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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Der Weltbruch

        S ternennacht! Ich bin von Lichttieren bestochen'.
Gestirne zeugen Qualgelüste, blenden, töten:
Die Welt stürzt ein; ihre Geburt ist urverbrochen.
Geheiligt, nur im Ich erkernt, sind Abendröten!

In jedem Lichte lauert spendendes Verlangen!
Wer sucht die Sonne, ein Geknäul aus Sonnensüchten?
Wer glaubt im Ich zur Allheit lautlos zu gelangen?
Hier klafft der Mensch: erwittre dich nach Urgerüchten!

Die Sterne hoffen einst ermenschlicht zu verlöschen:
Noch sind wir nicht, so lang wir Macht bedenkend ragen!
Wir handeln wie die Affen, blähn uns mit den Fröschen:
Hoch und erreicht bleibt, daß wir in der Liebe zagen!

Die Welt der Lichter wurde Geist und träumt zu schlummern:
Ihr Erzgestirn ist Mitteltum im Menschenkerne.
Wir mehren uns umher zu meidenden Verstummern;
Ein Schlafender ist die Erfriedigung der Sterne.

 

Ein Leuchten gibt es, ohne sengende Begierde!
Es kommt aus Liebe zweier sachtverschlungnen Welten,
Sein hohes Lohen ist der Erde Krönungszierde:
Die Hut der Huld im Herzen – dir zu Häupten selten!

Ein Wanderer wird leise Heimkehr von Gestirnen!
Du bist die Tür: kannst südlich zum Ermüden führen;
Auf Firnen lenkt dein Gang zu kaltentflammten Birnen,
Die über Hirnen wir als Urgeburt erspüren.

In Indien öffnet sich der stille Seelentrichter,
In dem Gestirne durch den Menschen stumm verschwinden.
Vom nordgebornen Seher bis zum nordgeborgnen Dichter
Erteilen sich die Sonnen, um ihr Wort zu finden.

Der alte Glanz im Norden gleicht vermenschter Milde,
Die Sonne ist und doch vom Erdenschoß gekommen:
Der Nordschein bleibt dein Urtum in entflammtem Bilde,
Von uns gewußt: aus meiner Brust emporgenommen.

 

Dort wo der Weltvollendung Sternenähren reifen,
Steht tiefgeborgner Geist im Ewigkeitsbeschlusse.
Er tut ihn nun! Dir schwindelt: du mußt ichzu greifen!
Ein Mensch ist Sturz: der Stern zerströmt im Seelenflusse.

Wir sind der Spundbruch aller sanftgedachten Meere,
In denen sich Gestirne lieblich spiegeln sollten.
In uns wühlt der Gewitterwurm: sein Sturm! – dann Leere.
Wir wollten friedlich sein; doch siehe: wir vertollten!

Du bist dir Sonne: mochtest Sternen Nacht gebären!
Sie glühen, in dich eingeträumt, einst zu entschlafen:
Doch diese Erde fiebert; was sie braut, ist Garen.
Ich bleibe Greis und kindisch, aufgepeitscht durch Strafen.

Der Mann ist aber auch ein Inhaber des Fluches!
Durchs Weib hindurch kann Stern an Stern gereiht verschwinden.
Der Geist wird nur im Hirn Erfinder seines Buches,
In dem ermenschte Zeichen: Sonnen! zu sich finden.

 

Beherrscht meine Verbündeltheit ein Ich der Tiefen?
Ist mirs gewährt, mit Eigentümern fremd zu schalten?
Gewichtigkeiten, die zum Leichtsinn mich beriefen,
Verleihen mir vielleicht jetzt freie Satzgewalten!

Was ist zu einem Weltbruch eigenste Versuchung?
Er kommt dereinst: ich kann ihn als bekannt gewahren!
Das Wort verdirbt in uns durch geile Weltberuchung:
Verspiegelung drum spiele selbst mit Ichgefahren!

Das Wort wird dauern; frei im einzelnen gerettet.
Im Urschlund: Sprachenaare, wahren es in Eiern;
Schlüpft eines aus, verschwirrts im Weltenschwall verwettet,
Doch legt es auch ein Ei, die Ewigkeit zu feiern!

Dereinst! Wir Stammelnde haben das Heil vernommen:
Umschwindelt, denn die Welt, die Wahn verträgt, muß stürzen!
Zufriedene sind wohl im Wort zu sich gekommen,
Zerwurzelte erfremden Welt gemenschter Würzen.

 

        D a deine Sternenaugen nie erblinden,
O Liebe, Seele aller Weltnaturen,
So flüstre sacht, kann ich die Tote wiederfinden,
Verspürst du noch der Vielgeliebten Spuren?

Ist alles fort? Sind Menschen ewge Wesen?
Lebt nur von ihr, was sie in uns versenkte,
In uns, die sie aus Liebe auserlesen,
In mich zumal, dem sie ihr Sein verschenkte!

Du stärkste Liebe, Starrkrampf unsrer Erde,
Die uns so schrecklich wird durch ihre Klammern,
Wenn sie mit Krallen, aus der Sonnenherde,
Lebendiges ergreift, daß wir drum jammern,

Dich ruf ich an! Dich, Förderin der Schrecken;
Dich, Mörderin, die uns erfüllt mit Grauen:
Du suchst das Gleiche wieder vorzustrecken
Und trachtest Lebensfluten anzustauen!

Wirst du die Keime meiner Toten binden,
Daß ihre Formen sich zum Licht erheben?
Werd ich durch Liebe sie dann wiederfinden?
Kann, was er raubt, der Tod uns wiedergeben?

Durch seine Wüstenschrecken will ich schreiten,
Doch nur, was ich erfahr, will ich verbuchen:
Kein Hoffnungsglaube möge mich verleiten,
Für wahr zu halten, was wir hoffen, suchen!

Nicht süße Heuchler oder Priesterworte
Beweisen, daß die Toten auferstehen:
Doch forschen will ich, ob der Menschensorte
Gestalten, unergründlich, untergehen.

O wüchse doch des Einzelwesens Stärke,
Daß es den Tod noch überdauern müßte,
Daß man als Maurer großer Menschenwerke
Doch niemals mehr erbaute als Gerüste!

Dann müßte die Natur uns wiederzeugen
Und abermals zum Meisterauftrag stellen:
Wie Gattungen sich nie dem Tode beugen,
So kann der Tod auch keine Helden fällen!

 

        G ar friedlich waren alle Menschen, die mich einst umgaben,
Und fast zufrieden sind die meisten aus der Welt geschieden:
Sie ließen sich von kalten Worten, Staub und Schnee begraben;
Und Flocken fallen auf ihr Grab, fast wie ein Wunsch nach Frieden.

Am Friedhof läßt die Wandersonne ihre letzten Spuren.
Nun sind sie blutig und von Abendschleiern bleich umschattet.
Ich seh mich dort, auf jenen eis- und glutbedeckten Fluren,
Als Menschen, der beim Gehn im harten Schnee ermattet.

Die Schatten werden bald den letzten Tagesschein verdauen,
Und meine Stapfen mag der Wind mit frischem Schnee durchschütteln,
Und auch die Seelennarben sollen mehr und mehr vergrauen,
Denn bald schon müssen andre Leidensstürme an mir rütteln.

Nun wird es langsam still. Der Schnee dient anderm Schnee als Lager,
Und nichts empfindet mehr der frischen Flocken herbe Kälte.
Die Seelen schrumpfen ein: sie werden stumpf, gefühllos, hager,
Da uns ein Schmerzensschrei zu oft, ach gar zu oft, durchgellte!

Natur, dein Wunsch nach Ruhe mag sich immerdar erfüllen,
Und schließlich folgt ihm auch die Menschheit ohne Widerwillen.
Schon naht die Nacht, da alle Jubelfarben sich verhüllen,
Und alle Dinge ihre Sucht, nur Form zu bleiben, stillen.

Ich selber, frostger Mond, fühl mich zu dir hinangezogen
Und leiste gern den Albtribut, den ich dir schulde:
Auf bleichen Schauerträumen bin ich oft zu dir geflogen
Und spürte da das Grinsen deiner Backenmulde.

Erwachte ich, so fühlt ich auf der schweißbedeckten Stirne
Die Silberhand, die mich zurück ins schwere Träumen drängte,
Und folgte willig fast dem schreckverschwendenden Gestirne,
Das alles, was ich je erfuhr, zur Zwerggestalt verrenkte.

So werd ich schmerzzerfleischt den Tod einst selber rufen:
Auf Fieberwiddern ihm in kalter Nacht entgegenjagen,
Die Böcke werden prustend und verhustend, mit den Hufen,
Mein letztes Zucken, Blitzen gleich, aus eisgen Krusten schlagen!

Wer mag dem Tode länger trotzen als die ganze Erde?
Versprüht sie doch das Leben nur, um völlig zu erstarren:
Dem toten Monde folgt bereits der Erde Traumspukherde.
Schon stolpert ihm die Fallsucht zu und zerrt am Narrenkarren.

Im Winter, wenn die Wolken sanft das Land beschützen,
Vermag der Mond die festgestockten Nebel zu zerreißen,
Dann löschen trockne Winde ihren Durst in Silberpfützen,
Und scharfe Kälte kann, was kaum entsteht, bereits zerbeißen.

Zur heißen Zeit verhaucht die Blütenfülle ganzer Haine
Gar oft in einer einzgen, schwülen Mondscheinnacht im Süden,
Von Anfang an kreist das Gestirn in honiggoldnem Scheine,
Und Duft auf Duft entweicht den Blüten, die zu Tod ermüden!

Verwelkt ist dann die holde Frühlingspracht am warmen Morgen.
Der Mond kann rasch des Lebens Frühlingsbraus entsaugen:
Sein Licht ist schroff. Er selber kennt nicht mehr die Schöpfersorgen
Und starrt uns müde an, mit längst erloschnen Krateraugen.

Kein Liebesstrahl erfrischt die Tropennacht, die er durchschreitet.
Wie mattes Erz erglimmen seines Lichtes scharfe Klauen,
Womit er Felsen sprengt und Laken neben Laken breitet,
Um grinsend lichtbedeckte Scheingerippe anzuschauen!

Er raubt uns unsern Schlaf, um unsre Kräfte zu verbrauchen!
Er quält, erschlafft uns durch das Träumen, das uns meist zuwider.
Er bläht, berauscht sich mit der ganzen Erde Lebenshauchen
Und stürzt dann blutbesoffen, umgestülpt, des Morgens nieder.

 

        M ein Weib, mein Weib, wie du dich tapfer sträubtest!
Du bist so schwer, so bitter schwer, dahingegangen.
Du Schmerz, als du das liebste, holde Sein betäubtest,
Da konnte es der Tod noch lange nicht erlangen!

Als wahre Riesin ist mein Weib, zum Schluß, gefallen!
Mein Weib, du warst mir da so plötzlich fortgenommen:
Du hast das ganze grause Leid vom Erdenwallen
In deiner allerletzten Stunde voll vernommen.

Einmal, des Nachts, umschlangen wir uns plötzlich fester!
Als unsre Herzen immer wild und wilder pochten,
Verliebten wir uns mehr als je, noch stärker und gepreßter
Umhalsten wir uns da, wie wir es nur vermochten.

Doch plötzlich, überraschend plötzlich, wars zu Ende.
Zur Ohnmacht, ach, war deine Stummheit rasch geworden,
Und nutzlos nur, betasteten dich meine Hände,
Ganz machtlos sah ich Fieberwüten dich ermorden!

– – – Vermuteten wir gar, daß wir uns trennen müßten,
Wie wir im Glücke niemals den Verlust bedachten?
Es war, als wir uns damals scheidungsinnig küßten,
Als ob auf einmal lauter Ahnungsschauer jäh erwachten!

Du krampftest dich an mich, und du begannst zu weinen.
Gar wilde Bitternis war unsrer Lust entfahren!
Was mochte da in deiner Seele wohl erscheinen?
Denn nichts, was dich erschreckte, konnten wir gewahren!

Doch Trauer träufelte so schwer auf unsre Freude,
Und nie umschlangst du meinen Hals so lang und bange,
Und du erträumtest wohl viel düstre Spukgebäude,
Dann lachtest du gar kindlich – bang und lange.

Und endlich doch, als wir das Glück zurückgewannen
Und uns vertraulich wieder hin zum Schlummer neigten,
Begannen die getrauten Träume Flügel aufzuspannen:
Ihr Bruderflug begann, in dem sie nimmer sich verzweigten.

In Seelenfernen, die in uns kein Ende kennen,
Möcht ich euch nach, ihr selgen Stunden, eilen,
Sie waren beider Glück und können sich nicht trennen:
Doch nein – ich blieb allein und werde nirgends weilen!

Ich seh in mich, ich blick euch nach zum Himmelszelte!
Mein Glück ist fort, so unerreichbar meinem Wesen:
Denn sie ist weg, die unsre Weisen heimwärts schnellte,
Und unser Kind, auch unser Kind, muß mitverwesen!

 

Der Mondschein ist der Leichenschleier bleicher Kindersterne.
Die Silbersichel mäht zuerst die Allerschwächsten nieder,
Und stündlich ists, als ob ein Größrer sich von uns entferne,
Und endlich schließen auch die Nachtbrillanten ihre Lider.

Und überstrahlt die Totenbleiche ringsumher den Sternenacker,
So sprühn die Ewiggroßen, die selbst kleine Kinder kennen,
Im Vollmondscheine weiter; mit urmächtigem Geflacker
Bestehn sie fort, kein Licht kann sie von ihren Thronen trennen.

Und wird der Mondschein später täglich wieder schwach und schwächer,
So siehst du Sternlein, wie der Mächtgen Kinder, jung erscheinen,
Und es erglühen Bären, Löwen, goldne Palmenfächer,
Die ewge, weiße Schlange wühlt sich vor im Sternenhaine.

Und wie es war, so wird es dort auf Gottes Himmel wieder!
Doch auf der Erde, ach, erstehn wir nimmer aus dem Grabe,
Du Heißgeliebte mein, so öffne wieder deine Lider,
So komm zurück, du Lust, du mein Geschick und meine einzge Habe!

Du Ruhenacht, wie herrlich bist du doch im schwülen Süden.
Kein schwacher Lufthauch wagt es, deine Schöpferpracht zu stören.
Es ist, als ob sich Liebesstimmlein fernher zu sich lüden.
Und ohne zu ermüden, müssen sich die Kleinsten hören.

Aus Blüten und aus Seelen, ja, der Stille selbst im Haine,
Weht stets ein Duft empor, regt sich ein Traumesschimmer:
O Nacht, o bitterfinstre Nacht, nur mich läßt du alleine,
Die Stimme, die mich rief, ach nur die meine, hör ich nimmer!

Du leuchtest, klare Sternennacht, in ewger Schöpferstille:
So spiegle dich im leiderregten Meere meiner Seele
Und senk dein schweres Gold hinab! Das ist mein Friedenswille:
Nur du tauchst bis zur Tiefe, wo ich mich um Stummheit quäle.

Nur du machst alles Leid zum Lied und doch bewundrungsstummer!
Du gibst den Frieden, der befreit: der Schlaf beschwert die Glieder.
Zum Traum verspinnt die Trauer sich: was hilft ein dumpfer Schlummer?
Die Wehmut hält er weiter wach, beschwert er auch die Lider . . . . . . . . . . . . .

 

        E s scheint, daß eine schillerreiche
Nachnebelbrunst dem Meer entschwebt:
Und alles schweigt in dieser Bleiche,
Aus Mondlicht und aus Dunst verwebt!

Die fahlen Silbersträhne dehnen
Sich schleierhaft hervor im Raum.
Den Mond umblinzeln Iristränen,
Als wie ein feuchter Trauersaum.

Die Sterne starren wie die Blicke
Der Sterbenden im Todeskrampf,
Verlöschend, durch die wolkendicke,
Dunstschwere Wand aus Licht und Dampf.

Sie glitzern, und sie flimmern nimmer.
O sieh, wie ihre Kraft gebricht.
Der Mond vergraut im Eigenschimmer:
Und bald verblaßt auch dieses Licht.

Nun will das Meer den Sturm gebären,
So plötzlich wogt es grollend auf:
Es brüstet sich, die Welt zu nähren
Und schwellt die Wellen schon zuhauf.

Die Sterne und der Mond verblassen.
Das Wasser aber sprudelt hell:
Nun huschen Aale aus dem nassen,
Unsagbar tiefen Lebensquell.

Sie ringeln sich, und sie entwischen
Dem Salzgischt, den die Welle spritzt,
Und stehlen sich mit Silberfischen
Ins Leben, das jetzt ringshin blitzt.

 

        O Wißbegier, wann hast du ausgetobt in meinem Innern?
Wann mildern der Gefühle zartverwobne Wehmutsweben,
Den Sonnenschleiern gleich, die einen stillen Herbst durchschweben,
Das schlaflos wilde Wühlen von erregten Sorgenspinnern?

Gefühl und Güte sind der Reichtum innrer Seelenflammen,
Und große Taten Formen, die sich die Natur gestattet;
Vernünfteln die Verzweiflung einer Gattung, die ermattet,
Die um den Nutzen schleicht, um lustlos zu verschlammen.

Der Erdenwesen Trachten sonnlebendig fortzudauern
Ward einer Schlange, die sich durch die Lebenswüste windet
Und endlich einen nutzerwägenden Verstand erfindet,
Gar ahnungsoft verglichen und erklärt von Weltdurchschauern.

Dein bleiches Spiegelbild, o Wüste, die das Opfer fordert,
Das will ich jetzt durchträumen und mit Träumerlust genießen:
Nicht soll vor Schmerzensgraun dein farbenschwankes Bild zerfließen,
Die Einsicht loht bereits, das Schicksal hats beordert!

Wohl ahn ich schon die Ruhe meines eignen Wesens,
Denn der Gefühle Allgewalt, der Menschen Freude, ihre Liebe,
Die unauslöschlich glimmt und flockt, als wärs aus einem Siebe,
Beherrscht mich schon und zieht mich fort von dem Belauern des Verwesens.

