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Das Paradies der Diebe

Gilbert Keith Chesterton: Das Paradies der Diebe - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Paradies der Diebe
publisherDroemer Knaur
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150630
projectid797f16f5
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Der Fluch auf dem Hause Pendragon

Pater Brown war nicht in Abenteuerstimmung. Er war kürzlich infolge von Überarbeitung krank gewesen, und als er sich zu erholen anfing, hatte ihn sein Freund Flambeau auf eine Vergnügungsfahrt in seiner kleinen Jacht mitgenommen. Sie kreuzten zusammen mit Sir Cecil Fanshaw, einem jungen cornischen Squire und begeisterten Liebhaber cornischer Küstenlandschaften. Doch Brown war immer noch sehr schwach; auch war er kein fanatischer Seemann; und obwohl er niemals murrte oder mißlaunig war, konnte er doch nicht mehr aufbringen als Geduld und Höflichkeit. Wenn die beiden anderen die Wolkenfetzen im violetten Abendschein oder die zerrissenen Klippen der vulkanischen Bergformationen priesen, stimmte er ihnen zu. Wenn Flambeau auf einen Felsen deutete, der einem Drachen glich, so schaute auch er hin und fand, daß es wirklich ganz wie ein Drachen aussah. Wenn Fanshaw in seiner noch leichter erregten Phantasie auf einen Felsen wies, der ihm wie Merlin vorkam, so sah auch Pater Brown hin und nickte Beifall. Wenn Flambeau fragte, ob dieses Felsentor über dem gewundenen Fluß nicht wie das Tor ins Märchenland aussähe, sagte Pater Brown: »Ja.« Er hörte die wichtigsten und die trivialsten Dinge mit derselben teilnahmslosen Versunkenheit an. Er hörte, daß die Küste für jeden, ausgenommen den erfahrensten und vorsichtigsten Seemann, den sicheren Tod bedeutete; er hörte auch, daß die Katze eingeschlafen sei. Er hörte, daß Fanshaw seine Zigarrenspitze nirgends finden konnte; er hörte auch den Steuermann seinen Orakelspruch verkünden: »Beide Augen klar, gute Fahrt fürwahr; scheint nur eins der Augen, wird's ihr nimmer taugen.« Er hörte Flambeau zu Fanshaw sagen, dies bedeute zweifellos, daß der Steuermann beide Augen offenhalten und wachsam bleiben müsse. Und er hörte Fanshaw zu Flambeau sagen, daß es seltsamerweise etwas anderes bedeute; es bedeute nämlich folgendes: solange man zwei Küstenlichter, ein nahes und ein entferntes, genau nebeneinander sähe, solange liefe das Schiff den richtigen Kurs im Fluß; wenn aber ein Licht hinter dem anderen versteckt wäre, so würde man auf den Felsen auffahren. Er hörte Fanshaw noch hinzufügen, diese ganze Gegend sei voll von derlei seltsamen Fabeln und Redensarten, es wäre die wahre Heimat der Romantik; ja er erhob für diesen Landstrich von Cornwall sogar gegenüber dem von Devonshire den ernsthaften Anspruch auf den Siegeslorbeer Elisabethanischer Seefahrtskunst. Seiner Meinung nach hätte es in diesen Buchten und Inselchen hier Schiffskapitäne gegeben, im Vergleich zu denen sogar Drake eigentlich nur eine Landratte gewesen wäre. Brown hörte Flambeau lachen und fragen, ob vielleicht der abenteuerlustige Seemannsruf »Nach Westen, ho!« im Grunde nur bedeute, daß alle Leute aus Devonshire in Cornwall zu leben wünschten. Er hörte Fanshaw sagen, es sei kein Grund vorhanden, dummes Zeug zu reden, es habe nicht nur früher wirkliche Helden unter den cornischen Kapitänen gegeben, sondern sie wären es auch heute noch; hier ganz in der Nähe lebe ein alter Admiral, der sich jetzt zurückgezogen habe, der aber noch die Narben der schauerlichsten Abenteuerfahrten trüge; in seiner Jugend hätte er die letzte Gruppe von acht Inseln des Pazifischen Ozeans entdeckt, die auf der Landkarte der Welt eingezeichnet worden wären. Cecil Fanshaw gehörte zu den Leuten, die noch solchen stürmischen, doch sympathischen Enthusiasmus aufbringen; er war ein sehr junger, blonder Mann mit einem kühnen Profil, knabenhaft erregbarer Phantasie und einem beinahe mädchenhaft zarten Teint. Flambeaus breite Schultern, seine schwarzen Augenbrauen und sein derbes Gehaben eines alten Musketiers bildeten dazu den denkbar stärksten Gegensatz.

Brown hörte und sah all diese Trivialitäten; doch er hörte sie, wie ein müder Mann eine Melodie aus dem gleichmäßigen Geräusch der Räder eines fahrenden Eisenbahnzuges heraushört, und sah sie, wie ein Kranker das Muster der Zimmertapete zu sehen pflegt. Niemand kann den Stimmungswechsel eines Rekonvaleszenten voraussagen. Pater Browns Niedergeschlagenheit hing vielleicht auch damit zusammen, daß er so wenig seegewohnt war. Denn je mehr sich die Flußmündung wie ein Flaschenhals verengte, das Wasser stiller und die Luft wärmer wurde, und je mehr der rauhe Seewind in einen Landwind umschlug, um so mehr schien der Priester aufzuwachen und wie ein Kind an den ihn umgebenden Dingen Anteil zu nehmen. Man hatte diese Phase knapp nach Sonnenuntergang erreicht, da Luft und Wasser hell zu leuchten pflegen, während die Erde mit all ihren Gewächsen im Vergleich dazu beinahe schwarz erscheint. An diesem besonderen Abend jedoch war es anders. Die Luft war so seltsam klar, als sei ein rauchgeschwärztes Glas, das sonst die Natur verhüllte, plötzlich beiseite geschoben, so daß an diesem Tage sogar dunkle Farben prunkvoller zu leuchten schienen als glänzende Farben an bewölkteren Tagen. Die niedergetrampelte Erde des Flußufers mit ihren Tümpeln sah nicht gelbgrau aus wie sonst, sondern braun wie Eschenholz, und die dunklen Bäume, die sich im Winde bewegten, sahen nicht, wie gewöhnlich in der Ferne, trübblau aus, sondern glichen eher sturmgetriebenen Massen irgendwelcher leuchtendvioletten Blüten. Diese magische Klarheit und Intensität der Farben ließ für die langsam wiedererwachenden Sinne Pater Browns das Romantische, ja sogar Geheimnisvolle der Landschaft noch deutlicher hervortreten.

Der Fluß war immer noch breit und tief genug für ein so kleines Luxusboot, wie das ihre war; doch die Biegungen des Ufers erweckten die Vorstellung, als wollte es sich von beiden Seiten vor ihnen schließen. Die Bäume schienen flüchtige und schwache Versuche zu machen, eine Brücke zu schlagen, als glitte das Boot allmählich aus der romantischen Szenerie eines Flußtals in die noch romantischere Umgebung einer Schlucht und endlich durch die höchste Romantik eines Tunnels hindurch. Außer dem Anblick dieser Dinge erhielt Pater Browns neubelebte Phantasie wenig Nahrung; er sah keine menschlichen Wesen bis auf einige Zigeuner, die an der Küste mit Bündeln und Körben voll abgeschnittener Äste hinzogen, und einmal genoß er den zwar nicht mehr ungewöhnlichen, doch in so abseits gelegenen Gegenden immerhin unerwarteten Anblick einer dunkelhaarigen, barhäuptigen jungen Dame, die allein ihr Kanoe paddelte. Wären Pater Brown diese Dinge im Augenblick auch aufgefallen, so hätte er sie doch sicherlich bei der nächsten Biegung des Flusses sofort vergessen, wo plötzlich ein höchst merkwürdiges Ding vor ihnen auftauchte.

