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Das peinliche Gericht

Alexander Benzion: Das peinliche Gericht - Kapitel 15
Quellenangabe
authorAlexander Benzion
titleDas peinliche Gericht
publisherJosef Singer Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Eusèbe Pieydagnelle

Die Verhandlungen vor dem Schwurgericht des französischen Provinzstädtchens gingen zu Ende. Das Tatsächliche des Falles lag klar: Eusèbe Pieydagnelle hatte sich ja selbst des Mordes bezichtigt, um dessentwillen er nun vor den Geschworenen stand, und selbst die Leiche seines Opfers, des Metzgers Cristoval aus Vieuville, vor Gericht gebracht.

Der Staatsanwalt hatte gesprochen, der Verteidiger zugunsten seines Klienten das Wort ergriffen. Dem Gesetz gemäß richtete der Vorsitzende des Gerichtshofes, ehe die Geschworenen zur Beratung sich zurückzogen, die Frage an den Angeklagten, ob er noch etwas zu bemerken habe.

Da erhob sich Eusèbe Pieydagnelle zu folgenden Worten:

Gott bewahre mich, Herr Präsident, etwas zu erwidern, was auf Ihr Urteil Einfluß haben könnte! Ich danke meinem Advokaten, daß er so dummes Zeug geschwatzt hat. Ich wußte es zwar im voraus, als ich mich ihm anvertraute und ihn zu meinem Verteidiger erwählte, aber er hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen.

Wenn ich die geringste Spur von Mitleid in Ihren Augen lesen könnte, so würde ich neue Schuldbeweise gegen mich erfinden. Doch ich bin, Gott sei Dank! gewiß, daß ich schuldig gesprochen werden muß, und brauche mir also nicht noch besondere Mühe zu geben.

Was verlangt man denn von Ihnen, meine Herren Richter? Sie sollen ein feierliches, unanfechtbares, gerechtes Urteil sprechen, welches von den Zeitungen mit tönenden Phrasen verkündigt wird und weder Ihre Seelenruhe noch Ihren Schlaf stört.

Ich aber will sterben. Sie sehen also, wir werden uns leicht verständigen.

Es ist doch seltsam, daß man mit dem Wunsche, aus diesem Leben abzuscheiden, dennoch seine Rechnung nicht selbst abschließt, wenn man auch mit der Handhabung des Messers vertraut ist. Oftmals habe ich daran gedacht, ein Ende zu machen, aber immer verlor ich den Mut, ich fürchtete mich. Die Gedanken, welche man mir in der Jugend über den Selbstmord einpflanzte, mögen mich zurückgehalten haben. Sehen Sie, ich glaube an ein Jenseits. Sie werden sagen, ich spräche Unsinn, aber stände ich denn hier, wenn ich nicht unsinnig wäre? Weil in meinem Herzen alles sich selbst widerspricht, eben deshalb bin ich ja der Elende, den Sie verurteilen sollen. Gott wird mich ebenfalls richten, und ohne Sie beleidigen zu wollen, darf ich wohl erklären: ich fürchte den Richterspruch Gottes mehr als den Ihrigen, denn die Vorsehung sieht sich die Sache zweimal an, ehe sie die Entscheidung fällt. Der Herr Staatsanwalt hat mich in der Voruntersuchung als Phänomen der Monomanie, als pathologische Merkwürdigkeit und was weiß ich, als was sonst noch ausgegeben. In Wirklichkeit bin ich ein berüchtigter Mörder, und die Köpfe solcher Leute müssen durch ein gewaltiges Herabschnellen der Guillotine vom Körper getrennt werden. Ich bin vielleicht unzart oder gar roh in meinen Äußerungen, und dennoch darf ich Sie versichern, ich bin von jeher ein Verehrer der Dichter und ihrer Werke gewesen.

 

Hier unterbrach der Präsident den Angeklagten und machte ihm bemerklich, daß es in seinem eigenen Interesse läge, schneller zur Sache zu kommen.

 

Nun wohlan, fuhr dieser fort, ich habe ebenfalls Eile, zu Ende zu kommen. Ich bin gebürtig aus Vieuville, es ist ein achtbarer und schön gelegener Ort, welcher auf mich nicht stolz sein wird. Seit meiner Geburt sind dreiundvierzig lange, unendlich lange Jahre verflossen; ich fühle mich so alt, so müde wie ein Greis, der hundert Jahre gelebt hat; dennoch erinnere ich mich an alle Ereignisse und Erlebnisse meiner Jugend, als hätten sie gestern stattgefunden. Mein Vater, ein wohlhabender Bürger, wohnte in der Straße Bas-Préan, neben dem Bürgermeisteramte, in einem zweistöckigen, sauberen und bequemen Hause, so 'nem richtigen Neste für tugendhafte Herzen. Mein Vater und meine Mutter standen in allgemeiner hoher Achtung, man verehrte sie fast wie Heilige. Ich habe es lediglich ihrer Bravheit zu verdanken, daß ich dreiundzwanzig Jahre unbescholten blieb.

 

