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Das Panorama meines Lebens

Alexander Moszkowski: Das Panorama meines Lebens - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobio
authorAlexander Moszkowski
titleDas Panorama meines Lebens
publisherF. Fontane & Co.
year1925
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071122
modified20170814
projectida7078b48
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An meine Leser

Ich setze den Plural wunschweise und aus einem gewissen Aberglauben. Denn die Anrede soll erkennen lassen, daß ich mir sehr viele Leser vorstelle und dem Fatum die Möglichkeiten nicht verschränken möchte. Aber ich spezialisiere sofort und greife mir einen einzelnen Leser heraus, um mich mit ihm zu unterhalten.

Dem sage ich zunächst: Wenn du in diesen Denkwürdigkeiten sensationelle Enthüllungen erwartest, entsiegelte Staatsarchive, aufgedeckte Fäden in den Intrigenspielen der großen Welt, dann steht dir eine Enttäuschung bevor. Es gibt Dutzende von Memoirenwerken, die dem Bedürfnis nach politischer und gesellschaftlicher Aufregung stärker entsprechen als das vorliegende.

Das wäre nun noch keine captatio benevolentiae, und du fragst, durch welche Ermunterung ich dein Wohlwollen zu wecken beabsichtige.

Ich bin deswegen so wenig in Verlegenheit, daß ich sogar glaube, dir etwas ganz Besonderes versprechen zu können. Ich biete dir ein Leben, das wert war gelebt zu werden, dargestellt in Erinnerungen und Betrachtungen, die weit über mein Einzeldasein hinausgreifen. Du selbst wirst dich darin finden mit Tatsachen, die dir gehören, noch mehr mit Äußerungen des Unterbewußtseins, mit seelischen Geheimnissen, die du mit mir teilst.

Mein Plan war, aus den Gegebenheiten meines Lebens etwas Größeres, Allgemeingültiges zu entwickeln. Es sollte ein Panorama werden, aber nicht auf einer Fläche vorübergleitend, sondern mit den optischen Möglichkeiten einer Universalschau. Wie eine silbern spiegelnde Glaskugel in einem Garten, die, für sich genommen, räumlich klein ist, aber mit ihren Reflexen weit in die Welt reicht bis ans Firmament.

Hunderte von Leben würden sich dazu eignen, in dieser Weise zurecht geschliffen zu werden, um als Reflexträger des Allgemeinen, Weitgespannten zu wirken. So verstand es Goethe, als er die Forderung aufstellte: »Jeder Mensch sollte seine Memoiren schreiben, sie wären meist lehrreicher als wissenschaftliche Werke!« Weil nämlich jeder als Eigenbiograph ein höchst wichtiges Thema behandeln könnte, in dem er gelehrter ist als irgend ein Mensch der ganzen Welt: seine Persönlichkeit. Es fragt sich nur, ob er imstande ist, dieses von Fall zu Fall unvergleichliche Thema so zu bearbeiten, daß diese Person als ein Unikum, als ein niemals Wiederholbares hervortritt. Könnte und täte das jedermann, so stünde die Memoirenliteratur im Schrifttum ganz zu oberst. In Wirklichkeit begnügt sie sich mit einer viel bescheideneren Stufe und findet in der Mehrzahl ihrer Gebilde den Platz ganz zu unterst. Nur wenige dieser Klasse ragen hervor als Monumente. Spärlich wuchsen sie herauf, wenn der Beschreiber zum Dichter wurde, der den Menschen in sich entdeckte und ihn romanhaft erhöhte wie im »Copperfield« und »Grünen Heinrich«. Aber solche Werke zählen ja kaum zu den Denkwürdigkeiten. Da verlangt man ein deutlich erkennbares Bezugssystem, der Autor soll sich mit dem Helden decken, er soll über ihn nicht fabulieren, sondern berichten. Und dieser Aufgabe verdankt es die Gattung, daß sie fast durchweg im Handwerk stecken blieb, im Stil des Tagebuchs, des Rapports. Ich denke hier vorzugsweise an die neueren Erscheinungen, die in den letzten Jahrzehnten über uns gekommen sind, an die Überfülle der Bekenntnisse erledigter Minister, Botschafter und Generäle, die korrekt sind – wenn der Autor nicht das Dichten durchs Flunkern ersetzt, – korrekt wie ein Polizeibericht und richtig wie ein statistisches Handbuch oder eine Logarithmentafel. Was für druckerschwärzliche Nöte haben wir an diesen geschichtsklitternden Exemplaren ausgestanden, deren beste kaum über den wiedergekäuten Leitartikel hinausgingen und über das aufgeplättete Feuilleton!