Der Fluß schien sich hier zu verbreitern und zu teilen, während eine kleine, bewaldete Insel von schiffsähnlicher Gestalt ihn in der Mitte wie ein Keil spaltete. Je mehr sie sich der kleinen Insel näherten, schien diese wie ein Schiff auf sie zuzukommen – ein Schiff mit einem sehr hohen Bug oder, genauer gesagt, mit einem sehr hohen Rauchfang. Denn an dem äußersten, ihnen zunächst liegenden Ende der Insel ragte ein seltsam aussehendes Gebäude empor, unähnlich jedem anderen Gebäude, dessen sie sich entsinnen konnten, und unvereinbar mit irgendeinem Zweck, den sie sich ausdenken mochten. Das Ding war nicht besonders hoch, doch war es im Vergleich zu seiner Breite zu hoch, um irgendwie anders als ein Turm genannt zu werden. Es schien ganz aus Holz gebaut zu sein, doch in einer sehr ungleichmäßigen und exzentrischen Art und Weise. Einige Planken und Balken waren aus gutem, ausgetrocknetem Eichenholz, andere wieder zwar aus demselben Holz, doch erst kürzlich geschnitten und nur roh zugehauen; einige waren aus weißem Fichtenholz, die meisten waren aber zwar aus Fichtenholz, doch mit Teer geschwärzt. Diese schwarzen Balken waren kreuz und quer nach allen Seiten eingefügt und gaben so dem Ganzen ein sehr fleckiges und verwirrendes Aussehen. Es waren ein oder zwei Fenster da, deren farbige Gläser mehr einen altertümlichen und sorgfältiger gearbeiteten Eindruck erweckten. Die Reisenden blickten das Ding mit jenem wunderlichen Gefühl an, wie man es hat, wenn einen etwas an Bekanntes erinnert und man doch sicher ist, etwas ganz anderes vor sich zu haben.

Pater Brown verstand es, selbst wenn er getäuscht wurde, diese Täuschung geschickt zu analysieren. Und so überlegte er, ob nicht vielleicht die Merkwürdigkeit darin bestünde, daß eine eigenartige Form aus einem sonst nicht gebräuchlichen Material geschaffen war; als sähe man einen Zylinderhut aus Blech oder einen Frack aus schottischem Stoff. Er war davon überzeugt, daß er verschiedengefärbtes Bauholz schon anderswo in dieser Art verwendet gesehen hatte, doch niemals in derlei architektonischen Proportionen. Im nächsten Augenblick belehrte ihn ein Blick durch die dunklen Bäume über alles, was er wissen wollte, und er lachte vergnügt auf. Durch eine Lücke in den dichten Baumkronen sah man einen Augenblick lang eines jener hölzernen Häuser mit einer Fassade aus schwarzen Balken, wie man sie hin und wieder noch in England findet, während man sie meist nur von Ausstellungen kennt, wo sie unter dem Titel »Das alte London« oder »England zur Zeit Shakespeares« nachgebildet sind. Der Priester konnte das Haus eben nur lange genug sehen, um festzustellen, daß es – so altmodisch es auch aussah – ein bequemes und gut gehaltenes Landhaus war, mit schönen Blumenbeeten davor. Es bot durchaus nicht den scheckigen und verrückten Anblick des Turmes, der aus den Überbleibseln des Hauses erbaut zu sein schien.

»Was ist das, um's Himmels willen?« fragte Flambeau, der immer noch den Turm anstarrte.

Fanshaw sprach triumphierend und mit leuchtenden Augen: »Aha, so etwas haben Sie wohl noch nie gesehen, nicht wahr? Darum eben habe ich Sie hierhergeführt, mein Lieber. Jetzt sollen Sie sehen, ob ich übertreibe mit meinen Seeleuten von Cornwall! Dieser Besitz gehört dem alten Pendragon, den wir Admiral nennen, obwohl er sich zurückzog, bevor er diesen Rang erlangte. Der Geist Raleighs und Hawkins ist für die Leute aus Devon zu einer Erinnerung geworden; für die Pendragons ist das eine moderne Tatsache. Würde die Königin Elisabeth aus dem Grabe auferstehen und in einer goldenen Barke den Fluß heraufkommen, so könnte sie von dem Admiral in einem Hause empfangen werden, das in jeder Ecke und jedem Fensterflügel, in jeder Wandtäfelung und jedem Teller auf dem Tische genau den Häusern gleicht, an die sie gewöhnt war. Und sie würde einen englischen Kapitän vorfinden, der immer noch begeistert von der Entdeckung neuer Länder spräche, ganz ebenso als speiste sie mit Drake.«

»Sie fände aber auch ein närrisches Ding im Garten, das ihrem Renaissance-Geschmack nicht gefiele«, sagte Pater Brown. »Jene Elisabethanische Architektur ist in ihrer Art ganz reizend, aber es ist gegen ihre Natur, in Türmchen auszuarten.«

»Und doch«, entgegnete Fanshaw, »ist das der romantischste und Elisabethanischste Teil des Ganzen. Der Turm wurde zur Zeit der spanischen Kriege von den Pendragons erbaut, und obwohl er renoviert und sogar aus einem gewissen Grund neu aufgebaut werden mußte, wurde er immer nach dem alten Muster neu errichtet. Es heißt, daß die Gattin Sir Peter Pendragons ihn an dieser Stelle und in der jetzigen Höhe hat erbauen lassen, weil man von seiner Spitze aus gerade die Biegung sehen kann, an der die Schiffe in die Flußmündung einlaufen, und sie als erste das Schiff ihres Gatten sehen wollte, wenn er aus dem Kampf mit der spanischen Armada heimkehrte.«

»Aus welchem Grunde«, fragte Pater Brown, »glauben Sie, wurde der Turm wieder neu aufgebaut?«

»Ach, auch darüber gibt es eine merkwürdige Geschichte«, erzählte der junge Squire bereitwillig. »Sie sind wirklich in dem Lande der wunderlichsten Geschichten. Hier ist König Arthur gewesen und Merlin und vor ihm die Feen und Nymphen. Es heißt, daß Sir Peter Pendragon, der – wie ich fürchte – die Laster eines Piraten ebenso wie die Tugenden eines Seemannes besaß, drei spanische Edelleute in ehrenvoller Gefangenschaft heimführte, um sie an den Hof der Königin Elisabeth zu bringen. Doch er war ein hitziger, jähzorniger Mann, und als er mit dem einen dieser Leute in Streit geriet, packte er ihn an der Gurgel und warf ihn – ob absichtlich oder zufällig – ins Meer. Darauf zog der Bruder dieses Spaniers sofort sein Schwert und drang auf Pendragon ein. Nach kurzem und wildem Kampf, in dem jeder der beiden in drei Minuten ebenso viele Wunden davontrug, rannte Pendragon dem anderen die Klinge in den Leib, wodurch es um den zweiten Spanier geschehen war. Zufällig lenkte das Schiff eben in die Flußmündung ein, so daß es dem verhältnismäßig seichten Wasser nahe war. Da sprang der dritte Spanier über Bord, schwamm dem Ufer zu und war bald nahe genug an dasselbe herangekommen, um aufrecht stehen zu können, ohne daß das Wasser ihm weiter als bis zur Mitte reichte. Dann drehte er sich um, streckte, das Gesicht dem Schiffe zugewendet, beide Arme zum Himmel empor und rief, wie ein Prophet, der eine Plage über eine böse Stadt herabbeschwört, mit durchdringender und schrecklicher Stimme Pendragon zu, daß er zumindest noch lebe und weiterleben werde bis in alle Ewigkeit; das Haus der Pendragons solle Generation um Generation weder ihn noch seinesgleichen jemals wiedererblicken, aber doch an unverkennbaren Zeichen gewahr werden, daß er und seine Rache lebendig wären. Damit tauchte er unter und fand entweder in den Wellen den Tod oder schwamm so lange unter Wasser, daß auch nicht ein Haar seines Hauptes je wieder zum Vorschein kam.«

