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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 8
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Die alexandrinische Phantasie

(Weihnachtstriptychon)

        I ch schwebe in des Pferdes hellem Flügeltale,
Im Schwingenzwielichte verzückter Symphonieen,
Empor durch Gottes hehre Sternenkathedrale.

Ich lasse sacht den Geist die Mutterflucht vollziehen
Und lehne, selbst ein Hauch, so wie der Wind am Segel,
An meinem Pferde, um dem Lande zu entfliehen.

Wie Glutrubine flimmern ferne Erdblutkegel:
Und Kepheus Herzgranat scheint langsam mir zu nahen:
Astral erhalte ich die kalte Weltallregel.

Hold bodenlos erfahr ich Taten, die geschahen,
Urausbrüche der Ewigkeit, im Rhythmus rascher Zeiten,
Und geistig mag ich den Geschlechterspalt bejahen.

Doch weiß ich auch: ich muß dereinst noch erdwärts reiten!
In der Sahara habe ich das Weib verlassen,
Und wieder soll ich es auf Sonnenpfade leiten.

Zwar macht ein Wasserungeheuer mich erblassen:
Wie kann ich seine Speichelleiblichkeit durchdringen?
Versagt bleibt es dem Geist, das Naß fest anzufassen!

Mein Freiheitstag muß aber dennoch fromm gelingen:
Ich werde ewge Lebensketten tief erkennen
Und mich, versinnbildlicht, mit Menschlichkeit verschlingen.

O Kepheus, lasse mich in deinem Kreis erbrennen
Und, selbst ein Stern, die Menschenseele klar durchschauen,
Auch du wirst dich von Kassiopeia nie mehr trennen!

Schon soll dein Weib eurer Urewigkeit vertrauen:
Die Wabe hat es sacht, vor aller Flut, gereinigt,
Nun mag die Frau sich still den Thron erbauen!

Fünf Erzgestirne glühn im Weib, als Bild vereinigt.
Hoch grüßt ein Feuerdreieck zwischen Wasserzeichen.
Der Flutenspuk, durch holdes Edelsein gepeinigt,

Sucht nun das hehre Wunderbildnis zu erreichen
Und wälzte sich als Mittelmeer zwischen die Länder,
Um unsern Zug zur größten Schönheit einzudeichen.

Andromeda, ich löse deine Seelenbänder!
Du mußt, was deine Mutter stolz versprach, uns halten,
Doch zage nicht, ich nahe dir als Wabewerkvollender.

Als Amon-Ra wird Jupiter die Welt verwalten:
Die Wabe hat den selbstgeeinten Gott durchklungen,
Sein Denken muß Athena ewig jung gestalten.

Jetzt blitzt die Parthenogenese unbezwungen
Um Jovis Stirne, aus unheimlich tiefen Runzeln!
Sein Haupt umdonnern alle Götterdämmerungen.

Auf Tümpelkaulquappen und Grottenspukrapunzeln
Kann bald Andromeda vom ewgen Throne schauen,
Der Wasserunhold stirbt, und Pan hört auf zu schmunzeln!

Mein Pegasus, ich will dir gut, aus Mut, vertrauen.
Mein Wesen werden Menschen erst im Tod verstehen,
Und Seelen, die mich liebten, muß mein Stern vergrauen.

Ich bin so fern von jenem Stern, wo Winde wehen,
So weit, so weit, von allen Weltdurchbrückungsleiden:
Der Geist ist frei und rein von fremden Schicksalsehen!

Ich weiß, wie Sonnen lauter braune Sternlein weiden,
Die ewig blumenhaft und kindlich Leben trinken
Und sich mit dem Geschehen treu und traut bescheiden.

O Gott, o Gott, o laß mich sanft in dir versinken,
Und weise mir, wie Menschen dich fortan begreifen,
Wie wird dein ewges Wesen sich verirdischt schminken?

Mein Geist kann leibbefreit zur heilgen Wahrheit reifen:
Ich fühle, wie die Wesen sich durch tiefre Wabe
Emporverwandeln, wenn sie westwärts weiterschweifen.

Zum Mittelsterne schwebt mein Pferd im stillen Trabe:
Dort, wo das Glück mir leise Urspendung geworden,
Steigt einst die Menschheit aus dem Araratnachtgrabe.

Ein Lichtumarmungsschein erstrahlt so froh im Norden:
Ihn wird die Schöpfung einst ins volle Wesen schließen;
Soeben kann die Wabe Asiens Strand umborden!

Die Urglutbrandung wird sich nie ins Meer ergießen,
Die Wabewogen ballen sich verklärt zusammen,
Den Heiland hehr zu spenden, den sie hold verhießen!

Die Arier, groß geschwängert durch die Erdschachtflammen,
Verstanden hoch am Ararat die Ra-Semiten,
Die aus Arabiens Wabebrachland stammen!

Die Seelen konnten sich in Irans Steilgebieten,
Zu einer einzigen, mit einem Gott, vereinen:
Jetzt wird der Herr streng unsern Trumpf, den Held, verbieten!

Der Heiland aber mag in Jahves Land erscheinen!
Ich fühle ihn so frei im Jungfrauschoße hüpfen,
O wäre ich ein Mensch: aus Andacht möcht ich weinen!

Ein Gott erscheint, die Menschheit herrlich zu verknüpfen!
Die Tat erschließt uns ihre knotenden Gedanken:
Ein Seelenflug muß seinem Ruhe-Ei entschlüpfen!

Des eingepreßten Sternes Panzerball wird schwanken,
Die Lava nun den Allerlösungsschrei versprengen,
Versöhnungsreben können bald die Welt umranken!

Der Erdkern will sich ernst zum eignen Sein verengen.
Ein Kindeswesen kann den Stern als Wort erfüllen,
Denn seine Glut muß er zum Unschuldherzen drängen.

Nun mag die Wabe sich in Runzelmuskeln knüllen,
Das Kind wird doch die Augen auf zur Mutter schlagen,
So muß sein Stern sich hold geheilter Weit enthüllen.

Er mag vielleicht die Erde urher überragen:
Noch fühl ichs nicht! Schon seh ich Engel sich begrüßen,
Doch leise beim Umarmen mit den Flügeln zagen.

Sie wissen wohl: der Heiland wird für Sünder büßen!
Sie lassen sanft die Schwingen ineinander fallen
Und wollen so, verwandt, ihr Walten sich versüßen.

Ich spüre wahlvertraut ein wahres Wabewallen:
Durchfiebert bin ich tief von leisen Sternemächten
Und höre Gott: Gebote! durch mein Wesen schallen,

Kristallenzu, Geratungen sich klar verflechten:
Die Trennung der Geschlechter, die ich streng vertreten,
Damit die Parsen ihre Artungstat vollbrächten,

Gibt dem geeinten Gott, zu dem wir eben beten,
Die Macht, sich dreifach, aus sich selber, zu entfalten,
Denn Jahve spricht auf Zungen junger Streitpropheten!

Den Wasserkampf hat sich die Gottheit vorbehalten
Dann auszuringen, wenn der Allumfasser Mendes
Am Mittelmeer erscheinen kann, um sich zu spalten.

Die Menschheit spürte alt die Macht des Felsgeländes,
Das um das vorgewälzte Wasser sich belebte,
Denn Gott erdachte selbst das Kap des Raffkraft-Endes!

Ich zittre jetzt, als ob die Erde tief erbebte.
Es ist im Weibe die Dreifaltigkeit entstanden:
Ich weiß nun, daß ich kühn im heilgen Geiste schwebte.

O Gott, der Mann in uns wird dieses Meer umranden,
Am Anfangswege weiterschreitend, mich verlassen,
Das gute Feuer bald ohnmächtig branden.

O Gott, o Gott, wie kann die Menschheit dich erfassen?
Sie steht am Meer und trachtet dich einst einzuholen,
Du aber warfst sie ab und scheinst sie, frei, zu hassen.

O Gott, wir alle seien dir durch deinen Sohn empfohlen,
So lasse uns, am Ursprungspfade, dich erreichen,
O zeige dich am Meer, auf tausend Rettungsmolen!

Herr Zebaoth, du läßt dich nimmermehr erweichen,
Du schreitest weiter fort zum ewgen Ruhesterne,
Entgottet muß der Mensch zu deinen Füßen schleichen!

Du strenger Gott, du bist den Menschen Schreck und Ferne,
Und heute hilft uns noch die Glutbrandung am Strande,
Drum hast du uns auch deines Sohnes wegen gerne:

Doch bald liegt dieses Land gar wabebrach in Schande.
Wird anderswo der Mensch zu klügerm Glutmaß reifen?
Und stammst du strenger dann als Ra aus Asiens Sande?

Der Leib, den unsre Seelen leidreich weiterschleifen,
Wird, abermals verflucht, der Satansmacht verfallen:
Wie bitter schwer ists, ein Zerstümmeln zu begreifen!

Mein Weib, wie löse ich einst deine Sklavenschnallen?
Du armes Wesen wirst verdammt, verkauft, verderben:
Gar furchtbar sind des Wasserdrachens Brandungskrallen.

Ich möchte gleich um dich, du Wabereiche, werben,
Den wahrsten Augenblick will ich mit Hast erhaschen,
Denn fühl ichs doch, nun liegt das Harem rasch in Scherben!

Mein eigner Flug kann mich auf Fahndung überraschen:
Werd ich vom Heilgen Geiste selig fortgetragen?
Ist das ein Reich, in dem sich Lust und Last abwaschen?

Ich kann durch Wabe, anstatt Flammenwolken, jagen
Und scheine abermals, zu Roß, herabzufallen:
So werd ich Ländergipfel stürzend überragen!

Da naht ein Stern. Sein Blau kann meinem Traum gefallen.
Wie konnte er so plötzlich goldigschön erstrahlen?
Ich grüß dich, Bruder in den heilgen Lampenhallen.

Du ziehst mich an mit deinen Wurfspiralen:
Du zitterst, denn du Trauter willst mich näher haben!
Du spaltest dich? Dir bangt in tausend Fieberaalen:

Nun weiß ich traumlos auch mein Machtgehaben:
Ich schwebe in des heilgen Geistes Urhauchschwinge
Und kann die Welt mit meinem Wabeatem laben!

Damit die Menschheit wiederum zur Gottheit dringe
Und ihr Gesetz erfüllen könne, schwebt am Meere
Der Geist unsrer Dreifaltigkeit, dem ich entspringe:

Er überreicht uns mild und friedlich Gottes Lehre
Und kräuselt seinen Taubenflügel auf den Wellen:
So fühl ich hold vom Wunder, das ich miternähre.