Ich wähle eine Welt mit hellen Flammenkathedralen:
Schon wähn ich sie im Seelenschoße starker Menschenscharen.
Ein Lebensüberschwang gebiert der Menschen Freigebaren,
Und domhoch seh ich Lebensströme ineinanderstrahlen.

Doch Wüstensand, noch locken mich Verstandespyramiden.
Ich bin ein Sohn der Zeit, da die Vernunft zuhöchst gepriesen!
Ein Seelendrang hat mir den Weg ins Wüstental gewiesen,
Drum folg ich ihm beherzt, sind meine Wünsche auch verschieden.

Geschöpf, der Augenblick ist nah, dir freudig zu verkünden,
Daß, was du hoffst und heischst, dir die Natur nicht mag verwehren,
Du warst bestimmt, das Feuer freier Freude fromm zu nähren,
Und deiner Einsicht mag sich heut ein Wonnerausch verbinden.

Es braust der Erde Freudenschwall durch unser Glücksempfinden.
Ein stummer Rausch erzittert wonnig in den Wunschgefühlen,
Doch Wonnewogen, die wir jubelnd in den Äther spülen,
Sind auch das Liebesglück, in dem wir uns zu Sternen winden.

Die Armut, das Verzichten hat der Mensch sich selbst geboten,
Als unsrer Erde Wonnerausch noch allzu karg bemessen:
Nun ist er reich und hat den alten Glauben fast vergessen,
Da Freudenflammen ihn noch wuchtiger und frei durchlohten!

Auch der Verstand ward so zum Mittel, stärker zuzugreifen,
Er fügte sich in das bedingte Vollmaß als Ergänzung:
Er ist emporgereift aus seiner einstigen Begrenzung
Und fordert, den geputzten Sparsinn abzustreifen.

Die Lebensschroffheit und die Sitte bergen die Askese,
Weil sie die Lebenswüste fordert, die uns Wesen peinigt;
Doch wißt und glaubt, die Freude steigt jetzt, brüderlich vereinigt:
Dies ist das Wort, das ich im Herzen und am Himmel lese!

 

        D es Lebens große Sonnerklärung
Erwacht im menschlichen Verstand,
Sie ist die reinste Lustgewährung
Der Glut, die sich im Glück erkannt!

Die Brandung, die uns tief durchwuchtet,
Die schaffend, singend mich durchtönt
Und durch bewußtes Tun befruchtet,
Ist überall von Glück gekrönt.

Die Sonne wird uns Kraft gewähren,
Da Mühsal die Vernunft erhält:
Von Flammen, die sich nie verzehren,
Wird Glut und Glück zum Licht geschwellt.

Wir können froh den Tag genießen,
Da sich die Menschheit frei verband,
Nicht mögen wir uns scheu verschließen:
Die Sitte ordnet der Verstand.

Der Sonne große Erdvermählung,
Die sich so reich ins All gefügt,
Die wir geahnt in der Erzählung,
Bis unsre Einsicht sie erglüht,

Die hat harmonisch uns durchklungen:
Sie ist in uns herangereift,
Hat voll das Menschenherz durchdrungen
Und Furcht und Hoffnung abgestreift.

Ein Band muß strahlend sich gestalten,
Das Welten aneinander schweißt:
Erfüllung ruht in leichtem Walten,
Wo alles Sein urselbst sich preist.

 

        W as mir erscheint, ist das der große Gotteshimmel,
Ists Sternenglanz, der sich im Traumesdome regt?
Ist es die Nacht auf wildbewegtem Wolkenschimmel?
Ists kühler Wehmutschnee, der sich aufs Herze legt?

Du Traumesruhe, die auf reifer, abgemähter,
In Schlaf versunkner Mutterflur die Schmerzen heilt,
Du bleiches Bild, du Sternenwelt im Purpuräther:
Ihr Glücksgefühle der Unendlichkeit, ihr weilt!

Mir ists, als ob nun eine Ähre hell entsteige,
Schon schwebt sie frei, sah ich die Hand, die sie gepflückt?
Nun scheints, daß sie die vollen, goldnen Köpfe neige:
Ists ein Komet, der sich zur Erde niederbückt?

Ein goldner Strahl scheint zitternd auf mich her zu kommen.
Ein Meteor, der meinem bangen Herzen naht!
Ein Bote ist vor meinen Augen schon erglommen,
So morgenklar und ernst wie eine freie Tat:

»Schon kann ein Menschenherz die Wahrheit streifen,
Es ahnt der Liebe und des Friedens Macht.
Hier mag der Same alter Freiheit reifen,
Und er ist würdiger als Sternenpracht!

Der Mensch ist nicht von Gott verstoßen,
Er sündigt mit dem Sterne, der ihn trägt,
Drum kann sein Tun nicht freuen noch erbosen,
Schon wirkt das Heil, wo man erwägt.

Die Menschheit soll ein Liebesband umschlingen,
Vernunft ist für Gerechtigkeit gereift,
Kein Schmerzensschrei wird unerhorcht verklingen,
Wo er im All ein Menschenherz ergreift.

Vernunft allein wird keine Wege finden,
Sie dient der Gnade, die die Welt verdient,
Ist Anfang nur und läßt den Schluß verschwinden,
Zeigt euch das Nichts, wo ihr am Ziele schient!

Die Freude wirble nun in Menschenseelen,
Der Frohsinn sei uns allen unvergällt:
Zum Troste mögt ihr nach Äonen zählen,
Bis alles Leben mit dem Ball zerfällt.

Doch die Gerechtigkeit ist nur Erklimmung
Von Maßen in der Schmerzenswelt.
Erlösung ist des Weltalls Urbestimmung,
Und Gnade ists, die unsre Hoffnung schwellt.

Was leib- und lustbegehrlich hier ersprossen,
Was weltharmonisch sich zusammenkrönt
Und schon vernünftig in die Form gegossen,
Das wird von Gnadenstimmen überdröhnt.

Auch die Vernunft ist ein Geschenk der Gnade,
Vor der die Welt in Ewigkeit erstarrt:
Kein Anfang sprüht empor vom Zeitenrade,
Wenn die Vernunft auf ihrer Kraft beharrt.

Das Fleisch ist nun erlöst aus der Verachtung,
In die der Sonne Strenge es gebannt,
Und die Vernunft entwand sich der Umnachtung,
Wo sie die Gnade früh und schwach erkannt.

Heut mag die Gnade euch Bestimmtheit schenken,
Sie schäumt und träumt urewiglich empor:
Nicht glauben mögt ihr, sondern würdig denken,
Und keine Angst beklemme euern Chor.«

Und als der Bote dies im eignen Glanz verkündigt,
Verschwand er rasch, doch seine Stimme klang noch fort:
»Der Wahn verschwinde, daß die Schöpfung sündigt,
Doch nun verdunkle die Vernunft das hohe Wort!

Ja, Hohn und Leiden mag das Gnadenkind erfahren,
Da Ahnung seinem holden Sein entschwellt,
Denn aus der Welt, die wir durch Sinnentrug gewahren,
Erstrahlt auch Wahrheit, die uns der Verstand verstellt!«

Die Silberwölklein, die ich rings um mich gewahrte,
Zerpflückten sich zu allerliebsten Engelein,
Bloß Schönheit wars, die meinem Blick sich offenbarte,
Und eignes Glück, dem sich die Seele konnte weihn.

Der helle Flockenschein auf winzgen Wolkenköpfen,
Er wurde Klang und Sang und Jubelmelodie.
Die Englein schienen aus dem Heil ihr Sein zu schöpfen,
Das stets der Welt ihr Licht und ihren Klang verlieh.

Sie sangen klar: »Wir grüßen dich, du große Gnade,
Die aus dem Heil sich in die Ewigkeit ergießt,
Um da als Welt zu wirken, ihrem eignen Gnadenpfade!
Dich, Gnade, loben wir, die sich in Leidensformen schließt,

Die sich als Sünde fühlt und Sünderschmerzen leidet,
Bis Gnade sie in ihrem Gnadenschoß erwählt:
Die Gnade zu erfahren, selbst um Gnade neidet,
Da Gnade dann der größten Sünde sich vermählt!«

 

        Dann sah ich rings um mich die Engelscharen.
Sie wollten niederknien auf Wolkenkissen,
Doch da sie viel zu leicht und luftig waren,
So neigten sie im Chore Lichtnarzissen.

Sie sangen jubelnd: »Erde, deinen Pollen,
Den Nordlichtsamen streust du in den Äther,
Du schenkst die Keime hohen Sehnsuchtsschollen
Und wirkst als deines Heiles Übertreter.

So schweift denn, freie Flammengoldkometen,
Bis Wirbel euch in eigne Fesseln legen:
Wenn Sonnen sich aus Liebesgluten kneten,
So müssen sie im Schoß die Gnade hegen.

Wir Engel pflücken winzge Heilsgefühle,
Die spärlich auf dem Sonnenacker blühen,
Wir sehn das Menschenherz im Kampfgewühle
Und strahlen durch sein mutges Lichtbemühen.

Ein einziger Gedanke, ein Empfinden
In letzter Stunde mag ein Wesen retten:
Die Furcht und Reue mögen sich verbinden,
Ein Sein mit unserm Heile zu verketten!

Was Gnade wünscht und freie Gnade spendet,
Erweckt das Heil im Schoße eigner Gnade,
Durch Gnaden wird der Weltenlauf vollendet,
Vermag die Gnade, daß sie selbst sich schade.

Erfülltes Heil in einem Weltenwesen
Muß alle grause Weltenlust zertrümmern,
Drum trachten Engel Gnade aufzulesen
Von Wesen selbst, die schwach und schlecht verkümmern

Ein freies Nein ist stärker als Gestirne,
Die blind in ihrem Glanz sich eitel drehen,
Die Welterlösung hängt an einem Zwirne,
Nur muß ein Wesen frei zugrunde gehen.

Der Mensch verstreut den Samen solchen Kommens,
Durch sichentgrenzendes und freies Wirken:
Das Heil vereitelt Knechtschaft eignen Frommens:
Und drum verwünscht den Wunsch nach Sonnbezirken!

Pocht jetzt der Glaube plötzlich an mein Urgewissen?
Wie! sollte es schon bald mit mir zu Ende gehen?
Von lauter Skrupeln wird das wahre Ich zerrissen,
Und vor dem Tode sollst du bleich in Stummheit stehen!

Den Wald, die Flur mag ich im heilgen Herbst betreten,
Und meine Seele gleiche dem entlaubten Baum –
Da mag kein Strauch die Andachtsfrist verspäten:
Er sammelt seines Wesens tiefureignen Traum.

Der Baum, der üppig seine Lebenskraft verschwendet,
Der in des Daseins lustgem Schwelgen mitgewirkt,
Hat sich dem eignen Rätselwesen zugewendet:
Er fühlt die eigne Tat, die sich in ihm verbirgt.

Ihr klaren Äste fleht die hehrsten Herbstgebete,
Und in die goldne Stille starrt ihr fromm empor:
So ringt nach Ruhe, wenn ich stumm den Wald betrete,
Ich such von mir, was ich im Jugendrausch verlor!

Die Buchen wollten sich dem Leben schenken.
Es hat am Walde sich der Baum berauscht:
Doch mag er jetzt sein Eigenwesen tränken,
Die Einzelheit, die jedes Sein behaust!

Versenk ich mich in meine Wurzeltiefen,
So glaube ich an einen Lebenskeim,
Dort, wo die tausend andern weiterschliefen,
Erwachte er im üppgen Lebensschleim.

Daß er dann Leben rauben muß und geben,
Weil er nicht mehr als aller Staub besteht,
Daraus erklärt sich Sitte, Einzelstreben,
Nur wünscht und fühlt der Mensch, wie er vergeht!

Von allem Gleichen freundlich angezogen,
Verschenkt er gütig, was sein Ich verlangt,
Er merkt es kaum, wie er, vom Schein belogen,
Nur zwischen sich und seiner Freude schwankt.

Hat irgendwer mein ganzes Sein ergriffen,
So ward mein Ich in größter Lust zerstreut:
Doch wird durch Raub der Mensch so hart geschliffen,
Wie dies ein Leben für sein Ich gebeut!

Und doch bekannt ist, was ich hier verfechte,
Die Weltmechanik deuten mag ein Tropf!
Nur ob ein Gott das Urgeschick verflechte,
Ob eine Allmacht ans Gewissen klopf?
Ach, wenn ich dies zu meiner Lösung brächte!
Doch nein, dazu genügt kein klarer Kopf!
Die Welt aus ihrem Gleichgewichte heben,
Dies möchte jeder, der kühn kündend denkt.
In Weltgerüsten, die zusammenstreben,
Wird alles, was im Ganzen ist, gezwängt;
Was sich nicht fügen läßt, das bleibt daneben,
Und unsre Seelenkreise werden so verengt.
Drum ist man höchstens noch berufen,
Durch schöne Täuschung, die das Herz erfreut,
Die Menschen vorzulocken vor die Stufen
Des neuen Götzen, der in uns gebeut!
Ersehntes kannst du wohl zur Tat berufen,
Doch nur Gewänder werden so erneut!
Gelingt es Göttern, aus der Gruft zu schweben,
Emporzusteigen aus dem schönen Sarg,
Durch den ihr Mythos sich noch mag beleben,
Gar lang nachdem die Gottheit sich verbarg,
So müßten auch die Toten sich ins Sein verweben:
Blieb doch in allen uns ihr Bildnis klar und stark!
Mein Gott, wie kann ich mich zu dem Gespenste wenden,
Zu jenem Wesen, das ich voll erfaßt:
Sie fleht zu mir, mit ihren weißen Händen:
»Vergiß mich nicht, bin ich auch jetzt erblaßt,
Als bleicher Schatten müßte ich verenden,
Wär ich nicht länger deine Leidenslast!«

Kein Gott und keine Sonne kann mich stärken,
Vernichtung, gib mir wieder, was du nahmst,
Nein, Leben, sag, was ändert sich an Werken,
Die du doch immer wieder ahnst und ahmst?
Wird meinesgleichen einst sein Weib bemerken,
Wenn du uns wieder in dein Wirken rahmst?

 

