Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Däubler >

Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 6
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
Schließen

Navigation:

Die indische Symphonie

        M ilde Winde warmer Nächte,
Streift die Fieberträume fort,
Wenn der Schlaf mir Frieden brächte,
Glühte ich ein Flammenwort!

Morgen, morgen will ich sagen,
Was mich jetzt so toll umdrängt,
Und dann mag ich klagen, fragen,
Welches Rätsel mich durchtränkt.

Doch ich muß in mich versinken
Und die Träume ferne sehn,
Wenn sie aus der Seele winken
Und dann still vorübergehn.

Von den Wesen muß ich scheiden,
Die mich kindlich hold gelenkt,
Will sie noch mit Licht umkleiden,
Doch ich selbst bleib unbeschenkt.

Zieht denn weiter, heitre Dinge,
Schöne Menschen, kühnes Spiel!
Und wenn ich euch leicht beschwinge,
Ist es, weil mein Traum zerfiel.

Ach, ich muß in mich verrunzeln,
Hab schon tief hinabgeschaut;
Wie wenn Brunnenbrüder schmunzeln,
Hat es mir vor mir gegraut.

Bis zum Tag, da ich geboren,
Hielt ich oft Gedächtnisschau:
Und da schoben sich, als Mohren,
Bilder vor aus blassem Grau.

Und ich ließ sie würgen, brennen,
Hab mit Feuer sie gekrönt:
Als ich anfing, sie zu kennen,
War ich schon daran gewöhnt.

Alle liebe ich wie Kinder,
Ach, der Abschied tut mir weh,
Doch ich schrumpfe ein geschwinder
Noch entgleist mir, was ich seh.

Lebt allein, zu andrer Freude,
Schwelgt und welkt aus Überschwang:
Schweb empor, mein Traumgebäude,
Über meinem Untergang!

 

        K ann die Nacht heut nimmermehr vergrauen?
Hält die Welt die Sternenträume wach?
Sind es Wolken, die sich staunend stauen?
Wann entflammt das ganze Himmelsdach?

Was erschau ich, das aus Schachten gruselt:
Sind es Riesen, die dem Grab entrollen?
Seht, sie schlafen! Ihr Bewußtsein duselt:
Augen, Ohren sind noch dickgeschwollen.

Weiber merk ich, überstark und schwanger,
Männer mit verkrampften Muskelgruppen;
Und sie stehn zusammen, wie am Pranger,
Um die Urbrunst blutend zu entpuppen.

Immer andre wuchern aus der Erde!
Sind es Menschen, die sich sterbend regen?
Glühend macht sie eigne Krampfgebärde,
Bis sich Purpurkrusten drüberlegen.

Ahn ich Scharlachbäche, die entsickern?
Alabasterschwarten schwären, platzen:
Schweiß benetzt bereits die Dickern,
Und sie zucken, wetzen sich und kratzen.

Dort! Ihr Handgranit kann nimmer schmelzen,
Selbst die Arme frieren aneinander:
Bäuche scheinen sich hervorzuwälzen,
Doch wird Gneis sofort ihr Krampfumrander.

Klumpenbrut, verramme dich als Mauer,
Würg dich, um die Restglut zu entschnüren;
Schwül umschwirr sie uns, auf Zunderlauer,
Und entfliege dann zum Taganschüren!

Wahrlich, endlich hat der Tag begonnen!
Und schon wird sein Kupferrahmen breiter:
Licht beginnt das Weltbild zu besonnen:
Und ich seh, die Felsen wachsen weiter.

Glast umtanzt sie jetzt mit Scharlachschwingen,
Doch sie selber sind noch formlos, massig;
Plötzlich aber hör ich Stimmen singen,
Und sie tönen tief und dumpf und rassig:

»Arier, laß dich unter Pracht begraben!
Sieh, dein Werden ist ein rasches Sterben,
Nur die Kraftgedanken sind erhaben,
Die für ewig sich in Felsen kerben.

Wir sind alle – weil von dir verstanden:
Nackte Schatten, die dich blaß umsprangen
Und dann plötzlich sich als Glast empfanden,
Können wir jetzt Wertbestand erlangen!

Doch du selbst magst dich verlassen härmen:
Nichts erhaschend, nahe deinem Grabe,
Laß von Schatten rastlos dich umschwärmen,
Dazu flammt in dir die Loderwabe.

Deine Aussicht muß dein Traum verbauen,
Und er wird, so weit du siehst, entrücken:
Ferne aber werden wir uns stauen
Und als Grab von dir die Welt entzücken.

Warte lang, verachte dich und schmachte,
Gib dich auf, verweil in dich versunken,
Deinen Nabel, nur dich selbst, betrachte,
Schür in dir den urbewußten Funken:

Doch erreicht ihn deine Seelenleiter,
Wirst du Wunder überall verbuchen!«
Still ists jetzt, das Echo nur gellt weiter,
Wie ein Chor erstarkender Eunuchen.

 

        Mein Erbteil will ich wohl versehen:
Wie Blüten liebt der Baum den Saft;
Ein Winterlied soll ernst erstehen,
Ich sammle meine Wanderkraft.

Doch soll ein Baum mit Wunderblüten
Mein Schützer sein und doch kein Traum:
Bald wird sein Grün mich kühl behüten,
Mein Reich umschwankt sein Schattensaum.

Und singt der Wind in seinen Ästen,
Und lullt sein lauer Hauch mich ein,
So träum ich von den liebsten Gästen,
Und bitte sie, mir gut zu sein.

Sie bleiben! Und mit steilen Leitern
Durchsteigen sie des Baumes Laub:
Sie sprechen weiter und erheitern
Sich kindlich, selbst beim Früchteraub!

Dann ruf ich sie herbei und sage:
»Euch munden süße Früchte gut,
Ich lehr euch, wie ihr alle Tage
Mit Früchten euch zugute tut.

Ihr sollt mich alle tief begreifen:
Die Silben lispeln wie ein Blatt;
Ein ganzer Satz kann in euch reifen,
Der Saftgeschmack und Adel hat.

Ein Wort aus sich herausgesprochen,
Wird fruchtbar im Prophetenmund,
Und ist es reif hervorgebrochen,
So fühlst du das am eignen Schlund.

Ein sanfter Nachgeschmack bleibt haften:
Er fühlt sich an wie Dattelduft;
Er reizt und zieht die halberschlafften
Wortfolgen aus der Gurgelschluft.

Seht, unsre Münder sind wie Blüten:
Ein Hauch rafft das Geplapper fort,
Doch wenn wir Früchte in uns selber glühten,
Genügt von uns ein Mußewort!«

 

        E s streben die Felsen stets fester und steiler
Empor aus der Sagen entatmenden Erde,
Und Ahnungen wallen, wie wandernde Meiler,
Umher mit gespenstiger Sehergebärde.

Mein Baum kann die Traumlandschaft langsam befruchten:
Schon fangen jetzt Palmen an, Wurzel zu fassen,
Frischfeuchtigkeit trauft aus den Purpurglutschluchten
Und macht sie zu wuchtigen Schattensatzmassen.

Durch Furchen erblick ich den Einbruch des Tages:
Die Gluten beginnen als Hauch zu verblauen,
Und Kuppen und Buchten berauscht nun ein vages
Gefunkel von Augen mit randharten Brauen.

Man fordert mich auf, dort ein Meer zu erblicken!
Und wirklich, ich seh einen glattstarren Spiegel,
Mit Sternen am Grunde, die ängstlich ersticken:
Dann ists, als ob Wind dünnes Grün drin aufwiegel.

Ja! Nebel durchschwärmen, wie seltene Fische
Mit eigenem Lichte, die dunkleren Fluten,
Da spritzt jetzt und gischtet das Licht und die Frische
Ins untere Tal, wo die Nachtschatten ruhten.

Es ist, als ob Strahlen die Massen festbannten,
Dafür aber recken sich Schatten ins Leben:
Aus Wuchtklumpen macht sich ein Ruck Elefanten,
Die Hügel umschnuppernd, die Rüssel erheben.

Nun glastet der Tag aus den Wäldern und Spalten,
Aus Bergen, die immer noch Spitzen entschnellen
Und Gipfel, wie warnende Arme, gestalten:
Und Jubel umzwitschert die sprudelnden Quellen.

Das Wasser entrauscht alten Spalten und Scharten
Und trachtet, Granitfelsen rasch zu umarmen,
Als klarer Bach lacht es und mag nirgends warten
Und tränkt alle Adern und kann nicht verarmen.

Jetzt springt es gar kühn, ungestüm über Trümmer
Und fängt an, auf Felsen und Wände zu klimmen,
Dann stürzt es aufs Grün, daß es nimmer verkümmer,
Und purzelt um Bäume, die kugelnd nun schwimmen.

Da ruf ich, mit Unmut, zum Urwald gewendet:
»Ihr schnellfüßgen Rhythmen und holdtollen Wellen,
Ich will, daß ihr selbst euch, als Wesen, mir spendet,
Es soll eure Wildheit zu mir sich gesellen!«

Da schenkt mir der Wald eine junge Gazelle;
Sie planscht durch den Bach, rascher herzugelangen:
Sie naht mir und ist auch schon munter zur Stelle
Und legt sich zu Boden und kost unbefangen.

Das Wasser erbraust aber immer noch stärker,
Ganz andere Bäche umbranden die Felsen:
Ein Wuchttrubel sprengt seinen schluftdumpfen Kerker,
Und Schaumschwäne sausen mit Wirbelgischthälsen

Heraus aus dem Spalt und zergehn halbgestaltet:
Ein Spundbruch hat ringsum die Flutwut entbunden
Und bald alle Bachgewalt fallend entfaltet;
Im Nu sind die Flußfurten westhin verschwunden.

Jetzt schrei ich hinein in den kreisenden Strudel:
»Ich trag nach dem Schaum allen Wassers Verlangen,
Ein Wunder spukt stumm durch das Trubelgehudel,
Gestalte dich, eigenes, unklares Bangen!«

Da fliegt nun ein Taubenpaar sausend herüber
Und setzt sich mir gurrend, im Baume, zur Ruhe;
Drauf gießt es auf einmal, schon blinkts ringsum trüber,
Und ich, der Verüber, beschau, was ich tue.

Der Bergring gebiert selbstersonnene Wolken,
Auch hat mancher Bach sich nach Farben gespalten,
Auf lockerm und ockrigem Boden wogt Molken,
Und Sandschleim und Milchgischt gleißt weiß auf Basalten.

Der Flutsturz durchwuchtet das Wassertheater;
Der Schluchtschluft entgruselt der Indus, der Ganges.
Granitgrat, du bist auch des Euphrat Felsvater:
Der Tigris entrieselt der Nachtwand des Hanges!

Es gleicht jetzt der Wutfluten Ursprungswuchtwunder
Dem fallenden Barthaar des Wahlvaters Brahma,
Denn Ewigkeitsbleiche umgraut den Bekunder
Vom Anklang und Anfang im Allflammendrama.

