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Das Paradies der Diebe

Gilbert Keith Chesterton: Das Paradies der Diebe - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Paradies der Diebe
publisherDroemer Knaur
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150630
projectid797f16f5
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Pater Browns Märchen

Das malerische Städtchen Heiligwaldenstein bildet mit dem gleichnamigen Staate eines jener Duodez-Fürstentümer, aus denen das Deutsche Reich zum Teil noch so lange bestand. Es war der preußischen Hegemonie erst verhältnismäßig spät angegliedert worden – kaum fünfzig Jahre vor dem Tage, da Flambeau und Pater Brown in einem der Wirtsgärten des Städtchens zusammensaßen und von dem köstlichen einheimischen Biere tranken. Die Erinnerung an Krieg und Vergewaltigung des Rechtes lebte noch frisch im Herzen der Bevölkerung, wie hier gleich gezeigt werden soll. Doch konnte man sich, dem äußeren Anschein des Ortes nach, jenes Eindruckes von Kindlichkeit nicht erwehren, der den größten Reiz Deutschlands bildet – jener kleinen patriarchalischen Monarchien, in denen ein König ebenso häuslich erscheint wie ein Koch. Die deutschen Soldaten vor ihren unzähligen Schilderhäuschen sahen Zinnsoldaten merkwürdig ähnlich, und die sauberen Konturen des festungsartigen Schlosses, die im goldenen Sonnenschein glitzerten, sahen noch mehr wie vergoldeter Lebkuchen aus. Das Wetter war strahlend schön, der Himmel von so reinem Preußischblau, wie Potsdam selbst es nicht besser hätte verlangen können, doch schien die Farbe so verschwenderisch aufgetragen worden zu sein, wie Kinder dies mit ihren Ein-Schilling-Malkästen zu tun pflegen. Sogar die grau gerippten Bäume muteten jugendlich an, denn die spitzen Knospen daran waren noch rosafarben und sahen gegen den dunkelblauen Himmel wie eine Kinderzeichnung aus.

Obwohl Pater Brown höchst prosaisch aussah und sich beinahe ausschließlich mit höchst praktischen Dingen beschäftigte, ermangelte sein Wesen nicht einer gewissen Romantik, wenn er auch seine Wachträume meist für sich behielt, wie Kinder dies gewöhnlich zu tun pflegen. Inmitten der klaren, leuchtenden Farben eines solchen Tages und in dem Rahmen einer solchen Stadt hatte er ein wenig das Gefühl, als wäre er in einem Märchenland. Er empfand eine kindliche Freude an dem mächtigen Stockdegen, den Flambeau beim Gehen immer zu schwingen pflegte und der nun aufrecht neben seinem hohen Bierkrug stand. Ja, in dieser verspielten, träumerischen Stimmung sah er sogar in dem knotigen plumpen Griff seines eigenen schäbigen Schirmes eine schwache Ähnlichkeit mit der Keule irgendeines Ungeheuers, deren er sich aus einem Bilderbuch erinnerte. Doch niemals hatte er mit Ausnahme der folgenden Erzählung Märchen gedichtet.

»Ich möchte gerne wissen«, sagte er, »ob man an einem solchen Ort wirkliche Abenteuer erleben könnte, wenn man es darauf anlegt. Es wäre der richtige Hintergrund dafür, aber ich habe immer irgendwie das Gefühl, als ob die Leute hier mit Pappendeckelsäbeln auf einen losgingen, nicht mit wirklichen, schrecklichen Schwertern.«

»Sie irren sich«, sagte sein Freund. »Man kämpft hier nicht nur mit Schwertern, sondern man tötet sogar ohne sie. Ja, es gibt sogar noch schlimmere Dinge.«

»Wieso, was meinen Sie?« fragte Pater Brown.

»Nun«, erwiderte der andere, »ich möchte behaupten, daß dies der einzige Ort in Europa ist, an dem ein Mensch jemals ohne Feuerwaffe erschossen wurde.«

»Meinen Sie Pfeil und Bogen?« fragte Pater Brown verwundert.

