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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Das Ra-Drama

Die Pyramide

        » V erwegener, was willst du?
Was peitscht dich aus der Ruh?«
Erscholls in meinen Träumen,
Als jähbewußter Schrei!
»Ich kann dich nimmer zäumen,
Du Lichtbrunst schön und frei.
Ihr Wünsche zu erfahren,
Euch schnellt ein Sonngeheiß,
Die Lust am faßbar Klaren,
Empor zum Bild von Sais!«
Dies hab ich rasch gestammelt,
Als ich Ägyptens Ra,
Vor Tempeln traumverrammelt,
In heilger Würde sah.
Das Volk war laut versammelt.
Da schien es mir beinah,
Als trügen jene Scharen
In sich den Urbeweis
Der Kraft des Sonnenwahren
Bis vor das Bild zu Sais.
Dort hockten stumme Beter.
Da drang, nach Art und Weis
Der Krieger, ein Trompeter
Hervor aus einem Kreis
Ekstatisch krampfverdrehter
Erleuchteter von Sais!
Er blies und rief: »Für Väter
Der Gaue schafft ein Gleis,
Ihr andern folgt erst später:
Der erste sei ein Greis!«
Ich aber rief: »Wo geht er?
Daß er um keinen Preis
Vor mir, dem Lichtvertreter,
Den Schleiertand zerreiß?«
Nun hört ich ein Gezeter.
Es heulte das Geschmeiß
Der Weiber, Missetäter,
Besessenen zu Sais.
Da lag das Pack in Krämpfen.
Ein Knäul von nacktem Fleisch!
Um Wut und Brunst zu dämpfen,
Schrie Ra durch das Gekreisch:
»Das Heil will ich erkämpfen:
Verstummt, da ichs erheisch!«
Doch brüllten Weiber, Kinder
Jetzt stärker und zu Fleiß.
Und Bauern trieben Rinder,
Mit Peitschen, in den Kreis.
Sie riefen: »Schmerzverwinder,
Wann hilfst du uns zu Sais?
Was soll mir Pein und Mühe,
Was Plage, Drangsal, Schweiß,
Zerstampfen Stier und Kühe,
Das eigne Weib, – als Geis!
Wenn ich in Fieber glühe,
Am Feld, das junge Reis!«
»Es sollt ihr armen Bauern,
Versammelt hier zu Sais,
Im Traume nicht erschauern,«
Rief Ra; »und zum Beweis
Begründ ich vor Beschauern
Was stets Ra-Arbeit heiß!
Die wird euch überdauern;
Ihr gebt mir nur den Gneis:
Ein Werk daraus zu mauern,
Wie ich allein es weiß!
Kein Volk wird es betrauern:
Der Welt vermach ich Sais!«
»Wir werden schmähen, keifen,
Bis du uns nicht erhörst,
Uns fest darauf versteifen,
Daß du den Alb zerstörst,
Und jammernd Sais umschweifen,
Bis du den Spuk beschwörst!
Wir schließen einen Reifen,
Und wenn du dich empörst,
So wird man sich vergreifen,
Weil du das Land betörst.
Versuch nicht zu entkneifen,
Da du den Strauß verlörst!«
So schrie beim Stadtumstreifen,
Ägyptens Volk vor Sais.
Dies ward ein Johlen, Pfeifen,
Ein wütendes Gekreisch.
Selbst Kinder sah man kneifen,
Zur Stärkung ihres Schreis.
»Ihr seid zu viele Bauern:
Ich schaff den Priesterstand!
Wenn Träume euch belauern,
Entschüttelt sie durch Sang
Und gebt mit Felsbehauern,
In einer Riesenwand,
Tief zwischen Felsenmauern,
Dem Schreckgesicht Bestand!«
Dies hatte Ra verkündet!
Wo man sich schlug und wand,
Da war sein Kult begründet,
Im nilgebornen Land.
Da hat den Glaubensbrand,
Wo still der Schlammfluß mündet,
Die Sprache Ras entzündet,
Gott schaffend, gottgesandt!
»Die Widder kommen nächtlich,
Als Spuk, in unsern Gau:
Die Zahl ist gar beträchtlich,
Wir sehn sie ganz genau;
Stumm sehn sie und verächtlich
Auf uns, in unsrer Au,
Und scheinen unanfechtlich
Bis spät im Morgengrau:
Drum sperr du sie bedächtlich
Des Nachts in ihr Verhau!«
So rief man. »Ist es rechtlich,
Daß eine große Sau
Mit Ferkeln, mitternächtlich,
In unserm Kürbisbau
Gefräßig und geschlechtlich
Am Dasein sich erbau?«
So mischten mit Emphase
Sich andre ins Geschwätz:
»Bei uns ist es der Hase,
Der wider das Gesetz«,
Schrie plötzlich eine Blase,
»Uns plagt. Und wie ich schätz,
Frißt er den Kohl im Grase,
Wenn je ich solchen setz!«
»Kein Alb soll euch entsetzen,
Daß man sich drauf verlaß,
Ich kann ihn grabwärts hetzen!«
Rief Ra begeisterungsblaß.
»Nach seinen Lebensplätzen
Sucht traumgrau, voller Haß,
Was ihr mit Axt und Netzen
Und ohne Unterlaß
Getrachtet zu verletzen!
Drum zieht nunmehr fürbaß,
Das Tierbild beizusetzen
Im eignen Nachtgelaß!«
»Kein Reiher läßt sich fassen,
Wenn ich im Schlaf mich wetz!
Des ganzen Gaues Sassen
Verstricken sich im Netz,
Wo Vögel früh verblassen,
Ob sie das Licht verletz:
Drum sag, wie man Grimassen
Der Nacht sich widersetz?«
So riefen die Erwerber
Der Landschaft hart am Nil. –
»Und uns umrauscht der Sperber,
Wir töteten zuviel!
Wir wurden Jagdverderber,
Weil Morden uns gefiel:
Kein Landvolk hauste herber
Beim grausen Jägerspiel!«
So rief ein starker, derber
Gaustamm mit Aarprofil;
»Jetzt sind wir Rangbewerber,
Mit Hohenpriesterziel:
Sind wir einst Machterwerber,
Bleibt doch der Stand servil!«
Da rief der Kraftverleiher,
Ägyptens Ra: »So seis,
O Sperbergau, du freier,
So komm, ich überweis
Dir Macht und Schutz vom Schleier
Der Gottgewalt zu Sais!
Euch Priester, Prophezeier,
Euch Wissende umkreis
Der Sperber heilger Weiher,
Als Sohn des Sonnen-Eis:
Am Mittag aber sei er
Euch Sinnbild, Hort und Preis!
Ich will, daß man ihn feier,
Verehr und monatweis,
Als Sohn vom Lebensfreier,
Von Ra, der Urkraft, preis!
Ihr andern nehmt den Reiher
Und was euch quält, – die Geis!
Die Hasen, Storch und Geier,
Gewährt euch wechselweis
Mein Gau und Gotteinweiher:
Auch Träger des Geweihs
Bekommt ihr Bauern, Meier,
Nach Schreck und Zweck zu Sais!«
Nun heulten Männer, Weiber:
»O Herr, ein böses Tier
Ist unser Ruhvertreiber!
Doch sind wir alle hier:
Gesellen, Weber, Schreiber,
Und flehen fromm zu dir:
O heile Seelen, Leiber
Vor der Dämonengier!
Wir sind nicht Übertreiber!
So glaub, ein Albvampir
Ist jener Nachtdurchbleiber
In unserm Schlafquartier;
Wir spüren nur den Schrecken,
Wir fühlen einen Druck
Und können uns nicht recken,
So bleischwer wiegt der Spuk!
Ein Sarg will uns bedecken,
Da kann kein Stoß und Ruck
Der Sklaven uns erwecken,
Da ist es, als verschluck
Ein Würgerschlaf, in Säcken,
Den Rumpf, daß er verzuck!«
»Das sind die Totenlehren!«
Rief Ra gedankenschwer:
»Verstorbene begehren
Die Sonnenwiederkehr!
Sie wollen euch beschweren:
Begrenzen euch stets mehr,
Zurück zu sich zu kehren,
Was langsam im Verkehr
Sich ändern kann, verzehren:
Denn bleibt ihr wie bisher
Und haltet ihr in Ehren
Was heilig ist und hehr,
So könnt ihr fort euch wehren:
In ewger Todeswehr
Wird jung sich das gebären,
Was nie den Stamm versehr!
Dann taucht ihr in der Rasse,
Als Form, die stets sich gleicht
Und werdend nur erfasse,
Was ihr die Urform reicht,
Als ewger Hintersasse,
Empor, wo Gleiches weicht!
Und solche Völkermasse
Erzeugt sich stracks und leicht:
Denn, daß Bewehrtes passe,
Bleibt überall erreicht.
Kein Krieg, geschürt vom Hasse,
Der, kommend, euch durchschleicht,
Erzwingt sich eine Gasse,
Die Jungformen umdeicht.
So horcht auf eurer Ahnen
Sichselbsterhaltungsschrei!
Auf friedenfreudges Mahnen
Und Schlafaufwiegelei!
Beschreitet ihre Bahnen,
Macht euch vom Albdruck frei!
Der Kultus, den wir planen,
Verlängert eure Reih
Zu Lebenskarawanen
Im Schutz der Wüstenei.
Verbleibt beim Gutgetanen,
Aus Ahnenschwärmerei
Und steht als Untertanen
Den Ra-Erstarkern bei!«
So sprach der Gott, da brachte
Ein junger Menschenbund,
In dem der Kult erwachte,
Ein Untier groß und rund
Aus einem tiefen Schachte
Vom Fels herab zum Sund.
Beim Tragen überdachte
Sein Rumpf die Männer, und
Der Eindruck, den es machte,
War wunderlich und bunt.
Man trug den Unhold sachte
Und gab den Leuten kund,
Dies sei ein Gott und schmachte
Nach Kult und Erdenrund!
Man rief, er übernachte
Verschrumpft am Grottengrund,
Und wenn auch tot, so trachte
Der hohle, heilge Fund,
Daß ihn der Mensch betrachte!
Trotz Bauch- und Leberschwund,
Empfehl es sich, man schlachte,
Für den bezahnten Schlund,
Ein Opfertier und achte
Auf seinen Rumpfbefund;
Und wo man dies erdachte,
Ward man zur Stund gesund!
»Ach Ra, aus Schreckensnächten,
Vom Zorn des Albgottskloß,
Mach uns mit regelrechten
Beschwörungsformeln los:
Bestimm, uns selbst zu knechten,
Wir wünschen den Verstoß
Und wollen nimmer rechten,
Denn unsre Not ist groß!
So hilf den Spuk zu ächten:
Gar schrecklich ist das Los,
Gewürgt von Werggeflechten,
Erstarrt und atemlos,
Verklemmt in Todesschächten,
Zu sinken in den Schoß
Von feindlich-schlechten Mächten:
Die Freiheit gib uns bloß!«
So schrien bejammernswerte
Gepeinigte nach Fron.
Und Ra, der Gott, bescherte
Ägypten seinen Thron.
Dem Volk zu Sais erklärte
Er kühn die Sonnvision:
»Das, was ich euch gewährte,
Wird jetzt zur Religion.
Es sehn die Priester schon,
Daß sich zum Guten kehrte,
Was euch, zu Spott und Hohn,
Als Alb, den Schlaf verwehrte;
Drum lebe jetzt und wohn,
Wer lang die Rast entbehrte,
In Glück daheim, zum Lohn:
Und Priester und Gelehrte
Bewachen die Nation!
Ihr müßt euch gleich erhalten!
Drum schafft ein Glaubensbild
Des gutbewährten Alten!
Und Inbrunst kühn und wild,
Laßt rings im Stein erkalten!
Was jung und frisch entquillt,
Mag eure Kunst gestalten.
Doch was am meisten gilt:
Euch selbst müßt ihr verwalten,
Wie Ra euch einst gedrillt!
Dies wird den Kult entfalten,
Und durch ein Lichtgebild
Bleibt ihr dann ungespalten:
Der Wechseltrieb gestillt!«
Da war es, als entflamme
Urplötzlich Ra das Land.
Im aufgebrachten Stamme
Geschah schon allerhand.
Da schrie man: »Ra, verdamme,
Was dir als fremd bekannt,
Und schütz mit festem Damme
Nur was uns eng verwandt;
Erzwing durch unduldsame
Verbote den Bestand!«
»Ich laß vom Bräutigame!«
Schrie plötzlich brunstentbrannt
Ein Mädchen. »Zieh als Amme
Zum Kalb, das Ra gesandt!«
Befahl dem Weib ein Gatte,
Der eben sich entmannt.
»O Vater mein, gestatte,«
Rief jemand überspannt,
»Daß ich dich neu bestatte,
Der du in Nacht gebannt!
Ich heb die Felsenplatte
Vom Grab mit eigner Hand;
Was ich am liebsten hatte,
Das sei dir zugewandt.
Nun ruh auf andrer Matte,
Da nimm auch mein Gewand!«
Dann war es, als ermatte
Der Grabgestikulant.
Nun wurden lange Züge
Einander stumm gewahr.
Die brachten Eimer, Krüge
Und was ihr Hof gebar,
Den Fruchtpreis ihrer Pflüge,
Spontan zum Ra-Altar!
Man dachte, es genüge,
Bringt jeder Opfer dar,
Daß sich ein Staatsgefüge
Fest aufbau und bewahr.
Doch änderten die Züge
Der opferwillgen Schar
Sich rasch, als Ra, zur Rüge,
Nun aufschrie: »Die Gefahr,
Die Gauen droht und Glauben,
Ist stets der Seelengeiz!
Wohl haben Lämmer, Tauben
Für Priester Wert und Reiz,
Doch nie werd ich erlauben,
Daß sich ein Reicher spreiz,
Weil er von üppgen Lauben
Am Felde, allerseits,
Die beste Frucht kann klauben!
Zur Lindrung eures Leids
Müßt ihr euch schwer berauben:
Beim Schwören eines Eids
An alle, die verstauben,
Wird nur des Ahneneids
Plagkraft und Wucht verschnauben.
Drum nehmt das Liebste! Weihts
Für ewig euren Toten,
So lang ihr lebt und leibt!
Auch euch wirds einst geboten,
Wenn ihr euch jetzt verschreibt
Und tut, was ich geboten!
Der Sohn, der hinterbleibt,
Erhalt euch mit devoten
Gefühlen wohlbeleibt
Und frag bei Totenboten,
Ob ihrs, wie einstens, treibt!
Im Dasein sich verknoten
Vermag, wer sich beweibt.
Doch das ist tief verschieden,
So wie es Könge gilt
Mit Freuden, wie hienieden,
Im westlichen Gefild,
Für ewig zu umfrieden!
Denn Könge sind gewillt,
Von allen Unterschieden
Der Stände sich ein Bild
Im Tändeltraum zu schmieden:
Drum bergt, was ungestillt
Verloht, in Pyramiden!
Auf Sorgen, flüchtig wild,
Legt einen todsoliden
Sargdeckel, wie ein Schild.«
Da schleppte man die Blöcke
Ekstatisch hin zu Ra.
Auch waren Opferstöcke
Von überall schon da.
Geschrei und Bocksgeblöke
Verrieten, was geschah.
Die Obern schwangen Stöcke
Und töteten beinah;
Doch band man sich an Pflöcke
Ganz willig, und man sah,
Wie Menschen – Kühe, Böcke
– Umtanzten mit Hurra!
»Laßt Urerfüllungszacken
Als Wunderbau entstehn!
Die schwanken, scharfen Haken
Der Bilder, die verwehn,
Ergreifen sich und packen
Euch stets beim Untergehn.
Jetzt tragen sie als Nacken
Von Männern, die da flehn:
Kein Albgott soll sie zwacken!
Sie türmen auf, zergehn.
Ihr Sein ist Ziegelpacken,
Befehlen und verstehn,
Verunglücken beim Backen,
Vor Schmerz das Aug verdrehn!«
Rief Ra. »Fürwahr, das Große
Ist nötig, schon getan.
Nun lohts vom Erdenschoße
Empor als Menschenwahn.
Der Schmerz vom wuchtgen Stoße
Gab Schürung dem Orkan:
Daß man sich schlag, erbose,
Gehört zum Brunstvulkan!
Doch bleibt vom Tagalbkloße
Nichts übrig als ein Zahn;
Beim Aufbau schon Ruine,
Durchweht vom Todeshauch,
Entsteh das Grab – und diene,
Beim Werden, als Verbrauch
Des Seins und als Maschine,
Die Sonnwucht knapp verpfauch!
Doch Bauer und Beduine,
Im Bann vom neuen Brauch,
Der Menschen Stromlawine,
Die sich ums Zweckmal stauch,
Das Weib mit Schreckensmiene,
Mit aufgeschlitztem Bauch,
Das gläubig zu empfangen
Sich wild der Frucht entleert
Und, voller Brunstverlangen,
Die Ahnen, die es ehrt,
Die längst schon heimgegangen,
Als Kinder nur begehrt,
Das sind die Schicksalszangen,
Die ewig unversehrt,
Aus dumpfem Zukunftsbangen,
Urmächtig, unverwehrt,
Scharf ineinanderhangen!
In diesem Fall verzehrt
Der Raffzahn der Erfüllung
Sich spurlos nicht und läßt
Des Nötgen Leibumhüllung
Als Felseck scharf und fest.
Und tiefster Kraftverknüllung
Stumpfwunderlicher Rest
Erstarrt in Stein auf Erden!«
Der Pöbel schien mir Gleis
Und Pläne zu gefährden,
Da blickt ich sehnsuchtsheiß
Empor aus diesen Herden.
Inmitten des Geschreis
Stand Ra, mit Kraftgebärden.
Sein Mantel, schwer und weiß,
Konnt nimmer blutig werden,
Und zu mir sprach er leis:
»Nach Trübsal und Beschwerden
Berausch dich nun zu Sais!«

 

