Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Däubler >

Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 9
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
Schließen

Navigation:

Perlen von Venedig

Jacopo Bellini

        W ahrhaftig, die Trauer der salzigen Meere
Erwacht uns in Jesu, dem herrlichen Knaben.
Er öffnet den Mund zu erstrahlenden Gaben:
Die Welt überglüht seine menschliche Lehre.

Das Weltherz ist klar, wie der Schmerz einer Zähre.
Und Sterne, die nur noch ein Muttermeer haben,
Empfangen Gescheiterte, um sie zu laben,
Denn dort enttauchen wir einst, – sanft, ohne Schwere.

Maria, die Kummer der Engel erlitten,
Blickt still auf die Wunder des leuchtenden Kindes
Und hofft, für die Unschuld der Menschen zu bitten.

So wünscht euch die Reinheit des künftigen Windes!
Er weht und er naht uns mit meerfeuchten Schritten:
Er hilft euch, als Hauch eines Lichtangebindes.

 

Der Schiffer

        J etzt ächzen die Flanken und Taue wie Kinder.
Das Meer bäumt sich aufwärts: ein fiebernder Kranker.
Noch wird so ein Wirbelturm rascher und schlanker:
Die Hosen erdrehn sich, verwehn steil-geschwinder.

Der Fischer bleibt taumelnd und greift wie ein Blinder.
Er wehrt sich und betet: »Mein Gott und mein Anker,
Beklammre das Boot: es wird leck und auch schwanker.
Entwolke dich, Herr, unser Sturmüberwinder!«

Jetzt fliegen dem Manne Schaumknäule, wie Tauben,
Voll Wuchten, im Flutenbraus, unter die Nase:
Da sinkt ihm der Mut! doch er sucht noch zu schnauben.

Doch steigt schon die Bahre, im grauen Gerase,
Voll Schleier, empor, ihm den Atem zu rauben . . .
Nun ist er verhaucht – erblaßt im Geblase.

 

Das Weib

        D as Kind ruft im Fieber: »Der Vater ist böse,
Beschütze mich, Mutter, er schimpft mich und droht,
Er ballt seine Fäuste, er naht mir im Boot
Und johlt durch das heulende Wogengetöse.«

Da betet die Mutter ins Wolkengekröse,
Die Gattin des Schiffers in tödlicher Not:
»Mein Heiland, entreiße mein Söhnchen dem Tod!«
So wiegt sie, so hofft sie, daß Gott sie erlöse.

Das Kind ächzt: »Der Vater ist wieder betrunken,
Er findet jetzt nimmer den Weg bis nach Haus!«
Die Mutter ist schaukelnd zusammengesunken.

Das Kindlein verstummt, das Gestöhne ist aus:
Wie weint nun das Weib! Und es weißt sich sein Haar,
Das wird es beinahe im Wesen gewahr.

 

Die Irrsinnige

I

        M adonna, ich sah dich am sternhellen Meere,
Da kamen im Winde die Toten zu mir,
Dann wuchs eine Sichel mit grausamer Gier
Und schnitt in die Weihe der Seelenverkehre.

Ich suchte und fand keine Hilfe zur Wehre.
Schon ward jene Schlange ein blendender Stier,
Und sieh, jenes Tier ist jetzt immer noch hier!
Das Kind und den Gatten erdrückt seine Schwere.

Maria, verscheuche den Bringer der Schrecken,
Ich schenke dir gerne mein gischtweißes Haar,
Das Meer aber möge sich wieder verstecken.

Ich bringe die Milch meiner Weiblichkeit dar.
Ich will deinen Hauch milder Hilfe erwecken,
Erwehe das Schweigen: ein Wird–wie–es–war.

II

        U m Neumond ist traumblau der Gatte erschienen.
Sein Kommen verbreitete heimliches Schweigen,
Gleich wollte mein Wesen sich ganz zu ihm neigen,
Da war er um mich, wie ein Schwärmen von Bienen.

Ich wollte sein Nahesein treulich verdienen
Und gab ihm, was irgend der Seele zu eigen,
Um Liebe und Reinheit vereint zu erzeigen:
Da schwirrte es licht, wie das Knistern von Kienen.

Ich sah ihn: schon war seine Mannheit vergangen,
Das bartlose Antlitz allwissend verjüngt.
Der Mund ohne Purpur und farblos die Wangen.

Ich habe mich seiner teilhaftig bedünkt:
Sein Wollen durchwogte mein herzhaftes Bangen,
Da ward meine Weichheit mit Tränen gedüngt.

III

        I ch gab meinen Wahnsinn dem wandernden Wasser,
Das schlaflose Schmachten bekam ja die Nacht!
Ich habe das Lachen der Schwachen erdacht
Und achte als wallender, unsichtbar blasser
Erbarmungsgedanke und Warnungserfasser
Auf alles, was schamhaft im Weltall erwacht:
Ich habe dem Walde den Sang dargebracht
Und altere nun als ein markkranker, nasser,
Ja selbstnasser Stamm einer wehweichen Weide
Am Weiher vom weltweiten eigenen Leide.
Ein Reh wittert oft in die sandstarre Heide
Und kehrt dann ins Schicksal zurück, das ich meide.
Ich weiß nicht, verbirgt sich vor mir eine Weide?
Ich weile im Wehwind! Wann weichen wir beide?

IV

        O Meer! Ach, ich brauche von dir eine Träne!
Wann mag sie dein Anblick der Seele gewähren?
Da lächelt mein Kind durch den Schimmer der Zähren,
Damit ich sein Mündlein im Augenrot wähne!

Und wenn ich sein fernes Getändel ersehne,
So will ich den Salzquell der Schmerzen entleeren:
Und wenn auf den Händen die Tränen sich mehren,
So glaube ich, daß sich ein Hauch an mich lehne.

Bald perlen die Finger von kindlichen Blicken:
Dann streichle ich leicht meinen flimmernden Arm
Und fühle ihn weit leise Kühle erquicken.

Mein Glück ist nun ganz mein zertränender Harm.
Das Kind scheint dem sickernden Naß zuzunicken:
Es ist ja wie Milch so beseligt und warm.

 

Das Märchen vom Meere

        E rzähle, o Meer, mir das Märchen vom Meere,
Das Lied deiner Inseln versteinerten Leides,
Besinge die Klippen des schreckenden Neides,
Die Wiederkehrwirbel der innersten Leere.

Die Mär aller Meere ist gar keine Lehre.
Der Mittag bricht ab wie die Kraft eines Eides.
Der Abend, das Bild eines späten Bescheides,
Verbirgt des Verhängnisses sinkende Schwere.

Die Nacht hehrer Meere kann niemand erraten.
Da spiegelt die Trauer unsagbare Dauer,
Dort ists, als ob Kunden dem Ohr nimmer nahten:

Die Fragen sind draußen genauer und rauher,
Die Märchen jedoch, die wir je dort erbaten,
Sind stumm und ergrauen in uns nur als Schauer.

 

Gewißheit

        E s rollt der Löwe zweiunddreißig Sonnen,
Zu seinen Füßen und im eignen Leibe,
Im Sommer, nahe vor die Sonnenscheibe,
Und alle Wolken sind sogleich zerronnen.

Die Erde aber bleibt von Gold umsponnen
Und fast verschleiert nackt, gleich einem Weibe,
Für das es schicklich, daß es übertreibe,
Was Triebe ihm und Sitte angesonnen.

Dann schlafen alle Träume, alle Schäume.
Bloß Mittagswissen loht auf jedem Zweige,
Und wie entirdischt sind die stillen Bäume.

Da ists, als ob der Geist zum Dingsein neige:
Um die Gestalten schwirren Atemsäume,
Kein Wesen wünscht, daß da ein Gott entsteige.

 

Die Sonnenblume

        D u Blume, die sich hold zur Sonne wendet,
Ich wollte einstens deinem Wesen gleichen,
In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,
Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blütenkraft verschwendet,
Ich fühlte samend meinen Glanz erbleichen,
Die Luft den Duft von meiner Jugend streifen,
Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,
An jedem Morgen sich zur Sonne neigen
Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber mußte rasch herniedersteigen.
Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualen:
Mein Wesen wurde niemandem zu eigen.

 

Frieden

        D as blaue Meer verliebt sich in das Leben,
Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:
Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!
Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.
Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,
Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,
Mag sich dann irgendwo doch ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.
Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:
Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, dir werde nicht auf einmal schwer!
Bestimmt hast du bereits ein Lied geboren,
Nun sing dich aus, am traumhaft blauen Meer.

 

Orpheus

        D en Inselkranz bewachsen kalte Farren.
Der Tauwind weht vom Süden und vom Meere.
Der Regen stürzt sich in die Wintersleere.
Die Farren aber müssen weiter harren.

Auf einmal scheint ein Rausch den Wind zu narren.
Die Liebe bringt das Lied vom Lichtbegehre:
Sie schwimmt im vollen Mittag durch die Quere.
Ja, Tongestalten müssen schlank erstarren.

Das ist ein Wundertier mit goldnen Flossen.
Ein Lied weht seinen Sänger hold zum Strande,
Und Farren lösen alle Wurzelbande.

Durchs Lied sind Liebesblüten voll ersprossen!
Vertierte Formen drohn vom Pflanzenrande,
Der Sang harrt: steil in Bäumen eingegossen.

 

Beschleichung

        I n meinem Traumesgrau erscheinen Lilien:
Unendlich groß und doch in meiner Seele
Wird ihr Erguß zum Strauß der Prachtjuwele,
Und plötzlich gießt es Licht wie auf Sizilien.

Im Traum verwurzeln sich nun Scheinreptilien.
Und halb gewiß, daß ich ihr Wesen schwele,
Umwand' ich scheu im Herzen die Befehle
Zu Pflanzenspuk und als Gesichtsfamilien.

Das heikle Fiebergrau der Traumgewitter
Wird immer silberner und traumschnell bleicher,
Und endlich knistert, blitzt ein Zickzackgitter.

Und dennoch merk ich andre Albeinschleicher!
Ihr Streit mit meinem Funkennetz ist bitter:
Doch schon ist meine Furcht gespensterreicher.

 

Des Liedes Wesen

        I n einem Land, wo alle Dinge traumhaft schauen,
An einem blauen Wundermeer kam ich zur Welt.
In einer Au, die ihre Pracht verborgen hält,
Begann mein Wesen seinen Rätselturm zu bauen.

Aus allen Mienen dort glüht gütiges Vertrauen:
Was sanft in jenen Fernen in die Augen fällt,
Erbaut dich Zaghaften, von Innentum erhellt!
Der Seele Schauen schweigt vor solchem Weltergrauen.

Ich glaube noch an jene blauen Morgenmeere,
Und oftmals blickt mich, was ich nie bemerkte, an.
Ja, Lieder perlen, wie in fremdem Augenbann.

Mein Träumen taut auf Blicken ohne Ort und Schwere.
Mein Sang, der nirgendwo und so von selbst begann,
Will fragen, sehn und sein: und funkelt in die Leere.

 

Einsam

        I ch rufe! Echolos sind alle meine Stimmen.
Das ist ein alter, lauteleerer Wald.
Ich atme ja, doch gar nichts regt sich oder hallt.
Ich lebe, denn ich kann noch lauschen und ergrimmen.

Ist das kein Wald? Ist das ein Traumerglimmen?
Ist das der Herbst, der schweigsam weiterwallt?
Das war ein Wald! Ein Wald voll alter Urgewalt.
Dann kam ein Brand, den sah ich immer näher klimmen.

Erinnern kann ich mich, erinnern, bloß erinnern.
Mein Wald war tot. Ich lispelte zu fremden Linden,
Und eine Quelle sprudelte in meinem Innern.

Nun starr ich in den Traum, das starre Waldgespenst.
Mein Schweigen, ach, ist aber gar nicht unbegrenzt.
Ich kann in keinem Wald das Echoschweigen finden.

 

Panik

        S chon fühlen Nachtgestalten hier ihr Walten.
Des Tages Wangenwärme muß enthauchen.
Ihr Dinge wißt doch, daß wir Frieden brauchen?
Drum trachtet nicht den Atem anzuhalten!