Jetzt fleh ich, mit Wehmut dem Welternst ergeben:
»Du Ehrfurcht in mir, du mein Tiefblickgewissen,
Ihr Schaumwollustleiber, die bleich niederschweben,
Ihr Gischtkinder, rings in den Wirbel gerissen,

Du Nacktheit des Wassers im Schaumkatarakte,
Du Urbrunst und Unschuld im Hudelgetrubel,
Gedanke, der Scharten und Grate zerzackte,
Entschleire die Frucht unterm Gischtsudgejubel!«

Im Nu stützt der Wutsturz nun selbst eine Brücke:
Ein prachtvolles Bogenrot loht aus dem Wasser,
Und Gelb schwellt, und Blau schaut, und Grün füllt die Lücke
Im Glutrund am Flutschlund. Und nun glüht ein blasser,

Doch breiter, weitschweifender Veilchenkranz, sichtbar
Schon, mit in dem torhohen deutlichen Bogen:
Und siehe, der Flutguß und Gischt wird beschwichtbar:
Ein Loch hat die Wogen vielleicht aufgesogen!

Ja, tief unterm Flutsturz kann Felsgrund erscheinen,
Und wuchtig entklimmt gar ein Grat den Gewässern,
Mein Eiland aus harten und kahlen Gesteinen
Entragt starr und farbig den glitzernden, blässern

Und langsam verrieselnden, flimmernden Schleiern,
Die bachkatarakthaft das Kap überdachen.
Dort will jetzt der Geist eine Einweihung feiern
Und scharrt aus dem hohlen Granitgrottenrachen

Gemächer und prachtvolle, heilige Hallen:
Er kann seinen Felstempel herrlich entzacken:
Ich lasse in mir den Ballastwall zerfallen,
Und Schattenschalmassen zermalmen wie Schlacken.

Ich spür mich von Einsamkeitschmerzen zerfressen!
Wie faß ich die Ohnmacht im Traumraum der Seele?
Nie sei meine wirklichste Sehnsucht vergessen:
Ich preß mich durch schier unermeßliche Säle,

Ich werf mich dämonisch in wildfinstre Schlünde,
Und Glaubensgedanken umstarren mich heiter;
Da staun ich nun selber und will meine Gründe:
Kein Traum aber zweifelt am Zeitbergbeschreiter!

Die standbildgestaltenden Langergedanken
Entzieht mein Bewußtsein, im Kleid von Begriffen,
Jetzt langsam dem Traumbau mit endlichen Schranken
Und sieht seinen Felstempel fertiggeschliffen.

Von Jubelbrunstfluten und Bächen von Tränen
Verhüllt, überspült, und beim Sturz überschüttet,
Erfaß ich als Jungfrau mein inbrünstges Sehnen
Und hüte in mir, was kein Suchtsturm zerrüttet.

Durch Urglutbrunstunschuld und Reinheit des Gischtes
Kann herrlich das Weib sich im Geist offenbaren,
Stets darf ein durch Wassergeburt jungerfrischtes
Urdasein der Mannheit die Frau keusch bewahren!

Umkreist von den Wellen des Kesselgetreibes
Erscheint mir mein lichtestes, lieblichstes Wesen:
Den Wuchtfels umschmeicheln die Flechten des Weibes,
Das selbst sich der Geist aus der Welt auserlesen,

Und Ruhe durchstrahlt alle Weltwechselfieber,
Obwohl jetzt die Farben des Bogens erblinden:
Doch was ich erschau, ist mir tausendmal lieber,
Das Auge der Frau kann ich traumsanft empfinden!

Sie lehnt an der Pforte der Felstempelgrotte,
Die eben mein Forschergedanke gegraben;
Dort wohnt sie wohl ewig und hegt ihrem Gotte,
Im eigenen Leibe, der Welt Weibweihgaben.

Der Weg bis zum Tempel ist frei, und ich wäre
Jetzt leicht bis zum liebreichen Weib vorgedrungen,
Doch ruf ich: »Ihr Fluten, erklärt Furt und Fähre,
Ihr wurdet just jubelnd und schluchzend verschlungen:

Jetzt dürft ihr nicht schlürfend und summend verstummen,
Vermag ichs, den Grat, ohne Pfad, zu erklimmen?
So helft mir im Kummer, zerteilt die Unsummen
Von Schluckgurgelwirbeln zu wirklichen Stimmen!«

Ich weiß nun: ich habe die Sprache des Wassers,
Und alles um mich ist nur Echo, Nachahmung:
Die Tat selbst ein Rückprall aufs Haupt des Verfassers
Der Eigenwelt, tief in der Traumrauschumrahmung.

Drum mag ich mich ernsthaft der Jungfrau zuwenden
Und juble und schluchze, mit bebender Stimme,
Und hör erst das Echo von allen Wandenden
Von dem, was da wimmert! Und schrei dann im Grimme:

»O sag und gib kund allda, ahnende Nymphe,
Was schafft dir das Wasser, dem Manne zu sagen?
Sei wahr, ich bewahr dich vor schwärzendem Schimpfe,
Ich nahe dir kaum und will ferner nicht fragen!

Mein eigener Traum mag als Schaumhauch verzittern:
Die Urbrunst in mir laß ich leidwund enteilen;
Die Lust meiner Seele verzuckt in Gewittern,
Die andere Tage dereinst ernst zerteilen.

Bald wird meine Dichtung ihr Eigenglück spüren:
Wohl mögen die holden Gefühle oft täuschen,
Doch soll mein Gejauchz keine Unschuld berühren,
So bleibe denn keusch, du Gesicht von Glücksräuschen!«

Nun schlagen auf einmal ganz rauchlos vier Flammen,
Im Umkreis der Jungfrau, hervor aus der Erde:
Sie müssen wohl tief aus dem Quarzpanzer stammen:
Sie zünden nichts an, und ich seh keine Herde.

Mein Anruf doch gab schon der Jungfrau die Gabe,
Durch ragende Sätze, mich tief zu belehren:
»Im Mannstamm die Flamme, im Weibe die Wabe,
Zergabeln den Erbtrieb zu Brunst und Begehren!

Du drangst stark und rasch durch den Sand der Sahara
Und sankst da ins Grab, wie dir Ra das wahrsagte,
Du bautest ein Drama aus Quarz von Sakkara
Und sahst, wie Chuenaten dem Epos entragte!

Jetzt fällst du noch schneller zurück in dich selber,
Da gibts keinen Tag, dir bestimmt zur Verweilung;
Doch werden die Träume schon heller und gelber,
Du fühlst deine hehre Durchlichtung zur Heilung!

Zwar trennt sich die lange Erdwandrerspirale,
Die Schlange des Ra, steilwärts länger und stärker
Vom Glaststrang des Erdkerns, der gleich einem Strahle
Zur Sonne emporschnellt, aus tieffinsterm Kerker.

Zwar mußt du als Mensch deine Schwerwucht wegschleppen
Und fast deine Seele, als Traumbild, verlassen,
Doch kennst du bereits deinen Weg durch die Steppen
Und weißt, wie dereinst deinen Wunsch zu erfassen.

Das Weib macht dem Arier den Lichtumweg leichter:
Die Frau ist, als Erdweib, der Erdwabe näher,
Drum senkt auch der Mann, von der Höhe erreichter
Lichtspitzen, als ewger Ellipsenbegehrer,

Die eigene Seele zurück in die Seele
Des Weibes, das langsam, von Wabe getragen,
Dem Wandersmann nachklimmt und fast parallele
Strahlpfade betritt, um ihm nach aufzuragen!

So wird auch die Liebe der Menschen viel tiefer:
Sie gibt der Geschlechtlichkeit Mystik und Weihe,
Dann ist es am Lichtweg des Mannes, als rief er
Die Seele nur auf, daß sein Weib reich gedeihe!

Jetzt sind Leib und Seele beinahe verbunden,
Drum ist auch dein Rücktritt noch nicht so beschwerlich;
Noch kann sich das Weib als Gefährtin bekunden,
Doch bald wird dein Raubsteig der Frau zu gefährlich:

Dann klimmst du allein und gedenkst deiner Seele
Und suchst dich an ihr und am Weib zu beglücken,
Dann hofft auch die Frau, daß sie dir sich vermähle,
Und kann stets, durch Schmerzgeburt, ruckweis nachrücken.

Will später das Weib seine Schwachheit verwinden
Und darf die Genossin des Mannes erwachen,
So werden sich Seele und Leib wiederfinden
Und langsam die Pfade zum Lichte verflachen.

Du selbst aber wirst nur den Rückzug verspüren
Und aufsteigend einzig die Schaufelmüh fühlen;
Du wirst, bleich vor Schreck, bloß ein Traumschaumbild küren
Und Spuklaunen bis in dein Grab hinabwühlen!

Doch weißt du, seit Sais, welchen Weg du beschreitest,
Und siehe: dein Traum wurde fremder und ärger,
Nur wußtest du kaum, ob du selbst ihn begleitest,
Und rings die Sahara ward nackter und kärger.

Zwar sinkst du noch tiefer zurück in dein Innres,
Doch bald wird dein Traum dir den Weltaufschwung zeigen,
Denn alles, was wird, das durchzittert ein dünnres
Und hilfreiches Feuer, das Indien zu eigen.

Vergleich unser Land einem riesigen Herzen!
Vom Ozean, ostseits und westwärts, umflossen,
Beherbergt die Erde hier Berge von Erzen,
Und drin in den Grotten liegt Gold wohlverschlossen.

Im Norden verriegeln Gebirge die Pforten
Und halten den Gangeslandausgang verrammelt.
Und deshalb gehorchen wir stolz eignen Worten,
Denn Kraft ist in allen uns tief angesammelt.

Wir gruben und suchten nach funkelnden Schätzen,
Wir grübelten nach und erwühlten Gefühle,
Die ätzten sich ein, an seeleinsamen Plätzen,
Und trieben uns läuternd aus trüber Lustschwüle.

Das Muttertum selbst hat die Weihe erschlossen!
Das Erdweib umgürtet sich kühn mit der Wabe,
Die reich aus dem Erdkern, im Lichtreich ersprossen:
Sie gab uns die Scham und das Mitleid als Labe.

Das geistige Reich, das in Indien erwachte,
Ist tief mit dem Innern der Erde verwachsen,
Zwei Wanderbranddrachen entwallen dem Schachte:
Der Gatsberge Ragungen sind ihre Achsen.

Das Erdwabezwillingspaar teilt sich und schreitet
Der Sonne entgegen und folgend, nach Norden,
Die Glut, die die Zugspuren mystisch begleitet,
Wird so einst, in Herzform, ein Weltstück umborden.