»Da ist dieses Mädchen im Kanoe wieder«, unterbrach ihn Flambeau höchst unehrerbietig, denn hübsche junge Damen vermochten ihn jederzeit von jedem Thema abzulenken. »Sie scheint über den merkwürdigen Turm ebenso erstaunt zu sein wie wir.«

In der Tat ließ die schwarzhaarige junge Dame ihr Kanoe langsam und leise an der seltsamen Insel vorbeigleiten und blickte aufmerksam zu dem merkwürdigen Turm empor, während unverhohlene Neugier aus ihrem ovalen, olivenfarbenen Gesicht sprach.

»Kümmern Sie sich nicht um junge Mädchen«, sagte Fanshaw ungeduldig, »es gibt ihrer eine Menge auf dieser Welt, aber es gibt wenige Dinge, die dem Turm der Pendragons gleichen. Sie können sich leicht vorstellen, daß viele abergläubische Versionen und Klatschgeschichten sich an diesen Fluch des Spaniers knüpfen, und zweifellos hat – wie Sie es nennen werden – die Leichtgläubigkeit der bäuerlichen Bevölkerung jedes zufällige Unglück dieser cornischen Familie mit jenem Fluch in Verbindung gebracht. Sicherlich aber ist es wahr, daß dieser Turm zwei- oder dreimal niedergebrannt ist; auch kann man die Familie nicht eben glücklich preisen, denn zwei der nächsten Verwandten des Admirals sind, glaube ich, durch Schiffbruch zugrunde gegangen, und einer zumindest, soviel ich weiß, tatsächlich an derselben Stelle, wo Sir Peter den Spanier über Bord warf.«

»Wie schade!« rief Flambeau aus, »jetzt verschwindet sie dort drüben.«

»Wann hat Ihnen der Admiral diese Familiengeschichte erzählt?« fragte Pater Brown, während das Mädchen im Kanoe davonpaddelte, ohne die geringste Absicht zu verraten, ihr Interesse an dem Turm auch auf die Jacht zu übertragen, die Fanshaw bereits an der Insel hatte landen lassen.

»Vor vielen Jahren schon«, erwiderte Fanshaw; »er war jetzt schon lange nicht mehr auf hoher See, obwohl er ganz ebenso erpicht darauf ist wie ehemals. Ich glaube, es gibt da ein Familienabkommen oder etwas Ähnliches. Nun, hier ist der Landungssteg. Kommen Sie ans Land, wir wollen den alten Knaben aufsuchen.«

Sie folgten ihm ans Ufer unmittelbar unterhalb des Turmes. Pater Brown schien seine alte Lebhaftigkeit seltsam schnell wiedergewonnen zu haben, sei es durch die bloße Berührung mit dem Festlande, sei es durch das Interesse an irgend etwas drüben am anderen Ufer des Flusses – wohin er nämlich seit einigen Sekunden angestrengt starrte. Die drei Männer betraten nun eine Allee, die zwischen zwei Reihen graubrauner Hecken hinführte, wie man sie oft am Rande von Gärten oder Parkanlagen findet. Und darüber hin sah man die Kronen der dunklen Bäume hin und her schwanken wie purpurrote und schwarze Federn am Leichenwagen eines Riesen. Der Turm, den sie nun hinter sich ließen, sah jetzt um so merkwürdiger aus, da ähnliche Zugänge meist von zwei Türmen flankiert sind, während dieser hier einseitig erschien. Mit Ausnahme davon glich die Allee dem gewöhnlichen Zugang zu einem Herrensitz. Eine Biegung der Allee, die das Haus zeitweilig verdeckte, ließ den Park irgendwie weit größer erscheinen, als es auf einer so kleinen Insel eigentlich möglich war. Pater Brown, dessen Phantasie vielleicht durch seine Übermüdung noch ein wenig erregbar war, meinte beinahe zu spüren, daß alles ringsumher fortwährend zu wachsen schien wie in einem bösen Traum. Immerhin war eine gewisse geheimnisvolle Monotonie das einzig Charakteristische dieses Marsches, bis Fanshaw plötzlich stehenblieb und auf etwas hindeutete, das aus dem grauen Gebüsch hervorragte – es sah aus, als habe sich da das Horn irgendeines Tieres verfangen. Bei genauerer Betrachtung jedoch erwies es sich als eine gebogene Metallklinge, die schwach im untergehenden Lichtschein schimmerte.

Flambeau, der, wie alle Franzosen, Soldat gewesen war, beugte sich darüber und sagte verwundert: »Ja, das ist ein Säbel! Ich denke, ich kenne dergleichen Dinge; schwer und gebogen, doch kürzer, als die Kavalleriesäbel sind; sie wurden bei der Artillerie verwendet und ...«

Während er sprach, wurde die Klinge aus der Kerbe, in die sie sich eingehauen hatte, herausgezogen und sauste mit einem noch kräftigeren Hieb abermals nieder, wobei das dicht verzweigte Geäst der Hecke krachend von oben bis unten geteilt wurde. Wieder wurde die Klinge zurückgezogen, blitzte einige Fuß weiter wieder oberhalb der Hecke auf und schlug sie wieder mit einem Hieb halb durch; dann wurde sie nach einigem Hinundherrücken wieder herausgerissen, was von Flüchen aus der darunterliegenden Dunkelheit begleitet wurde, und hieb die Hecke mit einem zweiten Schlag ganz durch. Hierauf schleuderte ein verteufelt kräftiger Fußtritt die ganze losgehauene Masse des Gebüsches mitten auf den Weg, und eine große dunkle Lücke klaffte in der dichten Heckenmauer.

Fanshaw guckte in die finstere Öffnung und ließ einen Ausruf des Erstaunens hören. »Oh, mein lieber Admiral! Pflegen Sie sich immer erst eine neue Ausgangstür zu hauen, sooft Sie einen Spaziergang unternehmen wollen?«

Wieder hörte man aus der Dunkelheit eine Stimme fluchen, dann brach sie in ein lautes Lachen aus. »Nein«, sagte sie, »ich mußte diese Hecke wirklich ein wenig niederhauen. Sie hindert hier alles Wachstum, und es ist außer mir niemand da, der es machen kann. Ich will das Tor nur noch ein wenig größer machen, dann komme ich hinaus, um Sie zu begrüßen.«

Und wirklich schwang er nochmals seine Waffe und hackte mit zwei Hieben ein ähnlich großes Stück der Hecke nieder, so daß die Öffnung nun im ganzen ungefähr vierzehn Fuß breit war. Dann trat er durch dieses weite Waldtor in das Abendlicht heraus, während ein Stückchen graues Holz an seiner Säbelspitze baumelte.