Am großen Mittelmeere sprudeln heilge Quellen!
Schon ringeln sich für uns die beiden Weltteilschwingen,
Und dort, ein Herz wird bald das Gottesreich erhellen!

Du Pulslicht du, du Pharus, laß dir Botschaft bringen:
Ich nahe dir als Flügelhauch des Heilgen Geistes,
Nun laß uns fügsam um die Gotterkenntnis ringen.

Ich falle schon! Und du, mein Gott, verzeihst es!
Ich will das Weib für dich, du Sterngebieter, retten,
Vielleicht, mein Heiland, leiste ich durch dich ein Meistes.

Die Leuchtturmfühler fangen an, sich sanft zu glätten.
Wohl scheint die See gar hohe Wogen aufzugischten.
Ich höre ein Geräusch von fernen Menschenstädten:

Mir ists, als ob sich Rufe in die Sänge mischten
Und meines Pferdes Flügelsymphonieen lähmten.
Nun wirds, als ob sie Dunkellurche schrill durchzischten.

Ich werde jetzt empfunden – und von unverschämten
Erdkeuchern abermals in einen Leib getrieben:
Ists doch, als ob Geschreie meinen Sinn verbrämten!

Schon wieder fühle ich die Welt sich krumm verschieben.
Mir scheints, daß ich Geburtsrufe um mich vernehme.
Wohl seh ich Schemen, die vermummt zerstieben,

Doch steh ich drauf bewußt und fest im Stoffsysteme!

 

        D a rast ja ein rastloser Haufe zum Hafen.
Gewimmel Menschen erklimmen die Molen.
Was gibt es, daß heute die Leute nicht schlafen?
Das gafft in die Prachtnacht und freut sich am Johlen.

Das Feuer am Pharus erstrahlt majestätisch
Und sprengt Scharlachglast auf die nahen Gestalten:
Er scheint fast ein hungriger Brandopferfetisch,
Vor dem laute Priester ein Nachtfest abhalten.

Das Ufer erklimmen rings Wutgeiferkämme.
Und Zischgischtgebilde, die schräg niedertraufen,
Bespritzen das Zankpack der Stadthafendämme,
Doch kühlt keine Traufe die Schaulust vom Haufen.

Das Meer aber wütet und sprudelt so mächtig,
Als wollten die Wogen Grundwunder entrollen.
Opalschleier hüllen den Pharus oft prächtig,
Beim Aufschäumen, ein, und sind haschrasch verschollen.

Jetzt kann ich genau ein paar Sätze erfassen!
Man heult, halb zum Spaße: »Wir lassen uns taufen,
Doch laß uns, du Heiland, kein Schauspiel verpassen,
Wir wollen dem wandernden Sterne nachlaufen.«

»Du Judengott, fremder Geheimnisaushecker,
Verspritz, wenn du kannst, deine Sommernachtfunken!«
Schreit eben ein Kopte. Man wird immer kecker.
Und ganze Volksgruppen sind toll und betrunken.

»Schafft Raum!« herrscht der Hauptmann der Stadtsykophanten,
»Und laßt den Gelehrten den Vorfall erklären!«
Nun seh ich ein Männchen, als Darmspekulanten
Und Deuter von Zeichen, den Haufen belehren:

»Der Löwe hat lange kein Wasser gesoffen
Und litt einen Monat an schlechter Verdauung,
Erst heut fiel sein Bauchrest, drum könnt ihr auch hoffen,
Es sei nun vorbei mit der Schnuppenanstauung.«

Verwundert beklatschen die meisten den Weisen
Und wünschen sich Glück zu dem Staatsastronomen.
Nur einer ruft vorlaut: »Das mußt du beweisen!«
Ein andrer: »Verstopfungen sind böse Omen!«

Gleich hat man den vorwitzgen Einwurf berichtigt,
Die Schreihälse werden von Wachen geknebelt,
So hofft man, die Volksmenge sei nun beschwichtigt,
Und droht: »Wer sich vortut, wird niedergesäbelt!«

Jetzt drängen sich Weiber, in roten Gewändern,
Unhaltbar hervor und beginnen zu schreien:
»Matrosen aus allen menschspendenden Ländern,
Begleitet uns, laßt euch das Heil prophezeien!«

Entschleiert beginnen die Weiber zu tanzen
Und, brünstig aufbrüllend, die Brust zu enthüllen.
Die Schranzen versuchen zwar rasch mit Stahllanzen
Den Ausbruch der weiblichen Mannsucht zu stillen,

Doch sind die Matrosen, samt allen Passanten,
Bereits in den bacchischen Platztanz gerissen
Und eine kreischt: »Alle wir heilandsgesandten
Lustleiber verkünden den Christ zwischen Kissen!«

»Halt ein!« ruf ich auf: »Du beleidigst den Vater,
Den Sohn und den Heiligen Geist durch dein Sprechen!«
Schon seh ich darauf einen Weiberberater
Sich rasch durch die Schreisarabande Bahn brechen.

Da steht er: ein üppiger Jüngling, und redet,
Mit Tränen im Auge und Trauben am Haupte:
»Verwerflich die Seele, die Christum befehdet,
O lobe den Gott, der mich huldvoll umlaubte.

So laß doch die Glut in das Weib überfließen,
Im Schoß deiner Frau deine Freude ersprießen:
O komme in Christo die Ehe genießen,
Weh dem, der sich wollte der Liebe verschließen!«

Schon schluchzen, ja schnalzen und lachen die Leiber
Der beiden Geschlechter, vermengt, auf der Erde,
Doch habe ich selbst für den Geilheitseintreiber
Bloß eine, doch spruchsichre Abwehrgebärde.

Da spricht jener Jüngling verheißungsvoll weiter:
»So lasse dich heute am Christtag bekehren,
Zu Weihnachten bleibe bei uns und sei heiter,
Du sollst deine Seele dem Heiland bescheren!

Es ist heut wie damals ein Glücksstern erschienen,
Zwar leider, ins Dunkel gescheucht, bald verschwunden,
Doch Gott ließ ihn leuchten, dem alle hier dienen,
Er mag sich uns wahr durch ein Wunder bekunden!«

Nun wallen die Weiber in Purpurgewändern
Empor aus dem Brunstpfuhl und singen im Chore:
»Du Sieger und großer Vertreiber von Schändern
Des Tempels von Zion, eröffne die Tore

Des ewigen Reiches, voll Huld, diesen Heiden.
Und Ronach, du Weib in Jehova, erscheine:
Erlöse die Frauen von Unreinheitsleiden,
Damit sich einst Knodek mit Ronach vereine.

O Spirita Sancta, erfülle die Zeiten!
Dem Jünglinge sei nun die Maid ebenbürtig!
Das Weib steht noch höher, als Mutter bei weitem
Drum sieh, schöner Fremdling, mein Peplon entgürt ich.«

Drauf werfen die Weiber den Purpur zur Erde
Und drehn sich frenetisch und kreischen unbändig:
Und andere schüren das Feuer der Herde,
Und Mädchen entjungfern sich höchsteigenhändig.

Doch blenden mich so wilde Fackeln und Feuer,
Daß tiefschwarzes Dunkel und furchtbares Grauen,
Als Nachthintergrund mit dem Weltungeheuer,
Dem Wut-Ursamajor, allein, niederschauen.

 

        I ch sage fanatisch: »Ihr Huren und Memmen,
Ihr dürft die Dreieinigkeit nimmermehr nennen,
Den Fluchausspruch brauch ich in euch nicht zu hemmen,
Ihr werdet gar bald eure Glutbrunst ausrennen.

Die Wabe der Gnade mag bald am Gestade
Dort jenseits der Heiligen-Geist-See entflammen,
Dann tanzt hier fürwahr keine Ronachmänade,
Denn Jahve wird grade Altasien verdammen!«

Jetzt wirft sich mir Papias ekstatisch entgegen:
»Ich habe einst Simon den Magier gesehen,
Auch der zog mit Helena frei allerwegen,
Und nie ist dem Paare ein Unheil geschehen.

Und mein Protoplastevangelium wird immer,
Solange das Weltall besteht, einzig gelten,
Erfaßt du es nicht, nun gut, um so schlimmer
Für dich: unsre Gegner sind hier schwach und selten!«

Doch siehe, es wagt sich kein Mensch mir zu nahen,
Hingegen zerfleischen sich selber die Horden,
Fürwahr, nie war klarer, daß Wunder geschahen,
Als da! Und ich sage: »Glutwogen umborden

Soeben das Ufer vom riesgen Nordmeere:
Und seht, eure Leiber durchgischtet die Geilheit
Der prachtvollen Wabe: hier wirft alles Hehre
Aus sich einen Rauschschaum und prallt vor der Steilheit

Der Wasserwand abermals einwärts ins Glutmeer
Der schrecklich erregten, gehetzten Volksseele:
Und bald wißt ihr niemand, vor furchtbarer Wut, mehr
Was gut sei zu glauben und recht zu erwählen.

Es kam einst durch Erdbraus der Stamm der Ägypter,
Aus Westen, herübergeschleudert: und Isis
Ward damals schon tief aus der Glut umgekippter
Felsriesen, im Krampfaugenblicke der Krisis

Und Volksgottkatharsis, samt Chnum aufgelesen:
Doch schwand sie bald wabebang hin: selbst in Theben,
Dem Glutursprung näher, verstand man ihr Wesen
Kaum mehr als im Delta, nach jenem Erbeben.

Doch als Indias Wabe das Niltal erfaßte
(Der Tag kam auch da, in sein Lichtsein zu schauen!),
Da saht ihr, daß Ra, Ptah samt Amon erblaßte
Und suchtet aus Glut Pyramiden zu bauen.

Der Stammarts-Erinnrung ist Isis entstiegen,
Und wiederum ward sie in Tempeln gefeiert:
Und alle die Weiber, die tanzend sich wiegen,
Ob nackt, ob in Purpur, ob lieblich verschleiert,

Sind heute die Priesterschaft dieser Brunstfürstin!
Ihr opfert die Griechin: die Christin hingegen
Sucht Jesum und ruft schrill, es dürst ihn
Nach leiblicher Liebe, und will sich aufregen!

Doch ist solche Wildheit ein Branden von Gluten,
Bald wird sich Rausch jenseits des Meeres zerstreuen,
Das Urfeuer nimmer aus Märtyrern bluten,
Der Heiland sich drüben des Sieges erfreuen!«

»O sage,« fällt Papias mir rasch in die Rede,
»Hat Ino von Thalamae solches verraten?
Ich gebe nicht viel auf ihr Tempelgerede!
Verplapperte Isis den Zweck ihrer Taten,

Gestand dir Vulkan seine tückischen Ränke?
Du hast wohl in Memphis im Tempel geschlafen!
Dort träumt einem oftmals, für Opfergeschenke,
Im Arme der Gottheit, von furchtbaren Strafen,

Mit denen die Nemesis jeden Feind züchtigt
Doch glaube nicht dran, das tun dumpfe Theurgen:
Ich kenn einen Magierschlund, tief und berüchtigt,
Dort zeigte mir Simon sein Weib in zehn Burgen!«

Gar traurig sagt Papias dann weiter: »Erfahre,
Auch ich bin dereinst fromm und Bischof gewesen
Und lag für die Christen schon starr auf der Bahre,
Doch konnt ich durch Simon noch einmal genesen.