»Ich meine, eine Kugel durch den Kopf schießen«, erwiderte Flambeau. »Kennen Sie nicht die Geschichte des letzten Fürsten hier? Das war vor etwa zwanzig Jahren einer der großen unaufgeklärten Kriminalfälle. Wie Sie sich gewiß erinnern, wurde dieser Staat gleich zu Beginn von Bismarcks Konsolidierungspolitik gewaltsam annektiert – wenn ich sage ›gewaltsam‹, so bedeutet das nicht, daß es gar so leicht war. Das Reich, oder was damals erst eines werden wollte, schickte einen Fürsten Otto von Großenmark hierher, um das Land nach den imperialistischen Grundsätzen des Reiches zu regieren. Wir haben das Porträt dieses Fürsten drüben in der Galerie gesehen; er wäre ein hübscher alter Herr zu nennen, wenn er nur eine Spur von Haaren oder Augenbrauen hätte und das Gesicht nicht gar so verrunzelt wäre; doch daran waren wohl die aufreibenden Dinge schuld, die er mitzumachen hatte und von denen ich Ihnen gleich erzählen werde. Er war ein erfolgreicher und geschickter Soldat, aber es war eben keine leichte Aufgabe, mit diesem kleinen Land hier fertig zu werden. Er wurde auch in mehreren Schlachten von den berühmten Brüdern Arnhold geschlagen – jenen drei kriegerischen Patrioten, denen Swinburne, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, ein Gedicht widmete. Ja, es ist sogar höchst zweifelhaft, ob die Besetzung je hätte durchgeführt werden können, wenn nicht einer dieser drei Brüder, Paul, plötzlich niederträchtigerweise erklärt hätte, er wolle nicht mehr mittun; er hat dann auch tatsächlich alle Geheimnisse der Aufständischen verraten und es durchzusetzen verstanden, daß ihre Partei gestürzt und er schließlich zum Kämmerer des Fürsten Otto ernannt wurde. Danach wurde Ludwig, der einzige wirkliche Held unter den dreien, bei Einnahme der Stadt mit dem Schwert in der Hand getötet, während Heinrich, der dritte Bruder, der, wenn auch kein Verräter, doch immer der zahmste und ängstlichste von ihnen gewesen war, sich in eine Art Einsiedelei zurückzog und sich zu einem christlichen Quietismus bekehrte, der beinahe etwas Quäkerhaftes an sich hatte. Er wollte überhaupt nichts mehr mit anderen Menschen zu tun haben, ausgenommen, daß er beinahe alles, was er besaß, den Armen schenkte. Man sagt, er sei noch vor kurzer Zeit gelegentlich hier in der Umgebung gesehen worden, ein Mann in einem schwarzen Mantel, beinahe gänzlich blind, mit weißem, wildflatterndem Haar und einem Antlitz von ganz erstaunlicher Sanftmut.«

»Ich weiß«, sagte Pater Brown, »ich habe ihn einmal gesehen.«

Sein Freund sah ihn erstaunt an, »Ich wußte nicht, daß Sie schon jemals hier gewesen sind«, sagte er. »Da wissen Sie vielleicht ebensoviel von diesen Dingen wie ich. Immerhin, das ist die Geschichte der Arnholds, und er war der letzte von ihnen. Ja, und der letzte von all denen, die in diesem Drama eine Rolle spielten.«

»Sie meinen, daß auch der Fürst schon vor langem starb?«

»Starb?« wiederholte Flambeau. »Ja, das ist so ziemlich alles, was wir darüber sagen können. Sie müssen nämlich wissen, er wurde gegen Ende seines Lebens von jenen Nervenzuständen geplagt, die bei Tyrannen nichts Seltenes sind. Er vergrößerte die Anzahl der gewöhnlichen Tages- und Nachtwachen rings um sein Schloß, bis es mehr Schilderhäuser in der Stadt zu geben schien als andere Häuser, und zweifelhafte Gestalten wurden ohne Gnade niedergeschossen. Er lebte beinahe ausschließlich in einem der innersten Gemächer des Schlosses, inmitten des ungeheuren Labyrinthes anderer Gemächer, und auch darin noch ließ er eine Art freistehenden Verschlag errichten, dessen Wände aus Stahl waren wie ein Geldschrank oder ein Kriegsschiff. Man erzählt sogar, im Fußboden dieses Kämmerchens sei wieder noch ein geheimes Loch gewesen, kaum größer, als eben für seinen Körper nötig war, so daß er aus Angst vor dem Grab sich schon bei Lebzeiten an einem sehr ähnlichen Ort aufhielt. Aber er ging sogar noch weiter. Die Bevölkerung war seit der Unterdrückung des Aufstandes entwaffnet, doch Otto bestand nun auf einer so gründlichen und absoluten Durchführung dieser Verordnung, wie sie nur höchst selten verlangt wird. Die Sache wurde mit ganz ungewöhnlicher Sorgfalt und Strenge durchgeführt, und zwar durch sehr gut organisierte Beamte, die ein jeweils ganz kleines ihnen bekanntes Gebiet durchsuchten; soweit man nach menschlichem Wissen überhaupt irgendeiner Sache vollkommen sicher sein kann, durfte Fürst Otto sicher sein, daß auch nicht einmal eine Kinderpistole nach Heiligwaldenstein gebracht würde.«

»Menschliches Wissen kann niemals einer solchen Sache ganz sicher sein«, sagte Pater Brown und sah immer noch nach den roten Knospen an den Zweigen über seinem Kopfe, »und wäre es auch nur wegen der Schwierigkeit einer genauen Definition und Bezeichnung. Was ist eine Waffe? Es wurden schon Leute mit den sanftesten Hausgeräten getötet; sicherlich schon mit Teekesseln, vielleicht auch schon mit Teepuppen. Andererseits, wenn Sie einem alten Briten einen Revolver gezeigt hätten, so mag es zweifelhaft erscheinen, ob er ihn für eine Waffe gehalten hätte – natürlich bevor man den Revolver auf ihn abgeschossen hätte. Vielleicht hat jemand eine so neuartige Waffe eingeführt, daß man sie gar nicht als solche erkannte. Vielleicht sah sie wie ein Fingerhut aus oder so ähnlich. War an der Kugel irgend etwas Besonderes zu bemerken?«