Denn das, was sich hier, fast als Gabel, gespalten,
Erstrebt doch ein Ziel, auf geschiedenen Wegen,
Zwar wird sich ein Drache fast krampfhaft erhalten,
Denn hart ist sein Brandkampf dem Tagball entgegen,

Doch muß sich der andre gar herrlich erweitern,
Um einstens den Bruder zu sich hin zu führen:
Und sieh, dieser Ernst soll dein Herz jetzt erheitern,
Ich wähle für dich Indiens westliche Türen!

Ich selbst will den Träger des Tages gebären,
O könnt ich mein Kind kühn als Lichtkönig krönen!
Die Hingabe ist nur ein dankbar Verehren
Des größeren Mannes und Spenders von Söhnen.

Doch will auch die Seele ihr Lichtkind, voll Milde,
Der Welt ihren Sonnensohn, Gott gleich, bescheren;
Der Erdenschoß schenkt ihn dem Sonnengefilde:
Er soll uns erblutlicht das Wabewort lehren.

Wir Lichtkinder alle sind irdische Sünder
Und müssen ob unseres Daseins erschrecken,
Doch kann schon die Liebe des Mannes den Gründer
Des Reiches der Güte im Weibe erwecken!

Denn wisse: der Sonnensohn gleicht seinem Vater,
Und beide umstreben die Flammenumarmung,
Und wo wir uns lieben, o Wandrer, da naht er:
Der Geist reißt durchs Leidfleisch und heißt Welterbarmung!

Die Sünder, Gott selber, der sündigt, erlöst er,
Das Erdweib wird einst geistgeheiligt erscheinen:
Ein König ersteh mir, ein Lichtkindertröster,
In dem sich vereinigte Flammen verneinen!

Urjungferlich, ohne die Sonnglutbefruchtung,
Gebiert einst das Muttertum rein seinen Heiland!«
So schluchzt nun das Weib in der Felsenverschluchtung,
Und Wabe umwallt schon ihr einsames Eiland.

 

        I ch kann meine Jungfrau nun nimmer befragen,
Ihr Anblick hat gelb meine Einsicht beschwert:
Ich werde sie lange und tageweit tragen,
Bis einst sich die wandernde Wabe verzehrt.

Ich weiß, daß die Anfangshand nimmermehr rastet,
Es wäre die Ankunft zu wunschlos und hold,
Doch Wolken und Gipfel und Felsen umglastet
Sichselberbesitzendes, schweigsames Gold.

Und ich bin ein Schatten vergänglicher Träume,
Der ewig, weil hablos, sein Wesen verschenkt,
Ein Weiher, der traumhold umfruchtete Bäume,
Zurück in sich selber, als Ansicht, versenkt.

Vielleicht schreit ich, streitend, den Dingen entgegen!
Vielleicht bleiben Lichtsprung und Nachtanbruch starr:
Vielleicht kann in mir sich der Tag schlafen legen;
Was bin ich, ein allgewalthaschender Narr?

Ich selbst bin ein Griff, Unbegriffnes zu pflücken!
Ja, schauend erwähl ich das Reife zum Mahl.
Die Äste, die, früchtebehangen, sich bücken,
Sind auch so vernünftig wie ich bei der Wahl.

Verlang ich beim Wandern, auf einsamen Pfaden,
Nach ruchloser Lust, und versuch ich, zum Spaß,
Gewaltsam dem labenden Walde zu schaden,
So gleich ich dem Sturme, dem Stammfraß und Aas,

Die Wälder verderben und Städte verpesten!
Ich bin wie ein Wirbelwind unstet und wild
Und irre, verwirr mich, ein Braus in den Ästen,
Und wahllose Gesten verblassen mein Bild.

Vermag ichs vernunftvoll, den Glutdurst zu stillen,
So braucht mich die Welt und gewährt mir auch Schutz
Und will, daß, vom Gaumen auf, Rauschadern quillen,
Und schafft mir Genuß; doch aus Ureigennutz!

Gewöhnt an den Frieden des Lebensgenießers
(In dem erst die Wollust des Reifens ersprießt,
Die täglich die Frucht unterm Strahl des Begießers,
Voll Obhut und Freude am Werden, verschließt),

Wird wohl die Natur meine Stille erhalten
Und trachten, den sanften Betrachter der Welt
Erjüngt zu gebären und gleich zu gestalten,
Da tief in den Wesen ihr Maß sich erhält.

Verließ ich auf einmal mein Dasein auf Erden,
So würde ein Waldaufenthalt hurtig ersetzt,
Mein Abgang wär trächtig an Rauschtauschbeschwerden,
Wodurch ein Ereignis Ergebnisse hetzt.

Ich selbst bin des Erdwerdens Reifevollstrecker,
Mein Seelenempfinden der Duft nur vom Duft,
Das Schmecken der Ernte ist Zweck für die Äcker,
Das Säen ein Sprung über sternsteile Kluft.

Nun zeig mir, mein Innres, die Frucht vom Gegrübel!
Der Wahrsagung Nachhall entschleire zuerst:
Des Wasserfallmaßes unsichtbare Kübel
Begreif ich als Rhythmus, durch den du mich lehrst,

Die Einsicht ins Wesen begeistert zu steigern,
Denn schaffend nur treten wir herrlich zutag:
Ein reigender Traum wird die Auskunft nicht weigern,
Er zeigt, was im Schweigenden sprachlos brach lag.

 

        D ie Landschaft um mich ist noch schimmernd gewachsen:
Die Wabe loht fort, denn noch löscht sie kein Wasser,
Ihr Schatten macht haschende handartge Faxen,
Als wär das der Spukzug der Daseinserfasser.

Ja, wahrhaft, der Abgang der Nymphe ließ Lücken:
Sie selbst ist verschwunden, die Arbeit blieb liegen,
Drum sammeln sich Schwaden, ins Sein einzurücken,
Und Höchstunwahrscheinliches fängt an zu wiegen!

Der Traum war zu groß, um sich reif zu erweisen,
Noch kann sein Versprechen den Umfang nicht halten,
Es sei denn, die Welt rollt in Wahnwitzgeleisen
Und mag alle Rätsel ins Dasein einschalten.

O Wabe, o Wabe, die Theben gerettet,
Da du, wie ich ahne, die Flammen ersticktest,
So zeig dich, unheimlich im Sein eingebettet,
Wie einst, als du, fremd noch, mich schimmernd bestricktest.

Und wahrlich, die Wabe zerschleiert, zerflattert,
Die letzten Glaststerne vernebeln, erblassen,
Doch bleibt nirgends Asche: ob gar nichts verknattert?
Der Wabeschwall hat keine Spuren gelassen.

Dafür aber blühen die Sträuche und Bäume,
Ein Dufthauch und Blutrausch ist saumnah geblieben
Und zündet die Blüten an, schlüpft in die Träume,
Erdfreudhaftes menschlicht in feuriges Lieben.

Was seh ich? Ein Paar? Einen Wald für sein Fliehen!
Die Nacktheit der Kinder, von Anmut durchschauert,
Mag mächtig die Seelen zum Urwunsche ziehen.
Wo kauert der Feind, der mein Traumbild belauert?

Der Wald ist voll Keuschheit, o laßt euch drin nieder,
Ihr dürft seine Düftelust überempfinden,
Ihr schlürft seine Sehnsucht ein: glühn eure Glieder,
So müßt ihr aus Wünschen die Wonne entwinden.

Verschlingt eure Arme, als wären es Äste,
Und laßt drauf die Glutküsse traumhaft erblühen,
Denn jede Umhalsung vertieft sich zum Neste,
Dem Jubelgefühle der Jugend entsprühen.

Was schreckt euch, was kann euch im Wald überraschen?
Die Schatten, die flatternd von Ast zu Ast hasten,
Sind Wabegespenster, die Glastfalter haschen,
Um dann mit den Fluchtgluten rasch auszurasten.

Zwar scheinen mir dort solche Schatten gar eigen,
Die Wabe verglimmte schon lang, und sie weilen
Noch immer um uns, ohne matt zu verzweigen.
Doch fürchtet nichts, bald wird ihr Schwarm sich zerteilen!

Nun sagt mir, was macht euch jetzt fröstelnd erbeben?
Des Mannes Pupille verstrahlt Diamanten,
Die Weibesblickperlen erschimmern ergeben,
Es ist, als ob beide die Sinne anspannten!

Wo harrt die Gefahr? Wie! verkrampfte das Dunkel?
Jetzt scheint mirs, als nahten uns Kriegselefanten:
Ein fernes Gesumme erwächst zum Gemunkel,
Dort kommt wohl ein König, gefolgt von Trabanten,

Die schildkrötenhöckrig, geschützt von zwei Panzern
Und Helmen, mit ehernen, lauernden Katzen,
Jetzt plötzlich, und gleich bösen Waldfirlefanzern,
Hervorhuschen und mit verrunzelten Fratzen

Dem Liebespaar, lüstern im Urwald, auflauern.
Schon will eine Sippe die Flüchtgen anspringen,
Da scheint ein Gewitter den Wald zu durchschauern,
Und überall können sich Schützer aufschwingen.

Hier werfen sich Bären herab von den Zweigen
Und stemmen sich Einbrechern zornig entgegen,
Doch immer noch viele Verfolger entsteigen
Den Büschen, wo Bären die Wege verlegen.

Da fangen die Schatten verblaßter Erdwabe,
Die nimmer verzitternd nach Dasein verlangten,
Auf einmal an, grabbelnd, nach langem Geschabe
Am Waldrand, wo Handschemen lang und bang schwankten,

Ein Antlitz und leiblichen Gang zu erraffen;
Schon ordnet ein Zug sich behender Gestalten.
Und drauf schafft ein Ruck rings selbständige Affen,
Die stattliches Kriegergepräge entfalten.

Voraus saust ihr König mit goldener Krone,
Froh folgt ihm ein Troß mit blankblitzenden Lanzen,
Auch ficht manche Äffin, als Ast-Amazone,
Gar listig jetzt mit, hinter Urwaldlaubschanzen.

Die trefflichen Schützen erklettern sich Bäume
Und helfen den Bären, die Flüchtgen zu schützen,
Schon scheints, daß der Feind feig die Waldwalstatt räume,
Da stürzen sich Unken aus Dschungeln und Pfützen

Und trachten, fast grunzend, das Paar anzuekeln,
Auch sieht man sich Fledermausschwärme erheben,
Und wie sich im Wegkehricht Spanferkel rekeln:
Drum wird es jetzt Zeit, daß die Zweige erbeben,

Daß alle Waldblätter, als Prachtpapageien
Davonfliegend, Fledermauswirbel vertreiben,
Und quakende Frösche, durch kindsartges Schreien,
Die garstigen Kröten im Sticksumpf aufreiben!

Jetzt wird jede Astachsel zwitschernd zum Neste,
Und flunkernde Waldvögel folgen dem Zuge
Der Glutkakadus und der gelben Festgäste
Der Äste, beim Dschungelsumpfstreitlustkriegsfluge.