Dann ward ich gar heimlich ins Niltal getragen
Und hörte von Simon, was Christus bedeute;
Dann fing ich an, selbst meinen Geist zu befragen,
Und was ich ergrübelte, glaub ich noch heute.

Es sucht sich, was liebt, fest zusammen zu halten,
Doch Wachstum zum Lichte bedingt die Askese:
Man soll sich ins Dasein voll Brunst lauter schalten,
Denn bloß die Enthaltsamkeit schafft die Auslese.

Doch wisse, das Feuer, das Christum erzeugte,
Strahlt heute urheiter ins Antlitz des Lichtes:
Der Fluch, der das Weib vor dem Mann herabbeugte,
Verblich mit dem Schimpf unsres Liebesverzichtes.

Die Kette der Liebe ist wieder geschlossen:
Das Weib kann die Gottheit im Manne berühren,
Schon ists durch den Heiland zu ihm aufgeschossen
Und darf auch, aus Liebe, um Seelenlust küren.

Das Licht und die Erde sind freundlich verbunden:
Der Mann wird das Satansweib schamfrei umfangen,
Denn wahrlich, die Schlange ward frei überwunden,
Jetzt darf jeder Engel an Jahves Hals hangen.

Die sinnliche Liebe bleibt himmlisch gereinigt:
Das Fleisch ist dereinst von den Toten erstanden,
Denn Sünde und Tod, schon seit Adam vereinigt,
Entknotet die Heilkunst aus teuflischen Banden.

Der Gott, der im Manne die Erde beschreitet,
Hat sanft durch den Sohn seine Frau angezogen:
Der Sohn ist der Phallus, und sieh, ihn begleitet
Das Weib, das uns brünstig um Eden betrogen!«

»Es lebe der Phallus!« beginnen im Chore
Die Weiber zu singen: »Nicht sind wir vernünftig,
Wir dienen dem Phallus, als Fallmeteore,
Es lebe der Phallus, nur er herrscht zukünftig!

Wir loben den Sohn des lebendigen Gottes,
Das Glied, das uns süß mit dem Manne vereinigt,
Wir führen ein frommes, gottseliges, flottes
Brunstdasein, und wer uns bedroht, wird gesteinigt!

Wir feiern die Nacht, da der Heilstern erschienen,
Wir lieben die Sterne, die zitternd ersterben,
Wir gleichen den blumenumschwärmenden Bienen
Und wollen um Wollust und Schlummerwohl werben.

Wir wirbeln, dem Winde gleich, wild um uns selber,
Wir baun in die Mitte die Sehnsuchtsaltare,
Und packt uns ein Schwindel, durchzuckt uns ein gelber
Brunstfunke, damit sich die Lust offenbare,

So fallen wir Mädchen, wie Schnuppen, ins Dunkel
Der männlichen Seelen: und nachtschwarze Haare
Bedecken die Leiber, ein Seelengefunkel
Und endloses Küssen vereinigt die Paare!«

»Ihr Weiber, ihr Weiber!« beginn ich mit Strenge,
»Ihr dürft nicht den Heiland mit Isis verwechseln,
Aus Jesu strömt Freiheit und keine Brunstenge,
Ihr Hexen laßt nimmer das Zapfenkreuz drechseln.

Hinweg mit den Kapseln und Abraxasgemmen.
Ihr seid nur des Bacchus verruchte Mänaden.
Wohl ists meine Pflicht, eure Unzucht zu hemmen,
Um nicht Christi Fluch auf uns Büßer zu laden.

Und du, alter Papias, verlotterter Schwärmer,
Ich habe noch nie dumpf bei Götzen gelungert
Und bin doch an Ehrfurcht, an Einsicht nicht ärmer
Als du und wer schwärmend nach Weltweisheit hungert.

Du weißt wohl, der Heiland braucht keine Asketen
Und haßt die gewaltsamen Brunsteruptionen.
Das Fleisch ist ihm gleich: der Tod kanns zertreten:
So frönt ihm, vermögt ihrs, die Seele zu schonen!

Doch seid ihr ihm ähnlich, fast brunstfrei geboren,
Gelingt es euch leichter, den Geist zu ernähren,
Doch heillos für Gott, tief dem Ur-Ich verloren,
Sind Seelen, die niemals ihr Selbstfremd begehren.

Ihr weilt ohne Zeit, euch als Wesen zu halten,
Ihr dürft, was euch eigen ist, ewig durchfühlen:
Drum trachten die Jahre, das Gut zu verwalten,
Und laßt nicht die Wünsche im Wechselspiel wühlen.

Das Weib ist gerettet! Doch ernster und schwerer
Bleibt Freienden noch seine Seelenerhaltung.
Verrucht ist der Leichtsinn: drum Weib, der Verklärer
Erwartet von dir geistentsteilte Leibspaltung.

Vergeßt nicht, Jehova wird ragend noch strenger,
Doch hold durch die Liebe des Sohnes gemildert,
Ihr selbst wärt gewiß froh die ersten Anfänger
Des Menschensohnreiches, und seid schon verwildert!

Ich weiß wohl: die Wabe in euch schäumt zu kräftig
Empor, um die Gnade von Jahve zu fassen,
Hier brandet das Feuer aus Indien gar heftig
Und muß schal, statt Gott zu umarmen, erst prassen!«

 

        J etzt scheint ein Tumult ringsumher zu entstehen.
Ich greife zum Schwert, um mich leibhaft zu wehren.
Doch mag sich der Tanz um Entschwundenes drehen,
Denn alles fängt an, sich im Ruck umzukehren.

Ich sehe im Freudenkreis lichtblaue Schatten,
Dann nackte Gestalten, mit Schlangenglastfackeln.
Was schleicht da herbei? Ach, das sind Wasserratten!
Was gibts da? Der Mastenwald fängt an zu wackeln.

Jetzt faß ichs: der Mob will die Christinnen rauben.
Schon hör ich die Weiber und Fleischräuber kreischen.
Wohl mag mancher Mann eine Jungfrau aufklauben
Und glaubt dreist, er darf seine Helena heischen!

Ich lasse den Menschenknäul raufen und pfauchen:
Die Wut wilder Weiber wird stumm und auch schneller
In fremden und kälteren Ländern verrauchen:
Ich bin ja doch selbst solcher These Aufsteller.

So bleibe ich da und beschau mit Behagen
Das spaßhafte Schauspiel der raufenden Frauen,
In tausend Bauchlagen und auch Unterlagen,
Die schnaubend mit Fäusten aufs Räuberpack hauen.

Doch fängt ihre Wut langsam an zu verschnaufen.
Ich merke es rasch an den lüsternen Mienen.
Jetzt scheinen die lichtblauen Mäntel und Haufen
Von Leibern wie Wellen im Spiel mit Delphinen.

Das fletscht und verschlängelt sich hin zu den Schiffen.
Und alte Mänaden, die niemand bedrohte,
Entschließen sich rasch zu Gewaltübergriffen
Und packen Epheben und stürmen die Boote.

Schon treiben bewimpelte Schiffe am Meere,
Und Glastleiber flimmern, ein Spuk, auf den Masten!
Wo weilen im Hafen die Wächter zur Wehre?
Das Räubervolk braucht nicht auf Molen zu hasten.

Jetzt sind wohl die Barken schon tauentzäumt draußen.
Gar wunderbar glitzern die bunten Schiffslichter.
Ich höre auch stilleher Seebrandungsrauschen,
Denn weg ist das schrill aufgeregte Gelichter.

Gar prächtig und grell freun mich Maststernentänze.
Ich träume mit ihnen, ein ferner Beschauer!
Doch fort sind auch bald alle Sträuße und Kränze,
Nur dort glimmt, o Schauer, gestirnt der Kentauer!

 

        N un stürmen aufjauchzende Jünglinge wütend,
In nilgrünen Hüllen, hinüber zur Düne:
Nur einer hat Glück, einen Schützling behütend,
Verwünscht er die Flüchtlinge, kündigt er Sühne

Und furchtbare Strafen für alle Schrecktaten
Dem Schiffervolk an, das die Frauen fortraffte.
Die anderen fangen jetzt an zu beraten,
Obs Zauberkraft gibt, die Barken rasch schaffte.

Wer zweifelt, beginnt dreist auf Christum zu schimpfen
Und schreit, er sei schuld, wenn das Diebsvolk verrohte,
Und würden die unzüchtgen, flüchtigen Nymphen
Nicht wieder zurückkehren, gäbs Christentote!

Ein Wunder geschieht: Haufen heidnischer Weiber
Entspringen Bordellen, Brautzimmern, Kemnaten,
Und geißeln sich selbst und die bleichen Zutreiber,
Aus Wut auch die Gatten, zum Schlusse Soldaten.

»O Weihnachten, Weihnachten,« kreischen sie heiser,
»Dem Heilande sind wir in Urlust ergeben!«
Jetzt naht aus dem Tempel Serapis' ein Weiser
Und sucht die Besessenheit klug zu beheben.

Schon stürzt sich ihm Papias, verrückt fast, entgegen
Und schreit: »Môab, Agok und Ackhab, Phalaris,
Ich traue dir nicht, denn du nährst dich vom Regen:
Bekränz dich mit Reben: an unserm Altar iß!

Nur dann kann ich glauben, was du prophezeitest,
Es müsse das Kreuz, unten ferne im Süden
(Wahrscheinlich weil du die Kabale bereitest),
Dahinschwindend leuchten und endlich ermüden.«

Da lachen die Weiber im Chore und singen:
»Für uns ist der Heiland am Kreuze gestorben,
Nie wird dir ein steileres Wunder gelingen,
Drum wirst du auch nie wie einst Jesus umworben.

Der Heiland verzieh unsre fleischlichen Sünden,
Er liebte das Weib, das die Ehe gebrochen,
Er ließ durch Maria sein Mildsein verkünden,
Erlaubte auch keiner, auf Keuschheit zu pochen!«

Jetzt schwingt wild der Magier den Stab der Beschwörung
Und sagt: »Durch die Kraft dieser klaren Smaragde
Erlöse ich euch von des Juden Betörung,
Den damals auf Golgatha Todesangst packte!«

Da schreien die Weiber, als wären sie eine:
»Es sagte der Heiland, zum Vater gewendet:
Dein Wille geschehe, o Herr, nicht der meine!«
Da denkt sich der Heide: Wer hat sie verblendet?