        S chwindel packt mich! Bilder eilen
Ringsumher in wildem Tanz,
Hergeschleppt vieltausend Meilen,
Sprühn sie auf, in matten Glanz:
Keines mag um mich verweilen,
Jedes schwankt als Firlefanz.
Leiber scheinen sich zu teilen
Und verschwinden plötzlich ganz;
Doch in einem bleichen Haine,
Wo sich Ast mit Ast verflicht,
Zeigen plötzlich sich Gebeine –
Und auf einmal wieder nicht!
Eva huscht in rotem Scheine,
Kauernd fast, hervor ans Licht:
Eingestemmt sind ihre Beine,
Abwärts schaut das Angesicht.
Ob sie jäh der Mutterscheide
Als ein reifes Weib entsprang
Und dem Druck der Eingeweide
Schmerzhaft sich, mit Wucht, entrang?
Wie gedrückt zu ewgem Leide,
Reißt sie sich vom Nabelstrang:
Und schon schwanken alle beide,
Mann und Weib, den gleichen Gang.
Deutlich will der Tod sich zeigen,
Und er grinst mich höhnisch an:
»Sieh, was einem Sein zu eigen,
Sprich, ob man noch hoffen kann!
Alles will sich hier verzweigen,
Setzt die besten Kräfte dran:
Menschen, die zum Lichte steigen,
Drehn sich schon in meinem Bann!«
Kurze Beine, schöne Büsten,
Weiber ohne Ebenmaß,
Sah ich, die sich läppisch grüßten,
Komisch, ohne rechten Spaß!
Ob sie für die Ichsucht büßten,
Die ihr Sein aus Grüften las?
Tod, du wirst den Spuk verwüsten, –
Er zerspringt wie sprödes Glas!
Musiker mit Löwenmähnen,
Häupter ohne Leiberhalt
Hat ein tiefes Lichtersehnen,
Plötzlich fast, emporgeballt.
Alles scheint sich hier zu dehnen.
Ist noch nichts als Ungestalt.
Sucht sich aber schon zu wähnen:
Wird bewußte Urgewalt!
»Solches Ineinanderklingen
Gab dem Leben Melodie,
Brachte mit gereiften Dingen
Auch den Zwerg in Harmonie.
Kann nicht so die Sichel schwingen,
Wie sie Schönheit einst verlieh,
Könnt mich um das Unkraut bringen,
Doch verschwinden werd ich nie!«
Kaum hat dies der Tod gesprochen,
Den ich blaß im Zwielicht sah,
Kamen Sphinxe angekrochen –
Und schon waren sie mir nah.
Wie von Zweigen abgebrochen,
Waren auch Harpyien da:
Und mein Herz begann zu pochen,
Als ich merkte, was geschah.
Alle letzten Erdengäste,
Die im Todeskrampf entstehn,
Abfallszwitter, Lebensreste,
Die im Menschtum untergehn,
Wollten sich zum letzten Feste
Noch in Folterqualen sehn!
Was sich grausam würgte, preßte,
Lüstern, leidend, zu vergehn,
Fand, als Abglanz, auf den Wänden
Eines Saales jetzt Gestalt.
Manche Sphinx hat beim Verenden
Sich dort oben eingekrallt;
Nur ein Weib bis zu den Lenden,
Blickt sie um sich stumm und kalt,
Doch verrät ihr Nackenwenden
Einer Löwin Hinterhalt!
Ferne scheint mir, goldverschwommen,
Daß ein Weib im Takt sich dreh!
Wirbelnd wird sie näher kommen,
Ob ich sie dann besser seh?
Ist denn noch kein Blick erglommen,
Hier im Weib, in meiner Näh?
Ach, wie bin ich angstbeklommen,
Denn der Tod ward Salome!
Hei, sie tanzt mit Kastagnetten –
Wie das klappert, wie das klirrt,
Um den Leib die goldnen Ketten
Haben klimpernd sich verwirrt.
Will sie vor dem Haupt sich retten,
Das sie surrend jetzt umschwirrt?
Nein, die Haare mag sie glätten,
Und da steht sie – unbeirrt.
»Sieh das Ich in vollem Siege,
Wie es plastisch triumphiert,
Sieh die Glieder, die ich biege,
Sieh die Jugend, die sich ziert;
Daß sie nimmer unterliege,
Lobt den Tod, der sie gebiert:
Schaukelnd steht er bei der Wiege,
Da ers Leben balanciert.«
Als die Worte rasch verklangen,
Die Salome zu mir sprach,
Kamen Greise angegangen,
Junge Leute folgten nach;
Und mir wars, als ob sie sangen,
Da das Schloß zusammenbrach.
Doch von Mauern noch umfangen,
Sah ich plötzlich ein Gemach:
Vieler frommer Greise Hände
Trugen sanft ein zartes Kind,
Statt des Mutterleibes Wände,
Hieltens Menschen wohlgesinnt!
Denn wenn Fleisch und Wärme schwänden,
Da wir kaum geboren sind,
Müßten wir gar schnell verenden;
Ist, was schroff ist und geschwind,
Doch an sich der Grund der Leiden,
Da er Liebesketten sprengt!
Dich der Ichsucht zu entkleiden,
Die in Jammer uns gedrängt,
Und von Tod und Sünde, beiden,
Die noch über mich verhängt,
Uns mit Liebeshand zu scheiden,
Ward ein Mensch der Welt geschenkt.
Sterne flogen hin und wieder,
Botschaft kündend nächtelang,
Und die Menschen knieten nieder,
Nahmen Jesum in Empfang.
Königsmienen, still und bieder,
Eine Mutter, schwank und krank,
Eines Kindleins zarte Glieder,
Sah ich jetzt im Traumgerank.
Plötzlich ist der Tod erschienen,
Als ich kaum das Bild gewahrt:
»Alles muß mir ewig dienen!«
Höhnte er nach Siegerart.
Mütter mit Verzweiflungsmienen
Merkt ich nun um mich geschart:
»Hab gewütet unter ihnen,
Keiner blieb ihr Leid erspart!«
Rief der Tod und tanzte schrecklich!
»Hei! der Tag vom Kindermord«,
Scholl es, »war für mich erklecklich,
Nie ergötzt ich mich wie dort!
Selbst die Glut blieb unerwecklich,
Die mich tötet und verdorrt!«
Niemals tanzte er so kecklich,
Und dann endlich war er fort!
Söldner schau ich spielen, wetten,
Christen, die um Gnade flehn,
Und zum Golgatha, in Ketten,
Jesum durch die Menge gehn.
Kann ein Mensch die Götter retten,
Die bedingt im All bestehn?
Wenn sie Macht zur Hilfe hätten,
Würde sie kein Sturm verwehn!
Alles will nach oben streben,
Höhenrausch umfängt uns schon,
Selbst der Tod kämpft um sein Leben,
Furcht gebiert den feigen Hohn.
Ja, ein Gott ward uns gegeben,
Ohne Ende, ohne Lohn:
Zu ihm kannst du dich erheben,
Läßt du neidlos ihn am Thron.
Götter mußten arg ergrimmen,
Als ein Mensch in Freiheit starb.
Konnte nicht der Tag verglimmen,
Als sein Leib am Kreuz verdarb?
Nicht die Nacht den Thron erklimmen,
Als ein Mensch um Gottheit warb?
Nutzlos tönten Donnerstimmen:
»Blutger Himmelsriß, vernarb!«
Nein, die Wunde blieb gerötet.
Glut ergoß sich aus dem Schnitt.
Götzen, die das Volk gelötet,
Stürzten ohne Halt und Kitt:
Menschen, die ihrs Kreuz erhöhtet,
Wo ein Mensch fürs Leben stritt,
Einen Gott habt ihr getötet,
Doch er riß die Götzen mit!
Da erfaßten mich Skelette,
Statt des Todes Wiederkunft,
Merkt ich mich in einer Kette
Von Gespenstern selbst verschrumpft.
Eine Stimme rief: »Ich wette,
Du verknöcherst in der Zunft,
Dichter, laß, daß ich dich rette,
Folg nun wieder der Vernunft!«
Und nun fühlt ich mich im Fallen.
Sah Gerippe über mir.
Sank allein durch blasse Hallen,
Ausgeschmückt mit Ungetier.
Hielt an Fühlern mich von Quallen;
Und die sahn mich an mit Gier.
Dann entfiel ich ihren Krallen
Durch ein andres Albspalier!
Und der ganze Weg des Tanzes,
Den der Tod mit mir getollt,
Schien mir wie ein Drachenganzes.
Hart gestockt! In sich verknollt!
Und im Grün des Panzerglanzes,
In der Schuppen Flimmergold,
Wußt ich mich von seines Schwanzes
Knorpelgliedern eingerollt.
Ruckweis ward ich vorgeschoben.
Rhythmisch schwankt ich hin und her.
Durch das Zucken dieses Kloben
Glitt und fiel ich immer mehr.
Plötzlich schwamm ich wieder oben.
Ob der Schweif der Jordan wär?
Denn den Drachen hör ich toben:
Sicherlich das Tote Meer!

 

        » D ies irae, dies illa,
Solvet saeclum in favilla,
Teste David cum Sibylla!«
Klang es plötzlich aus der Stille:
»Weltenende ist der Wille
Unsers Gottes Zebaoth!
Mensch, begreif die Weltennot!
Sieh, was allen Wesen droht,
Denn der Tod ist Urgebot!«

Wahrlich alles kam in Schwanken,
Mein Bewußtsein nur blieb still.
Stumm zerbarsten Felsenschranken,
Doch urplötzlich dröhnt es schrill:
Das sind ganzer Völkerstämme
Todesschreie in der Nacht –
Doch der Berge offne Klemme
Hat sie rasch zur Ruh gebracht.

Wohl gelingt es den Vergeudern
Des Geschaffnen, für den Tod,
Meere in die Luft zu schleudern.
Aufgedampft aus dunklem Schlot,
Türmen sie in hohen Sphären
Sich zu Wolkenburgen auf:
Doch es muß das Urmaß wehren,
Nie entgleists in seinem Lauf.
Unsrer Erde Sonnbegehren,
Das die Völker einst durchzuckt,
Muß sich jetzt als Glut verzehren,
Die aus Kratern Inseln spuckt!
Dort das Volk wird sich erhalten,
Da es schnell und dauernd schwimmt.
Kind und Greis und Weibsgestalten,
Hei! wie das den Fels erklimmt!
Aller Völker Lebenssäfte
Schlagen jetzt aus diesem Stamm;
Ob ein Wuthund plötzlich kläffte,
Schäumt nun fern ein Wogenkamm.
Riesenhafte Bergesrachen
Seh ich ganze Meere spein,
Alles muß zusammenkrachen,
Und die Menschheit hör ich schrein:
                        »Ra«.
Als ein Echo ohne Ende
Hat der Schrei nun fortgegellt,
Wenn die ganze Welt verschwände,
Dieser Schrei blieb als die Welt!
Ringsum alles ist verschoben,
Felsendome ziehn mich an:
Was ist unten, was ist oben?
Frei bin ich vom Erdenbann!
Hei! du wildes Felsgekrempel,
Ängstigst nicht das Erdenkind,
Denn ich schweb in deinem Tempel,
Wo die Lücken ringsum sind!
Erdenklammern oben, unten,
Machen unsre Seele frei,
Und es strömt aus lebensbunten
Fenstern jetzt das Licht herbei.
Wie ich mich so haltlos wiege,
Denk ich, daß in größter Not
Einst der Mensch dem Land entfliege,
Wenn der Ländereinsturz droht.
Denn die feste Menschbedingung,
Die sich still im All verwebt,
Ist ein Teil der Weltbezwingung,
Die der Sonne Macht belebt.
Unverschieblich, unverletzlich
Ist der Sonne Erdenband:
Unser Dasein drum gesetzlich,
Sonnbeschützt auf schwankem Land!
Bis die Erde sich noch bindet,
Ob sie noch so tobt und wühlt,
Ihren Schwerpunkt wiederfindet
Und mit Meeren Wunden kühlt,
Die am tiefsten eingerissen,
Sprengt sie nichts von dem Gesetz,
Das verknotet, als Gewissen,
Frei nun herrscht auf seinem Netz:
Auf dem Netz, das, urversponnen,
Freies Sonnbewußtsein hegt,
Und das, wo es nachgesonnen,
Erdenheimweh sonnwärts trägt!
Meere seh ich niederwallen,
Aufgewühlt zu schwülem Dunst.
Menschenschreie hör ich schallen,
Schrecklich durch die Wolkenbrunst.
Ist doch alles eingefallen
Und die Menschheit längst zerstört!
Kann das Echo nicht zerprallen?
Da man noch das Rufen hört?
Was ertönt, wird schrill und schriller.
Plötzlich kreischt ein heisrer Schrei.
Und dann ists, als huscht ein stiller
Riesenvogel dumpf vorbei.
Und von neuem hör ichs rauschen:
Ja, das ist ein Flügelschlag!
Schallgebilde, rings, vertauschen
Ihre Flugbahn scheu und zag:
Wenn sie stumm um Kanten biegen,
Zwischen Felsen in der Nacht,
Hör ich dumpf ihr schweres Fliegen,
Da das Echo rasch erwacht.
Ganze Stimmenleitern ringen
Sich vom Mutterrufe los,
Um als Schreie zu verschwingen,
Abgesprüht vom Echostoß!
Und zu Bündeln paaren andre
Echowirbel sich im Kreis,
Und da scheints, das Leben wandre
Schon zurück in sein Geleis.
Hier wird nie ein Schrei vernichtet,
Alles schallt von Fels zu Fels:
Ja, die Welt wird neu verdichtet,
Lauscht dem Aufschwall des Gefälls!
Scheint ein Ruf wo abzuprallen,
Irgendwo vom Erdenrand,
Rasch im Chaos zu verhallen,
Steigt schon eine Bergeswand
Hoch empor, ihn aufzufangen!
Jeder Berg und jedes Werk,
Das zu sein nur angefangen,
Ward, daß es die Menschheit stärk!
Alles, was nur quillt und schmelzt
Oder aus Bestimmungsbangen
Plötzlich sich ins Dasein wälzt,
Krümmt und türmt sich nun zu Stufen,
Die dereinst der Mensch besteigt.
Gar nichts wird emporgerufen,
Was sich nicht vor Zwecken neigt!
Immer stärker schwanken, beben
Bergesrecken im Entstehn.
Furchtbar ist ihr Haupterheben,
Kurz war das Zugrundegehn!
Ja, ich merk an jener Schlote
Langgefügter Doppelreih,
Daß ein Dasein sich verknote,
Das einst daseinskrampfend sei.
Die Natur greift in die Tasten
Und bezähmt bestimmt die Welt:
Alles wird durch Rasten, Hasten
Immer nur ins Maß geschnellt!
Ganze Wandermeere dampfen
Aus den Orgelschlünden auf:
Kogel, Knäufe, Gipfel krampfen
Sich nun überall zuhauf.
Doch was aufragt scheint zu wackeln.
Tiefes wallt empor und fällt.
Still nur leuchten Riesenfackeln,
Wie als Ahnung aufgestellt!
Und ich laß den Traum gewähren,
Der mir sanghaft zugeraunt:
Sieh, das sind die Kordilleren,
Die du werdend angestaunt.
Ja, wir wurden eben beide!
Alles, was ich da erschaut,
Ist die Macht im Traumeskleide,
Die ein Schicksal aufgebaut.
Was ich seh, ist längst verschwunden,
Nur die Folgen schleifst du nach,
Und, dem Dasein eng verbunden,
Bleibt, was jäh zusammenbrach.
Feiern mag ich das Entstehen
Dieser Welt, die noch besteht,
Ihren Ursprung werd ich sehen:
Ursturz werde ein Planet!
Eben ist der Wirbel mächtig:
Irrgestirne zieht er an,
Weltkometen, schlank und prächtig,
Stürzen schräg in seinen Bann.
Fremdes krampft sein Jetzt zusammen.
Des Kometen Flügelschweif,
Der uns forttrug auf den Flammen,
Wird zum steifen Erdenreif!
Plötzlich, aus dem Ozeane,
Hebt sich manches schroffe Kap:
Flügellahme Welttitane
Stürzen steil und rasch herab.
Über mir, in Felsenkrämpfen,
Ringt ein Riese mit dem Tod.
Er verpfaucht in Sturm und Dämpfen,
Und sein Rumpf droht feuerrot.
Endlich birst in dem Giganten
Das Gekrös, und, glutenwund,
Speit er seine schmerzverbrannten
Eingeweide aus dem Schlund.
In den Rippen, in den Knöcheln
Zerrt ihn seine letzte Glut,
Plötzlich schweigt das Todesröcheln.
Wie! verschnaubt er seine Wut?
Um die Flügel und die Glieder
Hat sich rasch die Nacht geballt,
Aus dem grausen Schaumgefieder
Wich des Riesen Glastgewalt;
Ja, der Glutenrest vom Hasse
Des Giganten ist entzischt!
Donnernd stürzt die kalte Masse.
Hei! die Fittiche sind dicht.
Blitzend sprühte er von dannen.
Alles ward nun hart und schwer:
Auch des Riesen Wolkenspannen
Schlummern beide bald als Meer.
Tief in einer Erdenspalte
Stockt und friert der Feuerfluß:
Und der große, felsenkalte
Recke ist der Kaukasus!
Mitten in der Erdzerspaltung
Taucht in mir die Ahnung auf,
Daß der Feind der Urgestaltung
Und der tödliche Verlauf
Allen Daseins die Empörung
Tief in Leidenswesen schuf:
Und so folgt nun der Zerstörung
Unser Fluch, – der Sünderruf!
Nun so seh ich die Erscheinung
Jetzt als Christ und Sünder an,
Schließlich bleibt die tiefste Meinung
Nur ein tüchtger Steuermann!
Grollen will ich mit den Mächten,
Deren Knecht ich bleiben muß,
Immer such ich nach dem echten
Unerreichten Seelenguß,
Denn mein Tod ist meine Sünde,
Und ich ahn die Todesschuld:
In mir selber sind die Gründe
Meiner großen Ungeduld.
Doch! Sie nimmer eingestehen,
Ist im Kampf von großem Wert,
Werd ich sie befügbar sehen,
Hab ich mich schon halb bewehrt!
Drum, was einstürzt, ist mir feindlich,
Mein Gewicht von mir getrennt,
Und mein Leib bedingt vermeintlich,
Was man Tod und Strafe nennt.
Sonnwärts wird der Mensch nun fliegen,
Da er seine Schwere haßt.
Jeder Braus in Sonnenkriegen
Sei als Erdflucht aufgefaßt.
Alle Lastersucht versinke,
Da die Sonne Schlankheit heischt.
Seht vor euch die Sonnenzinke,
Hört den Aar, der sie umkreischt!
Erde, bliebst du meerumschlossen,
Flög ein flockiges Geschlecht,
Leicht dem Wogenschaum entflossen,
Nie durch Erdenbrunst geschwächt,
Steil empor auf Sonnenwegen,
Als der Erde Danktribut,
Dem Planetenschwung entgegen,
Fast als freie Sonnenbrut!
Meer, o bliebst du allerorten!
Nein, die Wüste steigt empor!
Schrecknis, faß ich dich in Worten?
Tod und Sünde wie zuvor!
Jammer zeigt sich meinem Wittern.
Meer, so öffne dich, verschluck
Klippen, Riffe, die zersplittern:
Doch von unten kommt ein Druck –
Und ich ahne Satanalien!
Stimmen tuschelns hin und her.
Und nun hebt sich flach Australien
– Ungeheuer aus dem Meer.
Schnuppen seh ich erdwärts stürzen.
Schroff und schräg und kreuz und quer!
Schuppenpanzer zwängen, schürzen
Jetzt den Erdball ringsumher.
Hei! das ist ein Feuertaumel:
Wie das heiter prasselt, zischt,
Und das bunte Birngebaumel
Bald sich mit der Glut vermischt!
Flammen sprühn den Schnuppenregen
Feurig flimmernden Metalls
Erdenessen steil entgegen.
Schon im Wirbelkern des Balls
Lüstern sie, sich zu verschließen,
Einzufrieren in die Rast,
Formlos sich ins Sein zu gießen:
Und in wilder Werdehast
Türmen Felsen sich unendlich,
Wo ein Menschtum fußen wird;
Und sein Schmerz wird unabwendlich,
Wenn es Wüsten einst durchirrt!
Von der Erde bis zur Sonne
Ist in uns ein steiler Weg.
Und es wälzt sich die Kolonne
Tapfrer Völker schwer und träg
Immer weiter fort nach Westen:
Jedes Ziel bleibt unerreicht –
Auch der Überschwang der Besten
Wird durch Selbstsucht eingedeicht.
Freudenlaute schrill und lüstern
Pfauchen jetzt Titane aus:
Donnernd aus den weiten Nüstern
Schnauben sie ins Weltgebraus:
»Sich im Erdenschacht verkrallen,
Das ist der Titanen Lust,
Krampfhaft sich zusammenballen,
Bein um Arm und Steiß an Brust!«
Also dröhnt es durchs Gepruste:
»Bald gibts keinen Unterschied,
Aufruhr wird zur Felsenkruste,
Jedes ein geschlechtlich Glied.
Nur durch unsre dunkle Starre
Wird Genuß gezeugt, bewacht;
Uns erscheints, daß alles harre,
Ewig dauern Lust und Nacht.
Welches Glück, in sich zu finden,
Was sich scheinbar flieht und haßt:
Lust und Ruhe sind die Rinden
Um den Ball, als Last erfaßt;
Dauer kann ihn nur umdauben,
Wenn sein Glühn kein Gären trennt:
Plötzlich hörens auch die Tauben,
Daß sich Eins das All erkennt!«

 

        V erworren scheint mir, was ich eben hörte,
Doch in mein Wesen schwingt der alte Friede,
Es war, als ob mein Licht-Ich sich empörte,
Daß uns der Zug der Welt an schwere Ketten schmiede!

