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Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 6
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Rom

          I hr Wasserträgerkaryatiden,
Einst wart ihr Romas Ziegelsklaven,
Und heute seid ihr Invaliden,
Die früh, mit hohen Architraven,
Sich fort und fort in sich verschlangen,
Bis sie im fernen Apennin
Die keuschen Quellennymphen zwangen,
Vor ihrer Kaiserin zu knien.
Die klaren Bergströme ergossen,
Wie Strahlen, senkrecht sich nach Rom
Und sprangen, sprudelten und flossen
Dort munter als Brillantenstrom.
In Iriskränzen wühltet, spieltet
Ihr Tropfen und ihr frohen Lichter:
Ihr frischen Blumenschäume kühltet
Der Götter Marmorangesichter.
Dann stürzte Zeus von seinem Throne!
Die Nixen wurden bald verjagt,
Und blasser ward der Glanz der Weltenkrone,
Die siebenzackig sonnwärts ragt.
Ihr Invaliden steht ermattet
In der Campagna nun allein;
Verstümmelt, weinumrankt beschattet
Ihr Ziegen noch im toten Hain.
Voll Trauer seht ihr, wie die Reben,
Sonntrunken in verschlungnen Reihn
Und stolz auf den Albanerwein,
Rings freudig in die Weite streben.
Ihr Saft quillt goldig aus den Trauben,
Die in des Herbstes Purpurlauben,
Umrankt von grünen Efeuschlangen,
Auf tiefgebeugten Ästen prangen.
Durchglüht den Wald der Abendschein,
Beginnt das Licht sanft zu verklingen,
So ists, als ob im Pinienhain
Die schwersten Silberfrüchte hingen:
Orangen scheinen uns zu blenden,
Ein grelles, gelbes Transparent
Verhängt das ferne Firmament,
Und Riesenbäume spenden
Uns roter Äpfel große Last!
Doch geht hinter den Obstgeländen
Der fahle Tag dann bald zur Rast,
So fallen sie gereift vom Ast.

 

    A us einer Wolke Glastportalen
Besonnt die Glut das Herz der Welt
Und spannt mit ihren goldnen Strahlen,
Hoch über Rom, ein Riesenzelt.
Die Nebel, die sich fest verkneten,
Umzackt ein schroffer Feuerrand:
Dann werden sie zu Goldmagneten,
Denn Glut entsaugt das Gold dem Land!
Und viele scheinen selbst mit Händen
Die Farben ringsum anzuziehn,
Und wo sie Lohe wild verschwenden,
Da ists, als ob Vulkane spien!
Ist auch die Sonne schon gesunken,
Erhält sich eine Wolke lange
Die Abendglut in ihrer Wange
Und wälzt sich plötzlich farbentrunken
Ins Dämmergold, das aufwärts schwellt.
Der Himmel scheint ein Erntefeld
Mit reifen Sonnenstrahlenähren,
Die Spukgebilde nun verheeren:
Und viele Kupferkuppeln schimmern
Am Abend um das Kapitol,
Und viele tausend Fenster flimmern,
Wie überklebt mit Goldstanniol.

 

        D er Boden ist verdorrt und braun wie Ocker.
Die Hütten und Gebüsche siehst du kaum.
Die Häuser sind aus Lehm gebaut und locker:
Das ist der nahen Großstadt gelber Saum.
Was leuchtet dort hinter den welken Bäumen?
In tausend Farben schimmert jetzt ein Feld,
Ich sollte so ein Schauspiel nicht versäumen:
Die Toten steigen aus der Unterwelt!
Ich bin zu Allerseelen angekommen!
O Rom, schon zeigst du dich in buntem Kleid!
Es brennen rings die Blutlampen der Frommen,
Dabei der gelbe Schmerz, das blaue Leid:
Das ist die Saat, die Gottes Licht verstreute
Und die sich Rom in seinem Hain gehegt!
Das da sind lauter brave Weinbergleute,
Die längst der Todesengel fortgefegt.
Feldeinwärts greifen schon die Spinnenfühler
Der Stadt, die jetzt mit einemmal beginnt.
Die Häuser steigen an. Die Luft wird schwüler.
Es zieht mich in das fremde Labyrinth.
Doch überall, hinter den Wuchtzypressen,
Entschwirrt den Friedhöfen ein Schein wie Od.
Ich werde diesen Einblick nie vergessen,
Ich lobe Rom, dem Hoffnungsrot entlohnt!

