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Das Paradies der Diebe

Gilbert Keith Chesterton: Das Paradies der Diebe - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Paradies der Diebe
publisherDroemer Knaur
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150630
projectid797f16f5
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Der Salat des Oberst Cray

Pater Brown schritt an einem geisterhaft weißen Morgen von der Messe heimwärts. Der Nebel stieg langsam empor – es war einer jener Morgen, da das Licht selbst wie ein geheimnisvolles Element auf uns wirkt. Die Umrisse einzelner Bäume traten immer deutlicher aus diesen wallenden Dämpfen hervor, als wären sie zuerst mit grauer Kreide und dann in Kohle gezeichnet worden. In noch weiterer Entfernung tauchten nun zeitweise die Häuser aus der zerrissenen Kette der äußersten Vorstadtgrenze auf. Auch ihre Umrisse wurden immer klarer, bis Pater Brown die einzelnen Häuser unterschied, deren Besitzer er zum Teil flüchtig kannte oder doch zumindest größtenteils dem Namen nach. Doch alle Türen und Fenster waren geschlossen; jene Leute dort pflegten um diese Stunde noch nicht auf zu sein, geschweige denn um eines solchen Zweckes willen unterwegs wie er. Doch als er an einer hübschen Villa mit Veranda und großem, schön angelegtem Garten vorbeiging, vernahm er ein Geräusch, das ihn beinahe unwillkürlich haltmachen ließ. Es war das unverkennbare Geräusch einer abgeschossenen Pistole oder einer kleinen Büchse oder sonstigen leichten Feuerwaffe; aber es war nicht dies, was den Priester am meisten stutzig machte. Auf das erste starke Geräusch folgten augenblicklich eine Reihe schwächerer Geräusche – er zählte ungefähr sechs. Erst vermutete er, es sei das Echo; doch das Merkwürdige war, daß das Echo dem ursprünglichen Geräusch nicht im mindesten glich. Es glich auch nichts anderem, was er sich vorstellen konnte; die drei Dinge, die der Sache noch am nächsten kamen, waren das Geräusch beim Öffnen einer Sodawasserflasche oder eines der vielen Geräusche, die ein Tier macht, oder das Geräusch, das entsteht, wenn ein Mensch das Lachen zurückzuhalten versucht. Keines von diesen schien hier irgendeinen Sinn zu ergeben.

Pater Brown bestand aus zwei Menschen. Da gab es einen Mann des praktischen Lebens, der, bescheiden wie eine Primel und pünktlich wie eine Uhr, die kleine Runde seiner Pflichten machte und niemals davon träumte, etwas daran zu ändern. Dann gab es da noch einen Mann der theoretischen Überlegung, der noch viel schlichter, aber auch viel stärker war und sich nicht leicht aufhalten ließ; ein Mann, dessen Gedanken immer in dem einzig vernünftigen Sinn des Wortes freie Gedanken waren. Er konnte nicht umhin, sich, wenn auch nur unbewußt, alle irgendwie möglichen Fragen zu stellen und so viele davon zu beantworten, wie er eben konnte; all dies ging mit der Selbstverständlichkeit des Atmens oder der Blutzirkulation vor sich. Aber vorbedachterweise ließ er sich durch seine Handlungen niemals über den Bereich seiner Pflichten hinausführen; in diesem Falle jedoch wurden seine beiden Fähigkeiten hart auf die Probe gestellt. Er entschloß sich, wieder durch die Dämmerung weiterzuwandern, mit der Begründung, daß ihn die Sache nichts anginge, aber er konnte doch nicht umhin, instinktiv zwanzig verschiedene Theorien im Geiste zu erwägen, was für ein merkwürdiges Geräusch das gewesen sein mochte. Dann plötzlich glänzte die graue Horizontlinie silberfarben auf, und Pater Brown erkannte, daß jenes Haus einem anglo-indischen Major namens Putnam gehöre, dessen aus Malta stammender Koch Pater Browns Kirchengemeinde angehörte. Er erinnerte sich jetzt auch langsam, daß Pistolenschüsse oft eine gefährliche Sache sind und Folgen nach sich ziehen, die legitimerweise in seinen Pflichtenbereich fielen. Er drehte um und schritt durch das Gartentor auf die Tür des Hauses zu.

An der Seitenmauer des Hauses, ungefähr in der Mitte derselben, ragte ein Vorsprung heraus, der wie ein sehr niedriger Schuppen aussah; es war, wie Pater Brown später herausfand, ein großer Kehrichtbehälter. Dort um die Ecke kam eine Gestalt, die erst wie ein bloßer Schatten im Nebel sich anscheinend vorbeugte und suchend umherschaute. Im Näherkommen verdichtete sich die Gestalt zu einem Körper, der allerdings ungewöhnlich kompakt zu nennen war. Major Putnam war ein kahlköpfiger Mann mit einem Stiernacken, klein und sehr breit, mit einem jener apoplektisch wirkenden Gesichter, die durch den dauernden Versuch entstehen, orientalisches Klima mit okzidentalem Wohlleben zu vereinen. Doch war es ein gutmütiges Gesicht und zeigte sogar jetzt, da es einen offenkundig bestürzten und fragenden Ausdruck trug, ein gewisses unschuldiges Grinsen. Der Mann hatte einen großen Hut aus Palmblättern auf den Hinterkopf zurückgeschoben, was wie ein zu diesem Gesicht keineswegs passender Heiligenschein wirkte, doch sonst trug er nur ein sehr grellfarbiges, rot und gelb gestreiftes Pyjama, das zwar sehr prächtig anzusehen war, an einem so frischen Morgen jedoch ziemlich kühl sein mochte. Er war offenbar in großer Eile aus dem Hause gestürzt, und der Priester war gar nicht erstaunt, ohne weitere Umstände von ihm angerufen zu werden: »Haben Sie das Geräusch gehört?«