Aber mir würde es noch lange nicht genügen, wenn der Darsteller eigenen Lebens bloß gut zu erzählen verstünde. Genügt es dir, Leser? Empfindest du nicht, daß eine Begebnisreihe aus irgendwelchem Leben entweder einen Poeten verlangt oder, falls nur der Biograph zur Stelle, einen Gedankenformer?

Gewiß, du hast es dir neuerdings oft genug gesagt bei der Berührung mit den Produkten aus der Sudelküche vieler diplomierter Ich-Schreiber: das ist zwar nicht edelste Literatur, aber doch ganz interessant. Es kommen so viele hohe Herrschaften in diesen Büchern vor und Indiskretionen, und Diners und Anekdoten, und man bleibt so hübsch am Leitseil der Chronologie. Aber prüfe dich einmal, wenn du zehn solcher Bände erledigt hast, ob sie dich bereichert haben, ob dein Kopf oder dein Herz einen Gewinn davon trug.

Ich möchte deine Empfindlichkeit schärfen nach demselben Maße, wie ich mir selbst meine Aufgabe über das Marktläufige hinweg gespannt habe. Gegen die Tatsachen will ich mich gar nicht auflehnen. Die sollen in Fülle und Interessantheit das feste Skelett jedes Memoirenwerks bleiben und ihm zum Stehen und Schreiten den Halt geben. Aber wenn sein Inhalt nichts anderes bietet, als immer nur Tatsachen, dann ist es so lang wie breit ein Skelett, ein schlotterndes Gerippe. Die interessantesten Knochen verhelfen ihm nicht zum Leben, wenn ihm nicht ein pulsierendes, atmendes Gewebe von Muskeln, Sehnen und Nerven dazuwächst.

Das ist aber schon eine Unmöglichkeit in dem üblichen Schema der Memoiren, das die Einhaltung der Chronologie voraussetzt und die Tatsachen am Zeitfaden aufreiht. Fängt die Geschichte an: »Ich bin geboren in – –«, »mein Vater war – –«, so liegt bereits der Verdacht vor, daß du, Leser, mitgenommen werden sollst von Etappe zu Etappe, es läßt sich wetten, daß du Empfänger einer Chronik wirst, aber nicht eines Lebenswerkes, in dem das Begebnis mehr bedeutet als den Zufall an diesem Ort und zu dieser Stunde.

Denn das wirkliche Leben ordnet nicht für den erkennenden Verstand, und sein Ablauf, obschon in sich streng determiniert und folgerichtig wie ein physikalisches Experiment, bietet dem Betrachter den Wirrwarr, wie ein Film, der programmlos auf der Straße aufgenommen wird. Unerkennbar bleiben in solchem Zufallskino tausend Schicksalsfäden, die sich in ihm mit strenger Logik abspinnen, aber in der Bewegung der Masse von keinem Menschenauge auseinander gehalten werden können. Das vermöchte nur ein Über-Laplace, vor dessen Scharfblick sich das Gewirr zu sinnvollen Vorgängen auflöst. Wer daher in seinen Berichten das getreue Nacheinander innehält, der kann nur Chaotisches liefern, flimmernde Filmbilder ohne höheren Bezug. Er glaubt historisch zu verfahren und verkennt dabei den Wert der Historie überhaupt, die erst anfängt eine Wissenschaft zu werden und eine Erkenntnisquelle, wenn sie aufhört, ein Speicher aufgestapelter Tatsachen zu sein.