 

        D u scheinst den Seelen, Rom, dazu erkoren,
Den Frieden immer wieder zu verleihn:
Hat sich Vertrautheit mit der Welt verloren,
So will ich Rom, dem Erdenherz, mich weihn!

O Sonnenstadt, du gießt beirrten Massen
Dein Friedensöl in ihre Seelenflut,
Und selbst den Geistern, die dein Walten hassen,
Verjüngt dein Zauber noch den Glaubensmut.

Ruht doch in deiner kerngewordnen Enge
Die Kraft, die unsern Menschengeist befreit;
Du einst in dir das schwerste Machtgepränge
Und wahrst dabei die stolze Eigenheit.

Die Herzblutwellen, die durch Völker rollen,
Entschnellst du, Rom, durch guter Pulse Schlag:
Der Welt befiehlt dein altes Herrscherwollen,
Ich bring dir dar, was ich an Sang vermag!

Wohl rannte mancher Papst mit seiner Stirne,
Toll aus Verzweiflung, an die Tempelwand:
Beschränkt erschienen ihm die Christenhirne:
Für Großes reicht kein menschlicher Verstandl

Dann ward durch Romas Wut die Welt vergiftet!
Die ganze Menschheit hat den Zorn erweckt,
Der Lateran das Böse angestiftet,
Das Fieber bald die Erde angesteckt!

So träumte mir, als ich die Urbs begrüßte,
Und die Campagna gelb in Flammen stand:
Ein Pilgerchor, der seine Schuld verbüßte,
Schlich romwärts in den grellen Feuerbrand.

 

        E nthüllt sich mir ein Glücksempfinden,
Kann ich an deiner Herznatur
Die Seelentiefe wiederfinden,
O Rom, befreit mich dein Azur?

Ein Sonnentag ist eine Freude
Und hoch und anders hier in Rom:
Kristallhaft glimmen die Gebäude,
Mir ist die Luft ein Lichtphantom!

Hier ruht des Himmels blaue Leere
Auf Säulen ganz aus Luft und Licht,
Du blickst empor: zu einem Meere?
Kein Himmelssegler ist in Sicht!

Die Sonnensäulen stehn auf Plätzen
Und tragen ihren Baldachin:
Die Stunden werden sie versetzen
Und lila Schatten weiterziehn.

Ein Lebensdom mit Sonnenpfeilern
Zieht ewig über Meer und Land,
Doch bleibt in uns, den Erdverweilern,
Sein Wesen lang noch unerkannt.

Die Sonnenpsalme, die erschallen,
Singt sich die Seele, lichtverwandt,
Und Geister träumen Tempelhallen,
Gedanken baun genau die Wand!

Oft werden Götter überwunden:
Gar bald verraucht ihr roter Ruhm!
Doch neuer Götzen rasch entbunden,
Verbleibt der Mensch im Heidentum!

 

        Z ur Pauluskirche geh ich täglich,
Es war zuerst bloß Zeitvertreib,
Doch liebe ich sie jetzt unsäglich
Und suche dort nach meinem Weib.

Zur Kirche müßt es wiederkehren,
Beglückt wie ich durch ihre Pracht,
Es sollte stets den Rausch begehren,
Der hier so hold um uns erwacht!

Der Frau gefallen Kolonnaden,
Die um den Marmorspiegel stehn,
Die Üppigkeit im Knauf entladen
Und sich im Boden wiedersehn!

Dort schweift ihr Sinn an Säulengängen
Hinab, hinan und weit zurück:
Sie liebt so still gereihte Längen,
Die Räume, klar beherrscht vom Blick!