»Nicht, daß ich wüßte«, antwortete Flambeau, »aber alle meine Informationen sind nur mangelhaft und stammen von meinem alten Freund Grimm. Er war ein sehr begabter Detektiv in deutschen Diensten und hatte versucht, mich zu verhaften. Statt dessen habe ich ihn verhaftet, und wir hatten manch interessante Unterhaltung miteinander. Er sollte hier Erkundigungen über Fürst Otto einholen, aber ich habe nie nach der Kugel gefragt. Nach den Berichten Grimms hat sich folgendes zugetragen.« Flambeau hielt einen Augenblick lang inne, um die größte Hälfte seines Bierkruges zu leeren, und fuhr dann fort:

»An dem betreffenden Abend sollte der Fürst offenbar in einem der äußeren Gemächer erscheinen, um dort einige Besucher zu empfangen, die er sprechen mußte. Es waren geologische Sachverständige, die man hierhergeschickt hatte, um das Gestein der Umgebung auf seinen Goldgehalt hin zu prüfen; denn angeblich hatte der kleine Stadt-Staat auf Grund dieses Reichtums seinen Kredit so lange wahren und sogar während der Belagerung den Handel mit den Nachbarländern weiter aufrechterhalten können. Bisher aber konnte selbst durch die allergenauesten Prüfungen nichts gefunden werden ...«

»Und dabei war man doch ganz sicher, eine Kinderpistole zu finden«, sagte Pater Brown lächelnd. »Aber was war mit dem verräterischen Bruder? Konnte der dem Fürsten nichts sagen?«

»Der beteuerte stets, er wisse nichts«, erwiderte Flambeau; »dies sei das einzige Geheimnis, das seine Brüder ihm nicht anvertraut hätten.

Übrigens wurde diese Aussage, wie man der Gerechtigkeit halber betonen muß, zum Teil durch einen abgebrochenen Satz des großen Ludwigs bestätigt, der in seiner Sterbestunde, zu Heinrich gewandt und auf Paul deutend, sprach: ›Du hast ihm doch nicht gesagt ...‹; bald darauf war er nicht mehr imstande zu sprechen. Immerhin waren die Deputationen der berühmtesten Geologen und Mineralogen von Paris und Berlin in ihren prächtigsten und vorschriftsmäßigsten Gewändern erschienen, denn niemand trägt seine Orden so gerne wie Männer der Wissenschaft – wie jedermann weiß, der je einer Soirée bei Hofe beigewohnt hat. Es war eine glänzende Versammlung, aber erst spät und ganz allmählich entdeckte der Kämmerer – Sie haben auch sein Porträt gesehen, ein Mann mit schwarzen Augenbrauen, ernstem Blick und einem nichtssagenden Lächeln –, entdeckte der Kämmerer, sage ich, daß alle anwesend waren bis auf den Fürsten. Der Kämmerer durchsuchte sämtliche Zimmer und eilte endlich, der wahnsinnigen Angst des Fürsten eingedenk, in das innerste Gemach. Auch dieses war leer, und es dauerte eine Weile, bis man das eiserne Häuschen, das in der Mitte des Raumes stand, geöffnet hatte. Doch dann fand man auch dieses leer. Dann sah er in dem Loch unter dem Boden nach, das ihm, wie er berichtete, tiefer und grabähnlicher vorkam als je zuvor. In diesem Augenblick hörte er von den äußeren Räumen und Gängen her wildes Schreien und Lärmen.

Erst klang es wie dumpfes, verwirrtes Rufen aus weiter Ferne oder sogar von außerhalb des Schlosses; dann wieder war es wie wortlose Schreie aus unmittelbarer Nähe und laut genug, um jedes Wort unterscheiden zu können, wenn nicht eines das andere erschlagen hätte. Dann hallten Worte von erschreckender Deutlichkeit näher und immer näher, bis endlich ein Mann ins Zimmer stürzte und die Nachricht so kurz mitteilte, wie eine solche Nachricht eben mitgeteilt werden kann.

Otto, Fürst von Heiligwaldenstein und Großenmark, lag in der einbrechenden Dämmerung des Sonnenunterganges draußen im Wald hinterm Schloß, die Arme weit von sich gestreckt, das Antlitz dem Monde zugekehrt. Das Blut tropfte noch von seiner zerschmetterten Schläfe, aber das war auch das einzige an ihm, was sich bewegte. Er lag in seiner vollen, weiß und gelben Uniform, als stünde er im Begriffe, seine Gäste im Schloß zu empfangen; nur seine Schärpe war losgebunden und lag ein wenig zerknüllt an seiner Seite. Ehe man ihn aufheben konnte, war er tot. Doch, tot oder lebendig, war er ein Rätsel – er, der sich sonst immer in dem allerinnersten Raum versteckt hatte, nun dort draußen im feuchten Wald, unbewaffnet und allein.«

»Wer hatte die Leiche gefunden?« fragte Pater Brown.