Was mahnt, als dürften sich nun Hände falten?
Jetzt wars, als würde eine Furcht enttauchen,
Als ob die Blätter sich, geschreckt, vor Gauchen
Wie Säuglingsfingerchen zusammenkrallten.

Nur Ruhe, Ruhe! Und zuerst im Innern.
Dann läßt sich bald kein Wesen überraschen:
Des Friedens kannst du dich ja bloß erinnern.

Ach was! Am Wasser laß die Plappertaschen:
Laß dich nicht ein mit Zwiegesprächsbeginnern!
Was kümmern dich die Schatten, die da waschen?

 

Odysseus

        D as Leid, in dem ich willenlos ertrinke,
Entfernt und wellt mich oft an einen Strand,
Vielleicht in aller Sehnsucht Mutterland,
Von dem aus ich den andern Träumen winke:

Und wenn ich drüben meinem Selbst entsinke,
So bin ich nackt und doch im Schamgewand
Und nehme scheulos einer Jungfrau Hand
Und freu mich, daß ich frei von Schäumen blinke.

In jenem Osten bin ich oft gewesen.
Von dort weht holde Hoffnung noch herbei:
Hat drüben eine Seele mich erlesen?

Man wandelt dort fast schein- und schattenfrei,
Und doch voll Sonnenwohl sind jene Wesen!
Was schöpf ich noch im trüben Allerlei?

 

Verstumpfen

        D u meine Seele, sei nicht so erschrocken!
Wird auch dein krankes Wehmutswort verstummen,
So müssen doch die Bienen weitersummen.
Und surren, surren wird es noch um Rocken.

Der goldne Morgen soll ja fort frohlocken,
Und Mücken werden sich zusammensummen,
Denn über jede Pfütze muß es brummen,
Und Spinnen werden stumpf auf Moder hocken.

Du arme Seele, ach, du kannst nicht schweigen:
An lauter kleinen Wesen wirst du kleben
Und noch aus Müdigkeit zur Sonne steigen.

Auch deine Dumpfheit wird noch weiterleben,
Dein Brüten einst vielleicht zum Weben neigen,
Vielleicht auf Spiegeln als Libelle beben!

 

Der Gesandte des heiligen Antonius

        A n hellen Tagen, wenn die Stunden gelber blinken,
Befährt ein Mönch in einem kleinen Segelboote
Die braune Flut, die eben voll im Golde lohte,
Und er vermag sanft, Fische fern herbeizuwinken.

Sie tauchen still und silbern auf, das Licht zu trinken,
Und da erklärt ihnen der Mönch die zehn Gebote,
Verteilt unter die Horcher sieben große Brote
Und zieht dann fort, wenn tot die Tagesfalter sinken.

Er kann auch ruhig ohne Wind und Ruder fahren,
Denn immer, wenn er auftaucht, folgt ihm eine Brise,
Und oft vermag ein Auge nah ihn zu gewahren.

Da ists, als ob ein Geist nur in das Segel bliese,
Denn gar nichts regt sich dann in seinen blonden Haaren,
Und ungekräuselt bleibt das Gras der nahen Wiese.

 

Das Meer

        D as Meer, das Meer beginnt ringsum zu brausen:
Ich horche auf und tauche tief in Qualen,
In Schlünde, ohne Licht und Eigenstrahlen,
Wo bloß die grünen Schatten hausen.

Den bleichen Quallen fängt es an zu grausen:
Sie fliehen mich in dunkelnden Spiralen,
Ich schlüpfe zwischen meinen geilen Aalen
Und will am Hals die Krausen blind zerzausen.

Das Meer, das Meer! Was ist vom Meer geblieben!
Ein böser Traum mit aufgeschlitzten Wogen!
Mein Meer, mein letztes Meer, ich will dich lieben.

Mir heißt das Meer, du wirst hinabgezogen,
Du sollst zerträumt, hinweggeträumt, zerstieben:
O Meer, o Meer, auch du hast mich belogen!

 

Die Glanzperle

        I m Halbmond, wenn die Sterne sich verdichten,
Der Wasseratem langsam dann verzieht,
Enttaucht ein Kahn, so traumhaft wie ein Lied,
Und scheint die letzten Wellen zu beschwichten.

Ein Seelenpaar, das Herz und Blick belichten,
Das bloß die reinste Einheit gibt und sieht,
Vermag nach allem, was in Glück geschieht,
Den Rhythmus seiner holden Fahrt zu richten.

Wohl regt sich da kein Hauch am grauen Meere,
Auch hat der Kahn statt Segel einen Traum
Und wiegt ganz spurlos seine Schattenleere.

Die Liebenden sind blaß und zart wie Schaum,
Ihr Antlitz mild, als ob es nichts begehre:
Du wunderst dich ja nur und wähnst sie kaum!

 

Sonderbar

        E s wird der Mond in sieben Tagen erst verscheiden.
Die Katzen hörst du haß- und brunsterfüllt miauen,
Im Wasser tote Silberfratzen sich beschauen,
Und ringsum hörst du, hörst du, Hunde schrecklich leiden.

Gestalten wirst du plötzlich huschhaft unterscheiden.
Es fangen Hexen an, den Sabbattrank zu brauen:
Ihr Werbeschrei und Katzentakt durchschrillt die Auen.
Die laute Nacht ist voll von blauen Satanseiden.

Doch jetzt erwachen, dort in dir, die eignen Eulen!
Die sind so fremd und eigen, weil dir selbst zu eigen.
Wie schweigt die Nacht? Beginnt bloß was in uns zu heulen?

Die Eulenmutter mag nicht aus dem Neste steigen.
Sie brütet über halberwachten Jungenknäulen.
Wie eigen, wenn die Dinge einmal alle schweigen.

 

Grau

        I ch singe, wenn die seltnen Sterne glänzen,
Der Halbmond sich dem Meer entgegenneigt,
Das dunkle Friedensblau der Au entsteigt,
Und alle Fluren sich mit Tau bekränzen.

Ich singe zu den Mondschrittänzen,
Wenn plötzlich jede Windesstimme schweigt,
Bevor das erste Perlengrau sich zeigt,
Und mag in mir die Furcht der Flur ergänzen.

Doch auch in meinen blassen Tagesträumen
Erwacht gar bald der Farbenklang der Nacht
Und hält mich unter frischbetauten Bäumen.

Ein fernes Meer vermute ich dann sacht,
Und auch der Hauch von goldnen Ginstersäumen
Sei mir mit seinem Rauschen nahgebracht.

 

Adria

        V on Hellas kommt der Wind mit einem Nachen
In reiner Sternensterbensstunde her.
Auch perlen schon die Lüfte überm Meer,
Geringe Lichtdinge um mich erwachen!

Das Sichverringeln hat etwas vom Lachen:
Und nichts, kein Herzbefragen wird mir schwer:
Das erste Morgengold ist sorgenleer,
Was leuchten soll, scheint selbst sich anzufachen.

Italiens Silberwälder seh ich zittern,
Doch nur sein schwacher Stern im Blau erbleicht,
Nur Halme kann der erste Wind zerknittern,

Erleb ich, was sein Weltgeschehn erreicht?
Die Erde scheint am Meere viel zu wittern.
Wer weiß, was für ein Wissen uns beschleicht!

 

Schicksal

        O Morgenstern, ich wittre deine Strahlen,
Du scheinst von einem Weib emporgehalten,
Du läßt auf Erden die Empfängnis walten,
Du bist das Ich von fahlen Scheidensqualen.

Dich Erzfunken, unter den Traumopalen,
Vernehme ich als welttiefes Erkalten,
Vom Sterben kannst du frühe Liebe spalten:
Du trittst in dich zurück, gleich Idealen.

Ich habe nie geliebt, wann muß ich sterben?
O Liebe, Liebe, trachte mir zu nahen.
Ich sterbe gern. Ums Sterben will ich werben!

Was tun, um Dinge, die schon urgeschahen?
Ich habe nicht geliebt und soll verderben.
Mein Lied, mein Lied, was bleibt dir zu bejahen?

 

Das Eiland

        D as Eiland meiner Wünsche ist vergessen,
Verträumt der Hauch seiner Nachmittagswärme,
Hinweg der Trauer traute Bienenschwärme,
Umsonst muß ich die Lider niederpressen.

Ich sehe wohl des Felsens Strandzypressen,
Doch nie die Au, für die ich draußen schwärme:
Und wie ich mich am Meer um Frieden härme,
So muß mein Herz sein Fernehin ermessen!

So bleib ich denn in meinem Hain von Lichtern:
Berauscht vom Glühgeblüt in düstern Lauben,
Begegne ich dort andrer Welten Dichtern.

Mich wiegt ein Meer. Ein Leib schnürt meinen Glauben.
Und dennoch pflücke ich mit Traumgesichtern
Die holden Hoffnungen von Sternentrauben.

 

Der rote Schimmer

        A m klaren Meer unter den letzten Sternen
Kann sich ein Zauberschiff mit goldnen Masten,
Auf denen die verscheuchten Albe rasten,
Aus einem roten Wolkenschoß entkernen.

Doch wenn du hinblickst, wird es sich entfernen.
Dir ists, als ob die Insassen erblaßten:
Zu schwere Schatten könnten es belasten,
Und du sollst auch das Träumen bald verlernen.

Doch sah ich dort einst Heilige und Frauen,
Die Helden Ilions und Illyriens Fürsten,
In ihren Seelen Künftiges erschauen.

Ich nenne keinen. Kenne bloß den Dürrsten:
Er sah zurück zu stillen Blütenauen
Und schien nach Lebensspenden noch zu dürsten.

 

Die Dogaressa

Für Frau von H.

        D as ist ein Weib mit morgenroten Wangen:
Der Mund, gewöhnt, daß man ihm ernsthaft traue,
Verschwendet lächelnd Schimmer wie im Taue,
Und diese Nase wittert unser Bangen.

Auch sind die Flechten goldig wie die Spangen.
Die Augen grau, mit einem Stich ins Blaue,
Die Brauen Bögen, wie bei einem Baue,
Den einstens Byzantiner angefangen.

Um ihren Busen atmen auch die Schleier,
Die Achseln fallen wie mit Blutgischt nieder
Und machen so den Hals fast rastlos freier.

Verwegen rasch versinkt das ganze Mieder,
O säh ich diese Schlankheit zu mir gehen!
Ihr Lächeln kann ein zartes Nie! umwehen.

 

Das ferne Schloß (Miramar)

        D u heller Fürst auf ewig grünen Hügeln,
Noch kennt dein blaues Auge nicht das Meer,
Umsonst erscheint mir deine Wehmutswehr,
Du kannst auf einmal keine Wünsche zügeln.

Du glaubst nur traumhaft hin und her zu klügeln,
Doch weht dein unergründlicher Begehr
Vom Meer, von dort, vom großen Meere her!
Und dein Entschluß wird Bangen überflügeln.

Du bleiches Schloß, das Meer hat doch gewonnen!
Wohl grünen deine Lauben, trotzen noch die Mauern,
Doch kurzes Glück im Schloß war bald zerronnen.

Du sollst vor deiner Leere tief erschauern!
Nun bist du schon von Sagen sacht umsponnen:
Das Meer und deine Trauer werden dauern.

 

Zauber

        D er Vollmond ist schon da! Hinter den Feigen
Siehst du ihn kupferrot und kalt erscheinen.
Der Himmel hat das Blau von echten Weinen:
Und seht, der Mond erblaßt beim raschen Steigen.

Wie ist die Welt doch tierhaft jetzt und eigen:
Vielleicht wenn still die Sternelein erscheinen,
Für einen Augenblick mit sich im reinen,
Und unsre Seelen müssen dann auch schweigen.

Schon sind sie alle da! Die Zepter, Kronen!
Der Westen bloß blieb gelber als Zitronen,
Und auch der Mond beginnt sich einzuschleiern.

Die fernen Glocken werden kurz nur tönen.
So muß das Ohr sich an die Nacht gewöhnen.
Ich höre leise Traumkonzerte feiern.

 

Die Wasserschlange

        B esorgnis überkommt mich beim Gedanken,
Daß eine ungeheure Wasserschlange,
In sich verschlungen, bis zum Weib gelange,
Vor dessen Fenstern meine Wünsche kranken!

