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Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe) - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Zweiter Teil. Sahara (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Drei Ereignisse

        E s fließt die Rhône herbei, mit ihren breiten Wogen:
Fast wirbellos, voll von Vertraulichkeit ihr Strom.
Von Rossen wird ein Floß den Fluß hinaufgezogen:
Mit roter Kappe kauert drauf der Mittagsgnom.

Wie herrlich flimmern doch die ungestümen Fluten!
Ein immer leiseres Ereignis schäumt empor:
Ich höre ferne blöken, Glocken tönen, tuten;
Vor mir hier zittert silberhell ein Pappeltor.

Drei junge Mädchen merk ich, die am Ufer spinnen.
Gesprächig regen sie die Hände und den Blick.
In Unschuld aber ruht die Seele: ihren Sinnen
Genügt ein Schlankheitseindruck, ohne ein Geschick.

Ihr Mädchen, freut euch frei an schmucken Kriegsgestalten,
Doch, daß ihr euer Sein durchschaut, das gebt nicht zu!
Laßt schlichtes Jungferntum nicht durchs Bewußtsein spalten,
Nur eine Unschuldsfrucht bringt dann das Weib zur Ruh!

Ich bin auf grellen Abweg und in Traum geraten!
Im goldnen Korn ist irgendwo ein Wind erwacht.
Die reifen Ähren glühen reife Sprühdukaten,
Aus Goldstaub überfunkelt sie die Mittagspracht.

In weißem Festkleide erscheinen jetzt drei Reiter.
Der Pferde Füße bleiben ganz verdeckt vom Korn.
Es sieht so aus, als wäre keiner ein Begleiter:
Drei gleiche Gottesstreiter sinds, mit Kreuz und Sporn!

Ich trüge gerne selber solche Rüstungsstücke.
Der Mantel mit dem roten Achtzackkreuz ist schön.
Wohl ist es Zeit, daß ich mich grüßend niederbücke,
Denn nah, am Pfade, höre ich das Eisenkleidgedröhn.

»Katharer sind wir!« sagt ein Mann im Kampfgewande:
»Und du? gib klare Auskunft, wer du bist?«
»Ein wandernder Scholar aus dem Barbarenlande«,
Erwidre ich, »und auch ein nimmermüder Christ!«

»Fürwahr, auch wir sind tapfre Heilandsstreiter
Und hassen jenen Gott vom Judentestament!
Der Böse herrscht auf Erden!« spricht der Ritter weiter:
»Und rein wird, wer das Weib und seinen Schreck nicht kennt!«

»Für die Geschlechtlichkeit ward uns der Tod zur Strafe,
Und ungeschlechtlich ist der Heiland, der nicht starb:
Ich ahne meinen Tod, wenn ich ein Weib beschlafe,«
Erwidre ich, »und weiß, wie ich den Sarg erwarb.«

»Bist du ein Schotte?« fragt ein Ritter, springt vom Rosse.
Er drückt mir fest die Hand und ist dann rasch verstimmt.
»Nein,« sage ich darauf, »ein Alemannensprosse!«
Und sehe gleich, wie jedes Auge grimmig glimmt!

»Was willst du, schlauer Häscher aus des Kaisers Landen?«
Fragt einer barsch: »Wir töten dich, wenn du nicht sprichst!«
»Entschuldigt, Herr, ich habe nicht den Gruß verstanden!«
Erwidre ich: »Doch schlecht ists, wenn du mich erstichst.

Die Scholle selbst hat meine Glaubensart geboren.
Die Christusflamme grünt und blüht aus jedem Blatt.
Ich bin nicht einer von den römisch trocknen Toren,
Für die der Heiland Gott nicht überwunden hat!«

»O Bruder, sagst du wahr und fromm, so sei willkommen!«
Spricht jetzt ein Tempelherr, im Herzen tief erfreut:
»Die Reinheit ist durch Heilandshuld in dir erglommen:
Du sprichst nur aus, was dir der Geist gebeut.«

»Die Wahrheit ist die Flamme, die wir lallend ahnen,
Die unerfaßbar ewig nach Gestalt verlangt:
Sie kann uns an verwandte Reinheitsbahnen mahnen,
An Rasse«, sag ich, »oder Zucht, nach der uns bangt.«

»Das ist der Augenblick der Waldanachoreten,
Geschlechtsertöterin ist Christi Freinatur!«
Erfahr ich wohl: »In Helden, die zum Heiland treten,
Verblaßt der Sternenahnen klare Spur!«

Der Erde Tat als Flamme sei nun ausgesprochen:
Als dumpfes Ziel erkürt sie auch Gewühlsgefühl!«
Sag ich: »Die Zukunft liegt dem Volke in den Knochen,
Doch weiß es nicht, womit das Blut sich sauber spül!«

»Man haßt uns, weil wir Christi Tat aussprechen,
Denn das Verlangen aller, da ist es getan!«
Werd ich bekehrt: »Noch will die Welt mit Rom nicht brechen,
Der Gaue Urbegehren schäumt dadurch als Wahn!«

»Ein heilger Sinn ist jedem dummen Sträuben inne,
Durch Krieg und Trutz nur hält die Ordnung stand!«
So meine ich: »Der Geist, die Furcht und Christusminne
Erglimmen in der Menschheit Angstsaharasand!«

»Doch du tritt in den Orden ein, du bist berufen:
Sei Bruder uns und trage streng das Streitgewand!«
Ist Auffordrung: »Wir kennen einzig Altersstufen,
Als Greis, seist du zum Großmeister ernannt!«

»Es kann der Mantel euren Schatten nicht bedecken.
Auch ihr bleibt wandelbar und heiligt eine Zucht!«
Das sprech ich aus: »Verrenkte Spottgebärden strecken
Sich von euch weg, verkündet ihr die Irrtumsflucht!«

»Du darfst nicht glauben, daß wir uns des Körpers schämen,
Mit Leibeskräften führen wir den Geisterkrieg!«
Ein Ritter meint: »Voll Wucht ist unser Trutzbenehmen:
Sprich, trittst du bei, sonst ringe um den Schemensieg!«

»Ich sage kurz, mein Wesen sucht nach Schaulustruhe,
Die Stille selbst birgt einen Lebenspriesterschein!«
Ist mein Bescheid: »Ich ruhe, wenn ich stumpf mittue;
Drum sage ich entschlossen: meine Herren, nein!«

 

        D er Löwe Galliens liegt am Rhônestrome in Schlummer
Und träumt von Raubzügen, die er bei Nacht vollbringt.
Am Tag ist er ein Schnarcher, Spinner oder Brummer,
Da alles drin von Räderwerken widerklingt.

Das ist das Stadttor mit dem Leu und Lilienwappen!
Ein ganzer Jagdzug geht daraus mit Lärm hervor.
Die Pferde drängen sich. Die Hunde bellen, schnappen.
Der Troßvogt spaßt. Der Schloßnarr kratzt sich hinterm Ohr.

Der Jagdzug, auch der Staub, – die Schatten sind vorüber.
Da steht ein Gasthaus, wie in Deutschland, knapp beim Turm.
Ein Lümmel kriegt vom Wirte seinen Nasenstüber;
Ich kehre ein, ich fühle dich, mein durstger Wurm.

Ich trete lieber in das dichtgefüllte Zimmer,
Da hebt ein Schatten stets den andern Schatten auf.
Dafür gibt es Gestank! Pour moi ist das nicht schlimmer,
Ich nehme diesmal ihn als malerisch in Kauf.

Ich rufe: »Wein her, Wirt, ich kann Euch bar bezahlen,
Denn edel bin ich, wenn auch durstig wie ein Frosch!«
Man schreit: » Tout de suite!« da sich Soldaten jetzt empfahlen:
» Monsieur le Chevalier sans peur et sans reproche!«

»Soldaten habt ihr wohl genug in euerm Lande!«
Beginne ich zur Wirtsfrau, die mich flink bedient.
»Ihr seid ein Deutscher wohl, und vom Gelehrtenstande?«
Fragt sie mich aus: »Ich sahs, als Ihr im Tor erschient!«

»Ei freilich!« meine ich: »Sagt, habt Ihr was dagegen?«
»Ach nein, vor kurzem war der Kaiser unser Herr!«
Spricht rasch das Weib und ruft: »Hier gibts wohl deutsche Degen?
So kommt doch her und laßt Geplänkel und Geplärr!«

Von einem Tische, wo ein Weib aus Streitsucht weinte,
Erhebt sich nun ein junger prächtiger Soldat,
Der zwar der Wirtin Frage mit dem Kopf verneinte,
Sich aber artig einen Platz bei mir erbat.

»Ich war bei euch und habe Teufel dort gesehen!«
Beginnt er: »Sagt, ob diese Hexe Euch gefällt?
Sie wird Euch ihre Brunst und Liebe eingestehen,
Sie hat sich oft zu fremdem Wandervolk gesellt!«

»Den Teufel saht Ihr? Sprecht, wie habt Ihr ihn gefunden?«
Befrage ich den Söldner lachend und erstaunt.
»Aus der Erinnrung ist mir das beinah entschwunden,
Doch ich erzähle es!« sagt der Soldat gelaunt.