Doch gerne fühl ich jetzt die Macht der Erde,
Und die Genesung zuckt in jedem Gliede,
Erbauung sprüht aus junger Fluggebärde,
Ich will den Schein, daß ich den Leib besiege.

Sag, Erde, wann bekleidest du die Herde
Der freien Menschen und der Sonnentiere?
Ihr Feuerwesen glüht zum frommen Flammenherde,
Daß nimmer sich der Lebensspruch verliere.

Wir werden wiederum dem Festlande entstammen!
Sowie die Ruhe kommt, den Ball zu heilen,
So sprudelt Leben froh aus seinen Schrammen,
Daß Wunsch und Jubel ihm entgegeneilen!
Die hohe Sehnsucht fühle ich im Glücke,
In jungen Formen, Mensch an Mensch, verweilen;
Es scheint, daß uns die Erde schwer bedrücke,
Doch hält ein Sonnenwahn den Mensch umfangen,
Daß er dem Erdenglücke jäh entrücke.
Wir jauchzen wohl aus heiterm Sonnverlangen:
Doch spricht die Erde hier ein Wort der Teilung:
Die Sonnenbrunst bleibt an Geschlechtern hangen,
Und selbst am Ich, das sie, zur eignen Heilung,
In Menschenwert und Stammeshort gespalten.
Auch da beruht das Glück nur auf Verweilung,
Da Sitten unsre Ahnenart ergänzen;
Denn lassen wir den Glauben gerne walten,
Gilts Bürgentrumpf durch Bräuche zu ergänzen.
Wo Sitten bald zur Lebensform erkalten,
Dort ruht der Mensch in seinen heilgen Tänzen;
Halb Erdenkind, halb freier Sonnenkrieger,
Schnellt er sich fort, in seiner Schnelle Grenzen;
Dann scheint der Leib der Leiblichkeit Besieger,
Und unsre Seele weilt in sich versunken.
O Leib, du seeleninnger Sonnenflieger,
Nun wirble bald, am Eigenwesen trunken,
Auf Erden, glückerfüllt, wie freier Äther,
Wie starrer Fels, wie heitre Sternenfunken!
Wirkt fort, ihr Sonnensünder – Erdenkneter,
Besorgt die Formung einstger Lustempfinder,
Denn aus dem Wuste starrer Felsvertreter
Steigt einstens der Gebildeüberwinder!
Statt lüsterm Schlaf erfüllt er dann die Lüste
Eines Erzeugers eigner Sonnenkinder:
Ja, doppelt, denn er saugt die Glut der Brüste
Der Erd- und Sonnenflammen und empfindet
Die Lust der Starrsinnsruhe, die er überwinden müßte!
Doch da gar vieles Glück in ihm sich bindet,
Kann solches Doppelspiel sich nur erfüllen,
Wenn durch bewußtes Wollen jenes schwindet,
Das unsre Sonnenblicke kann verhüllen
Und das als Erdentrieb sich wahrt in Stunden,
Wenn Leiber sich in Brunst zusammenknüllen.
O Erde, endlich werde ich gesunden!
O Erde, Erde, Wille du zu meinem Leibe,
O Erde, trachte dich zum Ball zu runden,
Zur flachen berg- und tiefenlosen Scheibe.
Wohl sind die Erdentriebe sonnensündig,
Doch sehn ich mich nach sündhaftem Getriebe,
Auch werden Menschen durch die Flammen mündig
Die durch die Menschenliebe sonnwärts strahlen,
Denn unsre tiefste Lust ist weltenbündig,
Und gern ertrag ich alte Wüstenqualen,
Kann ich dafür das Sonnenziel erreichen!
Drum wälzt euch tief in Flammenbacchanalen
Der Glutverschluchtungen, ihr lavaweichen,
Bald festgestockten, frischen Leiblichkeiten:
Versucht es, euch in Ruhe einzudeichen!
Erstarrt, um neu den Lebensspalt zu weiten,
Den einst die Menschenseele überbrücke,
Wenn Völker wieder diesen Ball umschreiten!
Nun öffne dich, du große Weltenlücke,
O daß die Erde sonnenfeindlich würde!
Du Erde, weih uns sonnenfremdem Glücke,
Denn wollustträchtig ist die Leibesbürde,
Mit ihrem sonnenfernen Erdenhange:
Auch gibt der innre Abstand uns die Würde.
Die Seelenschroffheit zeigt sich schon am Gange,
Dem Merkmal seelenschlanker Sonnenkinder,
Mit ihrem stolzerfüllten Tatendrange!
Drum Flammen, engt euch ein und werdet minder,
Dann sollt ihr rasch im Felsenschlund verwehen:
Der Starrheit und der Freiheit Weltverbinder,
Der Mensch, der Wüstenherrscher, muß entstehen!
Ich liebe dich, du Trotz im Weltdämone,
Nicht lieb ich nur, ich kann dich auch verstehen:
Du bist in mir die Kraft zum Kampf und Hohne,
Du bist ein Räubertrieb voll jugendhafter
Vielseitigkeit im Tanz um stille Throne.
Du nährst den Bauch mit Klumpen sonnentraffter
Verwesungsjauche, und du pfauchst ein nasses
Gewalg, ins Sonnenantlitz, aus dem After,
Als Ausbruch deines großen Sonnenhasses!

 

Die Erde kreist im weltbestimmten Pilgerschritte,
Um täglich ihre lebenskräftgen Lenden
Dem Licht, zum heißen Leibeskusse, zuzuwenden:
Und schon entsprüht das Leben ihrer Flankenmitte.

Orkane, die ihr wild das Felsgewirr durchkeuchtet,
Ihr legt euch langsam jetzt zur Ruh in tiefen Schluchten,
Doch in der Höhe mögt ihr zwischen Wolken wuchten,
Dort hoch im Lied der Erde, das ihr Leid durchleuchtet!

Doch die Vulkane, die den Wolkenwust durchflittern,
Verschrumpfen auch zu stumpfen, ausgebrannten Augen.
Mag wohl die Erde nun zum alten Leben taugen,
Und alles Beben in der Sonnensaat verzittern?

Unendlich fühl ich mich zu dir hinabgezogen,
Doch Erde, gute Mutter, sei mir jung gepriesen:
Schon flackern die Gesichter bärtger Riesen
Aus Flammengarben, die von selbst zusammenwogen.

Es muß sich alles jetzt zu starken Bündeln einen
Und wird sein Dasein so als Einzelwesen retten,
Was sich getrennt benagte, mag sich fest verketten,
Und unsre alte Welt im Morgenglanz erscheinen!

Die Erde soll sich junge Lebensspürer gießen
Und Sonnenwesen stark im eignen Bann erhalten:
Die Sonne wird den Menschen grad und schlank gestalten,
Denn frei wird er im letzten Lebenstag ersprießen.

Schon blinkt die Mondessichel durch die roten Dämpfe,
Doch brach liegt noch das Bett erstarrter Lavafluten,
Zu Daseinsbrocken blocken sich erfrorne Gluten,
Wie starre Todes- und verstiegne Lebenskrämpfe.

Es ist, als wollten Beine, Rümpfe sich erheben:
Es mag kein Arm getrennt von seinem Leibe bleiben;
Ein Schlachtfeld ists, wo Stümpfe durcheinandertreiben,
Ertrumpftes hebt und drängt ein dumpfes Erderbeben.

Ein eignes Weltgeräusch durchzittert noch die Öde,
Durchs Echo ward der letzte Völkerschrei zersplittert:
Nun hörst du ihn, als Rhythmenschwall, der Leben wittert,
Zurückgeschleudert von Gebirgen, schroff und spröde!

Dem Erdbereiche ist kein einzger Laut entkommen!
Gebirge haben seitwärts sich für ihn erhoben.
Es donnerten die Wolken ihn zurück von oben,
Und unten wurde jeder sorgsam aufgenommen.

Jetzt können Töne sich als Stimmen gar zerstreuen.
Am Lavafelde wogen sie schon auf und nieder,
Und immer schriller geben sie die Spitzen wieder,
Als wollten sie bereits ein Weltidiom erneuen.

Ich seh kein Pferd und höre das Gestampf von Hufen,
Auch Menschen nicht, und doch vernehm ich ihre Stimmen,
Wenn alle Lebenstrümmer wieder zueinanderstimmen,
Dann werden Münder ihre Einzelsilben rufen.

Und Ohren müssen sie, zur Rettung, gleich empfangen.
Sich sprechend können Leiber steil zum Tag erbeben.
Und aller Länder Echo wird als Mundart sich beleben,
Soll jedes Volk doch urgeschiednen Klang erlangen.

 

        S chon krallen sich Leiber hervor aus den Schluchten!
In Brunst sind die beiden Geschlechter verbunden.
Sie halten sich krampfhaft beim Werden umwunden
Und müssen sich unbewußt, kletternd, befruchten.

Erst dann, wenn die Flammen am Erdball verglimmen,
Die Meere verflachen, mit Höhn sich bedachen,
Kann helles Gewahren im Menschen erwachen,
Ein schnelles Gebaren das Dasein bestimmen.

Nun klimmen rings Körper auf Zacken wie Zunder;
Doch hätte auf einmal der Ball sich beschwichtigt,
So würde die Lage im Schlage berichtigt,
Und jedes geschäh, wie dereinst, – durch ein Wunder!

Jetzt scheinen die Rassen hier Boden zu fassen.
Es zwängt diesen Trichter ein eignes Gemenge
Von allerlei Kliffen in buntem Gepränge;
Und Farbe und Ausdruck erwerben die Massen

Vom felsigen Grund, den sie senkrecht erstürmen!
Sie streben empor zum beleuchteten Grade
Und färben sich kletternd, auf kantigem Pfade,
Um, aufwärts vom Grade, die Glieder zu türmen.

Die Haut scheint durch innere Glut zu verblassen,
Drum seh ich auch deutlich das Leibergeranke:
Jetzt wälzt es und ringt es sein Sonnengedanke
Hervor aus dem Trichter, als wulstige Massen.

Der Haarwuchs bedünkt mich ein wuchtiger Schatten
Am Menschen, der schreitend die Sonne ersehne!
Drum fallen vom Haupte die nächtlichen Strähne
Zum Schlunde zurück, wie ein weiches Ermatten.

Pechschwarz sind die Haare von jeglicher Rasse.
Sie wallen zu Boden wie riesige Schleppen.
Die Rothäute schleifen sie längst über Steppen,
Denn diese erklommen zuerst die Terrasse.

Sie stiegen auf härtestem, altem Granite,
Der rötlich sie färbte, gewandt bis zum Lichte.
Schon folgen die kleineren, braunroten Wichte
Den Spuren der Starken im Nachbargebiete.

Wo scheint sich im Trichter ein Stamm zu verbohren!
Er möchte der Lichtkegel steilsten erklettern,
Doch müssen die meisten entgleisen, zerschmettern,
Die übrigen bleiben schwarzlockige Mohren.

Nun endlich erklimmen die hellsten die Spitzen,
Doch steigen sie weiter auf endlosen Lehnen.
Das Schicksal bestimmt sie zu ewgem Ersehnen,
Zum schweifenden Zweifel und kurzen Besitzen.

Die Gelben hingegen, am Rande der Spalte,
Bestreben sich, mutig die Flur zu erreichen:
Ich sehe sie tapfer Kamine durchschleichen,
Sie trotzen dem spröden und glatten Basalte.

Sie klettern gar rüstig. Sie harren am längsten
Und atmen den Schwefel vulkanischer Dämpfe.
So fördern die Völker bewußtlose Krämpfe
Und streben noch immer, gefeit vor Sturzängsten!

 

        D u Lebenskrampf, nun wirst du Klarheit wollen!
Das Sonnenmuß erscheint als Lust zu leben.
Das letzte Volk entklettert zäh den Stollen,
Und Vollbewußtsein kann sein Haupt erheben.
Die Massen, die dem Kraterschlund entstiegen,
Bedünkten mich verkrampft am Hang zu kleben,
Als Tausendhänder sich hervorzuschmiegen,
Verkrallt, verrunzelt, wo die Spalten klafften,
Noch starr die schroffen Schranken zu besiegen.
Nicht länger taugt das Aneinanderhaften.
Jetzt muß die Blindheit der Gefühle schwinden!
Die Menschheit löst sich aus den fabelhaften,
Fast schlangengleichen, starren Urgewinden
Nun langsam auf in krumme Einzelwesen;
Doch jedes trachtet wieder das zu finden,
Was eben noch mit ihm verschränkt gewesen.
So stehn die Menschen kaum, und dennoch kriechen
Die Leiber, ihrer Wunden erst genesen,
Sogleich zurück zum fiebersiechen,
Geschlechtsverschiednen andern Leibe
Und scheinen da den gleichen stets zu riechen.
Dann ists, als ob sie andre Sucht vertreibe:
Die Männer trachten sich emporzurecken,
Doch, stets verfolgt vom gleichen krummen Weibe,
Gelingt es schwer, den Sonninstinkt zu wecken,
Denn will der Mann sein Ich aus Brunst erheben,
So trachtet sich das Weib ihm nachzustrecken:
Und scheint dann eins beim Kletterkrampfe zu erbeben,
So liegen gleich auch andre mit in Krämpfen,
Um Drillingen im Nu das Sein zu geben.
Doch das Gebären kann die Wollust dämpfen!
Die Weiber wollen ihre Kinder nähren
Und lassen nun die Männer wütend kämpfen;
Der Feinde muß sich niemand noch erwehren,
Und dennoch würgt man sich nach alter Weise.
Ja, das Bewußtsein scheint erst einzukehren,
Wälzt sich der Erbtrieb längst im Urgeleise!
Der Schreck verfärbt die Haare mancher Streiter,
Und schon besitzt die Welt wie einstens Greise,
Doch leben diese hundert Jahre weiter.
Die Jugend werden Kinder bald ersetzen,
Und vollbehockt ist dann die Altersleiter.
Gestalten, die das stumpfe Sein entnetzen,
Entkrümmen sich dem Schlund als Wagnisfrage:
In Menschen sucht die Welt sich festzusetzen
Und schicksalt sie in vorgeahnte Tage,
In der Gestirne ihnen Dasein spenden,
Bis einst ermenscht ein Stern Bewußtheit trage.
Zum Weib seh ich den Mann sich aufrecht wenden.
Er findet wieder, was er einst verlassen.
Er labt das Weib mit seinen eignen Händen,
Und was ihm naht, das muß er geifernd hassen.
Drum scheint es mir, es wird nach etwas Weile,
Wie einst, sich alles ineinanderfassen:
Und sprießt, was jetzt entsteht, mit Sturmeseile,
Geschiehts, um alte Maße einzurenken.
Der Menschheit grundverschiedne Wesensteile
Sind da, sich als Bewußtsein zu verschränken.
So wird die Einheit stolz ihr Sein erfassen
Und ihren Lebensdurchlauf kurz bedenken;
Heil dir, Natur, wie kannst du Kraft verprassen!
Du reißt die Stütze deines Weltenbaues
Auf einmal ein, und du vertilgst die Rassen,
Die Fluren deines heitern Erdengaues:
Du stückst und türmst sie wiederum zusammen
Und kühlst von deines hohen Sonnenbaues
Unendlich steilem Throne alle Schrammen!
Wir wagens, dich in Gut und Schlecht zu teilen!
Doch selber wirst du nimmer dich verdammen.
Viel größer ist dein ewges Urverweilen,
Als Lebensstürme, die sich selbst verzehren
Und zweck- und ziellos durch das Chaos eilen!
Du kannst sie ewig jung in dir gebären:
Nun grüß ich sie in meiner eignen Gattung,
Denn eben läßt du diese sich vermehren!
Auf Erden gibt es nirgends mehr Ermattung.
Und was sich jäh in seine alte Form gegossen,
Das fordert des Geraubten Rückerstattung,
Und nichts Erworbnes ist mit ihm ersprossen!
Jetzt sind die Stumpfgewalten übermächtig,
Noch gibt es keine Kampf- und Ehgenossen:
Die Leiber bleiben kaum drei Monde trächtig,
Um Vierlingen das Erdensein zu schenken.
Selbst Greisinnen und Mädchen, jung und schmächtig,
Gewahr ich, wie sie plötzlich Kinder tränken:
Die vollen Brüste strömen üppig über,
Kein Maß kann diesen Überfluß beschränken.
Oft wird das Lichtbewußtsein wieder trüber,
Die Schnellgeburten rauben es den Vätern:
Doch gibt es gleich ein Licht- und Schattengegenüber,
Verkörperlicht in Sonn- und Erdvertretern!
Auch Länder fangen wieder an zu beben.
Da hörst du plötzlich die Bewohner zetern
Und Schreckensrufe schrill und laut erheben.
Doch so wird manches Angstempfinden rege,
Die alte Sprache uns zurückgegeben.
Die Menschen packen, auf den Wüstenwegen,
Die Echorufe auf von Felsenrändern,
Damit der ganze Stamm sie sorgsam hege,
Aus sich die Muttersprache nie zu ändern!
Die Völker ziehn dem Lebenslaut entgegen,
Ihn aufzugreifen, in verschiednen Ländern
Durchsprachung freizulegen!
Das Sprechen hilft die Stämme auszuprägen
Und selbst den Eigenstolz als Gott zu heben;
Wallt Sprache auf, so zwingt sie zu erwägen:
Ja, ausspruchlüstern seh ich Völker sprechen,
Als schrien sie, schmerzdurchzuckt von Peitschenschlägen!
Ja, so nur können sie die Starrheit brechen
Und Zwecke fühlen durch das Volksgehaben:
Errassung fängt nun an hervorzustechen!
Nun sieht ein Wanderstamm in einem Graben
Die Reste abgedorrter Fühlerhaken.
Sie zucken noch und trachten sich zu laben:
Sie blieben wohl vom gleichen Lebenskraken,
Der plötzlich aus dem Krater Fühler langte,
Die lange tief im Erdenschoße staken.
Doch was sich krampfhaft hier zum Wurm verrankte,
Das scheint fürwahr kein Knäul von Menschengliedern:
Und jedes Volk, dem gleich vor Fremdem bangte,
Beginnt nun diese Masse anzuwidern.
Die meisten werfen schon darauf mit Steinen,
Doch einge trachten, mit gesenkten Lidern,
Sich dort mit Weibesteilen zu vereinen.