Es wälzen die Bären die Säue aus Löchern
Und brummen, damit wir das Grunzen nicht hören,
Die Affen mit selbstsichanfüllenden Köchern
Beginnen, die feindliche Wehr zu zerstören.

Sie stürzen sich stürmisch auf Türme und Throne,
Die Kriegselefanten zum Kampfplatz befördern;
Sie schleichen behend in die Tragpavillone,
Und manche Matrone erschrickt vor den Mördern,

Die frech alle Insassen zerren und zausen
Und mutwillig Menschen aus Käfigen wetzen
Und anfangen, Damen der Hofwelt zu lausen,
Um Tierchen von sich in den Zopfschopf zu setzen.

Das macht bald die würdigen Staatstrampler ruppig,
Sie wollen nicht länger das Affenpack tragen,
Doch drinnen im Kasten sind allesamt struppig,
Drum packt oft ein Rüssel ein Fräulein beim Kragen.

So kollern die Buckelbewohner zu Boden
Und kugeln, von Affen umhalst, in die Pfützen,
Da fängt sich, durch alle die Plumpsepisoden,
Der Einhufergleichmut an stark abzunützen.

Und wutentbrannt stürmen die laufenden Hügel,
Mit Thronen und Schlössern und Götterpagoden
Doch ohne Geduld und Vernunft oder Zügel
Hinein in den Wald, wo Verfolgter Kustoden

Sich eilfertig waffnen, den Angriff zu hemmen.
Es senken die Bäume von selbst ihre Äste,
In dichtes Gestrüppe den Feind einzuklemmen,
Und bilden im Nu eine lebende Feste.

Nun spannen die Äffinnen Ranken und Kränze,
Um rings Elefanten zum Stolpern zu bringen;
Sie trachten auch listig der Waldstampfer Schwänze
Jetzt untereinander gewandt zu verschlingen.

So wird jede feindliche Festung gefangen,
Der Hof und der Harem des Königs geschändet,
Doch hofft noch der Herrscher zum Paar zu gelangen,
Ein Magier wird heimlich zum Giergriff verwendet.

Der kann dem Gebieter nur wenig versprechen:
Ihm selber, allein, doch fast bis zum Paare,
Ganz heil und gesund einen Weg durchzubrechen,
Damit ers im Wald lustverschlungen gewahre.

Der Herrscher greift zu, und schon knistern die Zweige:
Die Flüchtlinge fühlen den Sieg ihrer Liebe,
Da ist es, als ob sich ein Greisenhaupt zeige
Und gleich alle Unschuld der Nacktheit zerstiebe.

Da flattern die buntesten Blumen der Runde,
Als Schmetterlingsschwärme, herbei und bedecken
Mit Blumen den Leib ihrer Jungfrau, im Bunde,
Und schützen die schamvollen Seelen vor Schrecken.

Und glänzende Käfer entschwärmen den Ästen,
Die Nacktheit des Jünglinges hold zu verhüllen.
Nun ists, als ob Panzer die Glieder umpreßten,
Ein Schutz- und ein Keuschheitsgebot zu erfüllen.

Der Greis blickt jetzt grausam enttäuscht auf die Jugend:
Sein Wunschweib vergab sich, ein andrer bekam es,
Und brunstgeil, durch Buschwerk und Tränentau lugend,
Verharrt er gar lange am Platz seines Grames.

Verheimlicht die Jugend sogar ihre Reize?
Was bleibt da ermüdetem Alter zu schaffen!
Kaum kann man sich spreizen; vom gräßlichen Geize
Besessen, gehts schwer mehr, sich Lust zu erraffen.

Die Traumbraut lehnt still an der Brust ihres Freiers,
Der Jüngling hat alles, ach, alles errungen!
Der Greis sieht den Sieg durch den Gischt eines Schleiers,
Denn Bäche von Leid sind den Lidern entsprungen.

Die Tränen des Alters sind frisch wie das Lachen
Der Jungen, die glücklich zusammen erzittern,
Auch kann oft ein Greisenblick Blitze entfachen,
Und Schmerzschleier werden zu Brunstdunstgewittern.

Der König soll donnern, doch stockt seine Stimme,
Da wirken sein Haß und sein Lähmungsschreck magisch,
Die Nagegedanken, der Wutbruch im Grimme,
Umschwirren ihn eingepuppt, leiblich und tragisch.

Dann wallen sie langsam zu Gattin und Gatten,
Doch fliegen schon Bienen herbei und verscheuchen,
Als schwebende Helme, die flatternden Ratten,
Die endlich, gehetzt und zerstochen, verkeuchen!

Der Greis schweigt. Verbleicht! Und die schneeweißen Flechten,
Sein Bart, scheinen länger noch niederzuwallen.
Sie ringeln und kräuseln sich, gleich kunstgerechten
Gelegenheitslocken. Und wachsend umwallen,

Verschnallen sie Bündel und Büschel mit Zweigen
Der lebenden, himmelwärts wachsenden Bahre:
Gleich zeigt sich der Geier fleischwitternder Reigen,
Doch bergen den Leichnam jetzt Äste und Haare.

Dem Paare im Walde erteilen die Tiere
Die herrlichsten Steine und Schleiergewänder,
Sie ziehen erbeutete Zeptersaphire
Und Kronenrubine eroberter Länder

Hervor aus den Truhen des fremden Thronschatzes
Und freun sich, damit die Verfolgten zu schmücken;
Im Raum um das Paar, auf der Flur des Waldplatzes,
Erscheinen rings Diener und füllen die Lücken

Der Äste und Wipfel mit Leibern und Schleiern.
Ernst senken zwei Tauben die Schaumhemden nieder,
Und Mäntel, gehalten von schwebenden Reihern,
Umarmen dann langsam der Brautleute Glieder.

Nur ruckweise schwärmen die Käfer und Falter
Nun auf von den Leibern, die hold sich bekleiden.
Doch Affen, die eifrigsten Putzumgestalter,
Benehmen sich keck und zumeist unbescheiden.

Sie geben sich viel mit den Spiegeln zu schaffen:
Die Äffinnen ärgern die eignen Grimassen,
Drum trachten sie Bilder der Frau zu erraffen
Und spiegeln sie links und rechts, frech, ausgelassen,

Und können es nimmer, beim Draufblick, verstehen,
Warum jene Züge so haltlos verblassen,
Hingegen die eigenen nimmer vergehen
Und niemals das lebende Glashaus verlassen.

Jetzt kapern die Affen des Greises Prunkbarke
Und rudern sie wuchtig herbei bis zum Paare,
Fast ists, als ob jeder da sichtbar erstarke,
Ja, alle sind schon wahre Prachtexemplare!

Der König der Affen sitzt sicher am Steuer
Und späht, ob sich keinerlei Unholde nähern.
Wahrhaftig, sein Wesenskreis scheint nicht geheuer,
Denn nirgends noch stach man die Feinde mit jähern

Blitzspitzen, als hier dieses Tierherrschers Blicke
Vergiftend, vernichtend die Bösartgen treffen.
Und da es fast ist, als ob Rudern erquicke,
So trachten die Bären das Tun nachzuäffen

Und machen sich stracks um die Stricke geschäftig.
Doch nicken sie allzu geschwind mit den Köpfen
Und tun, trotz der Plumpheit, so überaus heftig,
Daß bald Bauch und Brust rudern, Atem zu schöpfen.

Das Brautpaar steigt ein, und es rudern die Affen
Die Barke, durch Röhricht und Algen, vom Lande,
Wo Feinde mit Packelefanten und Waffen
Im Walddickicht stecken, nach sicherem Strande.

Sie fahren durch Dschungeln und Prachtwaldkanäle.
Es wölbt sich der Fremdforst unendlich viel Pforten.
Das Brautpaar umjubelt die holde Waldseele,
Denn Tiere begrüßen es froh allerorten.

Die Fische umspringen den Kiel und die Ruder
Und zeigen den hellbunten Bauch ausgelassen,
Und selbst Krokodile ziehn mit, um ein Luder,
Das abfallen könnte, im Nu zu erfassen.

Das plätschert und gischtet gar lustig durchs Wasser,
Die Singvögel zwitschern dazu ihre Lieder,
Und oben am Aste, da hockt mancher Hasser
Des Daseins und sieht welterschrocken hernieder.

Den Mahatma kann man am Mantel erkennen,
Der erdgelb noch auffällt, wo hoch oben Zweige,
Vom Walderemiten belastet, sich trennen,
Und vorerst ein Hinblicker meint, luftzu zeige

Sich fahl zwar, doch klar ein Stück Himmel im Walde;
Und Schreipapageien umschwirren im Kreise
Die Schallbahn der Barke durch Waldgang und Halde,
Und Lichtfalter folgen dem Schaumspur-Geleise.

Das Siegerpaar naht einer sichtbaren Insel;
Da fängt das Geäst an, den Feind zu befreien,
Und hörbarer wird nun ein schwaches Gewinsel,
Weil Menschen und Tiere gleich, wachwerdend, schreien.

Es ist das die Zeit, da Gazellen und Hirsche
Rings anfangen, wild ihr Geweih abzuwetzen,
Drum kriegen die Äste gar häufig unwirsche
Geweihstöße, die ihnen Tiere versetzen.

Beim Äsen und Schnuppern im dunkeln Geäste
Will öfters ein Männchen sein Weibchen bespringen,
Dann knicken die Zweige, und tief eingepreßte,
Vom Buschwerk umwucherte Wesen entschlingen

Sich langsam erlöst aus dem Waldlaubgefängnis;
Zuerst sehn sich zwerghafte Krieger entschlüpfen,
Die gleich die Gefährten aus arger Bedrängnis
Befreien, indem sie Laubknoten aufknüpfen

Und dichtes Geäst, mit den blinkenden Schwertern,
Gar einfach und forsch jetzt, der Reih nach, aufhauen.
So wird bald den stärkern und kriegskunstgerechtern
Gewaltelementen, die Lauben umstauen,

Ein Ausweg aus feindlicher Waldhaft bereitet:
Jetzt können schon Menschen und selbst Elefanten
Die Lichtung, die hold vor den Blicken sich breitet,
Behäbig beschreiten: statt schlafübermannten,

In Waldnacht gebannten, gefangnen Soldaten
Besitzt so der Erbe des Reiches des Greisen,
Der eben gestorben, ein Heer von probaten
Genossen, entschlossen, sich treu zu erweisen.

Er denkt nun vor allem ans Königsbegräbnis,
Das weite Veranstaltungsumsicht gebietet:
Vorbei ist ja längst das Gefängnisbegebnis
Im Dickicht, das jeglichen Lichtblick vernietet!

Doch als noch sein Wachsen das Heer schwer bedrängte,
Verrenkte und streckte sich immer der Leichnam:
Auch schwand da sein Haar, das sich Pflanzen verschenkte,
Da bald es der Wald in den eignen Bereich nahm.

