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Das Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen

Herman Melville: Das Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHerman Melville
booktitleBilly Budd und andere Geschichten<
titleDas Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen
publisherClaassen & Goverts
year1948
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid13c0cac8
created20070120
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Herman Melville

Das Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen


I

Das Paradies der Junggesellen

Es liegt nicht weit von Temple Bar.

Geht man auf dem gewöhnlichen Wege hin, ist es, als komme man aus einer heißen Ebene allmählich in ein kühles, tiefes, schattig zwischen beschützenden Hügeln gelegenes Tal.

Ganz elend von dem Lärm und bespritzt mit dem Schmutz von Fleet Street – wo die unverheirateten Geschäftsleute mit Hauptbuchfurchen zwischen den Brauen vorbeieilen, über das Steigen des Brots und die geringe Nachfrage nach Babys nachdenkend – biegst du geschickt um eine geheimnisvolle Ecke – keine Straße –, wandelst einen düsteren, mönchischen Weg hinunter, der von dunkeln, ruhigen, feierlichen Pfeilern flankiert ist, und immer weiter gehend, kehrst du der ganzen sorgenvollen Welt den Rücken und stehst befreit zwischen den stillen Kreuzgängen des Paradieses der Junggesellen.

Schön sind die Oasen der Sahara, bezaubernd die Bauminseln der Prärien im August, lieblich ist reine Wahrhaftigkeit unter tausend Perfidien, aber schöner, bezaubernder, lieblicher ist das träumerische Paradies der Junggesellen in dem steinernen Herzen des betäubenden London.

Geh in milder Nachdenklichkeit durch die Kreuzgänge, erfreue dich, genieße deine Muße in den Gärten nach dem Wässer zu, verweile in der alten Bibliothek, verrichte deine Andacht in der mit Skulpturen geschmückten Kapelle, aber mit alledem hast du noch wenig gesehen, weißt noch gar nichts, hast den lieblichen Kern noch nicht gekostet, bis du mit den vereinten Junggesellen diniert, ihre festlichen Augen und Gläser hast funkeln sehen: Diniere nicht im Semester in dem geschäftigen gemeinsamen Eßsaal in der Halle, sondern in Ruhe, persönlich aufgefordert, an einem privaten Tisch, gastfreundlich eingeladen von einem kultivierten Templer.

Templer? Das ist ein romantischer Name. Laß sehen. Brian de Bois Gilbert war ein Templer, glaube ich. Will jemand behaupten, diese berühmten Templer lebten noch in unserm modernen London? Kann man noch ihre Sporen klirren, ihre Schilde rasseln hören, wenn die mönchischen Ritter in ihrer Rüstung betend vor der geweihten Hostie knieen? Gewiß wäre es ein sonderbarer Anblick, einen mönchischen Ritter den Strand hinunter gehen zu sehen, während sein schimmernder Panzer und sein schneeweißer Waffenrock von einem Omnibus bespritzt würden. Dazu noch, der Ordensregel entsprechend, langbärtig – wie würde der finstere Geist sich unter den kurzgeschnittenen, glattrasierten Bürgern ausnehmen? Traurig erzählt es die Geschichte, und wir wissen in der Tat, daß ein moralischer Makel zuletzt die Brüderschaft befleckte. Kein feindliches Schwert konnte im Kampf ihrer Herr werden, aber der Wurm der Üppigkeit kroch unter ihren Panzer, nagte an ihrer Ritterehre, nagte an ihrem Mönchsgelübde, bis schließlich die mönchische Enthaltsamkeit zur Schwelgerei erschlaffte und aus den geschworenen ritterlichen Junggesellen Heuchler und Lumpen wurden.

Doch bei alledem sind wir gar nicht darauf vorbereitet, zu erfahren, daß sich die Tempelritter (wenn es überhaupt noch welche gibt) so verweltlicht haben, daß sie, anstatt das Schwert zu schwingen, um in glorreichem Kampf um das heilige Land unsterblichen Ruhm zu erwerben, sich damit begnügen, am Eßtisch einem Hammelbraten mit dem Tranchiermesser zu Leibe zu gehen. Halten es diese degenerierten Templer von heute, wie Anakreon, für schöner, bei einem Bankett unter den Tisch, als in der Schlacht zu fallen? Aber wie kann es überhaupt noch einen Überlebenden des berühmten Ordens geben? Templer im modernen London! Templer mit rotbekreuzten Mänteln Zigarren rauchend im Gasthaus zum Diwan? Templer, die sich so dicht in der Eisenbahn drängen, bis der ganze Zug vor lauter Eisenhelmen, Speeren und Schilden wie eine verlängerte Lokomotive aussieht!

Nein! Der echte Templer ist langst verschwunden. Besieh dir die wundervollen Gräber in der Templerkirche. Betrachte dort die steif-hochmütig ausgestreckten Gestalten, die Arme über dem stillen Herzen gekreuzt, in ewiger, raumloser Ruhe. Die tapferen Tempelritter gehören ebenso der Vergangenheit an, wie die Jahre vor der Sintflut. Nichtsdestoweniger ist geblieben der Name, die mit ihm benannte Gesellschaft, die alten Grundstücke und einige der alten Gebäude. Doch aus dem Eisenschuh ist ein Lackschuh geworden, aus dem langen zweihändigen Schwert ein einhändiger Gänsekiel. Der einst als eine Art Mönch gratis geistliche Ratschläge gab, berät jetzt gegen ein Honorar. Der Verteidiger des Sarkophags (wenn waffengeübt) hat jetzt mehr als einen Fall zu verteidigen. Der kühne Befreier und Wächter aller Heerstraßen zum Heiligen Grabe hat jetzt die besondere Aufgabe, an allen Gerichtshöfen und auf allen Wegen des Gesetzes hemmend, störend, hindernd und verwirrend zu wirken. Der ritterliche Bekämpfer der Saracenen, der in Akka den Speerspitzen die Brust bot, ficht jetzt mit Spitzfindigkeiten in Westminster Hall. Aus dem Helm ist eine Perücke geworden. Berührt vom Zauberstab der Zeit hat sich der Templer heute in einen Juristen verwandelt.

Doch wie es vielen andern geht, die von der stolzen Höhe des Ruhms abgestürzt sind – wie der Apfel am Ast hart, auf dem Erdboden mürbe ist – hat sein Sturz aus dem Templer nur einen wertvolleren Menschen gemacht.

Ich wage, zu behaupten, daß diese alten kriegerischen Priester bestenfalls barsch und verdrießlich waren. Ihre Arme staken in Birminghamer Eisenware, wie hätten sie, eingepreßt, wie sie waren, dir oder mir herzlich die Hand schütteln können? Ihre stolzen, ehrgeizigen Mönchsseelen waren hart verschlossen wie mit Meßbuchschließen; ihre Gesichter selbst staken wie in Granatenhülsen. Was waren das nur für vielseitige Leute? Aber der beste Kamerad, der liebenswürdigste Gastgeber, der prächtigste Tischgenosse ist der moderne Templer. Sein Witz und sein Wein funkeln um die Wette.

Die Kirche und die Kreuzgänge, die Höfe und Gewölbe, die Gäßchen und Gänge, die Bankettsäle, Refektorien, Bibliotheken, Terrassen, Gärten, breiten Wege, Wohnungen und Erholungsräume, das alles nimmt eine sehr große Grundfläche ein, ist aber eng beieinander um einen Mittelpunkt gruppiert und gänzlich von dem Geräusch der sie umgebenden Altstadt abgeschlossen. Und da hier alles den besonderen Stempel des Junggesellenlebens trägt, bietet kein anderer Teil von London ruhigen Menschen ein so angenehmes Refugium.

Wirklich eine Stadt für sich ist der Tempel. Eine Stadt mit allem und dem besten Zubehör, wie die obige Aufzählung zeigt. Eine Stadt mit dazugehörigem Park, Blumenbeeten und einem Flußufer – die Themse fließt an der einen Seite so offen vorbei wie an dem ersten Garten Eden der milde Euphrat. In dem Tempelgarten, wo einst die alten Kreuzritter sich auf ihren Streitrossen im Lanzenkampf übten, lungern jetzt die modernen Templer auf den Bänken unter den Bäumen herum, wippen mit ihren Lackschuhen, unterhalten sich lustig und üben sich dabei in Schlagfertigkeit.