 

        D er Petrustempel bleibt hienieden
Zum Einbruch ferner Geister frei!
Uns birgt den zweckefremden Frieden
Des Domes aufgerecktes Ei.

In Völkern, die im Kampf gewonnen,
Wird aus dem menschlichen Gehirn,
Dem Weltgesetze eingesponnen,
Sich neue Lebenskraft entwirrn.

Einst wird der Mensch hier, ohne Sorgen,
Zum Geist, der gegen Schein sich bäumt
Und unbekümmert um ein Morgen
Die Phantasien kühn entzäumt.

Die Tat sei eingeprägt in Rassen,
Die ihren Staub sich umgeschafft,
Denn sonst verliert sich in den Massen
Der Auserlesnen Sonderkraft!

Dann soll der Mensch in diesen Räumen,
Wo sich ein Höhesein erfaßt,
Der Kindheit Gaukelspiel verträumen:
Bei Göttern ist er hier zu Gast!

Unheimlich sind die Dimensionen,
Wo Perspektive fast verschwand,
Den ptolemäischen Legionen,
Die Eigenmaße nur gekannt.

Den Raum, die Zeit zu überwinden,
Versucht der Mensch im Petersdom:
Einst werden sie von selbst verschwinden!
Schon bannt uns Ewiges an Rom!

Ein großer Meister, der uns mahnte:
Kopernikanisch sollt ihr sein!
Und freiere Geschlechter ahnte,
Erbaute seinen Traum in Stein.

Wie bei dem Hirn die Schädeldecke
Sich an die innre Fülle paßt,
So wälzte er die Marmorblöcke
Um die Idee, die er erfaßt.

Er türmte auf und wölbte mächtig,
Was seiner Ahnung klar entsprang:
Verjüngungskühn, gedankenträchtig
Gebar er seinen Marmorsang.

Der Geistesblitz, der den Planeten
Ins Sternenall hinaufgeschnellt,
Begeisterte den Steinpoeten
Zum größten Tempel dieser Welt!

Er ahnte mehr, als er vernommen,
Und setzte schon das Monument
Gedanken, die noch kaum erglommen,
Wo die Idee schon hell entbrennt!

Ihr Lebensfeinde, schwere Steine,
Wenn euch ein Sonnensohn bezwang,
Seid ihr im rhythmischen Vereine
Ein felsgewordner Sonnensang!

Bei allen heißen Meißelschlägen,
Wenn blitzend das Gestein zerspringt,
Wenn Riesentrümmer sich bewegen,
Und kühn dem Hirn ein Werk gelingt,

Wenn wir die Säulen sonnwärts stellen,
Was nur Titanenkraft vollbringt,
Wenn die Gebirge selbst zerschellen,
Hast du, o Sonne, uns gedingt!

Drum Marmorstein, du mußt erbleichen:
Du dienst dem Himmelstürmer Geist,
Den keine Fallsterne erreichen!
Der Meteor erlischt, vereist,

Zu seiner Sehnsucht Starre friert er.
Bringt Kandelaber, reich geschmückt!
Stellt sie um Marmorbilder reichgezierter
Bezeuger, daß euch viel geglückt!

Die Leuchter schmücken goldne Spangen,
Die Blutrubine starr umglühn:
Smaragde seh ich ringsum prangen,
Brillanten in den Tempel sprühn.

Nun spricht ein sanftes Gold zum Herzen.
Es rauscht mich an wie Feuerklang.
Gar lieblich flimmern stille Kerzen,
Und aus dem Herzen strahlt der Dank.

Ich höre Engel jubelnd singen!
Die Tränen werden sanft ihr Kleid,
Musik erbraust auf Unschuldsschwingen:
Mein Glück, nun gleichst du meinem Leid!

Die Wuchtkuppel durchbraust ein Psalter:
Hoch oben schwebt ein Cherubim
Als hehrer Hierarchieerhalter,
Denn Art und Adel tagt in ihm!