»In einem Wirtshaus, irgendwo in Deutschlands Norden,
In einer großen Kaufmanns- und Soldatenstadt,
Ist mir das Glück, wie ichs erwähnt, zuteil geworden:
Ich weiß, wie mich das Schauspiel hergenommen hat.

Nun weiß ich es! Betrunkne Zecher schwätzten, stritten
An einem wohlbesetzten Tisch! Ich blieb allein.
Auf einmal balgten sich, entfuhren oder ritten
Zwei Spießgesellen unter uns, zum Dach, herein.

Der Schreck war gar nicht arg. Ich lachte wie die meisten,
Der eine war schon alt. Der andere hatte Bart.
O, ich erinnre mich! Die Lumpenbrüder kreisten
Um uns herum, voll Spottlust von gar eigner Art.

Sie sprachen viel von Liebe, mehr von guten Weinen,
Und saßen plötzlich wo am wohlbesetzten Tisch.
Sie schienen Kraft mit wahrem Anstand zu vereinen,
Und wollten sie's, entzischte irgendwo ein Wisch.

Ein Höllenwein quoll aus dem Korke unsrer Pfropfen.
Darob erboste sich kein einzger Trinklochtropf.
Sie konnten schrill an allen Kellerpforten klopfen,
Und oftmals sträubte sich, zum Juxe bloß, ein Schopf.

Der Bartlose war Satan selbst: ich kann es schwören!
Der andre schien nur sein Kumpan und Mensch zu sein.
Die Ösen nestelten aus unsern Hosenöhren:
Aus Flaschen, Spiegeln, guckten Weiber nackt herein.

Haha, wir freuten uns, wir schwelgten fast und lachten
Und dachten uns, da gibts bald einen Sabbattanz!
Wir taten so, als ob wir uns daraus nichts machten.
Nur einer sprach: Du glaubst, ich sehe nicht den Schwanz!

Er kicherte verschmitzt mit spitzen Zwinkerblicken.
Ich hörte gut, was er da sprach von seinem Sitz:
Du kennst die Sitten wohl, die sich für Menschen schicken,
Doch hinten hat dein Kleid einen verflixten Schlitz.

Und leise fuhr er fort: Dein Schwanz ist mir wohl sichtbar!
Die Natter auf der Kellerstiege merkt man schon!
Dein Steiß ist sicherlich nicht ganz gesichtsbar,
Doch schweige ich, gibst du ein Weiblein mir zum Lohn!«

»Was du da munkelst,« fahre ich dem Söldner in die Rede,
»Ist alt, ein Märchen schon, doch immer taucht es auf.
Die weisen Männer, Ketzer, wohl mit Rom in Fehde,
Umforschen uns, erfreun sich oft beim Seelenkauf!«

»Wie, sagt, das glaubt Ihr nicht, braucht Ihr Erlebnisdaten?«
Schreit frech und wirr das Wirtsweib, das im Winkel spricht.
»Wir sind zu dreien. Trau der Wildkatz, dem Soldaten,
Du hinkendes und hektisch bleiches Milchgesicht!«

»Ich schleife meinen Fuß aus Müdigkeit, Frau Wirtin,
Doch Ihr habt recht, denn meine Seele scheint mir lahm!«
So fällt mirs ein. »Laßt ab, Ihr Hexe, Ihr verwirrt ihn!«
Glaubt der Soldat: »Da er voll Unschuld zu uns kam!«

Da lacht das Weib und sagt: »Kommt, Satans Schwanz betasten!
Haha, mein Mondkalb, antwortet mir doch, Ihr wollt?«
Ich sehe beide an und fühle Geilheit glasten.
Ich merke auch, wie gräßlich er die Augen rollt.

Drauf schlägt das Weib dem Mann auf Brust, auf Schulter
Und ruft: »Der Schurke da, der flog schon einmal mit,
Das ist ein wohlgeschulter, zur Ausfuhr eingelullter
Gesell von Baal-Zebub. Sprich, keck war unser Ritt!«

Der Söldner fängt schon an in wilder Brunst zu stöhnen
Und nickt der jungen Hexe schwül und lüstern zu.
»Das nächste Mal fährst du mit einer andern Schönen,«
Verspricht sie uns, »heut abend salbe ich die Schuh!

Elf Brautstandhexen kommen auf elf Satansenkel,
Doch sagt, gefiel euch nicht die Lust bei Sonnenschein?
Von dir mag ich den Mund, bei dir die Muskelschenkel,
Ich lechze Mensch, ganz Mensch, ja weniger zu sein!«

Bald grölt wer vor dem Haus. »Das sind die Johanniter!«
Schreit wild das Weib. Doch sind wir alle rasch gefaßt.
Der Söldner hastet auf. Ich seh, den Degen zieht er.
Ich faß nach irgendwas und packe einen Ast.

Gesindel das, Verteidiger verdammter Pfaffen,
Durchzuckt mich Wut, und schon erschlag ich einen Mann.
Da geben uns fünf andere, im Nu, zu schaffen,
Doch jeder von uns beiden tötet, was er kann.

»Du Hund, vermaledeiter Galgenvögelröster!«
Durchloht es mich, und vor mir röchelt ein Soldat.
Der andre ist nicht feig, zwei Fleischpilger erlöst er.
Weh dir, du Hexenschinder, der mir naht!

Ich habe ihm das Häscherhirn jäh eingehagelt.
Stürz um, Spion von Rom, verfluchte Fehlgeburt.
Ihr hättet Christum ebenso ans Kreuz genagelt,
Wie ihr mit freien Ketzern gestern erst verfuhrt.

Auch dich erschlag ich, dicker Führer feiler Rotten!
Du hast wohl einen Mann, für eine falsche Mark,
Bereits lebendig irgendwo, um Prägerlohn, gesotten,
Und baumeln ließst du manchen schon für einen Quark!

Da liegen jetzt sechs Weltbürger, von uns erschlagen,
Und es beschnuppern Hunde, wie berauscht, ihr Blut.
Die Schuld von vier Mordtaten muß ich selber tragen,
Derweilen auf dem andern nur die Halblast ruht.

Wir sehn uns an: das waren eigentlich Soldaten!
Ich zucke mit der Achsel. Mein Gefährte spricht:
»Nun desto besser, keiner kann uns mehr verraten,
Und uns verfolgt man, ganz bestimmt, für die da nicht!«

Jetzt stürzt auf einmal eine Wölfin aus dem Keller.
Juhei, die Hunde kläffen auch schon hinterher.
Das rennt und bellt: das flüchtge Tier läuft aber schneller.
Die flinksten Köter kriegen es wohl nimmermehr.

Doch meinem Spießgesellen scheint das nicht geheuer,
Er sagt und kratzt sich gar bedenklich hinterm Ohr:
»Der Ausriß unsrer Huldin kostet uns noch teuer,
Doch die Verfolgung machen uns die Hunde vor!

Doch was, das schadet nichts, wir sind zwei wackre Degen.
Halt, sag, du bist so derb, magst du kein Landsknecht sein?«
Doch ich erwidre, ohne lang zu überlegen:
»Nein, nein, mein lieber Hiebgenosse, nein doch, nein!«

 

        E s streckt die Rhône sich nach unendlich großer Ferne,
Und wie ein Dunstgebilde sonnt sich dort Lyon.
Mit deinem Wasser, Glanzstrom, plaudre ich so gerne,
Hier hüpfen Zufälle den Lichtscherz-Kotillon!

Mit Sternen überschüttet, sprühen Wellenbrüste
Zu vielen Mittelwirbeln rhythmisch leicht heran.
Hier ist es mir, als ob ich wild aufjauchzen müßte,
So kräftig hält mich diese Lustigkeit im Bann.

Da spielen Fische mit der Luft und haschen Lichter
Und zeigen mutwillig die weiße Schuppenbrust.
Da tanzen Launen, lachen Wasserschallgesichter:
Hier ist die Lust für uns zu furchtbar unbewußt.

Ach Wasser, deine Klarheit kann ich nicht vertragen.
Du wähnst es ja, ich bin zu fragwürdig und lahm.
Du bringst mein Bild, dem Schatten gleich, in lange Lagen:
Weiß Gott, woher mein Haß gegen Verrenkung kam!

Ich wandre weiter, weiter, wie mich Träume treiben.
An meinen Wünschen hält mich was, doch keine Hand!
Allein mag ich mit meinem Wassergeist nicht bleiben,
Denn da empfind ich mich zu stark am Jenseitsrand.

