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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 7
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Die iranische Rhapsodie

        D as ist das Land, wo alle Vögel gerne weilen,
Die Höhe, wo Erköniglichte Nester schonen,
Des Äthers Herrscher ihren Flug zum Traume steilen
Und durch Gefährtentum den Ackersmann belohnen.

Wenn ich im Lenz gar schwer mein leeres Feld bestelle,
Und Pferde Ockerknollen vor dem Pflug zertreten,
Geht eine Hündin wedelnd mit, und ihr Gebelle
Besänftigt Weib und Kind, wenn wir uns wo verspäten.

Wie gut ist doch ein Hund! Wie liebreich viele Tiere!
Wie reizvoll zwitschern Vögel ihre Liebeslieder,
Sie sorgen, daß ich nie die Heiterkeit verliere,
Drückt mich die Müh und Lebensgier zur Erde nieder!

Wir schaufeln unser Grab, wenn wir das Land bebauen,
Und weilen schon allein, wenn wir die Furchen graben,
An unsre Armut denken wir dabei mit Grauen;
An mir wird sich die Erde bald schon mühlos laben!

Nein, lieber will ich meinen Leib den Geiern weihen:
Was ich so schwer zu Herz und Hirn emporgetragen,
Das sei mit Leidlustschreien und in breiten Reihen
Von Raubtierleibern, über Alltagsarbeitsklagen,

Gar steil und weit zu Licht und Lichterlust gerissen!
Ich gönne Vögeln meines Leibes Leckerbissen:
Sie mögen keines Körpers Kotgekröse missen
Und siegreich ihr Gefieder immer höher hissen!

Mein Bruder, auch mein Nachbar, denn uns trennen Grenzen,
Hält schweißbedeckt in seiner Pflugschararbeit inne
Und sucht mein Lied, in freier Nähe, zu ergänzen:
Er will vielleicht, daß sich ein Zeitgespräch entspinne!

Ich horche denn auf eines Bruders holde Worte
Und lasse sorglos meine brachen Schollen schlafen;
Und gehts zur Arbeit, so bestimmen wir am Orte,
An welchem wir uns eben unversehens trafen,

Für andre Frühlingstage noch Zusammenkünfte:
Und abermals allein, betrachte ich, was er erdachte,
Wie brüderlich vernünftig er die Einzelzünfte,
In sich, zu einem Lichtzusammenschlusse brachte!

Er hat wohl recht: wir Bauern schaufeln unsre Gräber
Und sind dem Seemann nur unwesentlich verschieden,
Wir ziehn das Tagwerk kreuz und quer, wie jeder Weber,
Und Lichterstreber sind auch Priester nur hienieden.

Mein Pflug gleicht wahrlich einem blanken Kiele:
Er sprüht die Krumen, wie den Gischt, aus scharfem Gleise,
Er nähert sich, wie Schiffe, immer einem Ziele,
Doch kehrt er um, verneint er seine Pilgerreise.

Er ist ein braves Fahrzeug, das die Zeit durchsegelt,
Denn nur viel später siehst du Pflugscharfurchen schäumen:
Erst wenn der Frühlingssprünge Übermut sich regelt,
Beginnen ernste Felder blumenbunt zu träumen.

Gischtweiße Pracht siehst du zumeist zum Licht ersprießen
Und Wellen gleich die Äcker weiß und weit bedecken:
Wir dürfen erst der Pflüge Blütenschaum genießen,
Wenn sich die Arbeitsnachen irgendwo verstecken.

So lockre denn mein Schicksalsboot die trocknen Schollen,
Ists doch, als wäre Lenzgezwitscher eine günstge Brise:
Ich horche, wie in mir die Ozeane grollen,
Und mein Verhängnis übersteigt mich wie ein Riese.

Mein Bruder, ach, du meintest wohl, was ich empfinde,
Und wärst du nicht so weit, so möcht ich dich befragen:
Die Geier, die uns gleich nach dem Verrecken finden,
Sind wohl wie Wolken, die den Tod im Schoße tragen?

Wie oft seh ich sie hoch dem Ozean entragen,
Wie oft die Wogen an der Barke Planken schlagen,
Wie häufig hörst du Geier um Kadaver klagen,
Und was uns unterliegt, kann unsre Frist benagen!

Ein Nachbar ist mir jetzt beim Ackern nah gekommen
Und sagt: »Kein Lenz ist je so zeitlich heiß gewesen,
Der Sommer ist wohl heute morgen schon erglommen:
Zu allen Plagen scheint der Bauer auserlesen!

Wir armen Parsen arbeiten im Glanz des Tages
Und beten, wenn wir uns nach Regenwetter sehnen,
Und dennoch formen Schollen unsers kargen Sonnertrages
Unendliche, im Lenz verbrannte, welke Lehnen.

Zusammen könnten wir den Abhang urbar machen:
Die Felder sollten sich bis dort hinauf erstrecken,
Doch müßte Blau aus Pfützen uns entgegenlachen;
Und blieben selbst die Pferde drin im Drecke stecken,

So ging es immerhin beim Pflügen viel geschwinder:
Die grünen Wiesen würden Frühlingslüfte würzen,
Im Kühlen sängen Vögel, und es könnten Kinder,
Durch übermütge Sprünge, uns die Zeit verkürzen!«

»Dann würde ich den Meder nimmermehr beneiden
Und ließ den Fremdling gern in unsrer Mitte, Felder,
In Sternennächten, ihrer Kleinodien entkleiden,
Denn selbst dem Fels entweiden Meder ihre Gelder!«

Dies hat ein Nachbar, der uns hörte, ausgesprochen,
Da sagt der frühere zu mir: »Fürwahr, ich dachte
Gar oft, weshalb hält jener sich des Tags verkrochen,
Und warum steigt er nachts hinab in schwarze Schachte?«

Nun tritt der dritte nah heran, um fortzunadern:
»Fürwahr, wir Parsen, die das Land beackern, darben,
Wir arbeiten in Hadern, und aus unsern Adern
Entsprühn zum Glutengruß jetzt Irans Frühlingsgarben!

Der Meder aber scheint uns nie sein Feld zu pflegen:
Bei Trockenheit sind seine Schollen grobe Knollen,
Wir sehn dort immer Lehm nach einem holden Regen,
Doch weltverborgnes Gold liegt tief in seinem Stollen.«

»Führwahr!« setzt jetzt der andre Nachbar ein; »wir sehen
Den Fremdling nur in lauer Mondnacht drüben wandeln.
In blauem Prachtgewand sah ich ihn dort alleine stehen
Und mit dem Eigenschatten irgendwas verhandeln.

Was mag er da Geheimnisvolles einsam machen?
Nach Nebeln, diesen gleich, die jetzt das Licht verschleiern,
Hat er in jener grauen Nacht mit mannigfachen
Handregungen gefahndet; und gleich Riesengeiern,

Warf da, nachdem der Mond sich erst von selbst versteckte,
Der Wolkentroß sich auf die tote Vollmondscheibe:
Es graute Menschen, Tieren, die ihr Schweiß bedeckte,
Ein Schaudern sprühte kalt aus jedem Baum und Leibe.

Der Meder aber, glaub ich, blieb noch aufrecht stehen:
Wahrscheinlich konnte da sein Schatten niedersteigen,
Denn als der eisge Nebelgletscher anfing zu zergehen,
Ein goldner Mondring sich vermochte bleich zu zeigen,

Da schien der Fremde ebenfalls von Gold umsponnen.
Und als der Mond verjüngt den Himmel heiterfegte,
Da schiens, als wäre Licht auf seinem Rock geronnen,
Doch Gold wars, das sein Schatten ihm zu Füßen legte!«

Jetzt spricht mein nächster Nachbar fassungslos in seinem Zorne:
»Wir wollen diesen Eindringling nicht länger dulden,
Durch unsre Arbeit sprudeln felsauf klare Borne,
Und salzge Laken sammeln sich in reinen Mulden.

Verschwinden werden bald schon unsre gelben Lehnen,
Aus denen höhnisch blaue Tümpel uns begrinsen,
Drum schwellt des Fremdlings Frechheit meine Schläfenvenen:
Vertreiben will ich ihn mit seinen letzten Binsen.

Er dient, der Finsternis ergeben, bloß dem Bösen,
Und scheint bei Ahriman gar tapfer auszuharren,
Den Vögeln gibt er kaum von Speiserestgekrösen
Und läßt sich noch, verreckt, dereinst aus Geiz verscharren!

Er krächzt oft Magierformeln wie ein garstger Rabe:
Abra, abra, abrakada, dabra, so fangen
Die Sätze an, und dann folgt rasch ein Fluchbuchstabe,
Und an dem Satzgespinst bleibt gleich ein Erdschatz hangen!

Wie könnte das in unserm Lande länger dauern?
Er würde lauter Unheil hier heraufbeschwören,
Beim nächsten Vollmond wollen wir ihn schlau umlauern
Und seine Macht im eignen Bannungsbau zerstören!«

Ich habe selbst im Herzensgrunde Wut empfunden,
Doch fällt mir ein, wie ich dereinst mein Weib erfreute:
Der Meder gab mir einen Stein aus seinen Funden,
Und heute reizt er noch den Neid der Nachbarsleute!

Vielleicht verhexte das Geschenk des Weibes Sinne?
Gewiß ist es seit damals seltner zu erkennen,
Es schmückt sich jetzt viel lieblicher zu unsrer Minne,
Und öfters seh ich seinen Sehnsuchtsblick erbrennen!

Die Glücksgedanken kann es kaum vom Kleinod scheiden,
Auch fühlt mein Weib in mir die Lust an meinen Spenden,
Mein Dasein gibt ihm Kraft, mein Abgang ist sein Leiden,
Doch hält es fest, was ich ihm gab, als Trost in Händen.

Wohl will die Frau vom Manne Dank und Tand empfangen:
Zufriedenheit kann fromm uns zueinanderneigen,
Zumal wenn ihr Geschenkversternungen gelangen,
Und nur was sie erhält, empfindet sie als eigen.

Ein Erbteil wird sie leichter als ein Gut verschwenden,
Das still und seltsam sich um ihren Hausstand gliedert,
Sie sucht sich unsre Gunst durch Weigrung zuzuwenden,
Und oft ists ihre Lust, daß sie kein Glück erwidert.

Das alles habe ich gar rasch in mir erwogen
Und möchte, daß der Fremde uns noch Steine brächte,
Drum sag ich auch: »Wir werden wohl zu leicht betrogen,
Wir haben auf des Meders Geld und Beistand Rechte.

Ach, wäre doch mein Bruder jetzt beim Streit zugegen;
Doch seht, er ackert noch allein dort oben weiter,
Er trachtet, nackt wie ich, die Felder gut zu pflegen
Und bleibt bei seiner Arbeit immer neidlos heiter.

Fürwahr, der würde gütig unsern Gast beschützen,
Er sagte einst, die Wälder, die ich urbar mache,
Erscheinen, meine wachen Träume hold zu stützen:
Mir ists, als ob in uns ein Wunderlenz erwache!

Die Kraft, die unter Tags die starken Stämme fällte,
Treibt nachts die reifsten Lichtgedanken aus der Seele.
Das Traumlaub, das mir oft den Sonnenweg verstellte,
Beschattet mich, seitdem ich mich tagsüber stähle.

Mich selber seh ich ernst empor zum Äther ragen
Und Licht und Nahrung stolz, gar froh genießen:
Die Nachtigallen fangen an in mir zu schlagen,
Und immer tiefer will ich sie dabei verschließen.

Mein Bruder, könntest du jetzt selber weitersagen,
Wie du begreifst, daß deiner Nachtigallen Lieder
Nur Antwortsfragen auf der andern Klagen wagen,
O kämst du doch ermüdet jetzt zu uns hernieder!

Du ackerst knapp an deines Arbeitsfeldes Grenze
Und tust, was du dereinst in deinem Traum erschautest,
Ein größres Gut umfriedest du mit jedem Lenze
Und schützt dadurch auch Land, das du nicht selbst bebautest!«

Mein Bruder wirft mit starkem Mannesarm den Samen!
»O seht zu ihm, er wird vielleicht herüber denken:
Damit die Lichtgedanken nie im Tal erlahmen,
Vermag er sanfter Einsicht ihren Traum zu schenken!

Wie jeder Schößling sich mit Blättern leicht beflügelt,
Und wie die Bäume durch das Laub dem Staub entfliegen,
Birgt auch ein Spruch, den er bewußt und kühl erklügelt,
Ursprünglichkeit, Furcht ungezügelt zu besiegen!

Mein Bruder komm, des Meders Geiz soll sich entfalten,
Der stumpfe Wurm, als Schmetterling, im Lichte schwirren;
Aus unserm Haß entschäle traute Taggewalten,
Die unsre Sinne noch als Hirngespinst verwirren.

Wenn deine Staatsgedanken bald zur Macht gelangen,
Dann ist es recht, daß auch des fremden Ansicht gelte,
Wenn Sonnenlehren einst in unsrer Seele prangen,
Verdienen Medergeld und Werte nimmer unsre Schelte!

Mein Bruder wird euch immer klug und gut beraten,
Und meines Weibes Einfalt ist im Grunde besser
Als unsre wut- und haßerfüllten Männertaten,
Drum schleifen wir jetzt Edelsteine anstatt Messer.

Es soll mein Weib von nun an goldne Spangen tragen,
Der Meder darf Geschmeide mit dem Hammer schlagen:
Wir alle wollen einen Staat zu gründen wagen
Und vor dem Anschlag auf das Alte nicht verzagen!

Die Erde, die wir plündern, ist voll innrer Güte,
Und ob der Mensch auch noch so taub und störrisch wüte,
Erscheint trotz allem doch kein Frühling ohne Blüte,
Und diesmal ist es gar, als ob er sich verfrühte.

Die Erde spendet auch die urgeheimsten Gaben:
Sie will bestimmt, daß wir nach ihren Schätzen graben
Und uns im Alter durch Erspartes freudig laben,
So mag der Sohn es besser als sein Vater haben!«

 

        J etzt regnet es! Ich kann die großen Tropfen zählen!
Mein Bruder ist schon patschenaß und denkt entschieden,
Sich nimmer lang mit arger Arbeit abzuquälen:
So gönnen wir uns alle heute frommen Frieden!

Wie sind gar sonderbar die Wolken, sonnumsponnen
Und noch so dünn, daß sie den Blauraum kaum verhüllen;
Und doch das Tröpfeln hat so munter schon begonnen:
Zu sanften Wolken mag sich sachtes Nebeln knüllen,

Der Meder hat das Wasser wunderbar gespendet!
Die Tropfen scheinen wie geschmolznes Gold zu gleißen
Von einem Freunde ward der Regen wohl gesendet
Oder er will die Opfer Irans an sich reißen!

Das Nieselwetter sickert mild wie Schweiß hernieder:
Es ist, als ob uns Silberperlen still besetzten:
Die Tiere nicken ein und schließen ihre Lider,
Ach, wenn die Nebel uns in Traumsilber vernetzten!

Noch scheint ja Gold aus unsern Poren sanft zu dringen;
Doch nein, wir fühlen doch ein Himmelsniederrinnen,
Dort oben, wo kann Blaurausch sich zum Lichte schwingen
Und, was um uns sich lebt, mit Irisglanz umspinnen.

Nun aber fängt es lau und lauter an zu regnen,
Und mancher denkt sein Werkzeug sanft nach Haus zu tragen,
Wem werde ich beim Talwärtsgehen traut begegnen?
Dort scheint mein Nachbar schon die Schafe heimzujagen.

Nun sehe ich die leisen Tiere weich im Schlafe:
Kein Hirt vermag das Vieh aus dem Versteck zu treiben,
Erfaßt die Angst auf einmal alle lieben Schafe?
Die Böcke, auch die Rinder, wollen draußen bleiben.

Wir helfen. Immer dichter klitschts und klatschts hernieder!
Mir scheints, daß rechte Kühle auch erwache.
Ein feuchter Samt umschmiegt, als fiebert ich, die Glieder.
Nun steh ich bis zum Knie in einem kalten Bache!