Unserm Hause gegenüber lag die Metzgerei und die Fleischbank des Herrn Cristoval, ein netter, sorgfältig in Ordnung gehaltener Laden, welcher stets mit Rosen von roter Leinwand und Papierspitzen verziert war. Herr Cristoval betrieb sein Geschäft nicht wie ein Handwerker, sondern wie ein Künstler. Es machte mir ein absonderliches Vergnügen, die auf der Bank ausgelegten Fleischstücke zu betrachten: sie waren so geschmackvoll angeordnet, daß sie bald wie flammende Blumen, bald wie blutige Herzen, bald wie das Profil Napoleons I. aussahen. Zweimal in der Woche wurden Tiere in das Schlachthaus geführt. Ich fühlte wenig Mitleid mit ihnen, obgleich ich wußte, daß sie dem Tode entgegengingen, denn sie interessierten mich in viel höherem Grade, wenn sie zerstückelt und schön geschmückt zum Verkaufe dalagen, als wenn sie mit Kot und Schmutz bedeckt ankamen. Der Schreck, den ich anfänglich bei dem Anblick der blutigen Hände, der rotgefärbten Holzschuhe, der langen Messer mit den daran hängenden Faschinen empfand, verwandelte sich allmählich in die größte Bewunderung. Der Apothekerladen des Herrn Lubin mit seinen jeden Abend rot leuchtenden Lichtern, das Bürgermeisteramt mit seinem herrlich gemalten Saale, das Museum, das Gerichtsgebäude, die Kirche mit ihren Wachskerzen, ihrem Weihrauch und der brausenden Orgel – nichts schien mir den Vergleich auszuhalten mit der Fleischbank Cristovals. Der Geruch des frischen Blutes, das appetitlich daliegende Fleisch, der Glanz des alltäglich blank geputzten Kupfers, welches immer mit neuen Blumengirlanden umgeben war, die weiße Marmorauslage, die blutigen, ausgeschnittenen Figuren in dem Fleisch, das alles erregte mein Entzücken, und ich fing an, den Metzgerknecht zu beneiden, welcher mit aufgestreiften Ärmeln und blutgetränkten Händen bei der Schlachtbank beschäftigt war.

Damals war ich noch nicht der kräftige, braungebrannte Bursche, den Sie jetzt vor sich sehen, sondern ein siebenjähriges Kind, furchtsam, schwächlich und zart, dessen Anblick jedermanns Mitleid herausforderte. Dies war auch die Veranlassung, weshalb Herr Cristoval eines Morgens, als er seine Auslage aufputzte und ich, vor Kälte zitternd, dabeistand, zu meinem Vater sagte: »Vertrauen Sie mir Ihren Sohn auf einige Zeit an, Nachbar! Sie sollen ihn zurückempfangen, stark wie einen Ochsen und heiter wie eine Lerche! Wer mit Blut zu tun hat, der wird kräftig; wenn es ihm keinen Abscheu einflößt, den Tag über bei uns zu sein, so wird es ihm gut tun. Das Latein ist für die Pfarrer. Sie können es ihm später einbleuen lassen, wenn Sie es durchaus wollen, aber vorerst muß der Junge Muskeln bekommen. Ich schätze Sie und Ihre Frau hoch und will Ihnen mit meinem Anerbieten einen Dienst erweisen.«

Meine Mutter hatte andere Pläne mit mir, und es war nicht nach ihrem Geschmacke, daß ich in eine Metzgerei gehen sollte; mein Vater indes machte ihr begreiflich, ich sei ja nur ein paar Schritte von ihnen entfernt und würde kräftiger werden: ein gesunder Körper aber sei die notwendige Vorbedingung für eine gesunde geistige Entwicklung. Ich selbst sagte, wie glücklich ich mich fühlen würde, wenn ich so stark wäre wie meine Kameraden, und so gab die gute Frau ihre Einwilligung; ich kam zu unserem Nachbar.

Allmächtiger Gott, warum hast du dies zugelassen? Diese und manch andere Frage will ich an Gott richten, sobald ich, meinen Kopf unter dem Arme, vor ihn hintreten werde ...

Cristovals Gehilfe wurde mein bester Freund und Kamerad. Er hieß Antoine Bricogne und war ein gutes Tier, das da ohne Skrupel einen Ochsen niederschlug, aber vor jedem Hunde den Hut gezogen haben würde, hätte er ihm aus Versehen auf die Pfote getreten. Er lehrte mich, die geschlachteten Tiere abziehen, zerteilen, das Fleisch herrichten. Vom Morgen bis zum Abend im Schlachthause, befestigte sich meine Gesundheit zusehends. Kehrte ich zur Essenszeit zu meinen Eltern zurück, dann küßte mich meine Mutter zärtlich und sagte wohl: »Wie gut er jetzt aussieht, der liebe Kleine, er ist ja wie neugeboren und wird ein ganzer Mann werden!« Mahnte der Vater an die Wiederaufnahme der Schularbeit, so erwiderte jetzt sie: »Ach, das hat noch Zeit, laß ihn.«

Als die Kur so gut anschlug, fing ich an Blut zu trinken; ja, wenn ich sicher war, daß niemand es bemerkte, verwundete ich die Tiere und sog das hervorströmende Blut. Ich wuchs, wurde breitschultrig, und mein Körper entwickelte sich, wie man es nur wünschen konnte; aber meine Seele wurde hart. Die blutige Arbeit im Schlachthause und die übermäßige Zärtlichkeit meiner Mutter machten aus mir ein Gemisch von kalter Grausamkeit und eifriger Bigotterie.

In freien Stunden lehrte mich Bricogne Papierschiffe anfertigen, welche wir auf den Blutlachen herumschwimmen ließen, er lehrte mich mit den Messern hantieren, so daß ich auf fünfundzwanzig Schritte eine Oblate treffen konnte. Aber das Süßeste ist doch, wenn man fühlt, wie ein Tier unter dem Messer zittert. Das fliehende Leben schlängelt sich der Klinge entlang in die Hand hinein, die das tödliche Werkzeug hält.

Endlich bestand mein Vater darauf, mich von Cristoval wegzunehmen und in ein auswärtiges Gymnasium zu schicken; aber es war zu spät, ich war bereits ein blutdürstiges Ungeheuer geworden. Unfähig, meine Verzweiflung darüber, daß ich die Metzgerei verlassen sollte, zu verbergen, heuchelte ich und stellte mich an, als schmerzte mich die Trennung von Vater und Mutter; in Wirklichkeit hatte ich Heimweh nach dem Blute.

Zuerst leistete ich im Gymnasium gar nichts; allein aus Langweile entschloß ich mich endlich zu arbeiten, und siehe da, ich bekam zu meinem nicht geringen Erstaunen bei der Prüfung den ersten Preis. Mein Vater war höchst erfreut und wollte mich sogar die Zentralschule besuchen lassen, um etwas Rechtes aus mir zu machen. Aber meine Mutter, die mich gern bei sich haben wollte, bat so lange, bis er mich wieder nach Vieuville zurücknahm. Dies war eine teuflische Laune des Zufalls!