        A ch, Fata Morgana der Sagensahara,
Erhabener Abglanz des alten Ägypten,
Ich las deine Texte von Wandmanuskripten,
Ich wagte und schwankte; da kamen und kippten
Die Tempel mit Inschriften um. Und all das sah Ra!
Da stand er auf endlosen, schwebenden Treppen.
Ich kniete auf Stufen, am untersten Rand,
Und fühlte des Baues erstarrten Bestand:
Da wollt ich mich lichtwärts zum Taggotte schleppen.
Es warf noch sein Leib einen menschlichen Schatten,
Der fiel über Treppen, als Teppich, herab.
Ich stammelte lange, und bat ihn dann knapp,
Er möge mir Eintritt und Einsicht gestatten.
Dann kam ich zum Schatten. Ich faßte den Saum.
Denn dieser war wirklich, die Treppe ein Traum!
Ra blickte nach Westen und streckte den Arm
Zur Sonne hinüber, die aufwärts gewuchtet.
Der Tag war entflammt und das Dunkel verschluchtet:
Sein Auge ganz klar und sein Atem so warm.
Und Ra starrte schweigsam dem Taggott entgegen,
Der war uns im goldenen Karren genaht:
Kein Wind schien durch Ärmel und Falten zu fegen,
Und dennoch verwehte und schwand sein Ornat;
Auch brauchte kein Wollen den Ra-Arm zu regen,
Nackt ragte er sonnwärts, als Warnung und Tat!
Da packten gar grimmige Riesen den Wagen,
Der Horus von Osten herübergetragen.
Sie ballten und krallten sich fest an die Räder.
Sie sprühten und glühten und bebten aus Wut.
Es barst fast ihr rachsuchtentflammtes Geäder,
Da nirgends der Himmel Gewitter entlud!
Nun zogen auch wirklich die gierigen Hände
Der feindlichen Mächte den Wagen hernieder.
Nun wars, als ob alles im Brande verschwände.
Es fanden der Rosse geschmeidige Glieder,
Samt Speichen und Deichsel und Karre, ihr Ende.
Da öffnete Horus, der Lichtgott, behende
Das flimmernde, herrliche Tagesgefieder!
Zum blauenden Saume verzitterte Iris.
Es trugen des Sonnenballs machtvolle Spannen,
Zerflitternd den leuchtenden Ra-Sohn Osiris,
Aus flammendem Karren der Ankunft, von dannen!
Von Eindrücken, die mich so innerlich packten,
Hat wohl mein Bewußtsein nur einge erhascht.
Wo war ich? In grabpyramidenumzackten
Gefilden des Delta, mit Staub überascht?
Hat Fließen und Branden von Nilkatarakten
Vielleicht meinen Halbtraum gar stark überrascht?
Ein riesiger Kessel umschloß mich im Kreise.
Auch stand ich so hoch, daß ich Gleise und Reise
Des Stromes in weitester Ferne gewahrte.
Ich sah, wie der Nil sich im Süden zerteilte,
Durch Schluchten schnell eilte, im Sande verweilte,
Sich einte und trennte und abermals paarte.
Doch gab es kein Ende, als glühenden Sand
Und, näher beinah, eine flammende Wand
Und rückwärts vielleicht einen anderen Brand!
Der Nilstrom schien langsam herunterzufließen.
Er schlich durch die Wüste in breiter Verschlingung,
Um rasch unter mir dann vorüberzuschießen.
Dies war wie ein Anlauf zur Aufstiegserzwingung,
Um mühsam den Schlamm in die Höhe zu wälzen
Und endlich empor auf den Abhang zu kommen.
Gar prächtige Vögel auf riesigen Stelzen
Umzogen den Strom, der die Nordwand erklommen,
Dann schienen sich Haine und Licht zu verschmelzen!
Dies war wohl ein Trug, der am Himmel erglommen?
Oft schien er so deutlich, oft goldrauschverschwommen!
Nun konnt ich den Blick schon zur Sonne erheben,
Zwar tiefer als wir steht sie nirgends und nimmer
(Die Warte sei hoch oder meerspiegeleben!) –
Doch scheint sie des Morgens der See zu entschweben,
Versinkt sie des Abends im flutenden Schimmer,
So stehn wir so hoch wie die Purpurglutbrandung,
In der sie im eigenen Lichtsturm zerprallt,
Denn nur was uns scheint, trägt der Logik Gewandung
Und gibt unsrer Urvernunft dauernden Halt!
Ihr Gräberkolosse, erzirkelt und protzig,
Erstarrte Symbole unbändiger Stumpfheit,
Ihr macht mich rebellisch, verwegen und trotzig!
Nur anspruchsvoll, ausspruchslos, dumm fast und klotzig,
Verwahrt ihr die Mumien in modriger Dumpfheit;
Ihr sagt zwar, daß Völker gar lang, als Barbaren,
Des Stammlandes Wesensart halten und wahren,
Und wenn innre Gluten den Wechsel entfachen
Und Horden als fahndende Menschen erwachen,
So wuchte die Starrform gespensterhaft nach
Und baue sich Fetisch und Ahnengemach!
Doch ist, was nur ruhn will, verrucht und verflucht!
Die Scholle soll geben. Die Erde muß spenden.
Und wer sie begehrlich, mit Lust, untersucht,
Den will sie mit Schätzen verwirren, verblenden,
Dem wird sie auf Wänden mit Schattenlegenden
Die Bahnen bedeuten, das Werk zu vollenden,
Um Furcht von sich selbst und der Menschheit zu wenden!
Sie schenkt und versagt ihren weiblichen Reiz:
Vergibt uns die Habsucht, doch nimmer den Geiz:
Mir selber verzeiht sie und liebt mich bereits!

 

Ihr Seelenkrampfkristalle, tote Pyramiden,
Alte Stillstandsmale, starre Dauertrümpfe,
Wie ist die Menschheit doch von euch verschieden!
Ich hasse euch, ihr starren Urwuchtstümpfe!
Verachtung zoll euch, ihr gewaltsstupiden
Albhorte, jetzt die Plebs der Sudelsümpfe:
Ich will, daß gegen euch, nach Störenfrieden,
Die Nasen störrisch selbst das Rudel rümpfe!
Wer sind die Gäuche, die ich rings vermute,
Die gräßlich nun entstehn, daß ich erbleiche?
Vampirenbrut, du trinkst von meinem Blute!
So weiche doch, noch bin ich keine Leiche,
Kaum ahnst du selber dich eine Minute,
Und schon ist es, als ob dich Lust durchschleiche:
Schon regt sich, was soeben scheinlos ruhte.
Welch neuer Alb erscheint im Mumienreiche?
Es ist, als ob mir Furcht und Mut entflute
Und ringsum Rümpfe zum Gefühl erweiche.
Ach, wie entstehn doch alle Weltenwesen:
Was ist Bewußtsein, was Geschlecht, Verstand,
Was Sitte, Leib- und Seelenantithesen,
Wie geht, was sich bekämpft, stets Hand in Hand?
Wie könnten wir von Spuk und Furcht genesen?
Du Sonne, brich der Starrheit Widerstand!
Wozu, mein Ra, hast du mich auserlesen,
Was wollt ihr Bestien wut- und brunstentbrannt?
Soeben seid ihr nichts als Alb gewesen,
Und schon erscheint ihr meinem Sein verwandt!
Die Hälse reckt ihr überlang vom Rumpfe,
Auch zwängt aus eingen sich bereits ein Kopf.
Dort ists, als ob ein Löwenleib verschrumpfe,
Und seine Mähne flechtet sich zum Zopf.
Zu Klumpen scheinen Stuten zu verstumpfen,
Doch wächst ihnen dafür ein Menschenschopf.
Nach Leben sehnt sich aber traumschwer alles:
Die Ruhwucht, Urbrunst des Uräußerrings
Vereint sich selbst, bei des Ellipsenfalles
Vernunftgeburt, und zeugt sich neuerdings,
Beim Umlauf, kraft des Aufwärtspralles
Und der Beweglichkeit des tiefsten Dings
Und starrt als Schwerpunkt unsres Dogmenwalles!
Und wie im Zauberbanne eines Winks
Versteinerte nun jedes Tier zur Sphinx
Und reihte sich um mich: ja, rechts und links
Erblickte ich priapisch steile Obeliske.
Da wars vom Weiberhaltenden, als drings
In weiche Leiber, als fixierten Basiliske
Das stracks Erstarrende, zur männlichgraden Sphinx!
Und Tausende von Ra-Osiris' Sonnendisken,
Im Vollbesitze ihres Irislichtgeblinks,
Umschwirrten Purpursphinxe weiter Tempelzonen,
Wie Lichtgedanken zwischen Glut- und Blutvisionen.
Es mußte Ra in solchen Tempelhallen thronen,
Damit sein Ruhbewußtsein sich für uns bewahre,
Und Ra-Gedanken, lauter unsichtbare Aare,
Umkreisten mich im Flügeltakte von Äonen!

Ein Albdruckgebirge, menschmächtig und nächtlich,
Entwuchs nun der Erde und scharrte mich ein.
Sein Sphinxblick nach innen durchdrang mich verächtlich,
Und rings das Gekröse erstarrte zu Stein.
Da schlug meine Seele, ein ängstlicher Vogel,
Ihr weißes Gefieder. Dann schwand mir das Licht.
Die Sphinx ward zum Berge. Ihr Kopfknauf ein Kogel.
Ihr Rumpf wohl ein Tierleib: ein Gott ihr Gesicht.
Und endlich erwacht ich aus Enge und Graun.
Und schlotternde Schatten, verschwommen und braun,
Gestatteten gelbes Gerank zu erschaun.
Gestalten verschwanden und trennten sich, wippten,
Wie einst ich sie sah, nun in schwefligem Glanz.
Da rief eine Stimme: »Erwach in Ägypten!
Germane, verträume das Träumen beim Tanz!
Verschling, die vom Nektar der Traumgötter nippten,
Und stehe dann fest und gehöre uns ganz!«

 

        W aren dies die Sphinxfelsfibern,
Die da schwollen und erstarrten?
Wars ein Ruck von Weltverschiebern,
Die noch tief in Grotten harrten?
Oder kam ich selbst ins Fiebern,
Als um mich die Berge knarrten!
Welch Gezücht von Ottern, Bibern
Quietschte in den Felsenscharten,
Als, aus Höllenschluchtkalibern,
Grufteinbrüche sie verscharrten.
Bäche sträubten sich und zischten
Auf und nieder durch Kulissen:
Wo sich Fels und Wasser mischten,
Ward der Strudel fortgerissen.
Eulen, die mit Hast entwischten,
Prallten auf an Hindernissen;
Und ich sah die mörderischten
Szenen jetzt in Schattenrissen.
Riesengroße Schlangen fischten,
Aufgereckt, nach Leichenbissen!
Aufwärts langten sie nach Beute.
Senkrecht standen sie im Kessel.
Und ich wußte: dies bedeute,
Daß, was tot schien, sich entfessel:
Und bald peitscht die Albspukmeute
Uns mit Dorngerank und Nessel!
Mumien sehn ein neues Heute.
Tod, sitz fest auf deinem Sessel,
Denn, was deine Hand zerstreute,
Bricht die Raum- und Zeitmaßfessel!
Und als Schlangenhälse barsten,
Da entkrochen Lurchenkröpfen
Nestbesätze mit bizarrsten
Schwulstentschlüpften Doppelköpfen;
Und die allersonderbarsten
Vögel, mit Gesicht und Zöpfen,
Flogen aus den totenstarrsten
Mumien auf und Urnentöpfen.
Schlünde sah ich rasch verkarsten
Und im Nu ihr Schreckbild schöpfen!
Felsen zeigten, daß sie leben,
Daß die totgeglaubten Steine,
Ewig wechselnd, sich erheben.
Katzenklumpen, Riesenschweine
Schienen fast im Sprung zu schweben;
Und im letzten Wonnehaine
Trat ein Stier auf heilge Reben.
Rosse schleppten Menschenbeine,
Und von Dreck und Aas umgeben,
Schnaubten Hunde Feuerscheine.
Plötzlich klaffte eine Spalte,
Und des Tages gelbe Grelle,
Die ins dunkle Wirrsal prallte,
Bannte uns an Ort und Stelle.
Nur ein Mannestorso ballte
Sich empor mit Riesenschnelle:
In ihm staute und verkrallte
Sich die letzte Lebenswelle,
Und der Glast, der einwärts wallte,
Glich da einem Löwenfelle.
Ja, es krümmten sich und zuckten
Rumpfgestalt und Muskelbänder,
Denn sie alle würgten, schluckten
Untierspuk und Leichenschänder.
Keine Kopfknaufschwülste guckten
Wuchernd über Halsstumpfränder,
Denn die Brut von Spukprodukten
Lang verheerter Unglücksländer
Schrumpfte ein, und manche duckten
Selber sich im Zweckvollender;
Berge wurden Muskelgruppen,
Rückgratfurchen Gießbachschachte!
Achselhöhlen Grottenkuppen:
Jedes Ungeheuer brachte
Abfallschnitzel, Wesenschnuppen
Unter, als ihr Herr erwachte.
Knorpeln, Muskeln, Fleisch entpuppten
Stets, was ihr Entstehn entfachte:
Drachen, Lurche, Urbrunsttruppen
Wurden, daß ein Arm sie schlachte!
Rings auf albbefreite Länder
Schien der Mittag heiter nieder,
Wolkenberge, Inselränder
Gaben klar die Wollust wieder,
Die das Meer, der Liebesspender,
Aus dem Irisflittermieder,
Rings durch Schleier, durch Gewänder
Und mit Lust- und Luftgefieder,
Wallen läßt, als Freudensender!
Steil um schroffe Inselglieder
Wand sich eine Strandgirlande,
Und die See, die weiblichweiche,
Spielte mit dem feinen Sande.
Sie, die trug- und schimmerreiche,
Schwellte Flittergold zum Strande:
Und da warfen Klippen, Teiche,
Scheine, Splittergold, zum Pfande,
In die See zurück, fürs gleiche;
Und so suchte, im Verbande,
Jedes, daß es Lust erschleiche!
Aus den Rätselbuchten fuhren
Windgetragne Segelboote,
Und auf ihren goldnen Spuren
Sah ich, wie die Schönheit lohte.
Volle, junge Kraftnaturen
Folgten da dem Lichtgebote,
Fernen, fremden Kreaturen
Hold zu sein als Liebesbote:
Und ich wünschte, fern auf Fluren,
Glück dem Schönheitsaufgebote!
Rings um Brunnen, klare Quellen,
Wuschen Königskinder Linnen:
Solches Mädchenspiel mit Wellen
Wollte Venus einst ersinnen,
Daß der Busen holdes Schwellen,
Vor der Mädchen Prüfersinnen,
Sich dort spiegeln und erhellen
Müßte, stündlich, vor dem Minnen:
Pracht zur Strahllust zu gesellen,
Ist der Venus Urbeginnen!
Aller Herrlichkeit Vollendung
Sah mein Aug, im Abendglanze,
Vor sich stehn, als reife Sendung.
Nackt, mit einem Myrtenkranze,
Ward ein Weib, mit keuscher Wendung
Ihrer Hüften, jetzt der ganze
Zaubertraum von Schönheitsspendung!
Ach, in einem Totentanze
Traf mich plötzlich volle Blendung:
Helena stand auf der Schanze
Priamus', – und Troja brannte!
Und ich sah, wie sich begehrlich
Heldensinn zu Fernen wandte!
Völker schienen unversehrlich,
Als die Not sie westwärts sandte:
War die Fahrt auch grundgefährlich,
Kam man doch um Riff und Kante;
Fehlte auch, was unentbehrlich,
Wenn kein Wind die Segel spannte,
Blieb doch Raubsucht unverzehrlich!
Grüne, schmale Länderstrecken
Zwischen gelben Horizonten,
Silberranken, Städte, Flecken,
Felsenlehnen, die sich sonnten,
Kolossale Gräberrecken,
Ewig stumme Gruftremonten,
Tempel zu Begräbniszwecken,
Schrecklich starre - Festungsfronten
Sah ich rings das Feld bedecken,
Das mir Träume geben konnten.
– Aller Vögel Zufluchtstätte,
Anhalt meiner Trostgedanken,
Reich der Toten, stau und rette,
Was du kannst, in schattenschwanken
Wunschphantomen: ach, verkette
In den blassen Traumesranken,
Jetzt im stummen Spukballette,
Aller jener, die versanken,
Die, die ich so gerne hätte:
Ach, vermöcht ichs, dir zu danken!
Helden wohl, nach dem Gebaren,
Mann und Weib in Brunst verschlungen,
Konnt ich nun berückt gewahren.
Just ist Lust ins Weib gedrungen.
Er, bedeckt von ihren Haaren,
Schwand beinah vom Weib bezwungen:
Manneswucht zu offenbaren,
Ist er keuchend aufgesprungen!
Sie ist mit emporgefahren:
Keinem ist der Sieg gelungen.
Tief verschmolzen, brunstbeklommen,
Konnte niemand matt entschleichen,
Zueinander zuckten, klommen
Beide wonneschauergleichen
Leiber, deren Lust erglommen.
Wieder hat sie seine reichen
Lebenskräfte aufgenommen,
Doch nun mußte sie erbleichen,
Plötzlich war sie weißverschwommen:
Dort ihr Fleisch schien zu erweichen.
Noch! Sie hockten alle beide
So verkrümmt, aus Brunstverlangen,
Daß die Blicke, voll vom Leide
Ihrer Lust, mich wild bezwangen.
War ich beider Augenweide?
Galt mein Schmerz und Schauderbangen
Als der Ausdruck nur vom Neide,
Weil sich Schemen hold umschlangen?
Hell erblitzte ihr Geschmeide,
Ihre Augen, ihre Spangen,
Denn nun war sie weiß wie Kreide.
Wieder hat ihr Leib empfangen.
Dennoch wars, als ob er leide:
Sprühend waren seine Wangen,
Unerschöpft die Eingeweide:
Sie doch blieb, von ihm umfangen,
Ein Skelett im Schleierkleide:
Ihre letzten Gluten drangen
Wie durch leichte, bleiche Seide.
Augen und Rubinenschlangen
Glühten jetzt so schauertrunken:
Alles, was ich um mich sah,
Schien ein Streit von Wollustfunken,
Ach, und ich erkannte da
Jener Augen Glühn und Prunken:
Meiner Toten war ich nah!
Wie! sie winkte halbversunken?
Gräßlich war nun, was geschah:
Schon zersetzten dunkle Tunken
Antonius und Kleopatra!
Wie bist du furchtbar hingeschwunden,
Geliebte mein, Geliebte mein,
Wie konntest du mich so verwunden,
War deine Seele niemals rein?
Nein, nein, sich so verrucht bekunden:
Der Frevel geht mir nimmer ein!
Als Buhlin jenem dort verbunden,
Soll dies ein Neugierantrieb sein,
Daß ich in grausen Marterstunden
Dich nun verfolg mit Graun und Pein?
Ist dies die Feindschaft der Geschlechter,
Der ewge Amazonenkrieg?
Schon seh ich Männerscharen, Fechter,
Mit ewigvorbestimmtem Sieg!
Dort ists! Als ob ein Troß bezechter
Mänaden sich durchs Dunkel schmieg:
Und schon durchzuckt mich Brunstgelächter,
Das lang in meiner Seele schwieg.
Auch träumt sich kaum was folgerechter,
Als, daß schon eins beim andern lieg!
Nun will das Weib den Mann bezwingen.
Wie es bestrickend ihn umnetzt!
Er muß die Weiblichkeit durchdringen.
Ach, wie der Mann die Beute hetzt!
Nein, beide wollen sich verschlingen!
Der Haß wird langsam abgewetzt.
Der Friede will auch hier gelingen:
Es ist im Urlauf festgesetzt,
Daß Ruheformen jung entspringen,
Wo irgendwas das Maß verletzt.
Die Schatten seh ich rings verschwinden.
Nun taucht ein Jüngling strahlend auf.
Mein Auge scheint fast zu erblinden,
Als ob es Goldgeflock betrauf!
Wie Knospen langsam sich entrinden,
Entschwillt nun Anmut jedem Knauf
Der Sehnen, die sich herb verbinden,
Und endlos ist ihr Fleischverlauf.
Des Jünglings Namen will ich finden,
Ich denke nach, wie ich ihn tauf:
Antinous, nicht Bacchus heißt er
Und wird als Ziel emporgeschnellt.
Als Frucht entschwundener, entgleister
Gestalten, die er rings zerschellt,
Ist er versuchsgeburtumkreister
Endzweck, der sich ins Menschtum stellt!
Wird ein Geschlecht sein hehrer Meister?
Erscheint die Zeit, da er verfällt
Und andre junge Sonnengeister
Befruchten, was sein Maß erhält?
Leibhaftig sah ich ihn soeben!
Die Einsicht hat ihn mir erhellt:
Weltkräfte, die uns Knorpeln geben,
Die Weiblichkeit, die Busen schwellt,
Die haben sich als Formbestreben
Zusammen hier als Leib gesellt.
Von Milch der Weiblichkeit umgeben,
Von Mädchenanmut zart umwellt,
Seh ich den Jüngling keusch erbeben:
Um den Epheben ringt die Welt!
Tod, du menschlicher Gedanke,
Sag, wann wirst du ausgewischt?
Was nicht harren kann, das Kranke,
Wann wirds plastisch aufgefrischt?
Werden uns nach wildem Zanke,
Wenn die Rachsucht einst verzischt,
Feste Bissen mit dem Tranke
Selger Räusche aufgetischt?
Noch erzwingt sich keine Schranke,
Bis der Aufruhr nicht erlischt!
Hier in diesem Herd der Gärung
Seh ich Bilder wild vermengt:
Sklaven, ohne Rast und Zehrung,
Werden rasch zurückgedrängt.
Wer nichts suchte als Belehrung,
Wurde nutzlos angestrengt.
Wünschte jemand gar Bekehrung,
Weil ihn Todesfurcht bedrängt,
Hat er Urteil, Gott, Entbehrung
Selber über sich verhängt!
Zwischen rundverzweigten Schienen
Ist der Tod ein Sektorschnitt,
Durchgefurcht durch Brunstlawinen,
Voll bewegtem Lebenskitt.
Hier kann nur Erfahrung dienen,
Sonst hält der Verstand nicht Schritt!
Unter Fratzen, wilden Mienen,
Geht der Tod mit Würde mit,
Doch er ist als Bild erschienen:
Platon ists, der ihn vertritt!
Unfügbar ins Wechselganze
Bleibt das feste Ideal,
Drum gehts auch im Totentanze
Weiter ein für allemal.
Tod, zu unserm Lebensglanze
Bist du selbst der tiefste Strahl:
Larven auch, zum Mummenschanze,
Schenkst du uns, zur eignen Wahl:
Gott und Mensch und Tier und Pflanze
Streben aus der Scheidungsqual!