Hinan zu meinem Götterhimmel!
Hier werde ich zum Kind und schwach,
Mein Traum entrausche dem Gewimmel,
Du Meteor in mir, erwach!

 

        D ir, Artemis, der Erstgebornen
Von Letos hohem Zwillingspaar,
Dem reinsten Weib, dem zuchterfrornen,
Bringt mein Gemüt den Nachtsang dar.

Dein Speer, der Silberpanzer blinken.
Auf wildem Schimmel, ohne Zaum,
Die Halbmondfackel in der Linken,
Durchschweifst du hell den Sternenraum.

Du reitest sicher, ohne Zügel.
Gar stürmisch wiehert nun dein Roß:
Und überrascht ihr Nachtgeflügel,
So schleuderst du dein Wurfgeschoß!

Nun sprengt dein nacktes Magdgeleite,
Auf Windfliehern, um dich herum,
Wohl keine sinkt von deiner Seite:
Zur Jagdzeit sind sie meistens stumm!

Sie haschen Vögel, die ermüden,
Doch bloß die Göttin wirft den Speer:
Nun kommt der Jungfrau aus dem Süden
Ein Vogelsaus jäh in die Quer.

Um Störche, weiße Tauben, Reiher,
Ein reiches, frühes Lenzgeschenk,
Wirft flugs der Jagdtroß grelle Schleier:
Er fängt sie hurtig und gelenk.

Doch vorwärtswirbelnd, wiederkehrend,
Setzt sich der Vogelschwarm zur Wehr:
Sich weiterwindend, rasch sich mehrend,
Vertollt sich steil ein Wolkenheer.

Dianas Fackel zu verdüstern,
Scheint Wolken Wendung in der Not!
Doch bleiben sie von Windverwüstern,
Trotz Mut und Hurtigkeit, bedroht.

Ein Zug von Turteln gurrt, und lüstern
Wirft sich der Jungfrau muntres Pferd,
Jetzt geifernd aus den Silbernüstern,
In den Tumult, den es begehrt.

Ganz wild, verworren sind die Mähnen
Der Gäule bei der grellen Jagd:
Steil jagen tausend Luftsirenen,
Von Artemis weiß überragt!

Sie sprengt den Troß, der sie begleitet,
Erzürnend ins Getümmel ein:
Soweit das Mondgewölk sich breitet,
Ergrellt der Kampf im Fackelschein.

So wie die Herrin Beute wittert,
Beglimmt Begierde ihr Gesicht:
Hier blendet, bricht, hier ritzt und splittert
Rings Britemertis Silberlicht.

Sie will das Wild zu Tod verletzen:
Was drohend wolkt, wird aufgeschlitzt!
Selene liebt das tolle Hetzen:
Ihr Zitterschein wird spitz verblitzt.

Kann bald das Nachtgezücht zerstieben?
Der Himmel graut, mit Flaum bedeckt.
Der schwarze Schwarm ist aufgerieben
Und im Gemetzel lahmgestreckt.

Den Göttern wird als helle Kunde
Verkündet, daß die Schlacht vollstreckt!
Noch heulen wüst die Sturmwuthunde,
Sie haben grelles Blut geleckt.

Der Himmel muß als Mond erscheinen:
Er hat das Sternenall erstreckt,
Denn hinter Federn und Gebeinen
Liegt nun der Kampfplatz weiß versteckt.

Hoch oben jagen Kraterschlacken,
Von Silbersäumen sacht umhellt,
Und kahl bestarrt von Mondlichtzacken,
Vergraut ein fahles Totenfeld.

Ereist, zergrellt besteht der Himmel:
Ein Mond eroberte ihn ganz,
Und siegreich flicht das Jagdgewimmel
Sich seinen Rieseniriskranz.

Nur langsam löst sich das Gefieder:
Der Jungfrau-Göttin Jagdtrophäe!
Als Flocken schwirrt der Flaum hernieder.
Die Höhen wirbeln sich im Schnee.