Ich sehe, Sie blicken nach der Uhr, meine Herren. Es ist wohl schon spät, aber Sie müssen, ehe Sie mich abtun und zum Essen gehen, noch eine Menge Dinge erfahren.

Ich war also wieder im Vaterhause. Cristovals Fleischerladen befand sich noch immer gegenüber, aber ich durfte nicht mehr daran denken, wie ehemals dort zu verkehren. Ich war ein junger Herr geworden, und man hätte es weder begriffen noch verziehen, wenn ich, wie andere etwa die Musik oder die Malerei, das Metzgerhandwerk aus Liebhaberei hätte betreiben wollen.

Bricogne hatte die Stadt verlassen, ich war allein, die Zeit verging mir langsam und traurig. Mein Vater brachte mich zu dem Notar Pelucheux, bei welchem ich allerhand Verträge kopieren mußte. Soldat wurde ich nicht, weil meine Mutter einen Ersatzmann für mich bezahlte. Vielleicht hätte mich der Soldatenstand gerettet!

Mein Zimmer lag dem Tore des Schlachthauses gegenüber, und ich stand jeden Morgen am Fenster, um das Schlachten mit anzusehen. Der mächtige Anprall des wuchtig mit dem Schlägel geführten Kopfschlages, unter welchem der Ochse zusammenbrach, klang in meine Ohren wie Sphärenmusik.

Wäre der Apothekerladen uns gegenüber gewesen, vielleicht wäre alles anders gekommen, aber man muß die Dinge nehmen, wie sie sind. Was geschehen ist, ist vorbei, und der Rest geht Sie an ...

Am 15. Juni 1860 kam die Post von La Garigue eine Stunde später als gewöhnlich an. Da sie sich sonst nicht zu verspäten pflegte, so erregte das Ereignis Aufsehen, und mehrere Menschen drängten sich an den Wagen, um den Grund zu erfahren. »Ei, du Schlafmütze,« rief der Stallbursche dem Postillon zu, welcher sich anschickte, die Pferde auszuspannen, »du bist schön langsam gefahren! Der Branntwein schmeckte wohl gut?«

»Behalte deinen Witz für dich,« erwiderte der Postillon. »Wir fanden auf der Station Préaux-Bois die Tochter des Wirtes ›Zum blauen Hahn‹ mit einem Messer an den Küchentisch angeheftet, die Spitze stak im Holze, der Griff stand beim Haarknoten heraus. Das war es, und das kann einen schon eine Stunde aufhalten.«

Ein Schauder durchlief die Menge. Als der Wirt selbst nun traurig und niedergebeugt aus dem Wagen stieg, umringte ihn das Volk und begleitete ihn bis zu dem Gericht, vor welchem er seine Aussage zu Protokoll gab.

Alles wurde aufgeboten, um den Mörder zu entdecken, und viel Papier verschmiert. Aber es war vergebliche Mühe.

Arme Lurotte! Glauben Sie mir, ich habe sie hundertmal beweint. Sie war ein braves, zuvorkommendes, liebes Mädchen. Ich kam in der Nacht vom 14. zum 15. Juni nach La Garigue, wohin mich Herr Pelucheux in Geschäften geschickt hatte. Es war bereits 11 Uhr vorüber und stockfinster, als ich am ›Blauen Hahn‹ anlangte. Ich wunderte mich, durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden Licht schimmern zu sehen, denn gewöhnlich schlief um diese Zeit alles im Hause. Ich dachte an Lurotte. Sie ist vielleicht noch auf, um einen verspäteten Reisenden zu erwarten, sagte ich mir. Ein Glas Bier ist rasch getrunken, ein Kuß ist rasch genommen und gegeben. Die Tür stand halb offen, und ich trat ein. Soll ich Ihnen die Lokalität beschreiben? Aber Sie haben ja die Photographie des Hauses gesehen, und die Photographie ist eine schöne Erfindung; die Küche und das Gastzimmer gehen auf die Straße heraus, die übrigen Zimmer liegen auf der andern Seite.

Lurotte schlief neben dem großen Herde. Sie war über den langen Tisch in der Mitte der Küche gebeugt, ihre Stirn lag auf ihren wie zum Gebet gefalteten Händen. Ihre weißen Arme hoben sich von dem roten Tischtuche ab. Ihr Hals war entblößt, und ihr schwerer hochgesteckter Haarknoten ließ den üppigen anderen Haaren Raum, die lose auf den breiten Nacken herabwallten. Der Tisch stand an dem bis zum Dachfirste gehenden Pfeiler, an welchem eine trübe, rauchende Lampe hing. Das flackernde Licht beleuchtete die schöne Schläferin recht malerisch. Auf dem Herde glimmte das Feuer, und hie und da züngelte eine Flamme empor, welche phantastische Schatten auf der Decke abzeichnete.

Lurotte war allein. Ich näherte mich ihr, alles war still, ich hörte nur ihre gleichmäßigen Atemzüge und das Ticken der Uhr, die in der Ecke stand und aussah wie eine Eule ohne Augen. Was sich nun meiner Sinne bemächtigte, ist so seltsam, daß ich nicht weiß, wie ich es in Worte kleiden soll. Sie können nicht begreifen, wie mir zumute war, sie müßten denn zuvor verrückt werden, so wie ich es auch war in jener Nacht.

Als ich das schöne junge Wesen ansah, dachte ich zuerst daran, sie zu küssen. Ich beugte mich nieder, um meine Lippen auf ihren weißen Hals zu drücken. Aber ich hielt inne: ein geraubter Kuß hat keinen Wert – ich wollte sie lieber aufwecken. Und doch konnte ich mich dazu nicht entschließen. Ich schaute den prächtigen Nacken an, meine Pulse fingen an zu schlagen, meine Phantasie begann zu arbeiten.