Lange Reihen stattlicher Porträts zeigen in den Banketthallen, welche großen Männer von Bedeutung – berühmte Adlige, Richter, Lord Kanzler – zu ihrer Zeit Templer waren. Nicht alle Templer sind berühmt geworden, wenn jedoch ein warmes Herz und noch wärmeres Entgegenkommen, reiche Kenntnisse und noch reichere Keller zu haben, guten Rat und herrliche Diners, gewürzt mit sprühenden Unterhaltungen voll Heiterkeit und Phantasie, zu geben, unsterbliche Verdienste sind, dann, ihr Musen, verzeichnet die Namen von R. F. C. und seinem kaiserlichen Bruder.

Obwohl man, um es zum wirklichen Templer zu bringen, unbedingt Jurist sein oder Jura studieren und feierlich in den Orden aufgenommen werden muß, und während viele, obgleich sie Templer sind, nicht im Bezirk des Tempels wohnen, obschon sie dort vielleicht ihre Kanzlei haben, wohnen doch andererseits manche in den altersgrauen Wohnungen, die keine erklärten Templer sind. Wenn Sie als müßiger Gentleman und Junggeselle oder als stiller, unverheirateter Literat, entzückt von der lieblichen Abgeschiedenheit der Örtlichkeit, den Wunsch haben, Ihr schattiges Zelt zwischen den übrigen in diesem erhabenen Lager aufzuschlagen, dann müssen Sie mit einem Mitglied des Ordens besondere Freundschaft schließen und ihn veranlassen, auf seinen Namen, aber auf Ihre Kosten, irgend ein freies Zimmer zu mieten, das Ihnen gerade zusagt.

So machte es, denke ich, Dr. Johnson, nominell junger Ehemann und Witwer, eigentlich aber Junggeselle, als er eine Zeitlang dort wohnte. So machte es auch jener unbestrittene Junggeselle, Charles Lamb, die vortreffliche gute Seele. Und hundert andere, wackere Leute, Brüder vom Orden des Cölibats, haben von Zeit zu Zeit dort diniert, geschlafen und gewohnt. In der Tat ist das Ganze eine Honigwabe von Kanzleien und Wohnungen. Wie jeder Käse ist es in allen Richtungen durchlöchert von den schmucken Junggesellenzellen. Teurer, geliebter Ort! Ach, wenn ich an die herrlichen Stunden im Genuß so fröhlicher Gastfreundschaft dort unter jenen ehrwürdigen Dächern denke, findet mein Herz nur in der Poesie angemessenen Ausdruck, und mit einem Seufzer singe ich leise: »Bringt mich wieder nach dem alten Virginien zurück!«

So also ist im großen und ganzen das Paradies der Junggesellen. Und so fand ich es eines schönen Nachmittags im lieblichen Monat Mai, als ich mich von meinem Hotel am Trafalgar Square aufmachte, um eine Verabredung zum Essen einzuhalten, die ich mit dem kultivierten Barrister, Junggesellen und Richter, R. F. C. (er ist das erste und zweite und sollte das dritte sein, wozu ich ihn hiermit vorschlage) hatte, dessen Karte ich fest zwischen meinem behandschuhten Daumen und Zeigefinger geklemmt hielt, dann und wann wieder einmal rasch auf die erfreuliche Adresse blickend, die unter dem Namen geschrieben war: ›No –, Elm Court, Temple‹.

Im Grunde war er ein wirklich freimütiger, sorgloser, richtig gemütlicher und sehr umgänglicher Engländer. Wenn er beim ersten Kennenlernen zurückhaltend erschien, geradezu eisig in seinem Wesen – Geduld, dieser Champagner will auftauen. Und tut er es nicht, besser gefrorener Champagner als flüssiger Essig.

Neun Herren nahmen am Essen teil, lauter Junggesellen. Einer war von ›No – King's Bench Walk, Temple‹; ein zweiter, dritter, vierter und fünfter von verschiedenen Höfen oder Passagen, die auf ebenso klangvolle Silben getauft waren. Sie bildeten wirklich eine Art Junggesellensenat, von den weit verstreuten Distrikten zu diesem Essen entsandt, um die gesamte Junggesellenschaft des Tempels zu repräsentieren. Ja, die Gäste stellten sogar als Vertreter ein Großparlament der besten Junggesellen von ganz London dar; einige der Anwesenden waren aus entfernten Stadtvierteln, berühmten, uralten Wohnsitzen von Juristen und unverheirateten Männern – Lincoln's Inn, Furnival's Inn, und ein Gentleman, auf den ich mit einer Art indirekter Ehrfurcht blickte, kam daher, wo Lord Verulam einst als Junggeselle verweilte – aus Gray's Inn.

Die Wohnung lag beinahe im Himmel. Ich weiß nicht, wieviel seltsame alte Stiegen ich erklommen habe, um hinzukommen. Aber ein gutes Essen in erlesener Gesellschaft will wohl verdient sein. Kein Zweifel, unser Gastgeber hatte sein Eßzimmer in der Absicht so hoch gelegt, seinen Gästen vor Tisch die körperliche Anstrengung zu verschaffen, die für den Appetit und die Verdauung nötig ist.

Die Einrichtung war wundervoll anspruchslos, alt und gemütlich. Kein funkelnagelneu glänzendes Mahagoni, klebrig von noch nicht getrocknetem Firniß. Keine unbequeme, luxuriöse Ottomane, keine Sofas, zu fein um benützt zu werden, ärgerten einen in dieser ruhigen Wohnung. Es gibt etwas, das jeder vernünftige Amerikaner von jedem vernünftigen Engländer lernen könnte, nämlich, daß Glanz und Glitzern, Tand und Spielereien nicht unbedingt für die häusliche Behaglichkeit nötig sind. Der amerikanische Junggeselle erwischt in der Stadt eine harte Kotelette in einem vergoldeten Schaukasten; der englische diniert behaglich daheim von seinem unvergleichlichen Southdownhammel, auf glatten Tannendielen.

Die Zimmerdecke war niedrig. Wer möchte unter der Kuppel von Sankt Peter dinieren? Hohe Decken? Ist das Ihr Wunsch, scheinen sie Ihnen je höher, je besser, und Sie sind so besonders groß, dann speisen Sie mit der ragenden Giraffe im Freien.

Schließlich saßen die neun Herren vor neun Kuverts und waren bald mitten drin.

Wenn ich mich recht erinnere, leitete eine Ochsenschwanzsuppe das Gefecht ein. Zuerst mußte ich wegen ihres Hauptbestandteils an die schnalzende Peitsche eines Fuhrmanns denken, doch die braungoldene Farbe und der angenehme Duft zerstreuten diesen Eindruck. (Als Intermezzo tranken wir hier ein Gläschen Rotwein.) Der nächste Tribut ward Neptun gezollt – als zweites Gericht kam Steinbutt; schneeweiß, flockig, gerade gallertartig genug, nicht zu schildkrötenähnlich in seiner Fettigkeit.

(An dieser Stelle erfrischten wir uns mit einem Glase Sherry.)

Nachdem diese leichten Plänklertruppen verschwunden waren, fuhr die schwere Artillerie des Festes auf, angeführt von dem wohlbekannten englischen Generalissimus Roastbeef. Als Adjutanten hatten wir Hammelrücken, einen gut gemästeten Truthahn, Hühnerpastete und ungezählte andere leckere Dinge, während als avant-couriers neun silberne Becher mit schäumendem Ale ankamen. Sobald das schwere Geschütz auf der Spur der leichten Plänkler abgezogen war, schlug eine Elitebrigade von wildem Geflügel auf dem Tisch ihr Lager auf, als dessen Bivouakfeuer die glühend roten Karaffen leuchteten.