 

        A us dem Schäumen des Gesagten und den Rhythmen, die mich trugen,
Aus den Wogen des Gewagten, die mich leidenschaftlich schlugen,
Zog mich Halberschöpften plötzlich Ra empor, mit starkem Arm:
»Fühl dich fest und ursprungssicher, dieses Land ist lebenswarm!
Kannst du völlig uns begreifen, schwindet bald dein wilder Harm.
Lös dich los von jenem schwanken, rast- und zweckelosen Schwarm:
Gierig sind die Schemen alle, aber schrecklich beutearm.
Komm, mein Sonnenkind, und walle tiefberuhigt durch die Halle,
Fürchte nichts vom Widerhalle, folge mir: vor jedem Falle
Wahrt dich meine Götternähe!« Also ward zu mir gesprochen,
Und ich fühlte dann: ich stehe wirklich fest mit Fleisch und Knochen.
Endlich wußt ich auch: ich sehe, denn der Tag war angebrochen,
Und es hatten Nacht und Wehe tief in Winkeln sich verkrochen.
Und ich flehte: »Nun vergehe, meines Herzens graues Pochen!«
»Sieh die große Tempelhalle mit den hehren Königsbildern,
Keine Zunge ist imstande, ihre Herrlichkeit zu schildern,
Kein Gedanke, keine Sehnsucht ihren Schreckensernst zu mildern,
Faß dich drum, du wirst erfahren, was gestaltbelebend wirkt:
Freue dich, du wirst gewahren, daß kein Rätsel sich verbirgt.
Höre rasch auf mein Geheiß: hier im Heiligsten zu Sais
Dreh dich rings herum im Kreis, nirgends steht ein Gottbeweis.
Jenes Bild ist eine Sage: Antwort gibt auf jede Frage,
Hilfe doch bei keiner Klage, das Bewußtsein, das ich trage!«
Also ward ich angeredet, dann gab Ra mir die Erklärung:

 

        »Den Urkern aller Selbstverzehrung,
Den Quellgrund eigner Lichtgewährung,
Den Weltzwang unsrer Lebensnährung,
Die kennst du, durch dein Grübeln, alle längst,
So daß du mich durch Einsicht vorwärts drängst.
Nur was dem Geiste nach ägyptisch,
Doch für das Volk hier unerfaßbar,
Daß aller Urgrund ruhelliptisch,
Dies sag ich dir nun leiblos, – haßbar.
Der Laut durchbraust uns als der hellste,
Wo er am zartesten entschwellt:
Das Licht erscheint uns als das grellste,
Wo es verzitternd fast sich wellt:
Denn mächtger als ihr Ruhestreben
Hat da ihr Ursprung sich entschnellt:
Verschlängelt muß sich drum erheben,
Was ruheflüchtig sich erhält!
Der Mensch, durch Sonnenzwang erhoben,
Verkrümmt sich bald zur Niederkehr,
Doch da ihn Gluten wild durchtoben,
So streift und streckt er sich noch mehr.
Der Affe ist einst aufgeschossen,
Nach andern hast dus selbst erschaut,
Bis spät in seinen graden Sprossen
Sich Erdwucht üppig angestaut.
Ein Neugeschlecht ist vorgeschritten.
Sein Lichtgang, erdbewußt und fest,
Hat mit dem Lichttrieb hold gestritten,
Der sich ein Seelchen fast entpreßt.
Das Faultier, das herabgefallen,
Erstrebte den Ellipsenschluß,
Doch sonnwärts muß Belebtes wallen,
Drum war das auch kein Dauerguß.
Nun will der Mensch sich frei erheben
Und schwingt sich kühn der Seele nach,
Wenn beide sich einst jung verweben,
Schwebt vor, was sich die Flügel brach!
So schlängelt ihr euch hin zum Lichte!
Verkrümmt bleibt drum der Höhenlauf:
Durch stille Kult- und Selbstverzichte
Gebt ihr das Überwundne auf.
Der Sphinxe kühnes Haupterheben
Entsteht elliptisch-schön im Leib
Und zeigt, wie Formen sich beleben:
Aus Drang zum Licht, wie zum Verbleib!
Zum Manne klimmt die Weibesseele
Und sträubt sich vor dem Leibverein,
Es scheint, daß sie der Antrieb quäle:
Sie bildet sich zu gerne ein!
Doch habt ihr sie einst fortgerissen,
So gibt sie Scham und Glauben auf,
Wird gerne Lustversprechen missen
Und willigt in den Daseinskauf.
Man kanns im kleinen schon erleben,
Du selbst bist da kein Sonderling,
Du scheinst zu stark am Weib zu kleben,
Als daß dein Geist sein Werk vollbring!
Zwar ist die Schwäche stark geschwunden,
Du hast dich Toten nachgeschnellt,
Du hast sie – ehrlich! – nicht gefunden,
Doch du entdecktest diese Welt.
So laß denn gehn, was längst zersplittert,
Doch nimmermehr vor dir erscheint:
Du hast als Bock herumgewittert,
Doch war der Anlauf gut gemeint.
Die Tote müßtest du vergessen:
Sie war zu nichtig und zu klein
Für dich, der sich so hoch vermessen!«
Da aber fiel ich plötzlich ein:
»Du, Ra, bist wahrlich unermeßlich,
Grad ragt dein Geist zur Sonne auf,
Doch etwas bleibt mir fremd und gräßlich,
Daß Wehmut nie dein Herz betrauf,
Du bist fürs Weib ganz unberührbar,
Uranisch bist du, nichts als Mann!
Der Lichtweg ist in dir durchführbar,
Und geistig wirkt, was dumpf begann;
Doch sag, wo ist das Weib geblieben?
Denn ihre Fährten such ich nun.
Du sprachst, die mußten sich verschieben.
Nein, nein, wo ist der Toten Spur,
Wo ist, was sich beinah vom Leibe
Der Mannellipse einst getrennt?
Du sagst, wir sind nicht weit vom Weibe,
Ich glaub, man hats, wo man es nennt!«
»Fürwahr, du bist nicht leicht zu bessern,
So stürm ihr nach, wenn dus vermagst,
Wenn du in blassen Sumpfgewässern
Die Taube ohne Pfeil erjagst.
Doch hehrer wärs, beim dumpfen Waten,
Wo du nichts Flügges haschen kannst,
Du läßt den Seelenwurf geraten,
Indem du dich zum Flug ermannst!
In Geistellipsen aufzuspüren,
Ist schrecklich schwer, doch wonnehell:
Es gibt das grellste Lusterglühen,
Erfahrs aus deinem Strahlenquell!«
So hatte Ra zu mir gesprochen,
Und wieder flammte jedes Wort:
»Es schlängelt, ewig ungebrochen,
Das Leben sich zur Sonne fort:
Es sucht im Grund die runde Ruhe,
Doch lichtwärts führts sein Sonnenzwang.
Daß sich das Muß nicht schlaff vertue,
Sorgt stets der Sonnenmutterstrang;
Denn nie verrunzeln Nachtplaneten,
Von ihrem Urlicht ganz getrennt:
Sie bleiben, in empfundnen Nähten,
So lang das Heben dumpf verbrennt,
Mit ihrem Mutterstern verbunden:
Und wenn sich Sonnenhöh erkennt,
Wird sich das Muß als Macht bekunden,
Indem es Zwänge Schöpfer nennt!
Ein Kind hat Freuden und Gedanken
Der Mutter immer zugewandt,
Und seine ersten Schritte schwanken
Zur hilfbereiten Menschenhand.
So kommts, daß sich der Erdenkinder
Urstamm dem Kult der Sonne weih,
Dann kommen schlaue Gotterfinder
Und fühlen sich, begeistert, frei!«
»Ein freier Gott ist Menschenfreiheit!«
So jauchzt ich in die Rede ein:
»Und das Gelingen zeigt die Dreiheit,
In der es stets in uns erscheint.
Was du mir zeigst, ist ra-mechanisch,
Es ist das Uhrwerk nur von Gott,
Doch was ich fühl, ist überpanisch:
Erst jetzt wird mein Beginnen flott!
Nicht nur der Mutter urverbunden
Scheint mir ein Mensch, der wirkt und liebt,
Er hat in langen Schauerstunden
In sich versenkt, was nie zerstiebt:
Was Raum, was Zeit, wir sind erwachsen!
Ich fühle, was mein eigen war:
Wann kreuzen sich die Lebensachsen?
Was schimmert dort auf dem Altar?«
»Dir werde, was du kannst erzwingen!
Vermagst dus, sprenge jedes Tor,
Der Lichtwucht wird noch viel gelingen!«
Sprach Ra; »doch höre mich zuvor:
Wohl schwingt sich fort, was du vollbrachtest
Doch krümmst du selbst dich bald zurück:
Seitdem du ichbewußt erwachtest,
Verglühte ein Ellipsenstück.
Das Beste, was du hier vollbrachtest,
Lebt fort: es war dein größtes Glück;
Nun gilts, daß du dich selbst betrachtest
Und sich dein Urlauf niederbück!
Dein zweiter Brennpunkt wird erscheinen,
Den du in dir fürs Menschtum siehst.
Es schafft dein Wollen ihn, dein Meinen,
Vom Standpunkt, dem du nie entfliehst.
Bald brennt in deinem Busen Theben,
Weils viel zu viele Gluten barg.
Der andre Brand in deinem Leben
Der Stadt, die siebenhügelstark,
Ist längst verglommen und vorüber:
Du hast ihn unbewußt entflammt,
Denn damals war dein Wesen trüber
Und hat halb ahnungslos verdammt!
Doch hör, es strahlt beim Brand von Theben
Der Sonnenkult mit Macht empor,
Und es versagt sein Glanzbestreben
In Rom, wo er die Schlacht verlor!
Vernimm vom Strahl der andern Schlange,
Die langsam aus der Erde reift,
Die zündend, oft im Überschwange,
Die große Brunstspirale streift.
Sie strebt viel grader und viel greller,
Mit gleicher Schnelligkeit, zum Licht:
Der Erdenkern, ihr Machtentschneller,
Bewirkt, daß sie den Tod durchbricht.
Sie weht in uns gar sonnenähnlich,
Sie macht uns frei und mild und gut:
Und bleibt die Sonne stets ersehnlich,
So liebe auch die innre Glut,
Die Flamme, die vom tiefsten Kerne
Der Erde durch die Menschheit steigt:
Sie freue dich, habe sie gerne,
Wo sie im Nächsten sich verzweigt!
Die Erde streift den Schwang der Seelen
Beim Sonnumkreisen ewig ab:
Nach Rhythmen, die sich da entschälen,
Ists, als ob Chaos gierig schnapp!
Die meisten sind für uns verloren,
Nur wenge werden festgeschweißt
Und leiblich angepackt, geboren,
Weil sie die Erde niederreißt,
Die, ihre Achse rasch umschwingend,
Noch Abgewetztes stark ergreift
Und, unsre Flucht mit Wucht bezwingend,
Uns leiblich wieder niederschleift.
Von zwei Bewegungen erschaffen,
Wo sich zwei Richtungen erraffen,
Kommt auch ein Wesen nur zur Welt,
Das die Geschlechtlichkeit erhält!
Du siehst auch die Natur auf Erden,
Wie sie den Samen voll verpraßt,
Wie selten nur die Wesen werden,
Weil ihre Keimlust Kraft erfaßt.
Doch fruchtlos scheint mir keine Liebe,
Denn Seele ist sie selber nur;
Und glaubt man auch, ihr Rausch zerstiebe,
So läßt sie dennoch eine Spur.
Und was dem Ball, im All, entwuchtet,
Ist andrer Welten Keimgewalt,
Und was im Dasein nichts befruchtet,
Wird herrlich noch zu Glut geballt.
Und um die Pole glüht der Same,
Den unsre Erde üppig streut,
Ein Wink, daß nie die Macht erlahme,
Die Wechselordnung sich gebeut!«
Da fiel ich ein mit sanfter Stimme:
»Jetzt fühl ich wohl, daß ich nun bald
Die Höhe eines Seins erklimme,
Da jeder Laut mich hold umhallt.
Ich bin befreit von jedem Grimme.
Ich habe selbst mich in Gewalt.
Mir ists, als ob das Leid verschwimme,
Ich fühl mich leicht und glutdurchwallt!«
»Du weißt, was heute sich begegnet,«
Hat Ra nun freundlich eingestimmt,
»Was flammenhändig alles segnet
Und um die Pole kalt erglimmt:
Doch ohne Schreck ists nicht entstanden!
Du weißt: der Erde Kernglut kreißt,
Stets rüttelnd an den starren Banden,
Womit der Rundball sie umschweißt,
Da zum elliptischen Beharren
Sie selbst ihr Flammenwesen weist:
Doch Lavakrusten, die erstarren,
Der Kugelschädel, der vereist,
Will selbst die Achsendrehung ändern,
Wenn eine Wechselkraft erkreist:
Es trachtet stets nach gleichen Rändern,
Was Starrsinn in die Ruhe reißt!
So dient die Kugel sich zum Schutze
Vor kosmischer Zersetzungswut,
Die Achse ändert sie zum Trutze,
Denn ihr ist Gleichheit ewge Hut!
Doch stört sie stets ein aufgeblähter,
Schnell schwingender Äquatorreif:
Denn innre Glut, verwandt dem Äther,
Wirkt urelliptisch, ruhereif.
Das Mittelding von Fels und Helle
Umkämpft den alten Achsenstand
Und sprengte oft, als Wechselschnelle,
Die innre starre Kugelwand.
Doch jetzt ist dieser Ball gegossen.
Der Makrokosmos schrumpfte ein.
Urfremdes hat sich angeschlossen
Und schafft das Leben im Verein!«
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .  

 

        » D as mystische Suchen, das Mythenverbuchen,
Der Pakt der Eunuchen, die Kraft zu verfluchen,
Die Inbrunst beim Beten, das Wunschkrautentjäten,
Das Werk der Asketen, die Sehnsuchtsraketen
Verflachen am Ende: du stehst an der Wende,
Empfange die Spende verschwendender Brände!«
So hörte ich plötzlich die Stimme von Ra.
Nun war es ergötzlich, was vor mir geschah.
Ich fiel in die Rede des Herren des Lichtes:
»Am Ende der Fehde; des Eigenverzichtes,
Wo bald die Ellipse des Übergewichtes
Den Leib sich erschwingt, der den Aufschwung vollbringt,
Den Formguß erringt, der selbstherrlich erklingt,
Durchbraust mich und winkt mir, was traumhaft gelingt!
Wo nichts als die Nacht den Altar mir enthüllte
Und flimmernde Pracht sich dann langsam verknüllte,
Da seh ich nun Schleier ein Bildnis umwallen,
Es öffnet ein Weib seine goldenen Schnallen,
Nun werden die Hüllen den Hüften entfallen!«
Jetzt hör ich mich selber, mein Rufen erschallen,
Mein eigener Name erbebt in den Hallen,
Schon sind Leib und Leib ineinandergefallen
Und fühlen an Liebe, am Dasein Gefallen!
Mein Weib ist mir wieder in Wonne gegeben,
Ich hab es errungen, ich hab es erkämpft:
Jetzt will ich nur leben, berauschend erbeben,
Kein Glück sei verschwiegen, kein Schaudern gedämpft!
»Du hast deine Höhe im Dasein erklommen,
Du bist an dein Lichtziel, als Wesen, gekommen,
Nun mußt du dich eigenselbst immermehr neigen,
Zurück in sich selbst wird dein Tun sich verzweigen:
Hat einst sich die Leidenschaft völlig empfunden,
So darf auch die Lichtbrunst verstumpfen und schweigen!«
Dies konnte mir Ra noch, verdunkelnd, bekunden,
Dann ist mir der Nume für immer entschwunden.
»Das sind deiner Augen hinsterbende Blicke,
Glückwerbende Funken im dunkeln Geschicke,
Das ist deines Mundes lustseliges Lachen,
Wenn Freuden und Gluten der Wangen erwachen
Und morgenzart Träume des Glückes entzünden
Und Wolken der sonnigsten Wonne verkünden.
Du schäumende Seele, du träumende See,
Dein fruchtbares Fluten, dein dunkelndes Weh,
Dein weichliches Wogen und furchtbares Grollen,
Dein weibliches Wähnen und funkelndes Wollen
Entschwellen dem Busen, gebären den Lenz,
Mit dem ich Gestalten und Tempel bekränz:
Du bist meine Kraft, du mein selger Genuß,
Ein Sommer erglüht jedem brennenden Kuß!«
»Und du meiner Träume kometvolle Nacht,«
So flüstert das Weib, fast unhörbar und sacht,
»Du birgst meiner Sehnsucht grellzwinkernde Zwecke,
Drum weck ich der Sterne unendliche Decke,
Die Lust und Begehren beharrlich umblaut
Und tief aus der Seele den Frieden erschaut!«
»Es glühn die Gefühle, die goldenen Schwäne,
Die Löwen des Himmels mit schweifender Mähne,
Empor in die Nacht, die um uns sich verschluchtet,
Da jedes Erzittern ein Weltbild befruchtet!«
Dies jüngste Empfinden versenkt ich, bis tief,
Wo traumlos die Seele des Weibes noch schlief.
Dann rief sie: »Dein Wirken ist Fiebern und Wittern,
Dein Rhythmenempfinden ist Liebeserzittern,
Und was du erfaßt, das begreifst du mit Lust,
Du fühlst, was du herrlich beseligen mußt.
Es schmerzt dich, du herzt es, und rhythmisch durchpulst,
Entmerzt das Gebild sich dumpfschwelendem Schwulst!«
»Ich lieb dich, dein Wittern, du wirst zur Gestalt,
Zum Blut, das berauschend die Glieder durchwallt!«
Dies hab ich gerufen, gestammelt, gelallt,
Dann sagt ich ihr stiller, voll Freudengewalt:
»Du Lust, du Bewußtsein, du Lustwut und Hunger,
Es ist, ob ein Brunsthund dich unstet umlunger,
Doch du nur bist wahrhaft, als scheinloses Spiel,
Dein Dasein ist Wirkung, ist Anfang und Ziel.
Die Erde ist erst mit den Menschen entstanden,
Die Geister beherbergend Urlust empfanden.
Nur Aberwitz zählt nach der Sonnenumkreisung,
Denn tot sind Äonen der Weltenentgleisung:
Unzählbar Epochen sonnüppiger Speisung
Stumpf niedriger Kriecher, die widrig zerstieben:
Uns sind nur Impulse von allem geblieben!
Ein Krieg ist ein Brunstwolf, ein Weltjahr Lichtfiebern,
Und liebender Menschen erzitternde Fibern,
Erzuckende Nerven empfinden der Welten
Entstehn und Vergehn, denn dumpfbrunststumpf zerschellten
Die Kegel und Gipfel, wo Menschenerkenntnis,
Ermessend nur, Anläufe annimmt und Endnis!
Ich liebe, ich herze, ich halt dich umschlungen,
Nun werd ich vom tiefsten Ereignis durchdrungen:
Aus unsrer Umarmung entsteht eine Welt,
Durch jedes Gefühl wird ein Lustlicht geschwellt!
Wir zittern erzuckend: Jahrhunderte, dringt
Empor aus dem Chaos, entsprüht uns, entspringt.
– Wir leben: – Jahrtausende, sterbt und versinkt!«

 

Lotos

        I ch liege im Kahne und fahre nach Theben
Und sinne, wie Seelen sich sorglos verweben,
Es träumt und es lächelt ein Mädchen daneben,
Sie schläft nun, da Winde sich kühlend erheben.

ie schwellenden Segel entschleichen der Stille.
Der Mondschein belichtet die Palmen am Nile.
Was hascht durch das Wasser, vielleicht Krokodile?
Es plätschern die Wellen sich silberne Spiele.

Die Mystik der Stille scheint Träume zu wecken:
Auf riesigen, schimmernden, schwimmenden Strecken
Sich suchender Fluten, die Wirbel verstecken,
Die silberne Zungen des Schweigens belecken,

Kann leise der fiebernde Lotos erwachen.
Nun will seine Fülle Lichtblumen entfachen
Und mag, überblühend, die Kelche mit schwachen
Lichtkronen umgaukeln, nie schaukelnd verflachen.

