Blute, er röchelte noch, als Bradford neben dem Bette stand, als die Fremden hinzukamen. Woher sollte ein anderer Mörder gekommen, wohin sollte er wie durch ein Wunder verschwunden sein? Und woher das Blut an Bradfords Messer, an seiner Hand? – die Ausrede, daß er beim Anblick der Fremden vor Schreck das Messer auf Hayes habe fallen lassen, daß er es wieder aufgelangt und dabei auch die Hand blutig gefärbt, erschien albern.

Nie war ein Indizienbeweis stärker; der Richter brauchte kaum den Geschworenen den Fall zu erläutern. Gegenbeweise waren nicht aufzustellen, ein Alibi unmöglich. Die Geschworenen, ein unerhörter Fall, zogen sich nicht einmal in ihr Beratungszimmer zurück. Sie sprachen einstimmig, schon auf ihren Bänken, das » Schuldig« aus.

Bradford ward bald darauf hingerichtet. Die Art, wie er seinen letzten Gang antrat, war nicht die eines Mannes, der, im Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit, mit freudiger Klarheit der Seele dem Tode entgegengeht; auch nicht die eines Trotzigen, der über das ihm widerfahrene Unrecht grollt. Er ging gedrückt; aber noch unter dem Galgen erklärte er, er habe Hayes nicht ermordet und wisse nichts von dem Morde. Es glaubte ihm niemand.

 

Achtzehn Monate nach Bradfords Hinrichtung starb auf dem Krankenbett ein Mann, der im Dienste des ermordeten Hayes gestanden. Er wälzte sich in furchtbarer Unruhe auf seinem Bette und konnte nicht sterben, weil eine Sündenlast ihn drückte. Endlich bekannte er: er sei es, der den seligen Master Hayes damals im Wirtshause ermordet habe, um ihn zu berauben.

Viel mehr konnte er nicht mehr sagen. Nur das erfuhr man: er hatte Hayes im Schlafe erstochen, dann schnell aus den Hosentaschen das Geld, die goldene Uhr und Dose geraubt und sich darauf in seine eigene Kammer geschlichen. Nach allen Berechnungen konnte die Tat und seine Flucht kaum wenige Minuten vor sich gegangen sein, ehe der unglückliche Bradford in das Zimmer des Ermordeten trat. Bei der Gewißheit, den wahren Mörder in Händen zu haben, hatte man keine anderen Spuren verfolgt. Zu einer Untersuchung kam es nicht, weil der Tod den ungetreuen Knecht der weltlichen Strafe entrückte.

 

Und dennoch, trotz der unzweifeligen Wahrhaftigkeit der Berichte von Hayes' Diener, ist Jonathan Bradford nicht unschuldig gestorben. Auch er hatte seinem Beichtvater, nachdem er zum Tode verurteilt war, ein Bekenntnis abgelegt.

Jonathan Bradford war kein unschuldiger Mann. Er hatte mit lüsterner Gier Hayes am Abend zugehört, als der von seinen Schätzen sprach. Mit der Absicht, den reichen Gast zu ermorden und zu berauben, war er in der Nacht, Messer und Laterne in der Hand, in sein Zimmer geschlichen. Als der Mörder fand, daß ihm ein anderer zuvorgekommen, hatte Entsetzen ihn ergriffen. Er glaubte an ein Blendwerk der Hölle, an eine Täuschung der Sinne. Er wollte sich überzeugen, er streifte die Bettdecke ab; dabei entfiel ihm das Messer. Rasch griff er es auf, als er Geräusch hörte, und so stand er mit blutigem Messer und blutbefleckten Händen da, als ihn die Zeugen betrafen, deren Aussage ihn dem Henker überliefern mußte.

Goya

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