Da kommen Johanniter, die will ich befragen!
Wonach? ganz gleich! wenn ich nur überhaupt befrag!
»Wollt ihr mir keinen Weg aus dieser Schäumnis sagen?«
Entträumt es mir; »sie quält mich schon den ganzen Tag!«

»Was Ihr da sprecht, ist uns, verzeiht, nicht ganz verständlich.
Wir können nur Französisch und dazu Latein.
Daß wir sonst nichts gelernt, bedauern wir unendlich!«
Meint freundlich einer: »Doch Ihr dürft nicht böse sein.«

»Im Wald ist man bei uns so höflich bloß mit Dieben,«
Erwidre ich, »vor mir habt aber keine Angst!«
»Besorgt sind wir, doch Furcht, das wäre übertrieben!«
Ist ein Geständnis: »So sage denn, woran du krankst.«

»Da ihr mich duzt, so sprecht ihr wohl mit meinem Schatten,
Mit meinem Kleid, und was mich sonst vor euch beschützt!
Der Mut, der euch entsank, kommt wieder euch zustatten,
Doch nichts scheint rasch wie saubrer Anstand abgenützt;

Das Wams, zu dem ihr sprecht, deckt besser meine Blößen,
Ist es auch arg geflickt, als wäre ich ein Narr:
Die Seele schirmt es doch vor plumpen Mönchsverstößen!«
So ich: »Und gibt mirs Recht, daß ich beim Spaß beharr.«

»Ihr seid mir wohl im Land der Witzbolde geboren,
Das wissen wir nun doch, obschon wir es nicht sehn!«
Erwidert einer flink. »Ich laß euch ungeschoren,
Mit Faust und Witz,« mein' ich, »wenn wir zusammengehn.«

»Gibt es bei Euch zu Haus auch Ketzerei und Hexen?
Erstickt man dort so forsch wie hier den Graus im Keim?«
Derart befragt, verfall ich noch den Folterfexen:
»Es heißt, der Teufel sei im deutschen Land daheim!«

»Was Ihr da sagt, das kann ich wahrhaft gar nicht glauben,
In Spanien und in Frankreich ist es furchtbar arg!«
Gesteht man mir: »Wir sehen Hexen Kinder rauben,
Denn reines Menschenfett brauchts Pack zum Sabbatquark.

Man nimmt auch Wolfswurz, Hexenkraut und Kot der Schwalbe,
Dazu noch Mohn und Blut von einer Fledermaus,
Das kocht man aus und walkt es dann zu einer Salbe
Und schmiert die Scham damit und fährt zum Dach hinaus!«

»Was ihr da alles sagt, scheint mir beinah wahrscheinlich!«
Entstottert mirs: »Ich habe heute viel erlebt:
Und sei ein solcher Vorgang auch verrückt und peinlich,
So möcht ich dennoch sehn, wie sich ein Mensch erhebt.«

»Das wird geschehn!« gesteht ein Mönch: »Bald wirst du staunen!
In diesem Walde geht es eben schrecklich zu.
Man brüllt da, tanzt, das übertrifft selbst Tollhauslaunen.
Hier gibt ein Teufel tausend Weibern keine Ruh!«

»Miau, miau!« Ich höre einen Chor von hundert Katzen.
»Da horcht einmal!« raunt ein Begleiter mir ins Ohr.
Und »Miau« und »Miau«: das pfauchen Weiberfratzen,
Und alle kratzen sich und kriechen platt hervor.

»Im Namen der Dreifaltigkeit, Satan entweiche!«
Beschwört ein Mönch schon diese wildbeseßne Schar.
Doch nur ein einzges Weib sinkt hin wie eine Leiche,
Und bei den andern bleibt es schrecklich wie es war.

»Miau, miau!« so miaut das schon auf manchem Baume.
Die Weiber klettern grad wie Wildkatzen hinauf,
Doch ein'ge stürzen ab und wälzen sich im Schaume,
Der ihr Gesicht bedeckt, und manche packts im Lauf.

Unheimlich das! da zuckt ein Weib zu unsern Füßen.
Wir heben es rasch auf und lauschen, was es lallt:
»Wir müssen hier für unsre Wüstensünden büßen,
Weil wir uns wütend in die Fürstin eingekrallt!«

Miau, miau! und laut miauend nahen tausend Frauen
Und reiben sich an unsern Beinen schnurrend an.
Das Weib aber stöhnt weiter: »In Bubastis Palmenauen
Bekam ich, selbst als Katze, einen echten Mann.«

»Jetzt aber kriegst du wohl nur einen Koch der Hölle?«
Fragt schlau ein Bruder vom lateinischen Spital.
»Ganz kalt ist er, ach, wenn sein Muskel selber schwölle,
Ich zerre, wärme ihn!« ruft sie; »doch er bleibt schal!«

»Rasch packt sie an: sie hat den Satanspakt gestanden!«
Ruft im Triumph der kluge Johanniter aus.
Man knebelt rasch. Nun liegt sie da in Häscherbanden.
Doch das ist lange nicht das Ende des Miaus.

»Ihr Pfaffen, wahrlich, ihr versteht euch auf das Heilen!«
Entfährt es mir: »Ich sehe, daß sich keine wehrt!«
»Es werden Brüder überdies herübereilen,«
So heißt es; »alle sind im Teufelszeug gelehrt!«

»Der Satan scheint mir eher aller Schatten!
Und diesen,« sage ich, »den schneidet ihr nicht los!«
»Der Schatten ist der Narr, den wir im Sarg bestatten!«
Erwidert man: »Der Teufel ist ein starres Los.«

Miau, miau! die höchsten Bäume sind erklommen.
Und hörbar pfaucht es im Gezweig: »Wir lieben euch!«
Ich aber denke mir, bevor noch Mönche kommen,
Schlag ich mich lieber plötzlich ins Gesträuch.

»Wir fünfe sind genug, wozu noch andre Brüder,
Ich helfe«, wage ich, »beim Heilen gerne mit!
Ich fürchte nichts: und wißt, ich bin ein nimmermüder
Verfolger von Mitauffliegern beim Sabbatritt!«

Miau, miau! Noch wetzen sich die Weiber stärker.
Wenn nur die Wölfin mich, geilschnuppernd, nicht umkriecht,
Sonst sitze ich des Nachts allein im finstern Kerker,
Mir scheints, daß einer schon bei mir den Satan riecht.

»Du Katze aus dem Tartarus, dich will ich heilen!«
Mit diesen Worten werfe ich mich auf ein Weib:
»Wir binden dich mit unzerreißbar festen Seilen,
Sogar die Seele, wisse es, knapp wie den Leib!«

»Ihr seid kein Pfaffe, ach, Ihr könnt mich ganz verstehen!«
Entlallt es jetzt dem Mund der Frau, die nicht mehr miaut.
»Ich darf nicht«, sage ich, »wie Gott die Gründe sehen,
Und du hast sündhaft dich dem Satan anvertraut!«

»Wenn Ihr vergebt, so will ich gerne alles beichten,«
Fleht weich das Weib. »Es sei der Seele dein verziehn!«
Verspricht ein Mönch. »Als wir den Sabbatberg erreichten,«
Gesteht sie ein, »befahl man uns, vor ihm zu knien!«

»Das Himmelreich steht deiner armen Seele offen,
Doch diesen Leib, der einmal schon den Satan barg,
Könnte der Böse doch noch zu erobern hoffen,
Drum liegst du«, heißt es, »dir zum Heil noch heut im Sarg.«

Fürwahr, ich bin verblüfft! die Künste dieser Brüder
Sind trefflich, von ganz eigentümlich großer Art.
Ich war ganz krank, ich zuckte schon, doch so ein rüder
Machteingriff in das Übel hat mich heil bewahrt!

Miau, miau! und wieder miau! Und ohne Ende
Miauen ringsum tausend Frauen frech und laut.
Ich packe eine: »Willst du, daß ich Gnade spende?
Du hast mich«, ruf ich, »früher lüstern angeschaut!«

»Du warst doch«, schmunzelt sie, »mein furchtbar strenger Buhle!«
»Ergreift mich!« ruf ich fast. Ich hab es nur gedacht.
Vorbei mein Leben, ja vorbei die Heilkunstschule,
Durchzuckt es mich! Man hat sich übers Weib gemacht

Und fragt: »Wann hast du Unzucht mit dem Mann getrieben?«
Nun werde ich zu ernst von Augen überwacht.
»Am Nil sind wir allein im stillen Hain geblieben!«
Ich atme auf: »Er hat«, ruft sie, »mich umgebracht!«

Gerettet bin ich! Und nun sagt auch schon ein Bruder:
»Ob dieses Weib beim Sabbat war, ist ungewiß!
Vielleicht besucht es nachts ein grabentfahrnes Luder,
Drum hört, beim Foltern forscht nach dem Vampirherzbiß.«

Miau, miau! Schon wehrt sich keine Frau. Das Miauen
Und Schnurren dauert fort. Wer fängt sie alle ein?
Mit tausend Brüdern füllen sich die blauen Auen:
Und dunkle Kutten nahen uns in Doppelreihn.

»O Jungfrau,« singt der Chor, »nun sende deine Gnade!
Durchglühe, Holde, das verstockte Sünderherz.
Entzücke uns zur Beichte, denn um jede Schwade
Ists schade hier, wallt aller Staub doch himmelwärts!«

»Ihr Brüder, hört, ich muß euch jetzt in Hast verlassen,
Ich kann kein Zeuge solcher Sünderflüche sein!«
Entrutscht es mir. »Du darfst nicht die Verirrten hassen!«
Erwidert wer: »Du sollst dich unsrer Heilkunst weihn!«

Miau, miau! so höre ich noch weiter miauen.
»O Jungfrau,« singt man, »mach uns durch das Feuer rein!«
»Nein!« sage ich bestimmt: »Zu furchtbar ist mein Grauen!«
Für diesmal kneife ich noch aus und rufe: »Nein!«

 

        D er Atem der Natur, der Wind, die Phantasie der Erde,
Erträumt sich Götterwolken, die nach Norden wehn.
Der Wind, die Phantasie der Erde denkt sich Nebelpferde,
Und Götter sehe ich auf gradem Berge stehn!