Seine Erscheinung erfüllte im ersten Augenblick alle Erwartungen, die man nach Fanshaws Schilderung mit der Vorstellung eines alten Piraten-Admirals verband, obwohl es sich später zeigte, daß die Einzelheiten nur dem Zufall zu verdanken waren. Zum Beispiel trug er einen gewöhnlichen, breitkrempigen Hut wie zum Schutz gegen die Sonne; doch der vordere Teil der Krempe war kerzengerade in die Höhe gebogen, während die Krempe an beiden Seiten bis unter die Ohren herabgezogen war, so daß sie sich halbmondartig über seiner Stirn wölbte wie Nelsons Hut. Er trug einen gewöhnlichen dunkelblauen Rock mit ganz gewöhnlichen Knöpfen, der aber in Verbindung mit der weißen Leinenhose an die Kleidung eines Matrosen erinnerte. Der Mann war groß, hatte eine freie Haltung und wiegte sich leicht beim Gehen. Es war nicht eigentlich der Gang eines Matrosen, doch erinnerte er daran. In der Hand trug der Mann einen kurzen Säbel, der einem Matrosenmesser glich, nur doppelt so lang war. Sein adlerartiges Gesicht mit den durchdringenden, ein wenig vorstehenden Augen sah mit einem Ausdruck von Neugier unter dem Hut hervor, ein Eindruck, der dadurch erweckt wurde, daß das Gesicht nicht nur glattrasiert, sondern auch ohne Augenbrauen war. Es schien beinahe, als wären alle Haare aus diesem Gesicht verschwunden, weil es durch den Ansturm aller Elemente gejagt worden sei. Besonders auffallend, ja beinahe tropisch war seine Gesichtsfarbe; rötlich und sanguinisch, erinnerte die Farbe vage an eine Blutorange mit einem Stich ins Gelbliche, der keineswegs kränklich wirkte, sondern eher golden leuchtete wie die Äpfel der Hesperiden. Pater Brown überlegte, daß er noch nie ein Gesicht gesehen hätte, das so deutlich alles Märchenhafte aus den Ländern der Sonne wiedergab.

Nachdem Fanshaw seine beiden Freunde dem Gastgeber vorgestellt hatte, begann er wieder über die an der Hecke angerichtete Verwüstung zu scherzen, die nur dem Wüten eines Kreuzritters gegen die Ungläubigen zu vergleichen wäre. Der Admiral versuchte erst, leicht über die Sache hinwegzugehen, und gab vor, daß es ein Stück notwendige, wenn auch ärgerliche Gartenarbeit sei, doch schließlich drang sein früheres kraftvoll-aufrichtiges Lachen wieder durch, und er rief halb ungeduldig, halb vergnügt: »Nun, vielleicht packe ich die Sache ein wenig wütend an und empfinde eine gewisse Freude daran, alles niederzuhauen. Sie täten es auch nicht anders, wenn Sie eigentlich nur daran Vergnügen hätten, auf dem Meere zu kreuzen, um eine neue Kannibaleninsel zu entdecken, und statt dessen auf diesem schlammigen Felsennest inmitten eines Tümpels sitzen müßten. Wenn ich daran denke, wie ich mich einst anderthalb Meilen durch grünes, giftiges Dschungelgestrüpp durchgehauen habe, mit einem alten Matrosenmesser, das halb so scharf war wie dieses hier, und wenn ich dann überlege, daß ich hier bleiben und dieses Brennholz kleinhacken soll wegen irgendeiner verfluchten Bestimmung, die man in eine Familienbibel hineingekritzelt hat, ja, dann ...«

Wieder schwang er den schweren Säbel, und diesmal hieb er die Hecke mit einem Schlag von oben bis unten durch.

»So ist mir zumute«, sagte er lachend. Dann schleuderte er den Säbel wütend einige Ellen weit über den Fußweg hin. »Aber jetzt wollen wir ins Haus gehen, damit Sie etwas zu essen bekommen.«

Der halbkreisförmige Rasen vor dem Hause war durch drei kreisrunde Blumenbeete unterbrochen; das eine war mit roten Tulpen besetzt, das andere mit gelben, und das dritte mit irgendwelchen weißen, wachsartigen, offenbar exotischen Blüten, die den Besuchern nicht bekannt waren. Ein plumper, mürrisch dreinschauender Gärtner mit struppigem Barte wickelte das verwirrte Knäuel eines Spritzschlauches auf. Die letzten Strahlen des Abendrotes, die um die Ränder des Hauses spielten, erhellten hier und da noch die Farben weiter abliegender Blumenbeete, und in einer baumleeren Öffnung, durch die man von der einen Seite des Hauses zum Fluß hinuntersah, stand ein hohes, dreifüßiges Messinggestell mit einem großen Messingteleskop darauf. Unmittelbar vor den Stufen zum Hauseingang stand ein kleiner grüner Gartentisch, als hätte jemand dort eben Tee getrunken. Zu beiden Seiten der Tür standen zwei jener halbbearbeiteten Steinklumpen mit Löchern statt Augen, die man für Götzenbilder aus den Ländern der Südsee hält; und auf dem braunen Eichenholzbalken oberhalb der Tür waren einige undeutliche Zeichen eingegraben, die beinahe ebenso barbarisch aussahen.

Als die Herren im Begriffe waren einzutreten, sprang der kleine Priester plötzlich auf den Tisch und starrte von dort aus unbefangen durch seine Brillengläser auf die Schnitzerei in dem Holzbalken. Admiral Pendragon sah sehr erstaunt, wenn auch nicht gerade ärgerlich drein, während Fanshaw über diesen Anblick, der ihn an eine Zwergenvorführung erinnerte, so belustigt war, daß er das Lachen nicht zurückhalten konnte. Doch Pater Brown kümmerte sich natürlich weder um das Lachen noch um das Erstaunen.

Er starrte drei eingeschnitzte Darstellungen an, die, obzwar sehr verwittert und dunkel, für ihn doch irgendeinen Sinn ergaben. Das erste Bild sollte wohl den Umriß eines Turmes oder eines anderen Gebäudes darstellen, um dessen Spitze eingerollte Bänder zu flattern schienen. Das zweite Bild war deutlicher: eine alte Galeere aus der Zeit Elisabeths, darunter stilisierte Wellen, mitten darin aber ein seltsam zackiger Fels, der entweder nur ein Fehler im Holz oder irgendeine konventionelle Darstellung des in das Schiff eindringenden Wassers sein mochte. Das dritte Bild stellte den Oberkörper einer menschlichen Gestalt dar, die ebenfalls von einer wellenartigen Linie überschnitten war. Die Gesichtszüge waren verwischt und unkenntlich und beide Arme sehr steif in die Höhe gestreckt.

»Nun«, brummte Pater Brown blinzelnd, »hier ist die Legende von dem Spanier ganz deutlich zu sehen. Hier steht er im Meer und streckt seine Arme empor und verkündet seinen Fluch; und das sind die beiden Flüche: das zerschellte Schiff und der brennende Turm der Pendragons.«

Pendragon schüttelte mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Belustigung den Kopf. »Wie viele andere Dinge kann es noch bedeuten?« sagte er. »Wissen Sie nicht, daß solche halben Menschengestalten ebenso wie halbe Löwen oder halbe Hirsche sehr gebräuchliche Wappengestalten sind? Auch sieht der Turm auf dem Bilde hier eher aus, als wäre er mit Lorbeeren umkränzt, nicht, als stünde er in Flammen.«

»Aber es ist doch auffallend, daß es genau mit der alten Legende übereinstimmt«, sagte Flambeau.