Ich trachte mich in Hast an Ästen anzuklammern.
Ist irgendwo ein Wolkenbruch herabgegangen?
Wir hören Tiergebrüll und Menschenstimmen jammern.
Zu arg die Angst, um auch ums Eigenheil zu bangen!

Was kann ich da im Wasserwirbel helfen, machen!
Ists besser mit den Bächen auf und her zu schwimmen?
Vielleicht gelang ich wunderwo zu einem Nachen?
Enttaucht ein Dach um mich, daran hinaufzuklimmen?

Nun, noch versink ich nicht zu arg! Ich kann ja stehen!
Ich mag versuchen, durch den Bach nach Haus zu waten,
Doch jetzt beginnen böse Nebelfetzen herzuwehen,
Und unter ihnen baumeln Schauderakrobaten.

Die Firlefanzer drängen sich um Schwefelmäuler,
Die scheinen sie voll Geilheit zu verspeisen,
In Schlünden hört ich noch die kleinen Windskindsheuler,
Leicht wimmernd, weggeleckt und eingeschlürft vereisen!

Grad über mir, ein dunkles Sturmwurmungeheuer,
Durch Sumpfdunst aufgedunsen, bricht jetzt Fieberwinde,
Denn dem geplatzten Bauch und Maul, bezahnt mit Feuer,
Entprasselt nun der Hagel seiner Rumpfgewinde.

Ein Ätherhai will seinen weißen Laich verspritzen!
Doch nein: ein Weibchen ists, mit kleinen, geilen Eiern!
Ei sieh, sie reiben, ritzen sich an weißen Spitzen:
Ihr Hochzeitsreigen aber bleibt trotz Auftanz bleiern.

Wie sich die Eiswindwirbel schräg herniederwälzen,
Und sie verkrusten blaß an windumhalsten Ecken,
Doch muß der Reif in Hast, nach raschen Takten, schmelzen,
Und in den Hecken bleiben bleich die Herden stecken!

»Hallo!« so ruft nun irgendwo die fernste Stimme,
Ein Eber grunzt, in einem Wurzelstumpf verschlungen,
»Zur Hilfe, Elender!« schreit jetzt ein Wicht im Grimme:
Rings von Gebraus und von Geräusch bin ich umklungen.

Ich selber wate doch durch Wasser, wie betrunken.
Soeben ist ein Bock, der blökend schwomm, ersoffen.
Was für ein Rumpf ist unter mir im Sumpf versunken?
Ich habe Leichen, treibend, aufgeblaut getroffen.

Die Zeit hetzt schnell. Es ist nicht wert, bei uns zu bleiben!
Des Übels Unglück scheint mirs, eignen Grund zu fühlen,
Drum läßt sich, was ein Maß in sich umarmt, vertreiben,
Und das Gewissen wird das Grübeln unterwühlen!

Ach, könnte ich den Wahn, ein Ich zu sein, besiegen,
Da die Gefühle doch bei fremden Leiden weilen,
Ach, ließen Zeitsturm, Raumtraum sich in uns durchfliegen,
So wär ich frei und könnte auch die Menschen heilen!

Wie kam es, daß ich nicht am Eigenbangen hafte,
Vermags ein Fieber, mich der Umwelt zu verschwägern?
Ich wate in Gefahr, da ich bereits erschlaffe,
Ich taste weiter zwischen eklen Schreckerregern.

»Zur Hilfe denn, die Herden werden weggerissen!«
Dies hör ich fremdher eine ferne Stimme wimmern,
Ich fühl so klar, mich soll, wer ruft, nicht missen!
Wir nahen unter Quellenklimmern, Qualentschwimmern:

Durch Flut und Guß versuch ichs, munter durchzukommen,
Und fühle, wie mich Quallen, lau wie Blut, umspülen.
Von goldnen Zitterwischen dünk ich mich umglommen,
Und Salzgeprickel kann die kühnen Glieder kühlen.

»Verfluchter Meder, der das Wetter uns bescherte,
Wir werden dich mit deiner Hexenbrut vernichten,
Wir kennen deiner Erdenschätze Zauberwerte,
Und auf Verkehr mit Wichten wirst du nun verzichten!«

Den Fluch vernehm ich schon, und wohl in meiner Nähe!
Ich denke: Habe ich das Leid auf uns gerufen?
Und wer ernebelt mir ein Bild, voll wildem Wehe?
Doch gleich zerfällt, zuerst, was eigne Augen schufen!

Gar fabelhafte, fahle Hagellagen decken,
Wie Klobenroggen, Scharten, Abhänge und Kanten:
Und Menschen, Hirsche spießten sich in stachelhaften Hecken,
In welche Tiere mit Geweihen fluchzu rannten.

Am Himmel wuchten schwere, plumpe Sturmdunstklumpen,
Und bloß ein Schauerknäul, mit blauen aufgeschlitzten Bäuchen,
Verzieht sich ausgestreckt; und Wolkenbruchrestlumpen
Versucht nun windlila Gefuchtel zu verscheuchen.

Ist über unserm Kopf der gelbe Fleck die Sonne?
Sie will sich eitel, einer Greisin gleich, verstecken
Und lugt oft durch die Schleier, geil wie eine Nonne,
Die beten will, dient sie auch brünstig kecken Zwecken.

Wohl scheint mein Seelenlicht ermüdet zu verkümmern:
In einsam tiefer Dämmrung muß mein Lied verbluten!
Schon glüht ein Abend über ungekannten Trümmern,
Die Tempel werden sollten und verschollen ruhten.

Was kann im Angstschlaf mir ein Wasserwagnis sagen?
Ich spähe aus, was noch mein Lebensodem bändigt:
Ich will den Anruf eines Wellenwesens wagen,
Vielleicht ist meine Pilgerfahrt noch nicht beendigt!

Ein Gauch wird scharf aus meinem Raumgeblau gewickelt:
Ich zeichne klar des Zwanges Leibergebnis,
Ich seh auch starr, wie Fischblut durch die Adern prickelt.
Und nun steh fest! Dies wird vom Traum her ein Erlebnis.

Gar schwabbelig ist dieser Wasserwams gewachsen:
Sein Narwalbauch, mit Zitzenansatz, wälzt sich tierisch,
Drum lach ich auch, mich stimmen laxe Wackelfaxen
Und auch sein Wachshautnackenflachshaar gar satirisch.

Er kann kaum atmen, denn das Wasser sprudelt
Ihm siebenstrahlig aus dem Walroßmaule,
Die Schwimmhautpratzen, die er rasch zusammennudelt,
Verschrumpfen mit den Armen knapp zu einem Knaule.

Sein Haupt bleibt bartlos. Doch der Aussatz klettert
Vom blauen Runzelhals empor zur flachen Glatze.
Der Anblick regt mich auf. Ich bin vor Schreck zerschmettert
Und sehe, stets violetter wird die ekle Fratze.

Sein Fleisch erweicht zu eitrigen Geschwüren,
Blutwucherungen krampfen sich um braune Lenden,
Jetzt fängt das Tümpelgeistgesicht an, mich zu rühren,
Und traurig ruf ich: »Bruder, kann ich Hilfe spenden?«

Der Wasserplanscher aber bleibt dabei apathisch
Und trachtet nichts am Asthmazustande zu ändern.
Ich weiß nicht, weshalb? Doch er wird mir jetzt sympathisch
Und fängt sich an mit grünen Zünglein zu umrändern.

Ich tret behutsam näher, und ich sehe, seiner Zehen
Mistmuscheln sind verrunzelte und schmutzge Nägel,
Und wunde Wadenwarzen, die sich nahend blähen,
Umkleben bis zur Schlegelhälfte ekle Egel.

Die Schwefelgarben aber, die ihn grell umglasten,
Gestatten mir das Wasserwesen zu betrachten:
Die nassen Schwimmhautpranken, die nach Nahrung tasten,
Umranken Algen, die die Arme stark befrachten.

Drum platscht er gar so arg im Blattpflanzenmoraste,
Und nun vermag ich auch ganz wahrhaft zu gewahren:
Der Aussatz, der nun schon vom Bauch das Haupt erfaßte,
Ist ein Geranke blaßerwachter Nenupharen,

Die tags darauf sich, langsam wachsend, rosa färben,
Und in der nächsten Nacht, verblauend, leicht erbleichen
Und tief ermüdet in der Blütenfülle sterben,
Denn liebesschwer versinken sie in ihren Teichen.

Die Kratzkorallen und durch Krampf geplatzten Adern
Vermag ich bald mit klarern Augen zu betrachten,
Beim Bauche staun sich Pampas und Papierbaumhadern,
Die wildzerzaust auch seine Schamteile benachten.

Die Wucherungen, mit den blutgen Wurmgeschwüren,
Erfasse ich als kaktusartge Bulbenpflanzen,
Und auf der Schilfbestände scheckgen Rückgratschnüren
Beginnen winzge Wanzentupfen anzuranzen.

Die großen Eiterknollen seh ich goldgelb stocken:
Vielleicht muß ich mich an den Anblick sanft gewöhnen:
O, schon erkenn ich sie als große Bernsteinbrocken
Mit schönen, unpolierten fetten Ockertönen.

Ich glaub, daß da sich etwas Gotthaftes veränder,
Denn, reich beschwert, beginnt das Wassersein zu sinken,
Doch scheint das Ungeheuer nun ein Fettblatthänder,
Auf dessen Flossen Rosen anstatt Ringen blinken.

Der Rumpf ist ja beinah im Sumpf versunken!
Das Haupt jedoch hat sich mit Gras bebartet.
Die Garstigkeit enthüpft ihm in Gestalt von Unken
Nun ist er gar als Mensch, ein Mann und blaß, geartet.

Im Tang verstrüppt, versank der Geist bis an die Hüfte!
So ruhn die Schultern auf den weichen Algenkissen.
Mit runden Büffelaugen schaut er in die Lüfte,
Und schweigend wird er in den tiefen Teich gerissen.

Dämonisch ernst verschwanden Hals und Nacken:
Die vorverzopften Bartflechten sind Aderblätter:
Wie glatt und glanzhaft bleiben seine fetten Backen!
Er schlürft. Nun wird der kurze, schwulstge Mund violetter.

Der Larve Nasenlöcher deckt ein sachtes Wasser.
Die starren Augen seh ich im Kristalle glänzen.
Verdunkelt sind die hohen Brauen, und ein blasser
Goldbogen schwellt empor, die Flutgruft zu bekränzen.

Ein Weltgeheimnis will sich hier aus uns erschließen!
Ein Zwitter ist ganz manngeschlechtlich jetzt entstanden:
Die Weiblichkeit, die abfiel, sah ich rein ersprießen,
Und da verstand ich, was wir tief und einst empfanden.

Die hellen Wellenringe, die sich frei verschlingen,
Die Brauen, Ohren, Nase, Mund und Augen waren,
Erzählen flimmernd von geheimsten Seelenschwingen,
In uns die Schmerzerlösung froh zu offenbaren.

Das Wasser, das ich anstarre, ist klar und strahlend.
Das Geisterauge hat es groß bei uns gelassen:
Die kalten Angstglastgarben, die beinahe prahlend
Entflackern, kann mein rankendes Geträum noch fassen.

Wie tausend Aale bleibt der Wasserfürst verschwunden.
Ein Werk des Heiles wollte er in Flut besiegeln:
Wohl konnt er sich für uns, ich hoffs, schon wo bekunden!
Ich schaue auf. Ganz wach! Und seh den Mond sich spiegeln.

 

        D en Mann da hat der Mond wahrhaftig angeduselt,
Er steht mit beiden Füßen in der hellen Quelle
Und sieht verdutzt, wie schon der Unkensumpf verfuselt,
He, Held der Feldgespräche, rühr dich von der Stelle!«

Dies spricht nun, hoch im Fisteltone, eine Stimme.
Ich blicke hin und seh jetzt schnell sechs wilde Schimmel
Den Fels erklimmen, und ein Wicht peitscht sie im Grimme,
Denn ziemlich hell blinkt rings des Himmels Sterngewimmel.

Der Mond jedoch hat sich in Grau gewolkt verzogen,
Drum kann ich nur den Pferdetreiber blaß erkennen:
Jetzt werd ich wohl von Träumen meines Traums betrogen,
Denn warum trachten Riesenrosse durchzubrennen?

Ich sah die Pflugschar nicht am Acker blinken,
Wars Kalkgestein, ein Eisquadrat, das aufwärts jagte?
Ich rief »Hallo!« und konnte kurz nur winken,
Da keine Frage sich aus meinem Munde wagte.

Ich möchte mich zurück zum Wassergeiste wenden,
So wahr und glaubhaft ist sein Wesen durch mich selbst gedrungen,
Doch ruht der Sumpf nun dunkel zwischen grauen Wänden,
Drum bin ich ihm auch, weiß nicht wie, im Nu entsprungen!

Ein Wolkenknäul verdunkelt schwer und braun die Gegend.
Die Sterne werden weniger. Der Mond bleibt finster.
Das rauhe Schrein ist drum so breit und wildaufregend.
Und angsthaft lauschend schwank ich fort durch dichten Ginster,

Im Tale traben lange Schattenkarawanen.
Tief unten hör ich Rosse durch die Schluchten prusten,
Hier Tiergespanne sich am Abhang Pfade bahnen,
Mit Silber scheint der Berg sich steil zu überkrusten.

Das sah ich rasch, da mir der Mond aus Nebeln
Den Eisesblick für einen Augenblick gewährte,
Jetzt aber hör ich nur noch ein Geklirr von Säbeln
Und sehe dennoch keinen Mann mit einem Schwerte.

Ich tappe weiter, und nun wirds noch einmal heiter.
Da merk ich einen Greis, umschlafen noch von Schafen,
Er spricht: »Vertreiben dich vielleicht die bleichen Reiter?
Tritt ein, wahrhaftig, das ist gut, daß wir uns trafen!«

Ich taumle in die Grotte eines Eremiten.
Ich sinke hin an einem heilgen Feuerherde.
Ich hör den Greis: »Wenn Urgefühle mich verrieten,
Empfängt ein reines Weib vielleicht das Kind der Erde!

Astvatereta wird wahrscheinlich jetzt geboren:
Im Schoße einer Jungfrau muß er hold erwachen,
Denn auch geweihten Weibes Holdheit flieht verloren,
Kann purer Samen Lebensglut in ihm entfachen.

Des Parsen Urtrieb ist Erzweiung der Geschlechter!
Drum ist es nötig, daß sich unsre Welt erlöse,
Wir sind der Glut- und Flutenreinheit rege Wächter,
Gesondertheit ist tief im Volk das Religiöse.

Das Weib ist irdisch und der Erde gleich zu ehren,
Der Same, den der Mann hat, seine halbe Habe.
Doch fängt er an, den Leib des Weibes zu beschweren,
So liegt er leichenunrein, wie in einem Grabe.

Des Mannes Auswurf, der das Weib entweihte,
Entleert es wiederum, mit einem Schmerzensstoße.
Doch wie das Weib einstmals aus eines Mannes Seite,
Entsteht der Heiland bald aus einer Jungfrau Schoße!

Vielleicht sind jene Stürme, die ums Leere wühlen,
Die Flutergüsse, niederstrebend im Entschweben,
Die fürchterlichen Flüsse, die den Berg umspülen,
So wilderregt, weil sie das Erdenkind beleben!«

»Wohl mag es sein!« gab ich als Antwort in Erbeben!
»Noch glaube ich, die Nacht bricht heil herein auf Erden,
Doch sehn die erste wir, erschreckt, die Welt durchschweben,
Dem Auge trennt sich scharf, was wir vertreten werden.«

Jetzt wühlt der Greis beim Grübeln kraus im Barte
Und starrt mit großen, roten Augen in die Flamme,
Als ob er Antwort aus dem Aufgehusch erwarte!
Mich aber reizt das Rankenspiel vom Glutenstamme.

Die ganze Klamm durchwirbeln grelle Blätterschemen,
Und Schatten wallen durch die Halle des gerechten
Felseremiten, und, bekränzt mit Diademen,
Erstrahlen Stalagmiten ernst wie Marmorflechten.