Ich atme auf, und Geister drängen sich aus meinem Herzen
Hinweg, empor! Wer weiß, wo sich ein Wunsch erkennt!
Ich atme tief: ich sehne mich, und Weltenbilder merzen
Sich in mein Innres ein, das seinen Gott benennt.

Natur! nur das ist Freiheit, Weltall-Liebe ohne Ende!
Das Dasein aber macht ein Opferleben schön!
O Freinatur, die Zeit gestalten unsre Werkzeugshände,
Die Welt, die Größe, selbst die Überwindungshöhn!

Ein Wald, der blüht, das Holz, das brennend, wie mit Händen, betet,
Wir alle fühlen uns durchs fromme Opfer gut.
O Gott, o Gott, ich Mensch habe alleine mich verspätet,
Wie oft verhielt ich meine reinste Seelenglut!

Im Tale steigt der Rauch, als wie aus einer Opferschale
So langsam und fast heilig, überm Dorf empor.
Ich weiß es wohl, die Menschen opfern selbst von ihrem Mahle,
Da eine Gottheit sich ihr Herdfeuer erkor!

 

        I ch glaube fest an Gott und an die ewge Gnade!
Jungfrau Marie, auch dich, o Mutter, liebt mein Herz.
Du bist in mir ein Traum und eine Wehmutslade:
Voll Demut lege ich vor dich die Furcht, den Schmerz.

Jungfrau Marie, der Tau der Ähren ist dein Schleier.
Die blonden Felder sind dein goldnes Sonnenhaar.
Die Liebe meiner Mutter deine Weihnachtsfeier,
Und meine Unschuld, Mutter, ist dein Weihaltar.

Jungfrau Marie, ein Mittagsfeld ist deine Stirne.
Dein Auge mein Verstand, der jeden Wunsch durchschaut.
Die Brauen sind ein Adler über jedem Firne:
Aus deinem Mund erlausche ich den Mutterlaut.

Jungfrau Marie, die Bauern hier im Tal sind Schwaben.
Aus deiner Kehle klingt ein Heimatwort so wohl.
Der Blütenwald ist nur die frömmste unsrer Gaben,
Von deinem Halsband jedes Dorf ein Karneol.

Jungfrau Marie, der Heimat Schutz sind deine Hände.
Dein Herz ist die Vergebung meiner schweren Schuld.
Und deine Schultern sind des Juras steile Wände,
Denn fern von welschen Menschen fühl ich deine Huld!

Wenn ich im Tal, zerknirscht, bald für das Übel büße
Und liebe Gott und meinen Nächsten so wie nie,
Jungfrau Marie, dann fühl ich deine heilgen Füße.
Und grüße dich: ich liebe dich, Jungfrau Marie!

 

        D as ist mein Heimatwald. Ich liebe alle Bäume.
Ich kenne diese Räume.
Sie wuchten, kuppeln ihr Geheimnis zu.
Sie sind ja alle, alle, lauter grüne Träume.
Ach, wie ich gern da säume:
Hier lege ich mich einst zur Ruh.

Ich schlummre ein und ruhe gut unterm Holunder.
Da schau ich tausend Wunder!
Da lieg ich ohne Rock und Schuh.
Mich decken Spitzenfarne zu. Was brauch ich Seidenplunder!
Mein Schlaf ist ein gesunder.
Ein Bächlein sprudelt mich zur Ruh.

In Frankreichs weiten Auen kannte ich gescheite Frauen.
Wird sie mein Auge nochmals schauen?
Die eine sinnt wohl, was ich tu!
Doch die ist weit von meinem Traum, ich konnt ihr nie vertrauen:
Sie hat so dunkle Brauen!
Nun mache ich die Augen zu.

 

        I st das die Sonne, sind es Augen, die mich wecken?
Ein Mensch mit rotem Bart und Haaren sieht mich an.
Ich will ihm meine Rechte gleich entgegenstrecken.
Ich sage ihm: »Grüß Gott!« Das ist ein heilger Mann!

»Willst du in meiner Grotte ein paar Wochen wohnen?«
Sagt mir gar sanft der Mensch im Einsiedlergewand.
»Ich glaube, edler Freund, das würde sich wohl lohnen!«
Erwidre ich. Und da erfaßt er meine Hand.

»Wir sind schon da, auf hundert Schritte liegt die Klause«,
Sagt mir mein Wirt, den ich jetzt still und gut beschau.
Er ist ein Riese und bestimmt im Wald zu Hause,
Sein Antlitz zwar so rauh, sein Auge himmelblau.

Es trägt mein Rotbart eine dunkelbraune Kutte.
Jetzt bleibt er stehn, bestimmt hat er sich festgeheckt.
Ja, er befreit sich schon aus einer Hagebutte
Und sagt: »Sieh, wie der Wald mich liebt und neckt!«

»Hier duftet es so gut nach allen Waldesharzen,
Und Beeren gibt es,« sag ich, »wie ich nirgend sah!«
Ich seh, mein Wirt hat das Gesicht ganz voll von Warzen,
Und viele, viele Fliegenpilze wachsen da.

»Nicht wahr. Wir halten ein paar Tage recht zusammen!«
Ermuntert mich der Klausner, und ich juble: »Ja!«
Ich staune: Felsen seh ich wie erstarrte Flammen.
Doch hinterm Heckendickicht lodert es beinah.

Da wohnt der Einsiedler: Ach, das ist wirklich niedlich,
Da weiden Rehe hinter einem Bohnenzaun.
»Nicht wahr,« sagt mir mein Mann, »hier ist es friedlich?
In dieser Grottenklause hoff ich zu ergraun.«

Da trägt jetzt eine Eberesche Prachtkorallen!
Wonach? Ja, nach Zyklamen duftet unsre Schlucht:
Bei Gott, nun fühl ich wohl, da kann es mir gefallen!
»Ein Eichkätzchen, ein Fuchs!« ruf ich: »Plumps eine Frucht!«

 

        » M ein liebes Kind,« sagt mir mein weiser Held und Lehrer,
»Ich mache dir jetzt meine Einsicht offenbar.
Der Schritt nach Norden wird den Menschen immer schwerer,
Und auf sein Wollustopfer stürzt der Sonnenaar!

Verstand und Kraft, die sich im Manne furchtbar paaren,
Empfinden, ahnen Gott, der in der Seele lebt.
Den Wandel bannend, zählen wir nach Erdenjahren,
Der Schein jedoch vermutet, was uns nie entschwebt.

Der Herrgott selber wächst mit unsern Sonnenkräften,
Und anders, ohne Unterschied, in jedem Glied!
Mir ists, als ob die Völker Pilgersegel refften,
Obwohl der Odem sie, durch Gegenwinde, schied.

Die Erde, unsre Lebensglut, was unbegonnen,
Der Dinge Frist, das Nichts, sind voll von Deutlichkeit.
Oft ohne Urspruch! Sprudel nie! Nur Flut von Bronnen
Und dem Gedanken eine holde Bräutlichkeit.

Doch Christus ist die Ruhe Gottes und der Dinge.
Er ist das ganze Ja und das bejahte Nein,
Der Ursprung, der nur kreist, daß er sich jung erringe:
Er blüht ihm Heil und überglüht der Sterne Schein!

Die Gnade ist kein Sinn, kein Sein, sondern bloß Einheit.
Sie ist das Leid der Gottheit, das sich offenbart:
In unsern Seelen aber schmerzbefreite Reinheit,
Die Liebe im Geschöpf, die sich ums Urweh schart.

»Ich selber sterbe!« hat die Gottheit ausgesprochen!
Wir wissen wohl, einst endigt unser altes Weltenleid:
Soeben stirbt ein Stern, Schmerz hat sein Herz gebrochen,
Und ruft uns ewig: »Tote, ach, wie schön ihr seid!«

Auch Gott ist eine Glut. Die Gnade ist sein Glühen.
Der Heiland hat sie über seinen Tod verneint.
Mit der Erfüllung müssen wir uns nordwärts mühen,
Denn dort ruht sie noch tief, versteinert, rein verneint!

»Nicht wahr, du Meister,« sage ich, »der Gottheit Ende
Ist nur ein Bild, wie aller Tod und Ungeburt.
Wir wachen, wirken nicht, der Geist der Gegenstände
Tritt unter uns und heißt: ich bin, was ihr erfuhrt!

Das Chaos gibt es nicht: es kann sich nie gebären!
Die Gnade ist und muß darum lebendig sein.
Gott sündigte, um uns Erlösung zu gewähren:
In Ewigkeit bleibt selbst der Tod von Sünde rein.«

»Mein Kind, das ist der Geist, den Christus dir versprochen!«
Erwidert mir mein sorgenloser Gottesmann:
»Er ist aus unsern Seelen herrlich ausgebrochen:
Jetzt lebt der Gott, den sich der Mensch dereinst ersann!

Bald werden wir ihm keine Tempelräume schaffen,
Auch Christus wird nicht mehr als Heilsgestalt bestehn.
Er kann sich voller Menschlichkeit dem Bild entraffen
Und urlebendig in den Weltgeist übergehn.