Als strebten Segler nach dem Orte
Der schwarzen Rast, mit scharfem Kiel,
Drängt durch das Wogen unsrer Worte,
Durch frischer Rhythmen Wechselspiel,

Gleich Pfeilen von entspannter Sehne,
Als Lichtbild, herrlich die Idee:
So tritt aus Nebel jetzt Selene,
Ganz Hellas glänzt in Silberschnee!

Das Mondlichtnetz umschlingt uns wieder!
Der Himmel träumt sich wolkenfrei,
Und Leleithia steigt hernieder:
Sie hilft des Nachts von eins bis drei!

Stets westwärts wehn die Jägerscharen,
Im Mond Muchion übers Meer:
Wie sie Italiens Strand bewahren,
Fliegt flinker noch das freie Heer.

Durch Wälder schweifts im Schwebeschritte
Als blasser, weißer Nebelstreif,
Um Wiesen schweifts, mit leichtem Tritte,
Und gleitet schon und schleift auf Reif.

Die Göttin sieht auf fernen Zinken
Des Bruders Troß im Purpurlicht
Und horcht; sie muß zum Aufbruch winken,
Da eine Jungfrau leise spricht:

 

        Z u Wüstensand verbrannte
Der Erde gelber Teil,
Und in die Wildnis sandte
Apoll den ersten Pfeil!

Der Wüstenatem brachte
Ihm Blust und heißen Sand,
Er schmachtete und dachte
Verträumt an Phöbos' Hand.

Die Glutenstrahlen klangen
Hinab zum klaren Meer
Und schwellten das Verlangen
Nach Wolkenschutz und Wehr.

Behutsame Gestalten,
Vom Wellengang geschnellt,
In Nebelmänteln, wallten
In unsre blaue Welt.

Sie kamen unvermutet
Zum ausgedorrten Pfeil;
Er war beinah verblutet,
Sie brachten ihm das Heil.

Er wäre bald verkommen!
Er schmachtete im Sand:
Die Hoffnung schien verglommen,
Sein kleiner Atem schwand.

Die Nebel kosten, küßten
Den dürren Zukunftsbaum,
Sie labten ihn mit Brüsten,
Erfüllt von Lebensschaum,

Und sagten: Nicht verzagen,
Es wird die Sehnsucht bald
Im Boden Wurzel schlagen,
Sie sei dir tief ein Halt!

Das rauschten sie mit Wärme.
Erst hörte er sie kaum,
Dann sah er Nebelschwärme
Im ersten, nahen Traum.

Bald drangen wahr ihm Kräfte
Zum letzten Federnsaum,
Und grüne Frühlingssäfte
Durchfieberten den Baum.

Oft hat die Langeweile
Die Palme dann gequält,
Von einem andern Pfeile
Ward ihr darauf erzählt.

Zu unverheilten Wunden
Rang sich ihr Sehnsuchtsdrang:
Da ward die Brunst entbunden
Und blühte liebesbang.

Die Hoffnung wollte lieber
In keiner Blume ruhn!
Sie schwang sich noch hinüber,
Als Duft sich zu vertun.

Den andern Baum betörte
Der Düfte Überschwang:
Sein Blütenohr erhörte,
Was ihm zum Kerne klang.

Doch hat der Blütenzungen
Geflüster nicht die Scham
Der Blume sacht bezwungen,
Als sie von Lust vernahm.

Errötend nur erhörte
Ein Kelch den Duft sogleich,
Die schönsten Blüten störte
Sein Rausch: sie welkten bleich.

Verdurstend, elend standen
Die Palmen oft allein,
Denn Nebelkinder fanden
Sich lange, – lang nicht ein!

Vom alten Baume blieben
Sie viele Monde fern:
Er hoffte noch zu lieben!
Da brach sein Lebensstern.

Des Wesens letzte Strahlen
Ersprühten noch zu Pracht,
So sind ihm Purpurqualen,
Als Abschiedskranz, erwacht!

 

        O Göttin, welches Weh durchzittert
Dich sanft, da du das Lied erlauscht:
Hat Sang die Keuschheit dir verbittert,
Hat dich der Traum vom Baum berauscht?