Dann ruft er: »Im Namen von Dis und Diana,
Durch Jupiter Stygius, Erhalter der Geister,
Erscheine vor mir, Apollon von Tyana:
O Göttin der Nacht, zeige gleich meinen Meister!«

»Was rufst du mich, Priester des Jovis Serapis?«
Durchdringt eine Stimme die zitternde Menge.
»Du halbe Gestalt, du Vernunft nur vom Apis,
Was wärest du ohne die Stiernabelstränge?

Du hängst ja an ihm, du gespaltner Kentauer,
Und wagst es alleine, den Christ zu besiegen,
Ich kauerte lange im Volk, auf der Lauer
(Man kann es bezeugen), im Saus herzufliegen!«

Kaum zeigt sich der Greis unter uns, auf dem Plane,
So kreischt auch schon Papias: »Ich weiß, prima vista,
Durch Christum und Christam (ich sprech nicht im Wahne),
Du bist Adonai und Merkur Trismegista.

Abraxas, Kaulaka, das bist du, das krächz ich,
Du selbst und der Priester betrügst niederträchtig,
Sechshundert ist jener und du sechsundsechzig,
Nun, Astaroth, hast du es ab! Und nun räch dich!«

Da singen die Weiber und treten uns näher:
»Wahrhaftig, der Heiland vollbrachte acht Wunder,
Auch heut gab er Manna für uns Manichäer,
Sein Blut wurde Glut, und wir alle sind Zunder!

Drum sollt ihr ihn preisen, euch frei um ihn scharen,
Doch Luzifer nimmer, noch Jupiter dienen;
Nun möchten wir gerne von Isis erfahren:
Drum sprich, Apollonius, wie bist du erschienen?«

»Das war Goëtie!« sagt nun rasch der Befragte,
»Die hilft mir aus Zeit und aus Erdkreisbezirken,
Just kam ich aus Ländern, wo eben es tagte!«
Dann lispelt er listig: »Der Stier wird gleich wirken!«

Drauf wird er von Papias voll Wut unterbrochen:
»Nach Mitternacht ist ein Komet wohl erschienen,
Der hat allen hier in die Augen gestochen,
Wir blickten empor mit verwunderten Mienen,

Doch wars nicht die Sonne, verächtlicher Schmäher!
Zwar wird sich gar bald unsre Weltnacht erhellen,
Dann leuchtet das Lamm, und wir treten ihm näher,
Doch dich mag ein Engel in Satans Schlund schnellen.

Die Nacht ist nur einmal am Tag angebrochen,
Das war, als der Heiland am Kreuze erblaßte,
Da haben die Felsen die Untat besprochen,
Ich sah, wie die Bäume ein Schüttelfrost faßte.

Ich sah, wie sie plötzlich die Seele verhauchten,
Um nackt, wie das Kreuz, in das Dunkel zu ragen:
Fürwahr, die Dryaden und Faune verpfauchten,
Wahrhaftig, aus Jesu allein wird es tagen!«

Da singen die Weiber: »Für dich Hierophanten
Ists eigen, die armen Dryaden zu hassen,
Für alle, die Simon und Helena kannten,
Mags wahrhaft nicht leicht sein, dein Wesen zu fassen.

Der Wind ist vom Himmel herniedergestiegen:
Zwei Füllhörner haben ihn ganz ausgegossen,
Man sah weiße Wolken vom Jordan auffliegen,
Die haben den Jesusberg plötzlich umschlossen.

Wohl schien eine Grotte das Kreuz zu umstarren,
Denn dort war die holde Weltmystik vereinigt,
Man sah, ohne Atem, das Drama beharren:
Dann plötzlich war jeder im Weltall gereinigt!«

Nun ruft Apollonius: »Warum, Simoniten,
Ist Jesus allein vor den Juden erstanden?
Ich selbst spreche hier und zugleich in Gebieten,
In denen soeben zwei Erzgötter landen.

Die Füllhörner aber, die Simon gesehen,
Sind jene, die Könige häufig gewahren;
Sie können zumal in Ägypten erstehen
Und scheinen die Stadt vor Gefahr zu bewahren.

Ein solches entragte der Erde am Tage,
Da Prinz Alexander das Weltlicht erblickte,
Genau in entgegengesetzter Strandlage
Entflammte der Brand, der Diana erstickte.«

Nun sage ich selber: »Ihr seht nur das Leuchten
Der äußeren Ringungen irdischen Waltens,
Doch menschhafter will es mir wahrhaftig deuchten,
Den Weltgrund des ethischen Menschenverhaltens

Genau zu durchschauen und sittlich zu streben:
O seht, diese Weiber, die niemand belehrte,
Verkünden den Heiland und kennen sein Leben,
Fürwahr das ist wunderbar: folgt dieser Fährte!

Die Welt muß sich selbst durch den Tod überwinden,
Der Geist wird allein ohne Ende bestehen:
Was starr bleibt, soll einstmals entsinnlicht verschwinden,
Was aufwächst, mag langsam zu Gott übergehen.

Die Pflanzen versuchen bereits auszuhauchen,
Doch kann nur das Sinnbild in Eden bestehen,
Die Tiere, die bloß als Versuche enttauchen,
Läßt Gott in den einzelnen Menschen aufgehen.

Die alten Barbaren, bei denen die Sinne
Beinahe die vollste Gefühlswelt erwühlen,
Sind selten vortrefflich für himmlische Minne,
Drum muß sie der Trubel der Rassen durchspülen.

Ein Wink nur aus ihnen kann Gott sanft erfassen,
Doch wird alte Artung ihr Nachgeschlecht retten,
Jetzt will dieses Meer uns nicht weiterziehn lassen,
Drum zerren die Seelen an Fleisch und Skeletten!

Die Trennung ist lange im Geist vorbereitet,
Doch nun will der Geist seine Raumfesseln sprengen,
Und da unser Leib nicht im Kinde fortschreitet,
So muß, was sich schuf, sich aus Zeitrhythmen engen.

Ein großer Versuch, ohne Kinder zu zeugen,
Sich selbst durchzusetzen, ist wahrlich gelungen:
Vor Christi Geburt muß die Menschheit sich beugen,
Da hat unser Meer Asiens Wüste bezwungen.

Fürwahr, was wir alle in uns hehr empfinden,
Ist Heiliger Geist und wird bald herrlich siegen:
Die Dinge, die wirksam im Sinn sich verbinden,
Sind stumm dazu da, vor dem Geist zu verfliegen.

Wie ehern aus Sonne das sterbliche Wesen,
Im wirksamen Ich, seine Sonne umklammert,
Von Reichtum und Sünde, vom Tod zu genesen,
Die schlecht, daß der Geist ob der Niedertracht jammert.

Was frei schon, wie Christus, am Weltschöpfer haftet,
Das wird seinen Leib außer sich faulen sehen:
Ihr Weiber, was froh ihr dem Fleische entrafftet,
Das Wunder in euch, wird ins Lichtreich eingehen.

Das Göttliche hielt sich in Wasser und Wabe,
Als Seele im Heiligen Geist fortzuleben.
O seht, seine herrlichste, himmlische Gabe,
Den Heiland, der Geist hat ihn uns hold gegeben.

O seht, dieses riesige Meer ist der Speicher
Des Geistes und Deich des Fleischpfades,
Es macht unser Dasein begeisterter, reicher
Und schwellt unsre Seelen hervor aus dem Hades.

Es kann uns wie Nebel zum Lichte erheben!
O hört, wie es brandet: es möchte uns taufen!
O hört doch: es singt uns vom ewigen Leben!
O seht, wie die Salzschäume laut niedertraufen.

Das Meer, dem die Wellen sich weit überlaufen,
Das rastlos, unendlich Urasien umbrandet,
Das aufprallt, als schrie es: wo sind denn die Haufen
Zum Taufen, die fiebernd und satt hier gestrandet?

Das Meer da, das ward eine machtvolle Taube,
Die hat eine Jungfrau in Reinheit geschwängert:
Das Meer und die Wabe in uns sind der Glaube,
Aus dem unsre Einsicht zu Gott sich erlängert!«

»Wahrhaftig!« sagt Papias: »Das war eine wahre
Erhabene Jungfrau, die Jesum geboren.
O laßt, daß ich das, was ich sah, offenbare,
O horcht doch, wozu hätten Menschen sonst Ohren!

Ich war in Bethanien: da winkte vom Himmel
Ein leiblicher Stern, den ich niemals gesehen!
Im Traume erschien mir der herrlichste Schimmel,
Da war ich entschlossen, auf Wallfahrt zu gehen.

Ich pflegte am Wege Gespräche mit Leuten,
Die staunend die Pilger ums Wunder befrugen,
Denn Magier erschienen, das Zeichen zu deuten,
Und einige sah ich, die Weihbecken trugen.

Und als ich im Finstern zur Stelle gewesen,
Betrat ich den Stall mit der Wanderlaterne
Und sah, wo die Jungfrau des Kindes genesen,
Ein eigenes Zwielicht und Spiel winzger Sterne.

Der Herr war verschnürt: ganz in Windeln gewickelt,
Und glich einer Mumie. Die furchtbare Mutter
Durchschaute mich huldvoll. Wie hat das geprickelt:
Da gab ich verlegen dem Maultiere Futter.

Die Gänsehaut hatte mich ganz überlaufen.
Ich konnte nicht länger beim Christuskind bleiben.
Es trieb mich hinaus zum gewohnten Volkshaufen:
Noch konnte ich niemand das Große beschreiben.

Ich weiß wohl genau: ich gewahrte die Nase,
Die Ohren der Jungfrau, ganz frei von Gehängen:
Ihr Blick aber brachte mich so in Ekstase,
Daß edle Geschmeide ihr Traumbild umdrängen!«

»Heil Weihnachten, Weihnachten!« singen die Weiber:
»Der Heiland sei heute auf Erden gefeiert,
Gelobt seist du Papias, du Heilbotschaftsschreiber,
Du hast uns das Weibheitsgeheimnis entschleiert.

Das Christkind ist selbst in Ägypten gewesen,
Nur wenige haben es damals gesehen,
Doch hab ich die Schrift eines Priesters gelesen,
Der sah die Familie am Nilstrande gehen.

Des Nachts schliefen Mutter und Kind unter Palmen.
Stets waren die Bäume von Sternen durchleuchtet.
Der Vater bedeckte das Kind sanft mit Halmen,
Sonst hätte der Tau es am Morgen befeuchtet.