Ja, wuchtige, weißliche Wollbäume wuchern
Schon steil um den eben verschiedenen Riesen,
Auch nützt gleich der Fund diesen Buschwerkdurchsuchern,
Die hier, mittendrin in den Fruchtparadiesen,

Im dichten Gewirre von Myrten und Linden,
Von Mangos, Katappen und Ebenholzbäumen,
Auch Fasern zum Weben und Einhüllen finden,
Um leichter dann Schäume der Wildbrunst zu zäumen.

Der Leichenzug zieht nun, nach vielstündger Mühe,
Durch Haine von Palmen und heiligen Feigen:
Es scheint, daß zur Feier der Lodrahbaum blühe,
Daß manche Padmakastammzweige sich neigen.

So kann sich von selbst nun ein Urwaldweg bahnen:
Wie Schlangen entschleichen spiralhaft Bananen,
Udumbara-Feigen und Myrobalanen
Umwandeln sich langsam zu Affenaltanen,

Da rings, überall, sich die Waldtiere stauen,
Verwundert, aus Lauben den Zug zu erschauen;
Denn Brustwehren scheinen sich steil aufzubauen,
Weil Brustbeerbaumranken sich armstark vertauen.

Und Dschungeln, umgeben von urstummen Muscheln,
Wo munter die Unkenbrutnumen sich tummeln
Und suchen, sich Lustsucht durch Brunst zuzutuscheln,
Umsummen Unsummen von Brummeln und Hummeln.

 

        N atur, wie reich und hehr mußt du in uns erscheinen,
Da nur, was sich vertiefen wird, ins Dasein stürzt:
Und kann mit Fernem Durchempfundnes sich vereinen,
So fühl ich, wie ein Wunder die Erfüllung würzt.

Doch könnte jeder seinen Schlummerkern erkennen,
Entbehrten wir der Rätsel heilge Prachtgewalt;
Und alles, was die Menschen weltumhuldet nennen,
Erschräke uns als zackenlose Ungestalt.

Und dennoch will ich die Vernunft zur Reife bringen
Und trachten, daß die Frucht in einen Urschlund fall;
Nicht jedes Ei muß sich zum Himmelsflug beschwingen,
Nicht jedem Wunsch entsprießt ein Sehnsuchtsschwall!

Die Ruhe sucht, erträumt die Blume, die verduftet:
Zum Frieden treibts die Menschheit, die Erkenntnis will:
Im Eigensein, in Seelen, schreck- und felsdurchkluftet,
Beschwichtet sich die Brunst und liebt sich wieder still.

Die Leidenschaft, die Bäume, Träume, Bilder zeitigt,
Und stets Verschiednes aus dem gleichen Trieb erwirbt,
Wird leider nie vom Eigengeist verneint, beseitigt,
Bis fern dereinst der Erdensehnsuchtswirbel stirbt.

Die Waldung scheint verführerisch und überglücklich,
Doch bald erwacht bewußt der Wind, der drinnen jagt,
Und es zerstückt, entzweit sich dann, was unverrücklich
Sich selbst verschweigt, bevor die Arbeitsunrast tagt.

Nein, nein, mein Traum, du kannst mich nicht betören:
Ich mach mich leicht von Lust- und Schönheitsräuschen frei,
Ich mag den Jagdruf meiner Tagbrunst nimmer hören,
Ich hole meines Wesens Ende selbst herbei!

Der krumme Weg, den diese Menschheit steil beschreitet.
Und den sie immer völkergruppenweis erklimmt,
Ist jedem einzelnen, der frei sein Dasein sich bereitet,
Zum Schlusse doch ganz gleich, vom Ursprung an, bestimmt!

Der eine kargt, um seinen reichen Geist zu schärfen,
Ein andrer schwelgt, weil innre Armut es verlangt,
Ein Spätrer kann ins Weltall tanzend Sphären werfen,
Wo vielen vor der eigenen Geschlechtskraft bangt.

Ein jeder wird an seinem besten Platz geboren,
Verbrecherisch, asketisch, menschlich Weib und Mann:
In Waisen, Henkern, Narren, Dichtern, Krüppeln, Toren
Steigt jegliches Bewußtsein gleich und steil hinan.

Ich habe ganz bestimmt das meiste schon erfahren:
Ich war einst Mörder, Sänger, Dirne, Büßer, Held:
Ein jähes Ende doch und tausend Taggefahren
Ersparte mir vielleicht das Gleichgewicht in dieser Welt.

Und jetzt, in einem besseren und leichten Leben,
Erwartet mich verborgen wo ein Überfall:
Ein Schicksalseinbruch muß sich freiheitlich ergeben,
Denn selbst zieht man ihn an, im Unzeitintervall.

Doch nein, die Menschheit muß die Waldangst durchempfinden:
Mein Wesen ist nur einmal hier am rechten Platz:
Ich soll ein Vorspiel wohl mit Späterem verbinden,
Und mein Bewußtsein bleibt im Schicksalsbuch ein Satz.

Ich tauche ja, gesetzhaft schuldlos als Ergebnis,
Im Dasein auf und fühl ein Teil vom Weltenleid:
Doch mein ist kaum das einzge Jetzterlebnis,
Nein, nein, ich werde durch den Tod befreit!

Ich habe keine Seele, die unsterblich leidet,
Und schrecklich wär es, würde eine mir zuteil,
Der Lebensgriff, der mich in Daseinsformen kleidet,
Verwelkt, und sein Verdorren ist mein eignes Heil!

O Seele, meine Furcht, und wenn du trotzdem fortbeständest,
So würde ich dich tiefbegreifend dennoch los,
Du bist und leidest, weil du dich zu Fernem wendest,
Doch ich verschränke dich in meinem Eigenschoß.

Ich bin die Frucht, die stirbt und keine Wurzelfühler
Und keine Blätterflügel in das Zeitreich streckt,
Ich bin ein kühler Grübler und vernünftger Schüler
Der Erde, die Lichtherde in sich selbst erweckt!

 

        I ch will keine Seele, vernehmt es, ihr Berge,
Und gebt mirs vielstimmig, als Echo, zurück!
Ich will keine Seele, so schreit es, ihr Zwerge,
Ihr Riesen: denn dies ist mein Weltzuchtmeisterstück.

So schreit es noch lauter, dann kann ich es glauben:
Ich will keine Seele! Das Leid ist besiegt!
Das Grab bleibt ein Ende. Die Leiber verstauben.
Mein Ich wird zurück in den Schlummer gewiegt.

Es gibt keine Seele: das Erdwabenfieber,
Die innerste Glut bringt uns Lebensverdruß.
Sie würgt die Mannflamme. Doch dies ist mir lieber:
Sie hilft, daß ich nimmermehr Mensch werden muß!

Ich seh einen Friedhof, von Träumen befruchtet:
Die Vorstellung reckt Grabkolosse empor,
Das Tal, das mich anstarrt, ist dunkel verschluchtet,
Und steigende Stummheit verschleiert ein Moor.

Durch Werdesturzurwucht und Sehnsucht zum Lichte
Entsteigt mancher Grabklotz, als Phallusgebild,
Und bergzu, wohin ich die Blicke auch richte,
Entragt die Begierde dem Lichtbrunstgefild.

Die furchtbarste Erdfurche, gleich einer Scheide,
Vertieft sich und klafft unterm Trumpfe vom Grab,
Der Stein und die Grube erhalten drum, beide,
Den Urspalt getrennt, der sich Tagdasein gab.

Die Gruftstümpfe, ursprünglich gleich, doch verschieden
Verzapft und verzackt und steil lichtwärts gewandt,
Umziehn ihre Schatten mit stumpfen, stupiden
Verreckungen, knapp schon beim Eigengrabrand.

Das da aber sind unsre wahrhaften Seelen!
Sie werden zu Mittag verdickt und verkürzt:
Jetzt wächst noch der Traumwall: doch wird er einst fehlen,
Begreif ich, warum man dann grufteinwärts stürzt.

Es gibt keine Seele! Laut kann ich es schreien.
Ich sink schon ins Loch, dem ich kaum erst entkroch.
Du hast keine Seele! Den Phallusgruftreihen
Entgähnt ja das Ende. Ich bin nicht . . . . . und doch?

 

        D en Gipfeln und Riegeln, die rasch sich belaubten,
Entschnellen auf einmal unendliche Kegel.
Was will sich vor mir glutentfesselt behaupten?
Es ist, als ob Stummheit im Nebelschiff segel.

Von Zeit zu Zeit kann sich das Dasein verheißen!
Und Urbrunstglut muß uns zum Ursprung berufen!
Ich seh jetzt die Erde Glastkrater aufreißen
Und Felszungen zuckend sich starr überstufen.

Doch stumm sind die Kletterblitzdonnerwuchtspuren:
Nun wird wohl ein Wort bald das Weltall durchgellen!
Wohl sammelt, beim Rasten der Tagkreaturen,
Sich stets die Gesangskraft, vor Spruchsprudelwellen,

In Herzkammern an, um dann rasch zu erwachen!
So wird auch die Erde ihr Fieberlied hören,
Doch wachsen noch züngelnde Zeugen aus Rachen
Und Kratern empor, um das Sein zu beschwören.

Der Felskegel fünf recken, handhaft verbunden,
Sich steil über mir in den schweigenden Äther.
Und siehe, sie bluten aus furchtbaren Wunden,
Und Schramme bei Schramme wird blau aufgeblähter.

Bald schrumpft jede röter verrunzelt zusammen,
Schon kann sich der Handschatten angststarr verkneten,
Auch er scheint dem traumblauen Arm zu entstammen
Und will seine Wirklichkeit tätlich vertreten.

Ein eben verknorpelter Finger empfindet
Den Spender der eigenen Schattensaumseele;
Drum merk ich, wie einer den andern umwindet!
Der Wirklichen Größter trägt seltne Juwele.

Er kann sich nicht krümmen. Er stellt die Probleme
Und läßt sich von Augen des Schattens bestaunen.
Ein andrer besteht, da ich selbst ihn vernehme,
Und der mag dem Schattenohr Dasein zuraunen.

Der vierte, der dünnste und schwächlichste Finger,
Verschrumpft ohne Knöchel und sucht seinen Schatten,
Der rüsselhaft schnuppert, als wäre er Ringer,
Mit Wucht anzupacken; doch beide ermatten

Und ziehn sich verekelt zurück, so wie Schnecken
In Krampfschalen, diese in Eigenschleimwände.
Der letzte bleibt wund, und, bedeckt von Blutflecken,
Beleckt ihn des Schemen erbebendes Ende.