»Ein Mädchen aus dem Schlosse namens Hedwig von irgend etwas«, erwiderte der Freund; »sie war im Wald gewesen, um Blumen zu pflücken.«

»Hatte sie welche gepflückt?« fragte der Priester und starrte zerstreut zu den Zweigen hinauf.

»Ja«, antwortete Flambeau. »Ich erinnere mich noch genau, der Kämmerer oder Grimm oder sonst jemand sagte, es wäre so schrecklich gewesen, als man auf ihr Rufen herbeikam, das Mädchen mit den Frühlingsblumen über den blutigen Leichnam gebeugt zu sehen. Das wichtigste jedoch ist, daß der Mann tot war, ehe Hilfe herbeigeschafft werden konnte. Die Verwirrung, welche diese Nachricht im Schloß hervorrief, überstieg noch bei weitem all das, was bei Hofe anläßlich des Sturzes eines Potentaten üblich ist. Die ausländischen Herren, insbesondere die Bergwerksexperten, waren in nicht geringerer Erregung als die preußischen Beamten, und es wurde bald klar, daß der Plan, den Schatz zu heben, von weit größerer Bedeutung war, als man angenommen hatte. Den Sachverständigen und Beamten waren hohe Belohnungen und Begünstigungen versprochen worden, und man behauptete sogar, die geheimen Gemächer des Fürsten und seine starke militärische Bewachung seien weniger aus Angst vor der Bevölkerung als zur Verfolgung privater Nachforschungen geschaffen worden ...«

»Hatten die Blumen lange Stengel?« fragte Pater Brown.

Flambeau starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. »Was Sie doch für ein merkwürdiger Mensch sind!« rief er. »Genau dasselbe hat der alte Grimm gesagt. Er meinte, das Häßlichste an der ganzen Geschichte – häßlicher sogar als das Blut und die Kugel – sei, daß die Blumen nur mit ganz kurzen Stengeln knapp unterhalb der Blüten abgerissen waren.«

»Natürlich«, sagte der Priester, »wenn ein erwachsenes Mädchen wirklich Blumen pflücken geht, so pflückt es sie mit langen Stengeln. Wenn nur die Köpfe abgerissen wurden, wie es etwa ein Kind täte, so sieht es so aus, als ...« Er zögerte.

»Nun?« fragte der andere.

»Nun, es sieht beinahe so aus, als hätte das Mädchen sie nur schnell abgerissen, um eine Ausrede für ihr Dortsein zu haben, nachdem ... nun, nachdem sie eben dort war.«

»Ich weiß, wo Sie hinauswollen«, sagte Flambeau düster. »Aber dieser Verdacht wird so wie alle übrigen durch die eine Tatsache hinfällig, daß keine Waffe gefunden werden konnte. Der Fürst hätte, wie Sie ganz richtig behaupteten, mittels vieler anderer Dinge getötet werden können – sogar mit seiner Schärpe. Aber es soll nicht erklärt werden, wie er getötet wurde, sondern wie er erschossen wurde. Und das eben ist unerklärlich. Man ließ das Mädchen genau durchsuchen, denn, um die Wahrheit zu sagen, war sie ein wenig verdächtig, obwohl sie die Nichte und Haushälterin des bösen alten Kämmerers, Paul Arnhold, war. Doch man kannte ihre romantischen Anschauungen und verdächtigte sie als begeisterte Anhängerin der revolutionären Gesinnung ihrer Familie. So romantisch man aber auch sein mag, so kann man doch ohne Schußwaffe niemandem eine Kugel durch den Kopf jagen. Und man fand keine Schußwaffe, obwohl man zwei Schüsse fand. Was sagen Sie nun, mein Freund?«

»Woher wissen Sie, daß es zwei Schüsse waren?« fragte der kleine Priester.

»Im Kopf fand man nur einen«, sagte sein Gefährte, »aber in der Schärpe fand man ein zweites Kugelloch.«

Pater Brown zog plötzlich seine glatte Stirn in tiefe Falten. »Fand man auch die zweite Kugel?« fragte er.

Flambeau sah ein wenig verdutzt drein. »Ich erinnere mich nicht«, sagte er zögernd.

»Warten Sie, warten Sie, einen Augenblick!« rief Brown und zog die Stirn immer mehr in Falten mit ganz ungewöhnlicher Konzentration oder Neugierde. »Entschuldigen Sie bitte, lassen Sie mich einen Augenblick lang in Ruhe nachdenken.«

»Bitte sehr«, sagte Flambeau lachend und trank sein Bier aus. Ein leichter Wind fuhr durch die Zweige und wehte kleine weiße oder rosafarbene Wölkchen in die Luft, die den Himmel blauer und das farbenprächtige Bild noch seltsamer erscheinen ließen. Die bunten Flöckchen glichen kleinen Engeln, die aus einem himmlischen Kindergarten heimwärts flogen. Der älteste Turm des Schlosses, der Drachenturm, ragte ebenso grotesk empor wie der Bierkrug und ebenso gemütlich. Nur hinter dem Turme schimmerte der Wald hervor, in dem man den toten Mann gefunden hatte.