Heil Weihnachten, Weihnachten! wollen wir singen,
Das Weib und das Fleisch hat der Heiland gerettet,
Wir selbst werden Gottes Befreiung vollbringen:
Er träumt noch, in schreckhafte Seelen gebettet!«

Nun spricht Apollonius: »So laßt mich doch sprechen,
Zu lange schon haben die Christen gewettert,
Und wär ich nicht da, unsre Gottheit zu rächen,
So hätte euch Jupiters Arm schon zerschmettert.

Ihr Frauen zumal seid verführt und verblendet,
Nie hat euch ein Magier am Jordan gerettet,
Hingegen die Isis fürs Weib sich verwendet:
Vom Staat Alexandria seid ihr gerettet.

Kein Theraphim ist zu euch niedergestiegen.
Der Kampf war gewaltig. Es gab viele Tote.
Kleopatra konnte die Mannheit besiegen:
Ihr nennt sie, im Volksmunde, heute die Rote.

Zu Hathor blickt auf, zu der Totenumworbnen!
Sie trägt auf dem Kopfe die Sonne mit Hörnern,
Das sind Loderseelen der leiblich Verstorbnen:
Als Áur ersteht sie urewig, aus Körnern.

Ihr Ododem sprengt alle Samen und Eier.
Sie ist das Mysterium der Weltphiladelphen.
Sie spinnt Isis' sinneverwirrenden Schleier
Und will euch zum Rechte der Weiblichkeit helfen.

Als Arrinoë überwand sie die Feindschaft
Der beiden Geschlechter und liebt ihren Bruder:
Seitdem das Geschwisterpaar Leben vereint schafft,
Beruft es beruhigt das Weib ans Staatsruder.

Auch trinkt jetzt der König die Milch seiner Schwester,
Wie diese den Samen des Bruders empfangen:
Der Nilfürsten Doppelreifkrone sitzt fester,
Seitdem auch die Weiber zur Herrschaft gelangen.

Ihr Weiber, fürwahr euer Undank ist gräßlich!
Ihr folgt jenem Mann, der die Fleischlust anklagte,
Der selbst seine Mutter, als wär es nicht päßlich,
Auch sie einzuladen, vom Festmahl wegjagte.

Bei Gott, ihr versteht nicht den Bau der Geschichte:
Ihr glaubt eitlen Gauklern und dreisten Aufrührern,
Doch Isis geht bald mit der Welt zu Gerichte,
Dann stürzt sie euch, samt euren keuschen Verführern!«

»Daduchas, du mußt unser Unglück verhüten!«
Beschwören die Weiber den heidnischen Meister.
»Du magst gegen Priester und Aufrührer wüten,
Doch uns zeig die Macht deiner schwirrenden Geister.

Es sollen die Toten Serapis' auftauchen,
Den Weibern, im Krieg um die Herrschaft, zu dienen:
Wir können sie gegen die Christen gut brauchen:
Ist Jesus nicht irgendwo plötzlich erschienen?

Du Licht der Hermetik, wir wollen dir glauben,
Doch lasse uns früher zu Weihnachten taufen,
Du darfst mich der Festtage nimmer berauben,
Man liebt es sogar, andre Namen zu kaufen!«

»So fahret denn hin, ihr verlorenen Seelen!«
Beginn ich, gefaßt, zu der Menge zu sprechen:
»Ihr mögt euch, der Königin gleich, Namen wählen,
Der Haremsgeist fängt wieder an auszubrechen.

Nie wird euch der Priester zur Lichtheimat weihen,
Da bald tiefste Geister Ägyptens entweichen,
Ich selbst will das Weib aus dem Kerker befreien
Und werde dereinst euch die Manneshand reichen.

Erfahret jedoch: Gott verpönt die Kabale,
Nur unreine Geister umflattern Erdleiber:
Das Fatum steht da, und die Zukunftssignale
Gibt Gott, wann er will, durch prophetische Schreiber.

Ein Brand wird das alte Serapium wegraffen,
Denn tot ist die große Gelehrtenmethodik,
Die Menschheit sei frei und soll unbewußt schaffen.
Das Buch vom Geschicke, und sei's auch noch so dick

Als jenes der zehn urgeschiednen Sibyllen,
Ist wert, daß die Wutglut von Gott es versenge.
Diktiert ist dergleichen vom garstigen Willen,
Sich selbst zu verachten und stets auf die Strenge

Der Weltallgesetze die eigenen Fehler
Und selbst unsre Schuld, da zu sein, abzuwälzen.
Ich selbst bin ein Wunder und Normenvermähler,
Doch ihr seht Mirakel bei Magiern auf Stelzen!

Mein Tag ist ein Kunstwerk, das manches bedeutet,
Das Wissen von jenen hingegen ist Fläche,
Ein Götze, der alle fünf Jahre sich häutet,
Wo ich hart im Gegensatz weltum absteche.

Ich spreche gar klar: ich bekenne die Geister
Und glaube an Gott und das ewige Leben,
Doch sagt nie die Zunge: so ist er und heißt er,
Ich will mich nur wirksam zum Ursprung erheben.

Mein Weltgesicht wird aber später ein Weiser,
Als Gleichnis bestimmend, verstehen und deuten:
Fürwahr, als den umsichtgen Zeitfelsbereiser,
Bewegt die Vernunft mich, die Glocken zu läuten.

Ich fliege auf Strahlen des Lichtergeheißes,
In mir, zu mir selber zurück oder weiter,
Denn was meine Inbrunst bewältigt, wer weiß es?
Mich selbst aber stimmt dieser Urlichttrieb heiter!«

»So trachte denn du, die Natur nachzuahmen,
Die kann sich Gott selbst atheistisch auslegen!«
Erwidert der Magier. »Ich will nicht erlahmen,
Durch Geister den christlichen Sinn auszufegen.

Ihr schreitet wohl fort: stets in Torkelquadraten
Bewegt euer Geist sich, dem Leibe gleich, weiter,
Das kann mir zwar klar eure Mannheit verraten,
Doch langweilig wird mir seit einst diese Leiter.

Es drängt euch stets, einzeln für alle zu handeln,
Bedenkt dieses Wort, denn auch das ist quadratisch:
Ich selbst bin genialer und will nur lustwandeln
Und diene dem Volk weder laut noch asthmatisch.

Mein Wesen ist voll einem Kreis eingeschrieben.
Ich geh nicht bedacht, denn ich fahr durch das Leben.
Ich will nicht mein Werkzeug nach rechts und links schieben:
Ich kann mich auf Blasen ins Traumreich erheben.

Mein Wesen besiegt, wie ihr seht, leicht die Weiber,
Die sind ja zum Rollen am besten geschaffen.
Zwar bin ich ein Gaukler, ein Kunstübertreiber,
Dafür aber mag mancher Mensch mich begaffen.

Ich fang meinen Anhang an laut zu verhöhnen:
Das schadet mir nichts, denn ich kann etwas bieten:
Das Weiberpack mag sich auch daran gewöhnen:
Nun staunt, denn die Kirche geht rasch aus den Nieten!«

 

        E s zeigt sich jetzt Apammon selbst auf dem Platze.
Der Herr Alexandrias trägt goldne Kleider.
Es folgt ihm, zum Schutz, eine riesige Katze,
Und neben ihm schreiten die Staatshalsabschneider.

Da sagt Apollonius: »Nach Osten, von Westen,
Wie einst Alexander, der Sonne entgegen,
Ziehn weise Monarchen, dann stürmen sie Festen:
Auch Apammon scheint solcher Sitte zu pflegen!

Er wird sich zum Sonnentorrichtplatze wenden.
Das Od, das nach Westen drängt, wühlt er wie Krumen
In Goldwirbeln auf, und es muß ihm Glück spenden,
Und überall blühn ihm am Weg Ruhmesblumen.

Auch Cäsar war groß, als er ostwärts Krieg führte.
Sein Spießbürgerfeldzug in Gallien war peinlich.
Doch als er Kleopatra selbstherrlich kürte,
Da gabs kein Lateinertum! Gar nichts war kleinlich!

Ich liebe die Geister der Großen auf Erden:
Ich bin bloß ein guter Theurg, und ich sagte,
Ich sei auch ein Magier und habe die Herden
Sofort angezogen, denn niemand noch wagte

Der Macht Demiurgos' entgegen zu treten!
Dafür aber geb ich ein Schauspiel wie keines:
Da kommt schon der Apis mit Priestern, die beten:
Nun faßt die Gewalt dieses Wesenvereines!

Der Apis besitzt abgetrennt sieben Köpfe:
Das sind jene Priester: davon drei Kastraten.
Für sich sind sie alle bescheidene Tröpfe:
Verbunden, beraten sie Apis' Staatstaten.

Wahrhaftig, ein Weltmikrokosmos wie keiner
Geht eben zum Stadtheptastadion spazieren:
Auf Erden ist gar nichts geschlechtsloser, reiner,
Als hier die Vernunft von den Tempelzuchtstieren.

Es gleicht das Mysterium hermetischer Ehen
Genau dem Spektakel der Stierpriesterzwitter,
Wohl darf sich ein Weib hier mit Buhlen versehen,
Doch hatte sie stets, ist sie tot, ihren Ritter!

Drum, Weiber, herbei und vermählt euch Soldaten,
Und Bursche, von mir knapp im Bann festgehalten,
Herbei nur, herbei, denn der Plan ist geraten!
Kein Blut ist geflossen! Der Feind ist zerspalten!

Nun also, nur munter den Stierleib vertreten!
Ihr werdet noch Jungfrauen, gleich Bereniken:
Im Hades versteht ihr die Anachoreten
Und werdet wie diese recht zimperlich quieken.«

»Heil dir Berenike, Anassa, du Keusche!«
So höre ich Stimmen im Apiszug singen.
Dem Hymnus verschwistern sich Liebesgeräusche,
Die rings aus den Türen und Strandbüschen dringen.

»Zur Bühne, zur Bühne, herüber zur Bühne!«
So hör ich den Magier noch herrschhafter zetern:
»Daß niemand sich heute zu fehlen erkühne,
Ich selber gehöre zu Hadesvertretern.

Rhaeotis und Bruchum, vertauscht die Bewohner:
So wirf, Mareotis-See, Aale und Fische
Hinüber ins Mittelmeer, statt monotoner
Sumpfmuscheln bekommst du dann feuchte und frische!«

Wahrhaftig, gar prachtvolle Schlangen umzischen
Die Lüfte. Zwei Füllhörner schütteln Lichtblüten
Und Sprühbüschel nieder. Und wie sie erlischen,
Entstülpen sich glühende Überflußtüten.