Ich wähnte, am Halse von Lurotte zwei lächelnde Lippen zu sehen, welche mir lockende Küsse zusandten. Ich beugte mich tiefer, und siehe, die Lippen öffneten sich immer weiter, aber hinter ihnen sah ich nicht weiße Zähne, sondern perlendes, schäumendes Blut quoll hervor. Zwei dünne Blutströme ergossen sich aus den zwei Ecken der Wunde und bildeten auf dem Tischtuche eine scharlachrote Lache, von welcher die weiße Silhouette Lurottes grell abstach. Das alles sah ich, und der Schweiß trat mir auf die Stirn.

Neben dem Mädchen lag ein langes, scharfes Küchenmesser. Bei meinem Eintreten hatte ich es nicht gesehen, aber jetzt fiel ein Lichtstrahl auf die Klinge und sie blinkte mir einladend entgegen. Ich wollte fliehen, aber ich konnte nicht, ich schloß die Augen, aber ich sah ebenso deutlich, es zog mich mit magnetischer Gewalt hin zu dem Messer. Ich ergriff es, aber – Gott weiß – ich wollte der Schläferin nichts anhaben. Und dennoch erhob ich den Arm und stieß zu. Ich sah einen leuchtenden Punkt und hörte den entsetzlichen Schrei des zum Tode getroffenen Opfers, der mich noch jetzt in der Nacht oft aufweckt. Ich sah, daß Lurotte ihre Hände ausstreckte, ich fürchtete, sie würde aufstehen, und stemmte mich mit voller Kraft auf das Messer. Hätte sie sich erhoben, ich wäre vor Furcht gestorben. Aber sie zuckte nur noch krampfhaft und rührte sich nicht mehr.

Nun wollte ich fort, ich konnte jedoch die Tür nicht finden. Das Blut schoß mir so gewaltsam nach dem Kopfe und hämmerte so an den Schläfen, daß ich wankte und mich festhalten mußte, um nicht niederzustürzen. Endlich ergriff ich die Türklinke; das kalte Eisen erschreckte mich, es war mir, als wenn es die Hand durchstoße und mir den Körper zerreiße. Ich eilte fort in die freie Luft. Da wurde mir wieder wohl, ich stürmte nach Hause. Ich gelangte in mein Zimmer, schloß es zu, warf mich auf mein Bett und schlief ein. Am anderen Morgen sah ich dem Schlachten bei meinem Nachbar nicht zu.

 

Am 19. Oktober 1860 fand man einen Hausierer tot in einem Schleusengraben, hundert Schritte von der Pommier-Mühle. Es war ein schöner junger Mann, etwa 19 Jahre alt, der ein sehr heiteres Gemüt besessen hatte.

Als ich ihm begegnete, saß er am Abhange der Straße und verspeiste etliche Früchte, die er am Wege gefunden, und ein Stück Brot, in welches er mit seinen weißen Zähnen wacker einhieb. Ich setzte mich neben ihn und forderte ihn auf, mir sein Nomadenleben zu schildern. Er erzählte mir, er habe weder Vater noch Mutter, wohl aber zwei Schwestern, die eine zehn, die andere sieben Jahre alt. Er war ihr Versorger, sie lebten von dem, was er mit seinem Geschäft erwarb, in einem vom Pfarrer beaufsichtigten Institut. Jeden Monat kam er in ihr Dorf. Er verweilte einen Tag bei ihnen, herzte und küßte sie, ließ sich von ihnen erzählen, wie es ihnen erging, und begab sich dann wieder auf die Wanderschaft.

Als er sein Brot verzehrt hatte, nahm er aus der Tasche ein Messer, um einen Apfel zu zerschneiden. »Jetzt ist der Augenblick für das Dessert gekommen,« sagte er, »ich werde es mit vollem Behagen verzehren und den Apfel kunstgerecht schälen! Sie sehen, ich pflege mich.« Es war ein herrlicher Tag, alles duftete und glänzte, die Gegend lag da gleich einem Paradiese. Man hätte denken sollen, bei so hellem Sonnenschein könnte kein Werk der Nacht vollbracht werden. Unglücklicherweise traf ein Strahl das Messer des Burschen und ließ es hell leuchten. Von diesem Moment an wandte ich keinen Blick mehr ab von dem Stahle. Alles tanzte und funkelte um die Klinge herum, ein roter Nebel umfing meine Augen.

»Wollen Sie einen Apfel, Herr? Es liegen noch mehrere hier auf dem Rasen, und das fallende Obst gehört Ihnen so gut wie mir,« sagte er. »Während ich meinen Pack schnüre, leihe ich Ihnen mein Messer, aber Sie müssen sich eilen, denn ich muß mich rasch wieder auf den Weg machen. Ich habe noch fünf Meilen bis nach Hause zurückzulegen, und wenn ich heute abend nicht zu meinen Kleinen komme, wie ich es versprochen, so geht die Welt unter!«

Er gab mir das Messer und bückte sich über seinen Reisesack, um ihn zuzuschnallen. O du armer Knabe, du armer Engel! Was hattest du Gott zu Leide getan? O Schicksal, warum hast du ihn auf meinen Weg geführt? ... Der arme Junge ist nun tot, und ich habe nicht den Mut, Ihnen zu erzählen, auf welche Weise ich ihn gemordet habe.

Sie sehen, ich bin eine Mordmaschine. Ich tötete niemals aus Haß, aber ich mußte töten. Das eben macht mich furchtbar und gebietet Ihnen, mich zu vernichten.

Die Behörden waren nicht glücklicher in ihren Nachforschungen als das erstemal. Man verstärkte zwar die Gendarmerie, setzte Belohnungen aus, um dem Mörder auf die Spur zu kommen, der Pfarrer sprach von der Kanzel über die Schlechtigkeit der Welt, der Bürgermeister versicherte, daß sich eine noch stärkere und gefährlichere Bande wie die des Räuberhauptmanns Cartouche im Lande festgesetzt habe. Und der Erfolg war: am 6. März 1861 wurde der Polizeikommissar in einem Busche aufgefunden, erstochen wie vormals Lurotte und der Hausierer, am 7. November 1861 kam der Pfarrer von Pommerelles an die Reihe, und am 12. März 1863 der Wagner Martin von La Chappe.