»Ja«, antwortete Pater Brown. »Ich bin darum hereingekommen; ist vielleicht etwas nicht in Ordnung?«

Der Major sah ihn ein wenig merkwürdig mit seinen gutmütigen Stachelbeeraugen an. »Was für ein Geräusch, glauben Sie, war das?« fragte er.

»Es klang wie ein Gewehr oder etwas dergleichen«, antwortete der andere etwas zögernd; »aber es schien von einem so eigentümlichen Widerhall gefolgt.«

Der Major sah ihn immer noch ruhig, doch ein wenig neugierig an, als die Haustüre aufgerissen wurde und eine Flut von Gaslicht sich in den schwindenden Morgennebel ergoß. Eine zweite Gestalt im Pyjama sprang oder stolperte in den Garten hinaus. Es war eine längere, schlankere und mehr athletische Gestalt; das Pyjama, obwohl gleichfalls von tropischer Färbung, war verhältnismäßig geschmackvoll, nämlich weiß mit hellen, zitronengelben Streifen. Der Mann sah verstört aus; doch war er hübsch zu nennen, und sein Gesicht war sonnverbrannter als das des anderen. Er hatte ein Adlerprofil und tiefliegende Augen; seltsam wirkte das schwarze Haar zusammen mit dem viel helleren Schnurrbart. Pater Brown beobachtete all diese Details später in größerer Muße. Für den Augenblick fiel ihm an dem Mann nur ein einziges Ding auf: er trug nämlich einen Revolver in der Hand.

»Cray!« rief der Major aus und starrte ihn an, »hast du den Schuß abgefeuert?«

»Ja«, antwortete der schwarzhaarige Mann aufgeregt, »und du hättest an meiner Stelle dasselbe getan. Wenn du überall von Teufeln verfolgt und gejagt wärest und beinahe ...«

Der Major unterbrach ihn schnell. »Das hier ist mein Freund, Pater Brown«, sagte er. Und dann zu Brown gewendet: »Ich weiß nicht, ob Sie Oberst Cray von der Königlichen Artillerie kennen?«

»Ich habe natürlich schon von ihm gehört«, sagte Pater Brown schlicht. »Haben Sie – haben Sie etwas getroffen?«

»Ich hätte es eigentlich angenommen«, sagte Cray ernsthaft.

»Ist er ...«, fragte Major Putnam leise, »ist er niedergefallen oder hat er aufgeschrien oder etwas dergleichen?«

Oberst Cray sah seinen Gastgeber mit seltsamen, festen Blicken an. »Ich werde dir genau sagen, was er getan hat«, erwiderte er. »Er hat geniest.«

Pater Brown hob die Hand, als wollte er sich an den Kopf greifen. Es war die Gebärde eines Menschen, der sich eines entfallenen Namens erinnert. Jetzt wußte er, was jenes Geräusch war, das weder mit Sodawasser noch mit dem Schnaufen eines Hundes ganz übereinstimmte.

»Nun«, äußerte der Major, »ich dachte nie, daß ein Dienstrevolver einen Menschen zum Niesen bringt.«

»Ich auch nicht«, sagte Pater Brown leichthin. »Es ist ein Glück, daß Sie nicht Ihre Kanonen gegen ihn gerichtet haben; er hätte sich sonst leicht tüchtig verkühlen können.« Dann sagte er nach einem verlegenen Schweigen: »War es ein Einbrecher?«

»Gehen wir hinein«, sagte Major Putnam etwas scharf und führte die Gesellschaft ins Haus.

Drinnen wurden sie von der widerspruchsvollen Tatsache überrascht, die zu solcher Morgenstunde schon viele Leute in Erstaunen gesetzt hat, daß das Zimmer nämlich, selbst nachdem der Major in der Halle das Gaslicht abgedreht hatte, heller zu sein schien als der Himmel draußen. Pater Brown bemerkte voll Verwunderung, daß der Speisetisch wie zu einem Festmahl gedeckt war; die Servietten steckten in Ringen, und neben jedem Teller standen Weingläser von etwa sechs ungebräuchlichen Formen. Es wäre ziemlich selbstverständlich gewesen, zu einer solchen Stunde die Überreste eines Banketts der vergangenen Nacht vorzufinden; doch so zeitig in der Frühe alles für ein Festmahl vorbereitet zu finden, war ungewöhnlich.

