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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 11
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Die Auferstehung des Fleisches

Die Apokalypse

        M ein Grab ist keine Pyramide,
Mein Grab ist ein Vulkan!
Das Nordlicht strahlt aus vollem Liede,
Schon ist die Nacht mir untertan!
Verdrießlich wird mir dieser Friede,
Der Freiheit opfre ich den Wahn!
Die Künstlichkeit, durch die wir uns erhalten,
Den Ararat, wird meine Glut zerspalten!

Der Adam sei zu Grab getragen,
Und übrig bleibt sein Weltinstinkt.
Der baut sich auf aus tausend Marmorsagen:
Ich selbst, ein Schatten, der zur Arbeit hinkt,
Vermag bloß um den Ahnen tief zu klagen,
Da er durch mich, im Schacht, um Fassung ringt.
Das Grab, das er sich aufbaut, ist sein Glaube,
Daß ihm Vergänglichkeit das Urbild nimmer raube!

Ich fühle, stolzer Erdenvater,
Dein Leid, das die Gesetze sprengt:
Ein Drama denkst du im Theater,
Das tausendstufig dich umdrängt-
Du atmest Freiheit aus dem Krater,
Der furchtbar sich zusammenengt:
Auf deine Grabesruhe trachte zu verzichten,
Dann wird dein Herzensstern die Welt belichten!

Ich selber bin ein Freiheitsfunke,
Das Gleichgewicht ertrag ich nicht!
Hinweg mit dem Erfahrungsprunke,
Ich leiste auf ein Grab Verzicht!
Die Gnade schäumt im Urgluttrunke
Als Übermaß ins Weltgericht;
Doch das will ich mit meinem Schatten halten,
Ich träume euch, befreite Erdgewalten!

Mein Grab ist keine Pyramide,
Mein Grab ist ein Vulkan.
Mein Hirn ist eine Funkenschmiede,
Das Werk der Umkehr sei getan!
Kein Friede klingt aus frohem Liede,
Mein Wollen wird zum Weltorkan.
Das Atmen schaffe klare Taggestalten,
Die kaum erschaut, den Ararat zerspalten!

 

Die Lustseuche

        W ie klimmt die Sehnsucht nach der Erdenfreude,
Aus meinem ganzen Wesen, hin zum Licht!
Dort wandle ich durch weite Traumgebäude,
Als ein maskierter, eigenmächtger Wicht.'
Ich führe blasse Mädchen traut zum Tanze,
Und die Verachtung der Moral ist mein Gericht!
Ich heirate in heiterm Festsaalglanze:
Erst kenne meinen Leib, dann das Gesicht.
Ich gebe mich nur halb, doch nehme ich das Ganze!
Du andre Maid, mir gut zu sein, ist deine Pflicht.
Umarme mich beim bunten Maskenfeste!
Solang du jenem folgst, behalt ich dich in Sicht!
O schönes Kind, die Liebe ist das Beste,
Das unsre Muttererde uns geschenkt,
Komm fort mit mir, sonst sind wir noch die letzten Gäste,
Komm, schlanke Maske, in mich eingehängt:
Komm aus dem Saal der Spötter und der Neider.
Sieh, wie mein Atem hin zu deinem Munde drängt.
Wir haben beide weiche Atlaskleider;
Aus deinen Ärmeln schwillt das warme Fleisch.
Mein Kind, sieh her: es zittern schon die Fibern beider!
Von meiner Stirne, Mädchen, tilg den Schweiß!
Auf deinem Busen fühl die Lippenwunde.
Wie kommt es: deine weiße Haut ist kalt wie Eis?
Der letzte Rausch geht erst von Mund zu Munde.
Mein Kind, wie furchtbar wird dein Unterleib!
Du hinkst! Bist du mit einem Teufel gar im Bunde?
Du bleibst im Kleid: ich bitte dich, verbleib!
Umschlinge mich! Du hast am Arm Geschwüre?
Wie du verstumpfst? Fürwahr, das ist kein Zeitvertreib!
»Du ekles Tier willst, daß ich dich berühre?«
Ich bin verblüfft. Das Mädchen hats gesagt!
Ich weise diese Maske wütend vor die Türe.
»Die Öffnung ist zu klein!« spricht nun die Magd.
Sie hat an Wucht und Krankheit zugenommen.
Ihr armer Körper ist von Fäulnis gar benagt.
»Ich werde wohl dein Fieber überkommen!«
Seufzt nun das Mädchen mit dem Trommelbauch.
»Nein, Scham für dich ist scharlachgleich in mir erglommen!«
Kaum sag ich das, so fühl ich ihren giftgen Hauch.
Sie windet sich vor Schmerz und fletscht die Zähne,
Die ihr entfallen, und dann pfaucht sie: »Fauler Gauch!«
Ihr Haar, das mich umschlang, sind falsche Strähne!
Nun sage ich: »Der Satan ist im Spiel:
Du hast ja eine Ringelnatter-Rückenmähne.«
»Sei still!« spricht sie; »du reitest einen Stiel!«
Da reiße ich die Larven wild herunter.
»Der Tod!« kreischt sie, der das Profil zerfiel.
Statt ihres Atlaskleides hält ein bunter
Bauchaussatzgürtel sie rot eingeschnürt.
Nun rufe ich: »So eine Braut stimmt einen munter!«
»Ich wurde krank, als du mich kaum berührt!«
Gibt sie zur Antwort mir. Und ihre Füße
Sind hufbeschlagen, wie's für Teufel sich gebührt.
»Entschuldge,« sag ich, »daß ich dich begrüße;
Ich gehe fort, doch trifft dich keine Schuld!«
»Wie!« schreit sie; »willst du, daß ich für dein Laster büße?«
»Pfui, Buhlerin!« ruf ich, voll Ungeduld.
Da krampft sie sich an mich und schreit: »Verräter!«
Ich komm nicht fort. Und furchtbar wird nun der Tumult.
Wir werden scheinbar beide aufgeblähter.
Der Teufel weiß: war ich zuvörderst krank?
War sie es früher schon, und ich erst später?
Wir stehn bestimmt lang im Zusammenhang.
Wir bilden einen schrecklichen Kentauer.
Die Beine regt der nämliche Gedankengang.
Von unsern Stirnen rinnt der Schweiß der Schauer.
Sie fürchtet mein zerfressenes Gesicht:
Und ich bin ihr erschreckter Totenkopfbeschauer.
Wir haben unser Zwitterdinggewicht
Und trampeln furchtbar auf mit unsern Hufen:
Und Finsternis entwuchtet nun beim Tageslicht!
Wir sind zu einem Schreckgericht berufen.
Wir müssen tasten, da wir gar nichts sehn.
Doch wo wir rühren, wecken wir nur Wehmutsrufen:
Um uns will das Gestöhne nicht vergehn.
Wir können unsern Lustflug nur vermuten.
Wir mögen uns vielleicht in Schicksalskreisen drehn!
Ach, werden wir Unselge einst verbluten?
Wir greifen bloß, um endlich still zu sein,
Und wünschen nur, daß wir in einem Grabe ruhten,
Doch das geht furchtbar über Stock und Stein:
Wir hören unser Dunkelsein verfluchen.
Wie konnte unsre Lust uns solchen Schreck verleihn?
Ich will hier anzurennen doch versuchen:
Im Wahnweh kreischt jetzt eine Stimme auf!
Doch alles fühlt sich an, als wäre es umrindet.
Die Sinnlichkeit nimmt den Verheerungslauf,
Drum sind wir auch durch den Genuß erblindet!
Da pack ich schuldlos wieder einen grauen Knauf:
Ich fühl das Opfer, das sich ächzend windet.
Was soll ich tun? Ich rase fort und fort.
Ich weiß, daß auch das Weib das gleiche Graun empfindet.
Gott spricht aus uns bestimmt ein Richterwort!

