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Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 8
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Der Traum von Venedig

        V enedig, lös dich los von meinem Traumeswogen!
Ich bin wie Flut, die in Kanälenschlangen dunkelt:
Du milchige Lagune hast mich angezogen,
Und nun erscheinst du lichtlebendig überfunkelt!

Ihr meiner Seele wildverschlungnen Wehmutsschlangen,
Versucht der Sehnsucht trübe Hüllen abzustreifen,
Verweilt, wo Städte zwischen Meer und Himmel hangen,
Denn fühlt, schon leuchten Inseln aus Smaragdenreifen.

Was taucht nun auf, was zaubert jetzt vor meinen Sinnen?
Noch hilft kein Wind den letzten Morgenflor zu weiten,
Wohl will das Licht, allein, den goldnen Tag entspinnen,
Und alles Wasser scheint mir wie verglast heranzugleiten:

Venezia schweigt in ihrem freien Sonnenfrieden,
Denn Schmuck und Herrlichkeiten bringen ihr die Wellen.
So wird ihr gern das Meer ein Lichtgeschmeide schmieden,
Und Wogen müssen ihr zu Füßen Gold zerschellen.

Am Strande scheint die Flut sich vor der Stadt zu neigen
Und breit an ihrem Saume Gaben hinzulegen,
Wohl langsam nur zur Marmorbraut emporzusteigen,
Und, schenkend noch, die Schritte endlos zu erwägen.

Ich sehe Wogen hinter Wogen schweigsam rollen
Und weiß, noch wünscht das Meer, einst zu beharren!
Und dort nur kann sein volles Werdenswollen,
Seit langem schon, zu einem Marmortraum erstarren.

Senkt eine Brise sich nach Freiersart hernieder
Und hebt dann weiche Schleier keck hinweg vom Meere,
So gibt die See ihr tausend Wollustküsse wieder,
Als ob sie eine Frau mit Flammenlippen wäre.

Sobald jedoch die Wellen wiederum verschwinden,
Erspiegelt sich Venedig abermals in Frieden,
Denn wo sich Meer und Himmel inniglich verbinden,
Wird jeder Ruheraub in der Natur vermieden.

Ihr weißen Träume, Schwäne auf den Perlenwogen,
Erhebt euch dort, wo Goldgischt Marmordämme geißelt,
Von mir beseelt, erschwebt in weitem Spannenbogen
Den Traum, den wir aus Gold und Elfenbein gemeißelt.

O seht, dort schwimmen schwarze Schwäne um Paläste
Und schleppen Purpurteppiche durch grüne Fluten,
Schon eilt vielleicht die reiche Stadt zu einem Feste,
Denn Freude plätschert, wo Gedanken eben ruhten.

Wohl scheint das Meer sich jetzt mit Gondeln zu bedecken,
Doch schwanken sie wie Traumgestaltungen der Wogen
Noch fern und unstet auf Venedigs Spiegelbecken,
Und heitre andre Bilder kommen lieblich angeflogen.

Ob jetzt ein Traum sich seine Wirklichkeit bereitet?
Ob unser Schicksal tausend Plötzlichkeiten mehre?
Denn seht, ein Goldschiff naht, von Gondeln hold begleitet:
Nun bleibt es stehn und scheint ein Schloß im Meere!

Wird unsre Welt die eigne Traumlichkeit genießen?
Wie? könnten alle Wünsche, die ihr Glück erstreben,
Hier in Venedig heiter zueinanderfließen?
Schwer Ungeahntes kann sich nun in mir erleben!

Ich fahre noch in meinem Sehnsuchtskahn hinüber,
In einem gleichen ruht mein Weib wie weltverloren,
Nun werden aber ihre Augen immer trüber,
Das Lachen, durch ihr Sorgen, scheint mir tief erfroren!

Sie blickt auf manchen Schweif von klaren Edelsteinen,
Auf alle Funken, die verstreute Gondeln säen.
Die gleichen suchen sich um ihre Glut zu einen,
Doch alle, die sich finden, müssen gleich vergehen.

So lasse das, mein Weib, es mag dir nichts bedeuten!
Schon nähern unsre Kähne sich der Abendstunde,
Und wenn die Glocken dann vom Markusturme läuten,
So gibt es nur noch Blutrubine in der Runde.

Ich komm zu dir, dann wird die Gondel tiefer sinken,
Auf unsrer Fahrt nur muntern Funkenprunk beleben:
Die letzten Sonnenblitze wollen bald verblinken
Und wir, dem Wunsche nach, zur Seelenruhe schweben.