Jetzt spricht der Einsiedler zu mir: »Anachoreten
Entschließen sich, in einem Gottesohr zu hausen:
Die Erde mag, daß wir in Felsenlöchern beten,
An dieser Muschel hört sie die Geschöpfe sausen.

Die hohe Sehnsucht Irans hab ich hier gebeichtet,
Auch wirkt ich schon, daß Ormuzd Trost und Lob gewährte,
Denn Großes, was ihr Parsen frei im Krieg erreichtet,
Durchmurmelte zuerst als Wunschspruch unsre Bärte.

Wir baten alle: Erde, laß uns sorgsam walten,
Du sollst den Priesterstand des Herrscheramts entlasten,
Vom König mögen Götter, was sich ziemt, erhalten,
Wir Weisen aber und die Priester wollen fasten.

Der Leiblichkeit entrückt, kann sich der Geist entfalten,
Drum meiden wir es, bis zur Sättigung zu speisen,
Und trachten, heilige Gerichte einzuschalten,
Als Bettler machen manche Magier Pilgerreisen!«

»Du mildgesinnter Greis, ich will bei dir verweilen!«
Erwidre ich. »Ich liebe dich und diesen edlen Sinter,
Denn hier, wo Steine weinen, hofft mein Leid zu heilen,
Nur in der Tiefe finden Geister keinen Winter.

Mit Tropfsteinen umwolkt sind solche hohe Grotten,
Hier wälzt der Fels gar viele reife Frauenbrüste
Aus sich hervor; Goldmolken sickert reich aus Zotten,
Als ob wohl alles Bernstein überkrusten müßte.

Auch will ich dir von edlen Erdgerichten melden,
Von Wein und von Getreide, um das Volk zu speisen,
Doch brauchen wir zum Steilstieg große Sonnenhelden,
Die uns in alter Erdgewahrung unterweisen.

Der Wein ist pur und gut, hat er sich rein gegoren,
Das weiße Mehl bleibt echter Same des Getreides,
Drum sei das goldne Brot als Heilgleichnis erkoren:
Vom Weltenbesten, FlammeSame, hat es beides.

Veredeln wollen wir den Parsenstamm durch Nahrung,
Die ferne, unterjochte Länder regsam spenden,
Des Parsen Krieg gilt ehrlich seiner Artbewahrung,
Nun tragen Siege uns zu weiten Weingeländen!

Soviel man kann, mag man zur Läutrung an sich reißen,
Ich will dem Feuer Feindes Habe, Labe weihen,
Denn meine Zähne sperrt das Recht, ins Fleisch zu beißen,
Mein Flammenstamm kann nur im Krieg gedeihen!«

Nun spricht der Greis: »Mein Kind, du siehst im Fieber!
Wohl schmelzt dein Feuergeist die letzten Erdenbänder,
In dir erzuckt die Männlichkeit in jeder Fiber,
Doch wirst du leicht zum hitzgen Sonnengutverschwender.

Noch wabbert deine Seele. Deine Kriegsbrunst knattert.
Sie gleicht dem roten Flammenbart, der aufwärts lodert:
Du siehst nicht, wie er rasch im Eigendunst zerflattert
Und ewge Nahrung fordert, die durch ihn vermodert.

Ja! Feuer frißt, als Hungerwurm, in allen Brettern,
Nur stille Seelenglut kann unsre Wutbrunst dämpfen,
Auch du begehrst nur wetternd, Reiche zu zerschmettern,
Und haßt die Nacht mit ihren hehren Wunderkämpfen.

Wie Mondlicht fliegt mein Bart zurück zur guten Erde.
Ich selber fiebre auch, doch meine Lust ist milde:
Sieh, meine Seele liebt die sanfte weiße Herde,
Und sie vergibt selbst Hast und Haß der Kriegergilde!

Den Wein und das Getreide will ich reinlich ehren,
Doch darf sich nie das tolle Volk daran berauschen,
Der Menschheit will ich sie als Gleichnis hold gewähren,
Zuerst jedoch die Erde ernster noch belauschen.

Doch die Orakelantwort ahne ich zur Stunde:
Die Erde will, daß Geister sich in Seelen läutern,
Denn ihre reinste Frucht enthüllt sich nur im Munde
Des edlen Pilgrims und der echten Lebensdeuter!

Und du, mein Sohn, genieße bloß vom goldnen Weine,
Im Augenblick, da du dich froh als Mann erkanntest:
Den Wahrsten bloß durchschaure hold das Feuerreine,
Das sag ich dir, zum Lohn, weil du dich schon ermanntest.

Du zwingst die Erde, deinen Traumrausch zu verlangen,
Hold liebt die Welt auch wohl die Frucht unsrer Bekanntschaft,
Wer Bilder sieht, braucht keinen Eindruck zu empfangen,
Das Mannwerk kennt man bald am Mangel aller Landschaft!«

»Die Kunst in uns erwuchs noch nie im stumpfen Rudel!«
So rufe ich: »Allein will ich mein Werk vollenden,
Tief wuchtet in mir selbst ein furchtbar dunkler Sprudel,
O Greis, ich zieh von dir, hab Dank für deine Spenden!

Wenn sich der Mann vom Weib als Wesen ausgespalten,
Kann er in sich den Geist vom Leibe unterscheiden,
Und läßt die Seele, als sein Liebstes, über beiden walten,
Und wird am Leib, was sie beleidigt, frei vermeiden.

Wie träg ist Wiederholen, bleibt das Kinderzeugen!
Die Menschlichkeit jedoch dient frei Begeistrungszwecken,
Der Frau Geheimnis weiß der Flugflucht vorzubeugen:
Zur Wahrung sehn wir Weiber das Geschlecht verstecken.

Vom Rausch, von Erdenfesseln muß der Mann sich trennen
Und mild das Weib, was hindert, in die Kissen legen,
Die Qual der eignen Mängel soll er rasch erkennen
Und schroff verachten, ohne schwankend zu erwägen.«

Das Sausenheim, das Tropfsteinloch des Grottengreises,
Vertausch ich nun mit Sturmgewölk und Regenmähnen,
Ich wähle mir den Schloßenschlag des Hagel-Eises,
Statt eines Weisen Bart mit Weltbegeistrungstränen!

Das prasselt und das gischtet erderfrischend nieder,
Und sieh, das spritzt und plätschert, wie der Stahl zersplittert,
Aus Schlitz und über Spitz der reinen Erdfelsglieder:
Und Licht erblick ich, das den Silberguß durchzittert.

Du heilge Himmelstraufe, die den Fels entkleidet,
Die Ackerkrumen vom bebauten Lande spülte,
Und die das Schaf nicht leidet, wo es sorglos weidet,
Dich grüßt der Geist, der sich im Fleisch erwühlte.

Du reiner Regen, der das Felsgestein durchschauert
Und mit dem Mondlicht, erdverliebt, sich weiß entladet,
Du Wasserbart, der den Orkan blaß überdauert,
Du letztes Sturmwuchtbündel, wo der Geist sich badet,

O laß mich einst das Unfruchtbar-Erhabne fassen:
Ich kann mein Haus, auch zwangumfangen, nicht besorgen,
Das muß ich Weibern und den Knechten überlassen,
Ich fühle Ewigkeit, und ich vergaß das Morgen!

So wie des Weisen Bart vom Geist herabgeflossen,
Denn in den Augen mag die Seele wohl erglühen,
So hast auch du aus einem Sterne dich ergossen,
Denn nur der Sirius kann so reine Pracht versprühen.

Die Seele wächst nun hier, im herrlich frischen Regen:
Sie öffnet ihrer Feuerblüte Sternkelchflammen
Und läßt sich still von hellen Lichtgeweben hegen,
Sie kann geheimnisvoll vom tiefen Sternkern stammen!

O lichte Himmelsmilch, ergieße dich hernieder,
Umspinn der Urglutblume weiblich keusches Becken,
Berühr der Kelchamphora wabezarte Glieder,
Und sacht wird sie in heilger Furcht zusammenschrecken.

Umpraßle, eisger, kalter Schauer, meine Mannesmähne,
Laß Stahlgedanken Staatsgewalten scharf zerspalten:
Da ich mit blutger Inbrunst mich nach Schlachten sehne,
So laß in mir das glutgeschweißte Schwert erkalten.

Die Sterne werden mich auf meinem Zug begleiten!
Alt zieht das Blut zum nimmersinkenden Gestirne:
Jetzt hört der Wuchtguß auf, der Umblick muß sich weiten,
Und Sterne spiegeln sich im Perlennaß der Stirne.

Heil Sirius, der den frischen Regen uns gespendet!
Du Erden- und du Himmelseinheit ohnegleichen,
Du steigst nicht gern empor, lang bleibst du abgewendet
Und meidest da Tagarbeits-Äcker, voll von Leichen.

O dunkle Schlummernacht, wie du uns alle reinigst,
Wie sonderbar und wunderreich du dich betrachtest,
Mit Sternen glüht die reine Seele still vereinigt
Und staunt, wie sich das lichtlos Leibliche verachtet.

Die Erde selbst versinkt in ihre Eigenfalten:
Das Glanzlose ist nachts dem kalten Nichts verfallen,
In Wirbelträumen fegen ferne Taggewalten,
Mit Schreckgewalt, hinab in halbzerfallne Hallen.

Der Mensch vergißt sein Tun, daß er sich frei vergebe!
Denn unschuldsrein, ein Kind der Ewigkeit, sind alle. .
Lebst du auch kurz in deinem Schlummerspinngewebe,
So wahrt dich doch das Zeitlose vom Folgenfalle.

Den Frevel bangt, hinabgeträumt ins Urbewußte,
Noch einst, als Zorneshose, tosend aufzutauchen,
Und das Verbrechen, das der Mensch begehen mußte,
Vermagst du, unerkannt, zum Heile zu gebrauchen.

Mit Kindeseinfalt ruhen eingelullte Seelen,
Wie reine Seeen, nach den garstgen Tagesträumen:
Sie spiegeln Sterne, und sie spielen mit Juwelen
Und fädeln Märchen ein und hegen Schicksalsbäume.

O Nacht, das Wunder fliegt auf Wolken um die Erde,
Der Geist erfrischt dich wie der Wind und füllt die Lücken
Und Zwickel jeder jungermeßnen Weltgebärde:
Die Freiheit siehst du urbeglückt ihr Lichtschwert zücken.

Das Mondlicht will sogar das arme Land umarmen.
Erlösung möchte durch die Schönheitsflechten leuchten.
Wozu? Die Erde wird in geiler Brunst erwarmen!
Warum die Feindin mit Geschmeiden rein befeuchten?

 

        W as brütest du, Menschenkind, hilf uns geschwinde,
Fang an, deinen Acker zum Schutz zu ummauern,
Wo sind deine Pferde, dein Weib, das Gesinde,
Du bist wohl der Faulste von allen uns Bauern!«

Ich schau auf den Rufer und seh einen Wagen,
Von Rindern gezogen, mit Quadern befrachtet,
Bergauf einen traumhaften Halbtrab anschlagen,
Und drauf hockt ein Bauer, der schlau mich betrachtet.

»Ha, Nachbar, Feldredner, erkennst du mich nimmer?«
Dies hör ich: »He, wird denn dein Blick auch schon trüber?«
Mein Nachbar fürwahr! Ich erkenn ihn im Schimmer
Des Mondlichts und laß ihn drum lautlos vorüber.

Im Tal doch vernehm ich beschwörendes Klagen,
Vielleicht hat dort dunkelzu furchtbarer Regen
Die Bergsturzlawinen zusammengetragen,
Ich merk es, weil Menschen geschreckt sich erregen.

Jetzt merk ich ernachbart Gestalten erscheinen:
Bestimmt nackte Männer, die bergaufwärts laufen.
Die Wehrlosen sehn mich, sie wimmern und weinen:
»Du magst uns aus Gnade als Sklavenpack kaufen!«

»Ich brauche wohl Knechte, mein Feld zu besorgen!«
Das geb ich zur Antwort. Das Land, das mein eigen,
Ist goldreich: so hoff ich! Es mißt viele Morgen.
Und ich will mich nimmer zum Staub niederneigen.

»Wer seid ihr?« so herrsch ich die Kerle entschlossen
Schon an. Und erbebend erklären mir jene:
»Die Flut, die sich hoch über Berge ergossen,
Gebar uns für dich, dort am Fuß dieser Lehne!«

Jetzt seh ich die Felsen geherrlicht erstrahlen,
Ein Flammenband prachtvoll die Zacken umglasten,
Dann merk ich, wie Fackeln in Weltbrandspiralen
Erdämmern, da Männer den Sklaven nachhasten.

Sie klimmen am Abhang behend. »Unsre Krieger!«
So ruf ich und kann schon den ersten umarmen.
Das sind Babels Stadtturm- und Zinnen-Erflieger!
»Stoßt nieder!« schreit einer, »und habt kein Erbarmen!«

»Erzählt erst, was hat sich im Tale begeben!«
Bestimm ich; drauf sagt mir der Führer der Stürmer:
»Ein Wunder ists, daß diese Flüchtlinge leben,
Der Regen beschert uns die elenden Würmer!«

»Der heilige Regen!« bestätgen die Gelben,
Denn erdfahl erscheinen die Flüchtgen belichtet:
Ich wende mich ab und vernehme vom selben:
»Wir haben schon längst die Gefangnen gerichtet!

Wir schonten sie nur, um die Geier zu speisen;
Sie lagen bewacht im befestigten Lager,
Die Störrischsten hatten sogar Fesseleisen,
Doch nährten wir sie, denn sie schienen zu hager,

Um einst unsern heiligen Geiern zu schmecken.
Wir dachten sie eben im Tal abzuschlachten,
Da goß es auf einmal an allen vier Ecken,
Es war, als ob Himmel und Erde zerkrachten!«

»Gefesselt!« befehl ich und höre dann weiter:
»Der Wall unsers Lagers ward sturzhaft durchbrochen!
Nichts sah ich. Der Einbruch ward tief und noch breiter,
Und da sind uns flugs die Gefangnen entkrochen!«

»Ich werde sie alle als Sklaven behalten!«
Dies wurde vom Kriegsvolk sofort angenommen:
»Wir haben ein riesiges Reich zu verwalten,
Und Parsen darf niedrige Arbeit nicht frommen!«

Jetzt seh ich im Felsschloß, knapp links gegenüber,
Entzückt eine herrliche Feuererscheinung:
Ich sehne mich hin, doch es wälzt sich ein trüber
Gebirgsbach, als trennte uns schroff eine Meinung,

Wildaufgeregt gischtend und zischend dazwischen.
Zwölf Riesen mit Fackeln stehn hoch auf der Brüstung!
Dort weilt auch mein Bruder: an echtkriegerischen
Gebärden erkenn ich ihn jetzt in der Rüstung.

Er sieht mich und winkt mir nun freundlich abwehrend.
Er späht in die Tiefe. Er gleicht einem Sterne!
Nun trachtet sein Troß, daß er Tod und Not, während
Er niederblickt, schnell aus dem Rückhalt entferne:

Jetzt wittert er sicherlich weltfreie Dinge!
Ich seh ihn tiefinnerlich schrecklich erbeben.
Es ist, als ob Licht rings zu Schwingen erklinge,
Er will sich vielleicht in den Himmel erheben!

Giganten gruppieren verteilt Flammenflügel,
So bilden die Fackeln, zu sechs, eine Spanne;
Mein Bruder bleibt ruhig und führt über Hügel
Die Heerscharen aufwärts, im Augapfelbanne.

Jetzt seh ich gar fernartge Fremdlinge nahen.
Zu mir kommen Greise mit herrlichen Bärten,
Die nackt sind und trotzdem mit Schmuck sich versahen
Und Treiber und Tiere mit Lasten beschwerten.

Sie tragen sonnartige, goldene Scheiben.
Die Weiber erscheinen in gelben Gewändern,
Und Kinder, die munter die Maultiere treiben,
Entstammen wohl bunt den geschiedensten Ländern.