Ich möchte dort dem Mund mein Glück verdanken,
Und weiß bei allem nicht, warum ich bange:
Mein Herz ist voll von holdem Schmeichelsange,
Und doch: die Stimme und die Schritte schwanken.

Ich darf in dieser Stadt kein Weib berühren.
Ich fürchte mich vor allen stummen Fluten:
Sie werden es ja selbst zum Grauen führen.

Ich kam nicht her, um Jubel zu vermuten.
Ich sollte bloß die Angst des Wassers spüren:
Und nun genug, denn lauter Wunden bluten.

 

Die Efeuranke

        D er Efeu dort am gotischen Palaste
Verschlängelt sich zum marmornen Balkone:
Sein Schattenwesen gleicht einem Spione,
Den irgendwie ein Rachewunsch erfaßte.

Es ist, als ob er wachsend weitertaste,
Um klar zu werden, wer das Schloß bewohne
Und ob sich wirklich ein Verrat verlohne:
Er winkt ja schon mit einem freien Aste!

Nun blickt der Mond um eine hohe Ecke:
Und sieh, ein Weib erscheint hinter den Scheiben,
Was hält es dort so bleich an einem Flecke?

Der Efeu muß noch viele Zweige treiben,
Damit er seinen Kundschaftsweg vollstrecke:
Die Dinge sterben ab, die Rätsel bleiben.

 

Byzanz

        J etzt mag der Mond auf Mosaiken spielen,
In stillen Kirchen, die man schüchtern meidet,
Beweint sein Licht den Heiland wohl, der leidet,
Weil die Geschöpfe ihrem Nichts verfielen.

Auch knieen blasse Schatten auf den Dielen
Und tränen, schwören, da die Nacht verscheidet:
So wird der Schein, der ihren Schein umkleidet,
Dort eingehn, hinter steilen Lichtprofilen.

Mein Augenblick, mein Traumgeschick wirft Schatten.
Was halte ich? Verlassen wir uns ganz?
Ich werde ja und mag schon längst ermatten.

Ich webe mich empor mit fernem Glanz:
Gestalten, die mich einst verleiblicht hatten,
Erschaut mein leises Wiedersein Byzanz.

 

Der Strom

        I m Mondlicht schwimmen immer Kinderleichen!
Zwar halten manche ihre Augen offen,
Doch im Kristallsarg kann man nimmer hoffen
Und sucht bloß Friedensmeere zu erreichen.

Verschleiert scheint das Mondweib nachzuschleichen:
Hast du es nie verwitwet angetroffen?
Es weint: der Toten Augen bleiben offen.
Es weint und weint, durch Leid dich zu erweichen.

Geschick, was spricht zu mir? Ich leide!
Ich habe doch genug an mir zu tragen,
Ich weiß ja klar, daß ich umsonst verscheide.

Wozu muß ich, ja ich, nur Schmerz ertragen?
Was zwingt mich, der ich jedes Nahen meide,
In aller Klagen mich erst freizusagen?

 

Übertreibung

        O Stadt, in deinem letzten Dämmerlichte
Verflattern Fackeln langer Leichenzüge,
Als ob jetzt selbst die Flut die Glut vertrüge,
Sprühn alle Ufer nun in stillem Lichte.

Doch plötzlich, seht, die seltsame Geschichte:
Im Wasser selber schöpfen Feuerkrüge.
Doch ist das Schauspiel Zauber oder Lüge?
Wie, flimmerten und fischten drinnen Wichte?

Wie, glühte nie dein Wunder zur Genüge?
Es will nicht, daß ein Grün aufs Sprühn verzichte,
Und drum ergibt es sich in Würmerflüge.

Nun sage, Sehnsucht, wie ich dich beschwichte,
Mein Deuchten, Leuchten in den Rhythmus füge:
Ihr, meine Glutfunken, seid ihr Gedichte?

 

Einst aber

        D er Vollmond naht des Meeres Silberrande,
Und geile Lippen schwellen ihm entgegen,
Ertrunkne siehst du sich am Seegrund regen:
Gespenster lösen alle Leichnambande.

Das Totenflüstern aber zeitigt Schande,
Die Stunde siehst du seltsam Grauen hegen,
Den Vollmond sich bequem aufs Wasser legen,
Und Angstgekicher weht zum gelben Strande.

Einst wird der Leib im Seelenschlund ertrinken,
Was ich geschaut, ihn kurz und flink umgischten,
Dann jede Taggestalt zerblinken, sinken.

Gar oft, wenn sich Geschicke in mir trafen,
Erriet ich, daß um mich sich andre mischten,
Einst aber kann ich nackt und einfach schlafen.

 

Das Sonett

        W ohl sollte mein Sonett den Sternen gleichen,
Die blutigblau aus ihren Kernen leuchten,
Zuerst den Augen Feuerkreuze deuchten
Und dann auf einmal Lichtgeschimmer weichen.

Doch muß gar bald das Flimmern auch erbleichen:
Als ob sich Urgluten die Strahlen scheuchten,
Erscheint, bis unsre Lider sich befeuchten,
Den Blicken strahlenfrei das grade Zeichen!

Dann zittre, wie um Sterne, feucht die Frühe,
Auf das erblickte Lid, zart eine Zähre,
In der die Glut der Blutwünsche versprühe!

Wünscht das Sonett, daß es die Mär gebäre,
Daß Träumen einem Schillergrau entglühe?
Es spielt, als ob es eine Perle wäre.

 

Der Herold des Sonntags

        A n perlenblassen Sommersonntagsmorgen
Erscheint ein Himmelskind unter den Dingen.
Ihm öffnet reiner Übermut die Schwingen,
Und selbst der Wind hat wenig zu besorgen.

Das freie Meer bedenkt kein andres Morgen,
Denn wenn sich Träume über Tag verdingen,
So ist es nicht, um selber zu gelingen:
Ein Sonntag ist ja überall verborgen.

Der Sohn der Sonne wird in uns geboren.
Er strahlt aus allen, die dem Tag entstammen,
In diese Welt, die Gottes Wort verloren.

O bleiben wir doch ohne Ort beisammen!
Der Sonntag hat uns, wo wir sind, erkoren:
Die Werke, Wesen werden seine Ammen.

 

Die hohe Botschaft

        W enn Wolken windgelockert niederblicken,
Entsteigt der Mittagsadler ohne Regung,
Doch meint die Stille innerste Bewegung
Und reicht den Morgen fertigen Geschicken.

An Quirlen kann sich da der Aar erquicken,
Der in der Stunde klarster Überlegung
Dort hinblickt zu der Fernen Flügelfegung,
Wenn alle steilen Strahlen rasch zerknicken.

Gar hehr erweist sich da der Geist am Meere:
Wir ahnen wohl, daß wir nicht bloß empfangen,
Und streben dann nach eigner Seelenehre.

Was da der Tag mit uns schon angefangen,
Das hegt und wird der Wesen ewge Lehre
Und kann in aller Nacht zu Wort gelangen.

 

Der Ruf

        D er Sturm erfüllt das ganze Meeresdunkel.
So horcht, von Osten kommt das große Tosen.
Es möchte rufen, doch im atemlosen
Sichüberstürzen hörst du bloß Gemunkel.

Nun brüllt es auch, und zischendes Gefunkel
Umgeistert wunderlich geschrobne Hosen,
Die Stengel tanzvernarrter Wolkenrosen:
Und plötzlich drohen oben Glotzkarfunkel.

Der Stier beginnt im Winde jetzt zu rufen!
Er bringt die Stille des bewußten Starken
Und tritt die blinde Wildheit mit den Hufen.

Die Murmelnden beginnen abermals zu harken.
Man dient dem Stier in hundert Lebensstufen:
Die Arbeit wird die Wahrheit aller Marken.

 

Der Löwe

        D er Werktag schleppt sich fort in dichtem Regen.
Ein Schiff wird in der Werft zurechtgemacht.
Dort drehn sich Krane unentwegt mit Fracht,
Und auch der Regen wird sich spät erst legen.

Das klare Wasser hört nicht auf zu fegen,
Zu Ende sei die Arbeit bald gebracht.
Da staunt: der Nachmittag zeigt seine Macht,
Der Markuslöwe spendet blauen Segen!

Im Westen ist er goldig klar erschienen,
Er wälzt sich zwischen Regenbogen vor
Und will, daß Flut und Wind ihm dienen.

Die Menschen wimmeln durch des Löwen Odemflor,
Die Boote auf der Goldsee scheinen Bienen,
Und unsre Blicke krönt ein Siegestor.

 

Serenissima

        E s beben die Schwalben wie Herzen, die toben,
Sie singen hinein in den siegenden Lenz,
Sie feiern den Herzog der Seeresidenz,
Der ausfährt, sich hehr mit dem Meer zu verloben.

Wohl ist noch der Morgen in Flore verwoben,
Drum siehst du kein Schaustück, doch jedes Kind kennts,
Und alles erfreut sich des Hochzeitsmoments:
Das Herz drängt mit Glockengeläute nach oben.

Der Doge hat stolz einen goldenen Reifen
Ins traumhafte Blau seines Meeres versenkt,
Die Braut nur geschaut, um ihn traut zu begreifen.

Der Herzog hat traurig nach Hause geschwenkt.
Die Gondeln beginnen im Golde zu schweifen,
Dem Sang haben ganz sich die Schwalben verschenkt.

 

Der Herold von Florenz

        D er Herold von Florenz in goldnem Flore,
In leichter, turteltaubengrauer Tracht,
Der unterwegs sein Wesentum bedacht,
Erscheint am Meer in einem Sonnentore.

Er tritt zu einem Frühlingskinderchore,
Und wo er hold zu der Umgebung lacht,
Dort gleicht sein Gruß dem Lenze, der erwacht,
Und die Erscheinung einem Meteore.

Am Strande die Gespielinnen der Wellen,
In bleichen Schleiern und mit hellem Haar,
Gewahren ihren fremden Spaßgesellen.

Am Wasser sagt er, was die Wahrheit war,
Und blau umschwebt von bebenden Libellen,
Wird Herzen trautes Heimweh offenbar.

 

Die Tochter von Fiesole

        T oskanas Tochter kommt voll Reiz und Scheue
Zur hehren, sonnenhellen Sommersee.
Ein Taubenpaar, so weich und weiß wie Schnee,
Erscheint ihr da in der verzückten Bläue

Der Inselwelt unter dem Flügelleue
Und grüßt der grünen Hügel Frühlingsfee,
Die Hülle einer wehen Glücksidee,
Und wünscht, daß sie der Flug als Gruß erfreue.

Die Tochter Fiesoles entnimmt die Blüten,
Die Kinder ihrer Vaterstadt gepflückt,
Nun strohgeflochtnen Körben, die sie hüten,

Und schon die Einfalt ihrer Art beglückt:
Die Tauben ruhen nun, wie um zu brüten,
Am Mädchen stumm, das sie an sich gedrückt.

 

Des Dichters Angebinde

        A m Arno stehn Zypressen starr am Grabe
Der Braut, die nur ein armer Träumer sah:
Der Stätte ihres Waltens blieb ich nah,
Doch glaub ich, daß ich Schmerz erfahren habe.

Das Lied, an dem ich meine Sehnsucht labe,
Blieb ganz allein und als alleine da!
Doch plötzlich wars, als ob etwas geschah,
Und ich bekam vom Leide eine Gabe.

Ich wägte, hegte, was ich schwer erduldet,
Da ward im milden Licht das Leid zum Lied
Und hat sich tief als Perle eingemuldet.

Und das empfand ich mit gesenktem Lid:
Nun Heimatmeer, mit dir bin ich verschuldet!
So nimm von mir, was noch mit mir geschieht.

 

Die Sendlinge von Siena

        A uf roten Rossen kommen stolze Boten
Mit Rollen über das Gebirge her.
Sie denken nach: das Amt ist schwer.
Es wird ein Freistaatsbündnis angeboten.

Die nordischen Despoten, Roms Zeloten,
Bedrohn die Eigenreiche immer mehr,
Den Markusstaat allein beschützt das Meer,
Doch hofft man nun, Toskana zu verknoten.

Die Reiter sind noch jugendlich und heiter:
Und seht, verkleidet kam ein Mädchen mit,
Zwar ist es angetan wie sonst die Reiter,

Auch merkst du nicht, daß es beim Ritte litt,
Doch dienen ihm die bärtigen Begleiter,
Und einer folgt der Maid auf Schritt und Tritt.