Der Nil überschwemmt bald mit Schlamm alle Saaten.
Gefunkel bedrängt schon verdunkelte Watten,
Wo Flußpferde schnuppern und uferwärts waten:
Sie scheinen gestockte, verknorpelte Schatten.

Du Mädchen im Kahne, du kindliche Seele,
Dein Mund, der Traumtrautlichkeit bebende Schwelle,
Durchhaucht meinen Atem, ich trink ihn: die Kehle
Durchsickert die frische, glutpurpurnde Quelle.

Und Küsse auf Küsse entblühen dem Munde:
Ich plündre dein Wesen in glücklicher Stunde
Und laß nur der Seele, als blutende Wunde,
Die Lippen, geschwellt zu glutüppiger Runde.

Du Kind, überreich noch an Lust und Begehren,
Dein wollüstig Wesen muß heut sich verzehren,
Drum schwele mir Freuden, die Freuden gebären,
Bevor uns Gedankengewitter verheeren.

Schon staut sich das Dunkel ringsum zu Ruinen!
Mit Strahlenumrahmung und schreckenden Mienen,
Von rückwärts von bleiblauem Mondlicht beschienen:
Dann senken sich plötzlich rußfinstre Lawinen.

Die Sterne zerflackern in rauchroten Gassen,
Und Glutzungen seh ich nach Nilbeute haschen,
Doch decken die Fackeln noch Hafendamm-Massen,
Bis Nachtkatarakte mich rasch überraschen.

 

        T heben ist eben dem Leben ergeben!
Wohl hör ich sein Brausen, doch fehlt mir das Auge,
Mich vollauf mit all seinem Rausch zu verweben.

Ein Traum, der mich würgt, dem ich Sphinxmilch entsauge,
Verscheucht sich in Wirbeln und bannt mich doch mächtig:
Da fühle ich Ekel vor dampfender Lauge.

Doch die brodelt weiter, dickqualmig, albträchtig:
Dann weckt mich mein Erdhang beim Schlafen urplötzlich,
Der Traum setzt mich selbst nun ans Land, zartbedächtig.

Und was einst geschah, schien mir leibhaft ergötzlich:
Das Wasser durchwateten schwankende Massen,
Der Könige hörige Völker, die göttlich, gesetzlich

Der Herrscher Ägyptens berief, um in Menschen zu prassen!
Sie kamen durchs Wasser, sich vorerst zu waschen,
Dann hallte ihr Schritt durch gepflasterte Gassen.

Wohl sollte der Nahenden Zahl durch das Rascheln bereits überraschen.
Der lüsterne Fürst aber harrte allein im Terrassenpalaste
Und suchte des Anblicks Gewalt, voll Wollustgeschmack, zu erhaschen.

So staute sich Anzahl auf Anzahl, daß nimmer der Volksanprall raste.
Wie glitzernden Gürteln entschmiegt, entwimmelten viele dem Nile,
Noch andere torkelten nach, in mondblau besprengtem Moraste.

Entferntere kamen von weit, herwandernd zum heiligen Ziele,
Zu Ammon, dem machtvollen Gott! Sie brachten ihm demutvoll Gaben,
Daß keiner die göttliche Gunst, die Huld seines Herrschers verspiele!

Wohl hatten die Wandrer im Nile beim Nahen ein ernstes Gehaben,
Sie schwammen und wateten leicht, als brächten sie flimmernde Flossen:
Dann kamen sie nackt und ganz naß an das Land aus dem marschigen Graben.

Da wurden auch Wasser und Schaum zu Schemen von Menschen und Rossen:
Auch diese erstiegen den Strand, mit silbernen Rümpfen und Greifern.
Doch kaum kam das Schauspiel zustande, war rasch auch sein Zauber zerflossen.

Lang folgten sich Troß über Troß, für Ammon, die Gottheit, zu eifern!
Schon hatte der König den Tod der pilgernden Scharen beschlossen,
Drum zerrten ihn Löwen herbei, umgeben von Huren und Pfeifern.

Gleich stürzten die Bestien sich wild, voll Grimm, auf die frommen Genossen:
Sie sprengten dem Herrscher ein Gleis, zerrissen die Menschen am Wege
Und haben das Blut und das Fleisch, der König den Anblick genossen!

Und immer noch wälzte der Nil die Massen gewaltig und träge
Ans Land, wo zu Kurzweil und Spaß, die Katzen den Haufen durchrannten;
Doch starr blieb des Königs Profil, als ob ihn kein Schauspiel errege!

Dann plötzlich enttauchten der Nacht, dem Dunkel, die Staatselefanten;
Die stampften die Büßer zu Tod, erwürgten sie rasch mit dem Rüssel
Und schleuderten wild aus der Nähe des Fürsten die niedern Passanten:

Dann reichte der König voll Huld dem Kanzler des Festraumes Schlüssel.

 

        Wohl freit ich ein Kind,
Urjung wie die Nacht,
Bevor sie erwacht
Und des Tags sich besinnt.

»Sei heut meine Braut!«
So flüstert ich kaum:
Da hat sie im Traum
Mein Wesen durchschaut.

Sie blickte mich an,
So düster und süß,
Dann sprach sie: »Ich grüß
Dich, minniger Mann.«

Sie folgte mir treu,
Mit traurigem Blick:
Es war ihr Geschick,
Daß ihr Leib mich erfreu!

 

        Es sangen Gespielinnen lieblich beim Reigen:
»Ergib dich, du herrlichste Freundin und Schwester,
Bezaubre den Fremdling und sei ihm zu eigen,
Daß nie seine Zunge Niltöchter verläster!

Dein Wesen umschmiege den Stolz seiner Seele,
Er gleiche der Palme, umrankt von Lianen,
Ihr mögt euch umklammern, durchschauern, vermählen,
Bis goldene Stunden zum Aufbruche mahnen.

Wir Mädchen zerknicken, vom Manne gebrochen,
Sobald wir das Übel des Glückes genossen:
Wir gleichen dem Lotos, der lustlose Wochen
Geduldig erkeimt, ohne Knospen und Sprossen.

Wir ähneln Agaven, die wuchern und wuchten,
Die knorplige Blätter entknollen, entrollen,
Beinah brunstentwurzelt, ihr Fleisch zu entfruchten:
Und Pollen der Schollen dem Sonngolde zollen.

Der Aloë gleicht unser traumhaftes Wesen:
Der Pflanze, der einmal Lichtfieber erblühen,
Um kurz nur, des Nachts, ihrer Brunst zu genesen,
Der rauschrasch und brausstark Blühlüste entbrühen.

Es gleicht unsre Liebe der Luftlust am Dufte,
Der Urlust des Duftes, mit Winden zu spielen,
Es ist, als ob schnell jedes Blühglück zerpuffte,
Als ob Jungfraureize, erfreit, schon zerfielen!«

 

        »Wie die Blume nach der Blüte,
Sehnt die Jungfrau sich nach Liebe;
Wacht, daß sie ein Glück behüte,
Das dann rasch als Lust zerstiebe!

Jüngling, hör, ich bin die Blume,
Die in einer Nacht verschmachtet,
Die, vom tiefsten Eigentume,
Alles zu verschenken trachtet.

Jüngling, glaubs, ich bin dein eigen:
Geist und Leib will ich dir geben,
Will mich freun, erbeben, schweigen,
Lust und Seelenglück verweben.

Komm, o komm, mit raschen Schritten,
Nur aus Liebe bangt der Seele:
Laß sie nimmer zaghaft bitten,
Daß der Leib sich traut vermähle.

Trag mich, über Marmorstufen,
Zu des Brautgemaches Tore!«
Also hat die Maid gerufen,
Und dann sang sie mit dem Chore:

 

        »Mondlicht weckt die Zauberstille, Priesterin im Heiligtume,
Das ein frommer Weltenwille bildet ohne Tun und Lärmen:
Schweigsam, schuldlos, jungverwundert blüht am Nil die Lotosblume,
Und sie fühlt ihr zartes Träumen sacht zur Sternennacht entschwärmen.

Jungfrau, laß, wenn Freudenschäume perlend deinen Leib erwärmen,
Nur behutsam, lustversunken, seinen Mund am Busen zittern.
Hast du Nacktheit ihm gegeben, laß ihn tiefstes Fieber wittern,
Niemals mag nach Unerwühltem er sich ruhelüstern härmen.

Jungfrau, hell wie eine Woge, wie der Ton der schlanken Vasen,
Hefte Lotos in die Flechten, in die dunklen Lockenhaare:
Wieg ihn, voller Leibeswollust, durch die kühnsten Glückekstasen,
Daß sich wild, in Schauernächten, alle Schönheit offenbare.

Streu die Perlen, streu sie schimmernd auf das Lager, über Kissen,
Laß die Stille in den Räumen, tief im dunklen Brautgemache,
Ihre Zauber schwer verträumen: ach, vergiß, um nichts zu missen!
Sink, versink in Schmerzbegehren, fühl des Lustempfundnen Brache.«

 

        Brust an Brust in Lust versunken,
Halt ich dich mit warmem Arm:
Meiner Glücksgefühle trunken,
Schenk mir deinen Fieberschwarm.

Denn der Seele Wollustfunken
Übersprühn als Irrlichttanz
Der Pupillen dunkles Prunken,
Grüner als ein Iriskranz!

Deine Träume mag ich haben.
Deine Nacht! Dein Sternenreich!
Schätze will ich wild ergraben,
Sinken in den tiefsten Teich.

Schrecklich muß ich mich beglücken:
Weib, du meine schönste Nacht!
Schmerzen, Lüste, die entzücken,
Alle, alle sind erwacht.

Sternennächte, groß im Raume,
Hab ich oft in mir verträumt:
Himmel doch im Zeitenzaume,
Die kein Weltenende säumt,

Kannst nur du, mein Weib, mir schenken!
Sterne funkeln würdig auf,
Rhythmen, die Geschicke lenken,
Kreuzen sich im Feuerlauf.

Dichte Augenzwinkerhaufen,
Bilder träum ich wüst und leer,
Schnuppen fühl ich niedertraufen,
Ewig glüht das Flammenmeer.

Sterne, Sterne sprüht die Seele:
Jetzt ists ein Brillantenschweif!
Plötzlich bleiche Mondjuwele,
Dann ein roter Flackerreif.

Ziellos ziehn die Sternenwelten,
Strahlend wie ein Glücksgefühl,
Friedlich unter Zeitenzelten,
Als verknüpftes Lustgewühl.

Sterne, Sterne will ich haben:
Ewig daure das Gesicht!
Reich, o Nacht, bist du an Gaben.
Weib, versagst du? willst du nicht?

Nein, du spendest unermüdlich!
Nur ich selbst bin satt und müd,
Unerschöpflich, übersüdlich,
Bist du, Jungfrau, lustdurchglüht!

Wüte nicht, ich kanns nicht fassen!
Ewigkeit hab ich gewollt:
Großes laß ich dich verprassen,
Sternengold, das tot verrollt!

Was ich kann, muß ich entpressen,
Riesenweib, du unterliegst:
Gelbe Schmerzenssternenessen
Spenden Lust, bis du versiegst.

Dies sind meine Schicksal-Leuchten,
Dies der tiefste Unheilsblitz:
Angstschweiß, Sphinx, soll dich befeuchten
Sieh, schon klafft ein roter Ritz!

Ha, nun hab ich mein Geheimnis!
Blutkorallen, tropft im Takt!
Nichts bereu ich, als Versäumnis:
Ich bin ich, Barbar und nackt.

 

        Es schweigt der Silbersichelsee.
Drin blitzt das Licht der Himmelsbilder.
Nur Krieger flüstern in der Näh:
Im Mondlicht blinken ihre Schilder.

Sie spielen wohl die ganze Nacht.
Du hörst sie oftmals hellauf lachen.
Wohl keiner denkt an eine Schlacht,
Und einsam wandeln bloß die Wachen.

Die Erde, die zum Himmel gähnt,
Verlangt jetzt Lusterreger:
Die Kriegerschar, die sie ersehnt,
Verstümmelt die gefangnen Neger.

Sie peitscht die Opfer rings herbei:
Wer bockt, wird gleich zu Tod gesäbelt,
Es liebt der Mensch den Marterschrei,
Drum wird, was leiden soll, entknebelt!

Als Werkzeug dient ein Riesenpflug,
Der kann auch Fleisch zerreiben:
Der schneidet jetzt, auf einen Zug,
Zehn Leiber durch, mit scharfen Scheiben.

Der Pharao, im Festsaal, läßt
Die liebsten Sklavinnen erwürgen;
Des Schergen Finger, der sie preßt,
Muß für die nächste Marter bürgen!

Die ganze Hand wird abgehackt,
Dem Henker bleiben blutge Stummeln.
Drob lachen Weiber, jung und nackt,
Die schäkernd ihn, im Takt, umtummeln.

Im Saale wird nun aufgetischt,
Wo lüstern leckre Paare zechen!
Doch Gift ward ins Gericht gemischt,
Und einge müssen schon erbrechen.

Erschrocken fahren andre auf
Und fangen an hinauszurasen,
Doch packen Krämpfe sie im Lauf,
Und Blut entsickert ihren Nasen.

Ringsum, im Festraum hingestreckt,
Verröcheln jetzt die Königsgäste,
Dann kommen Söldner, blutbefleckt,
Und bringen johlend Menschenreste.

Geschultert werden Bein und Arm,
Rumpftrümmer, die noch immer triefen,
Dann folgt ein dichter Fliegenschwarm,
Und finster wirds in Schwindeltiefen.

 

        M ir träumte nun, uns allen träumte,
Daß, was da zuckte, vorwärtsglitt
Und so die Welt zusammenräumte,
Denn jeder Abfall hupfte mit!
Das Blut, das noch aus Schrammen schäumte,
Ward abermals zum Daseinskitt:
Was krampfhaft sich zusammenbäumte,
Verschrumpfte rasch beim Übertritt
Zum Jungwurf, der sich kraus umsäumte,
Denn kleinlich war der neue Schnitt.

Was Menschen stündlich wüst verwuchern,
Verkrüppelte und wurde starr.
Das Lumpige in Weltdurchsuchern,
Verschrumpfter Seelen Brunstkatarrh,
Das Schamlose in Fleischverfluchern,
Was zynisch bleibt und urbizarr,
Der Zunftdruck in Geschichtsverbuchern,
Eunuchenlust, Berufsgeknarr,
Der Mut in dummen Weibsversuchern,
Verbeugte sich als Zwerg und Narr.

Des Kloben schwammige Substanzen,
Durch Zwergtracht in Betracht gebracht,
Die Bauchfracht und der Buckelranzen
Verdrehten sich ganz ungeschlacht.
Er wirbelte, begann zu tanzen!
Er hat lebendig aufgelacht.
Er kreiste zwischen Firlefanzen
Und riß sie mit als Wirbelmacht:
Was schimmernd anfing anzuranzen,
Ist, rasch gewandt, als Wicht erwacht.

»Zwerg, Wirbelknirps,« rief ich, »belustig
Dich frisch, verdirbs dem Tod, beim Tanz!
Was fliegt, erwirbs und werde fett und wustig:
Des Nichtsgezirps Urdissonanz
Sei laut in dir, sei eigenbrustig!
Tanz, tanz! Die Welt entlaus, entwanz,
Sei Negerzwerg, pechspeckig, rußdick
Bedeckt von schwarzem Kohlenglanz,
Dein Kopf schrumpft ein, der Rumpf wird krustig,
Und um dich walzt ein Mummenschanz!«

Falls alle schwarzen Larven fallen,
So grinsen mich nur Schädel an:
Gerippe sinds mit Fingerkrallen,
Im Kaftan wie ein Muselmann.
Die Mäntel, die sie lang umwallen,
Sind Schatten nur, die Truglust spann!
So dacht ich, und mit Wohlgefallen
Bemerkt ich, wie der Spuk zerrann:
Durchschaut zerfloß wie Gallenquallen
Der Schwarm in einem Geisterbann.

Statt Masken, dunklen Spukhalunken
Umgab mich jetzt ein Dschungelteich;
Umkrochen fühlt ich mich von Unken,
Und was ich abgriff, wurde weich:
Ich selber bin somit gesunken!
Ich schwamm und watete zugleich,
Mir wars, als ob in Seegrundtunken
Mich eine Leiche bleich umschleich,
Und lauter grüne Fischblickfunken
Erleuchteten ihr Nebelreich.

Mein Sinken mocht ich nur vermuten,
Denn schon entschlüpfte ich dem Schlamm,
Und meine starren Glieder ruhten
Bereits auf einem Samtsanddamm.
Tief unter mir, in dunklen Fluten,
Erglühte mancher blutge Schwamm:
Am Ufer wuchsen Binsenruten
Und blühten Blut, das leuchtend schwamm.
Die Leiche fing sich an zu sputen
Und regte Finger wundersam.

Schon tauchten ihre schwarzen Flechten
Empor aus tiefem Tintenteich,
Dann schlug sie plötzlich mit der Rechten
Ein Halbrad und versank sogleich.
Die allzu schweren Haare schwächten
Zu stark das Weib, das leichenbleich
Und eingezwängt von Schilfgeflechten,
Versuchte, daß es einen Deich,
Halbangeschwemmt und halb mit rechten
Schwimmregungen, bewußt, erreich.

Kaum war das Weib ans Land geschwommen,
So wich der Teich hinweg und sank.
Sie aber blickte angstbeklommen
Zurück auf Binsenkraut und Tang.
Vom Sumpf, dem sie zur Not entklommen,
Blieb fast nur das Morastgerank,
Doch ist kein Glutschwamm drin verglommen,
Blutblüten sprühten auf der Bank,
Und ganze Funkenschwärme klommen
Empor am nahen Uferhang.

Des magern Weibes starre Glieder
Vermochten kaum noch gradzustehn:
Sie standen auf und fielen nieder,
Sie mußten sich aus Schwäche drehn.
Nun schlossen sie sogar die Lider.
Das Weib war noch zu matt zum Sehn.
Die Binsen lagen rings danieder
Und schienen plötzlich einzugehn,
Doch ihre Kraft gab ihr ein Mieder:
Ein Gluthauch schien sie anzuwehn.

Zu Muskeln wurden Marterknuten:
Das Fleisch stand straff und fasersteif.
Das Blut fing an mit Hast zu fluten.
Die Brüste wurden schwer und reif.
Es war, als ob der Binsenruten
Urdasein in die Schenkel kneif;
Die Striemen, die am schlaffsten ruhten,
Erhärteten zum Knorpelreif:
Mir schiens, in kurzen Kraftminuten,
Als ob, was schafft, zusammengreif!

Die Seele fing an aufzuwachen.
Nie war sie so empfindungsreich.
Brunstjagden, die die Lust entfachen,
Des Mannes Sieg, sein Züchtgungsstreich,
Das Willkürbangen aller Schwachen,
Verschmolzen Furcht und Lust zugleich:
Drum mußten beide hier verflachen,
Und, sieh, das Weib ward wesensweich!
Kaum sah es auf, vernahms das Lachen
Von Menschen und blieb schreckensbleich.

Scheingreise grinsten rings im Kreise,
Und da empfand das Weib die Scham;
Da kams, daß sie auf grause Weise
Ein wilder Ekel überkam.
Angstfieber schüttelten sie leise,
Und ihr Gehaben wurde zahm.
Es staunten selbst die lüstern Greise,
Wie seltsam sich das Weib benahm:
Ihr wars, als stäk sie tief im Eise,
Und ihre Glieder wurden lahm.

Die Schaulust-Unken, Lasterkröten,
Die Fische geiler Grausamkeit
Durchfröstelten das Weib, erhöhten
Ihr Junggefühl als nackte Maid:
Es war, als ob sie Schamkraft böten,
Zum Ruckstoß der Urwesenheit!
Sie wurden Fleisch, um Fleisch zu töten,
Und haben dicht die Brunst beschneit:
Doch Ahnungen von Morgenröten,
Die Wallung der Verborgenheit,

Quoll hoch empor in Weibeswangen!
Es sprang die Rutenglut herbei;
Die Blüten, die am Schilfrohr schwangen,
Durchfieberten sie frisch und frei:
Es trug sie dort ein mutvoll Bangen,
Dem, vollbewußt, das Weib sich weih!
Zum Jungfrauschauspiel zu gelangen,
Umstaute nun die Greisenreih
Das Weib, und ihre Blicke drangen
Mitschöpfend, daß die Zucht gedeih,

Tief ein ins fremde Weibeswesen.
Und dieses, schamdurchschauert, scheu,
Versuchte Ranken aufzulesen,
Doch, was es angriff, ward zu Spreu.
Die Ruten, selbst die Binsenbesen,
Zerstoben wie verdürrtes Heu.
Sie alle mußten rasch verwesen
Und trugen schon, im Weib, aufs neu:
Sie sind der Zuchtkraft selbst genesen,
Und sieh, das Weib ward keusch und treu!