 

        D ie Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!
Sie nähert sich soeben ruhevoll Venedig,
Und dort bereitet man sich laut zu einem Feste,
Um hohe Gäste hold und huldvoll zu empfangen.
Am Himmel seh ich winzge Purpurwölkchen prangen,
Schon hat der Wind sie wie Lampions gekräuselt und gezapft,
Und eben zucken auch die ersten Sternlein auf:
Da ists, als wollten sie den Wölkchen sanft sich nähern,
Um sacht das Licht der bunten Lämpchen zu entzünden.
    Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!
Nun tritt sie stolz, mit silberheller Mondessichel,
Im Abendlande durch Venedigs Pforten ein.
Wie würdevoll sie unterm Sternenbaldachine,
Der höher als der edle Schmuck der Mondessichel schwebt,
Nun übers Meer, mit wollustfreudger, gütger Miene,
Sich immer weiter hebt und unser Ruheglück belebt!
    Hoch übersprühen ihre Schleierhüllen Prachtsmaragde
Und ihren untern Saum und die Sandalen Blutrubine:
Vier schöne Königssöhne tragen ihren Baldachin:
Zwei Bleichgesichter ziehen still in weißem Seidenkleid voran.
Das Wams ist goldbetreßt. Sie tragen einen viola Mantel
Und müssen stets, wenn sie das Abendland beschreiten,
Aus Anstand, einen Schurz um ihre Lenden breiten.
Doch hinter ihrer Königin erscheinen holde Mohren
Und tragen ihr der Herrschaft herrliche Insignien nach,
Das Zepter gar ist wunderbar, besetzt mit vier Planeten!
Von vorne sind sie schwarz und nackt, doch überwellt in holder Pracht
Das erste Morgenrot, als Mantel, ihre finstern Rücken!
    So bringen sie den Baldachin, den schönen, sternbesäten,
Und können drum, voll Königssinn, den Westen stolz betreten.
    Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!
Die Mondessichel glänzt und glimmt
Als Silberschmuck auf ihrer kühlen Stirn,
Und ihre volle nackte Brust befächelt sacht
Ihr blasser Sklave Zephir mit dem Wolkenfächer:
Der ist aus Flaum und leichtem Nebelschaum:
Jetzt färben ihn die letzten Abendgluten,
Auch kräuselt ihn sein Eigenwind,
Da ihn der Sklave, schwebend, fächelt.
    Belustigt das die Königin,
Denn seht, wie jugendlich sie lächelt?
    So bunten, grellen Federnputz
Erreicht in schriller Farbenreih
Allein der Schmuck vom Papagei,
Wie eben ihn in voller Pracht
Der Abend auf dem Flaum entfacht,
Wo selbst das Röteste und Allerblauste
Der Wind geschmackvoll zueinanderkrauste!
    Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!
Mit nacktem Busen, bloßem Bauch
Betritt sie nun die holde Stadt Venedig.
Sie trotzt dem fremden Christenbrauch:
Der starkbehaarte Teil der Scham
Ist jeder Überhülle ledig.
Sie bleibt bei uns, so wie sie kam,
Und um sie her wird auf die fremden Weisen froh gelauscht,
Den Schamteil merkst du kaum, von toller Dunkelheit berauscht.
Der Mohrin Nachtsang klingt im Raum:
Man schmückt und ändert rasch den Schleiersaum,
Den dieses Weib so üppig durch Venedig schleift,
Daß sein Besatz noch weithin die Lagune streift.
Mit Flammengarben aller Art,
Mit Purpurzungen, blutgen Flecken,
Mit manchem fahlen, halbverblaßten Bart
Will sich Venedig seinen Schleierrand bedecken.
Am Lande wird das Flammenband,
Nach alter Art, als langer Flammenrang, gewahrt,
Den Zauber aber müssen Meerreflexe erst erwecken!
Frohlocken will die ganze Stadt!
Mit langgezognen Kantilenen,
Mit eigentümlich süßlicher Musik,
Mit Tönen, welche Lüste nur ersehnen,
Mit Trommelstreichen wie im Krieg,
Mit Lustfanfaren nach dem Sieg
Mag man die Mohrenkönigin empfangen:
Und wenn sie schon berauscht vorbeigegangen,
So heften wir auf ihre Schleppe Purpurspangen.
Ist sie dann fort, kriecht alles Glutgewürm zur Rast:
Die Flammenschlangen, die der Menschenhand entstammen,
Verbergen sich vor uns, in großer Hast:
Und tiefverringelt im Morast,
Muß ihre Brut wie Aale grau verschlammen,
Und auch der Schwarm von grünen Feuerfröschen
Wird bald im dunklen Sumpf verlöschen.

 

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