»Ach«, erwiderte der skeptische alte Weltumsegler, »Sie wissen doch nicht, wieviel von der alten Legende nach diesen alten Figuren zusammengedichtet wurde. Außerdem ist es gar nicht die einzige alte Legende. Fanshaw hier, der derlei Dinge liebt, wird Ihnen bestätigen, daß es noch andere Versionen dieser Geschichte gibt, und sogar noch weit schauerlichere. Eine Erzählung besagt, daß mein unglücklicher Vorfahre den Spanier mit dem Schwerte mitten entzwei geschlagen habe; das würde auch zu dem hübschen Bildchen passen. Einer anderen Sage zufolge war meine Familie im Besitze eines Turmes voller Schlangen, worauf diese kleinen geringelten Gebilde auch hindeuten könnten. Eine dritte Theorie hält diese gezackte Linie auf dem Schiff für eine konventionelle Darstellung des Blitzes; doch das allein, ernstlich betrachtet, würde zeigen, wie wenig mit diesen unglücklichen Zufällen eigentlich anzufangen ist.«

»Warum, wie meinen Sie das?« fragte Fanshaw.

»Zufällig«, erwiderte der Gastgeber überlegen, »hat es bei den zwei oder drei Fällen von Schiffbruch, die ich in unserer Familie kenne, weder Blitz noch Donner gegeben.«

»Oh!« sagte Pater Brown und sprang von dem kleinen Tisch herunter.

Es entstand wieder ein Schweigen, in dem man nur das ununterbrochene Murmeln des Flusses hörte. Dann sagte Fanshaw in zweifelndem und vielleicht enttäuschtem Tonfall:

»Dann glauben Sie also nicht, daß an den Geschichten von dem brennenden Turm etwas dran ist?«

»Es bleiben schließlich immerhin noch die überlieferten Geschichten«, sagte der Admiral achselzuckend; »und einige davon stützen sich – was ich nicht leugnen will – auf so verläßliche Zeugenaussagen, wie man sie in derlei Dingen nur überhaupt bekommen kann. Irgend jemand sah einen Feuerschein hier in der Gegend, wissen Sie, während er durch den Wald heimging; und ein anderer, der landeinwärts auf den Höhen drüben die Schafe hütete, meinte oberhalb des Turms der Pendragons die Flammen auflodern zu sehen. Nun, ein nasser Erdhaufen wie diese verdammte Insel hier wäre doch sicherlich der letzte Ort, an dem man von Feuer träumen würde.«

»Was ist das dort drüben für ein Feuer?« fragte Pater Brown sanft und unvermittelt, während er auf den Wald am linken Flußufer deutete. Alle waren durch diese Bemerkung ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, und Fanshaw, dem phantasievollsten unter ihnen, fiel es sogar ein wenig schwer, sich zu fassen, denn man sah eine lange, dünne, blaue Rauchsäule langsam und lautlos in das schwindende Abendlicht emporsteigen.

Dann brach Pendragon in ein spöttisches Lachen aus. »Zigeuner!« sagte er. »Sie kampieren hier seit ungefähr einer Woche. Meine Herren, Sie werden hungrig sein«, und er wendete sich um in der Absicht, ins Haus zu gehen.

Doch in Fanshaw bebte noch die Vorliebe für Aberglauben und Altertümer; hastig fragte er: »Aber was ist das für ein zischendes Geräusch hier ganz nahe der Insel, Admiral? Es klingt wie Feuersbrunst.«

»Nein, eher wie das, was es wirklich ist«, sagte der Admiral lachend, während er seinen Gästen voranging, »es ist irgendein vorbeifahrendes Kanoe.«

Noch während er sprach, erschien ein Diener in der Türöffnung, ein hagerer, schwarzgekleideter Mann mit auffallend schwarzem Haar und einem sehr langen, gelben Gesicht, und kündigte an, daß das Essen aufgetragen sei.

Das Speisezimmer sah so schiffsmäßig aus wie eine Kabine an Bord, doch hatte sie mehr die Note eines modernen als eines Elisabethanischen Kapitäns an sich. Oberhalb des Kamins hingen zwar in der Tat drei alte Säbel an der Wand und eine braune Landkarte aus dem sechzehnten Jahrhundert mit pünktchenartig eingezeichneten Tritonen und Schiffen in dem wellenartig dargestellten Wasser. Aber diese Dinge waren an der weißen Täfelung nicht so auffallend wie einige Kästen mit seltsam gefärbten und kunstvoll ausgestopften südamerikanischen Vögeln, phantastischen Muscheln aus dem Pazifischen Ozean und einigen Werkzeugen, so absonderlich und grob gestaltet, daß die Wilden sie ebensogut zum Erschlagen wie zum Braten der Feinde verwendet haben mochten. Doch am meisten trug zu dem Eindruck des Fremdartigen zweifellos bei, daß außer dem Kammerdiener nur noch zwei Bedienstete des Admirals zu sehen waren, zwei Neger, die in seltsam enganliegende gelbe Livreen gekleidet waren. Pater Browns instinktiver Trick, die eigenen Eindrücke zu analysieren, sagte ihm, daß die gelbe Farbe und die kleinen geschwänzten Röcke dieser Zweifüßler ihm das Wort »Kanarienvogel« suggeriert hatten, was sich durch freie Gedankenassoziation mit Reisen nach südlichen Ländern verband. Gegen Ende der Mahlzeit verschwanden die gelben Anzüge und schwarzen Gesichter aus dem Zimmer und ließen dort nur den schwarzen Anzug und das gelbe Gesicht des alten Dieners zurück.

»Es tut mir ein wenig leid, daß Sie die Dinge so leicht nehmen«, sagte Fanshaw zu dem Gastgeber, »denn ich habe meine beiden Freunde hier eigentlich in der Absicht hergebracht, Ihnen womöglich behilflich zu sein, denn sie verstehen beide sehr viel von derlei Dingen. Glauben Sie wirklich gar nicht an diese Familiengeschichte?«

»Ich glaube an gar nichts«, antwortete Pendragon abweisend und starrte geradeaus zu einem Tropenvogel empor. »Ich bin ein Mann der Wissenschaft.«

Zu Flambeaus nicht geringem Erstaunen nahm sein kirchlicher Freund, der nun völlig aufgewacht zu sein schien, das Stichwort auf und unterhielt sich mit dem Gastgeber in einem wahren Redeschwall und mit unerwarteter Sachkenntnis zunächst über naturgeschichtliche Fragen so lange, bis das Dessert und die Weinflaschen auf den Tisch gestellt wurden und auch der letzte Diener aus dem Zimmer verschwand. Dann sagte er in unverändertem Tone:

»Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Herr Admiral. Ich frage nicht aus Neugierde, sondern wirklich nur zu meiner Belehrung und zu Ihrem Wohl. Irre ich mich, wenn ich annehme, daß Sie diese uralten Geschichten nicht gern in Gegenwart Ihres Dieners erörtern wollen?«