Mürbekuchen und Puddings folgten, von ungezählten Leckereien begleitet, dann Käse und Biskuits. (Nur der Etikette zuliebe, lediglich um die guten, alten Sitten aufrecht zu erhalten, tranken wir hier jeder ein Glas guten, alten Portwein.)

Nun wurde das Tischtuch weggenommen; und wie Blüchers Armee am Abend der Schlacht von Waterloo, marschierte ein frisches Detachement von Flaschen auf, staubig von ihrem Eilmarsch.

Alle diese Manöver der Streitmacht wurden beaufsichtigt von einem erstaunlichen alten Feldmarschall (ich kann es nicht über mich bringen, ihn mit dem ruhmlosen Namen Kellner zu bezeichnen) mit weißen Haaren, einer Serviette und einem Kopf wie Sokrates. Inmitten aller Fröhlichkeit des Festes, in wichtige Geschäftigkeit versunken, verschmähte er es, zu lächeln. Verehrungswürdiger Mann!

Mit dem obigen habe ich versucht, eine schwache Ahnung von dem Operationsplan zu geben. Doch jedermann weiß, ein gutes, herzerwärmendes Diner ist ein Durcheinander, eine unbeschreibliche Angelegenheit, ganz unmöglich in seinen Einzelheiten zu schildern. So sprach ich davon, daß wir ein Glas Rotwein tranken und ein Glas Sherry und ein Glas Portwein und einen Becher Ale – alles zu bestimmten Gelegenheiten und Augenblicken. Doch das waren sozusagen nur die Staatshumpen. Zwischen diesen großen, imposanten Ereignissen wurden unzählige Gläser aus dem Stegreif geleert.

Die neun Junggesellen schienen gegenseitig zärtlich um ihre Gesundheit besorgt zu sein. Die ganze Zeit über drückten sie beim strömenden Wein mit größter Aufrichtigkeit die ernsthaftesten Wünsche für das vollständige Wohlergehen und die dauernde Gesundheit ihrer Nachbarn zur Rechten und zur Linken aus. Ich bemerkte, daß wenn einer dieser freundlichen Junggesellen (wie Timotheus allein seines Magens wegen) ein wenig mehr Wein wünschte, er sich diesen Wunsch nicht erfüllte, ohne daß ein anderer mittat. Es schien für undelikat, selbstsüchtig und unbrüderlich zu gelten, sich bei einem einsamen Glas ertappen zu lassen, an dem niemand teilnahm. Inzwischen verstieg sich, während der Wein floß, die Laune der Gesellschaft mehr und mehr zu vollendeter Harmonie und Zwanglosigkeit. Alle möglichen amüsanten Geschichten wurden erzählt. Ausgesuchte Erlebnisse wurden nun hervorgeholt, wie besondere Marken von Mosel- oder Rheinwein, die man für eine auserlesene Gesellschaft aufbewahrt hat. Einer erzählte von seinem beglückenden Studentenleben in Oxford, mit verschiedenen gewürzten Anekdoten von den offenherzigsten edlen Lords, ihren großzügigen Kameraden. Ein anderer Junggeselle, ein grauhaariger Mann mit sonnigem Gesicht, der, wie er selbst sagte, jede günstige Gelegenheit ergriff, in die Niederlande hinüberzufahren, zur plötzlichen Inspektion der schönen, alten vlämischen Architektur dort – dieser gelehrte, grauhaarige, sonnige alte Junggeselle glänzte in Beschreibungen von Zunfthäusern, Rathäusern und Statthalterhäusern, die im Lande der alten Vlaamen zu sehen sind. Ein dritter war häufiger Besucher des Britischen Museums und wußte genau über Dutzende von wundervollen alten Kunstwerken Bescheid, über orientalische Manuskripte und kostbare Bücher, von denen man nur ein Exemplar kennt. Ein Vierter war kürzlich von einer Reise nach Alt-Granada zurückgekehrt und natürlich ganz erfüllt von allem Sarazenischen. Ein Fünfter hatte einen drolligen Rechtsfall zu erzählen. Ein Sechster war Weinkenner. Ein Siebenter erzählte eine seltsame Anekdote aus dem Privatleben Wellingtons, die nie gedruckt und bisher nie in irgend einem öffentlichen oder privaten Kreise mitgeteilt worden war. Ein Achter hatte sich in letzter Zeit abends damit unterhalten, ein komisches Gedicht von Pulci zu übersetzen. Er zitierte uns die amüsantesten Stellen.

Und so verging der Abend, dessen Stunden nicht wie bei König Alfred eine Wasseruhr, sondern ein Weinchronometer maß. Inzwischen schien der Tisch eine Art Heide von Epsom geworden zu sein, ein wahrer Cirkus, in dem die Karaffen herumgaloppierten. Aus Furcht, eine Karaffe könne nicht rasch genug ihren Bestimmungsort erreichen, wurde ihr eine andere nachgeschickt, um ihr Tempo zu beschleunigen, dann eine dritte, um die zweite anzufeuern, und endlich noch eine vierte und fünfte. Und bei alledem nichts Lautes, nichts Unmanierliches, kein Tumult. Bei dem strengen Ernst und der erhabenen Miene des Feldmarschalls Sokrates bin ich gewiß, hätte er in dem Kreise, den er bediente, irgend einen Verstoß gegen die guten Manieren entdeckt, wäre er sofort, ohne ein Wort zu verlieren, weggegangen. Wie ich später erfuhr, hatte während des Mahls in einem Nebenzimmer ein kranker Junggeselle seinen ersten gesunden, erfrischenden Schlummer nach drei langen schweren Wochen genossen.

Es war die vollendete, friedliche Versenkung in gutes Leben, gutes Trinken, gute Gefühle und gute Unterhaltung. Ein Kreis von Brüdern waren wir. Wohlbehagen – brüderliches, häusliches Wohlbehagen war der Grundzug des Ganzen. Man konnte leicht sehen, daß diese gelassenen Männer nicht sorgenvoll an Frauen und Kinder zu denken brauchten. Fast alle reisten außerdem gern; denn nur Junggesellen können frei umherreisen, ohne Gewissensbisse, ihre Häuslichkeit verlassen zu haben.

Was die Menschen Schmerz nennen, der kleine Ärger des Alltags – das beides erscheint der Vorstellung dieser Junggesellen als unsinnige Legende. Wie könnten Männer von großzügiger Denkweise, reifem Wissen, umfassender Philosophie und Sinn für Geselligkeit, wie könnten sie es sich erlauben, auf solche Mönchsfabeln hereinzufallen? Schmerz! Ärger! Ebensogut könnte man von katholischen Wundern reden! Nichts dergleichen. – Reichen Sie mir, bitte, den Sherry, Sir. – Pah, pah! Gibt's nicht! – Den Portwein, Sir, wenn ich bitten darf. Unsinn. Sagen Sie nicht so etwas. – Ich glaube, Sir, die Karaffe ist bei Ihnen stehen geblieben.

Und so ging der Abend hin.

Nicht lange, nachdem das Tischtuch abgenommen worden war, blinzelte unser Gastgeber Sokrates zu, der feierlich zu einem Tischchen schritt und mit einem riesigen, geschwungenen Horn zurückkehrte, einer wahren Posaune von Jericho, mit blankem Silber beschlagen und auch sonst verziert und kunstvoll geschmückt, nicht zu vergessen zwei naturgetreue Ziegenköpfe mit vier weiteren Hörnern aus massivem Silber, die einander gegenüber zu Seiten des Mundstücks des edlen großen Horns hervorragten.

Da ich nichts davon gehört hatte, daß unser Gastgeber ein Virtuose auf dem Jagdhorn sei, war ich überrascht, ihn das Horn vom Tisch aufnehmen zu sehen, als wolle er eine begeisternde Fanfare blasen. Doch wurde ich über den Zweck des Horns eines besseren belehrt, als er Daumen und Zeigefinger in die Öffnung einführte. Ein zartes Aroma stieg auf, und meine Nase traf der Duft eines erlesenen Schnupftabaks. Es war ein Schnupftabaksbehälter. Er machte die Runde. Glänzende Idee, dachte ich, gerade jetzt einen Schnupftabak zu nehmen. Diese gute Sitte muß bei meinen Landsleuten daheim eingeführt werden, überlegte ich weiter.