In Vieuville überstieg der Schrecken alles Maß. Man verwahrte die Häuser mit doppelten Riegeln, man änderte die Schlösser an den Türen und ließ die Fenster im Erdgeschoß vergittern. Es war fast lustig, alle die Geschichten zu hören, die abends am Herde erzählt wurden. Da war beinahe niemand, der nicht einer großen Gefahr entronnen wäre. Mit dem Anbruch der Nacht schlossen sich auch beherzte Männer in ihre Wohnungen ein, und wer durchaus noch ausgehen mußte, ließ sich begleiten.

Eines Abends war der Pfarrer von Saint-Eustache zu uns zum Spiel gekommen, mein Vater wollte ihn nicht allein in das Pfarrhaus zurückkehren lassen und befahl mir, ihn heimzubringen. Meine Mutter wurde totenblaß und sagte halblaut: »Maxime, wo denkst du hin? Der Junge müßte ja allein zurückkehren. Heilige Maria, wenn man ihn unterwegs ermordete!«

»Das wäre immer noch besser,« antwortete mein Vater, »als wenn der Gast getötet würde, und es hinterdrein hieße: das wäre nicht geschehen, wenn Pieydagnelle mitgegangen wäre. Ich werde den Abbé begleiten.«

»Wir wollen alle zusammen mit, das wird den Banditen Respekt einflößen,« erwiderte die Mutter.

»Nun, Marianne,« lachte der Vater, »du wärest die Rechte, um jemand Furcht einzujagen! Nein, liebe Alte, bleibe du hübsch beim Feuer sitzen, der Junge soll mitgehen, und ich begleite ihn. Das ist mehr als genügend, denn man greift ja nur einzelne Menschen an, wie wir alle wissen.«

Wir gingen mit dem Abbé, und auf dem Rückwege zitterte mein Herz aus Besorgnis für meinen Vater. Ich liebte den guten Mann so zärtlich. Ich vergaß ganz, daß ich selbst der Mörder war, und wünschte fast, es möchte jemand einen Angriff auf meinen Vater wagen. O, wie hätte ich ihn verteidigen wollen! Es muß ja eine Wonne sein, mit gutem Grund Blut zu vergießen! Wäre ich zu Felde gezogen, es wäre ein Held aus mir geworden, wenn man mir nicht etwa vorher den Garaus gemacht hätte. – Übrigens müßte mir meine Vaterstadt dankbar sein, denn nur aus Angst vor mir ist die Gasbeleuchtung eingeführt worden.

 

Vater und Mutter starben, und am 7. Oktober 1864 verließ ich Vieuville. Ich bin kein undankbarer Mensch, sondern ich danke dem Himmel, daß er meine Eltern weggenommen hat, ehe sie mein böses Herz erkannten. Ich hoffe, durch meinen Tod wird alles hier und in einer anderen Welt gesühnt werden. –

Da ich keine Lust empfand, irgendein Geschäft zu treiben, entschloß ich mich, im freien Walde als Einsiedler zu leben. Ich habe das sechs Jahre lang durchgeführt, jeden Umgang mit Menschen gemieden, keine andere Zerstreuung gehabt als die Jagd, und berührte in der ganzen Zeit, um nicht in Versuchung zu geraten, niemals ein Messer. Ist es nicht sonderbar, daß ich um keinen Preis einen Menschen mit einem Gewehr hätte töten können, und daß der Anblick eines Messers immer einen wahnsinnigen Blutdurst in mir wachruft?

Wissen Sie, was die Welt sagte, wie man in meiner Vaterstadt von mir sprach? »Der arme Eusèbe!« so hieß es allgemein, »der Tod seiner Eltern hat ihn verrückt gemacht, und er ist auf- und davongegangen. Ein so ruhiger, so kalter Mensch! Wer hätte je gedacht, daß er so zum Äußersten getrieben werden könnte!« So falsch beurteilen die Menschen einander!

Das braucht aber nicht von Ihnen zu gelten, meine Herren. Denn mit Ihnen spiele ich offenes Spiel und feilsche nicht um meinen Kopf, der ein gar elendes Stück ist. – Ich komme nun zu dem entsetzlichen Ereignis, welches die Veranlassung geworden, daß ich vor Ihnen stehe.

Ich lebte also, wie ich schon erwähnte, im Walde. Eines Nachts, es war am 3. August 1870, und der Mond schien hell, hörte ich an die Tür meiner Hütte klopfen. Es war dies schon öfter geschehen, etwa zweimal in jedem Jahre, aber ich hatte die Gäste nie freundlich empfangen, so daß sich die Leute zuletzt vor mir fürchteten und mich in Ruhe ließen. Mir war das sehr recht, ich befand mich viel wohler, seit ich nicht mehr belästigt wurde. Auch diesmal kümmerte ich mich nicht um das Klopfen, sondern blieb auf meinem Lager von dürren Blättern liegen und dachte, der Mensch würde sich wieder entfernen. Allein die Tür, die nicht verschlossen war, öffnete sich, ich sah eine Gestalt vor mir stehen und hörte eine mir bekannte Stimme: »Holla! Ist denn niemand hier, der mir den Weg zeigen könnte?« Ich erschrak, mein Herz fing an zu klopfen, der Schweiß drang mir aus allen Poren. Es war der Metzger Cristoval, der vor mir stand. Ich wollte mich verbergen, aber unwillkürlich rief ich: »Cristoval, sind Sie es wirklich?«

»Wer Teufel kennt mich hier? Wenn ich Ihnen antworten soll, dann zeigen Sie sich,« rief er zurück.