Da lachen die Weiber und sagen: »Soldaten,
Der Sieg der Serapis ist groß und vollständig,
So macht es mit uns, wie zuvor die Piraten,
O tragt uns nach Hause, wir freun uns unbändig!«

Da klatscht Apollonius und schreit sich fast heiser:
»Herbei, geile Weiber, wohl warten die Buhlen
Und führen euch heim, wie es Zeus und der Kaiser
Befehlen, wozu gäb es sonst Venusschulen.

O, seht nur das Schauspiel der Glanzakrobaten.
Die Schlangen Serapis' umklettern Glastmasten.
Da platzen auf einmal achttausend Granaten.
Das ist ein Mirakel: was trägt diese Lasten?

Heil Apis, entführe die weibliche Seele:
Noch mögen die sieben Vernunftteile warten,
Bis jedem sich eine im Himmel vermähle,
Für jetzt scheint das Jungferntum arg zu entarten!«

Ein prachtvolles Schaustück entzückt meine Blicke:
Auf Flammengerüsten, zur Rechten und Linken,
Steht beiderseits Atlas, die Welt im Genicke,
Vulkan aber scheint durch die Wabe zu hinken.

Der Zerberus will sich ins Mittelfeld stellen
Und fängt flammenschnaubend an, Brand anzufachen.
Ich höre ihn plötzlich aufgellen, laut bellen,
Und drauf, als das Echo, der Weiber Brunstlachen.

Nun huschen Glastpanther im Nu von den Masten:
Panisken erklettern sie rasch wie Eichkätzchen.
Vom Himmel herab fallen blasse Glastquasten.
Und Affen am Seil machen Spiele und Mätzchen.

»Fürwahr, Alexandria kann etwas bieten!«
Vernehm ich die Stimme des Magiers, noch einmal:
»Die Götter sind riesig als Wahrheit und Mythen
Und reicher ihr Festtisch, o Jesus, als dein Mahl!

Das Wappen der Stadt kann sich prachtvoll behaupten:
Der Adler, der helle Verstand, hält Blitzschlangen,
Die einst die Titanen dem Lichtherrscher raubten,
Jetzt wieder mit mächtigen Krallen umfangen!

Das ist unsre Sonnenvernunft, im Besitze
Des stygischen Lichtes: Gespenstergewitter
Entknistern aus jeglicher Isisfelsritze.
Uranus entzischt, unser Adlerlurchzwitter.

Der furchtbare Fluch auf das Dasein verflüchtet.
Den Werdesturzspalt kann Vulkan überwinden.
Ich selbst, der den Spuk der Hekate gezüchtet,
Kann jetzt und für immer vom Delta verschwinden!«

Gar prachtvolle, schlanke Mänadengestalten
Erhalten sich schwindelfrei über Gerüsten,
Licht-Ibisse schlitzen die Glanzgewandfalten,
Und Flimmermilch sprüht aus den üppigen Brüsten.

Nun tragen gewandte und ganz nackte Knaben,
In Körben, rings Purpurglutäpfel zu Frauen,
Und diese verteilen die schaumreifen Gaben
Den Erdengestalten, die starr hinaufschauen.

Unglaubhafte Vögel umflattern die Stangen,
Auf denen die gelben Gesellschaften stehen.
Sie haben Gesichter mit Fieberwahnwangen
Und scheinen sich immer mechanisch zu drehen.

Das Licht dieser wechselnden Feuerwerkszene
Verdunkelt im Hintergrund alle Sternbilder,
Nur eines besiegt auch die Flammenfontäne:
Der Herkules glüht trotz der Riesenlichtschilder!

 

        B eständig verfärben sich jetzt die Seiltänzer.
Nur einige Luftturner schwenken Prachtfackeln.
Wo sind die geschwänzten Ringsumsichscherwenzer?
Da fängt schon ein Flammengerüst an zu wackeln.

Die Masse um mich ist apathisch geworden;
Die Weiber allein wollen Lustlieder lallen.
Sie sind nun schon schwach in die Hände von Horden
Von Schiffern, Soldaten und andern gefallen.

Die Springkinder machen dort hoch Purzelbäume:
Und blendende, lebende Schwebekulissen,
Mit Männern auf Recken, bewegen die Träume
Der Dusler, die huckend den Schlummer vermissen.

Gar mancher liegt scheintot, in Ohnmacht am Damme
Und läßt sich von keinen Erschrecknissen wecken,
Im Halbschlaf platscht einer im Brackwasserschlamme,
Und immer noch siehst du sich andre ausstrecken.

Was mag mit dem Papias, im Grunde der Dinge,
Geschehn sein? O seht, er ist gänzlich verwandelt!
Es ist wohl, als ob er nun langsam verginge.
Was hat ihn gepackt, daß er einsam verhandelt?

Er selbst ist ein Strauch, dem die Seele entfahren.
Er sieht dabei geisterhaft aus: unaussprechlich
Erscheinen oft Schemen, die Augen gewahren:
Er dünkt sich dämonisch und ist bloß gebrechlich.

Jetzt braucht mir vor keiner Ermenschung zu bangen:
Apathisch sind alle, nur ich werde stärker.
Bloß Schmachtende starren empor zu den Stangen:
Dort scheint es, die Seele entsprüht ihrem Kerker!

»Du saftige Dattel!« schnalzt Papias ganz nahe
Und schmeckt durch und durch eine Frucht auf der Zunge:
»Du siehst, wie ich Gott in uns allen bejahe,
Denn spuck ich, befreit er sich flugs aus der Lunge.

Verdau ich, so pfaucht er aus meinen Geweiden.
Als Dattel belebt ihn mein schmeckender Gaumen.
Du glücklicher Fruchtgott, jetzt kannst du ausscheiden,
Ich leck dich noch auf, von dem klebrigen Daumen!«

Nun schluckt er und spuckt er und tut wohl zufrieden,
Er glaubt die Weltseele am Schlund zu bekunden:
Nun ist er schon wieder, und diesmal entschieden
Vollständig vom Schauplatz des Daseins verschwunden.

Die Menge entschwirrt mir. Ich bleibe alleine
Und horche voll Lust auf das Wuchten der Wogen.
Nun nahen wohl Weiber im Fackelnachtscheine,
Ich habe sie ungewußt an mich gezogen.

Ich sehe und zähle. Es sind ihrer sieben.
Sie scheinen zu Christum bekehrte Jungfrauen,
Sonst wären sie, aufgezählt, niemals geblieben,
Nun suche ich sprechend ihr goldnes Vertrauen:

»Ihr seid wohl die lieblichen Schwestern und Bräute
Der Kirche, die Jesus für würdig gehalten,
Die Macht der Magie zu entziehen, die heute
Die Christengemeinde so schlundhaft gespalten.

Gesteht eure Zweifel und beichtet die Leiden:
Ich selbst habe heute aus Hochmut gesündigt
Und kann Magierkunst von Brunst unterscheiden,
Zum Priesteramt hat mich der Heiland ermündigt!«

»So sei denn gegrüßt, und gelobt sei der Heiland!«
Erwidern die Weiber einstimmig: »O sage,
Wann kommt Jesus wieder, und wann wird sein Freiland
Der Seele erscheinen, wann schwingt er die Wage?«

»Ihr Weiber denkt nicht an die Zukunft der Dinge,
Erleuchtet euch,« sprech ich, »euch selbst zu erkennen!
Tut Gutes, daß Jesus euch heilhaft durchdringe,
Und trachtet schon da, Leib und Seele zu trennen.

Ihr Schwestern in Christo, o könnt ihrs ertragen
Und seid ihr für Gott, für das Weltheil erkoren?
Ich habe euch furchtbares Kommen zu sagen,
Ihr seid vielleicht bloß für die Marter geboren.

Der Heiland braucht Geister, um endlich hienieden
Der christlichen Kirche den Sieg zu erfechten:
O seht, erst als Märtyrer könnt ihr in Frieden,
Wie Erzengel, freisprechen, ächten und rechten.

Die Seele muß frisch aus dem Glauben enttauchen.
Dann hat sie wohl Kraft, um für Jesum zu streiten,
Ihr müßt, aus dem Marterbett, jenseits auftauchen,
Doch hier schon den Weg der Bekehrung beschreiten.

Ihr Schwestern in Jesu, unsagbare Leiden
Erwarten uns Christen: ich seh euch zum Tode
Geführt, unter furchtbaren Qualen verscheiden:
O Gott, o Gott, schone das Blut vom Synode!«

»Heil Weihnachten, Weihnachten, selige Wonne,
Für Jesum zu sterben!« beginnen die Frauen
Im Chore zu singen: »O Wonne der Nonne,
O Sonne der Toten, o Bronnen der Lauen,

O Jesus, wir wollen für dich alles dulden!
O Gott, der von uns alle Sünden genommen,
O sag, wie viel Tote wir alle dir schulden,
Wir loben dich, Gott, der im Herzen erglommen!«

Nun singe auch ich: »Heil Weihnachten, Weihnachten!
O Gott, wie der Leib deines Sohnes im Schoße
Des Weibes behutsam bewahrt war, so trachten
Wir alle das Lamm sanft vor herbem Verstoße,

Vor Bangen und Sünden in uns zu behüten.
Das Blut deines Herzens, das tief uns durchtränkte,
Die Blüten der Unschuld, die in uns erglühten,
Die Wahrheit, o Herr, die dein Wesen verschenkte,

Wird nie uns des Henkerknechts Blutbeil entreißen.
Noch stärker wird einst unser Glauben im Kerker.
Wir werden dich, selbst im Verlies, noch verheißen,
Wir werden dich preisen: aus Tür und aus Erker

Wird, Heiland, dein Name zum Menschen hindringen.
Und schwarz eingemauert, bekehren wir Steine:
Sie werden uns Antwort der Heiligen bringen,
Dann singen die Toten und wir im Vereine!«

 

        B leich schweben jetzt durchs Heil erhellte Engel stille
Herbei, um hold mein Nachtgesicht zu klären.
Ein Friede quillt aus blauer englischer Pupille,
Und Christi Schmerzen spiegeln sich in ihren Zähren.

Sie stehn, so fern mein Staunen reicht, in bleichen Reihen,
Wie Pfeiler einer Nebelkirche streng beisammen.
Die stolzern scheinen weiche Scheine zu beschneien,
Bei andern mag das Licht vom eignen Herzen stammen.

Die weißen Engel bringen frische Stengellilien
Von Himmelswiesen für die keuschen Kinderseelen
Und singen lieblich ihre Hymne an Cäcilien,
Die zartern tragen Prachtzibarien voll Juwelen.

Ein goldner Pollenstrom entflockt aus allen Kelchen,
Und aus den Erzgefäßen nebeln Glitzertränen.
Nach welchen Tütenblüten oder Wehmutsquellchen
Der Schicksalsschalen darf sich bang die Seele sehnen?