 

Der Wasserfall

        D as Wasser wandert durch die warmen Täler,
Der Wind verliebt sich in die stillen Dinge:
Jetzt will das Licht, daß alles Hymnen singe,
Und seht, die Wälder werden flugs Erzähler.

Ein Bündnisgeist, des Guten frömmster Wähler
Ist da, damit der Heimat Sang gelinge.
Er spricht ins Wasser, daß es Botschaft bringe,
Er dröhnt sogar: denn horcht, das Tal wird schmäler.

Es ist die Sprache das der Patriarchen.
Das Wasser sagt fürwahr: Wir wollen leben!
Und aller Schaum verlangt, daß Walzen schnarchen.

Der Ache Schleusenschlösser werden Archen.
Des Wassers Klarheit soll ihnen entstreben:
Man mag den Schatz des Wassers »Raschheit« heben.

 

Der holde Mönch vom Monte Oliveto

        E s denkt der Mönch: Die Seele konnt ich wahren,
Ich hoffe, Gott erhält mich keusch in Frieden,
Der Liebe Grauen hab ich fromm vermieden,
Vertrauen mag sich stets mir offenbaren.

Ich bin ein Kind mit weißem Kleid und Haaren
Und habe nie mich weltlich unterschieden,
Ich weiß nicht, weilt ein Leib von mir hienieden,
Denn der hat nie den Hang am Fleisch erfahren.

Und doch, die Seele fing sich an zu trüben,
Drum zog ich aus und wandre nun zum Meere,
Um alle Blauheiten im Blau zu üben.

Damit der Perle Schimmer wiederkehre,
Versenkt man sie ins Meer, dem sie entnommen:
Auch ich bin krank und mag zum Heile kommen.

 

Das schnelle Ende

        D as Grauen meines Wesens will erbleichen.
Mir wird, als ob es in der Seele schneite:
Das Lied ist krank, dem ich die Perle weihte,
Der milde Schimmer scheint mir kalt zu weichen.

Ihr lila Perlen seid der Krankheit Zeichen.
Ihr werdet blau und sagt, das Fieber schreite
Aus meinem Sange in das Klanggeleite:
Statt Perlen seh ich Augen blonder Leichen.

Ihr Perlen wollt meinem Gesicht entgleiten,
Ich spüre euch ohne Gewicht erweichen,
Vergeht denn, liebliche Absonderheiten!

Ihr wart ein Schein aus morgenklaren Reichen
Und müßt vor einem Tag mit hellen Weiten,
Wie hold verletzte Mondstrahlen, entschleichen.

 

Der Bernstein

        D ie Menschen lesen gerne in den Sternen
Und denken an die herbe Schrift des Herrn:
Ich aber wähle keine Weltenfernen
Und wähne das Geschick im Wesenskern.

Ich nehme einen Stein aus fremden Meeren
Und sehne mich nach seinem Sagensang:
Sein Wesen glänzt von eingekerbten Lehren
Und macht die Seele traumerfüllungsbang.

Du goldenes Geschick in meinen Händen,
Erzähle deine eingefrorne Mär,
Das Honigrot von deinen glatten Wänden
Besprüht mein Spürsinn lüstern wie ein Bär.

Verglast in deiner Blaßheit, ahn ich Schwingen
Und senke meinen Wahn in dich hinein:
Nun lebe ich verwandt mit fernen Dingen,
In dir, o Stein, mit mir und dir allein.

Da pocht mein Herz, du Bernstein sprichst: Sei leiser!
Nun bin ich still, still wie dein Atemgold,
Denn Bernstein, heller Stein, ich bin dein Weiser:
Ich weiß, wie hold sich Ewiges entrollt.

Du wächst und atmest wie die gelbe Erde,
Die herrlich durch die Wälder Sonne schlürft,
Die wagt und plagt, damit sie größer werde,
Und Wachstum sagt: Ragt, da ihr plündern dürft!

Ach was, du bist ja atemloses Wachsen,
Du bist ja Wachs, halb Wabenwachs, halb Harz:
Mein Wahn erwacht: ein Wasser, voll von Lachsen,
Entrauscht und überrascht den alten Quarz.

Gesprengter Stein, in Urfels und in Fluten,
Auf deinen Härten will ich Fernen schaun!
Granitgrate, was könnt ihr grau vermuten?
Ihr Urburgen beruht auf Grundvertraun!

Das Wasser wechselt, Wechsel schnellt sich Wellen,
Und Wellen schwellen Schwingen und den Wind,
Der Wind beseligt, und die Seelen quellen
Unüberwindlich, weil sie gar nicht sind.

Nun Geist, als Sonne, komme du zu Worte!
Die Sonne ist des Wortes Goldsymbol,
Erkunde unumwunden Zufluchtsorte
Und Hochzeitsgipfel für das Wonnenwohl.

Du Seligkeit, du Ich mit Frühlingsflügeln,
Erhebe dich, so weit es Welten gibt!
Dem Wasser laß den Sprung, dem Glück das Klügeln.
Du brauchst nicht Flügel, sei der Flug, der liebt!

Entschwebe dir doch selbst, beseeltes Wesen,
Auch deine Mutter Erde fliegt durch dich:
Sie lebt ja nur, das Beste auszulesen,
Sie strahlt bereits und scheint uns innerlich.

Vineta, holder Wortesort, erscheine!
Entschwebe deiner Zukunft, werde Traum:
Ich schaue dich in goldner Morgenreine,
Und dein Erschwellen wellt Gewitterschaum.

Du Wendenwahn Vineta, Wind der Wende,
Du Wehmutswunsch, erwache auf der Flut,
Du Wagnisstadt und Warnung ohne Ende,
Entschließe dich zum Flug, der Flug ist Mut!

Du Wahneswahrheit auf dem Wanderwasser,
Du Ewigkeit mit Glutwurzeln im Blut,
Ich selbst, ein blauer Wunderwunscherfasser,
Erschaue nur, was fern im Glauben ruht.

Vineta, winde dich' empor zum Wesen,
Vineta, strahle aus Erbarmen auf,
Vineta, werde wie es nie gewesen,
Der Wind der Stille lenke unsern Lauf!

Schluß der Perlen
von Venedig

 

        V erliebtes Weib, vernarrte, taumelnde Gedanken
Berauschen mich im Augenblicke voller Lust:
Wohl will mein Wesen dir in jedem Kusse danken,
Und doch! Der Liebe Abgrund wird dir nie bewußt?

Durch unsern Jubel zittern Reihen von Äonen,
In ihrer Ewigkeit verzuckt der Schwall der Zeit:
Schon kann sich alle Einsamkeit in uns belohnen,
Ja, dir erklärt und mir befriedigt sich das Leid!

Das Atmen deiner holden Brust vermählt die Wogen
Verwolkter Meere mit der Sonne meines Wesens:
Mein Wollen hat den Sturm aus dir emporgesogen,
Denn Liebe birgt den Schauer wirksamen Genesens.

Aus unsrer Liebeswonne jauchzt verborgnes Werden,
Doch sie verschlingt auch todesöde Möglichkeiten,
Sie wiegt in sich das Wesen unverhoffter Erden
Und überstolpert Stufen angefangner Zeiten.

In unserm Rausch verträumen jene Weltgebilde,
Die einst der Erde, voll von eigner Wucht, entlebten,
Doch grüßt uns auch des Seelenlenzes Sonnenmilde,
Die Halt gebot, bevor die Wüsten sich erstrebten.

Tief angesagter Tag! Dich binden Flammenadern:
Ein Sprudel eint uns: gute Lust! O Sonnenhoffen,
Gib Meere frei! Der Seele segelnden Geschwadern
Erzuckt das Zukunftsriff. Die Fernen flattern offen.

Wer weiß, was für ein Mensch jetzt in das Dasein schauert?
Was wir ihm schenken werden, mag er überwinden,
Was er uns eben gibt, ist das, was ewig dauert:
So soll sein Ich als Sonnenfordrung sich empfinden!

 

        I rr nicht ab, o Geist, vom Pfad, auf dem du wandelst,
Frage nicht, ob du, so wie du glaubst, auch handelst,
Schwärm dich aus, du magst es wie die andern treiben!
Spätre mögen sich dein Denken einverleiben.

Fühlte ich mich doch von Jugend an als Heide;
Und verlangt die Seele auch nach fernem Leide,
Will ich Schmerzen mir nicht selbst bescheren,
Denn das Schicksal birgt für mich von selber Lehren!

Ja, ich spür mich eins: ein Leib und eine Seele,
Und ich führe Streit, den ich im Herzen wähle;
Kein Gespenst, das ich nicht hinter mir erschaue,
Hilft mir je bei meinem eignen Wolkenbaue.

Singt die Seele auch auf einmal fremde Lieder,
Steigen dann im Herzen Zweifel auf und nieder,
Weiß ich doch, ich werde mich an sie gewöhnen
Und mit neuem Tun und Bilderschmuck versöhnen.

Plagegeister, ich erbau euch keine Bühne!
Nimmer glaube ich an Sünde und an Sühne:
Was Romantiker so gerne übertreiben,
Wird in mir Geheimnis oder Schrulle bleiben.

Heute, da die Menschen alle lesen können,
Will ich ihnen gerne große Gesten gönnen,
Doch ich zieh es vor, noch atembang zu schweigen,
Wo sich Rätsel plötzlich über mir verzweigen.

Für Saturn begründet man jetzt unbewußt Altäre,
Stellt sich menschenfreundlich gegen ihn zur Wehre;
Läßt von Blendereden schmeichelnd sich umgleißen,
Einsichtslos will jeder laut das Nichts verheißen!

Opfer der Natur, ihr könnt mich nicht erbosen,
Statt zu packen, scheint das Leben euch zu stoßen!
Ach, wie tief es trifft, statt rasch vorbeizuwehen:
Ernst ist es, und dennoch kann ich fortbestehen!

 

Fronleichnamsprozession

        G locken erschallen!
Von ruhmvollem Dom
Locken und hallen
Die Rufe von Rom!
Schon folgen die Leute
Dem klingenden Strom.
– Sonntag ist heute –
Frohlockende Glocken,
Ihr greift mir ins Herz!
Der Äther ist trocken,
Und klar schwingt das Erz.
Kampaniens Kampanen,
Erweckt doch in allen
Ein gläubiges Ahnen!
In schallenden Hallen
Ergeht sich der Geist:
O Rom, du verzeihst
Dem Geist, der entgleist!
Der Frühling erglitzert:
Von Liedern bezwitschert,
Umblühen die Bäume
Jungfräuliche Schäume.
Jetzt tönen auch Schellen
Von Klöstern, Kapellen,
Und selbst bis in Zellen
Dringt Jubelgetön:
Ja, alles wird schön!
Auf schneeigen Höhn
Verflattert der Föhn!
Duftender Schaum
Steigt durch den Raum:
Das Frühlingserblühn
Verschüttet das Grün.
Wie, alles vergeht?
Der Westwind zerweht.
Nein! Bläue, die währt,
Hat alles verklärt!
Fromme Gesänge
Beleben die Hänge.
Menschliche Schlangen,
Voll Gottesverlangen,
Durchziehen die Felder.
Dann bergen sie Wälder!
Oft hör ich Gebimmel:
Da seh ich Gewimmel,
Auch scheinen hoch Fahnen
Zu drohn und zu mahnen;
Das freut wohl den Himmel,
Denn niemals noch war
Der Äther so klar.

 

        A m Volksplatze vereinen sich die Karawanen.
Von Rom befreite Sklaven aller Welt
Erscheinen mit geweihten Siegerfahnen
Und haben sich auf Rampen kreishaft aufgestellt.