Der Admiral zog die augenbrauenlose Stirne in die Höhe und rief: »Nun, ich weiß nicht, woher Sie es wissen, aber es ist wahr, ich kann den Kerl nicht leiden, obwohl ich keinen triftigen Grund habe, einen alten Familiendiener zu entlassen. Fanshaw mit seinem Märchenglauben würde sagen, mein Blut sträubte sich gegen Leute mit diesem schwarzen Haar, das an die Spanier erinnert.«

Flambeau schlug mit seiner schweren Faust auf den Tisch. »Bei Gott!« rief er, »das Mädchen hatte auch solches Haar!«

»Ich hoffe, heute nacht wird sich alles entscheiden«, fuhr der Admiral fort, »sobald mein Neffe heil und gesund von seiner Seefahrt heimkehrt. Sie sehen so verwundert drein? Ja, das können Sie auch nicht verstehen, bevor ich Ihnen nicht die ganze Geschichte erzähle. Sehen Sie, mein Vater hatte zwei Söhne; ich blieb Junggeselle, doch mein älterer Bruder heiratete und hatte einen Sohn, der, wie wir alle, Seemann wurde und diesen ganzen Grundbesitz erben wird. Nun, mein Vater war ein merkwürdiger Mann; in ihm vermischte sich irgendwie Fanshaws Aberglaube mit einem guten Teil meines Skeptizismus; beides kämpfte stets in ihm. Nach meiner ersten Reise hatte er sich eine Methode zurechtgelegt, welche, wie er meinte, endgültig entscheiden würde, ob dieser Fluch wahr sei oder leeres Gewäsch. Wenn alle Pendragons immerfort umhersegelten, dachte er, dann bestünde eine zu große Wahrscheinlichkeit, daß sie durch natürliche Katastrophen ums Leben kämen, und man könnte daraus keine Beweise folgern. Doch wenn wir in genau festgelegter Reihenfolge, jeweils nur einer zur selben Zeit, zur See gingen, so könnte es sich, dachte er, zeigen, ob ein besonderes übles Schicksal die Familie als solche verfolge. Es war natürlich eine dumme Idee, finde ich, und ich stritt ziemlich heftig mit meinem Vater darüber; denn ich war ein ehrgeiziger Mann, und es war so ziemlich meine letzte Chance, da ich im Erbrecht hinter meinem eigenen Neffen stehe.«

»Und Ihr Vater und Ihr Bruder«, fragte der Priester sehr sanft, »starben, fürchte ich, auf hoher See?«

»Ja«, seufzte der Admiral. »Durch einen jener grausamen Zufälle, auf denen all die verlogene Mythologie der Menschheit aufgebaut ist, gingen sie beide durch Schiffbruch zugrunde. Mein Vater wurde auf seiner Heimreise vom Atlantischen Ozean auf diesen cornischen Felsen ans Land geworfen. Das Schiff meines Bruders sank, niemand weiß wo, auf seiner Heimfahrt von Tasmanien. Seine Leiche wurde nie gefunden. Ich sage Ihnen, es waren einfache und ganz natürliche Unglücksfälle. Eine Unmenge anderer Leute außer den Pendragons sind schon ertrunken; und beide Unglücksfälle werden von Seeleuten als durchaus normal angesehen. Aber natürlich fing dieser Wald von Aberglauben sofort Feuer daran, und die Menschen wollten überall den brennenden Turm gesehen haben. Darum sage ich, daß alles in Ordnung sein wird, sobald nur mein Neffe Walter zurückkommt. Das Mädchen, mit dem er verlobt ist, sollte heute kommen; aber ich hatte solche Angst, sie könnte über irgendeine zufällige Verspätung zu Tode erschrecken, daß ich ihr telegrafierte, sie möchte erst kommen, wenn sie wieder etwas von mir hörte. Doch ist es ziemlich sicher, daß Walter irgendwann heute nacht hier ankommt, und dann wird sich alles in Rauch auflösen – in Tabaksrauch nämlich. Wir werden dieser alten Lüge den Kragen brechen, wenn wir gemeinsam einer dieser alten Weinflaschen den Hals brechen.«

»Ein guter Wein«, sagte Pater Brown ernst und hob sein Glas, »doch, wie Sie sehen, ein sehr schlechter Zechbruder. Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, denn er hatte bei diesen Worten ein wenig Wein auf das Tischtuch vergossen. Dann trank er und stellte das Glas mit unbefangener Miene nieder, doch beim ersten Heben des Glases hatte er genau in demselben Augenblick ein Gesicht wahrgenommen, das durch ein Fenster hinter dem Rücken des Admirals vom Garten aus hereingeschaut hatte –, es war das Gesicht einer dunkelfarbenen Frau gewesen, mit den Haaren und Augen der Südländerinnen, jung, doch gleich einer Maske tiefster Tragik.

Nach einer Pause sprach der Priester in seiner sanften Art weiter. »Admiral Pendragon«, sagte er, »wollen Sie mir einen Gefallen tun? Lassen Sie mich und meine Freunde, wenn Sie wollen, nur für die eine heutige Nacht in Ihrem Turm schlafen. Wissen Sie, daß Sie in meinen Augen in erster Linie ein Teufelsaustreiber sind?«

Pendragon sprang auf und ging schnellen Schrittes vor dem Fenster auf und ab, hinter dem das Gesicht augenblicklich verschwunden war. »Ich sage Ihnen doch, daß nichts dahintersteckt«, rief er in höchster Aufregung. »Eines weiß ich ganz genau in dieser Sache. Sie mögen mich einen Atheisten nennen. Ich bin ein Atheist.« Bei diesen Worten schwang er sich herum und sah Pater Brown mit einem Gesichtsausdruck erschreckender Konzentration fest ins Auge. »Die Sache ist vollkommen natürlich. Es ist auch nicht der Schimmer eines Fluches daran.«

Pater Brown lächelte. »In diesem Falle«, sagte er, »könnte doch nicht das mindeste dagegen sprechen, daß ich in Ihrem entzückenden Sommerhäuschen schlafe.«

»Das ist eine ganz lächerliche Idee«, erwiderte der Admiral und hämmerte wild mit den Fingern auf die Lehne eines Stuhles.

»Bitte verzeihen Sie mir alle meine Verstöße«, sagte Pater Brown in seinem teilnehmendsten Ton, »einschließlich das Verschütten des Weines. Aber es kommt mir vor, als wären Sie, was den brennenden Turm anbelangt, nicht so ruhig, wie Sie gerne sein möchten.«

Admiral Pendragon setzte sich ebenso plötzlich nieder, wie er aufgesprungen war; doch er saß vollkommen still, und als er wieder sprach, geschah es mit ruhiger Stimme. »Sie tun es auf Ihre eigene Gefahr«, sagte er, »aber würden Sie nicht auch zu einem Atheisten werden, um in dieser ganzen Teufelsgeschichte nicht den Verstand zu verlieren?«

+++

Etwa drei Stunden später strichen Fanshaw, Flambeau und der Priester noch im Finstern im Garten umher; auch wurde es den beiden andern langsam klar, daß Pater Brown nicht die Absicht hatte, zu Bett zu gehen, weder im Turm noch im Hause.

»Ich glaube, man sollte auf dieser Wiese das Unkraut ausjäten«, sagte er träumerisch; »wenn ich ein Jätmesser oder irgend etwas Ähnliches finden könnte, täte ich es selbst.«

Die beiden anderen folgten ihm lachend und ein wenig widersprechend; doch er antwortete mit der größten Feierlichkeit und erklärte ihnen in einer kleinen Predigt, die einen rasend machen konnte, es sei stets möglich, irgendeine kleine Beschäftigung zu finden, die für andere von Nutzen sei. Er fand zwar kein Jätmesser, doch fand er einen alten Reisigbesen, und mit diesem fing er energisch an, die abgefallenen Blätter von der Wiese wegzukehren.