Der Geist in der Dreieinigkeit ist auferstanden:
Der Lebensgott und Christi Gnade sind nur er.
Die Einheit hören wir aus unserm Herzen branden,
Durchs Anderssein ergründen wir sie nimmermehr!«

»Warum sprichst du vom Glühen und von Gottesflammen,
Ist auch das Feuerelement bloß ein Symbol?
Ein Bild scheint mir ein Keim, dem Taten frei entstammen,
Und heute«, sag ich, »fassen wir bereits ein Wohl.«

»Mein Kind,« spricht nun mein lieber Meister, »jedes Gleichnis,
Das tausendfach erweht und ewig furchtbar wiederkehrt,
Ist hier im Ich und nicht im Weltenwuste das Verzeichnis
Undeutbarer Wahlwahrheiten, die man verehrt.

Was Gott geschaffen, war zur Daseinshaft gestaltet:
Leibhaftig hat der Geist sich in die Nacht gesenkt,
Und jedem Weltgedanken, der das All verwaltet,
Durch seine Bildwucht erst die Lebensform geschenkt.

Denn glaube, Sonnenstrahlen sind bloß Gottes Arme,
Mit deren Schwung er Wesen zu zermalmen droht,
Doch seine Hände werden weiche Luft, und warme
Leibhaftigkeiten schafft der Tag durch Selbstgebot.

Seit jeher glühte Christus in der Nacht der Erde:
Aus jeder Blütenschönheit, die aus Liebe starb,
Im Abendwind, in reicher Dankbarkeitsgebärde
Des Baumes, der am Tag sein Feierkleid erwarb:

So sanft im Reh, daß durch den Blick der Jäger zagte,
In allem Kindeslachen war er hold erwacht!
Der Heiland ist der Mensch, der in der Menschheit tagte,
Und Christus hat die Tat der Erdmutter vollbracht.«

»Da er ein Mensch war, wollen wir die Menschen lieben
Und ihn verehren, wo man seinen Nächsten schätzt.
Es ist uns«, sage ich, »sein Fleisch und Blut geblieben,
Der Geist hat unsre Leiblichkeiten festgesetzt.«

»Mein Kind, schon naht das Ende der Gewaltaskese,
Von Keuschheit ward uns Selbstzucht hintermacht,
Mir ist bestimmt, daß unser Weib des Fluchs genese:
Des Fleisches Auferstehung«, sagt er, »sei vollbracht!

Gewahrsagt ward im Inderland von einer Nymphe:
Der Mann steige dereinst zu Gott allein bergan.
Das Weib entsinkt ihm da, im eignen Fleisch und Schimpfe,
Doch auch der Tag erscheint, da er sie freien kann.

Wohl hat der Mann sich einst vom Weibe ganz geschieden,
Aus Freigeschlechtlichkeit die Welt nicht mehr gekannt!
Doch stürzte er: und wieder wandeln wir hienieden!
Nun rächt die Erde sich: wir sind dem Weib verwandt.

Wir Menschen treten uns gar fristenfern entgegen.
Der Mann, der jetzt die Frau über sich selber setzt,
Empfindet, daß er nach den steilen Wanderwegen
Das Weib, das sorglos schlief, sonst nimmer würdig schätzt,

Mit ihm die Kraft des Geistes furchtlos zu erfahren:
Und glaube mir, viel Männlichkeit durchtränkt die Frau,
Sonst könnte sie die eignen Tiefen nicht gewahren:
Nie träfe sie der Mann am Wanderwunderbau!

Kämst du, mein Kind, nach ein'gen hundert Jahren wieder,
So wärest du nicht mehr des Weibes Kavalier,
Es käme als Gefährtin freier Töchter nieder
Und hülfe dir!« Da frage ich: »Das Weib in mir?«

»Mein Kind, du sollst nicht bloß das Innigste verstehen!
Denk auch,« erfahre ich, »was dich am Tag erfreut!
Gefährlich ists, in Wissenswehmut zu vergehen,
Und Pflichterfüllung, daß man Urerkenntnis scheut!«

»Von Spaniens Klippen, wo die letzten Mauren hausen,
Über Sevilla und Toledo braust ein Sturm!
Ihn tanzen sich Gespenster, Hexen und Banausen,
Und siehe,« sage ich, »mich ziehts gar arg zum Wurm!

Wie freudvoll wärs, mit einer Metze mich zu drehen,
Ja, im Besitz von Weibern will ich untergehn.
Im Taumel fühlt ich eisigtief die Pyrenäen:
Lieb Frankreich könnte meiner Lust nicht widerstehn!

Von tausend Teufelinnen durch die Luft getragen,
Entleerten wir uns allesamt über Toulouse!
Das wäre wildes, gottverdammtes Lusterjagen:
Nein, nein, mit keinem Weibe wandre ich zu Fuß!

In meiner Freude will ich wie die Eulen fliegen:
In einer Nacht zehntausendmal vom Riff zum Rhein.
Die Ehe hasse ich und das Zusammenliegen:
Ich will ein schöner Träumer meiner Sünde sein!«

»Wohl würde wilde Sabbatsunzucht dich anwidern,
Du nahmst«, erfahre ich, »daran noch niemals teil.
Die Welt läßt sich nicht heilsam ineinandergliedern,
Denkt jeder nur an seine Lust und nicht ans Heil.

Die Glut der Sinnlichkeit kann selten frei erglimmen:
In Indien und im alten Rom, da hat das Meer
Vermocht, die Rhythmen der Familie klar zu stimmen,
Doch Brunst macht heute weibertoll und wonneleer!«

»Das nächste Mal jedoch will ich zum Sabbat reiten!
Daß ich ein Sünder bin, o Meister, weiß ich wohl.
Doch was die Sünde ist, darüber läßt sich streiten,
Was man so nennt,« erwidre ich, »ist ein Symbol!

Durch jeden Schritt und Atemzug sät man Zerstörung.
Als unser Schöpfer übel tat, war ich dabei.
Doch, daß ein Mord schon Sünde sei, das bleibt Betörung:
Das Leben ist die Sünde, Gott haßt bloß das Ei!

Aufjubeln heißt, die dumme Niedertracht vergessen.
Die zehn Gebote sind ein eitel Staatsgeschäft.
Zum Sabbat fliegen, heißt sein Ungewicht ermessen,
Und teuflisch ist man nur, weil man den Flug nachäfft.

Der Satan trachtet seinem Gott schrittweis zu gleichen,
Den dummen Teufel drum, der nachahmt, nenn ich schlecht.
Der Spiegel selbst, der Neid, die Sucht, Ruhm zu erschleichen,
Und das Geschlecht ist schlecht, solange es ein Knecht!

Ich aber trachte keine Rotznase zu zeugen:
Dem Schöpfenden sind Dienst und Zufallspiel ein Graus.
Ich will mich nicht vor Gott und seiner Prüfung beugen
Und schaffe gut, wie das Genie, aus Gott heraus!

Mein Weib ist weich und frei. Mein Zweites ist meineidig.
Und unsre Lust gellt jungen Jubel in die Welt.
Wie gut ist Luft: kein Pfuhl mir so geschmeidig.
Sag, Baal-Zebub, ob dir das Dreiblatt wohl gefällt!

Ein Hagelball sei unsre Sommernachtmatratze,
Die hält uns frisch, und nimmer dampft der Weiber Schweiß.
Im Winter deckt der Föhn mich zu mit meinem Schatze:
Ein Geist bin ich und liebe leichtes Traumgeschmeiß.«

»Mein Sohn, knie nieder und empfange meinen Segen!
Du reizt dich oft zu grausen Sabbatträumen auf.
Ich weiß: dein Sündenüberblick ist kühnverwegen,
Und drum erlaubt auch Gott nicht deinen Heilsverkauf!«

Das höre ich und fühle Hände auf dem Haupte,
Und dann: »O Herr, bewahr ihn vor dem Tatentschluß!
Nur du, sein Schöpfer, weißt, was ihm die Heimat raubte:
Mein Kind, nun ziehe fort, das war mein Abschiedsgruß!«

 

        D ie Blätter lächeln, Wicken kichern keusch vor Freude,
Das nenn ich so, weil ich den Wald ja nicht versteh!
Natur, erklärst du dir mein blaues Traumgebäude?
Erkennst du dich in mir, du treues, scheues Reh?

Du fliehst mich wohl, du gleichst wahrhaftig meiner Seele:
Fliegt auf, ihr Vögel, fliegt! Ich schlage auf den Strauch:
Hei, hui, herbei, davon! doch stumm bleibt meine Kehle,
Dahin, ganz still dahin ist der Betrübtheit Rauch.

Ich stehe starr, im lauten Walde und alleine.
Entwurzelt sich in mir ein junger Wesenstraum?
Was ahne ich? Ich weiß nur, daß ich innig weine:
Aus Trauerkränzen überbaut sich groß ein Baum!

Ihr Siegerzweige könnt euch in den Äther strecken,
Ach, eure urbewußte Stummheit ist zu stolz!
Ihr fühlt die Wurzeln, die euch unbeugbar erwecken,
Ihr seid erfaßter Saft im ungebrochnen Holz.