Der außerordentliche Anstand der neun Junggesellen – ein Anstand, der durch keine noch so große Menge Wein zu beeinträchtigen war – ein Anstand, durch keinen Grad von Heiterkeit zu erschüttern, wurde für mich wieder dadurch in ein grelles Licht gesetzt, daß ich beobachtete, wie wohl jeder reichlich von dem Schnupftabak nahm, aber keiner so weit die Schicklichkeit verletzte oder den kranken Junggesellen im Nebenzimmer so sehr stören wollte, daß er es sich gestattet hätte, zu niesen. Der Schnupftabak wurde schweigend geschnupft, wie ein feiner, harmloser Staub von den Flügeln eines Schmetterlings.

Doch so gut die Diners der Junggesellen sind, sie können so wenig ewig dauern wie ihr Leben. Die Stunde des Aufbruchs schlug. Einer nach dem andern nahmen die Junggesellen ihren Hut, stiegen paarweise untergefaßt, sich immer noch unterhaltend, die Treppe hinunter, auf die Steinfliesen des Hofes; ein paar gingen auf ihre benachbarten Zimmer, um noch ein wenig im Dekameron zu blättern, ehe sie sich zur Ruhe legten, andere schlenderten in den Garten, um am kühlen Flußufer spazierend eine Cigarre zu rauchen, einige gingen auf die Straße, riefen eine Droschke an und ließen sich gemütlich nach ihrer entfernten Wohnung fahren.

Ich war der letzte Säumige.

»Nun«, meinte mein lächelnder Gastgeber, »was halten Sie von unserm Tempel und dem Leben, das wir Junggesellen hier führen?«

»Sir«, platzte ich in aufrichtiger Bewunderung heraus, »Sir, es ist das wahre Paradies der Junggesellen!«

II

Der Tartarus der Mädchen

Er liegt nicht weit vom Woedolorberg in Neu England. Wenn man sich nach Osten wendet, geradeaus von prächtigen Farmen und sonnigen Wiesen, auf denen im frühen Juni duftende Gräser nicken, steigt man zwischen öden Hügeln an. Diese schließen sich nach und nach zu einem düstern Paß zusammen, der sowohl von dem heftigen Wind, der wie ein Golfstrom der Luft unaufhörlich durch die zerrissenen Wände der wilden Felsen jagt, als auch von der Hütte einer verdrehten alten Jungfer, die hier der Überlieferung nach vor langer Zeit einmal irgendwie gestanden haben soll, den Namen »Blasebalg der verrückten Jungfer« trägt.

Auf dem Boden der Schlucht windet sich ein gefährlich schmaler Fahrweg hin, der das Bett eines früheren Wildbachs einnimmt. Folgt man der Straße bis zu ihrem höchsten Punkt, steht man wie in einem dantesken Torweg. Von der Steilheit der Wände, ihrer merkwürdigen dunkeln Ebenholzfarbe und der plötzlichen Einschnürung der Schlucht heißt diese Stelle Der Schwarze Engpaß. Die Bergschlucht führt nun, breiter werdend, zu einer großen, purpurnen, trichterförmigen Aushöhlung hinab, die tief versunken zwischen vielen vulkanischen, dicht bewaldeten Bergen liegt und bei den Bergbewohnern der Teufelskerker heißt. Von allen Seiten hört man Gießbäche rauschen. Schließlich vereinigen sich die reißenden Wasser zu einem unruhigen, ziegelfarbigen Strom, der sich kochend durch riesige Felsblöcke windet. Diesen merkwürdig gefärbten Wildbach nennt man Blood River. Er erreicht einen dunkeln Abgrund, dreht jäh nach Westen um und macht einen tollen Sprung von sechzig Fuß in die Arme eines verkrüppelten Waldes von grauhaarigen Fichten, zwischen denen er nun weiter dahinwirbelt, den unsichtbaren Ebenen entgegen.

Weithin erkennbar krönt auf der einen Seite am Rande des Katarakts die Ruine einer alten Sägemühle eine schroffe Felshöhe. Sie ist in jenen frühen Zeiten gebaut worden, als die ganze Umgegend noch dicht voll Fichten und Schierlingstannen stand. Die schwarzbemooste Masse der riesigen, roh behauenen und von Nägeln knotigen Holzklötze, stellenweise während der langen Verlassenheit und Verkommenheit zusammengestürzt oder in ihrer Einsamkeit gefährlich über den düstern Rand des Abgrunds hängend, erteilt dieser rohen, hölzernen Ruine nicht nur fast das Aussehen, als bestehe sie aus rauhen Steinquadern, sondern auch etwas von dem Charakter einer feudalen rheinischen Burg- oder Turmbergruine, wobei auch die zinnenartigen Wipfel der umgebenden, wilden Szenerie mitsprechen.

Nicht weit von dem Boden des Teufelskerkers steht ein ausgedehntes, weißgetünchtes Gebäude, das sich wie ein großes, geweißtes Grabmal von dem düstern Hintergrund der Bergkiefern und anderer harter, immergrüner Bäume abhebt, mit denen die etwa zweitausend Fuß hoch aufragenden, unersteigbaren, finsteren Höhen bewachsen sind.

Das Gebäude ist eine Papiermühle.

Da ich eine große Samenhandlung aufgemacht hatte (sie war wirklich so umfassend und ausgebreitet, daß schließlich meine Samen in allen Staaten des Ostens und Nordens verkauft und sogar in den fernen Boden von Missouri und Carolina gesät wurden), wuchs bei mir der Bedarf an Papier so, daß die Kosten bald einen sehr wichtigen Posten in der Bilanz ausmachten. Wozu ein Samenhändler Papier nötig hat, nämlich zu Umschlägen, braucht man kaum zu erwähnen. Diese Umschläge bestehen meist aus gelblichem, viereckig gefaltetem Papier; gefüllt sind sie beinahe flach, und hat man sie frankiert und die Samenart, die sie enthalten, daraufgeschrieben, schauen sie fast wie zum Versand fertige Geschäftsbriefe aus. Von diesen kleinen Umschlägen brauchte ich eine unglaubliche Menge – mehrere Hunderttausend jährlich. Eine Zeitlang besorgte ich mir mein Papier bei den Großhändlern einer benachbarten Stadt. Jetzt entschloß ich mich, der Ersparnis wegen und auch dem Abenteuer der kleinen Reise – etwas über sechzig Meilen – zuliebe über das Gebirge zu fahren und für die Zukunft mein Papier bei der Papiermühle des Teufelskerkers zu bestellen.

Gegen Ende Januar war die Schlittenbahn ungewöhnlich gut und versprach, längere Zeit so zu bleiben; ich fuhr also trotz bitterer Kälte an einem grauen Freitag mittags mit einem Schlitten ab, gut versehen mit Büffelhäuten und Wolfsfellen. Eine Nacht war ich unterwegs, und am nächsten Mittag bekam ich den Woedolorberg zu Gesicht.

Der ferne Gipfel rauchte ordentlich vor Kälte; weiße Dämpfe ringelten sich wie aus einem Kamin von seiner Spitze auf. In dem intensiven Frost sah die ganze Gegend wie eine Versteinerung aus. Meine mit Stahl beschlagenen Schlittenkufen knirschten und knisterten auf dem harschen, bröckelnden Schnee, als glitten sie über zerbrochenes Glas dahin. Die hier und da die Straße säumenden Wälder waren von der allgemeinen Erstarrung ergriffen, bis in die innersten Fibern von der Kälte durchdrungen. Wenn die Böen in unbarmherzigen Stößen durch sie hinfegten, ächzte es seltsam darin – nicht bloß in den schwankenden Zweigen, sondern auch in den senkrechten Stämmen. Von dem übermäßigen Frost zermürbt, waren viele riesige, zäh genarbte Ahornbäume wie Pfeifenstiele abgebrochen und bedeckten die gefühllose Erde.