 

        D ie Menschen kamen fast allein in steinge Lande,
Und dann erst wucherte die Lebensfülle nach:
Sie hungerten und dursteten im Glutensande,
Denn Sturm und Sonne lüfteten nun allgemach
Die Wolkendünste, die das Erdenrund bedeckten,
Und Feuerströme stürzten nieder auf das Land.
Die Wüstenlehnen, die sich hingestuft zerstreckten,
Entstanden kahl und brach im großen Sonnenbrand.
Der Himmel selbst verlor sich hinter Feuersbrünsten:
Nur abends zeigte sich ein Glastungskatarakt.
Dann ward es dunkel und der Erdendunst am dünnsten.
Und Gold umschwirrte Felsenzacken, gelb und nackt,
Die Menschen, die sich oft zu dritt, zu viert, verloren,
Vermochten nie allein oder getrennt zu ziehn.
Sie trafen plötzlich andre, die gar weit geboren,
Und dies hat ihnen breite Lebenskraft verliehn.
Sie blieben immer eingegruppt und eng verbunden.
Sie schleppten müd und traurig eine Kettenlast.
Sie sahn sie nicht. Doch niemals ist sie ganz geschwunden.
Sie hielt sie unzersprengbar fest und schwer umfaßt.
Dies waren unsrer Ahnen große Fesselqualen!
Doch Selbst- und Pflichtgefühl ist nur dadurch erwacht!
Sank einer hin, verwundet von den Sonnenstrahlen,
So ward vom andern ihm ein Labetrunk gebracht.
Die Schlangen, die fast unbemerkbar rasch entstanden,
Vergifteten die Menschen oft durch ihren Biß,
Die andern saugten gleich, wo sie ein Tröpfchen fanden,
Wodurch der Lebensdurst dem Tod ein Sein entriß.
Und stürzte irgendeiner jäh in eine Tiefe,
So warfen sich die andern alle blindlings nach.
Es war, als ob ein Wesensband durch alle liefe,
Das Schwindel zeugte, wo ein Glied zusammenbrach!
Verwandtes sehn wir heute noch bei unsern Ziegen,
Sie folgen rudelweise einem einzgen Bock,
Und spüren sie sein In-die-Schlucht-Hinunterfliegen,
So folgt dem einen Bock sogleich das ganze Schock!
Und kams: ein Mensch mußte im Wüstensande sterben,
So haben sich die andern doch nicht mehr von ihm getrennt,
Sie sollten angeschmiedet dort im Nu verderben,
Dies aber zeugte, was sich Freiheitssehnsucht nennt!
Doch eines Tages fanden sich gar viele Stämme
Auf einem Kap zusammen, das meereinwärts stach;
Nun wars, als ob es Leben überschwemme,
Wo machtlos sich das Meer an seinen Klippen brach.
Hier konnten sich die Menschenfesseln plötzlich lösen,
Denn alles zog sich allseits durcheinander an
Und warf den Samen zur Erkenntnis alles Bösen,
Das sich, als menschenfeindlich, je ein Mensch ersann!
Die Allgemeinheit konnte bloß das Sein befreien.
Durchs Pflichtgefühl gibt jedermann an sie zurück,
Was das Gemeinwohl schafft, wo Wollende gedeihen,
Und um den Heldenglauben wogt das Völkerglück.
Der Menschheit Sonnbewußtsein will, daß wir uns ändern:
Und jeder opfert gerne seinem Sonnenziel!
Der Glaubenszwang, die Strafen in verschiednen Ländern,
Sind Völkern, wie den Kindern, heitres Spiel.
Es muß sich solch Gebaren lange vorbereiten,
Bis später es der Mensch zur Sitte prägen kann,
Um Sonnenkinder stark am Sonnenweg zu leiten,
Auf dem ein Wahnbild selbst Bedeutung oft gewann!
Wir sehn das Vorbedachte sich in Formen wälzen,
Da nur das Tiefbedingte in Erscheinung tritt;
Und können große Sonnenbrände unsre Götzen schmelzen,
Genügt zum neuen Guß bereits ein Wageschritt!
Wir nennen weltharmonisch, was schon vorbereitet,
Urplötzlich faßbar, vor beschränkten Sinnen steht:
Oft sehn wir nicht, was schon bewußte Bahn beschreitet,
Weil Sonnenwollen dem Geschehn entgegenweht.
Nicht solche Lichtgedanken, aber Sonnentaten,
Ersann allein auf einer Klippe dort ein Mann,
Auf einem Riff, das andre Menschen nicht betraten,
Da jetzt die Flut ringsum die Oberhand gewann.
Er sah die jungen Menschen sich durch wilde Tänze
Der neuerworbnen Freiheit hier am Kap erfreun;
Es war, als ob sich alles ganz beim Fest ergänze,
Als suchte Leben volle Pollensaat zu streun.
Man wollte lang und frei am steilen Riff verweilen,
Und Jünglingsgruppen schleppten goldnes Korn herbei,
Und andre sah er froh zu brünstgen Spielen eilen,
Und unersättlich, rastlos wogte noch die Reih
Der nackten, jungen, lüstern tollenden Gestalten,
Und mächtig zogs den Einsamen zurück zum Spiel.
Er sah nun einen Mann das Weib im Arme halten,
Das ihm vor allen andern wunderbar gefiel!
Er wollte rasch durch jene Sturmesfluten schwimmen,
Dem Jüngling zu entreißen, was er fest umschlang,
Da hörte er auf einmal weiche, innre Stimmen,
Und leise horchte er dem eignen Seelensang.
Da ist ein ewges Weib in einer Mannesseele,
Die Sonnensitte, jäh, mit keuschem Blick, erwacht.
Ihr Auge flehte, laß, daß ich mein Lieb erwähle,
Und rasch hat sie ihr Schöpfer greifbar ausgedacht.
Er sah die Anmutsreiche sich im Tanze schmiegen,
Die Weiblichkeit der Menschheit, Weichheit der Natur,
Die Kriegerbrunst im Manne einst besiegen,
Und er empfand die Anmut keusch auf freier Flur! –

 

Die Sonne hatte viel aus ihrer eignen Kraft getrunken,
Nun sank sie übersatt und überrund herab.
Da stand der Mann, in seine Einzelheit versunken,
Gar tief durchwogt und stumm gefaßt auf schroffem Kap.
In seiner Ruhe blieben schnelle Rhythmen rege,
Die dort in brünstger Lust sich üppig ausgetobt:
Nach Sonnverscheiden wurden alle müd und träge,
Doch ward das Licht, in erster Andacht, noch gelobt!

 

Schon wogte Nacht: schon fühlten sich die schlaffen Glieder,
Als jenen Sonnbefreiten rasch die Sonne sank.
Und sonnberauscht und müde sank die Menge nieder
Und wußte, unbewußt, den Schöpferstrahlen Dank.
Doch kaum wars dunkel, kam das Übel angekrochen.
Man fühlte, daß die Freiheit mit der Sonne schied.
Die Nacht hat sanft ihr ernstes Machtwort ausgesprochen:
Die Sterne kündeten es funkelnd vom Zenit.
Und schon begann das Sonngefühl sich zu umnebeln:
Es zogen sich die Menschenknäule brünstig an.
Die Wucht des Leibes konnte bald die Stimme knebeln,
Die heut, beim Sonnenfest, ihr Sonnenlied begann.
Das Sonnenfest, das Sonnenglück war abgebrochen.
Man würgte sich und preßte sich in wilder Gier.
Kaum ward es dunkel, kam das Übel angekrochen:
Die ganze Menge schnaubte wie in Brunst ein Tier.
Erdrosselte vermengten sich bereits zu Haufen,
In einem lustdurchwühlten, engverkrampften Knäul,
Und man vernahm, vermischt mit ächzendem Verschnaufen,
Verschlungner Menschen lüstern stöhnendes Geheul.
Die Stärksten trachteten zum Strand zurückzuschleichen.
Sie sahn, mit Graun, den Leiberwust in fahlem Schein,
Und mitten drin erstickte Menschen, schlaffe Leichen,
Und, auf dem Fels, den einzig freien Mann, allein!
Da packte sie die Wut, und einge warfen Steine
Auf jenen Helden, der vereinzelt sich erhielt.
Dann schleuderten sie alle, blindlings im Vereine,
Doch nur die ersten Würfe waren wohlgezielt.
Dann sanken ihre Arme schwer und steif hernieder,
Sie langten wohl noch lange schlafbefallen aus,
Doch alle Kenntnis schwand, es senkten sich die Lider,
Und schlummernd überwand ihr Sein den ersten Graus.
Sie krochen unbewußt zurück zu jenem Haufen,
Der sie mit Ekel und mit dumpfem Graun erfüllt.
Es konnte keiner sich zu seinem Heil verlaufen,
Sie waren alle bald mit jenem Knäul verknüllt.
Der Mann auf seiner einsam-steilen Felsenklippe
Empfand die Kettenlast, die ihn hinüberzog,
Ihm wars, als ob er selber mit dem Felsen wippe,
Als ob nun alles um ihn her in Dunst zerflog.
Ein Sprung ins Meer wäre bestimmt sein Tod gewesen:
Der Gischt, der über Klippen jäh emporgebraust,
Erschien ihm jetzt ein Heer von wasserflüchtgen Wesen,
Verschränkt emporgeschnellt, verschlungen, wild zerkraust,
Der Schaum, der flach zurückglitt, die verstreuten Leichen,
Die jetzt die See in einem Wirbelgrab verschlang:
Er fühlte auch, er könnte nie das Land erreichen,
Und tief in Ohnmacht lag er viele Träume lang.
Doch als man Steine warf, da war das Werk gelungen!
Er richtete sich auf, als wär er selbst aus Gneis.
Die Kette, die ihn fest umschlang, war jäh zersprungen, –
Doch ward in kurzer Frist auch aus dem Mann ein Greis.
Als er die Menschen sah, die ihn aus Neid bewarfen,
Da sprach er nichts, doch seiner Seele wilde Glut
Verrunzelte sein Antlitz; und im schroffen, scharfen
Verkreuzten Furchenfeld erstarrte seine Wut.
Ein Ackertal, das kühn der Lebensgeist bepflügte,
War jetzt des freien Menschen kühles Angesicht,
Und was er selber über sich am Fels zerfügte,
Das machte er der ganzen Menschheit nun zur Pflicht!
Sein Fieberodem stockte rasch zu Wolkenmassen,
Voll Zornesdonnern beim befruchtenden Erguß,
Um mit den Flammen Blindbelebtes zu verprassen:
Und Mahnblicksfolgen blitzten durch der Seele Überfluß.
Die letzten Steine sah er jetzt am Riff zerprallen,
Da hat der Menschen Ohnmacht ihn in Wut gebracht:
In Sonnenkriege ließ er Völkerscharen wallen,
Und Machtgedanken flatterten bereits zur Schlacht.
Verbote, die sich Panthern gleich aufs Opfer stürzen,
Hat auf die Lauer er vor manches Ziel gelegt,
Gewitter, die zur Erntezeit die Lüfte würzen,
Erbrausten, haben Traum und Sonnenfest durchfegt.
Zerstören mochte er, was allzu rasch gelungen:
Zur Menschbefreiung aber wollte er den Zwang,
Der ihn vom Knäul getrennt, bis dessen Reif zersprungen,
Durch alle legen, als ein sonderndes Gerank.
Ein Baum ward so gepflanzt, ein Kunstwerk hold begonnen!
Wie Blütentau, der durch den Morgen schwebt,
Hielt nun ein leiser Duft den Hauch der Welt umsponnen.
Ein Sonngeschenk, in dem das Erdenglück erbebt:
Ein Kunstwerk ward gepflanzt. Der ganze Hain gewonnen,
In dem der Mensch sein Opfer gegen Himmel hebt.
Da mochte jeder sich in heiterm Glücke sonnen,
Ward doch durch alle auch sein Einzelzweck erstrebt!
Nun ebbte es, – und siedend flohen schon die Fluten,
Da wußte wohl der Mann, der Staaten ausgeträumt,
Es würde, wenn auch Sturm und Meer nicht bald gesondert ruhten,
Der Rückweg ihm trotz allem Saus geräumt.
Und da begann der Sturm den Samen fortzutragen,
Der aufgespeichert um die brünstge Rotte lag.
Er wurde westwärts in ein fernes Land verschlagen
Und überschwemmte es mit Korn am nächsten Tag.
Der Menschen Brunstgestöhne und ihr Angstgepruste
Entflatterte der Erde steil im Sturmesflug,
Die Stimme gabs der Möwe, die entstehen mußte,
Und kam zum fernen Strand, wohin der Vogel es vertrug.
Das Echo ward von jungen Möwen gleich erwidert.
Im Neste weckte sie der erste Mutterruf.
Bald hatten alle Lebensschreie sich befiedert,
Da schweres Dasein sich ein Lebensurlaub schuf!

 