Die Hände, die beide sich ängstlich ergänzen,
Sind Männlichkeit, Weiblichkeit, engangegliedert:
Die, Umrisse sprengend und trotzdem in Grenzen,
Sich selber, im Nebengeschlechte erwidert,

Urinnig genießen und sinnlich begreifen,
Doch ich kann sie dreifach, als Drittes, ermitteln:
Sie schaffen den Raum, den Gedanken durchschweifen,
Und Willenskraft schließt sich, mit jenen Zweidritteln

Des Menschenbewußtseins lebendig zusammen;
Und zwiefach erkenn ich, durch Sprache und Geste:
Es muß, was stets wechselt, sich selber entstammen,
Denn hier gibts nur Glut, Luft, die Flut und das Feste.

Drum seh ich auch Leichtigkeit, Fluchtsucht und Dauer,
Urrundwucht, Weltwechsel, Verfall und Allschmiegung,
Als sieben bewegliche Glieder auf Lauer
Nach einer vom Dasein geforderten Biegung.

Noch vier solche Wuchtgruppen sieht meine Seele,
Als irdische Gottheit, das Dasein gestalten.
Wer kann sie beschreiben? Ich staune und zähle
Die Handpalmen, die sich aus Armschaften spalten!

 

        E in Felstempel leidet und bebt jetzt lebendig
Und blickt in sich selber, mit viertausend Augen:
Ich selbst bin fast drinnen und sehe inwendig
Die stetswunden Fühlspitzen Blut einwärtssaugen.

Der sinnlich empfindende Zackenkamm gliedert
Sich achtzehnfach, leidvoll und lustreich, vom Stocke
Der fünf Gefühlspitzfühler los und erwidert
Dann sechstens, verrunzelt, verwirklicht, als hocke

Im Innern des Tempels, in selbstheller Engnis,
Verpriestert ein Finger, bewußt das Empfundne:
Er sperrt, was er spürt, ins Gedächtnisgefängnis,
Und ihm nur verdankt sich das rhythmisch Verbundne.

Den sechs Weltempfindungen setzen Gesichter
Sich, zerrbildhaft spiegelnd, genau gegenüber,
Drum ändern sich stets ihre Selbsteinblickslichter:
Entrückt die Empfindung, so werden sie trüber!

Erhebt sich der Finger der Eigenempfindung,
So scheint sein Gesicht ihn halbstarr anzustaunen:
Verbirgt er sich aber, als Brunstimpulswindung,
Verrät sich sein Schrumpfruck durch Auflachkrampflaunen.

Die Finger sind blaß. Und des Weltraumes Buntheit
Ergießt sich wahltrefflich ins All aus Pupillen:
Und freier schon trachtet das Erdsein die Rundheit
Und Rhythmensymmetrik, durch Ruhlust und Willen,

Die urfest bestehen, in uns zu erzeugen:
Und Süßgeschmack, Wollustduft sichern und regeln
Ideen, die unter sich Werdendes beugen,
Und zwingen sich stets, sich als Bild einzukegeln.

Der große Koloßklotz beruht auf Wühlfüßen,
Die zwei über fünfzig Gefühle verspüren,
Oft kann eins das andre stark übel versüßen,
Wo einge, vereinigt, das Leid herbeiführen.

Im Innern des Tempels verknüpfen die Enden
Von neun mehr als achtzig Welthänden als Herz sich
Und wollen, vertieft schon, sich Selbstdasein spenden
Und sitzen auf mir, denn stets bin ich inwärts Ich.

Doch tiefer als ich noch, im Schoß des Kolosses,
Erblick ich den Freiheitsohn selbsthell erleuchtet:
Dort reift er heran, in der Pracht eines Schlosses,
Und thront schon am Lotos, der nie sich befeuchtet.

Wahrhaftig, ich sehe das herrlichste Wunder!
Die Erde wird selbst ihren Heiland gebären:
Erst wurde der Mutterleib runder und wunder,
Doch fängt jetzt der Geist an, das Fleisch aufzuzehren.

Das Kind, wie der Morgen im Irislichthemde,
Verweilt ernstbedenklich, von Engeln umlächelt:
Und Krüppel und Bettler entsendet die Fremde,
In welche der Wind schon die Botschaft gefächelt.

Wer bucklig war, schreitet heran wie ein Ritter.
Die Stummen beginnen Heilshymnen zu singen.
Die Blinden erschreckt noch das Taglichtgeflitter.
Und alles, was taub war, erhält Seelenschwingen.

Der Seele entreißt sich das Ursprungsgedächtnis.
Was eingesperrt war, überspringt seinen Kerker.
Die Menschheit erwirbt und verbirgt ihr Vermächtnis,
Denn ringsum erscheinen Ereignisvermerker.

Dem Himmel entsteigen jetzt Weltschlundkometen
Und wallen als Urwabezungen hernieder.
Das Kind aber wächst durch die Kraft von Gebeten
Und strahlt durch des Mutterleibs Honiggoldglieder.

Der Sohn kann der Mutter die Schönheit verleihen:
Der einfache schlanke Geburtszweckgedanke
Wird alles jetzt weihereich, rhythmisch anreihen,
Und üppiger bleibt nur die Weltfruchtschalflanke.

Und auch alle Tiere durchzuckt das Menschwerden
Des Sohnes der Erde, der gar nicht empfangen
Und lustunbefleckt, ohne Schmerz und Beschwerden,
Im Mutterleib Kraft hat, sein Werk anzufangen.

Ein hellblonder Löwe vergnügt sich mit Kindern.
Und goldene Gänse durchfliegen den Äther,
Durch Liebesdurstbotschaft Lustsehnsucht zu lindern.
Die Tigerbrut sendet zwölf sanfte Vertreter.

Die Schlange Ananta verkrümmt sich als Brücke
Und läßt still die Tierflut den Pfuhl überschreiten.
Die Singvögel jubeln von fristfreiem Glücke
Und lassen sich angstlos von Falken begleiten.

Im Wasser die Fische erheben die Köpfe
Und scheinen bereits die Verheißung zu hören:
Als ob dieser Freiheitssohn Erdfieber schöpfe,
Gelingt es jetzt Wildheit und Maß zu beschwören.

Ein Edelhirsch stürzt nun, mit goldnem Geweihe,
Gehetzt, aus dem Urwald hervor an die Lichtung:
Es scheint, daß der Heiland ihm Beistand verleihe,
Denn selbst bricht und lenkt sich der Pfeile Flugrichtung.

Es kann ihn kein Menschengeschoß je erlegen:
Verfolgen ihn ringsum auch hungrige Jäger,
Und rennen ihm einige hurtig entgegen,
So täuscht er gewandt jeden Fluchtwegverleger.

Wohl sind die Verfolger trotz Blindheit getragen,
Denn niemand vermag es, das Kind zu erblicken,
Und jedermann trachtet die Tiere zu jagen,
Um endlich mit Speise den Leib zu erquicken.

Doch keinem gelingt es, ein Wesen zu haschen:
Die Beute entgleitet sofort allen Händen,
Das kann zwar die Jäger gar stark überraschen,
Doch niemand befiehlt noch die Jagd zu beenden.

Verzweifelt, von Hunger gepeinigt, entschließen
Sich, fiebernd, die Menschen jetzt Beeren zu essen,
Doch auch diese Früchte sind nie zu genießen,
Es scheinen die Finger bloß Perlen zu pressen.

Ein halbharter, dickfeuchter, prickelnder Reifen
Verteidigt auf einmal die mindesten Kräuter:
Die Menschen versuchen ins Obstfleisch zu kneifen;
Auch dieses hat Stacheln, und tausend Dickhäuter

Beherbergt der Forst nun. Sogar durch den Äther
Gelangt das Geflügel ganz heil, aus Gefahren,
Zum Wabealtar, wo die letzten Verspäter
Im Luftreich sich still um den Freiheitsohn scharen.

Jetzt sehn sich die menschlichen Jäger den Schrecken
Des Endes durch Hunger und Furcht preisgegeben:
Ihr Bangen ums Dasein kann Mitleid erwecken,
Und Tauben beginnen erweicht zu erbeben.

Die fiebernden Tiere, die nimmermehr grasen,
Sehn wehmutsvoll auf zum vermenschlichten Leiden;
Da seh ich auf einmal, erstaunt, einen Hasen
Das Jägervolk auffordern, ihn auszuweiden.

Sofort wird das Opfer des Tieres vollzogen.
Doch kaum ward der Hase vom Menschen geschlachtet,
So steigen der Wabe schamkräuselnde Wogen,
Im Geiste der Jäger, der jäh sich entnachtet,

Gewaltsam empor: und auch sie packt das Wunder!
Sie sehn schon ihr Opfer sich goldrot erleuchten,
Ihr Leib fühlt sich satt an, die Seele gesunder
Wie je noch, wenn Fasttage Krankheit verscheuchten.

Jetzt fängt sich im Erdleib das Kind an zu regen.
Viel heller und greller noch blendet es alle.
Der Mutter entsteigt es und spendet den Segen.
Und gleich einem Leuschrei durchbebt es die Halle:

»Ich bin! das Martyrium der Erde verschwinde:
Mein Dasein erheischt aller Gottheit Verneinung,
Mein Licht blinkt von innen, und mild und gelinde
Durchzieh ich die Welt als Urfriedenserscheinung.

Bald habt ihr den Brahmakrampf ganz überstanden,
Die Tagkraft, der Arbeitsdrang darf rasch verfallen,
Das Licht aber geht keiner Menschheit abhanden,
Es mag aus euch allen ins Ätherall wallen.

So wird jedes Kalpa aus mir jung geboren,
Die Felsen erschüttert mein Erdlichterklimmen,
Aus Seelenschluchttoren zu Mutterleibsohren
Verkünden mein Kommen komethafte Stimmen.

Vernehmt nun befreit meine Seelenverheißung:
Die Wabe in mir, die ich machtvoll entfalte,
Verspricht euch die herrlichste Lichtschmerzentreißung
Und schließt manche Scharte und Taggattungsspalte.

Es kann euch der Hase der Umwelt versöhnen,
Denn jetzt bleibt die Wabe den Erdkindern nahe,
Kein Opfertier soll je zum Sonnengott stöhnen,
Damit sich das Fatum der Tagkraft bejahe.

Ganz schonungslos dürft ihr nun keines mehr töten,
Das Lebensleid sollt ihr gemeinsam verneinen,
Das Weib, das mich jetzt ohne Schmerzschrei und Nöte
Gebar, aber darf euch noch unrein erscheinen.

Auch wird meine Mutter nach knapp sieben Tagen,
Nachdem sie mich sichtbar zehn Monde getragen,
Als unbefreit sterben, und fernere Plagen
Erwarten das Weib, doch laßt mich das sagen:

Nach mir kann dereinst sein Befreier erstehen!
Das Jungfrauen-Gleichnis bleibt dann noch erhalten,
Das Kind aber wird mit entsetzlichen Wehen
Den Leib seiner schreienden Leidmutter spalten.