Nun spricht weich ein Greis: »Sieh die Priesterschaft Babels!
Hier stehn wir von Ria geschützt und gefangen,
Wir suchen Poissona im Schoß des Weltnabels
Und möchten zum Schiffe des Noah gelangen.

Dem Licht sind wir singend entgegengezogen,
Doch leicht wallt kein Volksstamm von Norden nach Osten,
Drum sind wir dem Gold und dem Gelb hold gewogen,
Auch wir sind Geschöpfe, die nimmermehr rosten!

Wir haben die Sonnensymbole, zum Schutze
Der Freiheit der Welt, in die Knechtschaft getragen,
Doch nun wird es dunkel, und siehe, ich stutze:
Vielleicht kann die Nacht uns jetzt zwiefach arg plagen!

Denn Baal rast vom Aufgang nach Westen und trachtet
Den Lichtschatz auf ewig für sich zu erhalten;
Erjagt er die Räuber, so ringt er, umnachtet,
Im Erdbauche selbst, um die Alltagsgewalten.

Nun sieh, diese Schilde und Weltlichtgeschirre
Versteckten wir tief in den Felstempelkellern,
Hier sind sie jetzt, ach, und ich fürchte, Baal irre
Durch Erdlabyrinthe, mit Himmelserhellern,

Und könne die Krönungsgeschmeide nicht finden!
Wir haben sie oben nach Osten getragen;
Gestatte darum, daß wir selbst nicht erblinden,
Sie dorthin zu tun, wo sie einst lange lagen!«

Beim Bruder verunglimpft mich wohl mancher Hasser,
Denn alle Verfolger und Peinger sind drüben,
Doch alt bin ich wahrlich und werde nicht blasser,
Doch birgt mir die Grausamkeit Graun und Betrüben.

Ich habe im Kriege zwei Söhne verloren
Und kann die Gefangnen als Sklaven behalten,
Was wollen die tollen, die mordlustgen Toren?
Nur forthauend Köpfe und Töpfe zerspalten?

Jetzt fordern die Tröpfe doch wenigstens Weiber!
»Ihr Priester des Baal, laßt uns liebliche Geiseln!«
So sprech ich: »Und dann, weiße Lichtervertreiber,
Bringt Sonnenschein wieder, sonst wird man euch geißeln!«

Drauf sagt Baals Umwahnter: »O Parsifürst, glaube,
Wir leben und laben uns nur durchs Erraffen;
Die Grausamkeit juckt dich beim Kauf und beim Raube,
Und auch meine Sinne sind Wachen und Waffen.

Das Weib an sich reißen, das Fleisch geil besitzen,
Das scheint mir der Gipfelknauf aller Entartung,
Das Dasein ist wild, bloß ein Sinnenerhitzen,
Drum freie im Weibe den Keim der Erwartung!

Ein anderes, früheres, leidloses Leben
Wird einst durch die Reize der Weiblichkeit zittern,
O sieh, hier steht Zirbanit, dir hold ergeben,
Vermagst du, ihr Rätsel im Rausche zu wittern.

Fürwahr, ihre Nacktheit ist angstvoll zu schauen,
Ihr Blutfunkelauge bleibt scheu abgewendet,
Schon bangt jeder Faser, den Leib faßt ein Grauen
Wo wäre der Mensch, den der Zauber nicht blendet?

Wohl sucht mancher Muskel sich keusch zu verstecken,
Das Fieber der Scham übersprüht ihre Brüste,
Schon müssen dich Flammen der Sehnsucht belecken,
Wo wäre der Mann, der nicht zustürzen müßte!«

»Vertraue ihm nicht!« schreit noch schriller ein andrer,
»Auch ich bin ein Priester und herrlicher Seher,
Ich stamme vom Volke der Niltalauswandrer,
Das Babylon knechtete: ich bin Hebräer!

Das alles war lasterhaft falsches Geplapper,
Ich selbst habe schaudernd vom Weltfall gesprochen,
Die Thora ertieft ihn, kein Stamm sagt ihn knapper,
Die Welt hat ein Urfürst in Aufruhr verbrochen.

Sieh Zirbanit hier, die verwerfliche Metze,
Die Scheol aus sich in die Menschheit gespieen:
Jetzt spinnt sie Lichtschleier und Sinnlichkeitsnetze,
Ihr ward seelenschändende Zweckkraft verliehen.

Wer könnte die Tochter der Schlange besiegen?
Auch sollt ihr sie drum keinem Sonnengott opfern,
Ich weiß, was ich sage, sie kann nicht erliegen!
Ich horchte schon oftmals mit Felsgrottenklopfern

In schallenden Hallen, an Wänden und Schlünden,
Und habe die Wahrheit des Daseins erfahren,
Nun will ich sie euch, edle Parsen, verkünden,
Dann könnt ihr uns allen Verdammnis ersparen!

Die menschliche Seele mag nimmermehr sterben
Und trachtet, entleibt, was ihr gleicht, zu umschleichen,
Um flimmernde Wesen dem Ich anzuwerben
Und Gutes und Böses, nach Lust, zu erreichen!

In Zirbanit walten unendliche Mächte!
Sie müßte, geschlachtet, euch alle durchgruseln,
Ihr würdet der Wollust ergebenste Knechte,
Drum laßt sie, in Kerkerhaft, langsam verduseln.«

»Ich kann euch die Antwort, beileibe, nicht sagen,
Mein Bruder nur darf einen Urteilspruch fällen,
Ihr seht ihn dort hehr, hellerleuchtet aufragen!«
So sprech ich: »Ihr mögt euch zu ihm hingesellen!

Das Reich unsrer Seele, ihm sei es beschieden:
Der Geist hat die Pflicht, zu den Leibern zu dringen,
Er schaffe aus Willkür den Krieg und den Frieden,
Und ich muß die Welt in sein Rechtsbeispiel zwingen.

Ersetzt jetzt den Gießbach, der endlich versiegte,
Nun mögen mich Menschen vom Erzbruder trennen!«
Nun ist mirs, als ob sich ein Greis heranschmiegte,
Derweilen schon Kämpfer den Lichtfels berennen.

»Ich kam aus Milet, um mit dir aufzutreten!«
So lispelt ein Hauch mir geschwind in die Ohren:
Ich sehe mich um und bemerk den Poeten,
Der früher sich unter den Fremden verloren.

»Ich bin erst, du sahst es, den Priestern entschlichen!«
So spricht er jetzt leise: »Ich liebe die Geister,
Die, Einsamkeit suchend, der Lust ausgewichen:
Ich selbst bin ein Weiser und Leidenschaftsmeister.

Der Sieg über Babylon ist euch gelungen,
Das wird euerm Leibe im Frieden behagen:
Die Juden sind tief in das Reich eingedrungen,
Drum kann eure Seele Propheten befragen!

Doch Hellas, mein Land, wird die Selbsteinsicht schärfen,
Von mir kannst du einst noch das Auffliegen lernen:
Und ohne den freundlichen Leib abzuwerfen,
Gelangst du zu Roß bis empor zu den Sternen!

Ihr glaubt an die Engel, die wolkenhoch fliegen,
Und habt Sonnenboten noch niemals gesehen,
Doch konnte ein Mensch sich im Winde schon wiegen,
Denn Bellerophon sah ich himmelwärts wehen.

Aus Griechenlands wonnigen Rebengeländen
Vermagst du umleibt in den Äther zu schweben,
Einst wird dir ein Abend, mit zitternden Händen,
Dort Flügel aus tönenden Goldwellen weben.

Dann fliegst du zu Pferd über inselnde Meere,
Gesehn und gefolgt von geharnischtem Heere:
Kein Volk setzt sich feig solchen Helden zur Wehre,
Drum komme, beschwingt durch sonneigene Schwere!«

Ich kann das Gesicht dieses Weisen nicht leiden,
Auch strahlt aus dem Greis eine stachlige Kälte,
Schon will ich, er soll meine Einsamkeit meiden:
Wer weiß, was so jäh meinen Flugtraum vergällte?

 

        E s mag die Taggestalt in mir langsam verdämmern,
Der Eindruck bleibt mit Glut an Seelenecken haften,
Das Traumgeschaute läßt sich gern zum Erzwerk hämmern,
Drum sprüht, Blutflammen, die schon oft Kunstformen schafften.

Da keine Weite meinen Seelenstern entkräftet,
Will ich die Erde mühsam weiter überschreiten;
Voll Schwermut an den schwachen Wanderleib geheftet,
Wird klar Erfahrnes mich unendlich lang begleiten!

Die Seele mag sich in die Sternennacht versenken,
Doch gilt es, See und Strecken kühn zu überfliegen,
Der Gipfelwechsel regt am kühnsten an, zu denken,
Und das Gedächtnis will ein Zufallspiel besiegen.

Die Sterne müssen wohl die holde Erde lieben,
Denn mit erstaunten Blicken sehn sie fromm hernieder,
Und einge nahen gar, von Sehnsucht angetrieben,
Und blicken fort und fort und senken nie die Lider.

Du rote Welt, die unserm Leib so nah gekommen,
Vielleicht weil unsre Seelen dich herbeigerufen,
Du glühst mich an: was kann dir wohl auf Erden frommen,
Vielleicht die Glutgewalten, die uns freundlich schufen?

O bleibe nur und wolle nimmer erdlos scheiden!
Erschöpfe, nimm das Beste, was uns hier zu eigen,
Für deine Freude wird die Menschheit gerne leiden,
Erscheine, tritt aus deinem hehren Bruderreigen.

Der Erde Inbrunst wirst du schaurig in uns fühlen,
Die Traumlandschaft in mir ist gut und bieder,
Die Erdbrunst kann sich sanft im Waldgewipfel kühlen,
Und jede Krone singt im Winde ihre Eigenlieder.

Priapisch grad befächern sich die schlanken Palmen,
Und männlichsteil erstehn die Bergzypressen,
In ithyphallen Pflanzen kann die Brunst verqualmen
Und nasses Harz aus ihren schlaffen Fasern pressen.

Du Feuerfürst, so steig herab in deine Wohnung!
Ich sehe dich! Du wirst in meinem Traum lebendig:
Nun habe Dank, nimm, was du forderst, zur Belohnung,
Inseelig sprüht ein Feuerglück erzückt unbändig!

Du gelber Held und Erdenfreund, folg dem Gefährten,
Und küre Lebensglut, in kühner Weibgestaltung,
Denn in den Gärten, bunt verheckt mit Flechtenbärten,
Gebarst du Königinnen in der Krönungshaltung.

Sieh, Blütenschleppen schwellen auf besterntem Teppich,
Die Majestäten sind in Eigenpracht gekleidet
Und nur verbrämt mit fremdem, dunklem Eppich:
Das sind die Haine, die das Waldleid ewig meidet.

Du Grüngestirn, das sich behutsam mag erschließen,
Wohl sprüht schon lang dein Prachtsmaragd aus meinen Leiden,
Hörst du den Bach durch weite Wiesen fließen?
Und um den Tummler sieh die stummen Trauerweiden!

Das sind verbannte Dienerinnen, die dort weinen,
Ihr Lockenhaar hat ihre Herrinnen verdrossen,
O Mondlicht komm, du sollst den Armen hold erscheinen,
Laß Hoffnungsfunken auf dem Goldgeflecht ersprossen.

Du kannst das Leid der eitlen Dinger leicht verringern:
So komm und kämme sie mit deiner Glitzerbrise,
Berühr ihr Haar mit lichten Fieberfingern
Und schmück mit Silberflocken ihre feuchte Wiese.

Mein trauter Traum, in blauem Trauerkleide,
Auch du laß deinen Edelstein erglitzern,
Still steht ein Weidenkreis allein auf weiter Heide
Und lauscht dem Murmellaut von Rauschrätselbesitzern.

Der heilge Baum ist selbst ein Priester unsrer Erde,
Wie ist der Stamm verkannter Art so stark bebartet:
Versammle drüben deiner Deuter Dienerherde
Und ruf uns auf, wenn mich das Magiertum erwartet.

Du Purpurfunke unsrer Blutkunstinbrunst, flimmre!
Durchwirble hurtig krumme Traumgestaltungshallen:
Genie, erhasch ein Zufallskind, entführ es, zimmre
Der Nacktgestalt ein Fabelheim aus Bernstein und Korallen.

Der Rhythmus schnelle rasch den Traum ins Leben,
Der Blutpuls öffne tiefste, finstre Wundertüren,
Ein jüngstes Dasein schöpfe frei des Künstlers Herzerbeben,
Die freiste Neigung mag er zum Altare führen!

Da seid ihr, Sterngestalten, edle Perserfürsten,
Vom Himmel steigt ihr hehr und steil hernieder,
Ihr fühlt die Seelen hier nach Ruhmesgluten dürsten
Und habt als Götter doch beschwingte Erdstierglieder.

Der Fürsten fünf, die meine Seele angerufen,
Folgt noch ein großer Sonnengott mit goldner Krone!
Doch reift sein Reich nicht aus! Er stampfts mit eignen Hufen!
Er kommt vom Nord und zwingt den Ost zu kurzer Frone.

Der siebente ist klein und bleibt der Sonne nahe,
Auch er wird seinen Ringlauf, bald erschöpft, vollenden,
Doch was ich selbst berufen durch die Tat bejahe:
Das rote Licht soll Persien groß sein Weltreich spenden!

 

        F ürwahr, nun ist Irans Gewalttag erschienen,
Es steigen ihm sieben Regenten hernieder,
Sie haben verwegene, arische Mienen,
Doch Babylons Prachtstil erschuf ihre Glieder.

Die breiteste Plastik verknüpft ihre Rhythmen,
Die Muskeln durchwachsen sich straff aderastig:
Hier muß jeder Zug sich der Urruhwucht widmen,
Drum ist auch im Stierrumpf kein Ruck zweckhaft hastig.

Die Äthergeburten, mit Landstampfverlangen,
Sind brüllende Büffel, zum Pflügen gerüstet,
Und da sie noch über mir riesenhaft hangen,
Erführe ich gern, was im Windquirl sich brüstet!

Denn Brunst und Lust, Lust und Brunst sind nun das gleiche:
Wie Milch dringt mein Mutterlaut Menschen zum Ohre.
Wer weiß, ob ich schlicht den Allinhalt erreiche?
Wohl fühle ich Gold und durchschweife Goldtore.

Die Flügel der Könige rauschen herunter:
Die Rhythmen sind deutbar melodisch verkettet
Und streben, statt rumpfkunterbunt, frei und munter
Zusammen und gleiten ins Gleichmaß gebettet.

Nun scheint auch das Volk seine Herrscher zu sehen,
Denn überall ruft man: »Dem Könge das Beste,
Es soll ein Geschlecht ohne Sorgen bestehen:
Dem Throne die Feste, dem Volk bloß die Reste!«

Ich rufe: »Nun kommt, eure Feste zu bauen,
Die Könige mögen in Prunkhallen schweben
Und Schönheit und Größe in Schlössern erschauen,
So kommt, in uns selber die Pracht zu beleben!«

Die Wahl meiner Landschaft gelang uns unendlich!
Mein Bruder zieht drüben mit Priestern vorüber;
Nun ist Persiens göttliche Macht unabwendlich,
Doch Brüder, kein Schicksal der Völker wird trüber!

Die Sonne soll wieder die Schollen bescheinen,
Ihr Lebenswort künden schon hoch holde Priester,
Ich sehe den Bruder die Fremden vereinen,
Dort steht er, hebräische Texte verliest er!

Was wollen die Menschen? Was wünschen wir alle?
Aus uns ein Geständnis, vielleicht unsre Seelen
Ins Übermaß schnellen: dann bleibt, nach dem Falle,
Ein Steinmal, das kann bald vom Flugschwung erzählen!

Der erste Alleinherrscher Persiens betrachtet
Uns jetzt aus der Schwebehöh würdig und schrecklich:
Nun ist auch im Volk, das nach Königsmacht schmachtet,
Die Urkraft der Regung durch Hegung erwecklich.

Der König erscheint als ein Nachtungeheuer:
Den Stierrumpf umkräuseln assyrische Locken,
Die riesigen Flügel aus klingendem Feuer
Vergolden die Welt als Kometbrockenflocken.