 

Die Gier

        D urch die Vernunft mag ich das Menschenleid besiegen.
Es schwelgt mein ganzes Wesen im Erkenntnisraum.
Ich will die Wildniszweige auseinander biegen,
Die tausend Zufallseinfälle beacht ich kaum:
Sie alle sind traut durch Natur mit mir verbunden,
Doch nirgends faß ich ihren klaren Ausdruckssaum.
Ich schau in hellgestirnte Urvernunftrotunden.
Ich baue mir, aus tausend Träumen, Tempel auf:
Und da vernehme ich im Sange alte Kunden.
Erplanung, Wahrgestalten kennt das Hirn zuhauf.
Doch sind sie bloß die Spinnen menschlichen Geredes
Und ändern gierend kaum den stillen Dingverlauf.
Wohl manches Weltsystem ist tief, doch ich befehd es,
Wenn es den Menschen nicht zur Erdbeherrschung lenkt.
Ich suche in mir selbst den Standpunkt Archimedes':
Ich sehe, wie mein Lebenspendel ruhig denkt,
Und das Vernunftbewußtsein laß ich dabei schweigen:
Ja, da erfaß ich, wie es vom Verstand abschwenkt:
Jeder Begriff ist meiner Wesenart leibeigen!
Er bebt, wie es im Geist mein Tiefgewicht verlangt.
Doch schwingt er oft noch fort, wo Einsichten entzweigen
(Da ist es, da im Spalte, wo die Seele schwankt,
Wo ich versuchen muß, den Ursprung zu erkunden),
Um dieses Dunkel seh ich, daß sich Hoffnung rankt.
Mein machtvoller Verstand, du magst dich klar abrunden
Und sagen, was ich fördern soll, um tief zu sein:
»Mein Bruder, aller Dienstbarkeit bist du entbunden!«
»Nun so erforsch in dir«, spricht er sogleich, »den Stein
Der Philosophen! Raum und Kram mußt du beschaffen
Und auch die Glut deines Gemütes dazu leihn!«
»Was ich an eitler Habe kann zusammenraffen,«
Geb ich zur Antwort, »hol ich dir sogleich!«
Da lacht er: »Her den Tand, bald gibt es keine Pfaffen!«
»Den Ehring nimmer: nimm den Stein ohne Vergleich!
Das alte Kruzifix noch kann ich leicht entbehren:
Hei, wie das glückt, ich schaffe frei ein deutsches Reich!«
Jetzt spricht er: »Teurer Bruder, lasse dich belehren,
Im Kampfe gegen Rom ist viel noch nicht genug,
Dir wird der Fürst wohl einen Zuschuß kaum verwehren!«
»Da er mir Landvermessungsarbeit übertrug,
Besitze ich aus seinem Schatz tausend Dukaten:
Befrei ich ihn damit, so ist das kein Betrug!«
Kaum sag ich das, so wird er gleich zum Advokaten:
»Gib her, du hast den Mut, ich den Verstand!
Uns wird der Zukunftsstaat gerecht und rasch geraten!«
Wie wunderbar: kaum ist das fremde Geld zur Hand,
So helfen uns schon krause Kobolde und Gnomen,
Aus freier Warte überschau ich Ackerland!
»Ringsum bemerkst du wohl die Besserungssymptome,
Du bist beliebt, treib selber jetzt die Steuern ein.
Diplome«, sagt er, »schaff in dir wie die Phantome!«
»Nein!« schrei ich auf: »Ich wehre mich, ein Schalk zu sein!«
Der Philosophendom entschwindet meinen Sinnen.
Es pendelt der Verstand, ich pack ihn: »Du bist mein!«
Er fühlt bestimmt, er kann mir nimmer klug entrinnen.
Er ruft: »Gelöst ist nun ein großes Weltproblem.
Was nur Erscheinung ist, erfaßtest du von innen!«
Rein steht er neben mir. Ein Sternendiadem
Verweilt auf seinem Haupt, durch die Bewegungsringe,
Die ich besehe! Er ist herrlicher als ehedem.
Er spricht: »Du sahst die Last der sinnlichsten der Dinge:
Was auf der Erde feststeht, dreht mit ihr sich fort.
Was frei wird, sucht, daß es die Linie sich erzwinge,