»Was wurde übrigens aus dieser Hedwig?« fragte endlich der Priester.

»Sie heiratete einen General Schwartz«, sagte Flambeau. »Sie haben doch sicherlich von seiner ziemlich romantischen Karriere gehört. Er hatte sich schon vor seinen Heldentaten bei Sadowa und Gravelotte ausgezeichnet; eigentlich hat er sich vom gemeinen Soldaten emporgearbeitet, was selbst in den allerkleinsten deutschen ...«

Pater Brown richtete sich plötzlich erstaunt auf.

»Vom gemeinen Soldaten emporgearbeitet!« rief er und spitzte den Mund, als wollte er pfeifen. »Schau, schau! Was für eine merkwürdige Geschichte! Was für eine merkwürdige Art, einen Menschen zu töten! Aber ich glaube, es war die einzige Möglichkeit. Und doch, zu denken, daß Haß so geduldig ...«

»Was meinen Sie?« fragte der andere. »Wie hat man den Mann getötet?«

»Man hat ihn mit der Schärpe getötet«, sagte Brown vorsichtig; und dann, als Flambeau widersprach: »Ja, ja, ich weiß schon, die Kugel. Vielleicht sollte ich sagen, er starb, weil er eine Schärpe hatte. Ich weiß schon, dies klingt seltsamer als: weil er irgendeine Krankheit hatte.«

»Ich nehme an, Sie haben eine bestimmte Theorie über die Sache im Kopfe«, sagte Flambeau, »aber damit allein bekommen wir die Kugel nicht aus dem Kopf des anderen heraus. Ich habe Ihnen doch schon vorher gesagt, er hätte auch stranguliert werden können. Aber er ist eben erschossen worden. Von wem? Wie?«

»Er wurde auf seinen eigenen Befehl erschossen«, sagte der Priester.

»Sie glauben, er hat Selbstmord begangen?«

»Ich habe nicht gesagt, daß es sein Wunsch war, erschossen zu werden. Ich sagte nur, daß er den Befehl dazu gegeben hat.«

»Nun, was für eine Theorie haben Sie sich zurechtgelegt?«

Pater Brown lachte. »Ich bin auf einer meiner seltenen Urlaubsreisen«, sagte er. »Ich habe mir keine Theorien zurechtgelegt. Nur erinnert mich der Ort hier an ein Märchen, und wenn Sie wollen, werde ich es Ihnen erzählen:

An einem trüben Abend, da der Regen noch von den Bäumen tropfte und der Tau sich schon zu sammeln begann, trat Fürst Otto von Großenmark eilig aus einem Seitentor des Schlosses und schritt schnell in den benachbarten Wald. Einer der unzähligen Wachtposten grüßte ihn, doch er achtete nicht darauf. Er wünschte auch nicht, selbst viel gesehen zu werden, und war daher froh, als die grauen, vom Regen schweren Bäume ihn verschlangen. Er hatte absichtlich die wenigst besuchte Seite des Schlosses gewählt, aber auch hier waren mehr Leute, als ihm lieb war. Doch war es nicht wahrscheinlich, daß jemand ihm nachgehen würde, da er, einem plötzlichen Impuls folgend, das Haus verlassen hatte. All die Diplomaten in voller Uniform, die er dort zurückgelassen hatte, schienen auf einmal ganz unwichtig. Er hatte plötzlich erkannt, daß er ohne sie fertig werden könne.

Seine große Leidenschaft war nicht das weitaus edlere Gefühl der Angst vor dem Tode, sondern jene seltsame Gier nach Gold. Um dieser Legende des verborgenen Schatzes willen hatte er Großenmark verlassen und Heiligwaldenstein besetzt. Darum und nur darum hatte er den Verräter gekauft und den Helden erschlagen; um des Goldes willen hatte er den falschen Kämmerer immer wieder mit Fragen bestürmt und bedrängt, bis er zu der Überzeugung gelangte, daß der Verräter diesmal die Wahrheit sprach, wenn er seine Unwissenheit beteuerte. Darum hatte er, ein wenig widerstrebend zwar, viel Geld bezahlt und große Belohnungen versprochen um der Chance willen, des Schatzes habhaft zu werden; und darum hatte er sich schließlich wie ein Dieb im Regen aus seinem eigenen Schloß geschlichen, weil ihm ein anderes Mittel eingefallen war, um in den Besitz seines Herzenswunsches zu gelangen, und zwar auf billigem Wege.

Dort oben am Ende eines steilen Bergpfades, auf den er nun zuschritt, unter den aufgetürmten Felsen, welche sich wie eine Bergkuppe hinter der Stadt erheben, stand die Einsiedelei, kaum mehr als eine von Dornenbüschen umzäunte Höhle, in die der dritte Bruder seit langem seine Zuflucht vor der Welt genommen hatte. Der, meinte Fürst Otto, könnte eigentlich keinen rechten Grund haben, ihm das Gold vorzuenthalten.