Von Ästen seh ich Nebel baumeln.
Der Jungfrau Traumweh scheint erwacht.
Sie zagt, ihr bangt – sie könnte taumeln,
Nun blendet sie die eigne Pracht!

Die Stute wiehert, denn es striegelt
Sie schon der erste Sonnenschein,
Ihr Waidweibantlitz aber spiegelt
Der Nemisee entzückend rein.

Die Schönheit, die sie zart umzittert,
Ward bloß mit Keuschheit ihr bestimmt.
Drum ist ihr Blick in Furcht zerknittert:
Sie flieht, da schon der Tag erglimmt.

 

        S tolz steigt mit der goldenen Leier
Apollo empor in die Welt:
Das Licht ist an sich eine Feier,
Und wer sie empfindet, ein Held.

Schon lüften sich duftige Schleier,
Nun trennt sich der strahlende Schwall,
Und Erdstimmen freuen sich freier
Im sonnendurchglühten Kristall.

Das Gold, das wir alle begehren,
Das ewig der Sonne entrollt,
Erklingt in den lauschenden Sphären,
Denn alles ergötzt sich am Gold!

Wo Wölkchen am Himmel erglimmen,
Da schweben auch Englein hervor
Und singen mit kindlichen Stimmen
Des Morgens unendlichen Chor.

Kaum hört man die Stimmlein noch säuseln!
Die Äuglein sind strahlend und klar,
Und Lüfte des Frühlings verkräuseln
Die Flügel, das goldene Haar.

Die Elfen beginnen den Reigen,
Sobald nur ihr Weckruf erschallt:
Sie wünschen aus Blüten zu steigen:
Ihr Lichtschritt durchzittert den Wald.

Sie wirbeln in flimmernden Schäumen,
Sie tragen sich zierlich zur Schau,
Beim Tanzen entfällt ihren Säumen
Erfrischender, zitternder Tau.

Sie folgen geschwind Terpsichoren
Und suchen beim Tanze Genuß,
Erhascht von dem Hauche der Horen
Verwehn sie beim brünstigen Kuß.

Jetzt klingen die Lebensgelüste
Zum sonnenden Gott aus dem Tal,
Bald sieht er vom Strahlengerüste
Geschlünde, verwüstet und kahl.

Da brennt er, mit flammendem Stifte,
Der Starre vernichtet, verzehrt,
Lebendige Worte in Trifte
Der Wüste, die Wollust begehrt.

 

        D er Morgenrotstrauß hat sich traumhaft erhoben.
Wie Bluttropfenrosen, in samtigem Moose
Ihr Knospen verbergen, verglüht nun zart, oben
Im Düster der Dünste, die letzte Frührose.

Den Himmel umflimmern die lieblichsten Farben!
Im Nebel erscheinen Hortensien und Lilien:
Im Blütenkranz glühen zerzüngelnde Garben,
Und Tulpen erspiegelt die See von Sizilien.

Jetzt will sich die Anmut vollendet genießen,
Dazu ihre Ruhe im Meere vertiefen:
Ein Spiegel erscheint! Alle Brisen zerfließen,
Als ob nun die wogenden Seewünsche schliefen.

So gleicht nun der Tag einem ruhenden Löwen,
Mit goldig zerstrahlender, sonniger Mähne.
Ganz still ist das Meer. Und fast suchen es Möwen.
Es ist, als ob jede im Äther sich wähne.

Erschreckt durch ihr Eigenbild flattern sie weiter,
Um irgendwo Winde und Wogen zu finden.
Es reckt nun Poseidon, gewaltig und heiter,
Sein Haupt aus der See: – alle Zweifel verschwinden.

Die Stirne des Gottes ist gar nicht umzogen.
Im Bann seiner Blicke bestätigt sich alles!
Bedächtig und ernst wird die Schöpfung erwogen:
Er denkt an die Kinder des klaren Kristalles.

Da leuchten die Algen und Aderkorallen,
Die leiblos, fast todesverschont, sich vermehren:
Dort wandeln sich Schwämme und farbige Quallen,
Die hinschwimmend Leiden und Jubel entbehren.