Und trachtet, tangential vom Erdberührungsort,
Zu dem es noch die Achsenschwingung mitgetragen,
In andre Bahnen einzugehn, und zwar sofort!
Die Erde kann es dann sogleich erjagen.
Das ist, was man den Fall der Gegenstände nennt
(Vom Pendel kannst du immer den Beweis erfragen!).«
»Ja,« sage ich, »das kommt, weil alles vom Moment,
Da es dem Land entfällt, in seiner letzten Richtung
Zu bleiben sucht und sich vom Achsenschwunge trennt!«
»Die Erde stürzt auf ihre Dinge. Die Vernichtung
Der Einzelheit«, spricht er, »ist eingezirkt ihr Zweck!
Durch Unterscheidung aber schafft der Geist Erdichtung!«
Ich aber rufe: »Trotzdem rühr dich nicht vom Fleck!«
Doch als ich zu ihm sprach, da war er wo entglitten,
Und schon gebärdet er sich über mir gewandt und keck.
Den Dom von früher seh ich Irdisches verkitten.
Die Hilfsgespenster, Notphantome sind nun da,
Und er, der sie nicht merkt, beherrscht sie unbestritten!
Ich seh genau: ein Glückszufall ist wieder nah.
Er wird, was sich bereitet, ganz naiv begreifen:
Brav, mein Verstand, verachte du die Kabbala!
Der Fürst tritt vor. Ich sehe das Verhängnis reifen.
Er zeigt ihm, von der Warte aus, was ihm gelang:
Er kann dem Prinzen einen Ring vom Finger streifen!
Ich hasse seine Habsucht, diesen niedern Hang,
Das Gold den andern für Gedanken abzunehmen:
Doch hält sein Tatendrang mich ganz in Bann und Zwang.
Was kann ich tun? Wie soll ich seine Spannkraft lähmen?
Es winkt der Fürst: und Schmuck und Bücher schleppt man her.
Ich muß mich seiner Unverschämtheit blutsam schämen.
Er blickt nur auf das Gold: mich sieht er gar nicht mehr.
Die Buchstaben beginnen hin und her zu tanzen,
Und zwar auf mir hopst nun das winzge Wimmelheer.
Er liest im Buch. Da ordnen sich auf mir die Wanzen.
Er sieht in mich, und er versteht den letzten Satz.
Ich diene ihm nur halb zur Herstellung des Ganzen.
Antik und nackt erscheint zumeist ein Buchstabfratz,
Doch deutschen Aufputz trägt, was der Verstand erschaute,
Und unermüdlich dauert die Umkleidungshatz.
Auf einmal hör ich mir verwandte Laute.
Ja, Menschen sind es, die zum Fürsten dringend flehn,
Er möge rasch zerstören, was mein Bruder baute:
Die Steuern sind zu hoch (man muß es eingestehn!);
Doch er lacht höhnisch auf und ringt mit Witz und Blitzen
Den Aufruhr nieder, und der Prinz läßt es geschehn.
Jetzt seh ich ihn auf einem weißen Pferd aufsitzen.
Die Eheringe nimmt er noch den Leuten ab,
Die sich verzweifelt nun ihr Festgewand aufschlitzen.
Das Roß trägt einen Harnisch. Furchtbar ist sein Trab.
Der Reiter wirft rings Eisenspinnen in die Menge.
Die picken Beutel auf. Einer entrutsch ich knapp.
Ich seh das Übel, das ich als Verstand versprenge:
Mechanisch flinke Eisenfluggebilde schwirren
Ins Volk. Und ihre Rüssel von beträchtger Länge
Durchbohren manches Herz. Und Gifthauche verwirren
Die Hirne der Verzweifelnden, die Gott verläßt.
Man hört den Reiter überall vorüberklingen.
Fürwahr, mein Bruder haust viel ärger als die Pest,
Denn er zerbricht Gewissen, anstatt Kerkerleiber!
Dem Christentum gibt er im heilgen Reich den Rest.
Er wird Tyrann und auch zugleich ein Geldeintreiber.
Polypenartig, weh, begreift er diese Welt.
Er ist Zutreiber, Pesthauch und Rezeptverschreiber:
Auf bares Geld hat er das Erdschicksal gestellt!

 