Hieraus erfließt die Nutzanwendung für die Darstellung eines Lebens. Soll die Erkenntnis einen Platz finden, so müssen die Tatsachen aus der Speicherhaft befreit werden. Frei hinzustellen sind sie, so daß sie Durchblick gewähren von der Engnis irdischen Erlebnisses auf kosmische Gestaltungen. Und das verlangt eine besondere Kunst, die der wahren Wirklichkeit ihre Rechte läßt, ohne sich sklavisch an eine Tabelle zu binden. Diese Kunst verfährt nicht kartographisch und generalstäblerisch, sondern nach dem Prinzip eines Landschafters, der das Unwesentliche unterdrückt und das Wesentliche bildhaft steigert. Sie geht nicht darauf aus, die ganze Natur, das ganze Leben in einen einzigen Rahmen zu zwängen, sondern sie schafft Einzelbilder, von denen jedes den Betrachter in besonderem Sinn orientiert.

So zerfällt auch mein Panorama in Sonderdarstellungen, die sich räumlich und zeitlich mehrfach weit voneinander entfernen. Ihre Einheitlichkeit gründet sich auf die Einheit der Person: ich bin und bleibe darin das Objekt, allein ich begnüge mich nicht mit der Rolle eines Individuums, dessen Sehkreis sich dort begrenzt, wo das Curriculum vitae aufhört. Ich versuche, über mich hinauszugreifen und den Horizont so weit zu spannen, als es die Anlage eines Erinnerungsbuches gestattet; denn auch das Denken, das Erträumen, das Wandeln auf abseitigen Geisteswegen ist Erlebnis, und wenn ich in Erinnerung daran an Probleme gelange, so sind mir diese meist wichtiger als der Verfolg konkreter Begebenheiten. Nur in einigen Absätzen, zumal im Anfang des Buches, lasse ich die Tatsachen überwiegen, weil sie zeitlich sehr weit zurückreichen und ich für sie die Beleuchtung des Vordergrunds brauche, um sie mir selbst sichtbar zu machen. Weiterhin, wenn diese Sorge fortfällt, stelle ich sie in freier Anordnung auf die Szene, lasse ich verschiedene Lichter hineinspielen, prismatisch gebrochene, farbige, die der Darstellung ein wechselvolles Kolorit ermöglichen. Besonderen Wert lege ich auf die persönlichen Lumina, die hier in den Bildern wirken sollen, wie sie zuvor meinen Lebensweg bestrahlten; viele hervorragende Menschen lasse ich als Fackelträger über die Szene schreiten.

Und in allen Phasen meines Berichts schwebt mir ein alter ego vor, du selbst, Leser, den ich nicht nur unterhalten, sondern zum Mitwirken einladen möchte. Was mir bisweilen wie die Stimme des Unterbewußtseins klingt, soll in dir ein Mittönen veranlassen, mit Schwingungen, die sich durchaus nicht immer auf volle Konsonanz einzustellen haben. Vielmehr bleibt reichlich Platz für gegensätzliche Stimmführung, für jeden erdenklichen Kontrapunkt. Aber wenn in dir etwas Selbständiges, Ergänzendes erklingt, so würde es doch stumm geblieben sein, ohne den besonderen Ton-Anschlag, den dieses Buch dir zuführt. Und ich könnte mir vorstellen, daß die Grundklänge vorliegender Schrift in Verschmelzung mit deinen Obertönen eine ganz reizvolle Klangfarbe erzeugen werden.

Ich bin dessen sogar ziemlich sicher. Denn ohne solche Voraussicht hätte ich diese Denkwürdigkeiten, oder wie man sonst meine Aufzeichnungen nennen will, gar nicht erst begonnen. Zu jedem Werk, das ein persönliches Lebensmaterial verarbeitet, gehört Bekennerdrang, der nicht mit Demut verschleiert, was man mit hoffendem Stolz empfindet. Und wenn ich dich – jetzt im weiten Plural gedacht – als mitarbeitenden Empfänger begrüße, so bekenne ich damit freimütig, daß ich meinem Buch die Fähigkeit zutraue, unser Buch zu werden!

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