Die Sklaverei wurde zum Hauptprobleme
Der Römer, als sie es zur Macht gebracht.
Durch alle Zwangssysteme sind im Diademe
Der Urbs Befreiungsfunken wunderbar erwacht.
Die Kirche hat den Kampf zum Schlusse ausgefochten:
Und überwunden, steht sie dennoch siegreich da!
Die Gegner ihrer Wirksamkeit vermochten
Stets mitzuschaffen, daß die Tat, die da geschah,
Zerfasert und zerstückelt, dann auf uns gekommen!
Und nun ist Rom sein Lichtgedanke ganz genommen.
Doch öffnet sich die große Stadt den treuen Scharen,
Gleich einem Herzen, das zu Seligkeiten führt.
Ich kann Sankt Peter und das Kapitol gewahren,
Gemüt, du wirst durch solchen Anblick tief gerührt!
Der übersonnte Korso gleicht jetzt einem Pfeile,
Der unser holdes Weltherz durch und durch durchdringt:
Er ist die Strecke der modernen Tageseile,
Der Macht, durch die das Ketzertum die Urbs bezwingt.

Ihr Pilger, zieht zu Ara Coelis Wunderknaben,
Zur Scala Santa und zum nahen Vatikan,
Versucht den armen Geist durch sein Gebet zu laben,
Erfleht vom Himmel einen jungen Glaubenswahn.

Du Rom, entschließe dich zu neuem Kampfe,
Tritt gegen Wucher und den Scheinwert mutig auf,
Die Welt um dich vergeht in wildem Werktagsdampfe,
Verhindre, kannst du etwas, diesen Abgrundslauf!

Uns ist ja Geldeswert allein im Geist entstanden,
Drum säe man, was fix ist, nicht als Samen aus.
Gold kann nicht wachsen! Christen, habt ihr es verstanden?
Dem Schöpfer ist die Wucherei ein arger Graus.

Das Werk des Vaters nachahmen ist Satanssünde,
Drum sei das Kapital, das sich verzinst, verdammt!
Der Geist, der trachtet, daß er Ewiges begründe,
Und dessen Wesen jedes Handelsmaß entstammt,
Wird auch beleidigt, wenn man seine großen Werke
Wie Zeitliches behandelt und sich mehren läßt.
Drum, Rom, erringe neue Zuversicht und Stärke,
Und stehe endlich gegen Ketzerschacher fest.

Befreite Sklaven, kommt in großen Prozessionen,
Drängt massenweise rings heran: Patrizier Roms
Empfangen euch mit Flaggen. Auf den Festbalkonen
Begrüßen sie den Geist des freien Menschenstroms.

Es muß auch in der Zeit, was ewig einwirkt, siegen:
Die Feiertage strahlen durch das ganze Jahr,
Doch zu Fronleichnam bändigen und überfliegen
Die Feststunden die Arbeit, die der Zwang gebar.

Fronleichnam, Ruhetag unter den Feiertagen,
Du Auferstehung aller großen Erdensagen,
Du sagst, wenn man in einem fort im Leben stirbt,
So muß man schließlich auch an einem Zeitpunkt sterben.
Und wenn man immer neue Himmelsgunst erwirbt,
So wird dereinst die Welt das Gnadenlicht erwerben!
Wenn ewig sich Jungfräulichkeit im Sein erzeugt,
So mußte eine Jungfrau einmal schuldlos zeugen:
Wo das Geschöpf sich dauernd vor dem Schöpfer beugt,
Da sollte Gott sich einmal vor der Schöpfung beugen.
Dort wo dem Fleisch verziehn wird, daß es aufersteht,
Wird einstens alles Sünderfleisch frei auferstehn,
Doch wo der Körper, nicht der Geist, zugrunde geht,
Wird alles, was nicht geistig ist, zugrunde gehn.
Da alles, was geschieht, sich unaufhörlich richtet,
So wird die Welt bestimmt auch in der Zeit vernichtet.
Da die Natur zum Schlusse jeden Hader schlichtet,
So sei die Schöpfung noch zum Ursprungsgeist verdichtet.

Dreieinigkeit besiegelt sich in allen Dingen,
Drum muß sie auch sich göttlich in die Höhe ringen.
Und da der Gottheit alle Dinge jung entspringen,
So wird sie ewig, was entsteht, ins Dreimaß zwingen.

So zieht denn hin, die hohe Gnade soll entflachen,
Durch euch hindurch, in Tier und Pflanze noch erwachen!
Das Christentum wird ringsum tiefe Wurzeln fassen
Und selbst die Felsenmassen nimmermehr verlassen.
O Rom, ich lobe dich, denn in gezähmten Horden
Bist du zu einem tiefen Weltgesetz geworden!
Die vielen Glocken fangen wieder an zu läuten:
Ein ordentliches Dröhnen – man muß sich dran gewöhnen –
Beginnt nun, für sich selber, manches zu bedeuten,
Und will uns da, wo wir auch sind, mit Gott versöhnen:
Das lockt und ruft und eilt einem auch nach,
O Klang, erfasse uns, in träger Geistesschmach!

Wohl sind nun Jesus Christus, Moses, die Sibyllen
Bereits ein wenig in die Menge eingedrungen:
Du kannst mit Vorsicht und mit etwas gutem Willen
Von Dingen, die dem Geist des Christentums entsprungen,
Nunmehr mit Bürgern und sogar mit Priestern reden.
Sie werden dich, als närrisch, kaum noch ernst befehden!
Giordano Bruno, wie? Auch du spukst schon in Haufen?
Jetzt ehrt man dich, denn dein System schuf Kopfzerbrechen:
Bekämpfte dich ein Mensch, so würde man auch raufen
Und für so Schwererlerntes eine Lanze brechen.

Giordano! Ach, du sahst den Heiland in der Menge,
Und du entsetztest dich vor ihrer Schauderenge,
Du scheutest ihren Gott, du holder Sonnensohn,
Und jede Prozession entlockte deinen Hohn!
Du tratest auf, um träge Festzüge zu stören,
Dein Sang erhob sich bald in tausend Lebenschören,
Und als du heimgingst, mußten dich die Götter hören!
Du warst ein wahres, feierliches Seelenlicht,
Das heutzutage sich in Prozessionen bricht:
Du selbst bist fort, dein Regenbogen aber glüht
In allen Farben, die ein ewig Werk versprüht.

Was in uns liegt, kann oftmals ein Gemüt erfassen,
Doch will man es, selbst wenn bewußt, doch schlummern lassen:
Und wühlt es fort, so wird es auch zur Übermacht
Und schließlich uns, durch Liebe, völlig nahgebracht:
Entrauscht es dann, so hat es Eigenkraft zum Leben,
Und endlich müssen wir uns noch zu ihm erheben!

So ringt das All, sich rings aus Liebe zu durchdringen,
Und ewig sucht es steile Dauer zu erzwingen,
Auch kämpft dabei die Zeit, den Abstand zu vernichten,
Und trachtet, wo sich Lichtgestirne tief verdichten,
Verrundet und erstarrt, Errungenes zu schützen
Und alte Schlummerlust dadurch, verstreut, zu stützen.
So ruht und so beruht die Welt auf ihren Sternen,
Und wir empfinden rastlos ihre Daseinsfernen.
Stets müssen sich die Abstände mit Formen füllen:
Die Lüfte sind der weiten Freiheit weiche Hüllen.
Das Licht, die Wärme, die ein Wesen kaum bespülen,
Sind Übergänge in den tiefen Weltgefühlen.

*

        Die See ist da, um Dunst und Seelen aufzuscheuchen,
Und Stürme hören wir in Liebeslücken keuchen:
Ja, ja, das ist die Liebeskette der Natur,
Und mitten drin im Meer entstand die Kreatur.

Wir Menschen sind halb Sonnenkraft, halb Erdenzwang;
Ein Reis, das sich aus Liebe um die Heimat rang,
Denn liebreiches Vermitteln ist des Menschen Denken:
Das ganze Werden soll aus ihm zur Sonne schwenken.

Die Masse ist wohl da, Gesetze zu bewachen:
Es soll sich stets der innre Tag in ihr zerflachen.
Sie will, daß ich sie oft mit neuen Flammen störe
Und doch Gebotnes, wenn es neu ist, überhöre!

O Menschheit, die sich spinnenartig rings verbreitet,
Die alle Erdenbrunst in das Bewußtsein leitet,
– Denn alles, was bestimmt ist, bis zum Licht zu klimmen,
Muß erst als Daseinsfunke wurzeltief erglimmen –:

Du wahrst dir eifrig die Alltäglichkeit im Leben,
Denn deine Pflicht ist bloß ein stilles Weitergeben
Von Räuschen, die vom Grunde aus zur Sonne steigen
Und sich in Wäldern und in Seelen still verzweigen,

Die eine Liebestreppe in den Wesen finden
Und dauernd, was geschieden ist, in uns verbinden!
Impulse tief verwerten, Eignes balancieren,
Berührt sein, im Gemüt den steten Wechsel spüren,

Für Kleinigkeiten Mut und Daseinskraft verlieren,
Ganz unbewußt ein Leben voll Gefahren führen,
Das ist das Los, das immer in uns übergeht,
Und auch zugleich, als fremd, an uns vorüberweht.

So ist der Mensch sein eigener Geschicksmagnet,
Und er beherrscht sich durch ein stummes Lichtgebet!
Drum sichert, sammelt euch, zieht hin in Prozessionen:
Den Geistern, die euch sonst nur vor dem Tod verschonen

(Denn wißt, er droht euch rings! Und einem Riesenglücke
Verdankt ihr euer Leben trotz des Daseins Tücke),
Gelingt es dann – wenn ihr gefahrlos weiterschreitet, –
Das kleine Glück, das euch sonst Schritt für Schritt geleitet,

Zu eurem Besten anders und erhabner auszunützen:
Doch müßt auch ihr es durch Gebete unterstützen!
Es gilt im Innern, sich zur Prozession zu sammeln
Und vor dem Alltage für einmal zu verrammeln!

Wir Menschen tauchen auf: geboren wird man nicht.
Die Kindlichkeit, die zart sich durch das Dasein flicht,
Verweht, wenn der Charakter in uns aufersteht
Und rhythmisch in die große Ordnung übergeht.

Der Geist, der freie Wille können selten gelten,
Doch daß sie beide sind, erleuchtet ganze Welten:
Die Freiheit ist so klein, daß erst die Ewigkeit,
In der sie aber Macht hat, ihr ein Maß verleiht.

Sie ist ein Nichts, doch immer wieder angenommen,
Hat sie in uns den höchsten Meinungswert erklommen:
Die Möglichkeit zu leben ist unmöglich klein,
Und dennoch fügt sich alles in das Ganze ein!

Ein Opfer, ein Entschluß kann das Geschick von Ländern
Auf einen Schlag (durch einen Zufall, sagt man) ändern!
Des Erdeneigenwillens kleinste Übermacht,
Der ewigferne schon im Sonnenschoß erwacht,
Hat einst die Welt, auf der wir wandern, frei gemacht!

Auch Menschen streifen lauter Freiheitsmöglichkeiten
Und müssen oder können sie oft überschreiten:
So kommt nach Rom, ihr Katholikenprozessionen,
Und hofft ihr drauf, so wird in euch ein Wunder wohnen.

O, singt der frommen Männer Kampfchoral,
Ja, beugt euch vor dem Leben, wie aus freier Wahl,
Das was euch Wucht verleiht, das hält euch lang befangen,
Doch was Erfahrung gibt, ist immer noch vergangen.

Ihr ändert euch, und öfters merkt ihrs an den andern,
Das heißt, ihr seht, wie eure Schrullen wandern,
Die Jugend um euch her hat manches euch entzogen,
Voll Übermut errafft: euch Klügre drum betrogen!

Ihr glaubt vielleicht mit jedem Augenblick zu sterben,
Warum nicht lieber rufen: »Herr, wir erben, erben!«
Ihr sollt, was ihr vereinzelt habt, schnell weitergeben,
Um euch, nach freier Wahl, stets edler zu beleben!

Der Sinn des Daseins ist bloß Handeln und Vertauschen,
Doch wenn ihr wählt, sollt ihr euch selber gut belauschen,
Und bleibt bei eurem Tode bloß der Ursprungsfunken,
So sei eure Persönlichkeit bereits versunken!

Verrauscht im Krieg der Mannen starke Lebenskraft,
So wird sie gleich von andern wonnig aufgerafft:
Drum können Schlachten gar nichts auf der Erde schaffen,
In dieser Lebensflut wird nie ein Abgrund klaffen.

Die Geistersphären, die das All zusammenschweißen,
Kann nimmer irgendein Geheimnis niederreißen!
Wer herrschen darf, der muß sich überschätzen
Und seine Macht dadurch, wenn sie entsteht, zersetzen.