Aufruhr

        D ie Freiheit will ich. Und mein Wesen wird ein Bauer.
Ich geb den Wunsch nicht auf: ich sprenge die Kultur!
Ich kämpfe hoffend gegen Hitze, Flut und Schauer:
In aller Trauer steh mir bei, Natur!
Den Glauben laß ich mir durch keine Kirche rauben,
Denn er vertieft in mir, beim Furchen, seine Spur.
Fliegt auf, um mich, huihei, ihr meine wilden Tauben:
Schlau, steil und strack, steigt auf, aus euerm Nesterloch!
Dann hockt der Jäger nutzlos hinter Dornenlauben,
Ich mag dich, Welt, nicht, doch mein Feld, das lieb ich noch!
»He Nachbar!« rufe ich, »teilt Ihr mit mir den Grund?«
Der Einfall schon entfacht in beiden Zornesflammen.
»Mein Bruder!« ruft er, »uns vereint ein stummer Bund.
Was du auch brauchst, von mir sollst du's empfangen,
Den letzten Trunk noch führe ich von Mund zu Mund!«
»Das weiß ich!« sage ich; »doch lange kanns nicht langen;
Der Adel und die Pfaffen sind der Freiheit Tod.
Der Knecht wird schlecht bezahlt, der Landmann aufgehangen.
Ihr Überfluß, ihr Wissenskram bringt unsre Not!«
»Unsre Gesundheit«, ruft mein Nachbar, »ist ihr Grauen!
Genug der Worte: sän wir weiter Wein und Brot!«
Ich aber will bei mir die Saat der Freiheit bauen.
Mein einziger Genosse bleibt ein Dohlenschwarm.
Ich mag sein Kommen und sein Immermehrverblauen.
Gelt, Luftbettler, wir bleiben immer stark und arm.
Doch wehe jenem Fant! wir brauchen keine Steuern:
Kommt er mir nah, so fühlt er meinen Arm!
Das ruft: »Man will das bißchen Leben noch verteuern.«
Nur zu, nur zu, nur weiter auf den Ritter los!
Bald werden wir in seinem Felsenhorst einfeuern.
Man reißt ihn jetzt vom Roß. Schon kriegt er einen Stoß.
Ich höre ihn von evangelscher Freiheit quieken,
Nun stellt er sich durch seine Afterweisheit bloß.
Er fragt: »Seid ihr lutherisch oder Katholiken?«
»Zwischen zwei Übeln wähle ich das größre stets!«
Mein' ich: »Wir bleiben päpstlich brave Kirchenküken!«
Nehmt schnell die Vogelscheuche meines Selleriebeets.
Ich setze sie aufs Pferd, samt andern Kramgeräten,
Und zünde alles an, laut unseres Felddekrets!
Die Grafenmähre gleicht jetzt einem Tagkometen.
Sie wiehert fürchterlich. Entsetzlich ist ihr Schmerz,
Und gelb und blau schlägt man den Schloßpropheten.
Fürwahr, das war ein rechter derber Bauernscherz!
Doch was geschieht? Des Pferdes Flammen werden Flügel!
Das Roß steigt auf! Gar fürchterlich pocht mir das Herz!
Der Tand verbrennt! Tritt niemand in die Feuerbügel?
Den Aufruhr schnaubt das Roß. Und ringsum wird es Nacht.
Gar steil erhebt das Roß sich schon, hoch über Flur und Hügel.
Die Flamme ist in allen Herbergen erwacht,
Und zwischen Burgen zischen Blitze hin und wider.
Ja, auch im Felsschacht hat das Schlachtpferd Glut entfacht:
Am Himmel glüht des Rachegeistes Lichtgefieder.
Nach Norden steigt es auf. Zum Richter wird der Mord.
Kommt, Brüder, singen wir der Freiheit Feuerlieder!
Geprüft wird Ort für Ort. Erfüllt wird Wort für Wort:
Verbrannt die Burg der Schulden, erkannt das Urgedulden.
Es weilt des Heiles Hort, das Satansseil verdorrt.
Die Glut der Unschuld wuchtet aus den Mulden.
Dem Krieg, der wüten muß, entbiete ich den Gruß!
Das Blut am Himmel ist mein eigner Freiheitsgulden!
So ruft aus voller Brust: » Jamjam hiscit Flammeus!«

 

Der Tartarus

        D as wiehert und wimmelt, das schlingt Wirbelschlipse
Und sucht seine Ohnmacht in Fassung zu bringen.
Das Bild, das ich sehe, gleicht stockendem Gipse.
Was wird sich dem Staub und dem Wasser entringen?
Das da sind die Pferde der Apokalypse!
Die Dünste verklingen. Glutschwingen zerspringen.
Das Untier dort kenn ich: es ist meine Stute,
Die packt und zerfleischt alle Lasterbundrudel.
Sie speist sich mit faulem, verdorbenem Blute
Und sorgt, daß die Hure die Welt nicht besudel.
Ich fürchte, ihr schreckliches Leid überflute
Mein Grab noch, als gischtbleicher Leichensturzstrudel!
Fürwahr, tausend Tote entkollern den Särgen.
Die Hufe der Stute zerknicken zu viele.
Kein Raum ist mehr rings in den Erdfriedhofbergen.
Der Tod übernimmt sich! Da springt eine Diele
Im Dome empor! Eine zweite! Gleich Zwergen
Erstehen die Väter der Kirche! Jetzt sind wir am Ziele.
Gespenster entrecken sich schrecklich den Gräbern.
Verrauchten der Drangsale bildliche Fluten?
Umgeben von wirklichen Erdlichterstrebern,
Verdunstet die Stute in Eigenblutgluten.
Luftlarven mit furchtbaren Rachedurstlebern
Vertilgen die Giftbrut in drei Urminuten.