In mir kämpften die widersprechendsten Gefühle. Ich empfand Freude darüber, den Mann wiederzusehen, dem ich die einzigen Genüsse verdankte, die ich jemals gehabt, und zugleich befiel mich ein Grauen bei seinem Anblick, denn er hatte die mörderische Lust in mir neu angefacht. Ich sagte mir wohl, er sei unschuldig daran, daß ich ein Mörder geworden, dennoch konnte ich mich eines Gefühls des Hasses und des Ingrimmes ihm gegenüber nicht erwehren. Ich hatte während meiner Verbannung aus der menschlichen Gesellschaft oft genug den Einfluß verflucht, den er auf mich und mein Leben geübt. Ich überwand mich indes, reichte ihm die Hand und sagte: »Herr Cristoval, ich will Ihnen sogleich sagen, wer ich bin. Sie würden mich nicht erkennen, wenn es auch heller Mittag wäre, so sehr habe ich mich verändert. Erlauben Sie mir, Sie in die Arme zu schließen. Ich bin Eusèbe Pieydagnelle, Ihr alter Lehrbursch.«

»Also ist es doch wahr,« erwiderte er, »was man mir erzählt hat! Komm her, Bursche!« Dabei gab er mir die Hand und zog mich an seine Brust. Ich preßte ihn lange und innig an mich. Die Berührung des Mannes, den ich seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr gesehen hatte, rief mir das Andenken an Vater und Mutter zurück. Die glückliche Jugend trat mir vor die Seele, ich fühlte mein Herz froh werden.

Es entspann sich nun etwa folgendes Gespräch zwischen uns:

»Wie freut es mich, mein Junge, dich wiederzusehen! Das ist gewiß nicht bloß ein blinder Zufall, der mich hierher geführt hat.«

»Wie kommt es denn, Herr Cristoval, daß Sie in diesem Walde, zwei Tagereisen von der Heimat entfernt, allein herumirren?«

»Ich habe heute morgen die Fahrpost versäumt, mein Sohn. Von der Hitze ermüdet und in der Meinung, sehr viel Zeit übrig zu haben, ließ ich mich durch den kühlen Schatten verleiten, legte mich in einem Gehölz an der Straße nieder und schlief ein. Die Glocken der Post, auf die ich wartete, klangen wahrscheinlich weniger hell als gewöhnlich, und ich wachte nicht auf, als sie vorbeikam. Nun entschloß ich mich, zu Fuße weiter zu gehen, und hoffte, La Garigue noch rechtzeitig zum Abgang des Zuges zu erreichen. Dicht neben der Straße zog sich der Wald hin, der Schatten lockte mich abermals, ich ging in den Wald, verirrte mich aber und bin nun bereits zwei Stunden ohne Weg und Steg herumgelaufen. Ich beklage mich aber nun nicht mehr darüber, da ich dich gefunden habe, und werde die Nacht bei dir bleiben.«

»O, das geht nicht, Herr Cristoval, das ist ganz unmöglich!«

»Weshalb denn nicht?«

»Ich will nicht, daß Sie hier übernachten. Ich führe Sie einen Waldweg, auf welchem Sie in zwei Stunden nach La Garigue kommen, und unterwegs können wir plaudern.«

»Nun, du bist recht freundlich, das muß ich sagen. So empfängst du einen so alten Freund wie mich? Ich werde aber dennoch bei dir bleiben und sogar gut schlafen, so müde bin ich. Vorher aber wollen wir ein Stück Fleisch miteinander verzehren, welches ich zu mir gesteckt habe.«

»Wir können es ebensogut auf dem Wege tun, Herr Cristoval. Ich kann nicht dulden, daß Sie bei mir schlafen.«

»Gut! Da es dir gefällt, deinen ehemaligen Lehrherrn so zu empfangen, mich, dem du das Mark in den Knochen und das Blut in den Adern zu verdanken hast, so werde ich dich nicht lange belästigen. Du befolgst wahrscheinlich die Mode der Wölfe, die auch keinen Menschen beherbergen!«

»Herr Cristoval, es geschieht nur zu Ihrem Besten. Urteilen Sie nicht nach dem äußeren Scheine, Sie werden sonst unter zehnmal neunmal irren. Ich sage Ihnen dies aus reiner Freundschaft und Zuneigung.«

»Nun, ich sehe, es ist wahr, was man von dir sagt, du bist fast ganz verrückt. Ich hätte hier auf den dürren Blättern so gut geschlafen, aber du willst es nicht, also machen wir uns auf den Weg.«

Während wir miteinander durch den Wald gingen, erzählte mir Cristoval tausend Dinge, die zwar an sich wenig Bedeutung hatten, aber mich lebhaft interessierten, denn sie bezogen sich auf Ereignisse in Vieuville: Er hatte seine Metzgerei an Bricogne verkauft und wollte sich nach Soissons zurückziehen. Die beiden Fräulein Pidoux, die ich kannte, hatten geheiratet, die jüngere hatte vier, die ältere drei Kinder. Die Apotheke war abgebrannt. Aber die größte Neuigkeit war die Gefangennahme des Mörders, der Lurotte, den Hausierer, den Polizeikommissar, den Pfarrer von Pommerelles und den Wagner Martin von La Chappe umgebracht hatte.

Als ich dies vernahm, befiel mich ein Schwindel, mir war, als müßte ich umsinken, das Blut stieg mir in den Kopf, ein seltsamer Geschmack trat mir auf die Zunge, der Mond schien mir rot gefärbt zu sein, ich sah rings um mich Blut, nichts als Blut.

»Nun was hast du denn?« fragte der Fleischer und wollte mich halten, daß ich nicht fiele.