Es mochte nun zum Wasser langen,
Daß plätschernd es die Scham bedeck,
Doch nutzlos war das Unterfangen,
Längst leckte es ein Fiebern weg!
Durchs Bücken und Sichbeugen drangen
Die Flechten zum geheimsten Fleck
Und dienten so dem Weibsverlangen,
Durch Zufall, zum Versteckungszweck.
So blieb es denn, die Haare schlangen
Sich breit ums tiefe Schenkeleck.

Zuerst erstarrten Hand und Sohle.
Dann ward das Becken festgebannt:
Die Jungfrau ward zum Steinsymbole,
Durch sie bekam die Scham Bestand.
Das Greisengeile, Urfrivole
Erhärtete und blieb frappant.
Ein Mohr, verschrumpft zur Fußkonsole,
Entwuchs der dunkeln Unterwand:
Dann ward das Schauspiel rasch zu Kohle,
Da alles schwarz in schwarz verschwand.

Lauter winzge Silberwische
Wurden ringsum immermehr:
Keimgefunkel, schwärmerische
Flitterblüten, wie im Meer,
Liebesblicke ewger Frische,
Wohl ein ganzes Traumlustheer,
Wirbelten als gleißnerische
Sehnsuchtsfibern, voll Begehr,
Daß sich Gleiches geil erwische,
Sich verwickelnd, um mich her.

Waren das die Brunstgedanken?
Wars der Sinne Feuerbrand,
Jener Menschen, die versanken,
Als die Jungfrau keusch verschwand?
Wurden gar die schwachen Ranken,
Die ich zart um mich empfand,
Die ich leuchten sah und schwanken,
Einer Jungform Urbestand?
Wurzeln, die das Fieber tranken,
Das die Leiber hold verband?

Eine Lotosblume ragte
Nun verduftend in die Nacht:
Als die Glut der Liebe tagte,
Ist die Blume hold erwacht:
Und vor solcher Pracht verzagte
Mein Begehr, der brunstentfacht
Jede tolle Frage wagte,
Um zu wissen, was, vollbracht,
Jede Antwort kühl versagte:
Klar hab ich da nachgedacht!

Denn der Blüte blasse Blätter
Wiegten sich gar wollustbleich,
Blutdurchglüht und leicht violetter
Schmiegten sie sich weiblichweich,
Immer fleischlicher und fetter,
Endlich weißen Leibern gleich,
Eins ans andre, als erkletter
Jede Wallung aus dem Teich,
Fiebernd, wie ein fernes Wetter,
Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,
Das als Buhlin sich ergibt:
Und ich ahnte, hier verbinden
Bündel, was sich rings verschiebt!
Wenn wir selbst in Lust uns winden,
Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,
Sucht das Weib vom Weib zu finden,
Was im Rausch dem Mann entsiebt,
Und der Mann will sich entrinden,
Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich
Liebt sich selbst das tiefste Ding:
Ewig still und unversehrlich
Schließt sich der Uräus-Ring!
Die Geschlechter sind begehrlich,
Doch das Übel ist gering,
Für sich selber nur gefährlich,
Weil sich drin der Schmerz verfing,
Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,
Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,
Die ganz kraftlos sind und satt,
Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,
Fast affektlos schon und matt;
Ohne Fernen zu durchwittern,
Ist die Liebe satt und platt,
Kaum geschlechtlich mehr, erzittern
Leib an Leib verlegen, glatt;
Und hier zucken und verwittern
Weib an Weib als Lotosblatt.

Nächtlich keimen und entrollen
Blätter, zart und wundersam,
Den Bestand der weibertollen
Weibchen aus dem Mutterstamm
In den Kelch der wesensvollen
Liebe mit dem Blütenkamm:
Lustgefühle, jäh erquollen,
Sind sich Braut und Bräutigam!
Und, statt goldnen Sonnenpollen,
Schnellt die Liebe, unduldsam,

Ohne leiblos auszurasten,
Aus dem tiefsten Werdenskern
Knaben vor, die sich betasten
Und sich haßvoll und doch gern
Ansehn und beim Schwelgen hasten:
Denn bald sind sie feind und fern!
Viele sah ich, die verblaßten,
Doch der Liebe ewger Stern
Gab sich andern, die's erfaßten,
Das Geschlecht erst zu ersperrn!

 

        » B arbaren!« war der Warnungsruf,
»Die Feinde!« der Verzweiflungsschrei,
Dann traf mich schon ein Pferdehuf,
Und rings begann die Metzelei!
Nun bin ich wach und seh genau:
Ein feindlicher Volksstamm, mit Rossen und Wagen,
Durchplündert und brandschatzt den Usgau,
Da kommt er mit Pferden, auf Menschen zu jagen:
Die Hyksos erscheinen, Ägypten zu plagen!
Sie fahren im Karren, zertrümmern, zerschlagen,
Was faßbar sich aufreckt und auftürmt,
Wo Reiter und Roß wild dahinstürmt.
Hier schnalzen die Hyksos, hier wiehern die Rosse!
Dort blinken die Lanzen, schon schwirren Geschosse!
Jetzt pfeifen die Lenker, hier grinsen die Weiber!
Gewimmer entschnarrt einem rauchenden Haufen
Verreckender Menschen, verzuckender Leiber,
Die röchelnd sich bäumen, – zuletzt noch zu raufen!
Bewußtlose Menschen empfinden die Hiebe
Der Hufe, verscheidend, beinahe als Lust:
Zerquetscht durch die Räder im Karrengetriebe,
Verschnarcht mancher Rumpf mit zerschlagener Brust.
Nun rasen die Wagen bergauf über Leichen:
Da macht erst der Ansturm die Insassen munter,
Doch weiche Kadaver belasten die Speichen,
Drum stürzt Roß auf Roß katarakthaft herunter:
Ein irdisches Fiebern durchschüttelt Ägypten!
Ein Lichtbraus, der hurtige Hyksos beflügelt,
Durchschauert das Land, wo die Bauern versippten
Und menschlicher Starrsinn ein Hiersein erklügelt.
Die Lichtwucht will liebreich Erdkinder durchdringen,
Doch kann Mann an Mann nur im Kampfdrang heran:
Wo nötig, gelingt es dem Mann, durch das Ringen
Zu fassen, was haßvoll ihm zustürmt im Mann!
Drum wälzt sich ein Wüstengetümmel herüber,
Sein wildes Gewimmel verirrt sich zum Nil:
Nie färbte der Flutschlamm die Flußwässer trüber,
Als da die Sahara das Tal überfiel!
Ein rasender Reitertroß würgt und verstümmelt,
Mit Wagen und Waffen, was rastete, praßte;
Ich selbst habe nackt unter Nackten gelümmelt,
Bis Angst mich vor kalten Kadavern erfaßte.
– Ein Roß überstürzt sich, jetzt muß ich ersticken!
Es wiehert, ich beiß ihm mit Lust in die Nüstern,
Nun wirds mich erdrücken, ich fühl mich zerknicken,
Doch hört mein Bewußtsein noch weltwirres Flüstern.
Ich blute bestimmt, bin verwundet, zerschunden,
Gewahre im Mondlichte Rümpfe und Fratzen:
Ich schleiche durch Leichen, mit triefenden Wunden,
Um gierig das Fleisch von den Schädeln zu kratzen.
Nun packt mich ein Grauen, verkrampft mich in Mähnen:
Ein Pferd, das verreckte, versteckt meine Glieder,
Denn überall lecken und schnuppern Hyänen:
Nie ward mir ein Albdruck so schrecklich zuwider!
Es dürften am Schlachtfeld wohl Tausende weilen,
Ich merk es am Lecken und hörbaren Trinken,
Drum such ich zum Schutze nach Lanzen und Pfeilen,
Die müssen im Mondlichte irgendwo blinken.
Und immer noch rasen Sahara-Barbaren,
Wie Schatten des Wahnes, empor aus der Nacht:
Wer kann ihre Wagen am Schlachtfeld gewahren,
Da nirgends ein Tempel uns steil überdacht?
Vermag die Sahara das Tal zu verscharren?
Versandet das Land und zerfallen die Hallen?
Ja! Scharen von Hyksos, auf Rossen, im Karren,
Entfahren der Ferne, sich hier einzustallen.
Sie jagen durch Tempel und Tempelruinen:
Da wenden sich ihnen rings Menschen entgegen;
Vom sterbenden Mondscheine gelblich beschienen,
Beginnen sich etliche Gegner zu regen.
Verwesendes Theben, entstehn dir jetzt Helden?
Vermag denn die Schlachtenwucht Mut zu gebären?
Beginnt sich die Schmerzbrunst Geschlagner zu melden?
Die Wurmlust der Ohnmacht sich stumpf zu verzehren?
Was Ehren, was Trotz, was Gefasel von Taten,
Zum Schluß hilft die Geilheit beim mutvollen Sterben!
Mag plötzlich den Feigling Beherztheit beraten?
Ich seh ihn, verderbend, um Lustjucken werben,
Drum greif ich zum Scheine nach Pfeilen und Lanze
Und hoffe, nun wird mich der Tod nicht verschonen!
Dem Feind winkt der Speer mit erbebendem Glanze,
Der Opfertod möge mein Großtun belohnen!
Komm, Hyksos, erfreu dich beim Stechen und Schnüren,
Ich trachte, dir katzenhaft-fahl zu entweichen,
Dann kann ich mein nahendes Ende verspüren
Und langsam erkalten wie andere Leichen.
Verzagtheit und Keuschheit, ihr, Ehrfurcht und Grauen,
Stets habt ihr mir Tatkraft und Werblust versauert,
Nun laßt euch, als Ohnmachtsgauch kauernd, durchschauen:
So seid noch mein Lustwurm, von Abscheu durchschauert!
Erblickt mich der Krieger, der einsam dort reitet?
Ach, käm er herüber, ich wags nicht zu winken.
Wie werd ich gering, wenn der Angstkrampf sich weitet,
Bald muß ich in schrecklicher Schmerzlust versinken!
Unheimliches Kommen, angstschwangerstes Nahen,
Ich kann dich erwartungsstumpf, einsam ertragen.
Mir ist es, als ob wir uns kannten und sahen,
Nun komm, Mann, mich Wehrlosen roh zu erschlagen! –
Halb Unding, halb menschlich empfundener Schatten,
So springt jener Klotzgnom vom zottigen Rosse:
Ach, bald kann ich schlaf-schlaff erblassen, ermatten,
Wie groß wird doch plötzlich mein Schlußlustgenosse!
Mein Henker, mein Richter, ergötz dich beim Köpfen,
Die Freude wirft ewig qual-lüsterne Schatten:
Nur du magst das größte Glück, tötend, erschöpfen;
Da bist du, nun geht die Vernichtung vonstatten!
Ich fühl alles Zagen, voll Wollust, verrunzeln,
Jetzt kann ich die ganze Verachtung ertragen:
Nun seh ich den Henker, ganz blitzrasch, geil schmunzeln
Und lüstern, als Jüngling, mich kühn überragen!
Sind Kopf jetzt und Wesen gefällt und zerspalten?
Mir ist es, als sauste der Henker selbst nieder:
Fast wach ich, verkrampft unter Schattengewalten:
Und Dunkel und Ruhe belasten die Glieder.
Ein Sturmbraus durchwuchtet mein schluchtiges Wesen,
Mein Henker ist selbst in mein Innres gefahren,
Nur so kann die Seele der Schmachlust genesen:
Ich reiß mich empor, um mich selbst zu gewahren!
Da kommen die Hyksos, von Raublust gepeinigt!
O könnt ich ein Pferd ohne Reiter erspähn,
O wär meine Seele von Feigheit gereinigt:
Ich würde nicht Raub und nicht Totschlag verschmähn!
Jetzt schnell ich empor, um ein Roß zu erfassen,
Schon schnüre ich Nüstern und würg einen Reiter:
Ich schlag ihn zu Boden; ich seh ihn erblassen, –
Ich saus auf den Gaul, und nun brausen wir weiter.
Das war jetzt ein angstfreier, klarer Gedanke!
Ihr eigenstes Glück hat sich Kühnheit errungen,
Nun fall ich dem Feinde, zu Pferd, in die Flanke
Und streite als Reiter: mein Streich ist gelungen!
Jetzt hetz ich mein Pferd ins Gemetzel von Schlemmern.
Bewußtlose Menschen zertritts mit den Hufen,
Und Halbtoter Schläfen beginnen zu hämmern,
Und wollusttoll hör ich Verendende rufen!
Verächzen, Gestöhne, den Schrei der Hyäne
Vernehm ich beim Ritt über Rümpfe und Stummeln:
Es ist, als ob Erbschmerz der Dumpfheit entgähne;
Nun will ich, zu Roß, auf dem Schlachtfelde tummeln!
Hier bin ich der Meister, der Held und der Sieger,
Ich kann dich, Sahara-Nacht, qualbar, verachten:
Ich bin kein Verreckender, bin auch kein Tiger,
Ich bin das Ereignis nach brunstwuchtgen Schlachten!
Ich werde der Lebensrausch krampfstarrer Reste:
Geschwellt von der Sprudelbrunst sterbender Welten,
Erhält sich der Geist, als urewige Feste,
Die leidlos empfängt, was die Sinne vergelten! –
Gedanken, als klare, kristallkalte Drachen,
Ereignen sich tief, ich durchschau sie mit Muße!
Sie flattern wie Banner. Allflammen erwachen.
Und leibhafte Sieger tun schmerzverkrampft Buße.
Sahara, du hast deine Rasse geboren!
Schon schwängern die Schatten der Toten die Leiber:
Im Weib wird der Feindesschleim fertig gegoren:
Der Hyksossohn sei einst der Hyksosvertreiber!
Im Weibesleib treffen sich feindliche Rassen,
Dort keimen dumpf, unerfüllt, männliche Seelen:
Im Weib kann die Eigenheit jung sich erfassen,
Aus breiter Eintönigkeit Formen entschälen.
Die Frau ist das Traumesgraun schlummernder Lenze,
Die Ahnung, den Urbrunstdurst selbstlos zu schöpfen,
Die Nacht aller Möglichkeit, weit ohne Grenze,
Das Staunen vor Höhen ergrübelnden Köpfen!
Den Mann hat die Ra-Gewalt sonnhoch erhoben:
Der Drang und das tiefste Ding bleiben das gleiche,
Doch schufen die Sinne, die lustbunt vertoben,
Den Trieb, der die Einsicht im Eignen erreiche! –
Die Kette der Liebe ist nirgends zerrissen:
Zwar hat die Sahara uns zahllos gespalten,
Doch knotet das Weib die verschiednen Gewissen,
Und drum wurden Wesen geschlechtlich erhalten.
Der Urgrund der Seele ist wesensuranisch
Und soll sich, verkörpert, geschlechtlich empfinden:
Oft opfert der Sonnkern sich heldisch, titanisch,
Daß alles, was Weib wird, tiefinnen verschwinde.
So faß ich ra-tapfer Sahara-Gedanken:
Kein Weib kann das Weib meines Wesens erwecken,
Die Reinheit des Einblicks gebiert ihre Schranken,
Und schrecklos läßt Klarheit in mir sich erstrecken.
Ihr zwinkert, ihr Sterne, auch ihr seid nur Sünder!
Ists Licht auch naiv, das ihr selbstwesend spendet,
So seid ihr Entzünder des Lebens auch Gründer
Verdunkelnder Schollen, wo Wollen verendet.
Ihr weckt die Planeten, die selbst sich verdichten,
Die furchtlos vom Tag in die Dunkelheit tollen,
Die Finsternis lieben, verschließen, verkneten
Und, ewig vertrieben, enttollen, verrollen!
Heut gleicht euch mein Geist, an Gewalt und an Würde:
Er selbst ist ein Stern und ein Tag aller Klarheit;
Er ruht und erträgt seine kosmische Bürde,
Sein Wesen, ein Ganzes, ist sonnhohe Wahrheit.
Er strahlt aus sich selbst, wenn die Erde verdunkelt,
Er kennt seine Macht, wie einst Simson die Kräfte:
Dich, Tempel der Welt, der als Raum mich umfunkelt,
Verklammert mein Urgrund jetzt blindlings, wie Schäfte.
Versänk ich und wollt ich das Sein überwinden,
So würdet ihr, zitternde Sterne, zertrümmert,
Ihr müßtet im finstersten Nichts mitverschwinden:
Das All wäre leer, um sich selbst unbekümmert!

 

Ra

        O Sonne, dein Wesen ist ewiges Siegen!
Dein Wollen ist Licht, deine mystischen Flügel
Erstrahlende Wärme: dein Siegen ist Fliegen,
Und hoch überblickst du die Täler und Hügel.

Dein Anblick ist herrlich, erscheinende Scheibe,
Und schön, was du ansiehst, o Gottheit der Milde:
Du weist auf den Reichtum im menschlichen Leibe
Und schaffst den Gedanken zum stilstrengen Bilde.

Fast atemlos starr ich dich an, gutes Feuer,
Ich bete und strebe zu dir wie die Saaten:
Doch weilte kein Geist je beständger und treuer
Bei Ra, seiner Gottheit, als ich, dein Chuenaten!

Erwachen die Strahlen des Tages, am Morgen,
So lachen wir alle dir kindlich entgegen
Und können vom Sonnengold sorglos erborgen,
Was dann zu gebrauchen wir frei überlegen.

Doch kann die Sahara dich abends verscharren,
So muß sich die Erde im Dunkel vergraben;
Sie gleicht dann den Toten, die tagfern erstarren
Und wahllos mit Gaben von andern sich laben.

Was da ist, ist da, weil es nachahmt und trachtet,
Wie du, heilger Ra-Ball, im Glanz zu erscheinen:
Vom Tage gebändigt, geschwängert, betrachtet
Das Erdkind sein überall eigenstes Meinen.

Wir wollen uns formen, wie du es beorderst,
Und wünschen, den Lichtpriestern folgsam zu gleichen,
Wir hoffen und streben zu sein, was du forderst,
Und loben dich, wo wir dein Wollen erreichen.

Es hüpft unser Herz, wenn wir folgsam Geheiße
Der Urglut in uns, dir zum Danke, erfüllen:
Da singt unsre Seele, als blende und gleiße
Ein Ra-Tag in Tiefen, die stumm sich verhüllen.

Dir zwitschern frühmorgens die Vögel entgegen,
Die Fische entschlüpfen den Tiefen des Niles,
Die Schiffe beginnen sich fächelnd zu regen,
Mich selbst fühlt ein Ich tiefverinnigten Spieles.

Du, mannbarer Ra, hast das All erst erschaffen,
Das höchste der Werke mit Lust zu empfinden,
Doch läßt du die Schlünde vom Werdesturz klaffen,
Um ewig das Größte, besiegt, zu verwinden!

Du blickst in die Tiefe erschreckender Meere,
Die fürchten, daß Sturmwut die Weltflut erschöpfe:
Es ist, als obs Weib sich, gebärend, verzehre:
Du tötest die Schöpfung durch ihre Geschöpfe!

Doch Du dauerst fort. Von Rätseln durchschauert,
Erwartet das Erdweib das Sonnfruchterwachen:
Es horcht, ob das Leben, das tief im Leib kauert,
Durch Hüpfen es anstachelt, sonnauf zu lachen.

Ra, Allmacht Ägyptens, du Weltfelsentürmer,
Du Herrgott der Hyksos, du Urgrund der Meere,
Du Königserschöpfer und Schützer der Würmer,
Du Ungeduld aller, du ewige Lehre,

Dich rufe ich an, als dein Diener Chuenaten!
Ich will aller Welt deine Macht offenbaren,
Drum gib mir die Kraft zu ra-rühmlichen Taten,
Dann ziehn wir gar bald zum Altar mit Fanfaren.

Du, Ra, gabst der Menschheit das Recht auf Gebieter,
Drum darf sie auch fordern, daß ich sie bezwinge:
O sieh deinen Diener Chuenaten, hier kniet er,
Hier fleht er, o laß, daß ein Ra-Werk gelinge!