Die Liebe aber wächst und rankt das Christentum,
Die Wahrheit um den Erdball, voller Macht, herum.
Wir mögen drum an Völkerführer immer glauben,
Noch will uns die Natur nicht die Romantik rauben!

O kommt, ihr Menschen, mit Standarten und mit Fahnen!
Ihr triumphiert bei dieser großen Prozession:
Wohl zog der Geist zuerst dahin in langen Bahnen,
Nun geht der Leib, die Seele aber herrscht vom Thron.

O singt im Sonnenlicht, singt euren Liebeschor,
Vielleicht könnt ihr die Schmerzensketten noch zersprengen!
Geht irgendwo bereits ein großer Umschwung vor,
Will aus der Menge sich der Wahrheitsgeist entengen?

Wirst du an Kreuzes Statt dereinst die Sonnenscheibe,
Bei Prozessionen, wie beim Sonnenkult, gewahren?
Man trägt sie schon, sieh die Monstranz aus Gold! Dem Leibe,
So wie dem Geiste, wird sich Gnade offenbaren:
Wir werden immer nur den Gott der Liebe feiern
Und seinen Glanz, aus Furcht, mit Sonnenlicht verschleiern!

*

        Oft überkommt die Gaffer bei der Prozession
Gar leicht, besonders wenn es heiß ist, Schlummer.
Und so verduseln viele Leute ihren Kummer,
Sie denken nicht an Mutter, Gatten, Sohn.

Was sie bewegte, sehn sie nur als ferne Bilder,
Dann überblenden sie auf einmal rote Schilder:
Ein dichter Kupferflitter schwirrt vor ihren Augen,
Und Hals und Beine scheinen nimmermehr zu taugen.

Für sie würgt sich der Zug nur schwer durch heiße Gassen,
Und Schwüle senkt sich auf den Atemdunst der Massen,
Doch wachst du auf, geschieht es meistens wie im Schwindel,
Dir ists, als tanzte Blut mit Gold um eine Spindel!

Die Weiber, meistens Mütter, kommen nun zu Gruppen,
Das sind des Erdenwiderstandes tapfre Truppen!
Sie heben ihre Wünsche stets aus Seelensummen:
Ihr Hoffen, Wollen ist verwirrt wie Glockensummen.

Den Schein und dessen Anmut wahren sie dem Leben,
Kein Weib wird sich mit solchem Schild ergeben!
So betet denn für glaubensabgewichne Söhne
Und hofft, daß jeder sich dem Himmel einst versöhne.

Wie herrlich ist es, euch noch fromm und stark zu sehen!
Der Geist wird eure Reihen immer mehr umwehen!
Das Weib ist reich an Träumen und auch zukunftsschwanger,
Der Mann an Seligkeit zumeist nur ihr Empfanger!

Sie ist zwar leiblicher und auch viel erdennäher,
Doch sie empfängt dadurch auch alle Urglut eher,
Das Liebeslicht, das aus der Erde sonnwärts strebt,
Wird immer erst als Scham und Huld im Weib belebt.

Drum liebt die Erde wohl die Frau am allermeisten
Und will an ihr das höchste Maß an Schönheit leisten;
Der Tropen Überfülle wuchtet in den Haaren,
Die wir als Kranz um jedes schöne Weib gewahren.

Des Gischtes Frische mit des Riffes Schliff vermählt,
Ward zum Gebiß, das Seegeblink und Schmelz beseelt.
Der vollen Lust und Jugend holde Morgenkunde
Entschwellt aus einem wonnereichen Frauenmunde.

Die Abendwolken, die zuletzt am Himmel hangen,
Vergehen nimmer auf des Weibes zarten Wangen,
Des Meeres Ströme, die in Buchten still erwarmen,
Sind sanfte Ahnungen von weichen Frauenarmen.

Des Muttermeeres Kinder aber sind die Seen,
Zu denen Wolken, deren Ammen, niederwehen:
O Weib, in dir verleiblicht sieh die Weltenmilde,
Du bist das stillste aller wirklichen Gebilde.

*

        Mit Purpurfahnen, wo der innern Liebe Gold,
Vor unsern Sinnen, Märtyrer entrollt,
Erscheinen jetzt in Furcht und Nacht gehüllte Nonnen,
In deren Ich der Geist über das Fleisch gewonnen.

Die Allerschwächsten singen einen Machtchoral
Und preisen selig ihren himmlischen Gemahl:
Nicht jeder Seelenrausch darf sich zum Licht ergießen,
Es müssen Tränen auch zu Wurzeln niederfließen.

Ein Teil der Welt will seine tiefen Schlünde füllen,
Und wer es wagt, wird sich in innres Dünkel hüllen.
Wer Sonneneigenschaften in sich trägt, ist gut,
Doch auch die Erde fordert Glut von unserm Blut.

Der Staub ist da, damit die Wesen ihn erheben,
Das Licht, damit die Menschen es der Tiefe geben.
Drum dürft ihr auch, voll Mut, das Tollste denken,
Was ihr auch tut, den Weltgang wird man weiterlenken!

Die Wahrheit ist vielleicht kein Zweck, bloß eine List,
Es gibt nur einen Zwang, der ist, das was man ist.
Der Alltag ist der Gott, die Schönheit ein Symbol,
Die Tugenden und Hoffnungen gar häufig hohl.

Der Spießbürger um uns ist unsre Schicksalsmacht!
Er flüstert nur, durch alles, was da kreischt und lacht,
Die Wirklichkeit von unserm Erdgeschick ins Ohr!
Wir ahnen es, und deshalb graut uns so davor!

Die Sünden, die wir oft entsetzt in uns gefühlt,
Verbleichen von den Gegenwarten fortgespült,
Doch etwas bleibt von ihnen stets in jedem hangen,
Und deshalb muß dem Ich vor ihren Siegen bangen.

Du fromme Prozession, zieh hin bei Glockenläuten,
Du bist zumeist ein Troß von just noch braven Leuten!
Denn jene, die sich einmal nur erwischen ließen,
Nebst denen, die den Anstand ganz verließen,

Durchgrübeln Kerkerlöcher, wühlen fort und fort,
Denn stets erwägt sich, stirbt und triumphiert der Mord.
Sie brüten unten fort, verseuchen langsam alle:
Nur fremde, böse Menschen bringen uns zu Falle!

Wenn jemand plötzlich tief und schauerlich erbebt
Und fühlt, daß sich ein Arm der Hölle aufwärts hebt,
So fürchtet er vor allem selbstbegangne Fehle,
Denn an die Schuld der ganzen Welt erinnert sich die Seele!

Verbrecher sind als Lasterspeicher zu betrachten:
In ihnen lagert sich der Menschheit Schande ab.
Die Schuld, nicht ihre Träger, sollte man verachten,
Auch Richter macht, im Volk, Verbrechensfieber schlapp.

Die Mörder töten, heißt ihr Unrecht neu gebären
Und so der Welt zwei Missetäter mehr bescheren.
Die Blutinstinkte, die Gefangne wild verbeißen,
Darf niemand durch Gewaltgerichte roh zerreißen,
Sie müssen sonst jäh einen neuen Mörder schweißen,
Dazu erzeugt auch jede Tat gleich eine Seele,
Und Blutgespenster schwirren stets um Mordbefehle!

Gewohnheitspanzer schützen uns vor Flüsterstimmen
Und Glutimpulsen, die am Herzensgrund erglimmen:
Nur was die Menge will und stets von uns begehrt,
Hat sich, bis wir erwachsen sind, als gut bewährt.

Vielleicht sind Schliffe, die uns unsere Umgebung gibt,
Ganz einzig das Bewußtsein, – das dann doch zerstiebt:
Wenn uns die vielen Gegensätze rings verließen,
So würde jedes Sein im Traumgewirr zerfließen.

Die Völker haben sich schon ziemlich ausgeglichen,
Und in der Kleidung wird die Gleichheit unterstrichen,
Man hängt von andern ab und ist sich nie genug,
Die Freibeweglichkeit ist jetzt ein Meistertrug.

Du Gleichheitsdrang, Tellurgesetz, hast viel besiegt
Und wilde Ranken oft um Zäune hold geschmiegt:
Ein Volk, das ruhig seinen Alltag leben mag,
Erscheint bereits und huldigt einzig dem Vertrag!

Bald wird es keine Götter um sich dulden wollen
Und nur Geboten in sich selber Ehrfurcht zollen:
Das Reich des Geistes soll in nächster Zeit erscheinen,
Wer wittern kann, beginnt das Große schon zu meinen!

Ein Himmelreich, ein flaches Volk, fast ohne Recken,
Beginnt nun auch den Westen langsam zu bedecken.
Statt Jesus wird der Buddha noch der Herr der Erde?
O Heiland, der am Kreuze starb, durchzuckt kein Schauer,
Kein Taumel der Unendlichkeit jetzt deine Herde,
Genügt den Menschen eines Daseins dumpfe Dauer?

O Rom, beginnst du, um die Ewige zu bleiben,
Schon wieder Schacher mit dem Christentum zu treiben?
Du denkst, verzichte ich auf Ruhm und Krone
Und fecht ich mit dem Volke, das jetzt siegreich ficht
Und immer größre Schlingen um die Throne flicht,
So herrsche ich bestimmt dereinst mit ihm zum Lohne!
Du glaubst, verbleib ich die Gebieterin der Welt,
Erreiche ich Besitztum, Macht, Berühmtheit, Geld
Und kann drum alle Völker führen und vergnügen,
So mag ich noch Gewinste zum Errafften fügen!
Italien schenkt mir blühend eine hohe Kunst:
Man sagt, sie harre einzig auf Mäzenengunst.
Ja, goldne Scheiben in gewandten Händlerhänden,
Zumal wenn diese es mit offenem Verstand verschwenden,
Sind oft so wirksam wie des Lenzes Sonnenschein:
Bald dringen ihre Strahlen überall hinein.
Denn zeugt das Licht stets Jubel, Sprudel, Duft und Garben,
Gebiert das Gold Gesänge, Standbilder und Farben!

Das Leben zieht den Purpur an.
Der Abend naht dem Petersdom.
O abgespannter Wandersmann,
Bald siehst du einen Brand von Rom!
Der Tag prahlt plötzlich laut dahin:
Schon bringt uns seine bunte Schleppe
Verrauschten Jubel in den Sinn;
Leicht trägt mich eine Himmelstreppe
Jetzt in ein Seelenparadies,
Das ich wahrscheinlich nie verließ
Und mir doch immer nur verhieß.
Ein Schleier, der sich niederwellt
Und auch aus allen Kelchen schwellt,
Der ringsum auf die Welt geweht,
Zugleich zum Himmel aufersteht,
Hat auch mich selber überkommen
Und ist doch tief in mir erglommen.
O Abendtau in der Natur,
Du Nebelgeist auf goldner Flur,
Bist du auf einmal auch ein Traum?
O sage es, ich träume kaum!

Die Tagesprozession zieht weiter durch die Gassen,
In mir jedoch erscheint schon manche Nachtgestalt:
Vermag der Geist sie noch in Form zu fassen,
Ist sie ein Wesen oder eine Weltgewalt?

Durch alle Menschen schwebt ein Inbrunstdunst:
Begreife und verdicht ich ihn, so ist es Kunst.
Auch zeigt und neigt sich stets Erworbnes und Erlebtes:
Mein Wille, wenn er Mut hat, ordnet und verwebt es.

Mit Panzerhemden gilt es die Vision zu schützen,
Drum, Konventionen, kommt, ihr müßt mich unterstützen!
Jetzt sprechen schon die Blitze, die mich rings umschlingen,
Die Bajonette fangen an ihr Lied zu singen.

Ein altes Volk, das überall in Waffen starrt,
Erklärt sich mir: sein Schicksal scheint ihm hart,
Doch mußte es, um noch der Gleichheit nachzustreben,
Ein großes Heer zum Schutz der Freiheit weit beleben
Und diesen festen Menschenwall im Land erheben.

Der ist ein Wall, wie fern um China, seine Mauer.
Ein riesig großes Buddhatum liegt auf der Lauer:
Schon wühlt sichs rasch empor und schafft sich rings ein Reich:
O Rom, was drängte sich in deinen Machtbereich?