Unscheinbar, wie aus Überdruß, tragt ihr die Zapfen.
Die Eichel kündet euern kleinlichen Verfall.
Bleibt wurzelstark, packt immer andre Waldstandstapfen.
Beharrt, als aller Unschuld sterbensfreier Wall.

Wie nackt und arm empfinde ich des Daseins Schande!
Wie dumm, wenn unser Wurzeln, lustbewußt, aufzuckt.
Der Tod verfolgt uns für gebrochne Stammbaumbande,
Der Urwald ist es, der um Wanderwesen spukt.

Ach Wald, mein Dasein faß ich hier als Kraftgedanken,
Beim Wandern aber rauschst du über mir als Traum.
Ach Wald, ich weiß, daß wir die Einsicht dir verdanken,
Mein Leib ist bloß ein Schatten, und ich selbst bin Baum!

 

        N ur der Bach kann lachen. Nur die Nacht kann lachen.
Es ist ja bei Kindern fast immer nur Scherz.
Nur wer liebt, kann aus Liebe sich wirklich was machen,
Und wer singt, dazu singt, nur der kennt den Schmerz.

Nur der Maiwind kann tanzen. Welche Maid will nicht tanzen?
Meine Maid mag nicht tanzen. Meine Maid hat kein Herz.
Nur die Luft ist so lustig: und drum nimm deinen Ranzen
Und denke, du liebst, und dann liebt dich der Schmerz.

 

        I ch weiß das Lied von einem Wichte,
Eine so einfache Geschichte:
Er war das Launenkind vom März
Und hatte wie der Mensch ein Herz.

Sein Vater war vielleicht die Kälte,
Drum kriegte er von allen Schelte;
Wenn seine Mutter Windsbraut blies,
So hieß es, daß sie ihn verstieß.

Auf einmal kamen laue Winde.
Die Spechte klopften an die Rinde.
Da hüpfte auch des Wichtes Herz,
Doch trieb mit ihm die Freude Scherz.

Er sah die Schwalben Nester bauen,
Das Frühjahrsgrün auf alten Auen,
Ganz einsam blieb nur er, der Wicht,
Und rief: Noch blüht die Linde nicht!

Bald kam der Blütentraum der Kirschen,
Im Wald das Kalben von den Hirschen.
Auf einmal schlug die Nachtigall:
Und horch, man horchte überall!

Das Wichtlein blickte hin zur Linde,
Sie rauschte kaum im leisen Winde.
Warum wohl die sein Traumbild war?
Wer weiß: sie schien ihm wunderbar.

Mit Blitz und Donner kam der Regen,
Um auch die Rosen wegzufegen.
Da fürchtete sich lieb der Wicht,
Es blieb sein Herz im Lenz so schlicht!

Die Mutter fiel ihm ein im Sturme.
Er blieb mit einem Regenwurme
Im Nassen oder gar versteckt.
Dann ist sein Freund, der Wurm, verreckt.

Auf einmal gab es keine Winde.
Verblüht war aber auch die Linde.
Gar blutig lachte noch der Mohn,
Da starb der Wicht an Leid und Hohn.

 

        H ätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders!
Wollte blauer Tauwind hold meine Segel schwellen,
Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers,
Und ich müßte nimmermehr mich ums Mehr zerquälen.

Wäre wenig anders nur: hätte ich ein Fünkchen Glück,
Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht,
Denn ich fühlte mich im Weib bis in meinen Grund zurück:
Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durchwacht!

Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin,
Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht,
Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn!
Nirgends fände ich den Zweck, und ich stürbe doch vor Leid.

Dennoch höre, Erde, mich: ich bin auch ein Kind von dir!
Erde, ach, ich liebe dich. Liebe ist mein Erdensang.
Erde, liebe deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Tier!
Erde, warum bin ich hier liebesarm und totenbang?

Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück!
So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht.
Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück.
Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht.

 

        M ein Herzog, mein Herzog, ich bin überwunden:
Mein Herzog, mein Herzog, o schweige, vergib!
Du starbst doch am Kreuze, so laß mich gesunden,
Ich schüttle mich, rüttle: und Staub bleibt im Sieb!

Mein Herzog, mein Herzog, ist das deine Gnade?
Mein Herzog, du hast mich zu plötzlich gepackt!
Du knickst mich, ach, laß mich am Schmerzpilgerpfade:
Vor Gott und vor mir geh ich barfuß und nackt!

Mein Herzog, was tat ich, was hab ich begangen?
Schon vor der Geburt, Heiland! schlugst du mich lahm.
Du ließest mich furchtbar nah zu dir gelangen,
Daß Schwindel, Verzweiflung bald über mich kam.

Nicht daß ich vier Menschen, wie ich bin, getötet,
Nicht das, großer Herzog, betrübt mich zu Tod.
Ich bin ob der Untat urplötzlich errötet,
Und damit genügte ich deinem Gebot!

Doch ohne die Tat wärst du niemals erschienen,
Ich hätte mich nimmer so furchtbar erwühlt!
Mein Herzog, ich seh dich, nun muß ich dir dienen:
O hätte als Sklave ich nie mich gefühlt!

Die Tat ließ im Herzen den Urtag ergrauen:
Jetzt leuchtet in mir sanft und sonnig das Lamm.
Mein Herzog, ich mag nicht so tief hinabschauen:
Mein Herzog, du heilst nicht, das trübt noch den Schlamm!

Mein Herzog, du bist das Gespenst aller Gnade:
Ich hab dich als Sünder und Schöpfer erkannt.
Nun sage mir, wie ich der Qual mich entlade:
Nur wer dich durchschaut, sei, dir gleich, arm genannt!

Denn Reichtum, mein Herzog, ist Freiheit! kein Elend!
Und du bringst dich selbst in den Schöpfungen um,
Ich habe, das Heil und die Einsicht erwählend,
Mich furchtbar verflucht: Gott, o wärest du stumm!

Mein Herzog, mein Herzog, als Hiob erkannte,
Wie leidreich und arm Gott der Demütge ist,
Da war es sein Herz, das zum Schöpfer sich wandte:
O schlage mich, Herr, der du selbst Glück vermißt.

Mein Herzog, mein Herzog, du triffst mich zu schrecklich!
O sage, warum du in mich dich vergrubst.
Du wußtest, ein Mord sei im Krüppel erwecklich,
Und suchtest, bis du den Triumphschrei anhubst.

Mein Herzog, mein Herzog, du hast mich vernichtet.
Mein Herzog, was hilft dir ein einzelner Christ?
Jetzt triff mich: ich habe mich selber gerichtet!
Du blätterst: wo Einsicht so tief an mir frißt!

* * *

        » W as ist ermüdender als gut zu Mittag essen?
Nun, teure Freundin, tue, was mein Blut erfreut.
Du hast genügend lang gefräßig stumm gesessen,
Du weißt, daß sich mein Herz vor keinem Teufel scheut.«

Kaum sag ich das, so horcht die Buhlin auf und zwitschert:
»So lassen wir für heute den Nachmittagsspaß,
Doch wenn die Venus hoch am Osterhimmel glitzert,
So führ ich dich zu aller Wollust grausem Übermaß.

Die Türme Speyers kannst du gut von hier gewahren.
Rasch rutsch ich hin und bin zur Dämmrung wieder da.
Dann wollen wir zusammen durch den Schornstein fahren:
Nachts treibt der Satan allerhand Allotria.«

»Das ist ein Zufall!« ruf ich: »Wahrlich eine Freude!
Ich forsche, frage rings im Elsaß und der Pfalz
Nach einer Sabbatbraut: neun Monde schon vergeude
Ich nutzlos wandernd, sprich, hast du das Satansschmalz?«

»Ich will es hurtig für die Auffahrt zubereiten.
Aus Speyer«, hör ich, »bring ich was mir abgeht mit.
Es fehlt mir Uhu-Blut, Fünffingerkraut und Kleinigkeiten
Wie Katzenkot, die nötig sind als Salbenkitt.

Gestocktes Kinderfett liegt hier in meiner Truhe:
Du kennst die Beeren doch vom Nachtschatten genau?
Klaub sie heraus. Du bleibst allein. In aller Ruhe
Besorg das Amt: nach Sellrie halt ums Haus Umschau.«

»Ich bleibe nicht, ich will mit dir hinein nach Speyer!«
Erwidre ich: »Mit meinem Schatten wird mirs bang.
Fürwahr, ich fürcht mich wenig vor der Teufelsfeier,
Doch dieser lange Alp-Halunke macht mich krank.«

»Ich tummle mich. Entwisch mir nicht. Ich komme wieder!«
Sagt rasch das Weib: »Willst du Priál zum Zeitvertreib?
Orolas, Chax und Botis singen Wollustlieder,
Und Buar schlüpft in einen jungen Weiberleib.«

»Ich bleibe nicht, ich bleibe nicht, ich will nach Speyer!«
Erwidre ich: »Mein Schatten macht mich seelenwund.
Kein Teufel ist mein irdischer Gespenstbefreier,
Der Satansschatten da verfolgt mich wie ein Hund!«

»So laufe, was du kannst, und hole, was ich brauche!«
Sagt mir das Weib: »Beim Katzenstein wohnt Eligor,
Auch Ix, die Hexe mit dem Fuchspelzbauche,
Die gibt dir alles, zeigst du diesen Zettel vor.«

»Verflucht!« ruf ich: »Du kommst nicht mit! der dumme Schatten
Begleitet mich und ist so schnell wie ich am Ort.
So hager als er ist, er kann doch nie ermatten,
Stets ist er da, bei Wollustgrauen, Scham und Mord!«

»So humple fort!« schreit forsch das Weib: »Ich habe Eile.
Beim Sabbat bleibt der alberne Geselle weg.
Mit Volak machst du, bis ich elf zähl, eine Meile,
Und wenn du wiederkommst, so hol ihn dir im Dreck.«

»Hallo! juhei! ich tanze heut mit einem Weibe!
Ich laufe hurtig!« rufe ich: »Sonst huscht ich stets
Den Butzentanz mit einem Traum, statt einem Leibe:
Mir scheints, der Haß gegen den Schatten da verräts!«

»So laufe denn,« keift laut das Weib: »Ich hole Otze
Und mache Quark, bevor der Ostertag verglimmt.
Dann wirst du sehn, wie ich dem Römerherrgott trotze.
Komm bald zurück, heut abend luderst du bestimmt!«

 

        O Dom du! Was ist das? Wie furchtbar! entsetzlich!
Gespenster umwirbeln dich schattenhaft blaß.
Sprecht, seid ihr auch Spuk? Denn ihr scheint unverletzlich,
Doch selbst eure Hagerkeit dünkt mich zu kraß!