Dieser dritte Bruder, Heinrich, kannte seit vielen Jahren den Ort, wo das Gold verborgen lag, und hatte doch niemals den Versuch gemacht, es zu heben, auch früher nicht, bevor sein neuer, asketischer Glaube ihm den Besitz von Schätzen und alle weltlichen Vergnügen verbot. Allerdings war er früher ein Feind des Fürsten gewesen; aber nun gehörte es zu seinen Pflichten, keine Feinde mehr zu haben. Einige Konzessionen in bezug auf den Rechtsfall und ein Appell an seine Lehre würden wahrscheinlich genügen, um dem Manne das Geheimnis des Goldes zu entlocken. Otto war kein Feigling trotz dem Netze militärischer Vorsichtsmaßregeln, mit dem er sich umgab; jedenfalls war seine Habsucht größer als seine Angst. Auch gab es nicht viel Grund zur Angst. Er konnte sicher sein, daß im ganzen Fürstentum keine Waffen im Privatbesitz waren; um so weniger also in der kleinen Einsiedelei am Hügel oben, wo der alte Mann seit Jahren von Wurzeln und Kräutern lebte und keines anderen Menschen Stimme hörte als die seiner beiden alten Diener. Fürst Otto blickte mit einem grimmigen Lächeln auf das helle Labyrinth der laternenerleuchteten Stadt zu seinen Füßen nieder. Denn so weit das Auge reichte, herrschten die Waffen seiner Freunde, und seine Feinde besaßen auch nicht einen Fingerhut voll Pulver. Die Gewehre standen so dicht, sogar in der nächsten Umgebung dieses Waldpfades, daß ein Ruf von ihm genügen würde, um die Soldaten den Hügel heraufstürmen zu lassen; außerdem wurde auch der Wald und der ganze Berghang hinter dem Schlosse in regelmäßigen Abständen von Patrouillen begangen. Die Gewehre reichten so weit in den dunklen Wald hinein, bis über den Fluß dort drüben in weiter Ferne, daß kein Feind auf Umwegen oder Schleichwegen in die Stadt hätte gelangen können. Und rings um die vier Seiten des Schlosses standen die Gewehre in geschlossenen Reihen vom westlichen bis zum östlichen Tore und vom nördlichen bis zum südlichen. Er war sicher.

Das wurde ihm nun um so klarer, als er endlich die Höhe erklommen hatte und sah, wie kahl das Nest seines alten Feindes war. Er befand sich auf einem kleinen Felsplateau, das auf drei Seiten von steilen Abhängen begrenzt war. Die dunkle Höhle mit dem grünen Dornengebüsch davor war so niedrig, daß es kaum zu verstehen war, wie ein Mann dort eintreten konnte. Im Vordergrunde stand ein altes Lesepult aus Bronze, auf dem eine schwere, deutsche Bibel lag. Die Bronze des Gestells war unter der Einwirkung der Luft hier im Freien grün geworden, und dem Fürsten fuhr es plötzlich durch den Sinn, daß irgendwelche Waffen, selbst wenn die Leute hier oben welche besaßen, längst verrostet sein müßten. Der Mond war inzwischen aufgegangen und warf sein fahles Licht über die Gipfel und Zacken der Berge; der Regen hatte inzwischen aufgehört.

Ein sehr alter Mann stand hinter dem Lesepult und blickte ins Tal hinab; er trug ein schwarzes Gewand, das so senkrecht wie die steilen Felsen des Abhanges an ihm herabfiel; sein weißes Haar und seine schwache Stimme schienen gleicherweise im Winde zu flattern. Er las anscheinend irgendein tägliches Pensum seiner religiösen Übungen. ›Sie vertrauten auf ihre Pferde ...‹

›Mein Herr‹, sagte der Fürst von Heiligwaldenstein mit einer ihm sonst fremden Höflichkeit, ›ich möchte gerne ein Wort mit Ihnen sprechen.‹

›... und auf ihre Streitwagen‹, fuhr der alte Mann mit zitternder Stimme fort, ›doch wir vertrauen auf den Namen des Herrn aller Heerscharen ...‹

Diese letzten Worte waren beinahe unverständlich, doch schloß er das Buch mit ehrfürchtiger Gebärde, und da er beinahe blind war, fuhr er tastend am Lesegestell herum, bevor er es richtig zu fassen bekam. Augenblicklich schlüpften die beiden Diener aus der niedrigen Höhle und halfen ihm. Auch sie trugen dunkle Gewänder, ähnlich dem seinen, doch glänzte ihr Haar nicht in dem silberfarbenen Schimmer des Eises, und ihre Gesichter trugen nicht den eiskalten Zug der Läuterung und Veredelung. Es waren Bauern, Kroaten oder Ungarn, mit breiten, einfältigen Gesichtern und blinzelnden Augen. Zum erstenmal stiegen dem Fürsten bange Zweifel auf, doch sein Mut und sein diplomatischer Sinn blieben stark.