Das Weib hat das Recht, einem Mann zu behagen,
Die Dirne, als Kind, daß ein Knabe sie schände:
Auch haben die Beine das Recht, uns zu tragen,
Die Palmen und Staaten auf plündernde Hände,

Die Lüfte der Wüste, aufs Meer sich zu stürzen,
Die Nebel, daß hitzige Winde sie hetzen,
Auch Düfte der Blüten, die Lüfte zu würzen,
Der Neid, den Besitz seines Nächsten zu schätzen,

Verstorbne auf Ruhe und Murmelgebete,
Die Urglut, durch Brunstwucht, die Lücken zu füllen,
Auf Angst und auf Kampf die Alarmtrompete,
Die Luft und das Leid auf der Hungernden Brüllen:

Und Dumme? Daß Gauner sie oftmals belehren,
Der Krieg auf die Städte, die prassen und rasten,
Das Feuer auf Zyklen, aufs Stetswiederkehren
Des Tags, das vermag, allen Glast zu entlasten!

Du, Ra, hast ein Recht auf die Werbegebete,
Da du uns erleuchtest, was leuchtet, zu nehmen;
Du schufst uns, daß jeder dein Wollen vertrete,
Drum preist dich, wer aufhört, vor dir sich zu schämen.

Du bist ja der Reichtum, der alles verschwendet!
Wer einsichtig handelt, mag gut sich verhalten
Und wäre gar töricht und maßlos verblendet,
Versuchte er selbst, sein Gesetz zu gestalten.

Doch Ra, ich, der König, verkünde dein Wollen,
Da du, Ra, mein Vater, ob unser ergrimmtest:
Mein Wort gleicht des Lotos sonngoldenem Pollen,
Der alles befruchtet, was du ihm bestimmtest.

Ein Urtrieb der Menschheit, gehorsam zu dienen,
Verschafft uns die Lust, uns nach Numen zu sehnen;
Was feig sonst, in mir ists heroisch erschienen,
Auch ich mag die Nacht meiner Gottheit entlehnen!

Ich bin wie des Niles belebende Fluten,
In denen die Menschen sich spiegelnd erkennen,
Du selbst schufst die Fluten und Ursprungsbrunstgluten,
Damit deine Rätsel in mir erst erbrennen.

Du siehst und erkennst dich in Meeren und Seelen
Und suchst sie dir ewig, aus Liebe, zu nähern,
Drum willst du Gebete und Nilnebel schwelen,
Erfreust dich, zur Flutzeit, an Lichtheilerflehern!

Das alles, o Ra, will ich folgsam erringen!
Ich will Nilflutspeicher mit Spiegeln erschaffen,
Das Wasser, das abfällt, verriegeln, bezwingen,
Der Ra-Wallfahrt alle Altäre erraffen!

 

        » C huenaten!« rief Ti, seine Mutter; »Chuenaten,
Dein Morgengebet ist fürwahr unbesonnen,
O laß dich, du törichter Schwärmer, beraten!
Das Werk, das dein herrlicher Vater begonnen,
Zerstöre es nicht durch verzweifelte Taten:
Chuenaten, Chuenaten, die stolzen Kolonnen
Der Kämpfer für Ra, deine bravsten Soldaten
Sind ringend gefallen, und wer hat gewonnen?
Es stehen die Festen und Tempel von Theben!
Und mag deine Würde auch ruhmvoll erstrahlen,
So weißt du, was Anbeter Ammons erstreben:
Die Priester der Hauptstadt verstehn mit Kabalen
Gar bald noch den Aufruhr im Land zu beleben!
Du fahndest fanatisch nach Ra-Idealen,
Du wandelst auf einsamer Bahn, und daneben
Vergißt du der andern Gedanken und Qualen.
Ich warne dich. Sage, was bringt dich zum Rasen?
Ein Wahn ist in dich, mein Chuenaten, gefahren.
Was wallt in dir auf? Ach, laß die Ekstasen
Den Armen, den Kranken, die das offenbaren,
Was lange Ra-Priester vor Priestern verlasen.
Begrab die Gefallnen und laß die Fanfaren,
Die Frieden verkünden, zum Totenfest blasen!
Das Ahnenverscharren bewahrt vor Gefahren:
Zur Zeit, als mein Mann Amenemhotep lebte,
Befand sich, wo immer man Kriegsruhm erstrebte,
Im Heere des Lands ein Kadaververpacker,
Der sorgsam die Mumien der Helden verklebte:
Und sieh, auch dein Vater war tapfer und wacker!
Doch weiß ich von Unheil, das wild uns umschwebte:
Einst warf die Sahara gar waghalsge Racker
Bis Theben, zu Pferd, daß die Erde erbebte,
Und damals, nur damals, verwesten die Leichen.
Chuenaten! So banne die schwankenden Schatten
Und laß uns nicht wieder von Ahnen umschleichen;
Sie kamen zuerst als verhungernde Ratten
Hervor aus den dumpfen, verdunkelten Reichen,
Und als wir für sie keine Nahrung mehr hatten,
Da mußten die Lebenden selber erbleichen:
Drum sollst du, mein Sohn, deine Toten bestatten,
Um nimmer den bösen Barbaren zu gleichen!
Ja! Zeichen erscheinen am Himmel, auf Erden,
Die gleichen, die einstens auf Elend gewiesen;
Die Priester erzählen mit Schauergebärden
Von Tempelgespenstern und Schattenriß-Riesen.
Chuenaten, was soll aus den Nilländern werden?
Die Äcker sind brach, kein Vieh auf den Wiesen;
Sieh, niemand bekümmert sich mehr um die Herden,
Die Steuern sind höher, geringer die Priesen,
Und Bauern vertummeln ihr Gut mit den Pferden!
Fürwahr, mein Chuenaten, du gleichst den Barbaren:
Ra-trunken zerbrachst du Altäre und Städte,
Doch sag, kann dein Ra dich vor Schaden bewahren?
Ich seh in den Tempeln, in Theben, Skelette,
Rings Menschen im Elend, statt ra-starken Scharen.
Man raschelt den Namen von Ra um die Wette
Und ahmt dich auch nach, mit verwandtem Gebaren:
Doch Ra, wenn er Allkraft und Dankbarkeit hätte,
So könnt er Ägypten den Ra-Krieg ersparen!
O glaube dem Weib, das mit Leid dich geboren,
Dem Ammon und Ptah bleibt die Kraft für die Rache,
Schon jetzt ist dein Werk und dein Welttraum verloren,
Schon ahn ich der Ra-Feinde gräßliche Lache!
Die Ra-Macht zerprallt vor den Ammonstadttoren:
Es spiegelt der Mond sich im Blutsprudelbache,
Der aufschäumt aus Mündern, aus Wunden und Ohren:
Mir ists, als ob Ras Tempel berste und krache,
Als hätte das Land gegen dich sich verschworen!
Chuenaten, Chuenaten, du hast keine Söhne,
Es konnte dir Ra keine Knaben bescheren,
Das bleibt deine Schuld, – drum hör mich: versöhne
Dich rasch mit den Feinden, die wilder sich mehren:
Chuenaten, o hör auf das Völkergestöhne
Und laß uns nicht länger den Frieden entbehren!
Vermähle die schönste der Töchter und kröne
Den Freier zum König, bestürm ihn mit Ehren,
Daß niemand dereinst dein Gedenken verpöne!«
»Ach Mutter!« rief plötzlich fanatisch Chuenaten,
»Kein Weib wird mein Streben und Wirken verhindern,
Das Dasein von Ra kannst du nimmer erraten,
Da gibts keine Milde, da läßt sich nichts lindern.
Das da ist das Drama aus Ras Manngewalten,
Die allseits erwachen, den Ra-Kampf entfachen,
Beim Dreinschlagen lachen, die Maße zerspalten,
Die Staaten gestalten, die Sklaven bewachen!
Ra selbst ist der mannbare Daseinsgedanke,
Der geisterhaft wächst und den Leib überwindet:
Er selbst der Ra-Sehnsucht asketische Ranke,
Ist das, was im Menschen das Lichtall verbindet!
Er kehrt von der Erde den Blick hin zum Lichte,
Er kennt seine Ewigkeit zwischen den Welten,
Er wirkt, daß die Zeitleiter selbst sich vernichte,
Und liebt, was fanatisch bleibt, furchtfrei und selten.
Ra selbst ist das Dasein von Menschen und Tieren,
Ra tötet, was schwach wird beim Sichselbsterringen,
Ra will, daß wir Männer den Erdtrieb verlieren,
Ist Ra doch das Schicksal: wer mag es bezwingen?
Die Ra-Flamme stirbt nicht, denn Licht ist ihr Wirken,
Ihr Anfang, ihr Aufschwall und zielloses Ende:
Sie will sich entzirkeln, entstrebt den Bezirken
Und schafft drum den Urschein von Raum- und Zeitwende.
Chuenaten, o Mutter, wird nimmermehr sterben:
Ihm konnte kein Weib seine Söhne bescheren,
Ich werde einst selber mein Wirken ererben,
Die Flamme in mir kann sich nimmer verzehren.
Bald wird die Sahara das Niltal verscharren,
Das reiche und üppige Leben verwesen,
Das Schwache erstarren, die Ra-Kraft beharren,
Drum trennt sich, was Mann ward, vom weiblichen Wesen.
Bei Fischen, bei Fröschen, bei Kröten und Schlangen
Sind Männchen und Weibchen von nämlicher Gattung,
Die Tigerin hat noch das Raubtierverlangen
Des Tigers und zeigt keine Weibheitsermattung.
Die Löwin ist tapfer, doch fehlt ihr die Mähne,
Schon konnte der Löwe den Königskopf krönen:
Bei Vögeln, bei denen uns deucht, als ob sich Erhöhung ersehne,
Ist schön nur das Männchen, an Formen, an Tönen!
Der Stier ist das reifste der männlichen Tiere,
Die Kuh bleibt verschrumpft, und sie gleicht einer Mutter:
Für uns scheint es gut, daß sie Wildheit verliere,
Sie sucht nur ihr Futter, sie kalbt und gibt Butter:
So mag sich im Weib alle Weiblichkeit sammeln,
Der Mann muß, was schwach ist, von Anfang an, bannen;
Es darf das Geschlecht keine Ra-Bahn verrammeln:
Und wird man ganz Mann, kann man fast sich entmannen!«

»Chuenaten, erscheine beim Fest der Kastraten!«
Rief plötzlich ein Priester mit zitternder Stimme.
Chuenaten ist fast außer Fassung geraten,
Doch sieh, er ging hin mit verbissenem Grimme.
Rings standen des Tages Altarkandidaten,
Meist Kinder, bestimmt, daß ihr Urtrieb verglimme!
Es brachten die Eltern die Knaben nach Theben,
Sie sollten geschlechtlos dem Staatswesen nützen:
Es freute die Kinder, ein Fest zu erleben;
Sie suchten sich kaum vor den Schmerzen zu schützen,
Denn Neugier und Angst ließ sie gleichstark erbeben,
Dann schauten sie lüstern auf blutrote Pfützen.

Schon waren die Weiber nicht länger zu halten:
Es graute sie gar nicht, das Schauspiel zu schauen;
Man sah, wie sie keiften, die Fäuste sich ballten:
Es wollten sich alle am Blutfluß erbauen,
Und schrie jäh ein Knabe, verkrallten sich, prallten
Und stauten sich Haufen von grausamen Frauen.
Die Männer im Harnisch, die rings sie vertrieben,
Beachteten kaum, mit verlorenen Blicken,
Die blutigen Szenen und stießen mit Hieben
Die Weiber zurück, um nicht selbst zu ersticken;
Gar viele verreckten, doch mehr noch verblieben,
Sich wirklich in Theben, beim Fest, zu erquicken!

Oft warfen sich Männer orgiastisch zu Boden:
Gar manche begannen sich selbst zu entmannen
Und schrien dann vor Schmerz, mit verstümmelten Hoden.
Und Weiber, die wild ihren Wachen entrannen,
Begrinsten, begafften die Krampfepisoden,
Die laut sich, beim Fest der Kastraten, entspannen.
Die Hallen begannen sich langsam zu ädern:
Ein Scharlachbach sprang über Marmorterrassen:
Die Weiber, gereizt zum Beschaun von Blutbädern,
Bekamen die Jünglinge blasserer Rassen
Zu lüsternem Spiel, zum Verstümmeln, zum Rädern
Und kalten Betrachten von Martergrimassen.

 

        U nfaßbar viel Volk ist nach Theben gekommen,
Und immer noch folgen sich Schiffe auf Schiffe:
Da kommen schon wieder Nilflotten geschwommen!
Gar viele umschifften gefährliche Riffe:
Zumal die den Weg durch die Schnellen genommen,
Sind fix und verstehn sich auf Nilschiffahrtskniffe!
Verankerte, heimische Barken entladen
Die nächtlich erbeuteten Austern und Fische:
Gar sorgsam entklaubt man von schillerndem Faden
Des Netzes die Zappler, daß keiner entwische;
Und nah, am Gestade, lustwandeln und baden
Thebaner, erquickt durch die silberne Frische.
Jetzt nähern sich mondblaß die Segler dem Strande:
Verschiedene bringen aus Punt Spezereien;
Die Händler erscheinen im besten Gewande,
Um sich und der Ware den Glanz zu verleihen:
Das hebt gar natürlich die Freude am Tande,
Und gleich fängt man an, Wert und Preis auszuschreien.
Die Mannschaften klettern; sie reffen und raffen,
Mit Hast, doch im Takt, daß die Kraft nicht erlahme;
Fast würdevoll sitzen hingegen die Affen
Mit vagen Besitzerbegriffen im Krame
Und lassen sich gerne vom Haufen begaffen,
Und einer begrinst eine alternde Dame.

Die Frauen aus Punt sind rundputzig und tragen
Nur kurze, durchsichtige Kleider wie Glocken;
Begehrliche Männer, mit schlechtem Betragen,
Beginnen sie drum, halb zum Spaß, zu umhocken:
Behindert, beleidigt, verteidigen, schlagen
Sich manche, und andre entkommen erschrocken!
Die Krämer aus Charu, auf hohen Kamelen,
Belustigt das Schätzen und bloße Betrachten
Der Menschen und Sachen zum Kaufen und Stehlen;
Und manche, die lange nach Sinneslust schmachten,
Spazieren bereits ihre lüsternen Seelen,
Wo Gaukler und Weiber berauscht übernachten.

Verteilt und versprengt, fast verloren, geraten
Doch schließlich die meisten zum Platze des Festes,
Zur Feier der eben geweihten Kastraten.
Ganz Theben strebt hin, und kein einzger verläßt es,
Denn dort sieht man Narren und Tanzakrobaten,
Und stets gibt ein Fest, wo auch Blut fließt, sein Bestes!
Chuenaten begrüßt nun das Volk vom Balkone
Des Schlosses und spendet sein Gold den Getreuen
Des Ra; er zeigt sich den Leuten zum Lohne,
Wo Gaue nicht länger die Götzenmacht scheuen.
Selbst Hörige, Sklaven befreit er von Frone,
Wenn Städter sein Herz, durch den Ra-Kult, erfreuen.
Der König, vom Weib und den Töchtern umgeben,
Denn sieben hat diese Chuenaten geboren,
Hat Ai und sein Weib, für ihr Günstlingsbestreben,
Statt Priestern des Ammon, zur Huldgung erkoren:
Und alle versprechen stets eifrig zu leben,
Sie haben Chuenaten Ra-Treue geschworen!

Des Ra-Tempels Diener umtanzen, umspringen,
Mit Trommeln und Flöten, den König zum Danke
Für Schätze, die Ai und sein Weib schon empfingen;
Chuenaten hat fast die gebräuchliche Schranke
Und Ferne, die Königsgesetze bedingen,
Verwunden, denn einzig gilt jetzt der Gedanke!
Des Ai beste Schreiber und Zeichner erscheinen,
Bereit, das Ereignis sofort zu vermerken:
Gemalt und gemeißelt, auf Rollen und Steinen,
Bewahr es die Nachricht von heilsamen Werken,
Von Tugenden, die sich im König vereinen,
Von Strahlen des Ra, die ihn anstachelnd stärken!

»Nun seht,« spricht Chuenaten, »ich fühle die Hände,
Die tief aus dem Ra-All mein Innres ergreifen:
Empfangt drum beherzt jede fürstliche Spende,
Denn ewig läßt Ra seine Tagessaat reifen;
Sein Reichtum ist alles, was anfängt sein Ende,
Drum spür ich sein Wollen zu Gold sich versteifen!
Nehmt hin: ich verschenke das Gut meiner Väter,
Empfangt auch das Geld aller feindlichen Lenker
Des Staates, der schamlosen Ammonanbeter!
Ich selbst bin der eifrige Ra-Staatseinrenker
Und wüte bewußt gegen jeden Verräter:
Ja, wer nicht gehorcht, der verfällt meinem Henker!
So seht doch den Himmel, bemerkt seine Streifen
Von Nebeln, die weit ihn und still-ernst bedecken;
Um milde den heutigen Tag zu durchschweifen,
Gebar sie das Licht, und nun will sichs verstecken,
Doch bald wird es lächelnd durchs Schleierbrett greifen,
Als wollte es stündlich sein Dasein erwecken:
Doch dann sollt ihr betend zum Ra-Ball euch wenden,
Damit er euch, perlend und funkelnd wie Sterne,
Aus Wolken erblühend, erschaun kann und blenden!
Ihr Männer Ägyptens, ihr Söhne der Ferne,
Dann beugt eure Knie und fleht mit den Händen,
Ja, liebt Licht und Wärme, verehrt sie auch gerne!«
Es hat kaum Chuenaten die Worte gesprochen,
So strahlt schon der Ra-Ball hervor aus den Schleiern,
Und stolz fühlt der König sein hohes Herz pochen,
Denn jetzt wird auch Theben die Ra-Allmacht feiern.
Schon kommt auf den Knieen die Menge gekrochen,
Und schrill schallt der Schrei aller Ra-Prophezeier,
Die überekstatisch das Ra-Reich verheißen.
Der König erscheint nun, von Gold übergossen,
Am hohen Balkone; vier Lichtbündel gleißen
Hernieder auf ihn, auf sein Weib, auf die Sprossen
Des Hauses, die lieblich und zart sich befleißen,
Zu schenken, was scheinbar vom Himmel geflossen.
Nun schreit auch die Menge: »Du großer Chuenaten,
Unendlich wie Ra sind fürwahr deine Taten,
Du bautest die prachtvolle Ra-Stadt Chutaten
Und schütztest die Tempel mit tapfern Soldaten;
Du sandtest dann Fürsten, mit Friedensmandaten
Nach Theben, zur Warnung der Stadtpotentaten,
Und siehe, sie kehrten mit Ratreferaten
Von Ammon bekehrt und als Ras Renegaten
Zurück in die Stadt, die sie schamlos verraten!
Du straftest sogleich alle Ra-Apostaten
Und nahtest dann selbst deinen Aufrührerstaaten.
Rasch schlugst du die Heere von Ammons Prälaten
Und bist, laut Beschlüssen und Friedenstraktaten,
Nun Herr und nun hier in der Stadt der rabiaten
Beherrscher des Usgau, in Ammons Ornaten.
Wir sehn deine Kraft an den Kriegsresultaten,
Wir preisen dein Wesen in Tempelkantaten
Und trachten gehorsamst dir gleich zu geraten!«
Die Menschen, die solche Gesinnung vertraten
Und jammernd den König um Gunstgaben baten,
Begannen in Ras Krampfgewalt zu geraten
Und heulten orgiastisch: »Chuenaten, Chuenaten,
Nun laß uns dem Sumpf der Eunuchen entwaten!
Chuenaten, Chuenaten, ersetz die Kastraten
Durch Mönche mit Lustobgewalt-Surrogaten;
Verriegle die Weiber allein in Kemnaten
Und schaff einen Orden mit Ra-Zölibaten:
Bewahr uns vor fremden Geschlechts-Attentaten!
So bilde die Sternsekte! Uraggegraten
Sind alle Ägypter, o König Chuenaten!«

 