Da sagt mir ein Bürger, den Blick unter Tränen:
»Ein gräßliches Unglück umnachtet die Stadt!
O sieh diese Schlünde, die aufgeklafft gähnen,
In die sich die Tanzschar hier eingekerbt hat.

Heut ist es ein Jahr, seit der Wirrwarr begonnen.
Es rief eine Hexe: Der Sabbat stockt da!
Gleich hat sich der furchtbare Wuttanz entsponnen.
Der Rhein ist der Wall! schrie sie auf! Dann: Hurra!«

»Wahrhaftig,« erwidre ich, »sind das da Leute?
Doch sehn sie die Welt nicht. Ihr Blick ist zu starr.
Es sind ja, vertrocknet, nur Knochen und Häute:
Ein Schatten ist dicker als so ein Tanznarr.«

»Blick hin, diese Leiche dort tanzt ohne Arme.
Sie war einst die Tochter des Küsters vom Dom.
Der Vater beschwor sie und packte die Arme.
Ihm blieben die Arme, das Kind diesem Strom.

Noch wirbeln sie weiter. Ein Jahr ist vergangen.
Kein Bischof, kein Segensspruch bändigt die Wut!«
So schluchzt er: »Sie haben kein Ruhe-Verlangen,
Dreitausend aus unserer Stadt sind es gut!«

Die Kleider sind Fetzen, das Fleisch faul wie Hadern:
Ein Gnom schleppt wohl taumelnd die Toten dahin.
Gar schwarz ist das Blut, wie ich denk, in den Adern.
Das schaufelt und schabt schon in Gruben tief drin.

»Das Grab, das da klafft, ist nur Schatten auf Schatten.
Die stets gleichen Massen zerkratzen den Grund.
Die Schatten tun«, sag ich, »das Amt schwerer Platten,
Und glaubt, unser Wegbruder wetzt sich oft wund!«

Der Bürger ist weg, und ich schau auf die Puppen.
Das sind dürre Mumien mit lebendem Haar.
Sie tanzen und fallen, wie zuckende Schnuppen.
Oft grinst schon ein Loch, wo die Nase einst war.

Die Flechten in Wirrnis durchknistern wohl Läuse:
Ha! Würmer zerfressen den furchtbaren Spuk.
Ein Zahnlückenmund klafft als Schneckengehäuse,
Und siehe, der tut einen grausen Schaumschluck.

»Wir wollen den Dompropst hier drinnen verscharren.
Der Tod hat ihn diesmal als ersten erlest.
Selbst heute, am Ostertag, schiebt man den Karren!«
So spricht man: »Denn wißt, er ist schrecklich verwest.«

»Man zieht ihn nicht, sondern man wird ihn nur tragen.
Seit Ostern starb niemand, nun ist es ein Jahr!«
Erzählen sich Bürger: »Doch seht, wir beklagen
Die ganze verdammte, wildtanzende Schar.«

O Schauder, schon bringen acht Nonnen den Toten,
Im offenen Sarg, mit Kapuzen vermummt:
Sie kommen von oben! Acht Schattenvorboten
Sind furchtbare Phallusse! Horcht, was man summt:

»O Herr, gib der Seele des Erdpilgers Frieden
Und fege dann, Feuer, was Makel ist, weg.
Schon büßte die Seele, in Schande, hienieden,
Nun fege uns, Feuer, den letzten Schandfleck!«

Jetzt tanzen die Leichen noch rascher und grauser
Und sperren dem Leichenzug, wirbelnd, den Weg.
Da ruft eine Stimme: »Der Propst war ein Knauser
Und auch im Gebet für die Tanzmumien träg.«

Ein Pater erhebt seine Hände und bittet:
»Ihr Schatten des Vorhöllenfeuers, macht Platz!«
Doch nutzlos, der Tanz wird nun roh und entsittet!
Schon macht ein Gespenst auf den Sarg einen Satz.

Dann bricht eine Nonne ermattet zusammen.
Die armlose Leiche zeigt grad auf den Turm,
Da kreischt es: »Wir wollen uns donnernd verdammen,
Wir läuteten nicht, dafür naht nun ein Sturm!«

Entsetzlich ist jetzt der Lebendgen Erregung!
Das flucht und das betet, macht Zeichen und schreit.
Ein Dompfaff versucht eine Irrtumsauslegung,
Jetzt packt eine Leiche, die tanzt, eine Maid.

Nun endlich erdroht dumpfes Totengeläute.
Gleich macht auch der Tanzspuk dem Leichenzug Platz.
Ganz langsam verstummt das Geheule der Leute:
Es endigt der Leichen entsetzliche Hatz.

Alt dröhnt nun der Brummbaß. Schnell klingeln die Glöckchen.
Es legen Verreckte sich knirschend ins Grab.
Drei tote Blondinen erheben die Röckchen
Und wirbeln dann grinsend ins Ringloch hinab.

Jetzt geht es zu Ende! Bald haben wir Frieden!
Vom Dom her ersummt schon der Totengesang.
Da liegen sie alle, die tanzend verschieden,
Doch gräßlich erhebt sich der Leichengestank.

Ein furchtbarer Rummel durchdonnert die Ruhe.
»Die Pest!« heult der Volksmund: »Die Pest, seht die Pest!«
Ich weiß nicht, warum ich verzweifelt mittue.
Auch ich schrei: »Die Pest, seht zu Christi Hilfsfest!«

Ich weiß nicht, was soll die Erbittrung bedeuten.
»Die Juden und Ketzer verpesten das Land,
Wir wollen die Hexen verbrennen und häuten!«
Das kreischen die Schreier, vor Angst wutentbrannt.

Da läuft schon ein Haufe zum Stadttorgefängnis
Und fordert, bei Hinrichtung Zeuge zu sein.
Der Wache erblitzt ihre wilde Bedrängnis,
Der Hauptmann kommt rasch mit dem Mob überein.

»Sie sollen verbrennen, wir wollen sie schinden,
Die Ketzer und Fremden verbreiten die Pest!
Verräter zertrennen, Gedärme aufwinden,
Das wollen wir!« wütet man vor dem Arrest.

Gewühl schafft das Scheiterholz emsig zur Stelle.
Wer ruft und was droht: »Gebt die Hexen heraus«?
»Das brennt schon!« ruft hurtig ein Foltergeselle.
Rot wuchtet Wust auf, und schon folgt der Applaus.

Ich weiß nicht warum, doch ich schrei wie besessen:
»Verurteilt ist keiner, drum wartet noch zu!«
Ich habe mich angstlos zum Einspruch vermessen.
Das Pack ruft: »Die Ketzer!« und läßt mich in Ruh.

»Ihr Römlinge!« schrei ich: »Verdammte Verräter,
Verbrennt lieber Mönche! befreit unser Land!«
Da sagt mir ein Nachbar: »Das machen wir später:
Der Satan reicht Pfaffen und Hexen die Hand!«

Ich rufe: »Ihr Schurken, ihr grausamen Schufte!«
Da huscht schon das Feuer lebendig empor.
Mir ist, als ob jemand mich böswillig puffte,
Doch dringt sonst kein Schimpf gegen mich an mein Ohr.

Die Flamme wirft rostrote Schnuppen von Schatten,
Die tanzen wie wahnsinnig steil um uns her.
Die Wabe pfaucht auf. Das Gericht geht vonstatten.
Schon naht uns ein Zug. Das Gefängnis ist leer.

Erst kommen die Nonnen und singen im Chore:
»Herr Jesus, verzeih deinem sündigen Kind!
Maria, empfange im Welttränenflore
Die Seelen, die bitter und böswillig sind!«

Die heiligen Schwestern sind wandelnde Schatten.
Die Schemen daneben hingegen sind wahr.
Es sind das da Irrwische, Augenblicksratten:
Ja, Fledermausschwärme erblick ich sogar.