Während Brown unschlüssig in der Halle stand, eilte Major Putnam an ihm vorbei und ließ seinen prüfenden Blick über den ganzen länglichen Tisch gleiten. Endlich stieß er hastig hervor: »Das ganze Silber ist fort! Die Fischbestecke und alle Gabeln fehlen. Das alte Essig-und-Öl-Gestell fehlt. Sogar das alte silberne Sahnekännchen fehlt. Und jetzt, Pater Brown, kann ich auch Ihre Frage beantworten, ob es ein Einbrecher war.«

»Das ist nur ein Blendwerk«, sagte Cray eigensinnig. »Ich weiß besser als ihr, warum dieses Haus verfolgt wird; ich weiß besser, warum ...«

Der Major klopfte ihm mit einer Gebärde auf die Schulter, welche an den Versuch erinnerte, ein krankes Kind zu beruhigen. Er sagte: »Es war ein Einbrecher. Es war offenbar ein Einbrecher.«

»Ein Einbrecher, der einen Schnupfen hatte«, bemerkte Pater Brown, »das kann Ihnen helfen, seine Spur in der Umgebung zu verfolgen.«

Der Major schüttelte mit trübseliger Miene den Kopf. »Der muß schon viel zu weit sein, fürchte ich, als daß man seine Spur noch verfolgen könnte«, sagte er.

Dann, als der ruhelose Mann mit dem Revolver sich wieder dem Garten zuwendete, fügte der Major mit leiser Stimme vertraulich hinzu: »Ich weiß nicht, ob ich nach der Polizei schicken soll, denn ich fürchte, mein Freund ist ein wenig zu leichtsinnig mit seiner Kugel umgegangen und hat sich nicht innerhalb der Schranken des Gesetzes gehalten. Er hat bisher in sehr wilden Gegenden gelebt und, um aufrichtig zu sein, ich glaube, er bildet sich gewisse Dinge oft nur ein.«

»Sie haben mir einmal, wenn ich mich recht erinnere, erzählt, er bilde sich ein, von einer geheimen indischen Sekte verfolgt zu werden.«

Major Putnam nickte, doch zuckte er gleichzeitig die Achseln. »Ich meine, wir täten jetzt besser, ihm zu folgen«, sagte er, »ich möchte nicht, daß noch mehr – sagen wir, geniest wird.«

Sie traten nun in das helle Morgenlicht hinaus, das jetzt schon eine Spur Sonnenschein in sich trug, und sahen die hohe Gestalt des Oberst Cray so tief gebeugt, daß sie beinahe in der Mitte zusammengefaltet schien; er war damit beschäftigt, den Kiesweg und den Rasen um das Haus genau zu untersuchen. Während der Major unauffällig auf ihn zuschlenderte, wendete sich der Priester, gleichfalls wie von ungefähr, nach einer anderen Richtung, die ihn um die Ecke des Hauses führte, etwa eine Elle von jenem hervorstehenden Kehrichtbehälter entfernt.

Er stand und starrte dieses trübselige Ding einige Sekunden lang an, dann schritt er näher hinzu, öffnete den Deckel und steckte den Kopf hinein, Staub und andere farblose Dinge wurden dabei emporgewirbelt, aber auf seine äußere Erscheinung achtete Pater Brown niemals, was immer sonst er auch beachtete. So blieb er eine geraume Zeit, wie in irgendwelche mystischen Gebete versunken. Dann tauchte er wieder hervor, ein wenig Asche im Haar, und schritt unbekümmert hinweg.

Als er wieder zu der Gartentüre kam, fand er dort eine kleine Menschenansammlung, die alles Krankhafte fortzufegen schien, wie das Sonnenlicht den Nebel verscheucht hatte. Der Anblick wirkte in keiner Weise durch irgendwelche Vernunftgründe beruhigend, er war nur einfach so grotesk komisch wie eine Gruppe von Dickens-Figuren. Major Putnam hatte inzwischen Zeit gefunden, ins Haus zu schlüpfen und ein vernünftiges Hemd, eine Hose und eine kurze, leichte Bluse anzuziehen. In dieser normalen Kleidung schien sein rotes, wohlgenährtes Gesicht vor Alltags -Herzlichkeit schier platzen zu wollen. Er redete mit großer Nachdrücklichkeit, aber das geschah darum, weil er mit seinem Koch sprach – jenem dunkelfarbenen Sohne Maltas, dessen gelbes, schmales und beinahe sorgenvolles Gesicht seltsam von seiner schneeweißen Mütze abstach. Der Koch hatte auch allen Grund, bekümmert und sorgenvoll auszusehen, denn die Kochkunst war des Majors Steckenpferd. Er war einer jener Amateure, die immer mehr verstehen als Professionals. Dem einzigen Menschen, dem er ein Urteil über eine Omelette zubilligte, war sein Freund Cray – und bei diesem Gedanken sah sich Brown nach jenem anderen Offizier um. In dem neuen Morgenlicht und in Gegenwart ordentlich gekleideter Leute, die mit vernünftigen Dingen beschäftigt waren, wirkte der Anblick wie ein Schock. Die hohe, elegante Gestalt Crays war immer noch im Nachtgewand, und so kroch er mit zerzaustem Haar auf Händen und Knien im Garten herum und suchte die Spur des Diebes; von Zeit zu Zeit schlug er vor Ärger, sie nicht gefunden zu haben, mit der Faust gegen den Boden. Als der Priester den Mann gleich einem Vierfüßler im Grase erblickte, zog er bekümmert die Brauen in die Höhe, und es fiel ihm zum ersten Mal ein, daß jenes Wort des Majors, »Cray bilde sich gewisse Dinge ein«, vielleicht nur ein beschönigender Ausdruck gewesen sein mochte.