Hier gilts vor allem für Millionen Nahrung schaffen!
Der Wille, gut verpflegt zu sein, wird bald erschlaffen;
Wer Steuern zahlt, wird sich zu manchem noch bequemen,
Für seinen Frieden läßt man sich das Beste nehmen!

O Christenheit, man wird sich wahrhaft deiner schämen!
Was hilft, um solche fremde Einflüsse zu lähmen?
Es hat der Schöpfer alles derart vorgesehn,
Daß alle Dinge scheinbar ohne Gott geschehn!

Wer die Gesetze mustert und mit List studiert,
Ist oft bestimmt, daß er den Glauben ganz verliert,
Der Geist ist in den Dingen gar so gut versteckt,
Daß, wenn du suchst, du ihn dann oft nicht mehr entdeckst,
Dafür jedoch ihn unbewußt um dich erweckst.

Ich mag darum den Staat noch fort analysieren,
Werd ich dabei die Hoffnung weghypnotisieren,
Kann sich vielleicht ein Geist noch irgendwie beleben
Und plötzlich herrlich über meinem Gleichmut schweben!

Die Sonne hat den Wall, der uns beengt, versprengt.
Er steht in die Gesellschaft dehnbar eingerenkt,
Er blitzt und funkelt überall im Abendlicht,
Beweist – erfüllt bei Prozessionen seine Pflicht.

Die Phantasie verfolgt ihn durch die Christenländer,
Denn jeden Staat verklammern feste Eisenbänder,
Indessen legt ein roter Hauch sich ringsum nieder,
Und scheinbar fiebern jetzt die fernen Weltstadtglieder.

Die Prozessionen haben sich bereits verlaufen,
Und tausend Schauspiele belustigen den Haufen.
Nun flattern Purpurfahnen durch den Abendäther:
Nur in den Kirchen noch verspäten sich oft Beter,
Doch wollen jetzt auch diese schon nach Hause,
Und immer neue ruft der Glocken Erzgebrause.
Und wieder seh ich lauter rauschende Soutanen,
Und in des Tages Feuerstunden wehen Fahnen
Vom hohen Himmel selber auf die Erde nieder.
Aus fernen Kirchen schallen fromme Christenlieder,
Doch alles übertönt der Abendglockenklang:
Die ganze Stadt blinkt wie berauscht und fieberkrank.

Die Sonne ist von Wolkenriesen eingeschlossen,
Denn Höhen sind des Lebenssternes Kampfgenossen,
Sie häufen sich zu einer stumpfen Pyramide,
Und tief in ihrem Innern hämmern scheinbar Schmiede.

Nun ist der Bau schon purpurrot und ungeheuer
Und speit und schleudert wie ein Kriegsturm Feuer,
Auch seh ich aus den überwälzten Stockwerkfugen
Grell Strahlenspeerquadrate drohend aufwärtslugen.

Hoch oben hält ein Blust die Lanzen schon gebogen
Und scheint zu einem Angriffe der Nacht gewogen,
Glast ist auf diesem Wolkenwall gewöhnt zu siegen
Und unaufhaltbar westwärts immerfort zu fliegen!

Die Sonne ist gesunken, und der Apennin
Beginnt sich schon mit Düsterkeiten zu umziehn,
Doch plötzlich überglühn die Spitzen Feuergeister:
Ein Herrscherzug, von Norden kommt er, ostwärts reist er,
Umglüht und übersprüht die fernen, höchsten Berge.
Verlassen Könige auf einmal ihre Särge?
Dort seh ich einen goldenen Gigantenzug,
Und Reifen, wie man sie zu Kaiserzeiten trug,
Erscheinen mit zu diesen hellen Widerscheinen!
Auch Kronen, eine Tiara, voll von Edelsteinen
(Auf dem Sorakte, seht, nun eine Dogenmütze,
Von der es scheint, daß sie den Berg vor Unheil schütze),
Umzaubern alle Höhen und verschwimmen schon:
Hinweg ist auch die blasse Geisterprozession!

 

        D ie Glocken, Vögel und die Zwielichtzitterluft
Hat nun die Nacht, die stumm erwacht, zur Ruh gebracht:
Die Sterne zeigen sich in jeder Wolkenkluft,
Nun singt im Geist ein Ich die leise Wundernacht.

Sowie der Abendstern durch Dämmerschleier glimmt,
Wird Leid, sei Lust der Erde friedlicher gestimmt:
Die stummen Stürme wuchten in den Seelenschlund,
Und unser Mund gibt wortlos Atempausen kund.

Befunkelt sich darauf das letzte Abendblaß,
Durchzuckt auch dich, mein Glück: eine Geburt?
Aus rotem Abend, reich gesterntem Labungsglas,
Versprüht euch, Räusche, die ihr Ernst im Blut erfuhrt.

Erglüht, Gesichte, toll mit Tand und Kronen!
Durch Seelendämmer schleppt euch, Torkelprozessionen,
Denn bald, ach, schließt die Nacht die warmen Wolkenflügel:
In ihren Mutterarmen schlummern dann die treuen Sänger!
Von Mensch zu Mensch, die Seelenringe werden enger:
Mit Träumen überglüht der Schlaf die Blütenhügel.

 

        N un zeigen sich der Seele blaue Nebelgletscher,
Und Flimmerbäche scheinen rasch herabzutauen:
Ich sehe hellen Gischt und höre kein Geplätscher,
Die Silberkatarakte darf ich bloß erschauen!

Von blassen Zinnen und Ruinen perlen Ketten
Aus müdem, überall erglimmtem Silberlicht,
Die Welt ersammelt sich in tausend Zauberstätten
Und bringt sich nur dem Sinn im Ragenden in Sicht!

Auf Türmen, die einst Rom zu seinem Schutz gebaut,
Wird viel Geträum lebendig – aber niemals laut, –
Dort leuchten bleiche Silberspeere, Geisterschilder,
Doch sind das wortlose, verschloßne Mondlichtbilder.

Ein fester Glaube braucht nicht mehr die hohen Warten!
Und bald schon mußte hier der Ruf zum Schrei entarten.
Jetzt können Kirchen Krönungskuppeln hehr erstreben,
Und oben, fast wie eine weiße Friedenstaube,
Darf Mondlichtspiegelbild in sichrer Stille schweben:
O Rom, ich wähne wohl, so siegt, – nun herrscht dein Glaube!

*
Vom Sonnenbann befreit, werden die Erdenwesen
Von Müdigkeit umarmt und in den Schlaf geführt.
Die Jugend wächst heran. Verwundete genesen.
Von jeder Seele wird in sich die Nacht gespürt.

Sie läßt im Tal durch uns, ringsum, die Fenster schließen
Und überreift das fröstelnde Gesträuch der Höhn,
In Häusern wollen Paare ihren Leib genießen,
Und wach erhält uns oft Musikgetön!

Die Nacht ermöglicht manches, was der Tag ersonnen!
Denn was das Licht verschlingelte, was scheu sich traf,
Vereint das Dunkel, und sein Spiel ist so gewonnen:
Die Welt verschließt die Welt in sicherm Liebesschlaf.

O Mutterschlummer unsrer Erde, steige, webe
Dich in das Schicksal aller deiner Kinder ein,
Entwichne Wünsche, jedes Wesens Werberebe
Soll sanft verpflegt und treu durch dich erhalten sein!

Es gibt nach einem solchen Sonnenfeiertage
Bestimmt nur einen Traum von Pracht und Glaubensmacht,
Wohl hält der Schlaf in jeder Seele ihre Wage,
Denn Rausch und Ruhe werden da stets gleichgemacht!

Was andre Wesen, untertags, aus uns entrankten,
Wird durch den Schlummer nun ins Ich zurückgeführt,
Wir taumeln träumend, wenn wir nach Verschiednem langten,
Und nachts verhüllt sich, was bei Tag das Herz gerührt.

Dann ruht ja die Vernunft: sie liebt ihr Schweigen!
Die Dinge wirken aus sich selbst: kein Geist greift ein.
Die Träume dürfen in verlorne Tiefen steigen,
Und Längstvergeßnes kann auf einmal froh gedeihn.

Die Seele stürzt sich durch verschwundne Zukunftstüren!
Fürwahr, der Traum ist unser großes Labyrinth:
Wir lassen uns vom Sinn der dunklen Ruhe führen,
Da er allein Verwirrtes wieder fest verspinnt!

*
Die Menschen fangen an, sich plaudernd zu verlieren.
Die grellsten Häuser scheinen oft vom Mond geschminkt,
Perücken bleiche Standbilder aus Stein zu zieren:
Die Dinge sind von Silberflitter überblinkt.

Jetzt zischeln und jetzt flimmern allerhand Fontänen.
Gespenster starren auf den grünen Beckengrund.
Brillantensprudel lockern sich zu Perlensträhnen,
Und Fabelsilber quirlt aus lautem Marmorspund.

Ich fühle wohl: nun träumt die Stadt vielleicht von Schlachten!
Der Geist ergibt sich unumschränkter Erdenmacht,
Die Phantasie erschaut ein Volk in alten Trachten,
Und Rom umschweben Prozessionen eitler Pracht.

Und wo die Traumgewebe sich verwickelt schließen,
Da tauchen lauter Schaumgesichte auf:
Aus tausend Seelen müssen Einstgestalten sprießen,
Und jede schlüpft in den bewegten Geisterhauf.

Was träumt der Mensch? Von vielem Kummer, wenig Schmerzen?
Die blassen Nachtgespenster, zart wie Filigran,
Entschwirren voll Ergebung – durcherlebt – den Herzen
Und klären aller Seelen sichgeheimen Wahn.

Dort wo das Nordlicht niederperlt, entschweben Schemen,
Aus zarten Wesen, in die blaue Seelennacht:
Sie scheinen oft sich vor dem Schauenden zu schämen
Und haben dünne lila Hüllen mitgebracht.

Wie viele sind aus unsern Leidweben gesponnen
Und wühlen blaue Trauer in ihr blondes Haar!
Erfüllt uns plötzlich Lust, so sind sie gleich zerronnen,
Und du entgaukelst doch mit einem Traum als Paar.

Der Mensch wird einst der Träume Wahrheiten erkennen
Und wissen, daß er bloß im Schlafe Eignes denkt,
Daß, wenn ihn Tragende des Tages fremd berennen,
Doch nur sein innerer Gesang das Leben lenkt.

Ich ahne schon, daß Hiersein, was du wirkst, wir schaffen,
Geheim in Kammern der geborgnen Seele schwenkt.
Wenn einst Ersonnungen zu Stern und Mond erschlaffen,
Wird über Eingeträumtheiten das Lid gesenkt.

Wir beichten nachts und sollten uns auch bessern!
Doch geben wir auf keine eigne Stimme acht,
Wir waten immer schamlos in getrübten Wässern
Und taumeln dumm durch innre Welterfrischungsnacht.

 

        N un ist die Prozession von Rom zu Ruh gebracht.
Der meisten Traum verkugelt wohl in dumpfen Schlaf.
Nur über Dichtern zaubert noch die Fabelpracht:
Wer weiß, was sich soeben sah, und wer dich traf?

Ich steh am Tiber und erblicke in der Tiefe
Jetzt meine große Silberwochenprozession.
Dir ists, als ob der Mond sie aus dem Schlummer riefe,
Wohl schleppt der Strom ihm Zugegeisterte in Fron.

Ich sehe rastlos gleiche wundersame Greise
Den Fluß hinunter, wohl zum Meere, ziehn:
Das Frühjahr klimmt. Erzwingt es ihre Reise?
Beginnen sie, erschöpft, vor Jüngeren zu fliehn?

Ich weiß nicht, wer da kommt, doch sind das Prozessionen!
Vielleicht ein Trauerzug mit Särgen aus Kristall!
Die Sonne stürzt sich Könige von weißen Thronen,
Der Mond erzählt, beim Leichenfest, vom Herrscherfall.

Erst glaubt ich, Eis beginne rasch herabzuschwimmen,
Und schaute, staunte, daß sich nichts an Brücken staut,
Dann aber sah ich in den Schwärmen Licht erglimmen,
Nun weiß und fühl ich auch, wovor mir lange graut!