Black, mein gutes, eben sechsjähriges Pferd, war über und über mit Flocken von gefrorenem Schweiß bedeckt und weiß wie ein milchweißer Widder; bei jedem Atemzug fuhren aus seinen Nüstern zwei hornförmige Wolken heißen Atems. Bei einer plötzlichen Wegbiegung scheute es, weil quer über der Fahrbahn eine vor kaum zehn Minuten gestürzte, verkrümmte alte Schierlingstanne lag, dunkel gewunden wie eine Anaconda.

Als ich den »Blasebalg« erreichte, schob der heftige von hinten kommende Wind meinen hochrückigen Schlitten geradezu bergauf. Wie voller verdammter, an die unselige Welt gefesselter Geister pfiff die scharfe Bö durch den schauernden Paß. Bevor wir auf die Höhe kamen, schlug Black, mein Pferd, als ob es den schneidenden Wind nicht länger ertragen könne, mit seinen kräftigen Hinterbeinen aus, zog den leichten Schlitten gerade bergauf und fegte, fast die Wände streifend, durch den Engpaß. Dann raste es wild hinab, an der zerfallenen Sägemühle vorüber auf den Teufelskerker zu. Pferd und Katarakt näherten sich reißend einander.

Ich verließ meine Decken, stand auf, lehnte mich, einen Fuß gegen das Spritzbrett gestemmt, zurück und riß und zerrte mit äußerster Kraft an den Zügeln. Schließlich brachte ich das Pferd zum Stehen, gerade noch rechtzeitig, um bei einer Biegung den Zusammenstoß mit einer kahlen, vorspringenden Felsnase zu vermeiden, die wie ein Löwe im Weg lag. Zuerst vermochte ich die Papiermühle nicht zu entdecken.

Der ganze Trichter glänzte schneeweiß, nur hie und da ragte eine vom Winde freigelegte Granitspitze auf. Die Berge standen in Wolken gehüllt – ein Paß aus Bergleichen. Wo war die Mühle? Plötzlich traf ein wirbelndes, brummendes Geräusch mein Ohr. Ich blickte auf, und da lag gleich einer aufgehaltenen Lawine die große weißgetünchte Fabrik. Unter ihr stand eine Gruppe anderer, kleinerer Gebäude, die an ihrem billigen kahlen Aussehen, der großen Länge, den vielen Fenstern und dem trostlosen Eindruck, den sie machten, sofort als Arbeiterhäuser zu erkennen waren. Eine schneeweiße Ansiedlung mitten im Schnee. Aus der ziemlich malerischen Lage dieser Gebäude waren einige unebene, unregelmäßige Höfe und Plätze entstanden, was von dem felsigen Boden kam, der keine planmäßige Anordnung zuließ. Verschiedene schmale Verbindungswege und Gäßchen, die auch noch zum Teil durch von den Dächern gefallenen Schnee versperrt waren, durchschnitten die Ansiedlung in allen Richtungen.

Als ich abbiegend von der belebten Landstraße, die von den Schlittenglocken vieler Farmer widertönte, – sie nützten das gute Schlittenwetter dazu aus, ihr Holz zu Markt zu bringen – und auf der immer wieder schnelle, leichte Schlitten von einem Hof der verstreuten Dörfer zum andern jagten – als ich also von der lebhaften Hauptstraße abbog, nach und nach durch den »Blasebalg« steuerte und den düstern Schwarzen Engpaß hinter mir hatte, brachte mir irgend etwas Innerliches und auch etwas Auffallendes in der Zeit und der Szenerie merkwürdigerweise den Eindruck von Düsterem und Dunklem in Erinnerung, den mir der erste Anblick von Temple Bar gemacht hatte. Und während mein Pferd Black durch den Engpaß jagte und gefährlich die Felswände streifte, fiel mir ein, wie ich in London in einem durchgehenden Omnibus gesessen hatte, der sehr ähnlich, wenn auch unter ganz andern Umständen, durch den alten Wrenbogen gerast war. Obwohl diese beiden Dinge sich keineswegs ganz entsprachen, trug doch die Unähnlichkeit nur dazu bei, der Ähnlichkeit nicht allein durch die Klarheit, sondern auch durch das Verwirrte darin den Anstrich eines Traums zu geben. Als ich bei dem vorspringenden Felsen die Zügel anzog, endlich die sonderbaren Gruppen der Fabrikgebäude erblickte und mit der belebten Landstraße und dem Engpaß im Rücken ganz allein war, mich schweigend und heimlich durch die tief eingeschnittenen Wege in den versteckten Ort stahl und das lange, hochgieblige Hauptgebäude der Fabrik erblickte, am einen Ende den runden Turm – zum Heben schwerer Kisten – der zwischen den zusammengedrängten Nebengebäuden und Wohnhäusern stand wie die Templekirche zwischen den umgebenden Bureaus und Dormitorien, und als mich die wunderbare Zurückgezogenheit dieses geheimnisvollen Bergnestes ganz in ihren Bann zog, ersetzte die hilfreiche Phantasie, was der Erinnerung fehlte, und ich sagte zu mir selbst: »Dies ist das wahre Gegenstück zu dem Paradies der Junggesellen, aber verschneit und von der Kälte in ein Grabmal verwandelt.«

Bergabsteigend, vorsichtig meinen Weg den gefährlichen Abhang hinunter suchend, wobei Pferd und Mann manchmal beide die vereisten Felsen hinabrutschten, gelangte ich schließlich – oder trieb mich der Wind – auf den größten Hof an der einen Seite des Hauptgebäudes. Stoßweise pfiff es schrill und schneidend um die Ecke; auf der einen Seite kochte rot und teuflisch der Blood River. Ein langer Holzstoß, Dutzende von Klaftern, glitzernd in verkrustetem Eispanzer, stand schräg im Hof. Eine Reihe von Pfosten zum Anbinden der Pferde, auf der Nordseite mit anhaftendem Schnee überzogen, lief an der Fabrikwand hin. Wie mit klingendem Metall hatte der rauhe Frost den Hof gepflastert und bepackt.

Die umgekehrte Ähnlichkeit wiederholte sich – »der liebliche, stille Tempelgarten, an dessen grünen Blumenbeeten die Themse vorbeifließt«, mußte ich sonderbarerweise denken.

Doch wo sind die lustigen Junggesellen?

Während ich und mein Pferd zitternd in dem brandenden Wind standen, lief ein Mädchen aus der Tür eines benachbarten Schlafsaales, schlug sich die dünne Schürze über den baren Kopf und wollte zu dem gegenüberliegenden Gebäude hinüber.

»Einen Augenblick, mein Kind, ist hier kein Schuppen, wo ich hineinfahren könnte?«

Stehenbleibend wandte sie mir ein Gesicht zu, das bleich war von Arbeit, blau von Kälte, und einen Blick, übernatürlich von unausgesprochenem Elend.

»Nein«, stotterte ich, »es ist ein Mißverständnis. Gehen Sie nur, ich will nichts.«

Ich führte mein Pferd dicht an die Tür, aus der sie gekommen war, und klopfte. Ein andres blasses, blaues Mädchen erschien zitternd in der Tür und hielt sie, um den Wind abzuhalten, ängstlich nur ein wenig offen.

»Nein, ich habe mich wieder geirrt. Machen Sie in Gottesnamen die Tür zu. Aber halt, ist hier kein Mann in der Nähe?«

In diesem Augenblick ging ein dunkelhäutiger, gut eingehüllter Mann vorüber und auf den Fabrikeingang zu. Als sie ihn kommen sah, schloß das Mädchen rasch die Tür.

»Gibt es hier keinen Pferdeschuppen, Sir?«

»Der Holzschuppen drüben«, antwortete er und verschwand in der Fabrik.

Mit vieler Mühe brachte ich es fertig, Pferd und Schlitten zwischen die umherliegenden Haufen von geschnittenem und gehacktem Holz zu quetschen. Dann deckte ich das Pferd zu, indem ich meine Büffeldecke über die Pferdedecke legte und die Zipfel gut um die Sielen und das Hinterzeug zog, damit der Wind sie nicht wegwehen sollte. Ich band das Pferd an und lief, hinkend, steifgefroren und behindert durch meinen Fahrpelz, zu der Fabriktür.