Die dritte Person in der Gruppe des Kochs und des Epikureers war gleichfalls eine dem Priester bekannte Erscheinung. Es war Audrey Watson, des Majors Mündel und Wirtschafterin; in diesem Augenblick nach ihrer Schürze, den aufgerollten Ärmeln und ihrem entschlossenen Benehmen zu urteilen, viel mehr seine Wirtschafterin als sein Mündel.

»Das geschieht dir recht«, sagte sie; »ich habe dir immer gesagt, daß du das altmodische Essig-und-Öl-Gestell nicht verwenden sollst.«

»Ich hab' es aber lieber als das andere«, sagte Putnam versöhnlich. »Ich bin selbst altmodisch, und die Dinge sollen zusammenpassen.«

»Und zusammen verschwinden, wie du siehst«, erwiderte sie. »Nun, wenn du dir aus dem Einbruch nichts machst, so würde ich mir wegen des Lunchs keine Sorgen machen. Aber es ist Sonntag, und man kann nicht um Essig und all das Zeug in die Stadt schicken; und ihr Herren aus Indien könnt ein Essen ohne diese Zutaten nie recht genießen. Ich wollte jetzt, du hättest meinen Vetter Oliver nicht gebeten, mich zu dem musikalischen Gottesdienst zu begleiten. Der ist sicher nicht vor halb ein Uhr zu Ende, und der Oberst muß vor dieser Zeit von hier fort. Ich glaube wirklich nicht, daß ihr Männer allein fertig werden könnt.«

»O ja, ganz gewiß, meine Liebe«, sagte der Major und sah sie liebevoll an. »Marco hat alle möglichen sauren Soßen, und wir haben es uns schon oft in sehr wilden Gegenden einzurichten verstanden, wie du eigentlich wissen solltest. Auch ist es Zeit, daß du endlich einmal eine Unterhaltung hast, Audrey, du darfst doch nicht den ganzen Tag nur Wirtschafterin sein, und ich weiß, daß du gerne Musik hörst.«

»Ich möchte gerne in die Kirche gehen«, sagte sie und warf ihm einen strengen Blick zu.

Sie war eine jener schönen Frauen, die immer schön sind, weil ihre Schönheit nicht von einer gewissen Beleuchtung oder einer besonderen Haltung und Gebärde abhängt, sondern in der Form ihres Kopfes und der Linie ihrer Gesichtszüge liegt. Doch obwohl sie noch jung zu sein schien und ihr kastanienbraunes Haar von tizianischer Fülle und Schattierung war, lag um ihren Mund und um ihre Augen ein Zug, der den Eindruck erweckte, als wäre sie von einem geheimen Kummer frühzeitig verbraucht, wie der Wind mit der Zeit die Kanten und Ecken eines griechischen Tempels verwüstet. Denn die kleine häusliche Schwierigkeit, der sie jetzt so große Bedeutung zuzumessen schien, war eher komisch als tragisch. Pater Brown entnahm aus der Unterhaltung, daß Cray, der andere »gourmet«, vor der gewöhnlichen Speisestunde abreisen mußte, und daß Putnam, sein Gastgeber, sich nicht um ein Abschiedsfest für den alten Busenfreund bringen lassen wollte und darum ein eigenes »déjeuner« bestellt hatte, das im Laufe des Vormittags, während Audrey und andere ernsthafte Leute dem Gottesdienst beiwohnten, serviert und eingenommen werden sollte. Audrey sollte zur Kirche gehen in Begleitung eines Verwandten und alten Freundes, Doktor Oliver Oman, der zwar ein etwas vertrockneter Wissenschaftler, aber ein begeisterter Musikliebhaber war, bereit, sogar in die Kirche zu gehen, wenn es galt, ein Orgelkonzert zu hören. An all dem war nichts zu finden, was auf den Grund der Traurigkeit in Fräulein Watsons Gesicht hätte schließen lassen können, und Pater Brown wendete sich instinktiv und halb unbewußt wieder dem anscheinend verrückten Mann zu, der im Grase herumkroch.

Als er sich Cray näherte, wendete dieser plötzlich den zerzausten Kopf zu ihm empor, als wundere er sich über die verlängerte Anwesenheit des anderen. Und wirklich war Pater Brown, aus Gründen, die wohl nur ihm selbst bekannt waren, länger geblieben, als es die Höflichkeit verlangte, ja sogar im gewöhnlichen Sinne länger, als eigentlich nach den Regeln der Höflichkeit zulässig gewesen wäre.

»Nun!« rief Cray und sah ihn zornig an. »Ich vermute, Sie halten mich auch für verrückt, so wie alle anderen hier es tun?«

»Ich habe diese Annahme freilich erwogen«, antwortete der kleine Priester ruhig und gefaßt. »Aber ich bin geneigt, Sie nicht dafür zu halten.«

»Was wollen Sie damit sagen?« schnauzte Cray ihn wütend an.

»Verrückte Leute«, erklärte Pater Brown, »versuchen ihre Krankheit immer zu stützen und zu nähren, sie sträuben sich niemals dagegen. Sie aber wollen Spuren des Einbrechers finden, selbst wenn keine vorhanden sind. Sie kämpfen dagegen an. Sie suchen, was kein Wahnsinniger sucht.«

»Und was ist das?«

»Sie suchen, eines Irrtums überführt zu werden«, sagte Brown.