»Rühren Sie mich nicht an,« rief ich, »mir fehlt nichts, gehen Sie Ihres Weges fort!«

»Wahrhaftig,« erwiderte er, »du bist nicht recht gescheit und tust wohl daran, in deiner Höhle wie ein wildes Schwein zu leben. Zu Menschen paßt du nicht.«

»Wer ist der Unglückliche, den man verhaftet hat?«

»Du kennst ihn, er war einer von deinen Freunden: Anthime Lebègue, der erste Schreiber bei Pelucheux.«

»Anthime ein Mörder! Die das gesagt haben, haben gelogen! Es gibt keinen ehrlicheren Mann als ihn in ganz Vieuville! Ach, ihr seid böse Menschen da unten! Anthime Lurottes Mörder! Armer Kerl! Was ist mit ihm geschehen?«

»Was mit allen solchen Elenden geschieht. Zuerst hat man ihn hinter Schloß und Riegel gesetzt, dann hat man die Sache untersucht und endlich ihn abgeurteilt. War das ein Durcheinander! Etliche sprachen für ihn, andere gegen ihn; aber angesichts der Beweise ...«

»Welcher Beweise?«

»Erstens hatte man doch in Lurottes Tasche einen Brief von ihm gefunden, in welchem er ihr schrieb, sie solle ihn zwischen 11 und 12 Uhr erwarten.«

»Und was beweist das?«

»Daß der Schurke zu der Zeit, wo der Mord verübt wurde, bei ihr war. Auch gestand Anthime, daß er im ›Blauen Hahn‹ gewesen sei, nur behauptete er: er habe die Tür verschlossen gefunden, an die Läden geklopft, aber niemand habe ihm geöffnet, obwohl noch Licht in der Küche gewesen sei. Aus Furcht, das Mädchen bloßzustellen, habe er nicht Lärm geschlagen, sondern sich entfernt. Das hat er natürlich erfunden.«

»Weshalb soll es denn nicht wahr sein?«

»Weil der Schlüssel doch auf der Straße gelegen hatte. Die Tür war nicht von innen versperrt, sondern von außen zugeschlossen gewesen.«

»Ein anderer konnte sie ja nach vollbrachter Tat zugeschlossen haben.«

»Es kam aber heraus, daß damals an seinem Schuhwerk Blutspuren gewesen waren.«

»Wieder ein schöner Beweis! Lurotte hat stark geblutet. Das Blut floß ja wie ein Strom, es wird durch den Hausflur zur Tür geflossen sein, und Anthime hat hineingetreten.«

»Was weißt du denn davon?«

»Ich? Nichts! Nur was die anderen wußten. Aber es ist ja klar, daß Anthime nicht den Mord begangen hat. Er mit einem Messer hantieren!«

»Woher weißt du denn, daß Lurottes Blut in Strömen geflossen ist? Du bist ja ganz erhitzt. Du sprichst, als wenn du mehr wüßtest, als du sagen willst. Wenn du dem Gericht nähere Aufklärungen geben kannst und unterläßt es, so bist du ein Schurke: In acht Tagen wird Anthime guillotiniert!«

»Ich, ich weiß nichts, nicht mehr, als die andern seinerzeit wußten.«

»Sieh mir in das Gesicht! Du hast es, seit wir zusammengetroffen sind, vermieden, mich anzusehen.«

»Ich sehe Sie an, und was weiter?«

»Du warst befreundet mit Anthime.«

»Ich war sein einziger Freund.«

»Weshalb hast du dich in den Wald zurückgezogen wie ein wildes Tier?«

»Das ist meine Sache. Ich brauche darüber keine Auskunft zu geben.«

»Es ist aber unnatürlich, so im Walde zu leben.«

»Wenn es nun mein Geschmack ist.«

»Höre, soll ich dir etwas sagen? Es würde mich nicht wundern, wenn du Anthimes Mitschuldiger wärest.«

»Ich bedanke mich, Herr Patron. Sie haben eine Manier zu scherzen, die Ihnen übel bekommen könnte, wäre ich der Mensch, für welchen Sie mich halten.«

»Ich fürchte mich nicht, wie du weißt. Ich habe eine feste Faust und in der Tasche ein Instrument, mit welchem ich dir die Haut durchlöchere, wenn du mir zu nahe kommst. Du kennst mich ja.«

»Um uns solche Dinge zu sagen, brauchen wir wahrhaftig nicht um die Mitternachtsstunde zusammen im Walde zu bleiben. Hier ist Ihr Weg, Herr Cristoval, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«

»Nein, so will ich nicht scheiden von einem Burschen, dessen Vater ich gewissermaßen bin. Ich gestehe, ich habe mich übereilt. Du kannst kein Mörder sein. Gib mir die Hand.«

»Werden Sie dann fortgehen?«

»Nein. Du mußt mich noch weiter begleiten. Ich würde sonst denken, du wärest böse auf mich, weil ich dich so häßlich beschuldigt habe.«

Ich versuchte es immer wieder, ihn loszuwerden, aber er schwor, er würde mit mir umkehren, wenn ich nicht noch ein Stück Weges mit ihm ginge. Nichts kann den Menschen retten, dem das Schicksal einmal den Tod bestimmt hat. Niemals gab es eine schönere Nacht als diese war. Der Himmel zeigte sich in all seiner Pracht. Ich habe es nie begriffen, daß die Dichter die Elemente fast immer mit den Ereignissen harmonieren lassen. Bei meinen schwärzesten Taten war stets schönes Wetter ...

Wir setzten die Wanderung fort. Der Fleischer ging rasch und immer mir voran, das war sein Unglück. Ich konnte kein Auge von seinem Nacken abwenden. Mein Blick war festgebannt auf jene Stelle, in die ich schon fünfmal den tödlichen Stich geführt hatte.

»So gehen Sie doch nicht immer vor mir her, Herr Cristoval,« rief ich ihm in barschem Tone zu.

Er erwiderte nichts, sondern drehte sich um und bot mir eine Zigarre an: »Du wirst ohnehin selten rauchen, denn Tabaksläden gibt es ja nicht, wo du wohnst.«

Ich nahm die Zigarre, und er reichte mir ein langes Reisemesser, um die Spitze abzuschneiden.