Nun bringen auf einmal fanatische Frauen
Die Kindlein herbei, sie dem König zu zeigen,
Und lassen Chuenaten, erfüllt von Vertrauen,
Indem sie sich tief vor dem Throne verneigen,
Die Säuglinge, die sie geboren, beschauen:
Und Graun packt den König, und nun folgt ein Schweigen!
Mit Riemen verschnürt sind die kindlichen Leiber,
Die Köpfe beschwert, um sie steil abzuflachen,
Denn längst schon begannen die Zeichner und Schreiber,
Beim Bilden, gar schroff, jede Stirn abzudachen:
Denn so ist der König und, sieh, auch die Weiber
Versuchen es Schreibern, in Fleisch, nachzumachen!
Der Priester des Ammon benützt nun das Schweigen
Und ruft, von geharnischten Kriegern umgeben:
»Dein Aarprofil, König, ist garstig und eigen
Und sagt nur, Chuenaten ist überverwegen:
Er wird sich zu maßloser Dreistheit versteigen,
Ganz schonungslos handeln und nichts überlegen;
Gar schlaff ist dein Fleisch, schlanker König Chuenaten,
Gar zart bist du wahrlich, du Mann du, geraten!
Doch sag, warum schreist du in Mannschaftstraktaten,
Daß du Mann, nur Mann bist, mit Ras Mannmandaten:
Fürwahr, du bewährst deine Kraft durch Soldaten,
Die alles zerstampfen, so Städte wie Saaten!
Für dich sind die Menschen umsonst und zuwider,
Drum schlachtest du alles im Ra-Übermute,
Und liegen auch Städte und Strecken danieder,
Was tut es, zum Schluß liebst du nur deine Stute!
Nichts freut dich, als Reiten und Stärken der Glieder;
Ja, sicherlich steckt dir der Hyksos im Blute!
Du plünderst die Grüfte, verweigerst die Gräber!
Du bringst selbst Amenti in Angst und Erregung!
Du bist nicht Osiris, du schändlicher Streber!
Du gibst keiner Mumie die erste Bewegung!
Du bist nur ein diebischer Würdenvergeber
Und sorgst, statt für Toten-, für Pferdeverpflegung!
Du glaubst an ein urfreies leibloses Leben
Und willst Ku von Nivu und Ba gar entlösen,
Doch Blut ist die Seele und eitel dein Streben,
Drum schone das Blut, mit bewußt religiösen
Gefühlen der Achtung, dem Ewgen ergeben:
Nichts Tieferes gibt es in Leichengekrösen!
Doch laß alle Buße, dir hilft kein Spruchsprudeln,
Zu spät ist es heute: dein Blut ist verloren,
Es mag dich dein Ra-Troß, die Aischar lobhudeln!
Von Ammon verdammt, wirst du nimmer geboren:
Nun zähl deine Freunde: in Ras Aufruhrrudeln
Hat mancher Ra-Schwärmer sich treulos verschworen!«
Jetzt naht, von gewaltigen Massen umgeben,
Fast atemlos, Ammons Gesandter Chuenaten
Und ruft: »Du Verwegner, nun sollst du erbeben,
Verzucke, gefällt durch die eigenen Taten
Und ohne daß andre den Leib dir verkleben,
Zum Nichtsein verflucht, von Soldaten verraten,
Verdirb auf dem Felde, den Geiern zur Beute!
Nichts bleibe mehr aufrecht von Ras Machtdiktaten,
Aufflamme das Gold aller habsüchtgen Leute,
Die Gaben und Almosen schalkhaft erbaten:
Die Glut ihres Gutes verzehre noch heute
Die Ra-Schar im Niltal, samt allen Piraten!«
Nun stürmen sich wütend zwei Haufen entgegen:
Der König entreißt einem Bauern die Hacke
Und bricht sich gewaltsam, ganz tollkühn, verwegen
Ein Gleis trotz des Anpralls vom schwankenden Packe
Jetzt vor bis zu Ammon und stürzt ihn mit Schlägen
Der Axt und schreit: »Albklotz, zerstückle, zerknacke!«
Nun sieht er sich strahlend der Menge entragen
Und spottet, zum Priester des Ammon gewendet:
»Nun kannst du, vermagst dus, den Ra-Ball zerschlagen,
Denn Ammon liegt da, von Chuenaten geschändet;
Ich mußte fürwahr nicht aus Zartheit verzagen,
Du rufe dein Amen, mein Werk ist vollendet!«
Es dringt jetzt ein schreckliches Fremdengezeter,
Vermischt mit Gewimmer erstickender Kinder,
Hervor aus den Reihen lautschreiender Beter:
Auch kreischen die Weiber und Priester nicht minder,
Doch plötzlich nur Stummheit, nun heißt es: »Dort geht er!«
Und bleich weicht das Volk vor dem Gottüberwinder.
Wer ruft da fanatisch: »Chuenaten, Chuenaten,
Wir sind es, die stets deine Ra-Kraft bejahten,
Du gabst uns Beweise, mit wahrhaft probaten
Gewaltakten, die ja Ras Allmacht verraten!«?
Und Männer aus Charu und andern Fremdstaaten
Bewundern besonders die Tat von Chuenaten.

 

        » C huenaten,« spricht Ti, seine Mutter, »Chuenaten,
Der Kampf war gewaltig, der Sieg ist errungen,
Die Feinde, die Ammon und Theben vertraten,
Sind alle zerspalten, beinahe bezwungen.
Chuenaten, doch laß dich trotz allem beraten,
Du hast viele Fremde als Söldner gedungen,
Erhalt sie und laß deinen Bauern den Spaten,
Der Friede beweist, was im Kriege gelungen.
Chuenaten, auch ich habe große Gedanken,
Ich wage es, einen dir flüsternd zu sagen:
Die Fremden, Chuenaten, zerbrachen die Schranken,
Die ewig im Niltal dem Staat unterlagen;
Ich glaube, sie alle sind wuchernde Ranken,
Die schwer nur die Stämme Ägyptens ertragen:
Nie darf unser Land an der Gastsucht erkranken,
Doch sollst du sie plagen, nicht wahllos verjagen!
    Chuenaten, du bist durch die Fremden betrogen:
Sie haben gestohlen, geschachert, erbeutet,
Gar listig Ägypten die Nährmilch entsogen,
Und wo ihr euch hadernd im Niltale bläutet,
Dort haben sie ihre Erfolge erwogen!
Und wenn ihr euch herrlicher Siege erfreutet,
Ward immer von Fremden der Kampfplatz bezogen:
Sie nahmen, was ihr zu erringen euch scheutet,
Mein Sohn, und du bist solchen Leuten gewogen!
    Erfülle, Chuenaten, die einzige Bitte,
Behalte die Fremden als Sklaven im Lande
Und töte die Reichen, nach üblicher Sitte:
So bringst du gewaltige Feste zustande,
Und Niltäler richten dann lieber die Schritte
Nach Städten des Ra und erneuern die Bande
Mit dir, großer König, und lösen die Kitte
Der Gaue mit Theben, dem Ammon zur Schande:
Denn sieh, dein Chutaten liegt fromm in der Mitte
Des Landes und prächtig am Weg zu den Meeren:
    Dort kannst du die Straßen nach Theben verlegen,
Den Zulauf zu Festen des Ammon verwehren
Und leichter Ägypten zum Ra-Kult bewegen!
Doch Ra, der dir half, sollst du einzig verehren
Und Haß gegen Fremde und Günstlinge hegen;
Auch sollst du den Erben nicht länger entbehren,
Was ist dir an Weib und an Töchtern gelegen,
Ein jüngeres könnte dir Knaben bescheren!«
Worauf jetzt der König entschlossen erwidert:
»Die Fremden besitzen ein gutes Gedächtnis,
Sie sahen erstaunt, was ich ra-stark gegliedert,
Wer weiß, übernahm man dabei mein Vermächtnis?!«
»Mein Kind,« wimmert Ti nun verletzt und erschrocken,
»Nicht wurden die widrigen Hyksos vertrieben,
Um ärgere Feinde ins Niltal zu locken:
Noch ist uns die Macht zum Beherrschen geblieben,
Mein Sohn, und du lockerst den Staat, um die Brocken
Ägyptens dem gierigen Feind zuzuschieben:
Zum Schluß soll das elende Kusch noch frohlocken,
Und du wirst Kuschitinnen hätscheln und lieben,
Mein Kind, dies erwog ich und sag es nun trocken!«
    »Ach, Mutter, du sprichst nur, du weißt nicht zu sagen,
Du willst nichts erfragen, du hast nichts verloren;
Das Weib bleibt das Übel, dem Täter entragen,
Und sieh, Männer sagen, als wissende Toren!«
    Kaum hat diese Worte die Mutter vernommen,
So gibt sie zur Antwort: »Du sollst mich belehren,
Mein Sohn, alles Große, stets soll es dir frommen,
Du konntest Ägypten zum Ra-Kult bekehren,
Dein Heer hat die Mauern von Theben erklommen,
Drum soll dich das Vaterland lieben und ehren;
Es seien die Fremden im Ra-Staat willkommen,
Dein Schutz sei vollkommen, du magst ihn gewähren,
Doch hält deine Rachsucht mein Herz arg beklommen!«
    »Der Mann ist der Sünder, das Weib seine Sünde:
Es würgen und sän doch die nämlichen Hände;
Verrucht ist der Staat, den ich eben begründe,
Doch laß, daß ich schrecklos mein Werk jetzt vollende!«
    »Du zitterst, mein Sohn, laß, mein Kind, dich begreifen,«
Hat Ti nun als Antwort, auf Antwort, gegeben,
»Du fieberst,« so spricht sie, »Gesichte umschweifen
Dich jetzt und verdrängen dein frömmstes Bestreben;
Du solltest dich besser auf Ra-Werte steifen
Und andre aus göttlichem Ansehn entheben:
Du magst dich an Götzen wie Ammon vergreifen,
Doch nimmer so tief in dir selber erbeben,
Ach, ruh nun und laß deine Ra-Saat erst reifen!«
    »Nein, Mutter, noch stehen die Tempel von Theben,
Die werden schon heute, zum Fest der Kastraten,
Entflammende Arme zum Himmel erheben
Und beten und flehen, daß alle drin braten.«
Kaum hat nun der König die Worte gesprochen,
So schreit seine Mutter: Ȇb Gnade, Chuenaten,
Schon hab ich die Flammen seit Wochen gerochen,
Ich sah dich, aus Wahnwitz, in Blutlachen waten;
Das Feuer ist rasch in der Stadt ausgebrochen,
Drob bist du in arge Bedrängnis geraten.;
Auch waren um dich alle Wachen bestochen
Und stießen dich nieder, als Feinde dir nahten:
Noch jetzt läßt der Anblick mein Herz rascher pochen!«
    »So werde ich alle Ägypter entlassen
Und Fremde zu Wächtern und Anstiftern wählen,
So mag denn die Glut gleich ganz Theben erfassen,
Und niemand sich feig aus der Feuersbrunst stehlen!«
    Den Worten des Königs wirft Ti sich entgegen
Und schreit: »Warum willst du die Hauptstadt verbrennen?
Wie kannst du so ruchlose Lauerwut hegen,
Wie wagst dus, den grausamen Plan zu bekennen?
Wozu blindlings dreinhaun und Feuer anlegen,
Warum nicht den Freund erst vom Erbfeinde trennen?
Du dürftest mich nimmermehr ›Mutter mein‹ nennen,
Vermöchtest dus nochmals den Brand zu erwägen!«
    »Ein großes Bewußtsein ersetzt tausend Theben,
Denn Ra wirkt im Hirne, gewaltsam und herrisch,
Er muß sich aus Kampf und Krampf ewig ergeben,
Drum ist solch ein Wahnwitzbrand fürwahr nicht närrisch!«
Kaum sagt das der König, so spricht Ti entschlossen:
    »Ich kann deinen Worten wahrhaftig nicht trauen,
Ins Schloß, wo du einst meinem Schoße entsprossen,
Begeb ich mich jetzt, ohne Zaudern und Grauen:
Inmitten von Theben, vom Feind eingeschlossen,.
Erwart ich mein Schicksal, umgeben von Frauen.
Ich hoffe, ihr habt eure Pfeile verschossen,
Ich will, daß die Bauern den Usgau bebauen,
Von Bränden, von Possen, erzähl Zechgenossen!«
Allein zu sich selbst sagt nun grimmig Chuenaten:
Gott selbst ist der Sünder, die Schöpfung die Sünde,
Drum darf ich das Weib, nicht sie mich verraten,
So brenne denn, Mutter: ich wüte, entzünde!

 

        » W as mag der Krawall im Ra-Lager besagen?
Es klappern wohl endlich die krätzigen Fremden,
Man will vielleicht Aussatzbefallne verjagen,
Und kreischt oder feilscht nur um prunkvolle Hemden.
Ägypter, die Zucht unsrer Väter verkümmert!«
Schreit jetzt Ammons sehender Priester und wimmert:
    »Der König hat hier unsre Gottheit zertrümmert
Und uns und sich selber das Dasein verschlimmert!
Fast trachtet der Tag heute länger zu dauern,
Es scheint sich ein Glastwall um Theben zu stauen:
Bespickt mit Beschauern sind alle Stadtmauern,
Rings mag sich die Ra-Schar am Ballfall erbauen,
Man ahnt wohl, daß heute das Glück Thebens scheidet,
Denn morgen schon werd ich in Blutgossen waten:
Ach Ai, warum hast du uns albern beneidet,
Und ach, was verbrachst du, waghalsger Chuenaten!«
»Was machst du da, Papis, fast scheinst du zu warten!«
So schrein aus dem Tempel Altartanztrabanten,
»Komm, laß uns die Seele von Ammon entfachen,
Wir wollen toll schweißen, was andre umrannten!«
    »Ach laßt mich«, sagt Papis, »den Abend betrachten
Und warten, bis sacht alle Strahlen verglühen;
Jetzt wallen Gefallne vergangener Schlachten
Durchs Tal: sagt, was treibt euch, das Fest zu verfrühen?
    »Schon zieht der Tanz Tote an!« schrein Korybanten,
»Gewesene hetzen uns, jung zu entstehen,
Und wo sie mit Krallenkraft Paare festbannten,
Umschauert gleich Mann und Weib des Werdens Wehen!«
    »Ich komme gleich, Kinder mein, ihr mögt genießen,«
Spricht Papis; »das Licht ist nun ziemlich verschieden,
Doch seht, wie um Theben sacht Glutähren sprießen:
Ein Goldrausch erwacht nun statt Silberfrieden!«
»Die Männer vermummten, verhüllten sich alle,
Die Mägdlein erscheinen wie Lichtmeteore,
Drum walle zum Schalle, zu Ammons Nachtballe!«
So gellts aus des Tempels verdunkeltem Tore.
    »Ich komme, ich komme, doch horcht aufs Geprassel,
Ja, Flammen und Waffen des Ra seh ich nahen!«
Ruft Papis, dann hört er nur Schall und Gerassel
Der Scharen, die rings seine Ahnung bejahen.
Im Tempel das Fest ist schon lange im Gange:
Die Männer, in Mäntelgewändern verkleidet,
Versuchen, verdunkelt, im Tanzüberschwange,
Ein Mädchen, das keine Gestalt unterscheidet,
Für sich zu erhaschen und rasch einzufangen.
Die Mädchen, in flimmernden Schleiern, vermeiden
Zu flugs in die Freiersgewalt zu gelangen,
Woran sich die Sinne der Teilnehmer weiden.
Es ist das der Tanz heller Glanzmeteore!
Erstrahlende Mädchen entwallen dem Dunkel
Und wirbeln und kreuzen sich, rhythmisch im Chore:
Sie tanzen nach Harfen; ihr Perlengefunkel
Erzittert so reizend wie Mondlicht im Nile.
    Schon sieht man so manche im Mantel verschwinden,
Da treibt sie ihr Freier zu lieblichem Spiele,
Wenn andre sich lang noch dem Dunkel entwinden.
    »Ihr Kinder, ihr Kinder, was hab ich geraten,
Das Fest ist ergötzlich, doch falsch Ort und Stunde!«
Ruft Papis. »Beim Feste uns fremder Kastraten
Darf niemand mehr tändeln; vernehmt meine Kunde:
Es mag jetzt die Gottheit durch euch nicht genesen,
Es steht unser Ammon mit Ra tief im Bunde;
Wir werden im Tempel verbrennen, verwesen,
Schon flammen die Häuser ringsum in der Runde!«
    »So komm in den Tempel, dein Fieber zu kühlen,
Wir kennen die Männer nicht, die uns verführen,
Doch hold ist ihr Atem, und süß, ihn zu fühlen,
So komme denn selber, ein Mädchen zu küren!«
So singt man im Tempel, doch Papis ruft traurig:
    »Ach, seht wie die Nacht sich mit Purpur verschleiert,
So glaubt an die Glut, denn sie naht und ist schaurig:
Es geht nicht, daß ihr, wenn man Ra anruft, feiert.«
»Die Sterne sind heiter und flimmern wie immer,
Das ist ein Komet, der uns goldig umschmeichelt,
Wir lieben sein schwirrendes, lichtes Geflimmer,
Er ists, der uns anhaucht und liebkosend streichelt«,
So singt man im Tempel; doch Papis schreit grimmig:
»So seht doch die Funken, die hoch euch umschweben,
Erhebt einen Gottsturm, so betet einstimmig,
Es möge uns Ammon das Zögern vergeben.«
    »Die Sterne stehn fest, doch wir Taumelnden schwanken:
Wir zittern und beben, uns schwindelt, wir sinken;
Zu groß ist das Glück, um jetzt Ammon zu danken,
Wir wollen Lust trinken, da Sterne uns winken«,
So singt man im Tempel; doch rasend ruft Papis:
»Zertrümmre, du bübischer Stümper, Chuenaten,
Den Ammon, den Ptah, und vertreibe den Apis,
Doch wahr uns vor Flammen; ach laß die Soldaten
Rasch Eimer ergreifen, statt nutzlosen Lanzen:
Verschone Ägypter, die nie Arges taten,
Sie mochten nur glücklich sein, jubeln und tanzen,
Du darfst nicht brandschatzend das Niltal verraten!«

Das Feuer haust immer noch näher und näher:
Jetzt stieben die Paare erhitzt auseinander;
Verstummt ist die Stimme von Papis, dem Seher,
Doch ist es, als ob er die Halle durchwander!

Die Männer zerstampfen die Mäntel und Larven
Und tanzen nun nackend im purpurnen Lichte,
Man spielt noch frenetisch auf berstenden Harfen
Und glaubt, daß man tanzend den Ammon aufrichte!

Jetzt sträuben die Häuser entsetzt Flammenmähnen,
Die Winde zerzausen sie prasselnd und rauschend:
Im Tempel beginnen entsetzliche Szenen!
Doch Papis bleibt still, und sich selber belauschend,
Erwägt er die Flucht aus den rauchenden Mauern.
Da fangen schon Mäntel und Schleier rings Feuer,
Und Papis sieht, lang kann es nimmermehr dauern,
Und keiner der Ausgänge scheint ihm geheuer,
So ruft er denn: »Kinder, die Toten erwachen!«
Er rast schon und ruft zu der Tanzsarabande:
»Es kann euer Lachen den Amnion anfachen,
So schmelzt jetzt versengend die ehernen Bande,
Die euch mit der Gottheit für ewig verschweißen!«
So tollen denn alle, die brennend noch johlen;
Und Großes sucht Papis dem Volk zu verheißen,
Dann wogt Gold aus Körpern, die röchelnd verkohlen!

Die Windsbraut, die Brunstbraut, entfahren den Dächern,
Sie fassen sich, lassen sich tanzend nicht ruhen,
Sie sausen mit Fächern, entzausen sie Schwächern
Und wirbeln sich Glutschmuck aus funkelnden Truhen.
Hier tanzt alles anders. Hier gibts kein Verweilen.
Die Glastpaare springen aus Luken und Türen.
Des Wahnwitzes Brandschwärme sprühn, glühn und eilen
Im Fluge aus furchtbaren Funkelgeschwüren:
Terrassen, umglastet von Scharlachgirlanden,
Die Flammen, auf Blutglutglastkränzen erklettern,
Erscheinen wie Hallen für Brandsarabanden,
Und Blüten umglühn sie mit grünlichen Blättern.
Ein Garten erwacht auf den brennenden Bauten,
Denn Blumen entwirbeln den flimmernden Schleiern,
Und Lichtbäume wuchern, wo Gluten sich stauten:
Ja, Harze entflammen wie Kelche auf Weihern.
Die Türme, die langsam zu bersten beginnen,
Erklimmen jetzt glimmende Ra-Brandbananen,
Und Wimpel umspringen die finstersten Zinnen,
Als schwenkten Chuenatens Fanatiker Fahnen!