Während der letzten Worte war Cray auf die Beine gesprungen oder hatte sich, besser gesagt, taumelnd aufgerichtet und starrte den Priester aufgeregt an. »Zum Teufel, das ist wahr!« rief er. »Sie wollen mich hier alle davon überzeugen, daß der Kerl nur nach dem Silber aus war – als ob ich es nicht gar zu gerne selbst glauben möchte! Sie wollte mich auch davon überzeugen«, und er deutete mit seinem zerrauften schwarzen Kopf nach Audrey hin, »sie hat mir Vorwürfe gemacht, wie grausam es von mir sei, einen harmlosen Einbrecher niederzuschießen, und daß ich den leibhaftigen Teufel im Leibe hätte in meiner Verfolgungssucht gegen harmlose Eingeborene. Aber ich war früher ganz gutmütig – ebenso gutmütig wie Putnam.«

Nach einer Pause fügte er noch hinzu: »Schaun Sie, ich habe Sie nie zuvor gesehen, aber Sie sollen selbst über diese ganze Geschichte urteilen. Der alte Putnam und ich waren Regimentskameraden, doch dank irgendeines Vorfalls an der Grenze von Afghanistan bekam ich viel früher als alle anderen ein eigenes Regiment; dann wurden wir beide für einige Zeit auf Krankenurlaub nach Hause geschickt. Dort draußen hatte ich mich mit Audrey verlobt, und später reisten wir alle gemeinsam wieder zurück. Doch auf der Rückreise ereigneten sich seltsame Dinge. Infolge davon will Putnam die Verlobung rückgängig machen, und sogar Audrey zieht die Sache hin und ist unentschlossen – und ich weiß, was sie glauben. Ich weiß, wofür sie mich halten. Und Sie wissen es auch.

Nun, das sind die Tatsachen: Wir waren einmal in einer indischen Stadt, und ich bat Putnam, mir einige Zigarren zu verschaffen. Er sagte mir, ich würde sie seinem Hause gegenüber bekommen. Ich habe später erfahren, daß er recht hatte, aber ›gegenüber‹ ist eine gefährliche Bezeichnung, wenn ein anständiges Haus sechs elenden Hütten gegenübersteht, und ich muß mich eben in der Türe geirrt haben. Ich konnte sie nur mit Mühe öffnen, und, als es mir endlich gelang, befand ich mich in einem finsteren Raum. Als ich mich jedoch umwendete, hatte sich die Türe langsam wieder geschlossen und war endlich mit einem Geräusch wie von unzähligen Riegeln ins Schloß gefallen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als vorwärts zu gehen, was ich auch tat. Ich schritt durch stockfinstere Gänge, dann gelangte ich an eine Treppe und endlich an eine geschlossene Türe, deren Klinke ich tastend fand und endlich öffnete. Wieder trat ich ins Halbdunkel heraus, das durch eine Unmenge kleiner, doch ruhig brennender Lampen in einen grünlichen Dämmerschein verwandelt wurde. Die Lampen brannten tief unten am Boden und erhellten nur den Fußboden oder den Saum irgendeines riesigen, leeren Raumes. Knapp vor mir befand sich etwas, das wie ein Berg aussah. Offengestanden wäre ich beinahe umgefallen, als ich erkannte, daß es ein Götzenbildnis war. Und was noch schlimmer war, ein Götzenbildnis, das mir den Rücken zukehrte.

Es war wohl kaum eine menschenähnliche Gestalt, soviel ich nach dem kleinen, plattgedrückten Kopf und mehr noch nach dem Schwanz oder dem schwanzähnlichen Glied urteilen konnte, das, hinten hinaufgedreht, wie ein widerlicher, großer Finger auf irgendwelche mystischen, in der Mitte des riesigen Steinrückens eingeschnitzte Zeichen deutete. Ich wollte, nicht ohne leises Entsetzen, eben versuchen, die Hieroglyphenschrift in der trüben Beleuchtung zu entziffern, als sich etwas noch Entsetzlicheres ereignete. Eine Türe öffnete sich leise in der Tempelmauer hinter mir, und ein Mann mit einem braunen Gesicht und in einem schwarzen Rock trat herein. Auf seinem Gesicht lag ein starres Lächeln, er hatte eine kupferfarbene Haut und elfenbeinfarbene Zähne; doch ich glaube, das Schrecklichste an ihm war, daß er europäische Kleider trug. Ich wäre vielleicht darauf gefaßt gewesen, glaube ich, vermummte Priester oder nackte Fakire zu erblicken. Aber dies schien zu besagen, daß die Teufelei über die ganze Welt verbreitet sei. Was sich auch später als wahr erwies.

›Hättest du nur des Affen Füße erblickt‹, sagte der Mann ohne jede Einleitung, immer noch mit jenem starren Lächeln, ›so wären wir sanft mit dir umgegangen, du wärest einfach gemartert worden und wärest endlich gestorben. Hättest du des Affen Antlitz erblickt, wären wir immer noch milde und tolerant geblieben – du wärest nur gemartert worden und hättest weitergelebt. Doch da du des Affen Schwanz gesehen hast, müssen wir das schrecklichste Urteil sprechen. Das heißt: Zieh frei von hinnen!‹

Als er diese Worte gesprochen hatte, hörte ich, wie die eiserne Klinke, mit der ich mich geplagt hatte, sich automatisch öffnete und wie dann weit draußen am Ende des Ganges, den ich durchschritten hatte, die Straßentüre ihre eigenen Riegel zurückschob.