Sofort stand ich in einem großen Raum, durch dessen lange Fensterreihen die Winterlandschaft hereinstarrte, was ihn unerträglich hell machte.

An Reihen blanker Tische saßen Reihen blank aussehender Mädchen mit blanken, weißen Falzbeinen in den blanken, weißen Händen und falteten alle blankes, weißes Papier.

In einer Ecke stand ein riesiger Rahmen aus schwerem Eisen, mit einem kolbenartigen Ding, das sich regelmäßig hob und senkte und dabei auf einen wuchtigen Holzblock niederfiel. Davor stand, als zahmer Diener, ein großes Mädchen, das das eiserne Tier jedesmal mit einem halben Buch rosa Schreibpapier fütterte, welches beim Herunterstoßen der kolbenähnlichen Maschine in der Ecke den Aufdruck eines Rosenkranzes empfing. Ich blickte von dem rosigen Papier auf die bleichen Wangen, sagte aber nichts.

Vor einem langen, wie eine Harfe mit langen, dünnen Fäden bezogenen Apparat saß ein anderes Mädchen und fütterte ihn mit Propatriabogen, die, sobald sie ihre sonderbare Reise von ihr weg auf den Schnüren angetreten hatten, von einem andern Mädchen an das gegenüberliegende Ende der Maschine gezogen wurden. Zu dem ersten Mädchen kamen sie leer, zu dem zweiten liniiert.

Ich schaute auf die Stirn des ersten Mädchens und sah, daß sie jung und schön war, ich schaute auf die Stirn des zweiten und sah, sie war voller Linien und Runzeln. Während ich immer noch zuschaute, wechselten die beiden, um eine kleine Veränderung in die Eintönigkeit zu bringen, die Plätze; wo die junge, schöne Stirn gestanden hatte, war nun die mit Linien und Runzeln.

Auf einer schmalen Plattform und sogar noch darüber auf einem hohen Stuhl, der diese krönte, thronte eine andere Gestalt und bediente ein anderes Eisentier, während unter der Plattform ihre Gefährtin saß in irgendeiner Zusammenarbeit mit ihr.

Keine Silbe wurde gesprochen. Nichts war zu hören als das tiefe, beständige, alles beherrschende Summen der eisernen Tiere. Die menschliche Stimme war von hier verbannt. Hier wurde die Maschine – der gepriesene Sklave der Menschheit – sklavisch von menschlichen Wesen bedient, die ihr schweigend und geduckt dienten wie Sklaven dem Sultan. Die Mädchen wirkten nicht einmal wie Nebenräder im Getriebe der großen Maschine, sondern eher wie Zähne an Zahnrädern.

Alles um mich her erfaßte ich augenblicklich mit einem raschen Blick – noch ehe ich mir den dicken Pelzschal vom Hals wickelte. Doch sobald ich ihn abgelegt hatte, stieß der dunkelhäutige Mann, der dicht neben mir stand, einen jähen Schrei aus, packte mich beim Arm, zog mich ins Freie, nahm, ohne ein Wort zu verlieren, etwas gefrorenen Schnee und rieb mir damit beide Wangen.

»Zwei Flecken, weiß wie das Weiße in Ihren Augen«, sagte er. »Mann, Sie haben sich die Backen erfroren.«

»Das kann schon sein«, brummte ich. »Merkwürdig, daß die Kälte im Teufelskerker nichts Schlimmeres angerichtet hat. Reiben Sie weiter.«

Bald fühlte ich in meinen sich wieder belebenden Wangen einen schrecklichen, wütenden Schmerz, als hätten zwei magere Bluthunde, auf jeder Seite einer, an ihnen genagt. Wie Aktäon kam ich mir vor.

Nachdem alles vorüber war, kehrte ich wieder in die Fabrik zurück, erklärte, warum ich gekommen sei, schloß mein Geschäft befriedigend ab und bat dann, durch die Fabrik geführt zu werden, da ich sie gern sehen wolle.

»Dazu ist Cupid gerade der richtige Bursche«, sagte der dunkelhäutige Mann. »Cupid!« Mit diesem sonderbaren Phantasienamen rief er einen eifrigen, lebhaft aussehenden jungen Burschen mit roten Wangen und Grübchen, der mir etwas frech zu sein schien, und der sich zwischen den gleichgültig dreinschauenden Mädchen, wie ein Goldfisch durch farblose Wellen, bewegte, ohne, soweit ich es sehen konnte, etwas Besonderes zu tun, und bat ihn, dem Fremden die Fabrik zu zeigen.

»Kommen Sie und sehen sich zuerst das Wasserrad an«, sagte der aufgeweckte Junge mit lebhafter, knabenhafter Beflissenheit.

Wir verließen das Faltzimmer, gingen über einige feuchte, kalte Bretter und standen unter einem großen, nassen Wetterdach, das fortwährend von Schaum triefte wie der mit grünen Entenmuscheln bedeckte Bug eines Ostindienfahrers im Sturm. Rund und wieder rund kreisten die dunklen Drehungen des mächtigen, ungeheuren Wasserrades mit finsterer Unerbittlichkeit.

»Es setzt unsere ganze Maschinerie in Gang, Sir, in all diesen Gebäuden, wo die Mädchen arbeiten, und auch sonst überall.«

Ich schaute zu und sah, daß die trüben Fluten des Blood River im Dienste der Menschen ihre Farbe nicht geändert hatten.

»Sie stellen nur leeres Papier her, ohne irgend welchen Druck, wie? Bloß leeres Papier, nicht wahr?«

»Gewiß. Was sollte eine Papierfabrik sonst machen?«

Dabei blickte mich der Junge an, als zweifle er an meinem gesunden Menschenverstand.

»Oh, gewiß!« sagte ich, verwirrt und stotternd, »es kam mir nur plötzlich so merkwürdig vor, daß rotes Wasser weißes Papier hervorbringt, meine ich.«

Über eine feuchte, gebrechliche Treppe führte er mich in einen großen, hellen Raum hinauf, in dem nichts weiter zu sehen war, als rohe, krippenartige Behälter ringsum an den Wänden. Und an diesen Krippen standen, wie an ihre Raufen gehalfterte Stuten, Reihen von Mädchen. Vor jedem war aufrecht eine lange, blitzende Sichel angebracht, unbeweglich auf dem Boden der Krippenecke befestigt. Wie diese Sicheln so dastanden, sahen sie genau wie Schwerter aus. Über die scharfen Schneiden zogen die Mädchen fortwährend lange, weißgewaschene Lumpenstreifen hin und her, die sie aus neben ihnen stehenden Körben aufnahmen. Sie zerrissen sie nach und nach und verwandelten die Fetzen ganz in Charpie. Die feinen, giftigen Teilchen schwammen in der Luft und drangen von allen Seiten, fein wie die Stäubchen in einem Sonnenstrahl, in die Lungen.

»Dies ist der Lumpenraum«, hustete der Junge.

»Sie finden es hier erstickend«, hustete ich zur Antwort, »aber die Mädchen husten nicht.«

»Oh, die sind daran gewöhnt.«

»Woher bekommen Sie diese Massen von Lumpen?« fragte ich, eine Handvoll davon aus einem Korbe aufnehmend.