Das Weib jedoch darf dann am Leben verbleiben
Und sehn, wie die Menschheit den Erdheiland peinigt,
Ein Opferlamm nochmals sich willig entleiben,
Das Weib aber dann mit dem Manne vereinigt.

Die Wabe muß stumm um den Lichtaltar wallen
Und langsam den Gott mit dem Sohne vereinen:
Die Sünde dereinst auch vom Fleischgenuß fallen,
Und so sich das Jungfrau-Symbol selbst verneinen.

Dann werden verschiedene Mütter, vom Manne
Geschwängert, den eigenen Erdsohn gebären;
Die Wabekraft kann einst, von Spanne zu Spanne,
Dem Tagjammer Helfer der Wahrheit gewähren.

Doch merkt es, die Wabe hilft ewig den Rassen,
Die rastlos sich aufwärts zum Lichtspender schwingen:
Und kann sie der Vater im Menschtum erfassen,
So dürft ihr das Reich freien Friedens erringen.

Da gibt es auf Erden einst keine Verneinung:
Die Flamme wird tief in die Erdwabe greifen,
Die Liebe tritt wieder als Urlichterscheinung
Ins Dasein, zu welchem wir allesamt reifen.

Schon wartet im Norden der Hort der Befreiung:
Er schlummert im Schatzberge, Meru geheißen,
Und selbst meiner Wiedergeburt Prophezeiung
Verkündet er kühn, Völker an sich zu reißen!

So nennt mich denn Buddha und hört diese Wahrheit:
Ich werde im Dunkel der Menge verschwinden,
Mein Dasein verliert langsam schwindend die Klarheit,
Mit der mich die leidreichen Menschen empfinden.

Ich gleiche dem Monde, der traurig verscheidet,
Sich selber erfüllend jedoch unsre Erde
Gar freundlich belächelt und Lichtschäfchen weidet,
Denn seht doch, auch ich sammle lind meine Herde.

Bevor ich im Glanz meiner Machtpracht erstrahle,
Vergleicht mich dem Monde, in dem ich den Hasen,
Als Abbild vom sanften Verzichtideale,
Dort selbst, in entsilbernden Abnahmephasen,

Zum Abschiede, mild meinem Erdgeschlecht zeige,
Denn wißt: das Entsagungstier hab ich mit Wabe
Dort tief eingemerzt, und ich selber entsteige,
Als Vollmondlicht, weiß meinem nachtschwarzen Grabe.

Wie, gleich ich dem Vollmond? Der Mond bin ich selber!
Das Zeitleid durchbrech ich als Wert im Kalender,
Aus Herbstfeldern steig ich als reifer und gelber
Erdfruchtkern empor und belausche die Länder,

Die schaumumsäumt lang meine Nachtmacht ersehnen.
Gar pausbackig schau ich als Gautama nieder.
Ein Erdgeist, durchschimmre ich perlende Tränen,
Und Lichtflügel geb ich dem Erdfluchtgefieder,

Das fiebernd versucht, an der Mondbrust zu saugen.
Und seht, meine Milde entschwellt ihrer Hülle:
Mit Lichtmilch beträufle ich traurige Augen,
Und wieder verschwindet die Brust im Lichttülle,

In perlenden Schleiern und Irisgischtspitzen!
Denn wißt jetzt: ich wünsche mich wenig zu regen,
Ich bleibe, der Langlebigkeitsgottheit gleich, sitzen
Und bin drum stets lebend als Buddha zugegen.

Ich gleiche dem Monde, dem Sohne der Erde,
Der nimmer den Bruder befreit und alleine,
Voll Mitleid mit sterblicher Menschenbeschwerde,
Gar schweigsam dahinschleicht in bleichlichem Scheine.

Ich gleiche dem Monde, der Träume und Träumer
Der Erde entschmeichelt: ich kann auch die Brüder,
Die Buddhas, die schlummern, als Erdurschlundräumer,
Durch Ruhe gebären und werde nicht müder!

Ich gleiche dem Monde! Als Sohn dieser Erde
Und milder Verneiner des Sonnenrobotes,
Als Buddha, als der ich in Indien jetzt werde,
Bezweifle ich jegliches Sein eines Gottes!«

 

Kaum wurden die Worte von Buddha gesprochen,
So meldeten Wächter, im Festprachtgewande:
Ein goldener Vogel sei jäh ausgebrochen,
Nur weiß man nicht wo, ob im eigenen Lande,

Ob ferne im Osten, im Goldschloß der Sonne,
Ob südwärts, wo Meere der Stürme bedürfen,
Ob westlich, wo ewig die Wellen die Wonne
Des Sonnlichtes schmatzend und geilfletschend schlürfen.

Ob hoch, dort im Norden, wo Berge und Sterne
Beharren und nimmer den Wandrer betören!
Der eine der Wächter sieht scharf in die Ferne,
Der andre kann alles, was weither stammt, hören.

Sie lugen und lauschen und spüren noch immer:
Doch keiner vermag, was uns naht, zu erraten.
Da fang ich nun selbst an, in mir einen Schimmer,
Ein Klimperspiel, wie von verschiednen Dukaten,

Genau, in der eigenen Welt, zu vernehmen.
Ich seh keinen Buddha mehr. Felstempel brennen.
Die Wesen verstecken sich, schreckhaft wie Schemen.
Und Werte versuchen ihr Sprechwort zu nennen.

Da schlagen auf einmal unendliche Schwingen
Die Sprache der Inder, voll Pracht, auseinander:
Die Federn des Tieres sind Rhythmen, die klingen,
Doch fest, daß ihr Schallband das Weltall durchwander!

Und wahrlich, allüberall formen sich Sprachen.
Lautgruppen versuchen ihr Sein zu beflügeln
Und taumeln wie Nachen, die jäh in See stachen,
Noch auf und ab, tief zwischen Windwogenhügeln.

Der Mutterrumpf gleicht einem Glastpelikane,
Mit weiblichen Brüsten: und ist Mann und Ahne
Der andern zugleich, und im Aufopfrungswahne
Verpraßt er für Nachkommen Sprachenorkane.

Wie wird mir so klar: Indiens Sprache versprühte
Der innersten Mystik unendliche Güte,
Sobald ihre Fülle als Hymnus erglühte,
Daß so im Gemüte der Ruhbuddha blühte!

Der Glaube, der voll aus der Sprache entstanden,
Befreit erst sein Wesen aus heimischen Banden;
Sein Flügelschlagbraus kann jetzt überall branden,
Und was ihm entstammt selbst im Ozean landen.

Und wirklich, des Urrumpfes Achseln entschlüpfen
Schon bunteste Falter, die rings flugs weghüpfen,
Und einge, die flügge sind, fliehn und verknüpfen
Die Rassen, daß bald sich die Federn betüpfen.

Sonngoldene Möwen enteilen dem Meere,
Damit sich der Anhang des Buddha vermehre,
Am Schwanz sitzt ein Kauz, Indiens heimliche Lehre,
Doch spürt kaum ein Goldtier die silberne Schwere!

Jetzt läßt mich die Welteinsicht wahrhaft erstaunen:
Die Sprachlaute stauten sich eben zu Daunen
Und schallen am Strande schon stark wie Posaunen,
Die Kauzart jedoch wird im Tempelgrau raunen.

 

Das schallt Mahabharata! Yakasch erwidern,
Als Echo, das Inder-Idiom in den Bergen.
Ich selber empfinde den Rausch in den Gliedern:
Und tief aus den Zwergen, die rings sich verbergen,

Verbreiten sich herrliche Lichthymnenfieber.
Der Taumel gefällt mir, den Sang tanzen Frauen,
O könnte er dauern, noch länger, noch lieber:
Wer könnte auf einmal das Traumgrau durchschauen.

Die zärtlichsten Winde, die morgens liebkosen,
Ein mädchenhaft wahres und quellklares Lachen,
Dazu einen Dufthauch von Haut und von Rosen,
Das Auge der Frau, nach dem Brautnachterwachen,

Das alles erfaß ich, als greifbare Bilder:
Ein tummelnder Ausbund von Jugendgestalten
Umwirbelt mich sichtbar und schwingt immer wilder
Die Schleier zu blumenblattartigen Falten.

Und wirklich, beim Wirbeln, verwickeln die Hüllen
Sich krampfhaft, von Blumengedanken gehalten;
Sie schickten, verknüllten sich, Kelche zu füllen,
Als ob sich Dämone zu Tanzknäulen ballten.

Ein einziges Schleiergewirbel verknetet
Die Kleider zum Knaufe, und Jungfrauen hüpfen
Jetzt nackt in den Raum, wo die Priesterschaft betet.
Und während die Hüllen sich bauschig verknüpfen,

Ergeben die Mädchen sich brünstig den Freiern:
Und rings der Goldschutzschurz wird Pollen der Blume,
Aus plötzlich von Purpur durchglühten Brautschleiern:
Und oben hockt Schiwa im hochroten Ruhme

Der siegreichen eigenen Weltbildvereinung.
Sein Glutgewicht senkt seinen Thron in die Tiefe,
Und rasch nur erfaß ich die Fiebererscheinung,
Es ist, als ob Gift aus dem Kelch übertriefe.

Ja! Zwischen den Blättern liegt brunstschwül ein Panther,
Den Schiwa, sanft streichelnd, im Augenblick bändigt:
Doch tropft Schleim und Speichel ganz kurz übermannter
Tierurwut vom Maul, wo das Reißzahnfleisch endigt,

Als Giftgeifersprudel hervor und durchrieselt
Die Blutblume, die unter Schiwa verschwindet.
Ein Stechregen, der nun im Nu niederrieselt,
Vertilgt jede Blattflamme, die sich entrindet.

Die Glutzunge Schiwas, sein Raubkatzenauge,
Verschwinden zuletzt in der Schluftgruft der Erde,
Es scheint, daß der Gott alle Welthast aufsauge,
Denn jetzt stockt in uns jede Körpergebärde.

Die Brunstblume sinkt tief ins Innre der Seele
Des kummerlos schlummernden Tagelefanten;
Da ists, als ob Schiwa sein Kraftsein jäh stähle,
Als ob sich die Mannfasern ruckrasch anspannten,

Denn schon wälzt der weiße Koloß, wilderglühend,
Voll Brunst sich hervor, um die weibliche Erde
Mit Hast zu erfassen; lichtsprühend sich mühend,
Verschwitzt er aus Durstrausch und Auftauchbeschwerde

Jetzt tausend Taubäche, die perlend zerfließen;
Doch geht da die Nachttragpagode in Trümmer,
Das Lichttier will strahlend den Erdleib genießen;
Es ist, als ob nie eine Weltpflicht ihn kümmer.

Der Sternbaldachin ist davon, schon hoch verschwunden:
Der Purpurschabracke zerflatternde Fetzen
Zerstieben in kurzen Urbrunstlustsekunden,
In denen Tauströme die Erdflur benetzen.