›Es wäre vergebens, um Gnade zu bitten; du bist frei und mußt gehen‹, sagte der Mann mit dem Lächeln. ›Von nun an soll dich ein Haar wie ein Schwert treffen und ein Atemzug wie Schlangenbisse brennen; die Waffen sollen aus dem Nichts auf dich eindringen, und du sollst tausend Tode sterben.‹ Und damit verschlang ihn die Mauer wieder; und ich ging auf die Straße hinaus.«

Cray schwieg, und Pater Brown setzte sich unbefangen ins Gras und fing an, mit den Gänseblumen zu spielen.

Dann fuhr der Offizier fort: »Putnam machte sich natürlich mit seinem heiteren gesunden Menschenverstand über alle meine Befürchtungen lustig, und von jenem Tage an hat er angefangen, an meinem normalen Geisteszustand zu zweifeln. Nun, ich will Ihnen einfach mit möglichst wenigen Worten die drei Dinge erzählen, die sich seither zugetragen haben, und Sie sollen selbst urteilen, wer von uns beiden recht hat.

Das erste ereignete sich in einem indischen Dorfe am Rande des Dschungels, doch viele hundert Meilen von jenem Tempel entfernt, wo der Fluch über mich gesprochen worden war. Ich wachte mitten in der Nacht auf und lag im Bett, ohne an etwas Besonderes zu denken. Da fühlte ich ein leises Kitzeln, als würde ein Faden oder ein Haar über meinem Halse vorbeigezogen. Ich fuhr ausweichend zurück und konnte nicht umhin, an jene Worte im Tempel zu denken. Doch als ich aufstand, Licht machte und einen Spiegel zur Hand nahm, sah ich, daß eine blutrote Linie über meinen Hals lief.

Das zweite ereignete sich in einem Quartier in Port Said, einige Zeit später, auf unserer gemeinsamen Heimreise. Es war ein Zwischending zwischen Herberge und Raritätenladen, und, obwohl dort nichts zu sehen war, was auch nur im entferntesten an den Affenkult erinnerte, ist es natürlich doch möglich, daß sich einige Bildnisse oder Talismane dieser Art von Götzenverehrung an einem solchen Ort befanden. Jedenfalls war der Fluch dort wirksam. Wieder wachte ich in der Dunkelheit der Nacht auf mit einer Empfindung, die man durch kein nüchterneres und treffenderes Wort wiedergeben kann, als daß ein Atemhauch wie Schlangenbisse brannte. Alles Leben in mir war nur noch der Todeskampf vor dem Verlöschen. Ich stieß mit dem Kopf gegen viele Mauern, bevor ich gegen ein Fenster stieß und in den darunter befindlichen Garten mehr fiel als sprang. Putnam, der arme Kerl, der das andere einen zufälligen Kratzer genannt hatte, wurde nun gezwungen, die Tatsache, daß er mich am nächsten Morgen halb bewußtlos im Grase liegen fand, etwas ernster zu nehmen. Doch ich fürchte, er hat nur meinen Geisteszustand ernst genommen, nicht aber meine Geschichte.

Das dritte Ereignis trug sich in Malta zu. Wir befanden uns dort in einer Festung, und unsere Schlafzimmer hatten zufällig die Aussicht aufs Meer, das beinahe bis zu unseren Fenstersimsen herangereicht hätte, wäre nicht die flache weiße äußere Festungsmauer gewesen, die ebenso kahl war wie das Meer. Wieder erwachte ich, aber diesmal war es nicht dunkel. Heller Mondenschein erleuchtete das Zimmer, als ich zum Fenster schritt. Ich hätte einen Vogel auf der kahlen Mauer sehen können oder ein Segel am Horizont. Was ich jedoch sah, war eine Art Stock oder ein Zweig, der in kreisförmigen Linien frei im leeren Raume schwebte. Dann schoß das Ding plötzlich schnurgerade in mein Fenster und zertrümmerte die Lampe neben meinem Bett, das ich eben verlassen hatte. Es war eine jener seltsam geformten Keulen, die von einigen Stämmen des Ostens als Waffen verwendet werden. Doch war sie von keiner Menschenhand geschleudert worden ...«

Pater Brown warf einige abgerissene Gänseblümchen fort und erhob sich mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. »Besitzt Major Putnam«, fragte er, »irgendwelche Sehenswürdigkeiten oder Götzenbilder oder exotische Waffen, die man flüchtig sehen könnte?«

»Ja, eine ganze Menge, obwohl das nicht viel nützen dürfte, fürchte ich«, erwiderte Cray, »aber kommen Sie auf alle Fälle in sein Arbeitszimmer.«

Beim Betreten des Hauses begegneten sie Fräulein Watson, die im Begriffe war, die Handschuhe zuzuknöpfen, und von weiter unten hörten sie die Stimme Putnams, die dem Koch immer noch eine Vorlesung hielt über irgendeine Kochkunst. Im Arbeitszimmer des Majors stießen sie plötzlich auf einen neuen Gast, der im Zylinderhut und Straßenanzug am Rauchtischchen saß, über ein offenes Buch gebeugt – ein Buch, das er ein wenig schuldbewußt fallen ließ, um sich den Eintretenden zuzuwenden. Cray stellte ihn höflich als Doktor Oman vor, doch sein Gesicht zeigte so deutlich alle Anzeichen einer tiefen Abneigung, daß Brown die Rivalität der beiden – ob Audrey nun davon wußte oder nicht – auf den ersten Blick erkannte. Doktor Oman war ein auffallend gut gekleideter Herr; er hatte angenehme Gesichtszüge, wenn seine Haut auch beinahe so dunkel war wie die eines Asiaten.