Im Nacken verkrallt, hockt ein Adler und wittert,
Als lebender Helm, noch zurück zu den Sternen
Und kann, wenn ein Goldmeteor niederzittert,
Die Speere des Himmels vom Herrscher entfernen.

Drum jubelt das Volk, und mit Fackeln berennt es
Die Lehnen der Berge und peitscht die Gefangnen;
In Seelen erglüht drum des Brandelementes
Wutwuchtung und leidreich der Wunsch, zu vergangnen

Machttagen von Babylon sternheil zu steuern.
Doch wer hilft? Die siegreichen Perser entzünden
Im Fleische noch tiefer Schmerzfuchteln und feuern
Die Sklaven an, mühsam den Staat mitzugründen.

Die riesigen Augen des Weltherrschers bannen
Die Heerscharen Asiens ins Schrecksal der Knechtschaft:
Sein Blick kann den Weltwiderstreit übermannen,
Denn jeder wird froh, der sein Fronteil nur recht schafft.

Die Pflichtwichte wimmeln herbei und verzichten
Auf Freude und Anteil am Ruhme der Großen,
Du siehst sie verzückt ihren Drangdienst verrichten,
Selbst Felsen fürs Königsschloß bergaufwärts stoßen.

Da schafft eine Mannschaft Kristallkalkquadrate
Auf Wagen, von Ochsen gezogen, zur Stelle:
Jetzt wetterts, als ob uns ein Siegerzug nahte,
Ja! Fackeln verstrahlen vom Tal Tageshelle!

Gefesselte Menschen erblickt meine Seele!
Sie scheinen nach Freiheit und Freude zu lechzen,
Mir ist, als ob schreckliches Heimweh sie quäle,
Doch hör ich sie kaum beim Vorüberziehn ächzen.

Sie schreiten gelassen zur Arbeit und bücken
Entkettet die bräunlichen Leiber hernieder;
Sie werden stumm helfen die Königsburg schmücken,
Doch Schreivögel spreizen ihr grelles Gefieder.

Auch lechzen der Fackeln luftdurstige Zungen
Aus perlendem Dunste nach freierem Äther,
Sie flattern ermattet, vom Kriegslärm umklungen,
Denn bergempor blasen Triumphzugtrompeter.

Wer schleift Elefanten, mit arger Beschwerde,
Aus Indien herbei? Blickt! Die Rüsseltiertruppen
Beschnüffeln ermüdet die glühende Erde
Und schnuppern nach Pfützen, versprengt zwischen Kuppen.

Die Mädchen, die lichtlila Schleier umglitzern,
Erglühen im Fieber und spähen nach Rettung,
Sie fürchten sich keusch vor den fremden Besitzern
Und scheuen die bräutliche Schicksalsverkettung.

Wohl dürstet die Jungfrau im Perlengeschmeide!
Ich winke ihr zu. Sie begreift mich im Fluge!
Was fühlen wir beide, gemeinsam im Leide?
Ich habe noch Wasser im steinernen Kruge

Und fülle damit ihre Perlmutterschale.
Nun dankt sie mir stumm. Ach, sie schwankt wieder weiter!
Wohin, in die Arme von welchem Gemahle?
Ach, würde mein Bruder ihr Seelenbegleiter!

»Herbei, Babelsmannen, beschafft blanke Platten,
Genug schaler Laster und schmachvoll verpraßter
Glanztage, da Mächte der Männer ermatten!«
Erschallt es: »Ich brauche zum Bau Alabaster!«

Der schwebende König bepfeilt weiß die Stelle,
An welcher er will, daß die Schloßsäulen stehen:
Er selber erglänzt in lichthellem Stierfelle
Und wird jetzt vom Volke, das da ist, gesehen.

Ich spüre die Reihe der späteren Sieben,
Doch scheint im Gewühl sie kein Auge zu merken,
Der Sturm schreit: »Dem König kann alles belieben,
Er schmecke den Lustkern von Welten und Werken!«

Jetzt treiben schon mehrere Rädermaschinen.
Die Sklaven aus Babel beginnen zu bauen.
Sie können am besten im Hebelwerk dienen,
Auch kann ich sie leicht mit der Aufsicht betrauen.

Sie hatten versucht, Himmelsstiegen zu türmen:
Und ist auch ihr riesiges Luftschloß mißlungen,
So trachtet der Geist doch den Äther zu stürmen,
Zum Bauen die Kenntnis ist noch nicht verklungen!

Es drohn schon erhobene Säulenkolosse.
Kristallkalkpilaster umarmen die Hallen,
In der unser König am Throne, dem Trosse
Der Allstaatssatrapen und auch den Vasallen

Dereinst, nach Vollendung der Festung, erscheine.
Schon kann Alabaster die Hauptwand verschalen.
Die hehre Palastpracht umpurpurt die Steine.
Und mancher Sohn Babels fängt hold an zu malen.

Da kommen die Scharen aus Mesopotamien:
Auch Juden und Griechinnen merk ich darunter,
Da gibts tausend Weiber, auch grausame Lamien:
Kein Teufelsspuk schien uns im Traum kunterbunter.

Wer trägt gar gigantische Harzfackeln aufwärts?
Nun nahen Hetären auf schlanken Kamelen
Und werfen rings Dinge geringfüg'gen Raufwerts
Ins Pack der Begleiter, damit sie nicht stehlen.

Den Hals der Giraffen umarmen Halbaffen,
Vampirkinder wohl, voll von Haar im Gesichte:
Gespenstpanther seh ich aus Fraufratzen paffen,
Und schrägumher schwirren beschwingte Sphinxwichte.

Adonis und Balaat kommen aus Babel,
Ein Priester Phöniziens bringt heilge Smaragde,
Ein andrer die Axt, womit Kain einstmals Abel
Das Haupt, und dann Moses den Kalbskopf zerhackte.

Ja, Belgephor selbst, der priapische Esel,
Der Luftsprünge macht, trachtet Notzucht zu treiben.
Das ärgert die Priester: ihr fremdes Genäsel
Bezeigt es, sie tun nichts als fluchen und bleiben.

Hebräer entragen auf gelben Kamelen,
Darunter vermengt und versteckt Dromedare,
Die wollen sie pfiffig im Zuge verhehlen,
Damit sich ihr Diebstahlgeheimnis bewahre.

Jetzt stößt ein verhöllischter Eber vorüber
Und packt Kindskopflarven im Fluge zum Fraße,
Nun gibt sich, bekommt jeder vier Nasenstüber,
Denn Zuchtstiere brüllen: und frei ist die Straße!

Sie rennen erbrünstigt und roh durchs Gedränge
Und trachten den Anlauf zum Flug zu benützen:
Für einmal genügt ihres Flügelpaars Länge,
Doch muß sie die Brunstwut beim Sprung unterstützen.

Wohl mag eine Spukkuh im Säulenbau kauern!
Was kann gar als Albkalb im Hallenhaus heulen?
Vielleicht läßt des Königs Gemahl sie erschauern?
Denn seht doch, sie springen hinauf auf die Säulen!

Das setzt jetzt ein Klatschen und lautes Frohlocken:
Die Dewas und auch die Assuras umtanzen
Die Knäufe, auf denen die Stierrümpfe hocken,
Ja, Hansa und Naga und Schlangenschlingpflanzen

Beginnen gesteilt ihren Firlefanzreigen.
Die Stierhörnerspitzen umschwirren Giftmücken,
Dann fühlst du der Erde Bul brüllend entsteigen
Und, was uns bedrückte, im Nu überbrücken.

Im Dunkel verschwunden sind alle Gespenster!
Warum war das Bul? Ich schau zum Palaste:
Dort ruhen die Stiere, erglitzern die Fenster,
Mir ist, als ob Wabe die Feste erfaßte!

Die Ized ummanteln jetzt Fervergewänder:
Denn persische Glutgeister helfen beim Werke:
Das war der Steg Tschinvat, und Festungsvollender
Bezwangen die Drushas durch Amschaspandsstärke.

Sie wollen den Turm auf das Herrscherhaus setzen:
O könnte mein Denken Dachdecker bescheren,
Denn seht, hier gelingt nicht das Felsenwegwetzen!
»So helft denn den Weibern Gehilfen gebären,

Ihr geistigen Engel, wir sorgen für Leiber,
Herbei frische Weiber!« so ruf ich begeistert:
»Steh bei, Vohu Manô, betreib Fruchtabtreiber,
Sieh zu, wie der Mensch Weltgeweide stolz meistert!«

Beschaudernde Geilheit erfaßt alle Wichte.
Hier ächzt man aus Lust, und dort kommen schon Wehen!
Wie freut mich die dreiste und wilde Geschichte!
Doch ferneher schleiern auch Peris und Feeen.

In Leibern verkrampft und von Weibern zerbissen,
Vergeß ich kein Pflichttum und schreie: »Ihr Männer,
Zum heiligen Werke, entwimmelt den Kissen,
Herbei, ihr Besiegten und freie Bekenner!«

Die Amescha-Spentas erwarten am Dache
Die Ankunft des alten und frischen Geschlechtes.
Ihouras, ach, macht, daß die Urkraft erwache,
Steht bei, ihr Entscheider des Seelengefechtes:

Das war eine prachtvolle Glastfackelbrandung!
Laut jauchzend umrast Schaum den Saum des Palastes
Und trachtet, die Quadern zur Dachstuhlumrandung
Ekstatisch zu heben. Den Knauf manchen Mastes

Belastet bereits eine Platte. »Schafft weiter!
Noch einmal, o Menschheit, verrenk dich zur Treppe!
Der Rumpfwurm wird weiter, noch brünstger und breiter,
Und werfende Weiber sind rings deine Schleppe!«

Noch einmal und wiederum wuchtet der Strudel
Mit Brandfackelkämmen hinan zum Palaste:
Nun sumpft schon ein Brunstrumpfgenudel, als prudel
Ein Schlangengewirr, sacht vernehmbar dem Taste,

Den Bauch hindurchsurrend, durchsichtig und weichlich,
Hindurch durch die furchtbar befrachtete Menge:
Die Adern starr sichtbar, das Hautgefühl speichlich,
So brummts langsam fort durch die krumme Lurchlänge.

Vom Urrumpfe spalten sich glasthafte Schlangen,
Und uns, ach mich selbst, schnürt das Alpungeheuer:
Schon sind wir von Hälsen und Armen umfangen,
Da zieht der Polyp mich hinab und speit Feuer!

Doch sausen nun Adler mit Flammengefieder
Herbei, um mich Menschen aus Qual zu befreien,
Umschließt uns doch furchtbar ein Müdigkeitsmieder,
Durchfiebert und schlaff sind die jungen Sturmreihen.

Die Leute gewahren wohl schwach die Glutschlange,
Die leuchtende Adler von hoch her zerhacken,
Sie fühlen bloß, Kühle berührt ihre Wange:
Vom Flügelschlag rührt das, beim Krampfrumpfanpacken!

Doch fühlt auch: die Schlange ist nie zu vernichten!
Die flammende Mähne der Erde gebiert sich
Steil jüngste Spuklurche, die Jammer anrichten:
Ich zähl die Erfluchten, uns würgen wohl vierzig.

Von fernen Weltenden, wo Stürme erwehen,
Erscheinen auch zackig erbrennende Herzen.
Sie wandern. Ja! Heere des Bruders entstehen.
Die werden uns helfen, den Feind auszumerzen.

Wo fließen die Pulse der Welt hold zusammen:
Ein Glaube der Erde umloht meinen Bruder,
Denn Götter, die Inseln und Gipfeln entstammen,
Erschufen verbunden der Seele Lichtruder.

Dort werden die Fackeln einhellig getragen.
Vereint schreiten Perser, Hellenen, Semiten.
Drum können auch Flammen zusammen aufragen
Und strahlend den Anblick von Glastherzen bieten.

Nun fliegen Spukschnuppen zur Rettung herunter:
Und keine verpufft, jung umzucken uns Schlangen,
Und munter umwirbelt ein flügger und bunter
Luftlurchenschwarm Menschen, vom Erdschmerz umfangen.

Wo steilher ein Adler die Schlange gebissen,
Entschlüpft ihr ein Vogelkopf, spreizt sie Lichtschwingen,
Und ist drum, vom Himmelsgezücht wild zerrissen,
Ereignet, ein geistiges Sein zu bezwingen.

Drum trachtet die Drachenbrut, Brunstwut zu wecken
Und eigenen Rasseschleim überzuspritzen:
Du siehst schon die Erdflammen geil aufwärts lecken
Und Alpfraß begehrend sich wild überhitzen.

Das ist jetzt das üppigste Hin- und Herhüpfen:
Die Wollust durchzuckt nun den Urrumpf der Lurche,
Ich merk ihn verrenkt, sich noch überverknüpfen,
Und Leib oder Leiche steckt wo in der Furche.

Jetzt streckt sich die Hydra geschreckt und in Geilheit:
Sie hat in den Achseln Kadaver und Platten!
Mein Bruder benützt die priapische Steilheit
Und läßt zwar die röchelnden Menschen ermatten,

Doch reißt er die Würfel empor auf die Zinnen
Und sieht dann die Schlange in sich schlaff versinken:
So siegte der Himmel! Das Fest kann beginnen!
Fast fertiger Dachstuhl, laß Diener uns winken!

Bald bleiben der Bauburg bloß Nachtüberwinder.
Die gräuslichen Erdrauschgeburten verrauchen.
Doch halten Glastadler Weibsleichen noch, Kinder,
Die lebend und schwebend den Urkreis ertauchen.

Ein junges Geschlecht ist berauschend geboren:
Schon legen es Atârgestalten zu Boden:
Die Schroffheit der Rassen verfärbt, weltverloren.
Wo lodert der Sonne ergoldeter Hoden?

Der Jubel wird Trubel. Das Werk muß gelingen!
Der Weltherrscher ist in den Saal eingezogen:
Sein Wesen kann Bäume und Räume durchklingen,
Das Schloß scheint von hohen Geboten umflogen.

Schon nähern sich Gäste der herrlichen Feste,
Doch blieb gegen Osten der Bau unvollendet,
Dort stürzen noch Träume um Trümmer und Reste:
Nur Gold ward vom Würfelgetäfel verwendet.

»Heran denn zur Arbeit, schon gibts keine Schlange!«
So höre ich rufen, und bald dröhnt es weiter:
»Herbei, faule Krabben, was lungert ihr bange?
Zur Arbeit, zur Arbeit, seid fleißig und heiter!«

Da wälzt sich die Menge, verkrümmt, in die Frone.
Schon klettern entschlossenste Kerle behändig
Auf Säulen empor. Und auf hohem Balkone
Wird Alb und auch Mensch, schwups! zum Schmücken lebendig.

Doch müde und keuchend erreichen die meisten
Die Pforten des Schlosses und stürzen zusammen:
Die Menge kann nie stolzes Sonnenwerk leisten;
Gekrümmte beginnen die Macht zu verdammen!

Da rast ein Umwahnter mit qualmender Fackel
Hinan zum Palaste und schreit traumrauschtrunken:
»Du Alpkoloß Irans, du Weltzwingburg wackel,
Du Sternengekrönter, nun herrsch unter Funken!«

Dem Wütenden stürzt sich kein Wesen entgegen,
Schon folgen ihm Scharen in Aufruhr und stürmen
Die Stufen des Baues; und steil, allerwegen
Beginnen sich schloßhoch die Leiber zu türmen.

Die Tat zur Entscheidung wird hart wahrgenommen.
Mein Bruder zerschmettert vor sich die Rebellen
Und schneidet mit Kraft die schon aufwärtsgeklommen
Durch Schwertschläge rasch von den untern Gesellen,

Den nutzlos gefährlichen, ab: und hoch oben
Vollenden die mutvollen Vordern den Prachtbau!
Jetzt kommen die Gäste, den Bruder zu loben,
Und fordern, daß jeder auf göttliche Macht bau!

Wohl zeigt nun mein Bruder den vornehmen Gästen,
Daß nur Hundsgemeine beim Burgbau erlagen!
Wer räumt die Kadaver, die Gänge verpesten,
Rasch weg? Denn der Hof geht zu Freudengelagen.