Was rasen auf einmal die Menschen in Haufen
Zurück in die Stadt, ihre Habe zu retten?
Kein Auge kann glauben zu sehn, wie sie laufen,
Und viele versengen im Nu zu Skeletten.
Doch andre, die wieder im Freien erscheinen,
Verschleppen die Götzen und tanzen vor Jubel:
So kann wohl der Brand ganz Ägypten vereinen,
Denn selbst Ra-Soldaten tun mit im Getrubel.
Die Fremden aus Charu durchplündern die Trümmer;
Sie sollten die Stadt für Chuenaten entzünden,
Doch dachten sie klüger: es wäre nichts dümmer,
Als glühten die Güter in Feuersbrunstschlünden.
So stimmten die Fremden, voll Witz und einhellig:
Die Tempel umsprühe ein glühender Gürtel,
Dort sei man beim Anschüren kühn und anstellig:
Doch ganz unbehelligt belaß man die Viertel
Der Stadt, wo die kleinmütgen Spießbürger wohnen,
Dort schände man Mädchen und prügle Matronen,
Dann mag wohl der Tag sich zum Brandschatzen lohnen!
Doch plötzlich entsteht unter Mordbrennern Fehde,
Denn Weiber und Kinder beginnen zu stehlen;
Da hält gleich ein Lediger schlau seine Rede:
»Vermählte, ihr sollt eurer Diebsbrut befehlen,
Daß keines sich mehr an der Beute vergreife
Und lieber die Karren und Schiffe bereite,
Damit man dann leichter das Raubgut fortschleife;
Und nun schafft das Pack ohne Murren beiseite!«
»Wie sprecht ihr da,« zischelt ein Vater und Gatte,
»So laßt Weib und Kind sich ihr Eignes erwerben;
Im Gegenteil will ich, daß niemand ermatte:
Es suche sich jeder sein Gut unter Scherben!
Ihr Lottergesellen und Mütterverführer,
Ihr sollt jetzt ägyptische Jungfrauen schänden,
Ihr Schurken, ihr zuchtlosen Meute-Aufrührer,
Ihr müßt euch vom Plündern zum Einbrechen wenden!«
»Wir haben zusammen Chuenaten verraten
Und rauben, um dann eure Weiber zu kaufen:
Ihr Alten sollt heut noch in Feuer geraten!«
So antwortet einer vom fraufreien Haufen.
Drauf wird vom Familienbeflißnen erwidert:
»Die Weiber und Kinder bestimm ich zum Plündern,
Zum Schutz sind die Väter ins Heer eingegliedert,
Und ihr bleibt mit weitaufgerissenen Mündern.«
»Ihr Weibsknechte wartet, ihr Lumpenbrutzüchter,
Ich will euch im Niltal wie Unkraut ausrotten;
Dich krieg ich, du willkürlich ruchloser Richter,
Erwisch ich die Hoden, so liegst du am Boden!«
Kaum schreit das der Ledge, entsteht ein Gezeter,
Auch fängt mancher Haufen schon an loszuraufen,
Doch bläst noch vor Anfang des Kampfs ein Trompeter,
Und alles beginnt nach dem Hauptplatz zu laufen;
Doch gräßlich erregt und erschreckt schreit die Menge:
»Wer Recht hat, entscheide, wer Recht sich verliehen,
Im Einzelkampf zeig sich, verlier und versprenge
Nur der Blut und Gut, der sich Macht zugeschrieen!«
Da ruft schon der Gatte: »So warte, du Schmäher,
Gleich will ich dich quetschen, dein Knorpelfleisch kneifen,
Du Einsteiger, Milchkalb und Kindskopfverdreher,
Ich werde dich, Feigling, durch Blut und Dreck schleifen!«
»Und ich deinen schlaffen Familiensitz packen,
Du Hahnrei, mich dünkts, ihn in Händen zu haben,
Dann mag ich dich langsam erst knebeln und zwacken,
Das kann mich zum Schluß noch, beim Totwürgen, laben.«
Kaum sagt das der Ledge, so droht ihm sein Gegner
Und trachtet am Kampfplatz, ihn knapp anzuspringen:
»Du nennst deine Schliche, du dummdreistverwegner,
Du witzloser Ringer, so muß mirs gelingen,
Dich gleich, schon beim ersten Sprung, drunterzukriegen;
Noch bin ich gelenk und steh fest auf den Beinen,
Drum schleich ich umher, dich im Hasch zu bezwingen,
Und merk dirs, ich werf deine Eier den Schweinen!«
»Doch wärmt mich noch eher dein Hausvaterlaken,
Ich hab dir bereits Frau und Tochter geschändet,
Du glaubst nicht, wie oft andre bei ihnen staken,
Noch wer deine Habe genießt und verschwendet!«
Es schreit dies der Ledge, hindurch durchs Gelächter
Der Leute am Markte, die zischen und keifen:
»Ihr seid uns gar feig, beide, Hausdieb und Wächter,
So greift euch doch an und erfreut euch beim Kneifen!«

Nun kracht es und poltert auch, blitzt gar entsetzlich:
Der Tempel des Ammon ist plötzlich geborsten!
Drin flattert, was flockig ist, flink und zerfetzlich,
Ja, Brandadler brausen aus glaststarren Horsten,
Und bis das Geprassel, das Rasseln der Wabe
Sich langsam besänftigt, sind Kinder und Weiber
Verbrannt und verscharrt unterm flammenden Grabe;
Ein Mann nur bleibt übrig und mustert die Leiber,
Die brenzelnd und bebend, zerknisternd verrecken,
Und hin zu ihm strecken sich glasthafte Tatzen,
Drauf schrecken ihn Zungen, die lechzend Glut lecken,
Dann Blicke, so blau, wie von taubstummen Katzen.

Nun trachtet er kriechend dem Tod zu entkommen
Und stolpert zu Körpern, die hilflos verröcheln,
Die Angst vor dem Brand zeigt ihm Dinge verschwommen,
Und plötzlich verbohrt sich ein Schmerz in den Knöcheln.
Er muß seinen Leiberweg forttastend wähnen,
Er merkt nur, die Wand ist mit Glut überkrustet,
Und menschliche Bänder sind brennende Mähnen,
Doch ists ihm, als hörte er rings sich umpustet:
Drauf wirds ihm, als ob ihm der Ausriß gelänge,
Auch ist er, fast traumhaft, ganz richtig getreten.
Und wie er hervortritt, umschreit ihn die Menge:
»Es zeigt uns ein Gott seinen echten Propheten!«
Nun wird schon der Mann hoch auf Schultern gehoben,
Er kann kaum den Schmerz seiner Wunden verbeißen
Und merkt nur, wie alle ihn johlend umtoben
Und schreiend laut auffordern, Gott zu verheißen.
Doch ruft er nur: »Wasser!« und immer nur: »Wasser!«
Da stürmen die Fremden fanatisch zum Nile,
Und allseits verfolgen sie Ammons Ra-Hasser,
Und selbst Ra-Soldaten sind grob mit im Spiele;
Und trotzdem gelingt es den Fremden, die Schiffe
In Eile zu kentern und rasch zu befrachten.
Die meisten sind flott und bereits im Begriffe,
Die Anker zu lichten; wo andre noch trachten,
Die Feinde hübsch ferne vom Ufer zu halten
Und recht viel Erbeutetes unterzubringen;
Doch schließlich sind alle fast, ganz wohlbehalten,
Am Wasser und fangen an, Psalme zu singen.
Doch da sich Ägypter am Ufer versammeln,
So lacht man verachtungsvoll draußen am Wasser
Und schlachtet, mit eben geheiligten Hammeln,
Auch Sperber und Reiher; ja, immer noch krasser,
Man läßt auch den Apis zum Frühstück zerstückeln!
Da gibts arges Brüllen; dann Grunzen und Gackeln.
Drauf macht wer den Garaus selbst Neckhes Karnickeln.
Da packen Ägypter hellflammende Fackeln
Und trachten sie schwimmend in Brand zu erhalten,
Um draußen die Schiffe noch rasch anzuzünden;
Doch müssen fast alle beim Nachtbad erkalten,
Denn überall tauchen, aus nächtlichen Schlünden,
Des Nils Krokodile empor und erhaschen
Sofort alle Schwimmer, die selbst sich belichten.
Wohl wußten die Tiere: jetzt gibts was zum Naschen!
Sie merkten das Brenzeln von vielen Gerichten
Und hörten das Lachen und Brüllen beim Schlachten.
Nun finden sie Menschen, die vortrefflich munden,
Und alle die Flammen, die Schiffern Not brachten,
Sind wunderbar plötzlich zusammen verschwunden.
Da rufen die Fremden: »Stets gehe es Häschern
Wie euch, grausen Henkern, in allen Gewässern;
Ihr wolltet uns ruchlos, zur Rache, einäschern,
So plätschert statt uns, frechen Apisfleischessern,
Jetzt heiter, mit heiligen Nilkrokodilen,
Im Flusse der Heimat und freut euch am Spiele!
Wir wollen das Leid unsrer Mitbürger stillen:
Lang wartet schon Moses am unteren Nile.«

Jetzt tragen die Winde die Flammen zu Haufen:
Die Mitte von Theben steht hochrot in Feuer,
Und Sprühregenbündel und Glutblüten traufen
Aus Rauchsäulen, rings überm Trümmergemäuer!
Das Feuer gelangt nun allmählich zum Garten
Des alten und prachtvollen Herrscherpalastes,
Und selbst alle Hallen, wo Staatswachen warten,
Samt Pharaos Sammlungsarchiven erfaßt es.
Noch knattern entflammende Balken und Planken,
Und alle die schlanken Palastsaalpilaster
Umarmen rasch Ra-Glastgranatapfelranken,
Und krachend zerbröckelt der Wandalabaster.
Da läßt sich denn Ti aus dem Flammenhaus tragen.
Die andern sind alle vor Theben geblieben,
Nur sie war entschlossen, ihr Leben zu wagen,
Sie hoffte, es würde ihr Sohn sie noch lieben!
Nun tritt sie, von Sklaven getragen, zutage;
Und rüstige, wirklich noch bieder gesinnte
Bediente, vom alten ägyptischen Schlage,
Entführen sie klug aus dem Brandlabyrinthe.
Wohl stürzen am Wege Ruinen zusammen,
Und Brandstätten scheinen die Bahn zu versperren,
Doch senkrecht fast streben die Essen und Flammen
Empor aus den Tempeln, und unbeirrt zerren
Die Diener den Karren der Herrin treu weiter,
Und rings um den Zug fallen Glastschlacken nieder.
Ein Wirbel zerschlagener, ringsum verspeiter,
Zersplitterter Scherben umschwirrt ihn stets wieder.
Doch schrecklos und fast ohne inneres Bangen
Vermögen die Flüchtlinge weiter zu schreiten,
Um endlich heraus aus dem Brand zu gelangen:
Und bald scheint sich Kühle ringsum auszubreiten.
Die Kaiserin ward unverwundet gerettet:
So wurde die Mutter Chuenatens zum Wunder!
Sie blieb im Palast, zwischen Glast eingebettet.
Die Pracht wie der Plunder verpufft nun wie Zunder
Und steigt, zu Rosettengebilden verkettet,
Empor, um die Herrin von ferne zu schmücken.
Doch sie hat, ganz einzig, beim Brand nichts verwettet;
Sie ging aus dem Schloß, um ihr Land zu beglücken,
Ihr ist es, als ob sich das Herz gar nicht gräme:
Sie tritt, ihrer Würde bewußt, aus dem Feuer!
So wird ihr die Hauptstadt zum Prachtdiademe,
Sie selbst zum Orakel im Ra-Abenteuer.

 

        E s war das kein Brand, sagt sich selber Chuenaten,
Und was da noch aufflammt, kann keiner mehr werden:
Ich wurde vom eigenen Anhang verraten,
Was hilft nun ein Anruf, was Menschenbeschwerden!
Wir werden ja selber von Theben verschlungen.
Ich mag auch mein Weib und die Kinder nicht retten:
Es ist mir der Ra-Staat, das Lichtreich, mißlungen;
Was kümmern mich da alle Kerker und Ketten!
Doch kann ich den nahenden Tag nicht erwarten,
Ich müßte, aus Scham, vor dem Lichte erröten:
Es glaube nicht Ra, daß wir alle ihn narrten,
Er findet noch Theben, doch ich will mich töten!
    Ach Mutter, wie eigen sind doch unsre Lose;
Du sagtest, es würde mich niemand bestatten,
Und siehe, du selber versprühst in der Rose
Erglühender Blätter, die flammend ermatten!
Wie mochtest du doch ob des Feuers erschrecken,
Nun bist du verloren, auf ewig vernichtet,
Nun kann dich Osiris nicht wiedererwecken,
Doch ich werde bald von ihm selber gerichtet!
    Nie soll jemand wissen, wohin ich mich wende,
Kein Sklave Chuenatens Kadaver verraten:
Ich will, daß kein Feind meine Grabstätte schände,
Drum berg ich den Leib vor Gewaltattentaten.
    Ich klopf an die Tore der Stadtnekropole:
»Ihr Würmer der Unterwelt, öffnet die Pforte
Und sorgt, daß der König nicht oben verkohle,
Gehorcht, denn das sind eines Selbstmörders Worte!«
    »Amenemhoteps Sohn ist jetzt König im Lande,
Er nennt sich: der Abglanz vom Ra-Ball, Chuenaten,
Er warb fremde Häscher und herrscht uns zur Schande,
Er fahndet fanatisch nach wahnwitzgen Taten.«
Kaum ward diese Antwort im Keller gesprochen,
So faßten das Königsherz Scham und Entsetzen:
Er fing, halb gebrochen, an rascher zu pochen
Und drohte noch, flehte schon folgende Sätze:
»Ich heiße Chuenaten und trachte zu sterben!
Ihr Priester, empfangt meine letzten Befehle,
Doch wählt ihr dann selber, zum Dank, meinen Erben
Und hütet dafür auch das Blut meiner Seele!«
    »So töte dich draußen, du König der Häscher,
Wir warten auf dich mit dem Bauchaufschlitzmesser:
Die Priester, Osiris' Gedärmeauswäscher,
Bereiten dich dann für den Rangsargzumesser.«
    Kaum hört das Chuenaten die Priesterschaft sagen,
So ruft er verzweifelt: »So laßt euch verkünden,
Ich will das am lebenden Leibe ertragen,
Doch tut es, sonst laß ich ganz Theben entzünden!«
    »Chuenaten, so nahe den schlafenden Ahnen
Im Urall, wo Dauer und Ewigkeit kämpfen:
Es fahnden fanatische Ra-Karawanen
Zuletzt nach Schlußkrämpfen, die Leid und Lust dämpfen!«
    Kaum wurden die Worte von unten gesprochen,
So ward eine winzige Steintür entriegelt,
Und flugs ist der König durchs Felsloch gekrochen,
Dann hat man es eilig versperrt und versiegelt.
Rasch folgt nun Chuenaten dem Priester durch Gänge,
Hindurch zwischen Bergen von Mumien und Särgen,
Jetzt kommt er zu einem, der hat seine Länge,
Da sagt ihm der Führer: »Der da wird dich bergen!«
    Chuenaten entblößt seinen Bauch und sagt tapfer:
»Da lieg ich im Sarge, der knapp ist und sackhaft!
Nun walkt, Darmauspacker und Blutsturzabzapfer
Im Bauchwurm herum: mancher Krampf ist auch schmackhaft!
Es freun mich die eignen und anderer Schmerzen,
Drum laßt auch mein Blut, langsam tröpfelnd, entfließen
Und greift dem lebendigen König zum Herzen:
Ich will noch den Balsam der Mumien genießen!«
    »Chuenaten, du forderst unsagbare Leiden,
Wie kannst du dich selber so wahnwitzig hassen,
Wir töten dich erst, um dich dann aufzuschneiden«,
Erwidert der friedliche Priester gelassen.
Drauf sagt kurz der König: »Ich kann euch nicht trauen,
Ich will die Gewähr meiner Wiederkunft spüren;
Ich mag mich beinahe als Mumie beschauen,
Drum wetzt eure Messer und laßt euch nicht rühren.«
    Drauf murmeln die Männer der Mystik zusammen,
Und endlich spricht einer: »Dein Blut darf nicht fließen,
Sonst kannst du dich selber zum Nichtsein verdammen,
Es muß dirs Osiris einst wieder eingießen.«
    »So sammelt, was abfließt, in Schläuchen aus Därmen,
Und legt es mir bei, in der Höhlung des Bauches;
So wird es mich einst, bei der Wiederkunft, wärmen,
Doch folgt sonst in allem den Formen des Brauches!«
    Kaum hat das Chuenaten ekstatisch gesprochen,
So sind alle Priester zum Schlachten entschlossen:
Man bindet ihn fest, dann wird rasch zugestochen
Und nichts von dem Blute Chuenatens vergossen.

»Ra! Ra!« rast Chuenaten, »du schmerzwahres Alles,
Du wahrst dir den Sieg, o du Macht des Erkennens,
Was macht dir der Schlag meines eigenen Falles,
Du bist ja die Schlange des Weltallerbrennens!
Ra! Ra! laß den Mastdarm Chuenatens anpacken,
Es wallt rastlos Glast durch die Adern erstarrter,
Fast harter Glutmuskeln! Und Brandzangen zwacken
Wahrhaftig ins Schmerzfleisch: ach, raste Ra-Marter!
Was soll diese Ruhe, ihr grausamen Henker,
Ihr wollt meine Wunden mit Balsam bestäuben?
Ach, gebt mir den Garaus; doch laßt einen Denker,
Der sehend verscheidet, nicht sündhaft betäuben!
Ich fühl deine Wege, du rastlose Schlange!
Du selbst überwundne, unendlich verbundne,
Unfühlbare, sichtbare Zeugin vom Drange
Der Erde zur Sonne! Du furchtbar empfundne
Erstickerin, Würgerin üppiger Triebe:
Du kalte Vernunft und du mitleidlos Leiden,
Du Irrweg im Krampfhirn, du Schmerzsterngestiebe,
Du siegende Schlange, ach, laß mich verscheiden!
Ich spür mich zurück bis zur Wurzel vom Bösen,
Denn weibliches Leiden erschleicht mein Geweide:
Du Dreckweg zum Menschen, in Urschwulstgekrösen
Erweist du dich immer und steigst von der Scheide
Empor, bis zum menschlich veränderten Herzen;
Du würgtest die Urwelt bis hin zu gelangen,
Die Erbtriebe suchst du mit Schmerz auszumerzen
Und kannst durch den Hirnbrei im Weltall frei hangen.
Du suchst dich verschlungen im Bauch zu verstecken,
Das ist deine List, mannhaft furchtbare Schlange!
Entweicht dir das Erdweib, so kannst du dich recken,
Denn Frauen empfangen vom Ra-Drange, bange,
Den Schleimwurf mit übelgeträchtigtem Samen.
Entwischt dir die Beute, so wirst du gleich steifer
Und zischst geil, bis Scham, Graun im Weibsbild erlahmen,
Und spritzt du dich aus, speist du giftigen Geifer.
Ra! Ra! Fatum, furchtbares Flammenentstammen:
Ich selbst bin das Feuer! Man packt mein Gedärme.
Ach, Schmerzbrände züngeln aus zuckenden Schrammen
Und setzen sich fest: ja, entsetzliche Schwärme
Von Brandfaltern flattern aus brennenden Resten
Des Leibes empor und verpesten die Länder!
Ach, Papis und ich, alle beide entpreßten,
Bei widrigen Festen, als Schwärmer und Schänder
Der Erde den Sommergott, trächtig an Schrecken
Und Freund der Kastraten und rastloser Laster!
Ra! Ra! du kannst rasende Schmerzen erwecken!
Du siegst, Hascher, Häscher! Noch wächst das Geknaster
Verpraßter Brandgarben. Jetzt wackelt das Pflaster.
Dort qualmen die Fackeln. Hier schwirren die Kerzen.
Es fallen die ra-glasterfaßten Pilaster,
Und mir greift von unten jetzt jemand zum Herzen.«

 

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