»Teils hier aus der Umgegend, teils von weither von Übersee – Livorno und London.«

»Dann ist es nicht unmöglich«, murmelte ich, »daß sich unter diesen Lumpenhaufen alte Hemden befinden, die in den Schlafräumen im Paradies der Junggesellen aufgelesen sind. Doch die Knöpfe sind alle ab. Bitte, mein Junge, finden Sie hier manchmal Junggesellenknöpfe?«

»In dieser Gegend wachsen keine. Der Teufelskerker ist kein Ort für Blumen.«

»Ach, Sie meinen die Blumen, die so heißen – die sogenannten Junggesellenknöpfe?«

»Ja, meinten Sie die nicht auch? Oder meinten Sie die goldenen Busenknöpfe unseres Chefs, den die Mädchen, wenn sie zusammen flüstern, den alten Junggesellen nennen?«

»So, der Mann, den ich unten gesehen habe, ist Junggeselle?«

»Ja, freilich ist er Junggeselle.«

»Die Schneiden dieser Schwerter sind von den Mädchen abgekehrt, wenn ich mich nicht irre; aber die Lumpen und die Finger fliegen so schnell, daß ich es nicht genau sehen kann.«

»Abgekehrt.«

Ja, murmelte ich vor mich hin, abgewendet, jetzt sehe ich es; jedes der aufgerichteten Schwerter steht so da, abgewendet, vor jedem Mädchen. Und wenn mein Wissen mich nicht täuscht, war es früher mit verurteilten Staatsgefangenen, die aus der Gerichtshalle zur Richtstätte schritten, genau so: ein Beamter ging vor ihnen her und trug ein Schwert mit abgewendeter Schneide voran, zum Zeichen ihrer Verurteilung zum Tode. So gehen diese bleichen Mädchen durch die schwindsüchtige Blässe ihres leeren, zerfetzten Lebens ihrem Tode entgegen.

»Diese Sicheln sehen sehr scharf aus«, wandte ich mich wieder an den Jungen.

»Ja, sie müssen sie auch so halten. Sehen Sie!«

Zwei Mädchen ließen gerade ihre Lumpen fallen und führten einen Schleifstein an der Sichelklinge auf und ab. Mein daran nicht gewöhntes Blut erstarrte bei dem scharfen Kreischen des gequälten Stahls.

Ihre eigenen Henker! Sie wetzen selbst die Schwerter, die sie treffen, dachte ich.

»Wovon sind diese Mädchen so kreidebleich, mein Junge?«

»Warum?« antwortete er ahnungslos scherzend mit einem schelmischen Zwinkern voll unbewußter Herzlosigkeit. »Der Umgang mit diesen weißen Fetzen wird sie wohl so blaß machen.«

»Ich denke, wir verlassen jetzt den Lumpenraum, mein Junge.«

Tragischer und undurchdringlich dunkler als irgend ein anderer rätselhafter Anblick in der Fabrik, sei es von einem Menschen oder einer Maschine, war die sonderbare Unschuld und die Herzensgrausamkeit dieses von der Gewohnheit hart gemachten Jungen.

»Und nun«, sagte er aufmunternd, »nehme ich an, daß Sie unsere große Maschine sehen wollen, die wir erst vorigen Herbst für zwölftausend Dollar gekauft haben. Es ist auch die Maschine, die das Papier macht. Hier entlang, Sir.«

Ich folgte ihm und kam über einen geräumigen bespritzten Platz, auf dem zwei große Fässer mit einer weißen, nassen, wollig aussehenden Masse standen, die dem Weißen eines weich gekochten Eis ähnelten.

»Hier«, sagte Cupid, leichthin die Fässer klopfend, »das ist der erste Anfang des Papiers, dieser weiße Brei da. Sehen Sie, wie er, getrieben von der Schaufel hier, Blasen schlagend immer in der Runde schwimmt. Von hier ergießt er sich aus den beiden Fässern in den einen gemeinsamen Kanal dort, mischt sich und fließt ruhig zu der großen Maschine. Jetzt gehen wir dahin.«

Er führte mich in einen erstickend heißen Raum, in dem eine merkwürdige, blutartige, unterirdische Hitze herrschte wie in Eingeweiden, als ob hier wirklich die eben gesehenen Keime reiften.

Wie ein aufgerolltes, langes orientalisches Manuskript breitete sich vor mir ein zusammenhängendes eisernes Rahmenwerk aus – verzwickt und geheimnisvoll, mit allen möglichen Arten von Walzen, Rädern und Cylindern, die sich ununterbrochen, in langsamem Takt bewegten.

»Hier kommt der Brei zuerst«, erklärte Cupid auf das uns zugekehrte Ende der Maschine weisend. »Hier kommt er heraus, breitet sich auf dieser geneigten, breiten Fläche aus und gleitet dann – schauen Sie – dünn und zitternd unter die erste Walze dort. Passen Sie auf, wie er dann darunter hervor zu dem nächsten Cylinder fließt. Sehen Sie, er ist schon ein klein bißchen weniger breiig. Ein Schritt weiter und er wird von immer dünnerer Konsistenz.

Noch ein Cylinder, und er ist so dicht geworden – wenn auch noch dünn wie ein Libellenflügel –, daß er dort zwischen zwei weiter voneinander stehenden Walzen eine Luftbrücke bildet wie ein aufgehängtes Spinnweb. Und wie er über die letzte Walze fließt und wieder hinunter und einen Augenblick zwischen all den verschiedenen Cylindern, die Sie nicht deutlich sehen können, verschwindet und wiedererscheint, sieht er schließlich etwas weniger wie Brei und mehr wie Papier aus, aber immer noch sehr zart und unfertig. Doch ein wenig weiter vorwärts, bitte Sir, hier an dieser Stelle, fängt er schon an, richtig auszusehen, als ob er sich möglicherweise in etwas verwandelte, das man in die Hand nehmen könnte. Aber er ist noch nicht fertig, Sir. Er hat noch ein gutes Stück Wegs vor sich, und viele Cylinder müssen ihn noch rollen.«

»Meine Güte!« rief ich entsetzt über die Ausdehnung, die endlosen Windungen und die bedächtige Langsamkeit der Maschine, »es muß lange dauern, bis der Brei von einem Ende bis ans andere kommt und Papier wird.«

»Oh, nicht so lange«, lächelte der frühreife Knabe mit überlegener, gönnerhafter Miene, »bloß neun Minuten. Schauen Sie, Sie können es selbst ausprobieren. Haben Sie ein Stückchen Papier? Ach, hier liegt welches auf dem Boden. Schreiben Sie jetzt bitte ein Wort darauf, lassen Sie es mich hier ankleben, und dann wollen wir sehen, wie lange es dauert, bis es am andern Ende wieder herauskommt.«

»Also gut, sehen wir«, sagte ich und zog meinen Bleistift heraus, »ich will Ihren Namen darauf schreiben.«

Cupid bat mich, meine Uhr in die Hand zu nehmen, und ließ das beschriebene Blättchen geschickt auf eine offene Stelle der Anfangsmasse fallen.

Sofort blickte ich auf den großen Zeiger meines Zifferblatts.

Zoll um Zoll verfolgte ich langsam den Zettel. Manchmal verschwand er für eine halbe Minute zwischen den undurchdringlichen Gruppen der unteren Cylinder, doch nur, um nach und nach wieder aufzutauchen. Und so weiter und weiter und weiter, Zoll für Zoll, bald deutlich sichtbar, wie ein kleiner Fleck auf der zitternden Fläche hingleitend, und dann wieder gänzlich verschwunden. Und so weiter, weiter und weiter, Zoll für Zoll, während die Masse selbst inzwischen mehr und mehr ihre letzte Festigkeit annahm: Plötzlich sah ich eine Art Papierfall, nicht ganz unähnlich einem Wasserfall. Ein Geräusch von Scheren traf mein Ohr, als werde eine Schnur abgeschnitten, und herunter fiel ein ungefalteter Bogen in schönstem Propatria mit einem halbverblichenen »Cupid« darauf und immer noch weich und warm.

Meine Reise war zu Ende, denn hier hörte die Maschine auf.

»Nun, wie lange hat es gedauert?« fragte Cupid.

»Neun Minuten auf die Sekunde«, antwortete ich, mit der Uhr in der Hand.

»Wie ich Ihnen gesagt habe.«

Für einen Augenblick fühlte ich eine merkwürdige Erregung, etwa wie sie einer beim Eintreffen einer geheimnisvollen Prophezeiung spüren mag. Wie absurd, dachte ich jedoch gleich wieder, das Ding ist eben eine Maschine, deren Wesen ja in unabänderlicher Pünktlichkeit und Genauigkeit besteht.

Bisher hatten mich die Räder und Cylinder in Anspruch genommen, nun richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die traurig aussehenden Frauen, die sie bedienten.