        G anz plötzlich ward ein blondes Mädchen irgendwo geboren.
Sie reizte durch ihr Haar, und Knaben hatten sich verschworen,
Beim Balgen und beim Spiel ihr junges Leben zu gefährden.
Drum hätte sie es auch im Kinderkrieg gar bald verloren,
Wärs ihr ein einzges Mal mißglückt, der andern Herr zu werden,
Doch war sie stark und nahm es selbst mit rohen Knaben auf.
Die überlangen Haare schlang sie fest zu einem Knauf,
Denn sie belästigten sie oft beim Spiele und im Lauf:
Und wuchs und reifte sie auch rascher als die Streitgenossen,
Schien dennoch große Üppigkeit in ihren Leib gegossen.
Die bleichen Schenkel schwellten durchs Gelaufe und das Hetzen,
Wie Milch, die beim Erwärmen aus der Schale ausgeflossen.
Die Brüste sind mit seltner Kraft dem schlanken Leib entsprossen
Und wogten auf wie Wellen, die sich leicht mit Schaum benetzen:
Der Anmut Reiz schien sacht sich an den Hüften festzusetzen.
Doch kaum entquoll die erste Milch den vollen Brüsten,
So floh sie mit zwei Jünglingen, die sie im Walde küßten,
Als sie, erschöpft durch die Verfolgung, in das Moos gesunken:
Denn beide hatten von der Jungfrau Atemquell getrunken.
Nun flohn sie alle drei nach einem Ort in fernem Lande,
Dort jenseits, hinterm Wald, vielleicht an einem Weltenrande.
Bloß einer konnte ihrer Wollust nimmermehr genügen:
Sie wollte Lust zu Lust in holdem Wechselspiele fügen,
Sie trug verschiedne Rassen eingeprägt in ihren Zügen,
Und nur dem Krampf verschiedner Lust gelang es, sie zu sondern.
An ihren Kindern sah sie oft die Spuren beider Väter,
Ihr eignes Antlitz spiegelte sich meistens in den Blondern,
Und später schien der Wesensgang der Vaterschaft Verräter.
Doch damals waren Zwillinge gar oft so stirnverschieden,
Daß man nicht wußte, welchem Vater sie das Weib geboren!
Doch lebten alle lange, lange noch im Wald in Frieden,
Denn keinen hatte sich das Weib zu größrer Lust erkoren.
Sie zog mit ihren Männern, ihren Kindern immer weiter,
Durch Wälder, die in kurzer Frist mit stolzer Wucht entstanden;
Und immer blieb sie munter, blieben munter die Begleiter.
Nur Glück empfanden diese sorgenlosen Walddurchschreiter,
Bis alle, wie gebannt, vor einem Wunder sich befanden.
Ein Spiegel lag vor ihnen. Silbergrau und dennoch heiter.
Er löste sich, mit sanfter Anmut, aus den Uferbanden
Und wurde weit das breite Meer und wogte weiter, weiter.
Dann senkten sich die Abendgluten auf die müden Fluten,
Und über Klippen wars, als ob dort bleiche Flocken ruhten,
Ob Rieselwässer, sickernd, sich durch braune Klüfte drängten,
Da Honig oder blonde Harze sich mit Glut durchtränkten,
Bevor sie bernsteinschwer ihr Gold in grüne Tiefe senkten!
Erblaute Quallen waren matte Schatten grüner Wellen
Und tauchten auf, wie untre, festgestockte, salzge Quellen.
Die Möwen flogen hin und her, da sie die Vögel schreckten,
Die sie doch selber, als ihr Schattenspiegelbild, erweckten.
Das Weib, das an der Küste stand, umspielten grüne Schatten,
Denn dunkler Wald bekränzte noch die Klippen und die Watten:
Sie stieg auf einen Fels im allerletzten Sonnenschein
Und trat dem Wunder stolz entgegen, tapfer und allein!
Sie sah das dunkle Meer ihr rings entgegenbrausen,
Doch ihre Flanken konnten einen Rassenkeim behausen,
Der, kühn in ihr entsprossen und am Meeresstrand erzogen,
Als Volk sich heimisch fühlen würde auf den trotzgen Wogen!
Sie stellte ihre Macht, mit Würde, einem Meer entgegen:
Vermochte schwere innre Frühlingswolken aufzufegen,
Aus Wellenbrüsten Lenzesfolgen ewig oft zu spenden
Und dennoch holde Schöpferkräfte nimmer zu verschwenden!
So konnte ihrem Busen fette Lebensmilch entquellen,
Die Völker säugt, bis sie im Wald die höchsten Stämme fällen,
Und dann, in pechdurchtränkten, kornbeladnen, hohlen Bäumen,
Den Winden und den Wellenschäumen sich entgegenbäumen.
Auch eigne Träume wiegte sie hold-oft am Meeresstrande,
Und nimmer schied sie von dem weiten, wunderreichen Lande,
Wo all ihr Fühlen sich in bunter Bilderreih ergänzte
Und gleicher Rhythmus ihren Atem und die Flut begrenzte!
Oft glich ihr Sturmesodem einer überstürzten Welle
Im Meergebraus; der Seele stillem, sanglichem Gefälle
Entsprachen aber Tage wahrer, klarer Sonnenhelle,
Und viele Jahre später sang sie noch an trauter Stelle:
»Wie flüchtge Wünsche seh ich Wolken mit den Winden ziehen,
Sie gleichen Bräuten, die dem Liebeswunder sich ergeben
Und scheinen wohl in keuschester Jungfräulichkeit gediehen,
Drum müssen sie auch bleich im goldnen Morgenschmuck erbeben.
Doch sind sie alle nur vergängliche und grause Launen
Erfüllungsschwangerer, unendlich keuscher Sehnsuchtsmeere. –
Und blitzen Fragen auf, durchrollt sie donnernd das Erstaunen.
Entringt sich ihnen Wolkenwonne und urbrünstge Schwere,
So möchte meine Seelensee unendlich lang ihr Glück genießen:
Sie schenkt es nicht! Sie schlürft es ein, aus jedem blonden Strahle,
Dem Lande gleich, wenn sich die Glutenströme drauf ergießen,
Den Wonnedurst zu stillen aus der goldnen Tagesschale.
Die Erde trinkt doch stolz aus überstülptem Sonnenbecher,
Den sie des Morgens mit dem Lippenrande kaum benippte,
Den ganzen Tag. Und ist er leer, so wird ihr Durst nur langsam schwächer.
Doch schlief die Erde stets, sobald die Schale niederkippte!
Ich gleiche einer Welle, die sich sonnewonnetrunken,
In Abendwollust, zwischen Klippen, brünstig bettet,
Und die den Schaum, in sein Geflecht aus Gold, wie fast versunken,
Um Felsen spült, mit denen sie ihr Glück beinah verkettet!
Ich liebe Wellen, die sich zwischen Felsenklippen balgen,
Denn ich vermag es, so wie sie, die Liebe doppelt zu genießen,
Es wählen, quälen ja die Schaumeswellen brünstig zwischen Krustenalgen,
Wie weiche Arme, die sich sanft um rauhe Männer schließen.«
Und ihren Gatten sang das Weib noch schönre Wonnelieder.
Eins klang: »So legt euch neben mich im weichen Sande nieder,
Denn ungeduldig wogt der Busen, und mir glühn die Glieder,
Und keine Flut, kein Meer gibt mir die holde Kühle wieder,
Und einzig nur ein Kuß von euch vermag die Brunst zu kühlen:
Ihr, meine Männer, laßt mich eure kühlen Küsse fühlen,
So küßt und kühlt mich überall, die Glut hinwegzuspülen,
So küßt die Flechten mir, und in den euren laßt mich wühlen!
Wie traurig lieg ich nachts alleine zwischen weichen Pfühlen;
Ein grauses Träumen wallt empor aus scheuen Angstgefühlen,
Und nur aus Albgestalten, ach, aus bildertollen, schwülen,
Verhaucht der Traum, wenn Morgenlüfte unsre Schläfen kühlen.
Bin ich allein, verhängt sich lange Nacht mit schweren Dünsten.
Ich wälz mich auf dem Lager, bis die leeren Plätze dünsten,
Und lüstern spring ich auf, verzehrt von innern Feuersbrünsten:
Doch seid ihr da, sind Traum und Luft zugleich am freisten, dünnsten.
Und wacht ihr noch, seht ihr mich an, wenn ich in Schlaf verfalle,
So ists, als ob sich klar der Himmel immer höher balle;
Ich träume da, daß ich in stillem Sternenhain nach Hause walle,
Und alles blickt mich freundlich an in der geträumten Halle.«
Einst lag, nach langer Zeit, das blonde Weib im Traumesschlummer,
Als sie die Morgenwache längst schon hätte wecken müssen.
Doch alle waren zaghaft, selbst das laute Volk schien stummer,
Und keine Taten folgten den Verlegenheitsbeschlüssen,
Denn über allen lag ein ungewohnter, schwerer Kummer.
Doch da entschloß ein Sklave sich, dem sie als Weib gewogen,
Die blonde Herrin sanft aus ihrem tiefen Schlaf zu küssen.
»Welch starker Tau heut niederfällt, der Herbst kommt angezogen,«
Sprach da das Weib, »nun werden uns die Schwalben bald umschwärmen!«
Mit diesen Worten ist ihr letzter Traum hinweggeflogen,
Denn als sie aufstand, hörte sie um sich erstarktes Lärmen,
Ein Knäuel drängte aus dem Zelt der lauten Schar entgegen,
Um sie nicht allzusehr durch ihren Anblick abzuhärmen,
Denn mancher war des Nachts bei Überfall und Mord zugegen,
Und sah der Herrin Liebling mit blaublutigen Gedärmen!
Wer dachte nicht, man werde einen Toten niederlegen?
Doch statt der Bahre schleppte man den Mörder, der sich bäumte,
Vor die Gebieterin, die das Ereignis rasch durchschaute
Und sah, wie er aus Wut, geknebelt und gebunden, schäumte,
Daß Geifer plötzlich vorquoll, der sich hinter seinen Lippen staute.
Dann blickte sie um sich und ahnte, wie dem ganzen Volke graute.
Erst stand sie stumm, dann eilte sie in wildem Schmerz von dannen.
Ein Sklave folgte ihr mit raschem Schritt, auf einge Spannen.
Lang hetzten sie im Wald umher. Dann liefen sie zur Leiche
Und fanden sie in blutgen Pfützen, die bereits gerannen.
Sie wusch sie ab und stürzte dann auf ihre edle Bleiche.
Dies war der Jüngling, den sie einst zu sich herangezogen:
Er blieb so lange mädchenhaft in seiner holden Weise,
Nun lag er da, verrenkt, gekrümmt, wie ein zerbrochner Bogen,
Und schien ein Kind, ein totes Kind, aus einem stillen Teiche
Ans Land zurückgeschwemmt von unschuldsvollen, stummen Wogen!
Er war ein Kind und konnte nie zum starken Helden reifen,
Drum wars so hold, ihm all das schwere Rüstzeug abzustreifen!
Nun war es aus. Die Glieder schienen frostig anzugreifen
Und blieben in der Hand, um ihre Starrheit abzuwägen.
Die Herrin konnte nur zum letztenmal die Flechten pflegen
Und ihre warmen Arme um die kalten Schenkel legen,
Den aufgeschlitzten Bauch mit einem roten Tuch bedecken,
Die Tränen vor sich selbst und ihrem blassen Volk verstecken,
Um sich zur Rache und zu neuer Tat emporzurecken!
»Ich habe meine Pflicht erfüllt, ich hab mich nie verweigert
Und ohne Heuchelei der Männer Leibeskuß empfangen
Und nach Verdienst, nicht nach der Jugend, meine Lust gesteigert,
Denn meine Brunst war groß, wenn würdge Krieger mich umschlangen:
Und blieben Jäger lange ohne Weiber und Gefährten
Allein im Wald, bis sie mit schwerer Beute wiederkehrten,
So gab ich ihnen, was sie kühn von mir begehrten,
Und war beglückt und brunsterfüllt, wenn sie den reichen Samen
Mit freiem Lusterguß mir in das leere Becken warfen.
Und wenn die Männer munter mich in ihre Zelte nahmen,
Geleitete uns frohes Volk mit Fackeln und mit Harfen,
Und selbst den ersten Männern, die der Tod mit fortgenommen,
Ergab ich mich, erschienen sie mir nachts als Larven:
Es durften Sklaven, Kinder, Kindeskinder zu mir kommen,
Und meine ewgen Jugendreize konnten Stämmen frommen!«
So sprach das Weib, dann ward vor ihr und ihrem Volk gerichtet.
Der Mörder hatte stumm auf Wut und Mut verzichtet,
Und beim Verhöre ist er still und willensstark geblieben.
Hat irgendwer von seiner Lust und Grausamkeit berichtet,
So peinigte die Menge ihn sogleich mit Peitschenhieben.
Kein mitleidsvoller Blick, kein Trost hat ihn emporgerichtet:
Er fügte sich gefesselt in des Feindes Machtbelieben.
Doch plötzlich schien der Herrin Wut besänftigt und beschwichtet.
Doch nein, sie log, da ihre Blicke noch aus Haß zerstieben,
Es hat kein großes Lieben ihren Seelenkern gelichtet,
Sie rief: »Er ist ein Krieger, er hat groß im Kampf bestanden
Und einst des Feindes Übermacht in einer Schlacht vernichtet!«
Die Menge aber brüllte toll: »Kein Mensch in Feindeslanden
Hat je dich so gekränkt; zum Kämpfen war er nur verpflichtet,
Drum quetscht ihn ein und peinigt ihn mit seinen eignen Banden!«
Sie aber rief dazwischen: »So gedenkt doch seiner Sänge,
Erinnert euch der Lieder, die er einst für mich gedichtet,
Bedenkt, erwägt, er ist ein Sänger, und dann mildert eure Strenge!«
Nun aber tobte es noch ärger in der großen Menge.
Die Heisern heulten: »Sagt, was kümmern uns die süßen Klänge,
Wir möchten sehn, ob uns kein Minnelied für dich gelänge,
Wenn uns dein Arm, wie einstens ihn, in holder Brunst umschlänge!«
Nun hat im wilden Weibe eine Schlange sich verringelt,
Die Wut, die Eitelkeit, und manche Schlacke brünstger Triebe
Verschlangen sich zum Knäule, und ihr Haß hat draus gezüngelt.
Voll Wonne hörte sie die Rufe und die dichten Hiebe,
Und plötzlich kreischte sie, von ihrem ganzen Volk umzingelt:
»Vergeßt doch nicht, vielleicht seid ihr die Kinder seiner Liebe,
Ja, dort, ihr Peiniger, des trotzgen Mörders Söhne;
So laßt doch ab und hört erbarmungsvoll auf sein Gestöhne.
Gibts keine Einsicht, die euch mit dem Mann versöhne?«
Nun wars, als ob der ganze Wald vor Wutgeheul erdröhne.
Man hörte nichts. Doch schiens, daß man das Opfer laut verhöhne,
Und alle schlugen drauf, als ob ein Volk der Mordlust fröne!
Dazwischen aber wimmerten des Mörders Sterbetöne.
Schon war er fast entschlummert, und man hörte nimmer das Gepfauche,
Noch jene Stimme, die da rief: »Laßt ab, denn ich verpöne
Die grause Lust, da ich das Maß zum Staatenbauen brauche!
Laßt ab, daß ich mein Werk in letzter Stunde noch verschöne!
Bezähmt die Wut, damit ich tief in eure Seelen tauche,
Den Schmuck zu fischen, der euch einst in fernen Tagen kröne:
So faßt euch denn, und dann empfangt aus meiner Hand die Löhne!
Der hellen Sonne gleich, die nach dem wolkenüppgen Föhne
Das Wesen ihrer Macht in klare, goldne Strahlen kleidet
Und ruhig Sturm und See – und Dunst und Berge wonnig scheidet,
Die Feuerbrücken spannt, wo schon der Glanz das Naß zerschneidet,
Und Nebel trennt, wo bald ein Hirt die sanften Schafe weidet,
Vermöge es die Königin, im Volk die Wut zu schlichten,
Mit ihrem hellen Blick die ganze Massenwut zu sichten!
Und zwar mit Öl von Worten, die sich auf die Wogen legen,
Wenn Zorneswirbel durch die wilden Horden fegen,
Die Tollheit im erregten Volk allmählich zu beschwichten!
Auch durch Versprechungen die Friedenswünsche zu verdichten!«
Von eigner Brunst begann sie ihrem Volke zu berichten,
Um all der Aufgeregten Anwut auf sich selbst zu richten:
Und siehe, bald begann man auf das Martern zu verzichten.
Kaum hat die Herrin im Gewühl den Zornesprall gebändigt,
Mit Wort und Blick die Urnatur in ihrem Volk gemeistert,
So war schon kühn, mit einem dreisten Zug, ihr Werk beendigt:
Sie aber hat sich noch am Seelenschwung und Rausch begeistert.
Sie hat die Wollust ihrem Redeschwalle eingehändigt!
Die Fürstin rief: »Ich schlief mit jenem Kind in meinem Zelte,
Als eine Glut die Glieder beider zueinander schwellte.
Wir sahn das Blut, das Lust und Liebe durch die Leiber wellte,
Und als der warme Hauch der nahen Körper sich berührte,
Da wars, als ob ein Wesensschaum die holde Lust verspürte:
Ein Schauer überfiel uns, als sich Schwindel in uns rührte
Und wohl als Jubel sich aus Brust und Kehle sanft entschnürte:
Wir fühlten wonneschwere Leiber ineinanderfallen,
Die gute Lust von Glied zu Glied, von Aug zu Auge wallen!
Wir sahn uns an. Ich bebte. Konnte nichts von Liebe lallen:
Und hatte an den Gliedern, die ich wund schlug, mein Gefallen.
Er war so jung, ich wollte mich an seine Jugend krallen.
Ich küßte seinen Nacken und befühlte seine Lenden.
Die steifen Finger wühlten in den weichen Leibeswänden:
Was kann die Nacktheit eines Leibes doch an Prunk verschwenden!
Mit Purpurspangen schmückte ich sein Fleisch, mit meinen leeren Händen!
Und ich erstickte seine Küsse, wollte sie beenden,
Um nach Belieben seinen Körper hin und her zu wenden.
Doch war er gar so sanft und folgte jeder Sinnesregung.
Er sah mich an, so glückerfüllt und fast bereit zu sterben.
Ein schwüles Graun erfüllte mich bei jeder Armbewegung.
Ich schnürte seinen Hals und sah den Körper sich verfärben.
Ein Blick noch schien, wie um Erinnerung, zu werben,
Und lächelnd wollte er aus meinen Schlangenarmen scheiden,
Von ihrem Druck befreit, von Leid und Leib sich sanft entkleiden!
Da packte michs, ich müßte mich an seiner Sehnsucht weiden.
Ich ließ ihn los und hauchte nun auf seine blassen Lippen:
Wie war das herb, wie fühlte ich ein wonneschwüles Leiden!
Ich rieb und rieb und sah die Röte zwischen seinen Rippen,
Denn endlich kam das Blut und tilgte seine Schreckensbleiche:
Ich tötete ein Kind, zum Manne weckt ich nun die Leiche;
Als er erwachte, war Zerklüftung zwischen uns geschaffen,
Wohl half ich ihm, doch blieben wir für immerdar geschieden!
Wir trachteten uns stumm zu neuem Leben aufzuraffen,
Doch unsre scheuen Blicke hatten sich dabei gemieden.
Dann schlich ich aus dem Zelt, in dem der erste Mord geschehn,
Und er lief bald in einen Wald, mir aus dem Weg zu gehn.
Nach Jahren kam er heim, in einem selbstgefügten Boote,
Und unser Dorf umschlich er scheu, als ob ihm Strafe drohte.
Wohl nie empfand ich ihn als trüben Treter der Gebote,
Er konnte wiederkommen, doch sein Leben war gebrochen.
Er hatte nie zu einem Weib von süßer Lust gesprochen,
Was ihn umgab, das wollte er zerstören und entschleiern.
Er schuf den Pfeil, um seine Rache auf der Jagd zu feiern.
Es zog sein krummes Wesen zu den leichengiergen Geiern.
Aus Lust am Rauben hat er kühn ein schlankes Boot gezimmert,
Die letzte Liebe zu der Welt und allen ihren Dingen
Gab ihm die Sucht und Lust, in ihr Geheimnis einzudringen. –
Er haßte das Vorhandene, das freudetrunken schimmert:
Er wollte das Bestehende zu anderm Dasein zwingen.
Und hat das Holz geächzt, und seine Beute matt gewimmert,
So gab Geräusch ihm Lust, was er begann, ans Ziel zu bringen!
Drum ruf ich stolz, was ihr erschafft, ist immerdar geschlechtlich,
Was anders käme, wäre freudlos, frevelhaft-verächtlich.
Die Weiblichkeit ist rätselträchtig, unerforscht und mächtig,
Sie hält ein Stück des Weltgeheimnisses durch Scham verborgen,
Und drum empfangt ihr auch unwiderstehlich stark und rechtlich,
Aus ihren Armen nur, den jungen Tatendrang am Morgen!
Ihr fühlt euch einzeln, und ihr sucht euch allseits zu ergänzen.
Euch macht das Rätsel, das ihr brünstig sucht, im Weltall Sorgen,
Und das Bewußtsein habt ihr, weil Gefühle euch begrenzen.
Als Einzelwesen glaubt ihr kraus zerstückelt an Ergänzung
Der Sinnlichkeit, durchs ewge Eins, das still und unverständlich
Sich tief in allen birgt, weit jenseits allen Daseins Ichumkränzung:
Und Freuden schufen euch einst tätig, lustbelebt und endlich,
Drum scheinen euch die Lust und schließlich Welt und Weib verblendlich.
Vom Weibe abseits, sucht der Mann sein Etwas zu erfahren,
Und vom Genusse manches für die Stille zu bewahren.
Wer schwer des Weibes Huld empfängt, wird häufig schwül und bissig
Und wittert in der Welt umher und findet sie bald rissig.
Und der, dem ichs vergällt habe, hat Kräfte überschüssig,
Die eigne Welt sich aufzubaun: die Welt mit einem Henkel!
Die Welt, in der er Ordnung fand, weil alles eigenschlüssig:
Und zeugt er keine Kinder drin, schafft ihm sein Trachten Enkel!
Und statt im Schamteil sucht er dann, knapp unter ihm im Zwickel,
Ein Rätsel, das sich hohl erweist! Doch spreiz ich da die Schenkel,
Geschiehts, damit sich furchtbar stets mein Wonnespiel entwickel.
So bleibt das Weib der Rätselhort! Und könnt ihrs nicht genießen,
So laßt ihr euch die Wollustwelt aus Dreiecken ersprießen.
Seit jenen Tagen habe ich meist Jünglinge erkoren,
Da fühlt ich fast das warme Blut den jungen Leib durchfließen:
Hab Kinder ihnen, wie zuvor den Männern, froh geboren.
Des Jünglings Lächeln liebe ich, nach erster Nacht der Liebe,
Und nimmer hats ein Schreck in Kinderzüge eingefroren.
Ich spielte selbst damit und hoffte, daß es lang verbliebe,
Denn selbst am Tage geht solch zartes Lächeln nicht verloren:
Und alles tat ich, daß der Freudenschimmer nicht zerstiebe!
Doch jenes letzte Kind, das ich in holder Lust genossen,
Das traurig zu mir kam, als ob ihn grauses Schicksal triebe,
Hat jener dort erdrosselt, ach! – Hat mir so teures Blut vergossen!
Drum schlagt den Wüterich!! Sagt, weshalb zögern eure Hiebe?
Erfüllt die Pflicht und martert ihn und peitscht ihn unverdrossen!
Er ist ein Mörder, und ihr peinigt meine feigen Diebe.
Ja gerne! Selbst wo man bereut! Und jener bleibt verschlossen!«
Doch nun bemerkte bald das Weib ein eignes Volksgetriebe.
Die Freien und der Henker selbst, mit seinen Spießgenossen,
Vereinten sich zu einem Volk, das seiner Herrin trotzte.
Man drohte dreist und hielt die Mächtige umschlossen
Und sah, wie sie, erschreckt, auf ihre Sprossen wütend glotzte.
Im Augenblicke hatte sich ihr schlichtes Haar geringelt.
Ein Schlangenhaupt erschien dem Volk, das fast mit Frechheit protzte.
Und rasch zerstob der Mob, der dreist das Weib mit Wut umzingelt.
Dann rief sie laut: »Nur ich hab jenem Manne Lust gegeben!«
Und Hast der zügellosen Wut hat nun aus kaltem Wort gezüngelt:
»Mein Haß vermochte hohe, kühne Taten zu beleben,
Drum bleib ich stolz, und ihr müßt feig und scheu erbeben!
Nun rasch zur Pflicht, jetzt peitscht ihn weiter, und gehorcht aufs Wort,
Entreißt ihm mit Gewalt die letzten Worte vor dem Mord.
Doch nein, sein Todesröcheln, horcht, entgurgelt ihm soeben,
Nun rasch die Axt zur Hand und murkst ihn ab, – ich blicke fort!«
Da senkten Ernst und Trauer sich auf die Gemüter nieder:
Aus Menschenseelen, wie aus Felsenklüften, schien das Schweigen
Als erste Abendahnung schwer und mählich aufzusteigen.
Millionenflügel eines Windes schwirrten hin und wieder.
Die schwülen Hauche senkten müd ihr schlaffes Luftgefieder.
Sie irrten durch den Hain und schliefen ein, auf üppgen Zweigen,
Und alle Äste schienen sich, von Luft beschwert, zu neigen.
Des Himmels letzte Wolke schwebte nun herab zum Meere.
Sie schien von einer Insel sanft zu sich herabgezogen.
Sie senkte sich wohl selbst, durch ihre eigne Wollustschwere,
Und kam, als brünstger Schwan, aufs üppge Eiland zugeflogen.
Auch senkten, fern verflüchtigt, sich zwei Wolken talwärts nieder,
Als wollten sie ihr Liebestun in dunkler Schlucht verbergen.
Und zum Genusse streckten sie die zarten Schaumesglieder
Durchgoldet aus, als ob sie überall ein Fiebern bärgen.
Die eine hielt die andre fest, in lüsterner Umarmung,
Und ihr Geheimnis wallte auf, bis zu den stummen Bergen.
Und durch die Welt zog nun ein Rausch unendlicher Erbarmung.
Da trat die Königin hervor und sprach zum stummen Volke:
»Nun drohn uns Tod und Neid und Streit und seelische Verarmung!
Der Menschen Frevel liegt auf diesem Strand wie eine Wolke.
Verlaßt das Land, es scheint von einem Alb belastet.
Verscharrt mich hier im Wald und nehmt mich mit in euren Träumen:
Und träumt von mir und fremden Bäumen, wenn ihr ferne rastet:
Was ihr von mir erfaßt, als Sage laßt es schäumen!
Verlaßt den Strand, auf flotten Booten, hoch und steil bemastet,
Zieht, Träumen gleich, auf Schäumen hin, wo Schäume Länder säumen.
Kreuzt selten eine Bucht, wählt, wo ihr übernachtet,
Und zieht der Sonne nach, wenn euer Sinn nach Zielen trachtet.
Ich selber wähl den Tod und will zur Greisin nicht erfrieren:
Mein goldnes Haar darf seine edle Farbe nie verlieren!
Ich bin ein Fels, den Abendstrahlen matt mit Glut verzieren:
Ich bin ein Sagenberg, mit Gold erfüllt und goldumflossen:
Lebt wohl, ich hab genug von holder Sonnenlust genossen!
So legen eigne Kinder mich, als Greise, bald zu Grabe
Und hüllen mich in blonde Flechten ein, die mich umwallen;
Dann ruh ich tief gebettet in der schönsten goldnen Habe:
Denn Gold, nur Gold, wird allseits auf die Glieder niederfallen.
Doch sollt ihr stets in fernen Herbsten die Mysterien feiern
Und an die Mutter denken, die nach hohem Erdenwallen
Sich selbst zurück zur Erde sehnte, um in goldnen Flechten
Ertieft zu ruhn, – wenn Sänger einst ihr Sagenbild entschleiern!
Ich selber habe aufgehört zu knechten und zu rechten!
Zieht froh umher und singt berauscht, mit laubbekränzten Leiern,
Den Hymnus eurer Mutter Erde, der die Saat entsprossen,
Und heut zum letztenmal, nachdem ihr meinen Sarg bereits verscharrtet,
Besingt die Erde, der ein reicher Erntestrom entflossen,
Und die voll Dunst die neue Samenglut erwartet.
Belauscht die Sprache, die im Lispelton die Blätter sprechen,
Wenn sie geräuschlos fast von ihren dürren Zweigen fallen.
Belauscht euch selbst, wenn Schamgefühle aus der Liebe brechen
Und ein Geheimniszauber anfängt in euch aufzuwallen.
Dies ist die Erde. Fürchtet nichts, die gute Muttererde!
Dies ist der Tod, die Stille und die sehnsuchtsreiche Liebe!
Sie schlummern, tief verborgen vor begehrlicher Gebärde,
Im Alltag unerkannt, verdrängt von lautem Sonngetriebe:
Doch bricht die Erdmacht vor, so zieht es euch zurück ins Dunkel!
Was ihr nur selten fühlt, wird zum Geheimnis euch, das Lieben!
Was euch dem Licht entzieht, ja eures Wesens Lustgefunkel,
Das Sterben ist euch feindlich und verhängnisdumpf geblieben:
So bleibt denn unbelauscht, wenn euch die Liebe schwer durchglutet!
Was ihr in seltnem Liebesglück euch gebt, verschließt es innig,
Versenkt euch in den Seelengrotten, die ihr kaum vermutet,
Und schlummert treu, seid ihr aus reiner Sehnsucht minnig!
Und wer für Liebe und für Liebesschmerz wie ich verblutet,
Der tut es für ein Rätsel, das voll Schwermut ist und sinnig!
Die Leiblichkeit des Weltgeheimnisses sind Zucht und Sitte:
Durch Taten zwingt die Erde uns, es dauernd einzukleiden:
Denn ihre Macht hält zwischen den Bestrebungen die Mitte
Und bleibt sich gleich und zwingt uns stets zum Unterscheiden.
Darum erwägen wir mit Stolz die eignen Lebensschritte,
Beschließen wir nach freier Art Verworfnes zu vermeiden,
Will sich in uns das herrlichste Geheimnis doch behaupten!
Drum auf! Zu den Mysterien! Zieht im Herbst mit glutumlaubten,
Verwelkten Zweigen zu den heilgen Grotten der Propheten
Und windet euch, im Chore, durch die langen sonnbestaubten,
Geweihten Haine, zu den Priesterinnen vor, die beten!
Dort weilen Weiber, die noch nie vom Liebeshauch getrunken
Und keines Mannes Schöpferrausch im eignen Sein empfunden!
Sie bleiben sanft in heilger Erdenandacht tief versunken
Und halten sich mit ihrem eignen Rätsel traut verbunden.
In Dampf gehüllt wird aller Weiber Sonnen-Ich gebändigt:
Und manche kann dabei, betäubt, Empfundnes dumpf bekunden,
Wovon die innre Erdbestimmtheit sie im Traum verständigt.
Doch wird der Erdenrätsel urgewaltge Vollerfüllung
Durch euer keusches Tun und Lieben weit in Zeit beendigt,
Und dem, was sich erfordert, gebt ihr stündlich die Umhüllung!
Du erderwünschtes Zögern, edle Sprödigkeit des Weibes,
Du wahrst und förderst das Geheimnis unsrer Seele,
Dem Sinn entrückt, zuckt Mutterfreude in der Frucht des Leibes:
Ihr nahzutreten, fühlst du fast als Schmach und Fehle,
Denn heilig ist die Scham, und sie ermenschlicht Zuchtbefehle!«
Als nun der Abend seine Purpurdecken niedersenkte,
Und dann der Tag, mit blutgem Schatten, wie zum Abschied, schwenkte,
Da ließ die Herrin einen großen Löwen vor sich führen,
Den ihr, vor Tagen erst, ein mächtger Nachbarkönig schenkte.
Sie ließ des Tieres Leib mit Stricken knapp umschnüren:
Und sieben Männern nur gelangs, den Auftrag auszuführen.
Dann sprach das Weib: »Jetzt will ich meine letzte Lust verspüren!
Ich mag aus freier Wahl den kühnsten Sühnetod erküren:
Nun bindet mich auf dieses Tieres holdgeschmeidgen Rücken,
Sein goldner Leib wird meine weiche Nacktheit noch beglücken:
Dann sprengt die Löwenfessel, laßt uns Klüfte überbrücken,
Und seine Wildheit wird uns euren Blicken rasch entrücken!
Stecht ihm zuerst, mit einem Schwert, in seine fleischgen Lenden,
Der Katze Wut zu steigern und die Todesqual zu kürzen:
Dann werden wir zusammen bald in einer Kluft verenden,
Denn schmerzzerfleischt soll dieses Goldtier jäh von einem Felsen stürzen.
Ich bin ein Sturm und will die letzte Wucht und Wut verschwenden!
Seht dort die Wolken, die um spitze Felsenkegel fegen,
Wo Winde ihre Horste baun, sich drin zur Rast zu legen.
Soll da ein Sturmbraus keine Lust an seinem Ende haben?
Wohl doch! Seht, ich berausch mich an den letzten Flügelschlägen!
Wo ihr mich finden werdet, sollt ihr mich sogleich begraben,
Damit ich mich in meine Ewigkeit hinüberdehne:
Im Goldhaar ich, die Rachekatze aber mit der Mähne.
Nun hört auch, welches Wesen ich in diesem Tiere wähne:
Erschaut das giftige Gefunkel seiner Stachelblicke,
Oft scheint sein Fieberauge eine haßdurchblitzte Träne,
Der Seelengroll entquoll, und nun durchzuckt es grüne Tücke!
Ein Unheilstern der Menschheit sträubte diese Sonnenmähne:
Drum ruh ich bald auf meines Feindes wuchtigem Genicke
Und menge wollustvoll die beiden Flammendiademe
Und stemm mich auf und krall mich fest, im letzten Schreckensglücke,
Und warte, daß der Tod uns grauenvoll entgegengähne!
O Menschen, als ihr einst den Wald durchwandelnd einwärts drängtet,
Da ließ die Wildnis euch am Wege süße Beeren finden.
Als ihr euch haufenweise durchs Gestrüppe vorwärts zwängtet
Und hohe Bäume furchtlos fälltet, um euch durchzuwinden,
Da fandet ihr die Stacheln neben saftgeschwellten Beeren!
Und als ihr boshaft eure Schritte durch den Urwald lenktet,
Da mußte der, zum Schutz, die Schlangenbrut gebären;
Und als ihr Wälder dann, aus argem Trutz, versengtet,
Da sollten giftge Flammen euren Weg im Wald durchqueren:
Sie huschten nachts aus Tümpeln, wo ihr euch des Tages tränktet,
Wie Feuerfrösche, schnell hervor, den Marsch euch zu erschweren!
Ihr fiebertet bereits, als ihr am Wege abseits schwenktet,
Dem Tod entgegen taumelnd, hinter falschen Flammenheeren.
Und wo ihr eure Glieder nicht aus Schmerzensqual verrenktet
(Denn Fieber kamen, eure Dörfer plötzlich zu verheeren),
Ertrankt ihr oft, wo ihr das Wollen in den Wald versenktet,
Im Schlamme, der sich aufgehäuft vor eurem Sonnbegehren!
Und weiter zogt ihr, ob ihr euch auch martertet und kränktet,
Bis euch die Wildheit selbst entgegensprang, um sich zu wehren:
Der Wildnis Wucht und Wut in einem Katzensatze zu entleeren!
Ihr Menschen, das Mysterium müßt ihr aus dem Walde locken!
Es rankt sich, Efeuschlangen gleich, empor an stolzen Stämmen.
Es krampft sich einwärts in die letzten, splitterspröden Brocken;
Es wühlt sich aus der Fäulnis vor, ersproßt in bunten Schwämmen!
Es scheint, der Viper gleich, in welkem Laub und Busch zu hocken
Und trachtet überall sein giftges Sein hervorzuklemmen.
Und muß der Bäume Saft in frischen Stümpfen plötzlich stocken,
So seht ihr Pilze bald die Waldeslichtung überschwemmen!
Doch zieht es an, das schreckliche Geheimnis wilder Wälder!
Erkennt im Wald des Schädlichen und Bösen giftge Keime:
Erfaßt und hegt in euch die ersten kindlichen Vermelder
Von innren Reuelauten. Jedes Mißtons Echoreime
Gibt euch die Seele ganz empfindungsklar von innen wieder:
Oft sind es Laute nur, oft unbezwingbar wilde Lieder!
Ein Sang, ein Lebenshauch durchrauschte sanft mein Lebenswallen
Und ward ein Wind und wehte scharf um manche Lebenswende,
Doch endlich schlief er ein in meiner Seele Waldeshallen:
Doch diesmal ists ein Sturm, sein Echo werfen alle Wände
Gar tief in mich zurück; die Stimmen können nicht zerprallen
Und ruf en laut in mir nach einem kühnen Sühnungsende:
Drum kommt! Ihr müßt mich rasch auf dieses Löwen Rücken schnallen!«
Gar hurtig regten sich der jungen Sklaven blutge Hände,
Die nun den Löwen knebelten. Und Blut, vermischt mit Geifer,
Entträufelte den Lefzen dieser Katze, die behende
Sich ihrer Peingerschar erwehrte, die mit wildem Eifer
Nun ihre Herrin auf des Löwen Rücken band und schnürte.
Und noch bevor das Weib die Ohnmacht seiner Glieder spürte,
Da es, die Katze wild umhalsend, seine Arme rührte,
Entsprang das schöne Tier, das seine Königin entführte.