Wild jubelt das Volk, und da klatschen Eunuchen!
Die Jünglinge führen die züchtigen Bräute
Von steilen vier Seiten herbei und ersuchen
Den König und schlicht seine Schloßedelleute,

Sich erst mit den Jungfrauen gut zu vergnügen,
Bevor sie die Gattin dem Mann überlassen.
»Wir möchten uns gern mit den Resten begnügen!«
Erschallt es: »Doch hoch dort im Schloß sollt ihr prassen!«

 

        D ie Burg prangt auf Irans gewaltigster Lehne.
Wohl weidet der Geist, der sie schuf, Glücksgefühle
Den Schloßbau entlang, denn nun ruht jede Sehne:
Zufriedenheit birgt hundert Seelenrastpfühle.

Der erste Gewaltherr erstrahlt im Palaste!
Erdeutbare sechs nahen langsam den Hallen:
So wird bald die prachtvollste Himmelsglastquaste
Als Weltherrscher flackernd von oben einfallen.

Am Bergabhang, sternwärts, erglüht die Felskante.
Mein Bruder entzündete dort sechs Herzherde,
Und als ob das Schloß Feuerflügel ausspannte,
Um aufzufliehn, sprüht die iranische Erde.

Schon lang sind die Gäste im Prahlsaal versammelt.
Ich selbst will hineingehn, mich drin zu erfreuen:
Am Eingang gewahr ich, daß etwas da bammelt,
Und düster empfängt mich das Brüllen von Leuen.

O Schrecken! Zwei Sklaven sind dort angekettet.
Wohl krampft noch der eine, die Fesseln zu sprengen
Und schreit: »Ach, ich habe die Freiheit verwettet,
Wer kann noch Blutdürstlinge angstlos bedrängen!

Du Wandrer, gewahr meine Schmach: ich verschmachte!
Die Schlange kam arg, auch Machthabern gefährlich:
Die Adlerschar wars, die das Menschenleid brachte.
Der Wabewurm bleibt; macht uns Schutzlose wehrlich.

Wohl wollte die Erde die Nachtmacht benützen:
Du witterst, sie fliegt mit gestirnten Spannen
Dem Urmann entgegen, um Schwaches zu stützen,
Als plötzlich die Aare zu hacken begannen!

Wohl siehst du die Bergburg, gewaltsam vollendet:
Doch wie zwischen Menschen und Tieren des Lichtes,
Ist nun auch die Freundschaft der Stände beendet,
Das sag ich dir dreist, und willst dus, bericht es!«

Von Schmerz überwältigt, verstummt nun der Sklave.
Er hängt am Pilaster, ein Schaustück der Straße.
Er zerrt an der Last der Palastarchitrave,
Und Muskeln erwuchern zum Kraftübermaße.

Der andre ist schöner: voll Jugend und Anmut!
Er scheint fluchgebunden als Sklave zu leiden
Und schmiegt sich ans Schicksal: du siehst, er gewann Mut
Und läßt still die Striemen ins weiche Fleisch schneiden.

Die Ursicht, sein Erbteil, hier muß sie verkommen.
Sein üppiger Brustkorb beschwert schon die Lenden.
Das Atmen wogt plastisch, oft angstvoll beklommen.
Die Kraftarme fächern in weiblichen Händen.

Euch fleischige Beine, in männlicher Länge,
Scheint weibliche Keuschheit holdwogend zu kreuzen:
Es ist, als ob Seele zur Geistigkeit dränge,
Das Bild ist vollendet und kann dich nicht reizen.

Doch sagt mir der Jüngling: »Gar lang muß ich schmachten!
Das Wesen der Welt birgt es, Wesen zu scheiden,
Die Sonne scheint ewig nach Trennung zu trachten
Und sammelt die Tränen im Brunnen der Leiden.

Ganz Mann kann der Arier sich jetzt hehr erheben,
Das reine Geschlechtsweib entsinkt seiner Nähe,
Ich selbst muß verachtet den Zwist überleben,
Ich weiß, daß ich mittendrin weiterbestehe.

Um mich zu verleugnen, erzieht ihr Eunuchen,
Ihr Leid muß im Streit der Geschlechter vermitteln,
Ein Kettenglied sind sie: mich mögt ihr verfluchen,
Ich träume mein Ursein und will nirgends rütteln!«

»Ich kann nicht dein Freund sein, mir fehlt das Verständnis
Für Zwittergestalten, mein Ruf gellt nach Reinheit:
Dein Schrei ist im Ohr mir ein Ohnmachtsgeständnis,
Ein Mann sein ist Pflicht und ein Fluch Geschlechtseinheit!«

Das sage ich, brülle dann wütend hinüber:
»Es darf kein Eunuche das Lichtreich beflecken,
Hinweg mit dem Kunstnichts, kein Weib ist mir lieber,
Als Hunderte unter die Fuchtel zu stecken!«

»Du wagst es, auf Königs Eunuchen zu schimpfen!
Du Hund du, was kläffst du hier zwischen den Säulen,
Du willst unsern würdigen Stand verunglimpfen,
Zurück, Hund, zu Hunden; hier darfst du nicht heulen!«

Das haben jetzt sieben Eunuchen gerufen,
Harbona und Bizta, daneben Mehuman
Und Zethar verfluchen mich eben die Stufen
Herunter, sie zetern: »Den Frechling da tu man

Sofort in den Kerker!« Und Karkas, Abagtha,
Selbst Bigtha bestimmen: »Den Wicht!« mich »den bindet,
Den höhnisch-verwöhnten Geschlechtsmann, den packt da
Und reißt ihm den Stolz aus, bevor man ihn schindet!«

Kein Schimpfen beirrt mich, kein Donnern, noch Fluchen.
Ich schreite empor, doch der Wächter Ginknagtha
Behindert mich dreist bei den Eintrittsversuchen
Und sagt, ganz Verachtung: »Was macht der, im Sack, da!«

Fürwahr, ich bin dürftig und schmucklos gekleidet,
Schon werd ich aus Türen als Bauer verspottet:
Ein Troß, der mir Stolz und Verachtung verleidet,
Hat rasch sich im Schloßhof zusammengerottet.

Da wandeln Altparsen herüber vom Saale.
Sie tragen Bartlocken und lange Talare.
Das sind meine Nachbarn! Sie wandeln zum Mahle.
Wer weiß, ob ich auch meinen Bruder gewahre!

Sie schmunzeln und sprechen zu mir, halb mit Lachen:
»Mein Freundchen, du wirst nicht zu Hof zugelassen,
Du halfst nicht beim Herrscherpalastüberdachen,
Du hieltest beinah zu den meuternden Massen.

Damit hast du fast unsern Adel beleidigt.
Die Adler beschautest du auch wildgehässig.
Zuerst aber hast du den Meder verteidigt
Und warst bei der Volksamtzuteilung gar lässig.«

Fast platzend vor Lachen, mit grauser Grimasse,
Fährt einer noch fort: »Auch dein Stand ist nicht ehrlich!
Man heischt, daß sich niemand mit Handwerk befasse,
Was Edle auch machen, stets sei es entbehrlich!

Dazu fängst du an, auf Eunuchen zu fluchen,
Und sieh, die Kastraten sind arg staatsgefährlich,
Und du, was kannst du gegen Throne versuchen,
Dein Reichtum und Anhang ist zaghaft und spärlich!«

Nun trubeln die Weiber des Harems zur Rampe,
Und tanzend umsausen sie dumme Eunuchen,
Und eine schreit herzfrei: »Die Buhlin schlampampe!
Wie Falter die Lampe, zum Luftballett, suchen,

So wirbeln wir Weiber um machtvolle Wesen!
Lang schlafen die Mädchen allein in der Kammer,
Doch hat uns der Buhle zur Lust auserlesen,
So tanze ihn aus, deinen brunsttiefen Jammer!«

»Asketen, geht weg, denn ich will mich auslaufen!«
So rufen nun alle. »Du Weiser bist häßlich,
Wir tanzen dich jubelnd im Nu übern Haufen,
Nein, Milde laßt walten, jetzt sind wir vergeßlich!«

Hinüber, vorüber. Der Troß ist zerstoben.
Gewänder entpurpurn geschwind hinter Säulen.
Doch will noch der Haß der Kastraten austoben,
Und einige drohn mir mit knotigen Keulen.

Da winkt rasch ein Parse und zeigt nach der Halle;
Dort lassen die Wächter die Schwungwaffen fallen;
Jetzt zeigt sich mein Weib, bleich, entkleidet, ich pralle
Zurück, und ich fühle die Fäuste sich ballen.

»Umsonst!« ruft die Hure: »Du mußt mich vergessen!
Hier herrscht Myr Militta, das Weib eitler Geilheit,
Ich liebe es, Lust aus der Schmerzbrunst zu pressen,
Die einzige Tugend hier heißt Schmeichlerfeilheit.

Du hast mich dem Hofe nicht selbst angetragen,
Dafür bleibst du draußen, den Geiz muß man strafen;
Doch ich jauchze weiter; du magst dich beklagen,
Mein Wollustrausch folgt mir vom Tafeln zum Schlafen!«

Jetzt klettert Gewimmel zu Wimpeln auf Masten,
Benachbarte lachen herab von Giraffen,
Erkannte, die einst den Palastadel haßten,
Versammeln sich schlau als Altparsenschlaraffen.

So ist es! Auch Spott, der mich lobt, tobt erfreulich!
So blickt auf das Schauspiel und mich froh hernieder!
Da sagt mir mein Weib: »Du erinnerst dich, neulich
Umfaßtest du noch meine Brunstfieberglieder,

Und heute verschaffe ich reicheren Buhlen,
Die neugierig alle nach Lustbarkeit geilen,
Die Feinheiten alter Geschlechtspriesterschulen,
Und auch deine Marter kann Qualdurstge heilen.

O laßt mich alleine mein Finstern genießen!
Die Nacht meine weibliche Nacktheit umschließen:
Kein Mädchen kann dunklere Wollust erschließen
Und lüsterner Reiz aus sich selber ergießen.

Ich liebe die Weichheit der Finsterniskissen,
Ich mag der Geheimnisse Brüste nicht missen,
Die Nacht soll von mir sachte Einsamkeit wissen,
Ich hab mich ins dichteste Dunkel verbissen.«

Wer schwenkt Feuerstümpfe? Was klatscht auf den Masten
Und freut sich am Jubel der Königseunuchen?
Wer läßt Korybanten aufs Schloßpodium hasten?
Die ganze Palastrampe dröhnt von Versuchen,

Sich selbst und das Pack durch den Tanz zu erhitzen.
Wer pufft und was schleift einen Mann mit Prachtmähne?
Das Haremsvolk guckt durch die Hinterwandritzen.
Der rasende Aufrührer tritt auf die Szene.

Nun nahen hieratisch gekleidete Weiber,
Sie tragen Luftschleier, fast zarter als Farren,
Sie folgen, bewacht, dem Palastzeitvertreiber
Und fangen stumm an, auf das Opfer zu starren.

Jetzt fesseln die Henker den schweren Rebellen
Und lassen ihn dann auf die Steinrampe fallen.
Wer peitscht ihn, daß echoreich Schmerzschreie gellen?
Ein Klatschen und Jubel entbuchtet den Hallen.

Wer naht schon dem Manne, mit flimmernden Spießen?
Auf ihn sind der Grausamsten Blicke gerichtet,
Denn Menschen, die gerne ein Schauspiel genießen,
Sind stockhoch, herum um das Podium, geschichtet.

Wie Sterne im Morgengrau krampfhaft verstahlen
Und starr, fast im Tagpanzer, langsam verblassen,
Erscheinen mir schrecklose Augenlichtstrahlen,
Die fast trachten angestrengt Qual anzufassen.

Den Schrei des Gemarterten würgt das Gezeter
Der Zirbanitpriester, die ringsum sich zeigen,
Und Zither und Zimbelspielkinder, Trompeter
Durchwirbeln der Zirbanit lieblichen Reigen.

Das Weib ist, in Spitzen gekleidet, erschienen.
Ein reizreicher Diener umschmiegt ihre Lenden.
Und Zirbanit zittert. Sie kräuselt mit Kienen
Die Haut des Zerschmerzten: mit fiebernden Händen

Ergreift sie die Krause und zieht sie vom Leibe
Und zwitschert dann leise und sinkt in die Arme
Des Liebesgespielen: sie sieht eine Scheibe
Mit Glutmarterzeichen und drinnen im Schwarme

Der grellen Gespenster des Lieblinges Lippen.
Sie zittert heran an die brünstigen Schwülste.
Sie fletscht mit den Lefzen. Sie fühlt seine Rippen.
Sie beißt und erkneift sich im Jünglingsfleisch Wülste.

Jetzt hör ich vom Mastwald gar fieberhaft lachen.
Dort oben verkrampfen sich geile Gestalten.
Wer merkt noch, daß schwankende Lustbäume krachen?
Ich suche aus Angst mich an Quasten zu halten.

Ich glaube: ich muß nun im Augenblick stürzen
Und fühle so schmerzhaft das Brennen der Sohlen:
Ich mag mir die Lust nicht so kümmerlich würzen
Und höre doch stoßhaft im Schloßhofe johlen.

Wo kommt schon ein Priestertroß hopsend gelaufen?
Mir ist, als ob Rudel Betrunkener nahten:
Das ist der Beschnittnen und Schnittlinge Haufen,
Bloß Seltsame leben in Mönchszölibaten!

Ich wähne, sie schleppen den greisen Hebräer,
Der früher mich ansprach, hindurch durch den Trubel.
Er scheint mich zu kennen. Jetzt tritt er mir näher
Und ruft nun hindurch, durch den Saufbrüderjubel:

»Hazazel, Hazazel, schreckliches Fatum!
Mein Leib treibt nach unten. Wer zwingt mich zum Bösen?
Nun bin ich verloren, denn schlägt je das Rad um,
So läßt sich der Sündenbock nimmer erlösen.

Du einsam verspotteter, wirklicher Priester,
Warum schlugst du Babels Brut nicht schnell in Fesseln?
Du einzig von Jahve, in Persien, erkiester,
Vernimm doch, schon peitscht uns das Kebsweib mit Nesseln!

Dein Bruder sieht weit, doch es fehlt ihm die Steile:
Er hat Irans Reinheit an Babel verraten,
Er ahnt auch im Laster den Lichtkeim zum Heile
Und glaubt an das Urmuß der bösartgen Taten.

Jehova jedoch ist der reine Gedanke.
Er ist fast nur Zukunft. Der Erdschmutz sein Ekel!
Er läßt wohl, daß Babel sein Dasein umranke,
Damit sich sein Gestern mit Schlechtem verhäkel,

Er selbst aber steigt hehr hervor aus der Erde.
Ein einziges Volk nur vertritt seine Größe:
Und Zebaoth heißt er, als Herr seiner Herde,
Die Laster und Unkraut, durch Schwert und Axtstöße

Um Jahve her wegräumt: denn wisse, das Böse
Ist überall dort, wo sich Heiden befinden.
Es reicht euch vom Scheitel bis tief ins Gekröse
Der Erde hinab, wo die Teufel sich winden.

Das Gute hingegen steigt nur von Hebräern,
Die eifrig Jehova im Herzen erstreiten,
Den eifernden, irdischen Umvolkvorstehern,
Empor bis zum Schöpfer, zu Urfreiheitsfreiten!«

Wohl wollte der große Hebräer noch sprechen,
Doch schon hat der Strudel ihn sauszu gerissen.
Nur: »Hazazel, Hazazel, wer wird dich rächen?«
Ertönt es noch hinter den Säulenkulissen.

Jetzt strampeln acht wollüstge Panther zur Rampe:
Bacchantinnen tanzen mit nackten Kumpanen,
Rasch folgt jede lachend dem schlankwüchsgen Kampe,
Ein Lampe und Schafe sind da; Ägypanen,

Mit Zitzen am Ziegenhals, sitzen die Tiere
Im Bacchuszug schnuppernd, voll List, auf der Ferse.
Vom Bambusstuhl, prachtvoll im Pampasspaliere,
Verbeugt sich ein Dichter und singt seine Verse.