Jetzt rennen zwei Hengste noch schneller ins Leben.
Ich sehe sie Leiber und Leichen zertreten,
Die Grüfte sind wieder so voll wie soeben,
Kadaver jedoch, die sich ringsum verspäten,
Erbrechen die Särge, um selber, umgeben
Von Blechdeckeln, sich in ein Grab einzukneten.
Der Tod hat sich selbst voller Wut überwunden:
Die Wucht seines Einbruchs belebt die Verreckten.
Ich sehe die Menschheit des Übels gesunden:
Gefährten des Elends, die Flecke bedeckten,
Erstehen im Grab, ohne Ausschlag und Wunden:
Da stehn sie nun frei von ererbten Defekten!
Es wüten die schrecklichen Hengste noch immer.
Ich schaue ihr Herden-ins-Totenreich-treiben.
Doch gräßlicher noch sind die Gräberentklimmer,
Die Würmer und Schlaf aus den Hohlaugen reiben.
Der Ararat wankt! Grauses Sterbegewimmer
Ertönt von Entsetzten, die selbst sich entleiben.
Auch mich läßt der Schreck vor dem Ende erbleichen:
Das letzte Gericht will ich nimmer begreifen.
Vom Ararat stürzen schon einzelne Leichen,
Die knapp erwacht Sterbeflut hinter sich schleifen.
O, könnte ein Wille den Fallschwall eindeichen!
Ein Traum aber muß in sich selber ausreifen!
Das siebt durch die Zacken: das schwimmt zwischen Zinken:
Der Todesstrom stürzt von zwölfstöckigen Höhen
Herab in den Schacht. Tausend Schaumleiber blinken.
Das sind keine Leichen. Das sind Körperböen!
Sie könnten ihr Leben aus Wutfluten trinken,
Selbst wenn alle Wesen den Gräbern entflöhen!
Der Ararat kann seine Leichen nicht halten:
Er speit sie aus dunkel verrammelten Schluchten!
Das wimmelt in kargen versteckten Bergspalten
Und muß dann herab in den Dunkelschacht wuchten.
Das da sind des Weltfiebers Wahnwitzgewalten,
Die abermals unseren Wunschstern befruchten!
Das da sind Wahrschatten: das da Grabkalfakter!
Hier stürzen Nationen herab in den Krater:
Der Leiberfall hat Kataraktbachcharakter.
Da zischeln Schaumlaster. Da pfauchen Haßkater.
Und dort gießt es Menschen, wie menschlicher, nackter
Kein Richter sie jemals gesehn, noch ein Pater.
Der Fall von Millionen Lebendgen und Toten
Muß sausend mein furchtbares Schluchtgrab verschütten.
Ich seh, wie sich Gischtanekdoten verknoten
Und stolze Gemüter beim Absturz zerrütten.
Jetzt ists, als ob Fall-Lustbegierden auflohten!
Hier wütet das Drama der Burgen und Hütten.
Hernieder und immer noch tiefer hernieder,
Herab in den Erdschacht will Zischgezücht fallen,
Drum pressen die Leiber ihr Lichtgischtgefieder
Ganz eng an die Glieder, um abwärts zu wallen.
So sacht wie ein Traum, ohne Flugschuh und Mieder,
Mag da jedes Wesen verwehen, verhallen.
Das schlägt an mein Grab an. Ein Schaumweib kommt näher.
Schon stürzt eine wuchtige Leiberlawine.
Es werden mir gleich stumme Fleischaufersteher
Das Taglicht verkürzen. Schon rollt die Gardine
Ganz nahe heran, und um mich, Zwielichtseher,
Ists nunmehr getan, wie ichs längst schon verdiene!
Was soll das? Es zeigen sich vor mir jetzt Leiber!
Ich selber, ich selbst, bin vom Strom fortgerissen.
Es trägt mich ein Goldbett. Als Sturzübertreiber
Erstreben wir wieder ein hohes Gewissen!
Wir schwimmen empor unter wogende Weiber
Und werden dann frei zwischen Wahlhindernissen!
Ich fühle mich freier ins Leben getrieben:
Es hebt mich und hilft uns das Feuer der Erde.
Ich sehe sein Gold aus den Grundschluchten sieben.
Besiegt ist der Lichtseele Kerkerbeschwerde:
Wir dürfen vor Gott unsern Leib wieder lieben,
Dem Fleisch wird vergeben, daß Weltfriede werde!
Wohl siebenmal konnte ich lebend Leib wechseln
Und darf mich nun abermals menschhaft bekleiden;
Das Fleisch umgebären, statt Rechtsformeln drechseln,
Sich selbst für die Fleischfluchvertilgung entscheiden,
Den Bruch mit der Furcht vor zehn Beelzebubwechseln:
Das heißt Auferstehung aus Sterblichkeitsleiden!
Ich rolle im Golde und bin knapp fast oben;
Ich kann noch die Formen in Kaumheit erfassen.
Wir hören schon Nordsee den Weltberg umtoben
Und fühlen die Brandung der Südglut in Rassen,
Die hoch um den Pol ihre Freiheit geloben.
Der Geist unsers Heiles hat Leiden erlassen!

 

        E s naht nun die Aussaat des Adams der Reife.
Wir wollen ersammelt den Lichttribut zollen.
Schon bilden Lebendig und Tot eine Schleife,
Um nackt das Geschlecht vor dem Tag aufzurollen.
Ich weiß, daß ich frei meinem Nachtgrab entschweife;
Noch trägt uns Millionen ein Erdglutenwollen!
Das Meer, das ich sehe, ein Acker dem Geiste,
Tobt wütend heran, um den Erdfels zu stürzen.
Mein Wesen, das lange den Glutberg bereiste,
Fühlt plötzlich den Aufflug sich traumleicht verkürzen.
Viel tiefer im Traumkreis treibt nunmehr das meiste,
Und Eiswinde spüren wir Übelluft würzen.
Ich ahne mein Weib traut in geistiger Nähe.
Ich fühle: du bleibst mir unendlich verbunden.
Im Daseinsblick, da ich das Grab übersehe,
Wo wärmliche Völker ihr Wesen bekunden,
Durchbebt mich das Wissen, wie nah ich dir stehe!
Mein bleibst du im Geist und in Erdenluststunden.

 

        D er Tartarus klafft. Wir erwachen im Schachte.
Verwolkt ist der Himmel. Die Frommheit nun tot.
Gebote, durch die uns der Tag sonnwärts brachte,
Verkümmern, verschrumpfen! Die Innenglut loht!

Das Nordlicht erscheint uns. Es stammt aus dem Schlunde.
Wir werden nicht steil in die Höhe geführt:
Die Rätsel verschwinden. Der Mensch selbst bringt Kunde:
Es hat uns der Geist aller Gründe gekürt.