 

        W ieder kam die Welt ins Schwanken!
Berge stürzten wandernd ein:
Und das Bersten seiner Schranken
Nahm der Mensch in Augenschein!
Auf den Inseln, die versanken,
Konnten Völker schon gedeihn:
Doch als Mensch und Tier ertranken,
Wurden sie noch handgemein,
Denn, dem Tode sich entraffen,
Galt allein und hetzte jetzt!
Gar kein Wesen konnt erschlaffen:
Angst hat rasch die Kraft ersetzt.
Magre Hälse der Giraffen
Würgten Schlangen, flutbenetzt,
Und den wildbehenden Affen
Haben Menschen nachgehetzt.
Weg von seinen eignen Jungen
Flog nun selbst der Pelikan.
Haß- und angst- und krampfverschlungen
Fletschten sich die Bestien an.
Alle hat der Tod bezwungen,
Wo die große Flut begann:
Lauernd war sie aufgesprungen,
Plätschernd schlich sie sich heran!
Ärger war es, wo sie zagend
Vorgedrängt, von fern genaht:
Als wo Berge, himmelragend,
Niedersausten auf die Saat
Junger Wesen, die fast fragend
Aufgeblickt zum Felsengrat,
Der, sie alle rasch erschlagend,
Jeden Sonnenkeim zertrat!
Schrecklich sahn sich Menschenfratzen
Dumpf vergurgeln in der Flut:
Engverkrallt mit wilden Katzen
Sträubte mancher sich mit Mut.
Andre, aufgebläht zum Platzen,
Bargen lang noch Lebensglut:
Und das Wasser schien zu schmatzen,
Ganz durchschwelgt von Aas und Blut!
Bild- und haltlos war die Eule
Schon als erster Vogel schlapp;
Schlangen reckten sich als Säule
Hoch empor auf letztem Kap.
Andre stürzten dumpf als Knäule
Oft mit Tigern jäh herab,
Und es schien, daß im Geheule
Alles hörbar Atem schnapp!
Wie ein grauses Angstgequake
Halbverreckter Krötenbrut
Scholls aus der Kadaverlake,
Und noch immer schwoll die Flut.
Gurgelnd trug die Aaskloake
Der Ersoffnen Erdtribut,
Als ein gelber Wasserkrake,
Dumpf in sich hinab, voll Wut!
Riesenschlangen, Büffeltruppen,
Barsten rings, in sich verkrampft.
Gräßlich waren auch die Gruppen,
Wo die Lurche, hufzerstampft,
Auf den letzten Lebenskuppen
Ziegenherden, starr und sanft,
Würgten: und dort haben Suppen
Schwüler Fäulnis aufgedampft.
Und es war beim Knäulverzucken
Leiberbrei hineingeklemmt;
Zwischen Bären eingestemmt,
Sah man Leichen drinnen hucken.
Und die Flut hat beim Verschlucken
Geil mit Mensch und Vieh geschlemmt:
Doch sie hat beim Leichenspucken
Bäuche nur zurückgeschwemmt.