Denn immer noch rieseln vom Lichtelefanten
Die Taggeilheitsbäche wie Regen hernieder;
Die Perlmuttertürme mit hochimposanten
Prachtflanken, der Baubonzen Elfenbeinglieder,

Die Nachtherrschaftshallen sind alle zerfallen:
Der Tagelefant hat sie brunstwild zerschmettert!
Jetzt kann er sich platt in das Brunstfleisch einkrallen:
Er wirft sich aufs Land, das er wuchtstumpf erklettert!

Doch kann mir nun Wischnu im Taumel erscheinen;
Er thront ja mit Lakschmi, der Gattin, im Äther;
Ganz nackt, hockt er hoch mit verschlagenen Beinen,
Denn Dankgaben, Schambrauch, Behüllung verschmäht er.

Sein Fleisch strahlt so hell wie die Gletscher im Norden,
Wenn Rosenlichthauche sie morgens umschmeicheln,
Sein Weib fächelt Wolken nach Blutstrom-Akkorden!
Himalajas Eiswelt, die Stürme kaum streicheln,

Nur kann ich den Gott der Erhaltung vergleichen!
Die Gattin will frei seine Anmut genießen
Und wagt es, ihm prachtvolle Spangen zu reichen,
Und siehe, des Weltherrschers Füße umschließen

Schon bunt und so hold Glanzgeschmeide und Ringe.
Lichtkränze umwallen ihm Hüften und Schläfen,
Die Hände besetzen unzählige Dinge
Aus fernen, ausländischen Überseehäfen.

Die haarlose Nacktheit bleibt trotzdem erhalten:
Es läßt sie die Pracht nicht an Geltung verlieren,
Im Gegenteil trachtet das Weib, mannigfalten
Prunkglutschmuck ums reizreiche Fleisch zu gruppieren.

 

        J etzt windet ein Weib sich, von Armen und Schlangen
Beinahe gebändigt, vor Wischnu in Krämpfen.
Ein Untier, ein Jüngling, voll Brunstlustverlangen,
Versuchen gemeinsam, das Fleisch zu erkämpfen.

Das Weib aber weiß wohl sein Erbteil zu stählen!
Geschickt wie die Schlange, entschleicht es dem Manne,
Verständig und fähig, Kampfkräfte zu wählen,
Enteilt es dem Tier, um die kleinste Zeitspanne.

Die Bestie, der Mensch müssen schnell unterliegen,
Denn siegreich erreicht jetzt das Weib beide Rhythmen,
Du siehst es den Feinden im Wirbel entfliegen
Und demütig Wischnu sein Tanzkunststück widmen!

Die Männer, im Umkreise, atmen viel schwerer,
Da schwellende, fleischige Muskeln sie reizen.
Das Weib aber fühlt nun den Hauch der Verehrer
Und greift, wie um plötzlich mit Schönheit zu geizen,

Jetzt schamhaft zum Knie, um die Schenkel, das Becken
Verlegen mit Flechten gerecht zu verstecken:
Da stockt und da flockt nun der Odem der kecken
Gesellen und fängt an, das Weib zu bedecken.

Nun tanzt es auch wieder im wolkigen Hemde,
Und perlender Tau übersprüht seine Glieder,
Da wirbt und da stirbt jetzt ein Prinz aus der Fremde,
Und siehe, das Weib kriegt ein purpurnes Mieder!

Es tanzt noch, und Rosen, die fruchtlos verwehen,
Entsenden der Tänzerin duftmüde Hauche,
Die kann sie, beim Wirbeln, zu Blutschärpen drehen
Und bauscht sie symbolisch, nach landläufgem Brauche,

Um Scham vor den Menschen der Gottheit zu weihen.
Es scheint, daß ein Schleier ein Weib trefflich rüste;
Die Priester jedoch, die sich geil umherreihen,
Betrachten gar lüstern der Tänzerin Brüste.

Die Glutblicke bleiben sogleich daran haften.
Im Nu überfunkelt ein Panzer den Busen,
Und Männer, die brunststarr die Nacktheit begaffen,
Versuchen das Weib nun mit eitlen, konfusen

Versprechungen dennoch zum Fall zu bewegen!
Das Weib aber kann jede Antwort verweigern,
Leicht lächelnd den Kris in die Zahnklemmen legen
Und wieder den Wirbeltanz unbändig steigern.

Ein Glastpanther trägt dann das Mädchen im Panzer
Auf einmal davon, zu Verwandten und Ahnen;
Und Nachtelefanten und Grausfirlefanzer
Zerstampfen mit alter Gewalt die Brahmanen.

Die Nautsch knautschen laut, und die Tagdewas spotten,
Um Nachdruck dem grausamen Rausch zu verleihen,
Und abermals lausch ich aufs Echo der Grotten
Und hör Yakhasch laut Mahabharata schreien.

 

        I ch aber sage allen Lebensüberwindern:
Laßt von der Schönheit euch jetzt nimmermehr verführen!
Ich will die Leiden eures Erdendaseins lindern,
Ich weiß des Flammengangs geheime Seitentüren.

Sie stehn euch offen, folgt mir bloß auf meinen Wegen,
Ihr dürft ein totes Leben ohne Leid erhoffen,
Ihr könnt euch selbst die steile Sonnenbahn verlegen,
So kommt, wir haben uns zur Wallfahrt gut getroffen!

So reißt euch los vom Weib! Das Weib ist bloße Erde!
Doch steigt ins Grab hinein, und nicht empor zum Himmel.
Das Licht, der strenge Hirt, treibt seine Menschenherde
Mit friedlichem Gebimmel, wie ein Schafsgewimmel,

Stets fort, bergan von Schmerz zu Wunsch, von Brunst zu Leiden;
Ich aber lehre euch, das Licht der Seele zu entzünden,
Und so als freies Sein den Außenzwang zu meiden,
Und meinen Kult will ich mit Wucht in euch begründen.

So gebt ihr eurem Sein die beste Selbsterhaltung,
Den Tod könnt ihr im Dämmerscheine kaum gewahren,
Verneint ihr das Geschlecht, die Leib- und Seelenspaltung,
So birgt für euch das Dasein nimmermehr Gefahren.

Seid Sternen gleich, die keine andern Sterne stören,
Ich werde wie der Mond euch durch das Dunkel führen,
Ihr sollt die Lieder meiner Inbrunst nimmer hören
Und nur die Stille meiner Liebe in euch spüren.

O Mond, du lautrer Lotos tiefster Weltenweiher,
Du schwimmst im Urall-Ozean dahin: und Sterne
Entschlummern bleich, bedeckt von deinen leichten Schleiern,
Und auch die Sehnsucht schweigt in deiner Obhut gerne!

Drum folgt mir, Daseinsflüchtlinge und Mendikanten,
Vertilgt im Seelenfieber eure Lichtbegierde,
Entflammt den Ampelschein, da wir sein Heil erkannten,
Kein Drang, kein Mangel sind des Priesters tiefste Zierde!

Ein Lotoslicht voll Milde ist in uns erschienen:
Ich hüte mich, sein Wesen seelenher zu nennen:
Dem Einklang der Geschöpfe soll mein Walten dienen,
Kein Laut, auch kein Gespenst soll Geister trennen.

Der Mund, die Ohren, Augen sind der Umwelt Lucken,
Durch die der Freund uns wahrnimmt, Feinde fremd betrachten,
Einst soll jedoch die Einheit ineinanderzucken,
Die Urlust der Gespaltnen Reizbarkeit verachten.

»Du irrst, Unseliger, du irrst!« ruft eine Stimme.
Ein Krüppel, der mir nachschleicht, hält mir diese Rede:
»Ich reize dich vielleicht zu herbem, bitterm Grimme,
Doch wisse, Tor, du trennst nur, und du wirbst um Fehde.

Laß Leib und Seele miteinander wandern, selig
Die Welt genießen und das Leidmaß tragen,
So steigen wir am Sonnenpilgersteig allmählich
Und ohne Umweg auf aus unsern Jammertagen.

Unseliger, du willst aus Milde Krüppel zeugen,
Auch ich bin fromm und einst ein Bettelmönch gewesen,
Mein Leib verkam, doch ließ die Seele sich nicht beugen,
Dafür muß jetzt mein Leib lebendig schon verwesen.

Ich habe meinen Mord vielleicht noch zu begehen
Und werde als Vampir die Nächte bleich durchschleichen,
Ich muß die Marterqual wahrscheinlich einst bestehen
Und soll verflucht, als Spuk, mein Ziel zuletzt erreichen.

Unglücklicher, du kannst dem Schicksal nicht enteilen,
Du bist Asket, und warst du wirklich nie ein Prasser,
So wirst du noch als Schlemmer auf der Erde weilen!
Du hältst dich rein: vergeblich suchst du einst nach Wasser!

An mir, dem Hinkenden, kannst du genau erkennen,
Daß unsre Seelen tiefer als ein Leben dauern,
Wildträumend will die meine sich vom Leibe trennen,
Wohl seh ich oft, wie Windgebilde sie belauern,

Doch krampfhaft kann der Rumpf sie abwärts an sich reißen,
Zurück ans Fleisch und, schon entwußt, in Starrheit binden;
Und dennoch kann sie nimmer sich im Leib verbeißen,
Noch jemals sich wie er, so jung und siech empfinden.

Denn das ist ja das Schauderrätsel meiner Tage:
Die Seele ist viel weiter als mein Leib gegangen,
Es scheint, daß sie fast greisenhaft ins Jenseits rage,
Und sieh, ich bin ein krankes Kind mit roten Wangen.

Auch ich, unselger Pilgerhirt, auch ich erblicke
Das Lotoslicht am Roten Ozean der Seelen:
Wenn ich zusammenknicke und beim Schrein ersticke,
So fängt der Buddha grausam an, mich tief zu quälen.

Er ruft: Ich bin der Aufruhr und die Seelenruhe,
Ich bin des Mondes Bruder, tief im Mutterschoße,
Ich bin die Furcht vor dem, was ich im Kerker tue,
Den Tod entfeßle ich mit grausem Erdglutstoße.

Ich bin der Daseinsflamme tiefste Urverneinung!
Da ich als Buddha die Vernunftaskese förder,
Ist uns ein Selbstmord meine schwerste Machtverheißung:
Ekstatisch bin ich Mahatma und Seelenmörder.

Mein Sieg kann nur in unterwühltem Land gelingen;
Ich muß den Lebensüberdruß zuerst verbreiten:
Wo Erderschütterungen meinem Sein entspringen,
Vermag ich es, den Krieg- und Pestweg zu beschreiten.

Statt Mord und Sühne könnt ihr euch den Selbstmord wählen:
Das ist der kühnste Sinn von meinen Einheitskrämpfen:
Die Krüppel dürfen sich im Dasein weiterquälen,
Denn Roheit läßt sich leichter als das Weltleid dämpfen!«

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.