Mit Eselohrbüscheln, mit Flachshaar und Larve,
Umzischeln die Masken den Rhythmenauffinder.
Ein Arschaffenschwanzpanisk zupft auf der Harfe.
Genau gegen mich wischerln spielgeile Kinder.

Da kommt eine reife, fast platzende Traube:
Ein Zugsägypan ists, mit Zitzen und Kröpfen,
Es scheint, daß er gerne beim Wandern erlaube,
Den Brustnektar forsch aus den Eutern zu schöpfen.

Drum hängen sich Tiere an viele Milchzitzen,
Auch Tauben umflattern den Jüngling und gurren:
Ein Urwaldsatyr unterhält uns mit Witzen,
Er schlägt Purzelbäume, erzählt freche Schnurren.

Epheben, mit Schellen an Füßen und Händen,
Belustigen Nymphen durch Luftkapriolen.
Satyrkinder lassen sich unverschämt schänden
Und laufen sogar, große Lümmel zu holen.

Ein Mohrägypan ist soeben erschienen:
Sein Schreivögelwirbel umfliegt laut die Zitzen,
Sein Traubenrumpf könnte ein Volksheer bedienen,
Er sieht sich genötigt, Milch selbst auszuspritzen.

Der Kropfägypan und sein Bruder, der Neger,
Geleiten den weisen Milesier zur Rampe.
Der schneuzt sich, dann sagt mir der Mythenausleger:
»Zieh fort, find ein Weib und vergiß nicht die Lampe,

Denn jetzt bleibt es lange noch finster und traurig:
Du wolltest ja selbst Wichte haarscharf erkennen:
Da hast dus: der Nachtkern der Dinge bleibt schaurig:
Und du magst nun säubern, nur wandellos trennen!

Doch ich bin nur hier, auf der Durchfahrt nach Hause.
Ein Gott, der schon einmal in Hellas geboren,
Der Pentheus (wie du, ein ganz dummer Banause),
Einstmals schon zu kostbarem Spott sich erkoren,

Verschwand in der Heimat, vom Feinde zerrissen.
Doch nun ist sein Tag da: gleich wird er erscheinen.
Ich seh ihn als Stern, hinter Pfeilerkulissen:
Er kommt, um die Menschen durch Lust zu vereinen.

Selbst ich, der vernünftige Viereckedenker,
An dessen Spitzkanten der Gott sich aufwetzte,
Bin jetzt ein zufriedener Glanzwagenlenker,
Und, ha! im Genuß, bei Zeus, nicht der Letzte!

O sieh, wie das Mädchen mich heimwärts begleitet.
Ein Knabe liegt oft neben mir auf dem Lager.
Ein indischer Koch, der die Mahlzeit bereitet,
Ist auch da, und bald folgt mein alter Wahrsager!«

Ich weiß nicht, wie' s kommt, doch ich muß plötzlich niesen!
Ists der, der mich leiblich und seelisch verschnupfte?
Ein Zimbelschlag folgt gleich aufs Niesen, und diesen
Witzgruß gab ein Kobold, der blitzschnell entschlupfte.

Da kommt hold der Gott mit vollendeten Locken.
Er ward in den indischen Tropen geboren:
O Hellas, bald kann dein Gefilde frohlocken:
Dein Dionys tritt aus den Wonnegoldtoren.

Er selbst hält sein sonniges Antlitz verschwiegen
Und schreitet bedeutungsreif weiter nach Westen:
Er sieht, wie die indischen Kinder sich wiegen,
Und schwelgt in der Seele bei lieblichen Festen.

Dort torkeln Besoffne mit tränenden Augen.
Ein grunddunkles Blau schaut mir traurig entgegen,
Und Kinder, die kaum noch zum Korbtragen taugen,
Verstreuen sanft Trauben auf Dionysos Wegen.

Jetzt kommt auch Triptolemos heimwärts gezogen.
Das Goldkorn, der Weinbau gedeihen auf Erden.
Drum kehrt er zurück, und in wogendem Bogen
Bereist er mein Land, nach den Weltkriegsbeschwerden.

Und himmelhin, himmelher blauen die Trauben.
Der Gott zog vorüber. Nun bleib ich alleine:
Urstill wird es rings. In den heiligen Lauben
Geheimnisvoll reifen die kostbarsten Weine.

Die griechischen Trauben, voll indischem Feuer,
Durchzuckern die eigenen, glutschweren Säfte:
Sie sprühen mir zu ach, noch blauer, urtreuer
Erfreut, daß mein Auge sich sanft an sie hefte!

Urtrunkenheit dunkelt aus perlendem Schmelze:
So glühn auch Pupillen mit gleißendem Saume,
Denn wenn ich Gesichter ums Schlummerrad wälze,
Erschau ich oft Trauben von Augen, im Traume!

Wie herrlich die Reben Geländer umlocken:
Der Zug doch ist dunkelnd im Weinlaub verschwunden,
Das Schloßdach umglasten fast goldfrohe Flocken.
Mein Schrei: wird die Nacht noch dereinst überwunden?

Ein Leuchtvogel scheint mit verkreuzten Windflügeln
So glücklich und still über Trauben zu brüten.
Ein Frühfrühling glüht kühn über kühlen Lichthügeln,
Und hold um das Schloß sprossen glückverzückt Blüten!

 

        M ein Weib ist gesunken. Mein Weib ist gefangen
Und schmachtet bewacht im Palast der Kastraten.
Mein Weib! Als Bacchantinnen Tanzlieder sangen,
Vergaß ich dich ganz: ach, ich hab dich verraten!

Mein Weib, höre Weib: ach, zeig dich noch einmal!
Du warst es bestimmt: ach, du hast mich verspottet:
Du trugst auf der Schulter dein untrüglich Weinmal,
Für dich hat das Volk sich zusammengerottet.

Geneigt wird mein Bruder dem Weibe Schutz bieten,
Das arme Geschöpf vor Gelüsten behüten!
Mein Bruder, ich sah dich, du warst mit Banditen!
Mein Bruder: du schmücktest die Locken mit Blüten!

Ich sah dich gewiß! Drin im Zug der Bacchanten!
Du nahmst deine Larve rasch ab, und du lachtest:
Ich suchte dich fernab, bei frommen Bekannten,
Und kannte dich nicht, als du Spaßknickse machtest.

Du schrecklicher Gott, was hab ich gesehen!
Du ließest mich trunken mein Unglück vergessen,
Ich trank keinen Wein, dein bloßes Herwehen
Berauschte mich, machte mich weltglutbesessen.

Mein Weib eine Hure, – der Bruder Verräter!
Nein, nein, wie zu fassen, nur weg! Einge Schritte!
Nur jetzt Heiles denken: die Schande für später!
Die Schamgewalt her! Schnell: zum erdfernsten Ritte!

Mein Weib eine Hure! Ich stürze kopfüber!
Empor zwischen Ginster: das Schloß liegt schon tiefer!
Ihr Nebel, steigt auf! Du Nacht, finstre trüber!
Ein Dach unter mich: so blick ich bloß Schiefer!

Mein Weib herzt und küßt meinen Bruder! O nimmer!
So haltet, umhaltet euch, laßt euch verlassen:
Ich werde ein einsamer Felsenzerklimmer,
Doch Kebsweib, mein Kebsweib, ich mag dich nicht hassen!

Die Burg liegt in Schlummer, unheilig, tief unten:
Wie mußt ich mich wortlos vom Weibe mein trennen!
Nun ruh ich ein wenig: ich lebe nur bunten
Glutfreuden, die steil aus der Sehnsucht erbrennen.

Kastratenpalast und Verlies geiler Weiber,
Du Festung von Persien, erfüllt mit Verrätern,
Du Babel asiatischer Haremszutreiber,
Du Erzspalt der Sünde, voll Betern, die zetern,

O Halle, umstellt von priapischen Säulen,
Nun kenne ich dich: ich seh dich von oben!
Du Giftpilz der Erde, o schlimmste der Beulen,
In dir muß das Übel der Welt wild vertoben.

Die Herrscher, die erdwärts dem Schlosse sich nähern,
Durchschaue ich jetzt mit entschlossenen Augen:
Hehr blickten sie erst aus den Seelen von Sehern,
Doch schlecht scheint ihr Wesen für Iran zu taugen.

Ich will, daß ihr Brunstrumpf zum Glutstumpf verrunzel!
Zu Kugeln verkrampft überglühn sie die Erde:
Erloschen ist schon unser Schloß- und Bergfunzel,
Dahin seine herrliche Flügelgebärde.

Jetzt sind sieben Monde im flimmernden Himmel:
Ich kann ihren Untergang nimmer erwarten,
Den heiligsten doch überwimmeln Gischtschimmel:
Er meidet zu sehn, wie Mondschleichler entarten.

Der erste sank grad in den Hof des Palastes.
Ich kann ihn erhoben im Tiefen gewahren.
Dort ward er zur Ungestalt maßlosen Mastes
Und stirbt nun im Harem, bei Artunzuchtpaaren.

Ganz ausgegeilt, unverschämt, schwelgt er sich fertig.
Der zweite, ein Lüstling, steht steil überm Schlosse,
Das Hofpack besorgt schon, des Einbruchs gewärtig,
Die Jugend für Orgien, zum Krönungszug Rosse.

Erscheine mir, Zarvan Akaran, erscheine!
Und sprich zu mir, Angromainyus der Große!
Verneine mich, Andra! Verneine! Verneine!
Und hüte die Schlange im wollüstgen Moose.

Du bist nicht der Schatten und Spötter des Lichtes,
Die Finsternis bist du, du nistest im Schoße
Der Dinge, du bist die Geburt des Gewichtes
Und willst, daß, was ist, da zu sein sich erbose.

Ich wähne dich bang, und bald kann ich dich fassen:
Erblicke ich sternsteil die riesigste Stirne,
Mit tausend Pulsadern, die Ruh und Glück hassen
Und hämmern und grübeln, daß Gott drob erzürne?

Du selbst bist mit Áhura Mazda verschlungen.
Ihr seid altverkapselt. Du zwingst ihn zu werden
Und ruhst nicht, bis jüngste Geburt ihm entrungen:
Du engst dich und Feinde aus Daseinsbeschwerden.

Du hastest aus Leid, immer andres zu schaffen.
Die Eigenqual drängt dich, die Welt umzubauen
Und schamlos Erfundnes dem Gott zu entraffen,
Du willst auch das Taglicht fünfspaltig durchschauen.

Drum bist du der Allgottheit schlechtes Gewissen!
Die Angst, daß das Weltall für ewig mißlungen:
Du hast das Bewußtsein Áhura entrissen,
Und drum bleibt die Ruhe urewig verklungen.

Die Zwangsreihe bist du von allen Versuchen:
Es schämt sich der Mensch, sich im Kind fortzusetzen,
Drum fangen wir an, auf die Zeugung zu fluchen
Und ehren die Menschen, die Kampfwaffen wetzen.

Wozu denn, was ewig ist, stets jung verbessern?
Wozu, was mißraten, noch fortwiederholen?
Ich rate hingegen: greift forsch zu den Messern,
Bringt um und brennt ab und laßt ab von Idolen.

Fürwahr, ich durchblicke die Pulsaderstürme:
Ach, Angromainyus, du denkst unsern Himmel,
Dein Sorgengehämmer erscheint als Gestirne,
Und nimmer genügt dir das Weltengebimmel.

Wahrhaftig der Satan ragt senkrecht zutage!
Unsagbare Häupter bedrohn mich im Kreise:
Es scheint, daß er Stadtkronen erdmächtig trage,
Die schimmern, als stäke der Mond tief im Eise.

O rings ist der Schweiß um die Erdriesenstirnen,
Die kalte Gedanken durchblitzen, erfroren.
Hier seh ich, steht Babel, die Stadt wilder Dirnen,
Dort oben thront Zion, mit Türmen und Toren!

Dort tief gegenüber erkenn ich die Hallen
Des Herrscherpalastes, vor dem ich gestanden.
Ich fühle, mein Herz, wie die Fäuste sich ballen,
Ich spüre die Wut Satans Schloß rot umbranden.

Was kann noch der Teufelskopf unter mir sagen?
Ich habe sein bleiches Geheimnis erfahren!
Erst lallt seine Zunge, dann leert sich der Magen:
Ich kann nur das Harem, als Speibrei, gewahren.

Nun dehnt sich die Langweile weit durch die Hallen
Und tritt auch leibhaftig als Löwin zutage:
So schlank ist noch niemals ein Tier aufgefallen,
Wohl gleicht fast sein Leib einer endlosen Klage.

Ich kann meinen Ärger nicht heuchelnd bezwingen,
Ich reiß einen Pfeil aus dem Köcher und ziele.
Er trifft, und ich seh ihn ins Schenkelfleisch dringen.
Die Bestie gähnt schrecklich, und Schweiß deckt die Diele.

Jetzt hebt sich das Babelhaupt läppisch nach vorne
Und schiebt unsre Perserburg rückweis beiseite:
Sofort speit die Flut ihrer Weltweisheitsborne,
Auch ich weiß, ein Geist, daß ich stufenauf schreite.

»Ein größeres Babel aus Glast will ich schaffen,
Doch Áhura Mazda durchkreuzt meine Pläne,
Ich kann seiner Ruhe den Weltwahn entraffen,
Vielleicht weil ich Herrlichkeitsterne ersehne.«

So spricht zu mir Angromainyus der Große,
Und dann fährt er fort, die Geburt zu erklären:
»Ich wirke im Flutsturz und Erdbebenstoße
Und mag des Gedeihenden Gegend verheeren.

Drum wälze ich mich, wirr und sonnenscheinflüchtig,
Im Glutbett umher und bin Sonnenbescherer,
Doch bleib ich der Herbst, wild und urstürmesüchtig
Erstürm ich, mit Ungestüm, Burgen: und hehrer

Als Áhuras Pappeln erheben sich Treppen,
Dann schnell in den Äther; das Dach muß mißraten,
Rasch gar zerraschelt der Qualmbau: zu Steppen
Zermalmen die Glutbrüche halmholde Saaten.

Ich habe nicht Hände, um weich zu gestalten.
Der Weltschöpfung lichtweiße Strahlenpracht haß ich.
Ich trachte das Ungetier geil zu erhalten,
Kein Blut, das schwarzrassig ist, schlag und verlaß ich.

Die Fledermausflügel, die dumm meinem Leibe,
Zum Aufflug kaum taugend, geschwülstig entwachsen,
Erbilden in mir, wo ich unruhig bleibe,
Das krause Bedürfnis zu zweckfremden Faxen.

Du selbst wirst, o Mensch, zwischen Sternen zerrieben:
Du fühlst oft Furchtflügel sich wuchtsuchend spreizen,
Du wirst außer Atem zu Lucken getrieben
Und spürst dich durch Luft krumm zum Durchhusten reizen.

Du prallst vor den Sternen zurück, die das Grauen
Des stahlharten Tages gar bald nicht vertragen,
Du fühlst in der Brust den Furchtausbruch sich stauen
Und Flügel aus Galle bleiweiß um dich schlagen.

Sie fallen wie windarme Segel zusammen
Und reißen dich wirbelrasch rettungslos nieder,
Und ich will zum Selbsteinbruch alle verdammen,
Gewährt mir nicht Áhura Handwerkerglieder.

Gerecht will die Gottheit die Menschengeschicke
Aus Ursachenarbeit behutsam entschälen,
Doch ich, der ich alle ins Angstgarn verstricke,
Laß Magier von Wiederkunftstagen erzählen.

Ganz Babel erwartet damit fatalistisch,
In Saus und in Braus, was Gestirne bescheren:
Mein Wahrsagaltar ist der Weltärgernistisch
Von Gott, dessen Leuchten auch wir Leugner lehren!«

Nun fängt auch das Babelhaupt matt an zu schwanken,
Und machtvoll erloht Zions Goldreifenkrone.
Den Kopf unter ihr furchen Urfurchtgedanken,
Und gleich spricht der Mund mir vom Ende der Frone:

»Jehova, der männliche Herr, mein Bezwinger,
Den einstmals der Bauch eines Königs geboren,
Ist hold noch ein eifriger Folgenverschlinger,
Ein Zeitgott, der Einfall von klügelnden Toren.