 

        I n einem Land, das von der Flut fast unberührt geblieben,
Begann der Boden sich auf einmal bebend zu verschieben.
Das Meer hat hohe Wasserhosen an den Strand getrieben,
Die bald beim Sturm zu Brandungsschaum und Wirbelgischt zerstieben!
Da drang der Druck der großen Flut herbei mit blauem Blitzen:
Ein Sturmrausch wars, ein Sausebraus, beschwert mit Hagelschauer,
Als wollte sich sein Nebelrumpf zerreißen und zerfitzen.
So stürzte er am Weltenmeer, auf wilder Dauerlauer,
Als Riesenwirbel hin und her und wurde immer dichter
Und riß im Saus ein Felsenriff hinab in seinen Trichter.
Da wälzte sich in einem Ruck ein Sturmstumpf mit Gebrülle
Vom Trubelkessel wuchtend los und trug, in schwarzen Hüllen,
Gar furchtbare Gewitterlust und schlug die Mutterfülle,
Als junge Stürme, keuchend weg; da stürzten die, wie Füllen,
Dem Braus mit Windgewieher nach: und alles tanzte, tollte
Mit Wirbellust in sich zurück, als ob es sich verschlingen wollte.
Und Dünste schlürfend wuchs der Sturm noch immermehr, am Ozean,
Und raste dann mit einemmal dahin als fahndender Orkan.
Vielleicht zog ihn das Abendland urplötzlich mächtig an:
Er wallte, wogte hin zum Land, bis er den schwanken Strand gewann!
Und Schaum und Gischt und Flut und Nacht erklommen Riesenhänge.
Der Mittag war in Sturm gehüllt. Die See entsprang den Ufern.
Weiß übergischtet war der Fels in steiler Meilenlänge.
Das Meer hat stürmisch aufgejauchzt, als wärs von tausend Rufern:
Und Schlamm und Dunkel mischten sich zu wirbelndem Gedränge.
Die Schlacken zuckten blitzend auf, wie unter Sonnenhufern:
Da wars, als ob ein Rhythmentanz die Wildheit fast verschlänge,
Als trüge Flut, beim Lebenssturm, als Mähne Gischtbehänge.
Und wieder donnerte am Meer ein andres Ungeheuer,
Noch manche dunkle Ungeburt, aus dunstbezwungnem Feuer,
Zerschlug verblitzend, dort am Strand: und klarere Orkane
Entschlangen sich dem Wirbelherd und landeten am Strande.
Es war, als ob ein Walten sich auf einmal wieder ahne:
Denn peitschten Winde Kämme auf, dort hart am Strandesrande,
So waren sie im Trab davon, als ob sich eine Karawane
Da stracks, am starren Lavahang, den Weg ins Dasein bahne!
Der Strand erklang, da Sturmeshast das Land im Tanz durchfegte,
Gedankenstracks dem Trubel sich der Hang entgegenregte.
Ein Armeacker, Beingerank, das Gott von Rümpfen sägte,
Rang lavastarr nach Daseinsschnitt und schwankte, ob es wägte,
Nach welcher Art, am freiesten, den neuen Leib zu fügen!
Das Erderbeben schnellte nun, aus tiefen Wirbelzügen,
Die erdenbrache Kreiskraft auf, der Lebenshast entgegen,
Und langsam schien ein Massenkrampf sich leibhaft zu bewegen.

 

Und Sturm und Wogen klommen jäh empor auf Lavahängen!
Und Lustsuchtwucht und Ursprungsqual erstürmten starre Riffe.
Die Blitze mußten Dunst und Nacht mit einemmal zersprengen:
Ganz atemlos kam ein Orkan, als ob er seinwärts griffe,
Auf Wellenschimmeln gleich daher. Und alles drang nach oben.
Und immer wuchtiger erscholl das hohe Brandungstoben.
Und stöhnend, schnaubend, schlug die Flut nun aufwärts über Klippen.
Und ächzend, wiehernd brach der Wind sich rings an scharfen Kanten.
Und dröhnend, knarrend fügte sich der Fels zu Knochenrippen:
Ja, pfauchend raste der Orkan, der plötzlich leibhaft rannte,
Dahin, am schwanken Lavafeld. Schon ward er eine Herde!
Und gruppenweise stürzten sich ins Dasein wilde Pferde.
Und Schimmeltruppen schlugen toll den Blitz aus Lavakanten.
Und Rappen trabten, wo das Land im Augenblick erstarrte,
Da Schwankheit und Verzogensein sich rasch in schlanke Leiber wandten.
Der Erdfels starrte, den, im Nu, der Rossetroß durchscharrte.
Und auch der wilde Wind verschwand. Der Sturm war abgebrochen!
Sein Rhythmus nur ward fortgeschnellt, als Herz- und Lungenpochen.
Der Dunst umschwoll das Felsgestell aus festgefügten Knochen.
Und immer kam noch, fern am Meer, die Lavaflut gekrochen.
Die Wogen bäumten sich empor. Fast waren sie schon Rosse!
Es schien, als ob, beim Brandungssatz, der See ein Sein entsprosse!
Und Pferdphantome, gischtbemähnt, entsausten schon den Wellen.
Festleiblich ward ihr Luftgebild. Zum Hufe ward die Flosse.
Die Nüstern witterten voraus. Und eilig wie Gazellen,
Sah sich der ganze Rossetroß, im Hasch, ins Leben schnellen.
Sie streckten ihre Hälse vor, wie einstmals die Giraffen:
Doch waren sie zu bärenplump und stürzten ihren Formen nach:
Beim Rasen ihre Leiblichkeit zu greifen, zu erraffen,
Wobei sich manches Roß sogleich die sprödgefügten Glieder brach.
Von Schimmeln wimmelte das Feld. Den Stuten und den Hengsten
Lief wiehernd manches Füllen nach und rief sie schon mit Ängsten,
Als fühlte es, beim Sturmgebraus, nicht rasch genug im Lauf zu sein.
Die Hengste sprengten mittendurch. Sie hielten sich am längsten.
Sie strengten sich zerwiehernd an, sie stürzten über Roß und Stein
Und drängten sich behende vor, und wo der Knäul am engsten,
Da warfen sie sich brunsterfüllt auf hurtge Mutterstuten
Und mußten meistens, hufzerstampft, am Boden dann verbluten.
Es konnten Rosse nun, im Trab, das Kap rasch überfluten.
Ihr Blick war voller Kampfbegier. Sie lugten immer weiter,
Doch blitzten aus dem Seelenschlund fast menschlich gute Fluten
Und überglühten fast die Wut, oft perlensanft und heiter.
Denn Rätsel würgten sich empor, die tief verborgen ruhten,
Und plötzlich wieherte ein Roß, als rief es seinen Reiter.
Doch ganze Herden rasten vor. Sie wollten sich bloß sputen.
Die Funken blitzten hell empor. Dies ward ein Jagdgewitter:
Denn abgestaut schien selbst der Wind, durch sonniges Gezitter,
Und Schweif und Mähnen sprühten jetzt, von Schweiß benetzt wie Flitter.
So floß denn holdes Sonnengold aufs stolze, hohe Kap herab.
Und kataraktrasch sprang die Flut jäh aufwärts über Klippen.
Der Lavastrand hat ausgebebt und dröhnte unterm Rossetrab,
Denn der hat jetzt den Gau belebt und trug in sich das Wippen.
Da schlug die innre Hast den Trupp bis hin zum Abendrande.
Und vorgewälzt und rings umdrängt, entschloß der Troß der Rosse
Sich rasch zum kühnen Todessatz und sprang am andern Strande
Ins schwanke, kalte Naß hinab. Wie wuchtige Geschosse
Entstürzte nun, mit toller Wut, dem Strand die Pferdeherde:
Und wieder gab dem Wogenmeer, was sie empfing, die Erde!
Und Tausend über Tausende von Rossen wankten nieder
Und brachen sich beim Sprung im Saus die kaum verkrallten Glieder.
Und immer größer war der Schub: je mehr im Meer ertranken,
Um desto mehr erkrampften sich ihr Sein am andern Strande.
Sie klommen durch den Wogenprall, entsprangen Brandungspranken:
Und wild umkraust von Mähnengischt sah man sie einwärts dampfen,
Und mit den Hufen, blitzhaft rasch, das Lavaland zerstampfen.
Im Nu belegte Stutenbrut, verfolgt von jungen Füllen,
Durchschwamm nun eine Ruhebucht, um da aufs Land zu springen:
So sollte sich die Ursprungswucht, durch Zufallslust, erfüllen,
Und unsrer Wiehertiere Wurf als Wirklichkeit gelingen.
Und immer tiefer drin im Meer ward jeder Ruck zum Roß:
Und was am Wasser aufgetaucht, das ward gar rasch ein Wogensproß
Und schwamm da lang als schwammger Hengst, bevor er aufwärts schoß
Und durch den heftgen Brandungssprung sich fest in Formen goß,
Wo alles sich so wunderbar zu tieferfaßter Fügung schloß!
Von Wasserrossen knapp verfolgt, durchschnaubten stets die Pferde
Den schlackenstarren Lavaplan und fahndeten hinüber
Und rasten durch das brache Land und fühlten nie Beschwerde
Und stürzten dann, nach langer Hast, am andern Strand kopfüber,
Zurück, hinab ins Wassergrab, wo sie beim Satz ertranken.
Und andre trabten ihnen nach, vom Meer empor, zum Meer zurück:
Und sanken abermals ins Nichts: nur 's Land kam aus dem Schwanken;
Doch rasch verschnaubte jedes Pferd: sie stürzten alle Stück für Stück,
Hinab in einen Trubelschlund: die See hat sie schlungen;
Doch andre sind, trotz Todesritt, noch immer gedrungen.

 

        D urch Schlucht und Schlund brach jäh der Sturm:
Er brauste lang am grauen Meer
Und schleppte seinen Trubelturm
Aus Schlamm und Wasser hin und her.
Nun drang er zwischen Bergen ein
Und wälzte trocknen Lehm bergauf:
Er schien ein Bau aus Staub und Stein
Und rauchte aus dem Wirbelknauf.
Er stürzte sich durch Fels und Schlucht,
Wo alles noch gebebt, gezuckt:
Und unten ward die dumpfe Wucht
Von manchem runden Schlund verschluckt.
Dort zuckte oft ein rotes Roß
In schauerlichem Todeskrampf:
Das Blut, das aus den Nüstern floß,
Ward schwüler, dicker Lakendampf.
Die Würmer zehrten schon vom Fett:
Und als der Sturm dahergebraust,
Erweckte er das Pferdskelett,
Das halb verreckt war und verlaust,
Dies blieb vielleicht als letzter Rest
Vom herrlich freien ersten Ritt!
Was klein kam, ward herabgepreßt,
Das Starke stürzte strandwärts mit.
Jetzt reckte manches Pferd den Hals
Und zerrte sich aus Dreck und Staub.
So ward der Zweck des Weltenfalls
Ein eiliger Bewegungsraub.
Die Rotte schlotterte noch lang;
Doch schwankte auch das Lavaland:
So schleppte sie, mit gradem Gang,
Sich langsam fort, durch Staub und Sand.
Am Boden lag ein Leiberstumpf:
Durch Wüstenwolken fast verdeckt,
Vielleicht ein Rest vom Krakenrumpf,
Der sich aus Menschen aufgereckt!
Die Rosse schnüffelten aus Durst
Im Fleisch herum und Menschgebein:
Da regte sich die Leiberwurst
Und biß sich in die Zitzen ein.
Es wieherten die Mähren laut
Und schleppten einzeln Menschen mit:
Und was sich da zuhauf gestaut,
Ward zuckender, bei jedem Schritt.
Beschwert durch solche Körperlast,
Die keines mehr von sich gewälzt,
Sank manches Roß. Doch halsumfaßt,
Trugs Reiter, die sich draufgesetzt.
Und Weiber, Kinder schleppten sich
Mit Pferden fort, am Bauch und drauf.
Und als das Bodenbeben wich,
Kam alles bald in raschen Lauf.
Voll Schmerz und Müh ward fortgestampft.
Die Kraft kam nun vom Sturmwuchtbruch.
Und Mensch und Pferd, in sich verkrampft,
Entgurgelte ihr Ursprungsspruch. –

 

        E s schreckt mich die Wüste, die rings sich entrollt:
Sie zeigt mir kein Ende im flimmernden Gold.
Die Sonne blickt traurig, als dunkler Opal,
Auf blendende Felsen, wie starrende Qual.
Es schweigen die Winde, von Hitze erstickt:
Nun zeigen sich Wirbel, zu Wolken verdickt.
Sie treiben am Rande spiralisch umher,
Verschwinden auf einmal und werden bald mehr,
Durchstauben die Ebne, umkreisen den Grat,
Da scheint mir der Plan ein bewegter Achat.
Sie kommen mir näher. Ich atme den Staub.
Ich hör kein Gesause: ich wähne mich taub.
Da stampft schon im Sande ein Volksstamm vorbei:
Auf bräunlichen Pferden durchsprengt eine Reih
Verrunzelter Reiter mein sichtbares Feld!
Ich seh, wie sich jeder da sattelfrei hält.
Es kommen auch Weiber und grinsen mich an:
Sie folgen auf Gäulen, mit Kindern, dem Mann.
Es fletscht mit den Zähnen manch zwerghafter Wicht.
Sie scheinen mir Schemen: ist das ein Gesicht?
Mein Geist ist gespenstig, doch die sind aus Fleisch!
Nun hör ich auch deutlich ihr Gurgelgekreisch.
Es ist das der Hyksos berittenes Volk!
Ich fand ihre Truppspur, damit ich ihr folg.
Ich merk mir den Sturmschwarm aus Räubern und Staub,
Das Wüstengewitter, das Lichtheer auf Raub:
»Ein gelblicher Zwergstamm mit Weib und mit Kind
Durchstreift die Sahara, gewandt und geschwind.
Auf braunen Arabern erreicht er den Nil
Und kommt und verschwindet – und bleibt ohne Ziel!«
Nun seh ich auf einmal durch lebende Zinnen
Ein Schlackengeschwanke in wirbelnder Pein.
Dort mag wohl die Lava zu Formen gerinnen,
Und Flammen entwallen dem Brockengestein.
Es sträubt sich und wehrt sich der Schlundgrund dort drinnen,
Als wollte er stocken und tanzmunter sein:
Verzerrt und verzogen erhebt er sich zuckend,
Und glutrote Qualme umsprühn ihn ringsum.
Und Schluchten, fast trubeldumpf Garben verschluckend,
Durchbuchtet ein dunkles und dumpfes Gebrumm:
Und Menschen, auf stilleren Felsspitzen huckend,
Begaffen das Schauspiel verwundert und stumm.
Der Felskessel hebt sich. Er bebt und verschwindet.
Der Krampf, den die Lava erstarrend verlor,
Wird leibhaft: und plötzlich empfindet
Ein Rumpf innre Glut, da sein Umkreis erfror.
Jetzt lechzen die letzten Glutzünglein nach Leben!
Die Rachen am Brachplan sind glattstarr verkrallt.
Verschrumpft sind die Zacken. Zerzuckt ihr Erbeben:
Nun reißt jene Bestie empor mit Gewalt.
Sie läßt sich vom Felsgrat urplötzlich erheben.
Doch macht schon ihr Sockelblock überrascht halt
Und schnellt den Ur-Ur empor auf die Beine.
Da steht er gewaltig. Gefühllos! Und bockt,
Als scheute er immer noch blutige Scheine,
Die rings aus dem Brockengemäuer geflockt.
Da klettern zum Apis, im Brudervereine,
Die Menschen, die rings die Geburtskluft umhockt! .-
Ich fühle mich selber hinübergerissen.
Ich folge dem Volk, das den Numen erkennt.
Auf einmal ist alles erregt und beflissen.
Ich seh mich im Schwarm, der die Zinne berennt.
Und wieder bewegen sich Felsenkulissen.
Doch brüllt nun der Stier für das Wutelement!
Ein Kreisen von Bergen, von rasselnden Graten,
Ein Felsengewirbel entschleudert uns jetzt.
Die Erde scheint trommelnd in Schwung zu geraten:
Wir stehn auf der Platte und werden versetzt.
Vom Stamm, der bestimmt ist zu herrlichen Taten,
Wird niemand beim großen Ereignis verletzt!
»Wir rufen dich, Isis, geschwängert im Bauche
Der Mutter, vom Bruder, Osiris dem Gott:
Entraff uns den Klüften, dem Schwefel, dem Rauche!
Sei huldvoll dem Volk, das um Apis sich rott!
Wir werden dich ehren nach heiligem Brauche:
Dir nahe kein Feind mit verwegenem Spott!« – – –
Nun plötzlich verrammt sich die riesige Schraube.
Die Hose aus Kegeln und Gipfeln beharrt.
Verstummt ist das Dröhnen und Rasselgeschnaube.
Hat alles zurück in die Angeln geknarrt?
Es schützt uns die Erde. Es hilft uns der Glaube!
Kein einziger Mensch ward beim Bergruck verscharrt.
O Niltal, Ägypten, du bist uns beschieden!
Wir steigen vom Sinai singend herab:
Dort schirme die Wüste ihr Zuchtreich in Frieden!
Es brüllt schon der Apis, beim zottigen Trab!
Bald baun wir ihm Tempel und Felspyramiden,
So steil wie der Sinai: rettendes Kap!
Wir wollen dich ehren, Gebirge der Erde:
Du trugst uns aus Westen im Fluge herbei!
Wir folgten dem Apis. Wir sind seine Herde.
Wir glauben an Isis, befruchtet im Ei
Ihrer Mutter vom Bruder, als Hort ewger Herde:
O Isis, du inbrunstgewaltiger Schrei!

 

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