Bald wird uns die Nacht aus dem Tartarus steigen,
Dem Nordmeer der Sturm aus dem Grunde entfliehen,
Das innigste Licht sich am Himmel verzweigen
Und Jesu Geburtsstern mit Urglut umziehen.

Schon wuchtet das Dunkel, mit Sturmwut geträchtigt,
Am grauen, die Watten umbrausenden Meer.
Der Geist ist zum Flug über Schlünde berechtigt
Und wittert aus Menschen voll Schwebebegehr.

Auch wagen schon Fledermausriesen durch Wogen
Des Windes, von westlichen Ufern, den Flug
In Fernengebiete. Aus schweifendem Bogen
Entschmiegt sich dem Abendsaum sausend ein Zug

Von Fliegegebilden, die Gruben geboren:
Des Tartarus Schatten sind langsam erwacht.
Sie formen sich oder sie gehen verloren.
Schon waltet auf Wollen und Wogen die Nacht.

Ich mochte den Mond ewgen Lebens gebären:
Im Seelenschein hab ich sein Walten erfaßt.
Er glich einem Auge. Durch Nebel von Zähren
Erschien er mir schimmernd. Dann ist er verblaßt.

Es dunkelt so heilig! Wir werden gesunden!
Ach Nacht meines Innern, verfinstre die Welt!
Verwundert euch, Wesen: Geburten bekunden
Die Ruhe, die weite Gebilde entschwellt.

Eröffnet euch, Herzen: die Seelen entfluten!
Ein silbernes Schwärmen durchschweift meine Nacht.
Ideen, die weit in mir, unsichtbar, ruhten,
Erscheinen nun, über uns, schimmernd und sacht.

Die Nacht, ach, die Nacht wird den Tag überfliegen.
Die Nacht unsrer Sehnsucht durchdunkelt die Welt.
Wir fordern Geburten. O Meer, tausend Wiegen
Erwühlen die Winde. Bald kommt unser Held!

 

Auferstandene!

        D ie glühenden Wünsche des Südens umbranden
Das dunkelnde Nordmeer. Frenetische Frauen
Enthüllen die Brüste in Brunstsarabanden.
Die Küste umrauschen Gelüste der Auen.

Dem Grabe zu Leyden entreckt sich Johannes!
Die Weiber von mondflutumkräuselten Ländern
Bezaubert der Tatengedanke des Mannes.
Der tote Prophet wagt es strandwärts zu schlendern.

Der Abend ist nahe. Die Wahnschatten trachten
Sich rasch noch in Stahlpanzer starr einzukrusten.
Das Schnarchen der Drachen in nachtschwarzen Schachten
Vereinzelt sich klarer, und Glutlurche pusten:

Die Mannschaften hasten, die Tat zu erhaschen.
Des Weibes Vollendung beschleunigen Rhythmen
Der Nachtschlachten, die uns nun bald überraschen,
Am anderen Strande erwartet uns Whitman.

Es kann euch, ihr Frauen, das Dunkel umgrauen
Und langsam den Fledermauswirbel verringern;
Dereinst werden Nachtfalter traumhafter Auen
Zu leise versurrenden Höhenerzwingern.

Und eiserne Meervögel schleudern sich nächtlich
Urbald über eiszugekrustete Flächen.
Dann blickt der gebändigte Nordschein verächtlich
Auf Längen, die unseren Flugaufbruch schwächen.

Im leibhaften Dunkel verschwindeln die Wege.
In herrschenden Seelen vernebeln die Zeiten;
Uns seien die Rhythmen der Innigkeit rege:
Ihr harrt und ihr horcht auf ein nahendes Schreiten.

Es wird das geweissagte Weib, überm Eise,
Die Frauen durchdämmernd, das Weltgeschick meistern.
Ihr seht es schon oft, auf verwegener Reise,
Die Schleier der Dinge auf einmal entgeistern.

Wir fürchten uns noch vor der Nacht der Gedanken,
In der unsrer Leidenschaft Urkunden bluten,
Sich Wesengewitter aus Seelen entranken,
Lebendig verschwendend den Urstern vermuten!

Ihr Frauen, in euch mag die Traumesbraut grauen!
Die Heldin erscheint in den Seelenlichttüren.
Und Raubvögel suchen die Nacht zu durchschauen:
Der Mann wird das Weib einst im Freiheitschein küren.

 

Überraschung

        D urch Pinien lustwandelt der Mond, durch Glyzinien!
Ein blauendes Wasser bringt blauere Blätter.
Sein Windhauch verwiegt und verschmiegt alte Linien,
Das raschelt und scharrt wie von Rosengekletter.

Es scheint, daß der Flieder mit Blüten sich brüste.
Er wogt seine Düfte, fast atmend, ins Freie.
Es ist, als ob alles mit Hauchen sich küßte,
Damit sich die Lust bloß durch Tausche verleihe.

Auf einmal verwirrt mich die traumblaue Bleiche,
Doch sehe ich plötzlich ein Wunder erstrahlen:
Umschimmert von einem kristallklaren Teiche
Erblassen und trinken Gestalten aus Schalen.

Schon ziehts mich hinüber, wie heimwärts zu Brüdern.
Ich platsche ins Wasser. Man lacht mir entgegen
Und schöpft meine Ringwellen, reicht sie den Müdern,
Und plötzlich beginnen sich Mädchen zu regen.

Ich schwimme so leicht, wie beflügelt, zum Eiland
Und fühle mich dann in verwandelten Landen.
Dort heißt es: den Traumstrand versprach uns der Heiland:
Wir sind in euch selbst, unsern Gräbern, erstanden!

Ich sehe geadeltes Bauernvolk lachen.
Und einer sagt: siehe, so lohnt sich die Mühe!
Es freut uns, das Mutterland urbar zu machen,
Kommt, führen wir Büffel! geht, füttert die Kühe!