›Ich fürchte‹, sagte er, ›wir sind einander seit der schrecklichen Schlacht, in der Ihr armer Bruder fiel, nicht mehr begegnet.‹

›Alle meine Brüder sind gestorben‹, sagte der alte Mann, und seine Blicke schweiften immer noch über das weite Tal. Dann wendete er Otto einen Augenblick lang sein zartes, abgemagertes Antlitz zu, und das winterlich graue Haar schien ihm wie Eiszapfen über die Augenbrauen zu fallen; er fügte hinzu: ›Sie sehen, auch ich bin tot.‹

›Ich hoffe, Sie verstehen‹, sagte der Fürst, indem er sich zur größten Versöhnlichkeit zwang, ›daß ich nicht hergekommen bin, um Sie wie ein Geist an jenen großen Streit zu mahnen. Wir wollen nicht darüber sprechen, wer darin recht hatte und wer unrecht; aber es gibt einen Punkt zumindest, in dem wir Ihnen nie unrecht taten, weil Sie immer im Rechte waren. Was immer man gegen die Politik Ihrer Familie sagen mag, so kann doch niemand auch nur einen Augenblick lang glauben, daß Sie sich je durch Gold haben bewegen lassen. Sie haben sich über jeden Verdacht erhaben gezeigt ...‹

Die wässerigen blauen Augen des alten Mannes in dem alten schwarzen Gewand hatten den Fürsten bisher mit einem Ausdruck matter Weisheit angestarrt. Doch als das Wort ›Gold‹ ausgesprochen wurde, streckte der Alte seine Hand aus, als wollte er etwas festhalten, und wendete sein Gesicht der Bergwand zu.

›Er hat von Gold gesprochen‹, sagte er. ›Er hat von unerlaubten Dingen gesprochen. Man hindere ihn, weiterzusprechen.‹

Otto besaß den Fehler seiner preußischen Landsleute, nämlich, den Erfolg nicht als ein gelegentliches Ereignis, sondern als eine Charaktereigenschaft anzusehen. Er betrachtete sich und seinesgleichen stets als dauernde Sieger über Leute, die immerwährend besiegt wurden. Darum war Überraschung ein ihm fremdes Gefühl, und er war für das unmittelbar eintretende Ereignis, das ihn erschreckte und erstarren machte, schlecht vorbereitet. Er hatte eben den Mund geöffnet, um dem Einsiedler zu antworten, als die Bewegungsfreiheit seines Mundes plötzlich gehindert und seine Stimme erstickt wurde durch einen dicken, weichen Knebel, den man ihm zwischen die Zähne preßte und mittels einer festen Bandage um den Kopf befestigte. Es dauerte volle vierzig Sekunden, bevor er sich darüber klar wurde, daß die beiden ungarischen Diener dies getan hatten, und zwar mit seiner eigenen Schärpe.

Der alte Mann hingegen ging wieder wankenden Schrittes zu seinem großen Lesepult zurück, blätterte mit einer Geduld, die etwas Entsetzliches an sich hatte, in seiner großen Bibel, bis er zur Epistel des heiligen Jakob gekommen war, und begann dann laut zu lesen: ›Also ist auch die Zunge ein klein Glied und richtet große Dinge an ...‹

Und irgend etwas in der Stimme des Greises veranlaßte den Fürsten, plötzlich kehrtzumachen und den Bergpfad hinunterzustürmen, den er mühsam heraufgewandert war. Erst auf halbem Wege zu den Gärten seines Schlosses fiel es ihm ein, zu versuchen, die Schärpe von Hals und Mund herunterzureißen. Er versuchte es immer von neuem, doch es war unmöglich. Die Männer, welche den Knebel befestigt hatten, kannten den Unterschied zwischen dem, was ein Mann mit seinen Händen vor sich und was er hinter seinem Kopfe mit ihnen zu tun imstande ist. Seine Beine waren frei, um wie die einer Antilope über die Felsen zu springen; seine Arme waren frei, jede Bewegung zu machen und jedes Zeichen zu geben – aber er konnte nicht reden und nicht rufen. Ein stummer Teufel hauste in ihm.

Er kam bis dicht an den Wald heran, der das Schloß umgab, bevor er sich völlig darüber im klaren war, was sein wortloser Zustand eigentlich bedeutete und bedeuten sollte. Wiederum blickte er grimmig über das Labyrinth der laternenerhellten Stadt zu seinen Füßen; doch diesmal lächelte er nicht. Die Worte, die er vorhin gesprochen hatte, gingen ihm wieder durch den Sinn, und ein Gefühl wilder Ironie überkam ihn. So weit das Auge blicken konnte, reichten die Waffen seiner Freunde, und jeder von ihnen würde ihn totschießen, wenn er das Losungswort nicht sagen könnte. Die Gewehre standen so dicht, daß der Wald und die ganze Bergkette in regelmäßigen Zeitabständen von Patrouillen begangen werden konnten; darum war es zwecklos, zu versuchen, bis zum Morgengrauen im Wald versteckt zu bleiben. Die Reihen der Gewehre standen bis in die weite Ferne, so daß kein Feind auf irgendwelchen Umwegen in die Stadt gelangen konnte. Ein Schrei von ihm würde die Soldaten den Hügel heraufstürmen lassen. Doch kein Schrei konnte von seinem Munde ertönen.