Cray schien das kleine Gebetbuch in Omans behandschuhter Hand besonders aufreizend zu finden.

»Ich wußte nicht, daß Ihnen dergleichen liege«, sagte er ein wenig unhöflich.

Oman lachte milde, doch wirkte seine Art nicht beleidigend. »Das hier gehört mehr in mein Fach, ich weiß«, sagte er und legte die Hand auf das Buch, das er hatte fallen lassen, »es ist ein Nachschlagwerk über betäubende Getränke und ähnliches. Aber es ist ein wenig zu groß, um es mit in die Kirche zu nehmen.« Damit schlug er das Buch zu, und wieder lag etwas wie Eile oder Verlegenheit in dieser Gebärde.

»Ich nehme an«, sagte der Priester, der das Gesprächsthema wechseln wollte, »daß alle diese Speere und die übrigen Dinge hier aus Indien stammen?«

»Oh, die sind von überall«, antwortete der Doktor. »Putnam ist ein alter Soldat und war, soviel ich weiß, in Mexiko und in Australien und auf den Inseln der Kannibalen.«

»Ich hoffe, daß er zumindest seine Kochkunst nicht bei den Kannibalen gelernt hat«, sagte Pater Brown. Und er ließ seine Blicke über die Bratpfannen und anderen seltsamen Gegenstände schweifen, die an der Wand hingen.

In diesem Augenblick steckte der heitere Gegenstand ihrer Unterhaltung sein lachendes, krebsrotes Gesicht zur Türe herein. »Komm, Cray!« rief er. »Das Essen ist fertig. Und die Glocken läuten für jene, die zur Kirche gehen wollen.«

Cray schlüpfte hinauf, um sich umzukleiden; Doktor Oman und Fräulein Watson gingen gemessenen Schrittes die Straße hinab und schlossen sich einem Strom anderer Kirchgänger an; doch Pater Brown bemerkte, daß der Doktor sich zweimal umsah, ja sogar, bei der Ecke der Straße angelangt, wieder umkehrte und nochmals scharf prüfend zu dem Hause hinaufblickte.

Der Priester war ein wenig verwirrt. »Er kann doch nicht bei dem Kehrichtbehälter gewesen sein«, brummte er leise vor sich hin. »Zumindest nicht in diesen Kleidern. Oder ist er zu einer noch früheren Morgenstunde da gewesen?«

Pater Brown war in bezug auf andere Menschen so empfindlich wie ein Barometer; doch heute schien er die Empfindsamkeit eines Rhinozerosses zu haben. Nach keiner Regel gesellschaftlicher Konvention, weder nach der strengsten noch nach der selbstverständlichsten, konnte man annehmen, daß er auch noch während des Essens der beiden Freunde weiter bleibe. Doch er blieb und verbarg die merkwürdige Situation unter einem Schwall zwar amüsanten, doch ganz zwecklosen Unterhaltungsgeredes. Sein Bleiben wurde um so verwunderlicher, als er nichts essen wollte. Es wurden nacheinander die gewähltesten und köstlichst bereiteten Gerichte aufgetragen, doch Pater Brown wiederholte immer nur, daß er einen Fasttag habe, und knabberte an einem Stückchen trockenem Brot. Doch in seinen Reden war er von übersprudelnder Laune.

»Ich werde Ihnen etwas sagen«, rief er; »wissen Sie, was ich für Sie tun werde? Ich werde Ihnen einen Salat anmachen! Ich darf ihn nicht essen, aber ich will ihn wie ein Engel zubereiten! Da haben Sie ja einen Kopfsalat.«

»Es ist leider das einzige, was wir haben«, antwortete der gutmütige Major. »Sie dürfen nicht vergessen, daß Senf, Essig, Öl und so weiter alles zusammen mit dem Ständer und dem Einbrecher verschwunden sind.«

»Ich weiß«, sagte Pater Brown ein wenig gleichgültig. »Das war es, was ich schon stets befürchtete. Darum trage ich diese Dinge immer bei mir. Ich esse Salat nämlich sehr gerne.«

Und zum Erstaunen der beiden Männer nahm er aus seiner Westentasche eine Pfefferdose und stellte sie auf den Tisch.