»Es gibt immer irgendeine Kleinigkeit zu tun«, sagte er mit idiotischer Heiterkeit, »so wie George Herbert sagt: ›Wer den Garten eines Admirals in Cornwall fegt um Deinetwillen, heiliget sich und seine Werke zugleich.‹ Und nun«, fügte er hinzu, den Besen plötzlich fortschleudernd, »wollen wir die Blumen gießen gehen.«

Mit derselben Verwunderung und Unschlüssigkeit sahen die Freunde ihm zu, wie er ein beträchtlich langes Stück des Spritzschlauches abwickelte und ernstlich erwägend bemerkte: »Zuerst die roten Tulpen, glaube ich. Sehen sie nicht ein wenig trocken aus?«

Er drehte den Hahn auf, und das Wasser schoß gerade und stark hervor wie eine Stange aus Stahl.

»Wach auf, Simson!« rief Flambeau, »schau, du hast die Tulpen geköpft.«

Pater Brown stand und besah reumütig die enthaupteten Pflanzen.

»Meine Methode, Blumen zu bewässern, scheint ja eine wahre Roßkur zu sein«, gab er zu, während er sich den Kopf kratzte. »Ich denke, es ist doch schade, daß ich kein Jätmesser gefunden habe. Ihr hättet mich mit einem Jätmesser umgehen sehen sollen! Da wir übrigens von Werkzeugen reden – Sie haben doch den Stockdegen bei sich, Flambeau, den Sie immer tragen? Das ist gut, und Sir Cecil könnte jenes Schwert haben, das der Admiral dort an der Hecke fortwarf. Wie grau alles aussieht!«

»Der Nebel steigt vom Fluß auf«, sagte Flambeau, in die Dunkelheit starrend.

Noch während er sprach, erschien die riesige, haarige Gestalt des Gärtners weiter oben auf dem terrassenförmig angelegten Rasen und rief ihnen, einen Rechen schwingend, mit schrecklicher, wütender Stimme zu: »Lassen Sie die Spritze liegen und scheren Sie sich zum ...«

»Ich bin so entsetzlich ungeschickt«, erwiderte der hochwürdige Herr zaghaft. »Wissen Sie, ich habe schon bei Tisch ein wenig Wein ausgegossen.« Dabei wendete er sich mit einer halben Drehung dem Gärtner zu, den spritzenden Schlauch immer noch in der Hand. Der kalte starke Wasserstrahl traf den Gärtner mitten ins Gesicht wie eine Kanonenkugel; er schwankte, glitt aus und fiel nieder, die Beine hoch in der Luft.

»Das ist ja schrecklich!« sagte Pater Brown und sah verwundert um sich. »Ja, jetzt hab' ich diesen Mann getroffen!«

Er stand einen Augenblick mit vorgebeugtem Kopfe still, als horche er oder blicke aufmerksam in die Ferne, dann setzte er sich im Laufschritt in der Richtung auf den Turm zu in Bewegung, den Schlauch immer noch hinter sich herschleifend. Der Turm stand ganz nahe, doch waren seine Umrisse merkwürdig verschwommen.

»Ihr Flußnebel«, sagte Pater Brown, »hat einen merkwürdigen Geruch.«

»Ja, bei Gott, das hat er«, rief Fanshaw, kreidebleich im Gesicht. »Aber Sie wollen doch nicht sagen ...«

»Ich will sagen«, erwiderte Pater Brown, »daß eine der wissenschaftlichen Prophezeiungen des Admirals sich heute nacht erfüllen wird. Diese Geschichte wird sich in Rauch auflösen.«

Bei diesen Worten brach ein wunderschönes rosenrotes Licht hervor, als wäre eine gigantische Rose erblüht, doch war dies von einem krachenden, knisternden Geräusch begleitet, das wie das Lachen aller Teufel der Hölle klang.

»Mein Gott! Was ist das?« schrie Sir Cecil Fanshaw.

»Das Zeichen des brennenden Turmes«, sagte Pater Brown und sandte den Wasserstrahl seines Spritzschlauches mitten in das Herz des roten Fleckes.

»Es ist ein Glück, daß wir nicht schlafen gegangen sind!« rief Fanshaw. »Ich denke, das Feuer kann nicht auf das Haus übergreifen?«

»Sie werden sich wohl noch erinnern«, sagte der Priester ruhig, »daß die Hecke, welche es hätte hinüberleiten können, niedergehauen wurde.«

Flambeau starrte seinen Freund mit funkelnden Augen an, doch Fanshaw sagte nur wie geistesabwesend, »nun, dann kann wenigstens niemand ums Leben kommen.«

»Das ist ein sehr merkwürdiger Turm«, bemerkte Pater Brown, »sooft er sich darauf verlegte, Leute zu töten, tötete er immer solche, die irgendwo anders waren.«

Im selben Augenblick stand die riesige Gestalt des Gärtners mit dem wallenden Bart wieder auf der Höhe der Wiese, wo sie sich scharf gegen den Himmel abhob; er winkte Leute herbei, doch diesmal nicht mit einem Rechen, sondern mit einem Säbel.

Hinter ihm kamen die zwei Neger, ebenfalls mit Säbeln, den beiden alten gebogenen Waffen von der Wand des Speisezimmers. Doch in dem blutroten Schein sahen sie mit ihren schwarzen Gesichtern und gelben Gestalten wie Teufel aus, die Folterwerkzeuge trugen. Aus dem trüb erhellten Garten hinter ihnen hörte man eine Stimme, die ihnen kurze Befehle zurief. Als der Priester diese Stimme vernahm, glitt eine schreckliche Veränderung über seine Züge.

Doch behielt er seine Fassung und blickte nicht ein einziges Mal auf von dem Flammenherd, der zuerst aufgelodert war, doch jetzt ein wenig einzuschrumpfen schien unter dem Zischen des langen silberfarbenen Wasserstrahls. Er hielt den Finger an der Öffnung des Schlauches, um genau zielen zu können, und hatte auf nichts anderes acht; nur dem Geräusch nach und mit dem halben Auge erkannte er die aufregenden Vorgänge, die sich in dem Inselgarten abspielten. Zwei kurze Weisungen gab er seinen Freunden. Die eine lautete: »Haut diese Kerle irgendwie nieder und bindet sie, wer sie auch immer sein mögen; dort unten bei den Reisigbündeln sind Stricke. Sie wollen mir meinen schönen Spritzschlauch wegnehmen.« Die zweite Weisung war: »Sobald ihr könnt, ruft jenes Mädchen aus dem Kanoe an, sie ist mit den Zigeunern drüben auf dem anderen Flußufer. Fragt sie, ob sie einige Eimer herüberbringen und sie beim Fluß unten füllen könnte.« Dann schwieg er und fuhr fort, die neue rote Blume ebenso unbarmherzig zu bewässern, wie er es mit den roten Tulpen getan hatte.