Mein Mond, im Strome wimmeln die Heroensärge!
Ein Fluß, der nach der tiefen Stille strebt und rinnt,
Entführt bestimmt die Fürsten unterwühlter Berge!
Ob eingeseelt die Eisgespensterung beginnt?

Vielleicht sind Flüsse immer schnelle Leichenzüge?
Wild wälzt die Flut die alte Wucht der Felsen ab,
Doch Geister bleiben über ihrem Scheingefüge,
Das steil zerschwemmt, dahingetollt ins Trubelgrab!

 

        D er Rhythmus ist ein Himmelsflug und jagt sich Träume.
Die Silbenleiter führt zu dauernden Gedanken,
Die Reime sind die Blüten erdentreckter Bäume,
In deren Duft wir zu Entflüglungswesen schwanken.

Den Adler raubt das Sonnenlicht den Felsenmassen
Und leiht ihm Kraft zu einem steilen Wonneflug:
Den Halt im Hoch! kann er beim Steigen erst erfassen,
Denn schwebend ruht er dort, wohin das Licht ihn trug.

So wird mirs auch für Sonnenhelden tief gebührlich,
Dort auszuharren, wo sich fast der Geist verliert,
Genie, dir ist dein Erdentrücktsein so natürlich,
Wie blasses Gunsterträllern einem Gecken, der sich ziert.

Der Tag gebar auch Wesen, die der Mond erkoren.
Er ist Verführer: hat sich Seelen angestimmt!
Die Fische, Eulen, Katzen, uns entbogne Toren
Verflittern still wie Silberlicht, das grün erglimmt.

Die Blüten, Herzgesänge, die an Hecken hängen,
Verschleierungen, eine Braut im Spitzenkleid,
Entträumungen, die bleich zu Seelenpforten drängen,
Sind ohne Mondhalt tot. Oft rufen sie das Leid!

Den Schlag der Nachtigall hat sich ein Stern erschaffen!
Ein Klang, der klagend durch die Seelen traurig bangt,
Läßt unterm Herzen Ahnungsfernen traumsam klaffen
Und sagt, daß schon der Mensch zur holden Heimat schwankt.

Ach Nachtigall, du warmgewiegtes Kind der Sterne,
Erflügle ein Gefühl, das für Entweltung schäumt.
Dein Klageklang entrückt in alte Herzensferne
Und türmt den Sturm, der mondzu Schlummermeere träumt.

Ach Nachtigall! Du rufst nach deinem Sohn der Erde,
In dem, mir fremd, ein Stern sein nahes Wesen preist!
Ach schlage, Nachtigall, daß er uns deutsam werde:
Ob sich den Wunsch nach ihm dein Schmerzgewühl verbeißt?

Verworren strebt die Seele, blind beim Wunschverlegen,
Nach eigner Ewigkeitserkernung wild zu flehn.
Sie wechselt stets: stürzt ab. Klimmt doch auf Sternenwegen.
Zerwühlt sich: stürmt. Um stille Weihe zu erwehn!

Ein Fieber aus den Sternen wird uns einst zerzerren:
Die Urkunft kann nicht ruhn, bis sie auf uns beruht.
Sie bleibt die Furcht, daß Weltlinge den Geist versperren,
Aus Ungeduld der Tod: sie opfert unser Blut!

Ersternte Güte, urverzückte Lebensfunken,
Ihr Liebesblüten, Freuden der Unendlichkeit,
Aus euren Bornen hab ich Glück und Gold getrunken,
Und nun bin ich berauscht: zu mir befreit.

Du Milchstraße, Geschleier aller Bräutlichkeiten,
Der Geist, der wie ein Wind auf deinen Äckern weht,
Umarmt und halst mich oft: er will mich heimwärts leiten.
Ich weiß, daß deine Macht in meiner Nacht entsteht!

Die ersten Menschen liebten, fürchteten die Sterne,
Benannten wohl den herrlichsten nach ihrem Schatz!
Dann sagten sie: »Der dort ist nah! – Der hat mich gerne.«
Und machten bald ins Tal der Zahl den klugen Satz.

Jetzt blickt ihr kühn, mir dunkelste, ihr hellen Sterne,
Wie Magieraugen auf die heitre Sonnenwelt;
Ihr kündet mir, daß ich die Weglichkeit verlerne,
Wie, sanft zum Ich gestrahlt, mein Gottgang sich erhellt.

Du winkst mir, Meister weiser Machtfiguren
Und auch des Weibeslächelns, das die Welt versteht!
Du Schöpfer gottgewußter Menschen, klarer Fluren,
Auf denen goldne Luft zu blauen Auen weht!

Dich hielt geweihtes Wissen, still wie sichre Sterne,
Du spürtest auf der Stirn des Sirius Geisterkuß.
Du zogst geschlechtlich Welterlebtheit tiefster Ferne
Zum Atem auf. Erschautest klar: das war ein Guß!

Du gingst, der Löwe der Erstauntheit, in die Klüfte
Erhabnen Einhalts! Sahst verachtungswahr zu Tal.
Die Einfachen erkannten dich am Klang der Lüfte:
Die Einfalt stürzte hin vor deinem Abendmahl.

Ach, Nachtigall, dein Klagen! Laß uns Sterne hören!
Wie sanft der Schlag, nach Stille, zu Geplätscher hallt:
Die Nachtigall! Behutsam: ihren Bach nicht stören!
Erwundert dich ein Duft? des Vogels Lorbeerwald!

Belauscht sich unter Bäumen eine Wunderseele?
Ein Dichter! Zwischen Ästen träumen: die Gestalt.
Er liebt ein Leid, das ihn zu Tode quäle:
So manches Frühjahr schmückte ihn, doch er bleibt alt.

Wie zärtlich, lieber Wind! Umduftung hüllt mein Staunen.
Die Nachtigall! Dem Felsen näher Widerhall!
Wie kühn der Schlag! Ergreift mich tief: ich könnte raunen.
Nur stumm! Nur stumm! Wie sacht – gib acht – die Nachtigall!

Jetzt nicht mit Schritten! Unsern Sternen süßes Sagen!
Vollkommenheit umlaube dich: du bist ein Baum.
Mein starker Bach, in junger Welle altes Wagen
Entraffst du mich? Faßt mein Entzücktsein keinen Saum!

Ach, Nachtigall! Ein glühender, entzückter Süden
Ertagt die Nacht. Von Bach zu Wald – von Wald zu Bach.
In alten Zügen Klang! Durch Düfte. Nie – ermüden!
Die guten Ahnen meines Landes bleiben wach.

Geweihtes Rom, deine geborgenen Gesetze
Verzauberten sich mild zu deinem Bild der Huld.
Ein engelhafter Mensch ersponn sich Schimmernetze
Und hauchte sie auf Heiliger gesühnte Schuld.

Geliebtes Wunder, – unsre Mutter mit dem Kinde!
Vor deinem Antlitz bin ich zu mir selbst erwacht:
Wie tief ich meine Seele in Geduldung finde.
So nah hat uns den Himmel keine Hand gebracht.

 

        I talien, deiner hohen Seelen Prozessionen
Bewandeln lang den Bach bei Nachtigallenschlag.
Sie nicken mir: zu Tal, wo leise Menschen wohnen!
Dort weil' ich still: ein Kind, das Himmlisches vermag.

Wie sanft, mein Herr, sind deine goldnen Sternenworte:
Und welches Wunder! Frauen hören sie im Schlaf!
Ein guter Traum erglimmt im nahen, kleinen Orte:
Ein Sohn sogar? Ob Gott dich oft im Dorfe traf?

Zypressen wissen nichts vom Wind: hier ist der Friede!
Wär uns ein Ölbaum hold in Sorgsamkeit ergraut?
Sein Silberflimmern liebt den Mond in meinem Liede:
Ich lisple kaum. Er bleibt um mich. So sacht: o Braut!

Verliebte Milde birgt die Seele eingeschleiert.
Du Weiser: Silberbaum. Du tiefste Zuflucht: Weib.
Seid sacht in diesem Sang aus Mondstrahlen gefeiert!
Verhauche Ölbaum nun. Hier wird mein Lied zum Leib.

Italien, Lavaland, von Meeresblendungen umspiegelt,
Vom Ölbaume, des Mondes Lispellied bezittert,
Wann wird dein frommer Aufruhr gottzu vorgewiegelt?
Ich bitte, Herr, daß in den Hütten Geist gewittert!

Der Schlag der Nachtigall durchklagt die Urbsruinen.
Zypressen deuten unsern Wuchs: »Den Sternen zu!«
Der Ölbaum ist als Friedensherold dort erschienen:
Bei hoher Sonne lobt sein Mondwort holde Ruh.

Ihr Mondgespenster, Ölbäume auf hellen Wiesen,
Ersternte Menschen, nordlichtstarke klar am Tag,
Hat Sanftmut mich von dieser Welt zu mir gewiesen?
Durchtage ich die Nacht, durch sachten Herzensschlag?

Empfingen wir des Mittelmeeres stille Milde?
Verspielter Spiegelseen linden Kräuselwind?
O segne, Mutter Gottes, heiter wellende Gefilde,
Du Ruhe unter uns, die wir verwildert sind.

Zypressen – Umzüge bei weißen Leichensteinen –
Durchsternen Rom. Zu sichrer Friedensferne hin?
Dir bebt die Hand – das Lid! Wozu den Schmerz zerweinen?
Die Ewigkeit ist dieses Sterbenssternes Sinn.

Geboren hat der Tod den Tropengott: – verloren,
Die See die Seelen, und die Wüste einst den Geist.
Wer tobt in uns? Wir folgen aufgereckten Toren:
Der Mensch erschöpft sich nicht – die Götter sind ergreist.

Ach Ewigkeit, du Kind in unsrer Lebenswiege,
Die Schaukelnden sind wir: der Wechsel Lust und Leid.
Erschaudern dauert! Fordert Fahrten, Furcht und Siege:
Der Mann sei froh zu Freiheitsfreiungen bereit.

Zypressen – Umzüge zu alten Glaubensstätten –
Besternen Hügel schroff und fort, von Ort zu Ort.
Auf Berge scheint sich Kircheneinsamkeit zu retten:
Lebendge Obelisken fordern hoch das Wort.

 

        Z ypressen gabs in meiner Kindheit wildem Garten.
Von Pinienflügeln kam mein Blick zum Silbermeer.
Ich konnte traumhaft eine Wallfahrt nicht erwarten:
Vom Nile summten Stimmen um mich her.

Bei Sturmgedunkel folgte ich, im Mond, vom Fenster,
Den Seglern märchenfroh auf ihrer Nebelfahrt.
Und als ich schlafen wollte, habe ich Gespenster
Auf meinem Bette oft, wie weißgebahrt, gewahrt.

Durch Kraft im Herzen bin ich rasch allein geblieben.
Im Traum, zu Haus, verspielt ich mich mit buntem Licht.
Doch morgens hieß es schroff: auf Weltwegen zerstieben.
Du Jugend, erste Jugend, furchtbares Gericht!

Zypressen knisterten durch unsern wilden Garten.
Ich fühlte ihr Geheimnis, sah sie sorgend an.
Ich hoffte seltsam, daß sie meiner, wissend, harrten,
Dann lief ich ihnen fort: mir bangte oft vor ihrem Bann.

 

        Z ypresse, ach, verlaß mich nicht,
Wache einst an meinem Grabe:
Wenn ich ausgerungen habe,
Sehe dich mein Seelenlicht!

Greife mit den Wurzeln noch
Bis zu meinem Wundenherz,
Wühle dann nach einem Schmerz,
Sei mein allerletztes Joch!

Du, Zypresse, bist mir ähnlich,
Willst du mein Begleiter sein?
Strebt dein volles Sein doch sehnlich,
So wie ich, zum Sonnenschein.

O, mein Leben ist so traurig,
Urverlassen glüht das Herz.
Meine Stille ist oft schaurig,
Doch mein Geist sinnt sonnenwärts!

Armes Herz, mir scheint, du weinst!
Holder Baum, du sollst dereinst,
Was von mir noch zu erreichen,
Über dich hinübertragen:
Ach, ich will auch dir entweichen
Und vielleicht woanders tagen!

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.