Man singt: »Deine Gnade kann alles vergeben,
Auch Ketzern und Hexen, die Jesum verflucht.
Selbst wo sie vor Menschen das Haupt frech erheben,
Hast du ihre Demut, o Heiland, verbucht.«

»Mama, ach Mama!« wimmern rasend die Armen.
»Mama!« nur »Mama!« brüllt die Sündopferschar.
Die Scharfrichter halten sie stark an den Armen.
Die Flamme pafft auf, und es sträubt sich das Haar.

Es singen die schwarzen Gestalten: »Ihr Gnaden
Des Himmels, ergießet euch über die Welt;
Es brachten die Ketzer uns furchtbaren Schaden,
Der Mensch hat verziehn, will der Heiland Entgelt?«

»Mama, ach Mama, lösch den Wutsalamander,
Den roten, den drohenden Unhold mach tot!«
Man klammert sich schreiend, ganz Angst, aneinander.
»Mama!« nur »Mama!« schluchzt der Mensch in der Not.

Das Wort hat den Mann aus dem Weibe erhoben.
Nun stürzt uns die irdische Leiblichkeit nach.
Fast werden wir Zwitter! Die Brunstgluten toben.
Der Geist sträubt sich auf und verdammt unsre Schmach.

Das Volk singt: »Sie brachten den Streit und das Fieber
Und fuhren zum Sabbat! wir hatten die Pest!
Die Menschen verziehen: wir wissen, o lieber
Herr Jesus, daß du keinen Sünder verläßt.«

Man packt seinen Scharfrichter, halst ihn und bittet:
»Nur leben, nur leben, im dunkeln Verlies.
Die Mauer ist schwarz, ach, der Ausweg verkittet,
Mama, hilf, Mama, da uns Jesus verstieß!«

Jetzt steht schon, so schattenlos, mancher im Feuer.
Ich hör fast kein Brüllen der bratenden Schar.
Das Volk hier am Platz wird zum Wutungeheuer,
Sogar den Mamaschrei nimmt niemand mehr wahr.

Da schrei ich: »Die Wabe entwallt dem Vulkane!
Das da ist des Ararat Allflammenkranz:
Ihr opfert Zehntausend im Strafablaßwahne
Und seid nur des Ur-Fatums blasser Abglanz.«

Es flammen die Ketzer. Es singt das Heer Christi:
» Qui Mariam absolvisti!« Und: »Mama!«
Hallt es noch laut: » Quondam mihi spem dedisti!«
Gehts weiter, und Wahnschatten flattern mir nah.

Da schrei ich: »Wir nahen dem Araratkrater!
Wir wachen und wandeln durch Wabe und Glast,
Denn Glut nährt das Drama im Alltagstheater,
Und alle hat Weinwut und Wahnwitz erfaßt!«

Man packt mich beim Arme. Ich werde geschlagen.
Man schreit: »Diesen Fremdling zerbleut und verbrennt!«
»Ich sah ihn bei Kolmar, vor etlichen Tagen!«
Durchschreckt michs: »Er zeigte sein Klumpfußtalent!«

»Der Ararat spukt noch. Ihr kreuzigt Zehntausend,
Wie Gott es«, so schrei ich, »der Menschheit befahl!«
»Mama, ach Mama!« kreischt man fort, und wildbrausend
Entfachen rings Flammen unsagbare Qual.

Wer fesselt mich, reißt meine Kleider in Fetzen?
»Der da hat vor Schatten, vom Sabbat her, Angst!«
Spricht feixend ein Bürger von früher. Entsetzen
Erfaßt mich. Er lacht: »Daß du Gnade erlangst!«

»Mama, ach Mama!« schrei ich laut mit den Scharen
Von blassen Gestalten, die Jesus bestraft.
Was zieht und wer zerrt uns an Armen und Haaren?
Ich rufe: »Wacht auf, die ihr weltwandernd schlaft!«

Der Schatten der Obrigkeit macht große Possen:
Am Erdboden zeichnet er Schnurren voll Witz.
Doch mich hält der Vorgnom zurück: mit zehn Rossen
Bringt keiner mich fort, da ich schattenfest sitz.

»Bemüht euch nicht!« ruf ich; »mein bleischwerer Schatten
Beschützt mich: an ihm zog ich selber mich lahm!
Doch seht, meine Sühne geht ehern vonstatten:
Ich lodre als Mensch, denn ich brenne vor Scham!«

Ich weiß wohl: ich durfte kein Weiberfleisch kennen!
Nun werd ich davor durch den Henker geschützt!
Ich prahlte, ich wollte zum Hexenfest rennen
Und habe die Unschuld im Traum abgenützt.

»Du Zauberer!« schreit man und tut mir zuleide,
Was nur eines Scharfrichters Roheit vermag.
Doch ich und mein Schatten, wir halten uns beide
Mit Blutwurzeln fest, ja, ich fühl keinen Schlag.

Jetzt ruf ich auf einmal: »Ach, laßt mich auf Erden!
Ich schlürfe die Farbe als himmlischen Kuß.
Ich lebe, begreifend, ein Künstler zu werden.
Ach, schwärzt meine Seele nicht furchtbar mit Ruß!«

»Mama, ach Mama!« so entschluchzt es Verirrten
Auf Erden, in loderndem Büßergewand.
Mir ists, als ob Schmerzfackeln nah uns umschwirrten:
Ich weiß, in ein Maß ward das Leibleid gebannt!

»Das Erdrund war niemals so ruhig wie eben.
Es spuckt nur der Berg, wenn ihr Ketzer erwischt.
Doch bald wird das Innre der Welt wild erbeben,
Dann werdet ihr mild, denn der Glutsturz erlischt.

Der Ararat aber wird Weltgericht halten!
In euch ward die Wabe durch Selbstmarter stark.
Die furchtbar verhaltene Glut kann Erdspalten
Weit aufreißen: Satans Welt fällt in den Sarg!«

Das rufe ich laut, – und mein Schatten ermattet.
Acht Scharfrichter schaffen mich lahmen Mann fort.
Ich werde jetzt bald in der Sonne bestattet!
Ich falle ins Licht: das Erdgerank dorrt.

»O Sonne und Erde, ihr seid unzertrennlich!
In mir, großer Lichtvater, bist du das Weib,
Das Erdaugen liebt. Doch erkenn ich dich männlich,
Als Teil dieser Erde und Meister im Leib.

O Sonne!« so bet ich, »du scheinst nur so ferne,
Doch allgegenwärtig durchglühst du mein Sein!
Du Erde wächst samend weit über die Sterne,
Du grübelst in mir dich ins Weltall hinein!

Mama, ich umhalse dich wahr in den Flammen.
Macht rasch! rasch! Mama, ach Mama, welches Leid!
Wir brennen. Mein Schatten und ich sind zusammen.
Wie's wahnsinnig Schmerzflocken rings auf mich schneit!

Macht rasch! rasch! Mama, ach Mama: wie ich rase.
Nur rasch! rasch nur, Rauch her: wischt Schmerz ab, wischt weg!
Nur rasch, ach, Brandfalter umflattern die Nase.
Nur Rauch, Rauch, ich brauche rasch Rauch im Versteck.«

 

        E ntsetzen. Die Glut würgt hervor im Vulkane!
Ich liege im Schachte und werde verbrannt.
Im Ararathals braten Sabbatkumpane,
Und ich bin im Tartarus fest tiefgebannt.

Doch bald pfauchst du nimmer, du letzter Titane!
Den Krater verscharrt die rings wachsende Wand.
Sofort ist im Tode das Erdleid vergessen:
Die Schmerzen der Brandwunden fasse ich kaum.
Ich hatte mich, sterbend, zu glauben vermessen,
Die Seele entfliehe als Taube dem Raum.
Doch nein, zwischen Araratfelsen und Pässen,
Gewahr ich noch immer den innersten Traum.
Ich bin doch nicht tot? Bloß mein Tag ist erstorben;
Ich atme und qualme so lustig dort fort.
Mein Leib wird von glühenden Bräuten umworben:
Der fiebernde Schmerzbaum jedoch bleibt verdorrt.
Das blühende Blättergefühl ist verdorben:
Mein Wesen beruht nun bewußt auf dem Wort.
Entsetzlich! wir sterben, und Spuk muß bestehen!
Was wirbelt wo grauenhaft krampfhaft ins Sein?
Ich sehe, wie Schatten sich wahnwitzig drehen
Und plötzlich dem Scheine Weltwahrheit verleihn.
Wo Helden und Ketzer im Urstaub aufgehen,
Hockt noch ihr Verfolger am Grenzmarterstein.
Sie holpern und hopsen: und einer packt alle.
Ein Rauchmeteor stürzt vom Gratkap herab.
Ein Mensch ists! Er trifft mich beim Falle
Ins Araratgrab. Doch scheint er mir schlapp!
Sein Wahnsinnsgelächter durchgellt die Felshalle.
Da liegt er! Mein Schatten! Er säumt mich gar knapp.
Jetzt steht er vor mir; gar erbärmlich und hager:
Der nordische Narr, der uns nachschleicht und packt!
Er ist es! Des deutschen Gemütes Erbplager!
Der Grübler und Nachrichter, der sich abhackt.
Er naht mir, als garstger Kadaverbenager.
Da gibts keine Frage: er ist es kompakt!

 

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