Ich ahn es kaum und darf kein Glück zu wissen haben,
Der Anblick solcher Pracht ist schon so voll Erfahrung,
Denn was ich fühle, kann mich gleich bei Geistern laben,
Und wahrlich, wahrlich, da gebricht es nicht an Nahrung.

Hab ich die Sinne wohl? Ist dies noch Lichtgeflimmer?
Noch kann ich Katharinas Marterrad gewahren!
Ihr Jungfraublut durchstrahlt mich wie Rubinenschimmer,
Und Rosenduft mag uns den Leib hold offenbaren.

Hart als Granatenstrahlen, hell wie Bernsteinschnüre,
Dann oft als wunderbarste Glutrubinendrusen
Durchschauern mich der Heilgen Blutgeschwüre:
Die Wärme ihrer Farben drängt sich an den Busen.

Dufthauche, wie von Heliotrop und von Reseden,
Umspielen meine frischbelebten Fieberschläfen:
Die Lippen küßt ein reiner Kindermund aus Eden;
Wo wärs auf Erden, daß sich solche Reize träfen!

Ich höre traut die sieben Weiber leise singen:
»O sanftes Lamm, der Schwingenstier und Flügellöwe
Vollbringen es, bis hin zu deinem Licht zu dringen,
Und ich umflattre deinen Strand wie eine Möwe.

Ein altes Bangen läßt uns nie zu dir gelangen:
O Herr, laß mich die Furcht auf Erden überwinden:
O Jesus, meine Pilgerfahrt hat angefangen,
O laß uns, Christe, tief den Martermut empfinden!«

Nun bilden ernst die Engel sieben Dornenkronen;
Aus goldnem Od sind sie so sonderbar geflochten,
Sie scheinen aus Zitrinen oder Chalzedonen
Mit Disteln drin, und oft mit Blutlichtdochten,

Die leise glimmen, sacht und wunderbar gestaltet.
Als Meeropalhalbkugeln voller Chrysoprase,
Als Quallenhaupt, aus dem sich eigne Glut entfaltet,
Versinnbildlicht sich mir die Marterparaphrase!

Die eine meiner lieben Glaubensfrauen
Nimmt Abschied wohl von ihren trauten Schwestern?
Für sie fängt nun das Geisterreich an zu vergrauen.
Sie hört nicht mehr den Strom von Gottes Sternorchestern.

Schon heißt sie Katharina jetzt, die Keusche!
Sie will zur Pilgerfahrt die Erde fromm betreten.
Sie mischt sich unter Menschenbrunst und Sinnesräusche,
Doch folgt sie unten bloß den großen Heilspropheten.

Jetzt höre ich die Schwestern, wieder sieben, singen,
Und sehe auch zugleich, was ich als Lied vernehme:
»Maria, laß dir unsre Schönheitshuldgung bringen,
Wir preisen dich in deinem Schmerzensdiademe.

O Jungfrau, als du uns den Heiland hast geboren,
Da gab der Himmel seinem Kinde Lichtgespielen,
In Bethlehem hat er die Säuglinge dazu erkoren,
Es waren jene, die Herodes' Wut verfielen.

Der Erde raschentraffte Kinderseelen mußten
Dem menschgewordnen Gottessohn zur Seite stehen,
Auch heute merk ich, wie sie die kaum durstbewußten
Bettbengelchen als Tändelengelein umwehen.

Zu Weihnachten umstehen sie im Purpurscheine,
Im tiefsten Innerlicht des ein'gen Marterblutes,
O Gnadenjungfrau, dich, du holde und du reine:
Nun segnet uns dein Kind, auf deinem Schoße ruht es!

Es ist so bleich wie du. Ihr scheint ein Mondgebilde.
Des Kindes Röte wird vom Engelkreis vertreten.
Aus dir, o Mutter mit dem Kind, strahlt Silbermilde!«
Auch mein Gesicht erblaßt, nach roterwogtem Beten.

Ich singe mit: »O Jesuskind, du kannst nur Güte
Aus deiner Mutter Apfelbrust fürs Weltheil trinken:
O Jesuskind, daß dich der Herr für uns behüte!
Aus deinen Augen seh ich beßre Sonne blinken!

Maria mit der stolzen Siebenperlenkrone,
Im Schleierkleid aus keuschen Menschenherzgebeten,
Du herrschst im Mondlichthermelin am Liebesthrone,
Dein Schimmerwellenpelz verwebt sich mit Kometen!«

Jetzt tritt aus der Gemeinschaft, der ich selbst entspringe
Und die ich rings um mich in tiefem Strahl gewahre,
Ein Heiliger mit einem Amethystenringe,
Ein Bischof, auf mich zu und sagt: »Erfahre:

Ich bin das Wesen Augustini. Wisse
Von deiner Sendung mir und dir im Geist gegeben:
Altafrika samt Asien fällen Abgrundrisse:
O Bruder, beide müssen wir darob erbeben.

In Alexandria und in Karthago haben
Des Vaterlandes Gnadenflammen ausgeflackert:
O weine nur, vermögen Tränen dich zu laben,
Bald wird der Heimatstrand vom Antichrist beackert.

Wohl wird das nordische, gottlose Rom, als Festung
Der ganzen Christenheit, dereinst die Welt bezwingen,
Im Süden wütet dann die heidnische Verpestung:
Das Kreuz muß dennoch klar zu allen Herzen dringen!«

»Ich bin ein Prinz aus Kappadozien und beweine
Die ganze Erde, die Natur, die Gott verfluchte!«
Entgegne ich: »Und nicht allein Altasiens Haine,
Es dauert mich das Weib, das Fleisch und die verruchte

Handarbeit; selbst das Tischlerbeil von Christi Vater
Wird lange noch, wie ich es weiß, verachtet bleiben:
Der Heiland war so gut; für alle Dinge bat er!
Auch Baal-Zebub konnt er aus Beseßnen treiben,

Doch seinem Vater folgend, läßt er noch entgeistert
Und heidnisch unrein viele Welt zurück in Sünde:
Wahrscheinlich, daß der Tod, vom Menschen einst gemeistert,
Vor Gott und ihm ein leibliches Verdienst verkünde!«

»Mein Bruder, du und andre Helden sind berufen,
Von ihren Ungeheuern die Natur zu säubern:
Die Krumen, die sie trotz des Kreuzes jung erschufen,
Sind schuld daran und drum verflucht, von Ruheräubern

Als Geisternebeln, Alpgestalten arg gepeinigt
Und selbst besessen noch zu sein!« entgegnet bitter
Karthagos heilger Sohn: »Auch wird der Mensch gesteinigt,
Der sich zum Licht bekennt, als Kreuz- und Heilandsritter.

Du weißt, du wirst den Wasserdrachen einst erschlagen,
Dem Ungeheuer, das den Menschheitsweg verlegte,
Sofort, kaum daß der Tag erscheint, zu nahen wagen,
Da sich dein Wesenwerden einzig dazu regte!

O Bruder mein im Geiste! Siehe die Gemeinschaft
Des Christenadels, bald wirst du ihr angehören:
Und da der Mensch sein Werk mit Geistern im Verein schafft,
So wird er gotther jedes Götzenbild zerstören.

Dereinst vergibt der Heiland unsre Erdensünde!
Dann mag das Fleisch der Toten auferstehen:
Jetzt öffnen sich für dich die alten Grabesschlünde:
Das Gnadenwunder wird sogleich im Fleisch geschehen!«

»Wahrhaftig, Gott, mein Gott, jetzt bin ich Mensch geworden!
Aus tiefster Tiefe ist mein Leib emporgestiegen.
Mich fröstelt, Herr! Ich habe Furcht: man kann mich morden!
Man haßt mich da, o lasse mich als Mensch entfliegen.

Jetzt bin ich nicht ein Geist, der sich mit Od behaftet,
Um plötzlich als ein Meteorstrahl zu erscheinen:
Ihr Menschen, die ihr mich beim Sturz begafftet,
Nun bin ich ganz wie ihr, so kommt, euch auszuweinen!«

Ich merke keine Heiligen, um mich, im Kreise.
Ich sehe, nur ein Mensch, die Sterne rings am Himmel.
Doch Augustinus zeigt sich sonderbarerweise:
Wahrscheinlich tritt er bald ins menschliche Gewimmel!

Ich höre ihn: »O laß dich, Mensch, vom Schweiße waschen.
Du hast voll Tapferkeit fürs heilge Kreuz gestritten,
Du ließest dich von keinem Feinde überraschen
Und hast für Jesum, schon vor ihm, gelitten.

Die Tränen, die du weintest, sind zu Gott geflossen.
Im Geist, mit uns vereint, wirst du die Erde schützen.
Das sündge Weib und seinen brünstgen Fleischgenossen
Darfst du, vor Gottes Thron, voll Güte unterstützen.

Die Freiheit aller, auch der Schwachen, sollst du fördern,
Daß jeder, froh, dem Gottessohne Ehrfurcht zolle.
Ich übergebe dich, zum Zweck, den Christenmördern
Und taufe dich katholisch: Georg, Sohn der Scholle!«

 

        I ch bin ein Christ und schwebe auf dem Ätherpferde,
Wie einst, empor in hehren Traumesweiten,
Wo es nur Geister gibt und Gottes ewge Herde.

Ich lasse mich beim Flug vom Glutgefühl begleiten,
Das mich erhob, als ich noch Geist im Fleisch gewesen:
Und sehnsuchtslos verwinde ich in mir die Zeiten.

Ich konnte meines Menschengreisentums genesen:
Ein ewig Kind, das Schicksal, wenns mit Helden tändelt,
Erlaubt mir sanft, im lila Siegelbuch zu lesen.

Ich weiß, warum es die Entwachsnen gängelbändelt,
Die Morgensorgertorheit haßt wie eine Räude,
Und freue mich, zu sehn, wie schnelles Trugglück pendelt.

Fürwahr, das Jesustum ist eine Weihnachtsfreude!
Ein tiefer Christ kann nur als Kind zu Grabe gehen,
Und schön ist bloß der gläubgen Seele Traumgebäude.

Nun lasse ich die Zwillinge in mir entstehen.
Ich liebe diese Heiden, die die Mutter rächten:
Sie werden einst, wie alle Toten, Christum sehen.

Doch ferne schon gehören sie zu hohen Mächten,
Die ewig sind, um Menschenseelen still zu leiten;
Amphion hält die Lyra sanft in seiner Rechten,

Und Zethus scheint das Völkerschicksal zu begleiten.
Sein Spiel setzt leise noch, was rhythmisch ist, zusammen
Und schenkt uns Kampflieder, für Gott, den Herrn, zu streiten.