Ich bin doch zu Hause und glaube mich ferne.
Mag sein in der Vorzeit. Vielleicht bloß am Nile!
Dort steigt man in Berge, ich folgte so gerne,
Doch zeigt mir ein Priester gesonderte Ziele.

Er spricht: »Wir erbauten dereinst Pyramiden
Und trachteten stark, uns in Quarz zu vergraben,
Doch dann ward ihr Wesen zum seligen Frieden,
Durch den wir uns wieder ins Dasein ergaben.«

Wahrhaftig, dort steigt man für Erz in die Erde!
Auf einmal erwachen am Boden Kamele.
Nein, Erdhosen sind es mit Reckungsgebärde.
Man sprengt unterirdisch: das ist ihre Seele!

Der Nilfriede, Nilliebe wirken hienieden.
Hieratische Ruhe durchdämmert das Leben.
Es hat uns der Aufbau von Steinpyramiden
Gar spät unser Grundwurzeln wiedergegeben.

Es spielen rings Kinder auf silbernen Leiern,
Zumeist sanftgebräunte, schwarzäugige Dinger,
In leise verirdischten Mondschimmerschleiern,
Und Licht überspringt ihre spielenden Finger.

Nun darf ich die Kaiserin traumhaft gewahren.
Sie führt ihren lieblichen Sohn zu den Bauern
Und trägt einen Lotos verklärt durch die Scharen
Beherzter Gemüter, die sprachlos erschauern.

Man winkt mir, dem mächtigen Weibe zu nahen.
Ich fühle, es wird mich ihr Wesen befragen.
Ich fasse den Mut, was sie meint, zu bejahen.
Da senkt sie die Blume und fängt an zu sagen:

»Das da sind die Wahrzeichen fürstlicher Güte.«
Nun frage' ich, da ich geblendet bin: »Welche?«
Da sagt sie: »Das Glühwürmchen über der Blüte,
Der blauende Tautropfen unter dem Kelche!«

Jetzt glückt noch der Fürstin das gütigste Lächeln.
Es schimmert in mich, zu den innigsten Bildern.
Schon kann seine Klarheit Gespinste verfächeln,
Um sanft mein Erleiden durch Zartheit zu mildern.

Nun kommen die Boote allmählich nach Hause;
Es ziehn schon die Fischer viel schimmernde Netze,
Voll Beute und Tang, aus dem Wassergebrause:
Und gleich überwimmeln sich strandher die Plätze.

Die Weiber erscheinen mit mondbleichen Sicheln,
Die Mädchen gar häufig beladen mit Gänsen.
Man kichert im Finstern, beginnt sich zu sticheln,
Doch Bauern erhellen den Traumplatz mit Sensen.

Auch helfen Matrosen mit mondweißen Fischen.
Die krümmen sich zappelnd wie Sicheln zusammen,
Und überall schimmern, entwischen und zischen
Gebilde, die leise und bleich sich entflammen.

Doch hocken noch stumme Gestalten am Strande.
Die wollen den Mondfisch, den Vollmondfisch, haschen!
Doch ich wandle langsam, zum Fang außerstande,
Und weiß wohl, es wird mich noch viel überraschen.

Am Ufer der Träume erzählt mir die Seele
Das Lied meiner leidenden innersten Stimmen:
Ich will, daß der Wind alle Sehnsüchte schwelle,
Damit meine Sagen ihr Tagen erklimmen.

Ägyptische Rätsel, erdämmert im Schwärmer!
Thebanische Mädchen, umzaubert uns wieder!
Ihr Starrheitssymbole, der Wind weht schon wärmer
Drum Unterweltnumen, durchzieht unsre Lieder!

Der tropische Glutenfluß faßt sich im Leben.
Astrale Gestalten, ergreift euch in Bäumen!
Die menschliche Seele, ein Fieberentschweben,
Entflattre, entwurzle sich blätternd in Träumen.

Ihr Pflanzen im heiligen Urfriedensgarten,
Begeistert erscheinend erwirksame Reiche!
Die Sterne und Quellenberauscher bewarten
Den Lotos der Seele im traumblauen Teiche.

Orkane am Styxe, durchwittert die Seher!
Chimären, beginnt im Gegrübel zu nisten!
Schon kommen uns zwitschernde Kindslarven näher,
Als ob rings Gespenster ihr Segel-Ich hißten!

Du Wesenheit spiele: erspiele dir Bilder!
Erklimme uns Lieder in Mondgeisterzonen!
Du Mildheit in mir, werde immer noch milder:
Entschaue Äonen, die Gott bloß betonen.

 

Der Baum

        E s spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blättern,
Sie alle winken immer wieder anderm Wind,
Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern.

Auch meine Weisen singen, weil sie windwild sind!
Und viele Lieder wimmeln, wie die winzgen Bienen,
Um jeden Trieb, der sich der Blumungsglut besinnt.

Der Mut zu werben ist mir Sterblichstem erschienen:
Durch Zweige perlend, taut mein Urerkünden auf,
Und seiner will Vernunft, wie Bienen, sich bedienen.

Es horcht der Wind. Denn um zu horchen harrt sein Lauf.
Im Baum erlauscht, als Traumhauch, er sein lautes Rauschen.
Drum lauscht: es überbrausen Meere sich zuhauf!

Es will, als Baum, die Erde sich am Baum berauschen.
Und was im Traum erweht, wird auch ein eigner Traum,
Denn Träume können uns samt Träumlichem belauschen!

Verwurzle dich in mir, du Traum von meinem Baum!
In meiner Ruhe nisten stumm die Sehnsuchtslieder,
Singt doch die Stille durch die Wurzeln bis zum Saum.

Die Wurzeln greifen fern in die Ergebung nieder!
Wie ist die Stille tief! So tief wie sie entschlief!
Doch in der Krone gibt der Baum den Norden wieder.