»Ich wundere mich, wozu der Einbrecher auch den Senf mitnahm«, fuhr er fort und holte aus einer anderen Tasche einen Senftiegel hervor, »Wahrscheinlich für ein Senfpflaster. Und Essig«, er zog diese Würze hervor, »ich glaube, ich habe einmal etwas über Essig und Packpapier gehört? Was nun das Öl anbelangt, so habe ich dieses, wenn ich nicht irre, in die linke ...«

Er hielt plötzlich einen Augenblick lang mitten in seinem Geschwätz inne, denn als er zufällig die Augen hob, sah er, was keiner von den anderen sah: die schwarze Gestalt des Doktor Oman, die auf dem sonnbeschienenen Rasen draußen stand und angestrengt ins Zimmer starrte. Bevor er sich wieder gesammelt hatte, war Cray ihm ins Wort gefallen.

»Sie sind ein merkwürdiger Kauz«, sagte er. »Ich werde mir Ihre Predigten anhören kommen, wenn diese ebenso unterhaltend sind wie Ihr Benehmen.« Da schlug seine Stimme um, und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

»Oh, man kann auch über einen Gewürzständer predigen«, sagte Pater Brown ernsthaft. »Haben Sie nie von dem Glauben gehört, der wie ein Senfkorn war, oder von einer Salbung mit Öl? Und was den Essig anbelangt, kann denn ein Soldat jemals jenen Soldaten vergessen, der, als die Sonne sich verdunkelte ...«

Oberst Cray beugte sich ein wenig vor und griff nach dem Tischtuch.

Pater Brown, der den Salat bereitete, tat schnell zwei Löffel Senf in ein Glas Wasser, das neben ihm stand, erhob sich und sagte mit plötzlich veränderter, lauter Stimme, »Trinken Sie das!«

In demselben Augenblick kam der Doktor, der bisher regungslos im Garten gestanden hatte, angerannt und riß ein Fenster auf. »Werde ich benötigt?« rief er. »Ist er vergiftet worden?«

»Beinahe«, sagte Brown mit einem ganz schwachen Lächeln; denn das Brechmittel hatte sofort gewirkt. Cray lag in einem Lehnsessel, keuchend, als schnappte er nach Luft, aber lebendig.

Major Putnam war aufgesprungen, sein purpurfarbenes Gesicht war weiß gefleckt. »Ein Verbrechen!« schrie er heiser. »Ich werde die Polizei holen!«

Der Priester hörte, wie er seinen Hut vom Kleiderhaken riß und zur Türe hinausstürzte; dann wurde die Gartentüre zugeschlagen. Doch Brown stand ruhig da, sah Cray an und sagte nach einer Pause leise:

»Ich werde jetzt nicht viel mit Ihnen reden; aber ich werde Ihnen sagen, was Sie wissen wollen. Es liegt kein Fluch auf Ihnen. Der Tempel des Affen war entweder ein Zufall oder ein Teil der Vorspiegelungen, und diese waren das Werk eines weißen Mannes. Es gibt nur eine Waffe, die bei federleiser Berührung Blut hervorbringt: eine Rasierklinge, von der Hand eines Weißen geführt. Es gibt nur eine Methode, einen gewöhnlichen Raum mit unsichtbaren, überwältigenden Giftdämpfen zu erfüllen: das Gas aufzudrehen – das Verbrechen eines Weißen. Und es gibt nur eine Keule, die, aus einem Fenster geschleudert, sich mitten in der Luft umdrehen wird und in das benachbarte Fenster fliegen: ein australischer Bumerang. Sie können einige davon im Arbeitszimmer des Majors sehen.«

Damit ging er hinaus und sprach einen Augenblick lang mit dem Doktor. Im nächsten Augenblick stürzte Audrey Watson ins Haus und sank vor Crays Stuhl auf die Knie. Brown konnte nicht hören, was die beiden miteinander sprachen, doch in ihren Gesichtern malte sich reines Erstaunen, keine Spur von Traurigkeit. Der Doktor und der Priester gingen langsam miteinander auf die Gartentüre zu.

»Ich nehme an, daß der Major auch in sie verliebt war«, sagte Brown seufzend, und als der andere nickte, bemerkte er: »Sie haben sich großmütig benommen, Doktor, das war schön von Ihnen. Aber wieso haben Sie Verdacht geschöpft?«

»Aus einer Kleinigkeit«, sagte Oman; »doch ich konnte in der Kirche keine Ruhe finden und mußte zurückkommen und sehen, ob alles in Ordnung sei. Jenes Buch auf seinem Tische war ein Werk über Gifte und lag an einer Stelle aufgeschlagen, wo erklärt wird, daß ein gewisses indisches Gift zwar tödlich wirke und schwer nachzuweisen sei, aber durch das einfachste Brechmittel besonders leicht unschädlich gemacht werden kann. Ich nehme an, daß er das im letzten Augenblick las ...«

»Und sich erinnerte, daß im Gewürzständer Brechmittel zur Hand wären«, sagte Pater Brown. »Ganz richtig. Er hat, um einen Einbruch zu fingieren, das Silber zusammen mit dem Ständer in die Kehrichtkiste geworfen, wo ich alles fand. Doch wenn Sie die Pfefferdose genau ansehen, die ich auf den Tisch gestellt habe, so werden Sie ein kleines Loch darin finden. Dort hat Crays Kugel eingeschlagen, den Pfeffer in die Luft geblasen und den Verbrecher zum Niesen gezwungen.«

Es entstand eine Pause. Dann sagte Doktor Oman boshaft: »Der Major sucht aber lange nach der Polizei.«

»Oder die Polizei sucht ihn«, sagte der Priester. »Nun, leben Sie wohl.«

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