Was Teufel focht ihn an, mir die Klinge zu geben und in sein Verderben zu rennen? Ich besah das Messer, der Mond leuchtete mit silbernem Glanze darauf. Cristoval ging wieder vor mir her. Die Versuchung war zu stark, das werden Sie selbst einsehen. Ich hätte den Charakter eines Scipio haben müssen, um Widerstand zu leisten. Schon wollte ich zu dem Streiche ausholen, da traten wir in einen von dichtem Laubwerk bedeckten Gang. Kein Strahl des Mondes drang hinein, ich konnte nicht berechnen, wohin ich stach. Als wir in die nächste Lichtung kamen, sagte Cristoval: »Gib mir das Messer, Bursche! Ich sehe da einen Ast, der mir gefällt. Ich will mir einen Stock zur Heimreise abschneiden.«

»Ach, warum wollen Sie sich die Mühe geben, das kann ich ebensogut besorgen.« Ich lief hin und fing an zu schneiden. – Weshalb brach die Klinge nicht ab? Dann wäre der Fleischer gerettet gewesen! Ich gab ihm den abgeschnittenen Ast, und er sagte: »Ich danke dir, aber jetzt brauchst du nicht weiter mit mir zu gehen. Ich sehe den Weg, den ich einschlagen muß, lebe wohl!«

»So lassen Sie mich doch! Ein Wolf wird von zwei Stunden Weges nicht müde. Sie könnten sich noch einmal verirren. Ich verlasse Sie erst, wenn Sie nicht mehr fehlen können, jetzt will ich Ihnen erst den Stock zurechtschneiden, er wird Ihnen eine Erinnerung an mich sein.«

Arglos wandte er mir den Rücken, um seinen Weg fortzusetzen. Wenige Sekunden später stand er vor Gottes Thron.

Ein Freudenblitz durchzuckte mich, als er von meinem Messerstich durchbohrt niederstürzte und am Boden lag. Ich hatte das Gefühl, mich an ihm gerächt zu haben. Weshalb hatte er mich auch in sein Haus aufgenommen und meine Hände in Blut getaucht? Weshalb hatte er mich nicht schwächlich bleiben und in zartem Knabenalter sterben lassen? Warum hatte er den Plan Gottes durchkreuzt, der mir nur ein kurzes Leben bestimmte? – Ich war der Meinung, daß ich ihn als ein Werkzeug der Vorsehung für sein eigenmächtiges Eingreifen gestraft hätte, und fühlte mich glücklich in diesem Gedanken. Diese meine Wonne dauerte indes nur einen kurzen Augenblick. Ein Schrei des Sterbenden drang mir durch Mark und Bein. Ich werde ihn hören, bis Sie mich köpfen lassen. Der Stich war nicht sofort tödlich. Der arme Mann wälzte sich in furchtbaren Schmerzen auf der Erde. Er riß das Gras aus der Erde und biß in die Baumwurzeln. Zuletzt erhob er sich und klammerte sich an einen Baum. Mir war, als riefe er mich, obwohl seine mit schäumendem Blute bedeckten Lippen unbeweglich blieben.

Ich schlich an ihn heran und lag zu seinen Füßen. Als er mich sah, faßte ihn ein Grausen, er fiel zu Boden. Ich bat ihn um Vergebung, ich nahm mein Taschentuch und wischte ihm den Mund ab. Er klammerte sich jetzt an mich an und wollte zu mir sprechen, allein er vermochte es nicht. Ich hielt mein Ohr an seinen Mund, aber ich vernahm nur die Stimme meines Gewissens, sie rief: »Überliefere dich der menschlichen Gerechtigkeit. Wenn du es nicht tust, so fürchte Gottes Gericht!«

Ich flüsterte einige Gebete, lud den Körper, als er kalt war, auf meine Achseln und trug ihn fort. Neben mir ging mein Vater, welcher den Toten auf der rechten Seite stützte, und auf der anderen Seite schritt meine Mutter einher. Beide begleiteten mich bis zur Stadt, in welcher ich mit dem ersten Hahnenschrei ankam.

Ich sehe, Sie wundern sich, daß ich Ihnen von der Begleitung meiner Eltern erzähle. Denken Sie davon, was Sie wollen, überlegen Sie aber: wie wäre es denn ohne diese Hilfe möglich gewesen, daß ich den bluttriefenden Körper eine Strecke von drei Stunden bis in die Stadt geschleppt hätte?

Ich schritt durch die Straßen, in denen noch alles schlief, bis zu Ihrer Wohnung, Herr Präsident. Ich legte meine Last an Ihrer Schwelle nieder und klopfte an Ihre Tür. Ich mußte lange klopfen, denn Ihre Leute schliefen fest. Endlich öffneten Sie selbst ein Fenster und fragten verschlafen: »Wer ist der Dummkopf, welcher so heftig klopft zu einer Stunde, da anständige Leute im Schlummer liegen?«

Ich antwortete: »Es ist kein Dummkopf, Herr Präsident! Es ist ein Mörder, welcher Ihnen sein Opfer bringt, weil es ihm so von einer inneren Stimme befohlen wurde. Nehmen Sie sich Zeit zum Ankleiden! Wenn man kommt, um sich guillotinieren zu lassen, so kann man warten.«

Sie schrien auf und schlossen das Fenster. Ich hörte Schritte im Treppenhause und dachte, Sie wollten mich verhaften. Ich küßte die Leiche des armen Cristoval noch einmal und machte mich bereit, ins Gefängnis zu gehen. Aber Sie kamen nur herunter, um noch einen Riegel vor die Tür zu schieben und den Schlüssel ein zweites Mal herumzudrehen. Zum Glück sammelten sich auf der Straße Leute, sie umringten mich, nahmen mich fest und führten mich in das Gefängnis.

Das ist meine Geschichte. Und nun, meine Herren, verurteilen Sie mich zum Tode! –

Der Angeklagte setzte sich nieder. Die Geschworenen zogen sich zurück, traten aber schon nach zehn Minuten wieder in den Saal und verkündigten das Nichtschuldig. Sie hatten Unzurechnungsfähigkeit angenommen. Als Eusèbe Pieydagnelle diesen Spruch vernahm, wich jeder Blutstropfen aus seinem Antlitz, er fing an zu zittern, redete verworrenes Zeug und verfiel zuletzt in Tobsucht, so daß man ihm die Zwangsjacke anlegen mußte.

In eine Irrenanstalt überführt, starb er bald darauf an einem Gehirnschlage.

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