Der Mond war höher gestiegen, und sein Silberglanz strahlte heller als zuvor; der Himmel leuchtete in dunklem, nächtlichem Blau zwischen den schwarzen Reihen der Tannen, die das Schloß umrahmten. Blumen von zarter und märchenhafter Gestalt denn er hatte derlei Dinge nie zuvor bemerkt – leuchteten hell, aber farblos im Mondenschein, sie erschienen unwirklich und phantastisch, wie sie sich so um die Wurzeln der Bäume schmiegten, als wollten sie vorwärts kriechen. Vielleicht war sein gesunder Menschenverstand durch den seltsamen Zustand unnatürlicher Unfreiheit etwas beeinträchtigt; jedenfalls erlebte er in diesem Wald etwas Unergründliches, spezifisch Deutsches – das Märchen.

Er hatte die unklare Vorstellung, als ob er sich dem Schlosse eines Ungeheuers nähere – er hatte ganz vergessen, daß er selbst das Ungeheuer war. Er erinnerte sich, einmal seine Mutter gefragt zu haben, ob im Schloßgarten Bären hausten. Da bückte er sich, um eine Blume zu pflücken, als wäre dies ein Schutzmittel gegen Verzauberung. Der Stengel war stärker, als er vermutet hatte, und riß mit einem leichten Knacken ab.

Plötzlich erscholl der Ruf: ›Wer da?‹ Nun erst erinnerte er sich, daß seine Schärpe nicht an ihrer gewohnten Stelle war.

Er versuchte zu schreien, doch er blieb stumm. Zum zweitenmal ertönte der Ruf; dann kam ein Schuß, ein Sausen durch die Luft und plötzliche Stille nach einem Anprall. Otto von Großenmark lag ganz friedlich unter den Bäumen des Märchenwaldes, unfähig, je noch Übel zu stiften, sei es durch Gold oder durch Stahl. Nur der Silberstift des Mondes zeichnete Einzelheiten seiner Uniform und einige Falten auf seiner Stirne mit besonderer Sorgfalt heraus. Möge Gott seiner Seele gnädig sein!

Der Wachtposten, welcher der ausdrücklichen Vorschrift zufolge gefeuert hatte, lief natürlich vor, um die Spuren seines Opfers zu suchen. Es war ein gemeiner Soldat namens Schwartz, und er fand einen alten Mann mit kahlem Kopfe in Uniform; doch das Gesicht des Mannes war wie hinter einer Maske durch seine eigene umgewundene Schärpe so verdeckt, daß man nichts als offenstehende, doch tote Augen sah, die steinern im Mondenlichte glänzten. Die Kugel war durch die Schärpe in den Kopf gedrungen; darum fand man ein Schußloch in der Schärpe, aber nur einen Schuß. Natürlicher-, wenn auch nicht ganz korrekterweise hatte der junge Schwartz nämlich die mysteriöse Seidenmaske heruntergerissen und sie ins Gras geworfen; dann erst sah er, wen er erschossen hatte.

Über die nächste Phase sind wir nicht ganz im klaren. Aber ich neige zu der Ansicht, daß sich in dem kleinen Wäldchen, so schauerlich die Gelegenheit auch war, doch ein kleines Märchen abspielte. Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, ob die junge Dame namens Hedwig den Soldaten, den sie rettete und später auch heiratete, schon vorher gekannt hatte oder nur zufällig auf dem Schauplatz erschien, wo ihre Freundschaft begann. Aber jedenfalls war diese Hedwig eine Heldin und verdiente, die Gattin eines Mannes zu werden, der später ein Held wurde. Sie tat das Kühnste und Klügste, was zu tun war. Sie überredete den Soldaten, an seinen Posten zurückzukehren, wo nichts ihn mit dem Unglück in Zusammenhang bringen konnte. Er war nur einer der treuesten und gehorsamsten Leute unter fünfzig solcher Wachtposten in nächster Nähe. Und auch Hedwig konnte man mit dem Unglück nicht in Zusammenhang bringen, da sie keine Waffe hatte und keine haben konnte.

»Nun«, schloß Pater Brown und erhob sich vergnügt, »ich hoffe, die beiden sind glücklich.«

»Wohin gehen Sie?« fragte sein Freund.

»Ich will mir das Porträt dieses Kämmerers noch einmal ansehen, jenes Arnhold, der seine Brüder verriet«, antwortete der Priester. »Ich möchte wissen, welche Rolle ... ich möchte wissen, ob ein Mann darum weniger ein Verräter ist, wenn er es zweimal ist.«

Und lange stand er in Gedanken versunken vor dem Bildnis eines weißhaarigen Mannes mit schwarzen Augenbrauen und einem wie aufgemalten Lächeln, das dem drohenden Blick aus seinen Augen zu widersprechen schien.

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