»Die Person, die hier so schweigend das Maschinenende bedient, sieht schon älter aus. Sie scheint auch noch nicht ganz eingewöhnt zu sein.«

»Oh«, flüsterte Cupid altklug durch den Lärm, »sie ist erst seit voriger Woche hier. Früher war sie Pflegerin. Aber das Geschäft geht in dieser Gegend nicht gut, so hat sie es aufgegeben. Aber sehen Sie das Papier an, das sie dort aufschichtet.«

»Ach, Propatria«, meinte ich, die Haufen feuchter, warmer Bogen befühlend, die ununterbrochen in die wartenden Frauenhände fielen. »Stellen Sie nur Propatria mit dieser Maschine her?«

»Oh, manchmal, aber nicht oft, machen wir auch was Feineres – cremefarbig und Royal, wie wirs nennen. Aber meist wird Propatria verlangt, und so machen wir meist dies.«

Es war sehr eigentümlich. Während ich das unaufhörlich niederraschelnde blanke Papier anschaute, verlor ich mich in Vorstellungen von der absonderlichen Verwendung, zu der diese Tausende von Bogen vielleicht kommen würden. Alles mögliche würde auf dies jetzt leere Papier geschrieben werden – Predigten, gerichtliche Klagen, Rezepte, Liebesbriefe, Heiratsurkunden, Ehescheidungsurteile, Geburtslisten, Todesurteile und so weiter bis ins Unendliche. Dann, als ich die Bogen wieder betrachtete, wie sie so leer dalagen, mußte ich an den berühmten Vergleich von John Locke denken, der bei der Darlegung seiner Theorie, daß der Mensch keine angeborenen Ideen habe, den menschlichen Geist bei der Geburt mit einem unbeschriebenen Blatt Papier verglichen hat, dazu bestimmt, bekritzelt zu werden, aber ohne daß man ahnen könnte, mit was für Schriftzeichen.

Langsam neben der verwickelten, bei ihrer Arbeit ständig summenden Maschine auf und ab gehend, staunte ich sowohl über die Unfehlbarkeit als auch über die Entwickelungsfähigkeit in allen ihren Bewegungen. Ich wies auf das Papier in seinem unfertigen Zustand: »Reißt oder bricht dies dünne Spinnweb dort nie? Es ist so wunderbar zart, und die Maschine, durch die es läuft, so mächtig.«

»Nie ist es auch nur um eines Haares Breite gerissen.«

»Bleibt es nie stehen – verstopft sich?«

»Nein. Es muß laufen. Die Maschine sorgt dafür, daß es gerade so läuft, nur in dieser Weise und in diesem Tempo, wie Sie es deutlich sehen können. Der Brei kann nicht anders, er muß vorwärts.«

Eine Art Verblüffung überkam mich, während ich das unerbittliche eiserne Tier anstarrte. Beim Anblick einer so wuchtigen, vollendeten Maschine ergreift den Menschen immer mehr oder weniger auf mancherlei Weise eine unnennbare Angst, als sei sie ein lebender, keuchender Behemoth. Doch was mir das Ding, das ich sah, so besonders furchtbar machte, war die stählerne Notwendigkeit, das unbeugsam Verhängnisvolle, das es beherrschte. Obwohl ich hier und dort den dünnen, gazeartigen Schleier der Masse im Laufe ihres geheimnisvolleren oder gänzlich unsichtbaren Vorrückens nicht verfolgen konnte, war es doch unzweifelhaft, daß sie auch an den Stellen, wo sie sich meinen Blicken entzog, immer noch in unveränderter Fügsamkeit gegen die autokratische Macht der Maschine weiterglitt. Ich war fasziniert. Verzaubert und tief in mich versunken stand ich da. Dort, vor meinen Augen, glaubte ich auf der bleichen Anfangsmasse die noch bleicheren Gesichter der bleichen Mädchen, die ich an diesem beschwerlichen Tage erblickt hatte, in langsamer Prozession an den rotierenden Cylindern hingleiten zu sehen. Langsam, traurig, flehend, aber widerstandslos schillerten sie vorüber, in blassen Umrissen war ihre Seelenangst auf dem unvollendeten Papier gezeichnet, wie der Abdruck des gequälten Antlitzes auf dem Tuch der heiligen Veronika.

»Hallo, die Hitze hier ist zu viel für Sie«, schrie Cupid mich anstarrend.

»Nein – wenn irgend etwas, fröstle ich eher.«

»Kommen Sie hinaus, Sir, hinaus – hinaus!« Mit der Beschützermiene eines besorgten Vaters zog mich der frühreife Knabe rasch hinaus.

Nach ein paar Augenblicken hatte ich mich etwas erholt und ging in das Faltzimmer, den Raum, in den ich zuerst eingetreten war und wo sich die Buchhaltung befand, umgeben von leeren Tischen und den leeren Gesichtern der Mädchen, die dort arbeiteten.

»Cupid hier hat einen interessanten Gang mit mir gemacht«, sagte ich zu dem oben erwähnten dunkelhäutigen Mann, den ich schon vorher nicht nur als alten Junggesellen, sondern auch als den hauptsächlichen Besitzer erkannt hatte. »Sie haben geradezu eine wundervolle Fabrik. Ihre große Maschine ist ein Mirakel von undurchdringlicher Kompliziertheit.«

»Ja, das finden alle unsere Besucher. Viele haben wir freilich nicht. Wir leben hier in einem sehr abgelegenen Winkel. Dazu wenig Einwohner. Die meisten unserer Mädchen kommen aus weit entfernten Dörfern.«

»Die Mädchen«, wiederholte ich und ließ meinen Blick über ihre stillen Gestalten schweifen. »Warum, Sir, werden in den meisten Fabriken die Arbeiterinnen, wie alt sie auch sein mögen, unterschiedlos Mädchen genannt und niemals Frauen?«

»Oh, was das betrifft – warum? Ich denke, die Tatsache, daß sie im allgemeinen unverheiratet sind – das wird der Grund sein, sollte ich meinen. Doch es ist mir noch nie aufgefallen. In unserer Fabrik hier wollen wir keine verheirateten Frauen. Sie sind zu wenig verläßlich. Wir wollen nur regelmäßige Arbeiter, täglich zwölf Stunden, Tag für Tag, die ganzen dreihundertfünfundsechzig Tage, ausgenommen Sonntag, Erntedankfest und die Festtage. Das ist unsere Vorschrift. Und weil wir also keine verheirateten Frauen haben, werden unsere Arbeiterinnen mit Recht Mädchen genannt.«

»Dann sind dies lauter Mädchen«, sagte ich und machte unwillkürlich als schmerzliche Huldigung für ihre blasse Jungfräulichkeit eine Verbeugung.

»Lauter Mädchen.«

Wieder befiel mich die seltsame Erregung.

»Ihre Wangen sehen noch blaß aus, Sir«, sagte der Mann und musterte mich genau; »Sie müssen auf dem Heimweg vorsichtig sein. Tun sie Ihnen noch weh? Das wäre ein schlechtes Zeichen.«

»Kein Zweifel«, antwortete ich, »bin ich einmal aus dem Teufelskerker heraus, werden sie sich erholen.«

»O ja, die Winterluft in Tälern, Schluchten oder an andern tiefgelegenen Orten ist viel kälter und schärfer als anderswo. Sie werden es kaum glauben, aber es ist hier kälter als auf dem Gipfel des Woedolorberges.«

»Davon bin ich überzeugt. Doch die Zeit drängt, ich muß aufbrechen.«

Damit hüllte ich mich in meinen Fahrpelz und meinen Schal, steckte die Hände in meine riesigen Sealhandschuhe, wagte mich in die beißende Luft und fand mein armes Pferd Black ganz krumm und zusammengekrochen vor Kälte. Bald darauf fuhr ich in Pelze und Nachdenken gehüllt aus dem Teufelskerker bergan.

Beim schwarzen Engpaß machte ich halt und besann mich noch einmal auf Temple Bar. Als ich dann ganz allein mit der unergründlichen Natur durch den Paß jagte, rief ich aus: Oh! Paradies der Junggesellen! Und oh! Tartarus der Mädchen!








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