Er folgt dem Wind. Er wird, was ihn als Baum berief.
Er stürzt die Liebe in die witternden Geschicke.
Er wirbt um sich und wirkt als Traum urbaumhaft tief.

Du Baum, ich weiß, wie ich als Dickicht mich bestricke.
Du bist von Liebe übervoll, ja liebestoll!
Du liebst, o Baum, was ich als du in mir erblicke.

Und »Du«, nur »Du's«, erlausch ich, wo ich rufen soll.
Das Dunkel aller Ruhe kennt das Du der Dinge!
Drum ist die Welt so holder Wonneworte voll.

O Sonne, horche, wie ich in der Krone singe:
Der hohe Norden strotzt von mordendem Verstand,
Das Land aber hat Gold für Sternenschmetterlinge.

Ihr Dünkelwichte, Dinge im Vernunftgewand,
Es wickelt euer Himmelswink euch aus den Wicken.
Die Schlingen fallen ab: es nagt der Fragebrand.

Wahr schlagen Wagnisschlangen auf zu Weltgeschicken!
Der Urwald leuchtet in das goldne Weltenwohl:
Es glaubt der Baum! Und lauter Witterwipfel nicken!

Der Baum umwurzelt seiner Ruhe Wesenspol:
Er schützt die Nester, schirmt das Schmerzens-Ich der Tiere,
Denn jedes Blatt ist großer Duldung Erdsymbol.

So wirkt, daß nimmer sich ein Wirkungswink verliere!
Die Tiere aber sind schon mehr als Wimmerwind.
Sie irren sich ja nicht. Sie schwirren um das Ihre.

Entwirrt euch schier! Das Winzigste ist weltgesinnt!
Und horcht in eurem Baum aufs Morgen freier Meere:
Du große Sonne, wie genau ein Tag verrinnt!

Der Baum ist hoch. Er füllt schon alt die Wesensehre.
Klar über ihm begeistert sich ein Sternenkind
Und lauscht der Leidenschaft der Werdensschwere.

Wie viele Rehe weinend schon gefallen sind!
O Sternenkind, bewahre ihre Seelenträne
Und mache uns im Wandel harmlos und gelind!

Der Wesen Schüchternheit, die ich im Wechsel wähne,
War einst ein Blatt, ein Tier, das du zu Tod gehetzt:
Und alles Land entflammt als eine Wahnsinnsmähne.

Im Namen der Verzweifelten, Welt, sei entsetzt!
Birg, Erde, jeden Todesschrei in Lichtgebeten:
Im Baumesnamen, säume nicht! es glüht das »Jetzt!«

Der Erde Wahnwitz brennt durch Winde, die entwehten:
Er ist ein Urwald, der sich flammennackt beseelt.
Hier stirbt man nicht! Die Tiere schimmern in Kometen!

In Riesenschweifen werden sie hinausgeschwellt.
Sie können kalt in alten Nächten plötzlich tagen,
Denn kein Gewissen hat den Weg zu sich verfehlt.

Die Wanderschaften, die den Menschen warnend tragen,
Erfüllen alle Nordheiten mit Seelenbrunst,
Und Tiere wittern aus den jungen Glanznachtsagen.

Zu eignen Wesenheiten reift die letzte Kunst.
Die Lebensechtheit kann sich nur ekstatisch fassen,
Dort überm Weltbrandwahnwitz dämmert stumme Gunst.

Gedanken fangen an, mit kalter Glut zu hassen.
Der Traum vom Baum verschlingt sich in den blauen Raum;
Es singen Sternenkinder in den Flammengassen

Und nisten schuldlos in der Ruhehuld vom Baum.

 

Dunkeldämmerung

        » W as sagt auf einmal warnungsblaß im Wesen:
»O Mensch, beherrsche deine Überflüsse
Und glaub, daß man in mir verzichten müsse!
Ich nenne mich: ich bin die Welt gewesen
Und muß nun schreckensbleich verwesen.
Ich fühle mich, durch eure Vollbrunstküsse:
Mein Leib sind eure Niedertrachtsentschlüsse:
Ich würge und kann dennoch nie genesen.

Weil grundgebrochen, wirke ich als Lüge!
Ich mag meinen Gehalt zusammenklammern
Und bin nur, wo ich Zwitterdinge füge.
Ich laure, in Gewissensbruchentstammern,
Auf aller Wuchereien Dirnenzüge
Und werde Ich in allen Lasterkammern.«

Was warnt mich da? Was hat mich ausgesprochen?
O Leib, beschütze mich vor tiefsten Lüsten:
Ich bin dir oft im Traum zu weit entkrochen!
Ich fand in mir ein Meer mit Lurchenbüsten:
Tumulte Toter waren ihre Schwänze,
Und Trüge träufelten aus ihren Brüsten.

Das war nicht ich! Das waren Schwärmertänze!
Bloß meine Satanssache war im Knäule,
Und ich bin starr, daß ich am Tage glänze!

Bin ich nicht da, aus Graun vor meiner Fäule?
Mein Atmen ist ja auch ein Ahnenwalten,
Mein Gang bestimmt der Mütter Hoffnungssäule.

Ihr Freien, reißt mich aus den Sturzgewalten,
Aus der Gespenstigkeit der Leidenschaften:
Wer kann allein sich in der Schwebe halten?

Ja, Kraken, die durch Trug zusammenhaften
(Denn Falschheit muß ihr Fleisch und Mark ersetzen),
Sind Weltgespenster, die noch nie erschlafften.

Astral läßt du dich wild von ihnen hetzen.
In ihrer Daseinsjauche mußt du waten,
Bis wir uns einst aus ihrem Bann entwetzen.

Die Toten sind! Wir zeigen es durch Taten!

 

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