Er bleibe ein Vorbild fanatischer Streber:
Und ich, der Vernichter von seiner Erscheinung,
Bin Satan, bin Schöpfung und Schicksalsverweber,
In mir keimt die Hoffnung der Folgenverneinung.

Ich fühle ein Feuer mein Innres durchglühen:
Einst war es mir fremd, doch in Babylons Frone
Empfand ichs so hilfreich: es linderte Mühen,
Entsprühte dem Süden, sprach leise vom Lohne

Der schrecklich geknechteten Kinder der Erde!
Das Feuer sprengt einst unsre Fleischbehangfessel:
Ein Sterben ist Rasten bei Pilgerbeschwerde,
Bald lodert des Weltschöpfers eherner Sessel!

Die Urglut ist ewig, drum stärker als alles,
Was jemals ein Schöpfer in sich frei vollbrachte,
Sie trotzt den Gesetzen des Weltwerdungsfalles:
Es bleibt, was noch niemals zum Dasein erwachte!

Unsterblich sind Götter, aus Furcht vor dem Tode!
In mir aber keimt ein Erglimmen, das Sterben
Erdulden mag. Irrkraut und Wirrholz entrode
Es schonungslos. Steil über Sternen und Scherben

Der Todesnacht soll ich mein Zion erbauen.
Jehova will sieghaft den Haß überwinden.
Mein Wesen umzuckt er; entwolkt ihm das Grauen,
So mag er mein Funkeln im Weltdunkel finden.

Wann glühen Jehova und Satan verschmolzen?
Der Mensch ist der Schatten des eigenen Falles!
Was weiterkeucht, klettert am sonnhohen, stolzen
Erbfolgemast doch in des Glückswiderhalles

Unendliches Reich. Und befreit werfen viele
Aus sich die Gestaltungen zu den Enthaltungen
Der selbst sich vollendenden Welt ihrer Ziele.
Denn Wahl verwandelt sich Wallung zu Waltungen.

Entkommen ins Sphärentum Erben der Meinung?
Allein durch die Deinung gelingt dir die Einung.
Erzweite sich Gott, ohne erste Verneinung?
Ich bin der Verbrecher der besten Erscheinung.

Doch wo? Ohne irdische Menschenbefreiung
Verschwindet mir Áhura. Zwangsgänge engen
Mich bang in die zehnhafte Zahlenanreihung
Von alles verschlingenden Denkellenlängen.

Doch einst tritt das Herrliche vor im Gemüte!
Schon wälzt du dich heil in das Sternengetriebe,
Und furchtlos erschaun wir die keimlose Blüte
Und fühlen und wissen uns Duft ewger Liebe!«

 

        » A us sich ersteht das Wesenswachstum ohne Wüste!«
Das höre ich als Weltgedicht in mir erklingen
Und merke unten rund-verschrumpft die Wucht der Satansbüste,
Mit selbsterkannten und geprägten Werdensringen.

Ein großes Schlangenhaupt wälzt sich zu meinen Füßen!
Fangtierarme stürzen Bilder, die mein Herz verehrte.
Ich sehe Götter stumm in einem Glutpfuhl büßen:
Doch gleicher Glast umrankt schon kaum getrennte Werte.

Mein Stern, ich hab von deiner guten Glut getrunken,
O gib, daß ich auch Krampfgewaltsamkeit erfasse:
Doch tauch mich nicht in Schmutz von Satanspfützen, Urbruchtunken.
Erhalte die Erhabenheit der Wallfahrt-Rasse!

Unsagbar glüht, was ich von deiner Macht erschaute,
Denn Kraft und Kunst entstrotzen meinen vollen Zornesadern,
Du weißt, was meiner Männlichkeit gelang: ich baute
Das Albschloß, ja den ganzen Ararat, aus Quadern.

Heil, Ararat, du Schlummerwort in meinen Werken!
Jetzt mögen alle Spuk- und Höllenhunde kläffen:
Mein Werk, den Berg, wird sich die Menschheit lange merken:
Heil, Ararat, wo sich die Rassen übertreffen!

Noch einge Blöcke will ich aneinanderreimen,
Mich senkrecht übers Schlangenhaupt zu stellen,
Dabei hilft tief ein Fieberfeuer im geheimen
Und wird mein Dröhnen blitzhaft durch die Wolken schnellen.

Den Wüstengeist verschütteten die Pyramiden,
Bis die Sahara-Mannbarkeit dem Sand entragte:
Ra hat das Niltal zwar nach der Geburt gemieden,
Doch zeugt der Ararat, daß er im Delta tagte.

Der Ararat krampft sich als Weltgrab steil zusammen:
Ein Pyramidenbau, wie keiner ihn erschaute!
Verkrüppelt auch der Mensch dabei, dem wir entstammen,
Erreicht der Geist die Pracht ererbter Mutterlaute!

Zum Ararat hinan klimmt mühsam der Iraner.
Dem Arier folgt ein andrer Arier, der verkrüppelt.
Voran steigt kühn im Purpur der Geschlechtsermahner,
Wo Blutverlust, als Schmuck, das Bauernwams betüppelt.

Die Kunst kann nur aus unserm Herzblute erfrieren.
Der Geist will seines Fatums Ararat erfliegen.
Gelingt es einst, die Welt mit Glut zu zieren,
So muß, erwußt, der Ararat uns unterliegen.

Hinan, hinan! Iraner, reinigt euch als Männer,
Um Ra-Jehova für die Rasse zu erringen!
Empor zu Gott, ihr tapfern Felsberenner,
Es gilt, die Götzen im Gekröse zu bezwingen.

Du Feuer aus dem Süden, glühe westwärts weiter,
Erfasse auch das Wüstenwesen der Semiten.
Herbei, herbei, ihr tapfern Araratbeschreiter,
Ein freier Gott soll auf der Welt gebieten.

Auch ohne daß die Welt verwüstete, verkrampfe,
Kann bloß erschlankt die Seele heil zur Sonne reifen:
Am Ararat wird nie ein Fuß die Saat zerstampfen:
Wir können Gott auch ohne Angst begreifen.

Doch herrsche Gottesfurcht hoch über Weltgeboten:
In ihr allein bewältigt Licht den Schimmel.
Vergißt du sie, so loht aus frommen Sonnzeloten
Der Racheglast der Ararats mit Graus zum Himmel.

Die Sonnenmacht, die mich zum Licht emporgewoben,
Weil, eingezweckt im Geist, uns Sterblinge geboren,
Vermag ich hold in hoher Ewigkeit zu loben,
Da Geist das Heil im Gottgefühl aus Menschenqual beschworen.

Die Wabe will ich frei und weise preisen,
Denn, ein Urewiges, bezwingt sie eitle Maße:
Sie hilft und wirbt um uns auf steilsten Pilgerreisen,
Denn sternenher zum Schweigen lenkt ein Herz die Straße.

Heil, Ararat, wo Adel sich zur Tat bekannte!
Du heilge Urgeburt der Seele und des Geistes,
Auch aus dem Schlangenhaupte brauch ich das Verwandte
Und leiste, freier Feierklang, mein Meistes.

Ich fühle, wie ich mich verzückt verjünge:
Das Hydrahaupt im Absturz muß verrunzeln!
Ich sehe Fratzen, über meine Sprünge,
Vor Spottlust, wieder grün zusammenschmunzeln.

Ein geiles Lachen kann sich frech verflachen:
Ein einzig Maul hält Satan höhnisch offen,
Doch ich laß Kronen über mir erwachen:
Vereinsamt, hört der Teufel auf zu hoffen.

Die Schlangenglut ist in mein Blut gefahren,
Und wabelos verkrümmen sich die Reste
(Nur Lurche kann ich um das Haupt gewahren),
Was fürcht ich noch, begriff ich doch das Beste!

Mein Geist wird still die Ewigkeit erkennen!
Wie konntest du aus Sanftheit hingelangen?
Mein Trieb erreichte das Geschlechtertrennen,
Wobei der Seele Leibesfesseln sprangen!

Ich fühl in mir Gehalt durch Überruhe:
Die Ewigkeitsellipse mag sich schließen.
Ich weiß, daß ich nicht Tat noch Tod vertue,
Ich muß zum Untertum zurück im Träumen fließen.

Ich kann Kleinasien tiefgetalt gewahren.
Ein Araratserak ragt mich ins Maßlosferne.
Ach, käm ich los: könnt ich der Zeit entfahren!
Mein Seelensprungfels schnelle mich ins Zelt der Sterne!

Dort mag ein Riesenmeer mein Vaterland benagen,
Wohl scheint sichs wie ein Wurm in Asien einzubeißen,
Doch bald wird Flut, als Lava, aus Vulkanen schlagen,
Benannt, auf See, die holde Weibeswabe heißen.

Um dieses Meer herum muß unsre Seele steuern.
Ja! Hier die Statt, den eignen Geist zu spalten:
Den Feuern winkt ein Kampf mit Wasserungeheuern,
Drum magst du lose Gliederschaft zusammenhalten.

Die runde Raumgestaltung hab ich überwunden,
Seit ich die Flugellipse, Ewigkeit, durchschaue.
Wie fremd umtummelt mich die Flucht von unsern Stunden,
Da ich befahl, daß Maß der Menschen dumpf vergraue!

Nun herrsche ich als Geist im Raum und fordre mächtig:
»Zu meinem Wissen soll die Welt erscheinen!«
Ein Ruck! ein Riesenrumpf verkrümmt sich mitternächtig,
Und runde Rücken, Buckel wuchten aus den Steinen.

Ich höre über mir die Sterngebote tosen:
Im Orgelton erschallt meine Planetoktave.
Ich merk den Berg sich sprungweise bemoosen
Und deute schon: der klare Raum dient mir als Sklave.

Ein All war tief in mir als Melodie gebändigt,
Ich mag sein Antlitz hart in Falten kleiden:
Mir wird Gehalt von alten Sagen eingehändigt:
Ich kann auch schon, was naht, als Rappen unterscheiden.

Er braust empor und bäumt sich auf! Ich wittre:
Der Hengst, der über Felsen klimmt, braucht Schwingen!
O Süßgefühl: wie ich, durchglückt, berückt, erzittre,
Wie ernst die Sterne meinen Herzgesang vollbringen:

Er rast, mir nah, empor; und eingefroren
Scheint mir der Weltenbau in seiner Wirbelsäule.
Der Allpalast verblaßt. Ich blick aus Tongoldtoren
Zu Gott! Doch schäumend brausen Lautrauschgäule.

Ich fühle Wahrheit, die das Hirn erkannte:
Entraumung ist in der Musik erfreit das Große.
Und, daß der Rappen meine Maße überrannte,
Vermag, daß ich, was zeitlich ist, heil von mir stoße.

Mit Wut und Wucht stürzt nun Musik sich auf den Rappen
Und überwältigt seine Dauer wechsellüstern!
Und doch: das Roß steilt auf; kann fort nach Atem schnappen!
Es wiehert wild-beharrlich brunsther aus den Nüstern.

So jauchze ich und schau: der Strauß ist ausgerungen!
Ein Ruf zur Ewigkeit durchdröhnt die Daseinshallen.
Nach Freiheit schnuppert nun mein Gaul aus guten Lungen,
Und aus den Schultern hör ich Fluggesänge schallen.

Mein Roß hat sich an Glutmusik in Rausch getrunken.
Ich sehe kühn die hellen Lenden rhythmisch hold sich regen
Und braune Flecken auf dem dunkeln Grunde prunken:
Ich spüre mich, ein Hauch, auf meinem Gaule aufwärtsfegen.

Den Erdschlund unter mir besieg die eigne Steilheit!
Ein Satanslachen kann ich noch im Schacht gewahren,
Mir wirkts wie einer Dirne Grinsen, wenn die Geilheit
Sie nochmals packt, weil Fremdlinge sich mit ihr paaren.

Mein Roß wird rühmlich, kühnst ins Raumlose emporgetragen,
Und es entwischt den Schlangen, die es dreist umzischen:
Als Flügel kann uns die Musik hoch überragen,
Und Schweiß scheint Hautflecke sanft wegzuwischen.

Die Steilheit ist, der Zeiten Leiter endlos überwunden.
Auf blondem Rosse konnt ich Sonnen stolz entjagen.
Vom Leib befreit, mag holde Seele fromm gesunden:
Ich lasse mich vom Isabellenpferde tragen!

Die Sonnenhöhe sprüht vom Wonnenschoß zum Rosse,
Das erdentrückt musikgeführt nach oben wuchtet.
Mein Weib? Verdonnert! Tot oder enttollt in grober Gosse.
Entschluchzt ihr nie ein Ruf der Glut, die in ihr schluchtet?

Mein Weib, mein Weib, ich habe dich um Licht verlassen!
In einem Harem mußt du alt in Schmach verschmachten.
Des Leibes Lüstern soll den Seelenstolz verprassen,
Du wirst im Sterngeschmeid den Geist durch Brunst umnachten.

Zu dir, zu dir, mein Weib, will ich durch Wolken reiten,
Um deine Freiheit werd ich fern zum Falle fegen!
Musik, versuch dich sturmsteil auszubreiten
Und laß mein Roß durch Nacht sich weibwärts regen.

Ein Stern hat irgendwo sein holdes Herz erschlossen,
Sein volles Seligsein in unsre Welt ergossen,
Und ein Komet aus ihm flammt auf mich zugeschossen,
Des Pferdes Schwingen sind geschmolzen, fast zerflossen.

Doch loht des Bodens Ode noch aus meinem Rosse,
Als zwei Kometenflügel, stolz empor zum Himmel:
Ja! Asiens Prachtkristall entsteigt dem Parsenschlosse
Weiß, erdbefreit und lichtbeschwingt: entführt vom Dichterschimmel.

Empor, empor! Es reißt im weißen Schein vom Rosse
Ein Stern der Ewigkeit sich los vom Erdgewimmel:
Als Perseus flieg ich, gleich dem leichten Pfeilgeschosse,
Ein Lied: gelockt vom Urlaut, hoch im Sterngebimmel!

Empor, empor! Der letzte Fels glitt überwunden!
O stürzt, von meines Hengstes hellen Wunderhufen
Zertrümmert, Weltentiefen, deren Schauderwunden
Glutblutend steil um Heil und Hilfe rufen.

Wie frei! Ein stilles Ich der Eigenheit entbunden:
Zermahlt der Grat! Vom Ararat die harten Stufen.
Die Erde bleibt in Schlaf, beinah in Nacht verschwunden,
Und nur die Welten funkeln, die sich selbst erschufen.

Weit unter uns verrunzelt meine Muttererde.
Ich merk nicht, wie ich mich zum Fluge gern gebärde,
Ich fühle nur, Musik glüht sprühend aus dem Pferde,
O, wie ich tauhaft fast vom Schweiß berieselt werde!

Von ewger Urglut ist mein goldnes Roß durchleuchtet.
Das Nebelnaß, den Schweiß, der unsern Stern befeuchtet,
Umglänzt im Kranz der allerklarste Regenbogen,
Von scharfen Farben strahlt mein Fahrtkristall umzogen.

Die Wolken, die aus meines Rosses Nüstern keuchen,
Eradeln bald und traut zu lauter lauen Lenzen,
Die hoch am Ararat den Gletscherfrost verscheuchen:
Der Saum des Sternes Ich entflammt zu Flatterkränzen.

Wie steil und heil ich weiß als Weltbrillant erglänze!
Oft wiegen Regenbogenspiele ihre Farbentänze:
Mein freier Flug kennt keine ferne Seelengrenze:
Die Ichergreifung sprüht Kometenschwänze.

Mein Rappe fliegt kaum, braucht nicht hoch- und fortzutraben,
Er kann sich flügelleicht im jungen Sein gehaben,
Nun seh ich mich! Im Sterne gleich ich einem Knaben
Und ach, ich bin im Schacht des Ararat begraben!

 

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