Er wendete nicht ein einziges Mal den Kopf, um den seltsamen Kampf zu verfolgen, der sich zwischen den Freunden und Feinden dieses geheimnisvollen Feuers entspann. Er spürte beinahe die Erde unter sich schwanken, als Flambeau mit dem riesigen Gärtner zusammenstieß; er konnte nur erraten, wie alles aufgewirbelt wurde rings um die beiden Ringenden. Er hörte den krachenden Sturz und das triumphierende Atemholen, als sein Freund dann auf den einen Neger losstürzte, und er hörte endlich die beiden Schwarzen schreien, als Flambeau und Fanshaw sie banden. Flambeaus ungeheure Körperstärke machte die kleine Ungleichheit in der Kräfteverteilung der Kämpfenden mehr als wett, insbesondere, da der vierte Mann sich noch zögernd in der Nähe des Hauses herumtrieb – ein bloßer Schatten mit einer Stimme. Pater Brown hörte auch das Geräusch des Wassers, das von dem Paddelruder eines Kanoes geteilt wurde; die Stimme des Mädchens, welche Anordnungen gab, die Stimmen der Zigeuner, die antworteten und herbeikamen, das gurgelnde Geräusch leerer Eimer, welche in die Strömung des Flusses getaucht wurden, und schließlich das Geräusch vieler Füße um das Feuer herum. Aber all dies beschäftigte ihn weniger als die Tatsache, daß die rote Spalte, die erst wieder breiter geworden war, nun immer mehr an Größe und Lichtstärke abgenommen hatte.

Dann ertönte ein Schrei, der ihn beinahe zwang, den Kopf zu wenden. Flambeau, Fanshaw und einige der neu hinzugekommenen Zigeuner waren auf die geheimnisvolle Gestalt in der Nähe des Hauses eingedrungen. Vom anderen Ende des Gartens herüber hörte Brown den Schrei des Entsetzens und der Verwunderung, den der Franzose ausstieß. Darauf folgte ein nicht mehr menschlich zu nennendes Aufheulen, als das Geschöpf sich gewaltsam losriß und durch den Garten davonrannte. Dreimal zumindest liefen sie um die ganze kleine Insel, und das Ganze war ebenso grauenhaft anzusehen wie die Jagd auf einen Verrückten; diese Vorstellung wurde noch verstärkt durch die Schreie des Verfolgten und dadurch, daß die Verfolger Stricke trugen; das Grauenhafteste daran war jedoch, daß es zugleich an ein Fangenspielen von Kindern im Garten erinnerte. Dann, als die Gestalt sah, daß sie von allen Seiten abgeschnitten war, sprang sie von einer der höhergelegenen Stellen des Ufers hinab und verschwand unter dem Aufspritzen des Wassers in dem dunklen, dahinströmenden Fluß.

»Ich fürchte, Sie können nichts mehr machen«, sagte Brown mit schmerzerstickter Stimme. »Er ist jetzt sicherlich schon zu den Felsen hinuntergeschwemmt worden, wohin er so viele andere geschickt hat. Er kannte die Anwendungsmöglichkeit einer Familienlegende.«

»Ach, reden Sie doch nicht in solchen Parabeln«, rief Flambeau ungeduldig. »Können Sie es nicht in gewöhnlichen, eindeutigen Worten sagen?«

»Ja«, antwortete Brown, den Blick auf die Spritze gerichtet. »›Beide Augen klar, gute Fahrt fürwahr; scheint nur eins der Augen, wirds ihr nimmer taugen.‹«

Das Feuer zischte und pfiff immer mehr und mehr, wie etwas, das dem Ersticken nahe ist, je mehr es unter dem einströmenden Wasser aus Spritze und Eimern kleiner und kleiner wurde; doch Pater Brown hielt weiter seine Blicke darauf gerichtet, während er zu sprechen fortfuhr.

»Ich habe daran gedacht, die junge Dame hier zu bitten, sobald es Morgen würde, durch das Fernrohr nach der Flußmündung hinzuschauen. Sie könnte vielleicht etwas sehen, was sie interessieren dürfte: ein Schiff oder auch Herrn Walter Pendragon auf seiner Heimreise. Er ist um Haaresbreite der Gefahr eines neuerlichen Schiffbruches entronnen und wäre niemals entronnen, wenn die junge Dame nicht genug Verstand gehabt hätte, dem alten Admiral zu mißtrauen und trotz seines Telegramms herzukommen, um ihn im Auge zu behalten. Aber wir wollen nicht von dem alten Admiral reden. Wir wollen von gar nichts reden. Es genügt zu sagen, daß, wann immer dieser Turm, der aus Pech und harzigem Holz besteht, Feuer fing, der Widerschein am Himmel stets wie das Zwillingslicht des Leuchtturms am Ufer aussah.«

»Und so«, sagte Flambeau, »ist der Vater und der Bruder zugrunde gegangen? Der böse Onkel aus dem Märchen hätte schließlich beinahe doch den Besitz geerbt.«

Pater Brown antwortete nicht; in der Tat sprach er bis auf einige Höflichkeiten nichts mehr, bis alle wieder ruhig und gesund um eine Kiste Zigarren in der Kabine der Jacht beisammensaßen. Er sah, daß das Feuer rechtzeitig erstickt worden war und weigerte sich, dann noch länger zu bleiben, obwohl er den jungen Pendragon, von einer begeisterten Schar geleitet, tatsächlich vom Ufer anmarschieren hörte; auch hätte er, wenn er von romantischer Neugierde bewegt gewesen wäre, die gemeinsamen Danksagungen des Mannes aus dem Schiff und des Mädchens aus dem Kanoe entgegennehmen können. Aber er war neuerlich von seiner früheren Müdigkeit befallen worden und wachte nur einmal auf, als ihm Flambeau unvermittelt sagte, daß er ein wenig Zigarrenasche auf seine Hose habe fallen lassen.

»Das ist keine Zigarrenasche«, sagte er müde. »Das ist vom Brand; aber daran denkt ihr nicht, weil ihr alle Zigarren raucht. Eben auf diese Weise habe ich zuerst Verdacht gegen die Karte gefaßt.«

»Meinen Sie Pendragons Karte von seinen Inseln im Pazifischen Ozean?« fragte Fanshaw.

»Sie haben geglaubt, daß es eine Karte vom Pazifischen Ozean sei«, antwortete Brown. »Legen Sie eine Feder zu einem Stückchen Mineral und einer Koralle, so wird jedermann es für irgendwelche naturwissenschaftlichen Probestücke halten. Legen Sie dieselbe Feder zu einem Stückchen Band und einer künstlichen Blume, so wird es jedermann für den Hutschmuck einer Dame ansehen. Legen Sie dieselbe Feder zu einem Tintenfaß, einem Buch und einem Stück Löschpapier, so werden die meisten Leute glauben, daß sie eine Schreibfeder gesehen haben. So haben Sie diese Karte unter tropischen Vögeln und Muscheln gesehen und sie für eine Karte des Pazifischen Ozeans gehalten. Es war die Karte dieses Flusses.«

»Aber woher wissen Sie das?« fragte Fanshaw.

»Ich sah den Felsen, der Sie an einen Drachen erinnerte, und den, der Ihnen wie Merlin vorkam, und ...«

»Sie scheinen eine Menge Dinge bemerkt zu haben, während wir einfuhren«, rief Fanshaw. »Wir dachten, Sie wären zerstreut gewesen.

»Ich war seekrank«, sagte Pater Brown schlicht. »Mir war entsetzlich übel. Aber das hat nichts damit zu tun, daß man die Dinge nicht sieht«, und er schloß die Augen.

»Glauben Sie, daß die meisten anderen Leute das gesehen hätten?« fragte Flambeau.

Er erhielt keine Antwort. Pater Brown war eingeschlafen.

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