Ich wähne nun den Feuerkranz, dem wir entstammen!
Der Krebs verleiht dem Mond so reinen Klang am Himmel,
Er ist die Leier für den Sang der Silberflammen!

O tief am Horizonte blinkt sein Sterngewimmel:
Erhabne Engel, die das Gute uns erhalten,
Versternt mir sichre Zügel für den Lichtsturmschimmel!

Das Lyraspiel der Zwillinge verklärt mein Walten,
Doch der Medusenblick ist ihre Flammenfratze,
Muß ich die Macht des Abgrundes entfalten?

Schon packt den Pegasus des Löwen Sternentatze,
Im Himmelsblau erglüht uns Vollblutlust, zu leben:
Ersteilter Norden schluckt die Tropenglut der Katze.

Mein Gott, ein Christ muß über Sterne dich erheben,
Die Weltenflammen folgen dir als kleine Geister:
Ein freier Mensch braucht nicht an ihrer Wucht zu kleben.

Durch Sterne stark wirst du zum Erdgespenstermeister
Und kannst durch ihre Hilfe Berge tief entweiden,
Doch packt den Magier Angst: Geheimschleier zerreißt er!

Nie soll ein Vollgereifter unter Erzgier leiden:
Wie könnt ihm, streng im All, ein Zwischenfall geschehen?
Das Ich, ein Stern, wird über Seelentum entscheiden.

Nun seh ich freie Engel ohne Bahnen wehen,
Ob ich das Licht, das sie erleuchtet, leis ergründe?
Auch ihr Gesetz bleibt fremd, durch das sie urbestehen!

Noch ferner blicke ich in Tiefen, Himmelsschlünde:
Da glüht unendlich hehr die Jungfrau mir entgegen.
Steil vorgewälzt liegt Afrika, das Land der Sünde.

Ich sehe Gipfelgreten mir den Weg verlegen.
Der harte Atlas hält die Jungfrau krumm in Banden:
Ich weiß, noch darf die Weibesseele sich nicht regen!

Den Heidenlanden kam das Gnadenlicht abhanden,
Dort wird Empfindung, knapp nach Zahlen, abgewogen,
Kein kühner Freiheitsrausch kann da aus Seelen branden!

Ihr Gott, auch unser Gott, verläßt sie rot im Bogen,
Sie streben nordwärts, tief zum Herzensherrn zu dringen,
Doch schreckreich bleibt er uns, durch Nahgewalt, gewogen!

Des Mittelmeeres Lindwurm muß mein Speer bezwingen!
Der Geist, der dieser See entweht, wird ewig bleiben,
Da wir die Taufe aus der Heiligung empfingen.

Das Übel aber, durch das Meer, will ich vertreiben:
Das Weib im Norden sei der Schamwabe teilhaftig,
Sie mag sich Seelen, keinen Schleiern einverleiben!

Des Heidenweibes Fleisch ist reizend, reif und saftig,
Ein Nebelschleier brünstger Glut und zarter Reinheit
Bedeckt dich, armes Haremsweib: doch ich entraff dich

Den Klauen deines Wurmes: die Geschlechter-Einheit
Erbündelt sich im größten Volk, das Weib zu küren,
Des Harems Riegel sperren Starrsinn und Gemeinheit.

Ich wähne Wege, die mich leicht zum Weibe führen:
Ist doch die Frau beseelt schon sanft emporgestiegen,
Ich hoff das Heil der Zueinanderkunft zu spüren.

Das Recht zu lieben wird sich an die Achtung schmiegen,
Das Weib soll ehrenvoll den eignen Mann erwählen,
Wie mag es gehn, in Geist Geschiednes abzuwiegen?

Angelika, du Engelskind, von Glutjuwelen,
Von brünstgen Küssen überdeckt, bedrückt, genichtet,
Der Nonnenhülle soll dein Schleier sich vermählen:

Angelika, mein Herz hat nicht auf dich verzichtet!
Ich komme, Weib, mein Weib; und werde dich befreien,
Schon heben Schleier sich, die still das Meer verdichtet.

Ein Meer, voll Salzgeschmack, umdroht von Wüsteneien,
Wird gleich der Geist und leicht die Seele überwinden,
Statt Schleiern mag Erwabung Wesen weihen.

Im Norden soll der Mann die Gottheit in sich finden,
Des Weibes Seele eng an seinen Kraftstamm schmiegen,
Denn was die Nacht getrennt, will sich das Licht verbinden.

Einst werden die Geschlechter sich nicht tief bekriegen,
Die Scham, die tiefernährte, aber muß verbleiben,
Denn Wabe mag die Wangen weiter überfliegen.

Ein Mensch soll sich die Weibesseele einverleiben:
Hat doch der Mann sie weich ins Weib gebettet
Und sich gefreut, zu fühlen, wie die Keime treiben!

Vor Mannes Rauheit ward der Mann durch Scham gerettet.
Sein Kleinod kann er sacht vom Weib zurückempfangen:
Der Heide aber hat den Seelenschatz verwettet.

Der Menschengeist muß um das Meer herumgelangen,
Die Wabe voll im Norden aus dem Boden schlagen,
Und ich befreie dann das Weib aus jüngsten Spangen.

Dort wo die Wogen Sepharat und Afrika benagen,
Wo Herakles dereinst des Atlas Last getragen
Und heute noch der Name und die Säulen ragen,

Dort, Liebe, will ich Stiche in den Drachen wagen.
Des Südens Feuerblüten mögen überspringen:
Das Weib kann frei sein, und auf Erden mag es tagen!

Das Menschenwerk soll alt den Sternen zu gelingen;
Auf Wanderschaft, die Wabe wabbre aus dem Boden,
Vom Mittag fort, den Norden fordernd zu bezwingen!

Wo bald die Wabewellen sich zusammenroden,
Beginnen Seher wohl, Angelika zu kennen,
Und im Langue d'oc besingen sie die Hofrhapsoden.

Wird nicht das tiefste Tageslicht wie Scham erbrennen?
Die liebsten Sternlein scheinen sanft schon zu ermatten.
Der Bau vergraut. Das Licht will leise Hüllen trennen.

Angelika, ich schaue blasse Schleierschatten,
Durch die noch Prachtgestirne herrlich dirzublinken,
Und Spitzen ragen kalt empor aus glatten Platten.

Ich muß, mein Herz beschließt es, frei herniedersinken!
Das Meer ist still. Es spiegelt mir das Bild der Schlange.
Nun Mut, Gemüt! Gefahren und ersuchte Taten winken!

Der Himmelsturz bis zu dem Drachen scheint mir lange!
Wie sich die See verringelt und zum Kopf vermindert:
Sag, Ungetüm, ward dir vor meinem Geiste bange?

Angelika, vermag ich deine Pein zu lindern,
O kannst du mich im Taubenflügel fern gewahren?
Der Sieg ist mein: kein Lindwurm wird die Tat verhindern.

Der weiße Tag, der naht, mag dich vor Leid bewahren,
Dem Geist des Heiles ist ein Wesenswerk gelungen,
Ich habe tausend Jahre tief in ihm erfahren.

Der Wind scheint hurtig veilchenfrischem Meer entsprungen!
Ein Flimmerpanzer überschimmert die Gestirne:
Wie hold mein Hauch der Huldigung hoch hingedrungen!

Vom Atlas her bedroht uns manche Zornesstirne.
Ihr Kleinod will mir die Sahara vorenthalten.
Und was für Purpur rieselt über Zinkenfirne?

Ist das die erste Morgenglut auf den Basalten?
War das die Wabe, die erwacht, um auf die Spitzen
Hesperias heil zu springen: Braus der Urgewalten?

Ich weiß nur Traum, doch staunt mein Blick, daß Lichter blitzen
Und dann zerwirbelt in der Finsternis verschwinden,
Nun, Glaube, muß dein Arm das Drachenblut verspritzen!

Dort sieh die Silberschuppensee, verkrümmt, sich winden,
Zwei Sterne, die sich licht drin spiegeln, fast wie Blicke,
Mich anblinzeln und dann, geblendet, schnell verschwinden.

Da steht Angelika. So gelb! Eng fesseln sie die Stricke:
Wann hat der Wurm sie nackt an blaue Nacht gebunden?
Nun sieh mich, Kind; o daß mein Anblick dich erquicke!

Wohl könnte unsre Bloßheit deine Scham verwunden:
So bleibe denn im Schatten schwerer Dattelpalme,
Versteck dich unter dunkelblonden Fruchtrotunden.

Jetzt seufzt das Meer. Die Welle fletscht. Die Drachenqualme
Umwallen mich. Im Walde ächzen nahe Wesen.
Ein Hauch entzuckt aus sanftem Blatte, sachtem Halme.

Das ist der Kampf, zu dem der Herr mich auserlesen!
Dem Geiste stemmen Wind und Mitleid sich entgegen:
Doch die Natur will junger Unschuld frei genesen!

Ich selbst erkämpfe sie mit hartem Urlichtdegen.
Ich zücke ihn: der Weltstaub zeigt die Flimmerschneide.
Schon spritzt die Drachenmilch hervor: ein Silberregen

Entquillt und säuselt aus dem Lindwurmeingeweide
Und gleicht dem Naß am Stamm der abgebrochnen Feige!
Noch rasch, daß ich das Tier des Schuppengurts entkleide:

Wie Mondblech schwimmt er fort. Ich selber aber steige,
Dem Lichtspeer nach, hinab und stech im Saus noch tiefer:
Das Blut huscht auf. Nun, Drache, gehts mit dir zur Neige!

Der Lurch ist tot! Doch rinnt ihm Blut noch aus dem Kiefer.
Der Mut, das Fremde anzugehn, hat Wert! Das Siegen
War leicht entliehn. Mir scheints, den halben Kampf verschlief er.

Die Scharlachlaken fangen an rasch zu versiegen.
Die Dattelpalme hat ein Hauch der Frucht entlastet,
Und heiter soll sie, steil im Wind, die Krone wiegen.

Angelika, mein Blick hat sacht aus Scham getastet.
Wie kann ich, nackt, vor dich, entblößte Jungfrau, treten?
Zum Glück ist früh der Wald mit Glastqualmen bequastet.

Gerüstet bin auch ich, denn Sprühwinde umwehten
Mich zart: mein Leib ist weich mit Spiegeltau bekleidet.
Und du, o Weib, des Wurmes Milchperlen besäten

Den Leib dir, wurden Schleier: Glast hab ich entweidet,
Denn Drachenschaum begann dein Fleisch bald sanft zu fassen.
Nun seh ich dich, du Unschuld, die ihr Lämmlein weidet,

Mein Gruß dem Weib: ich werde dich voll Scheu verlassen!

 

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