Es ist das kein Leben, voll Trauer und Schauer,
Wo Leibes- und Todesorkane sich hetzen!
Das Wasser ist schwanger an Schwere und Dauer
Und mag sich in klare Betrachtung versetzen.

So horchen Tritone dem Chore der Horen:
Sie spielen den Sonntag auf goldnen Trompeten.
Hier gehn keine himmlischen Hymnen verloren,
Die herrlich der Leier Apollos entwehten.

Jetzt dringt aus den Liedern ein lustiges Trillern,
Ein schalkhaftes Trällern zufriedener Kinder:
So hofft sichs zur Sonne! Tritonflossen schillern.
Was lacht da: ein Knabe? Das schwimmt viel geschwinder!

Erfaßt von der Freude am Flimmern und Glänzen,
Versprüht auch der Tag seine scherzhaften Brisen,
Delphine umspringen mit schimmernden Schwänzen
Poseidon, den einfältig lächelnden Riesen.

 

        D ie schaumgeborenen Nixen sind übersprudelnd heiter!
Sie schnellen sich im Meere, in wilder Lust, empor:
Delphine und Tritone sind oft ihre Begleiter,
Gesellig ist ihr Wesen, voll Leichtsinn und Humor.

Du hörst sie unterm Wasser von Lust und Liebe tuscheln,
Sie plätschern und sie schäkern nach lauter Kinderart,
Sie schauen auf zum Strande, bewerfen ihn mit Muscheln,
Und nun erhebt ein Nix sich mit nassem, langem Bart.

Er möchte gerne Fischern verständlich sein und prahlen:
Er taucht nach Jakobsschalen und schlürft daraus das Salz,
Den Bart auswindend, spritzt er jetzt plötzlich Wasserstrahlen,
Und Austern, Tang entzaust er dem Haar auf Wams und Hals.

Die raschen Brandungswogen begehren schon das Leben,
Sie rollen voller Lustsucht herüber übers Meer,
Sie schwellen starke Lüfte, die über Land entschweben,
Und sie gebären Lieder im blinden Greis Homer.

Sie überfluten Länder und branden erst in Wäldern,
Entzünden bunte Blumen, verkuppeln sie sogar,
Entschäumen dann als Blüten den winddurchwogten Feldern,
Sie sind die Macht des Wassers, das alle Kraft gebar.

 

        D u dunkle See, vertraue nachts der Sonnenwärme!
Nur was der klare Tag erschafft, ist stark und wahr:
O Muttermeer, dem Licht gebierst du Wolkenschwärme,
Denn Licht befruchtet und begehrt dich immerdar.

Ihr falschen Silberblicke doch, im Dunstgespinste,
Was flackert ihr so frech, voll geiler Mondesbrunst?
Uns wird, als ob ein Geisterbund am Seegrund grinste:
Ihr sucht umsonst nach Lebenslust und Liebesgunst!

Die Liebe seid ihr nicht, ihr kalten Augenblicke!
Wo kennt Vergnügung, was sich geilen Süchten weiht?
Ihr bringt kein Samenlicht für Glück und Wuchsgeschicke:
Gefunkler, die ihr scheel und irr, aus Neidlust, seid!

 

        D u siehst die Eos kaum im Traum erzittern,
Bevor sie plötzlich schön und rasch erwacht:
Von Helden träumte ihr und Lichtgewittern,
Vom Sonnengott, der sie zum Weib gemacht.

Sanft ließ der Traum das Frühgesicht erröten!
O nun geschah, was Eos kaum gedacht:
Apollo ists! Er kommt, den Wurm zu töten.
Und erste Liebe überglüht in Pracht.

 

        O Sonne, unsre holde Lebensmutter,
Von Wolkenschwärmen bist du eng umdrängt!
So gleicht ein Mädchen dir, das Taubenfutter
Und volles Wohlwollen von Herzen schenkt.

Die weißen Flaume wehen, leicht belichtet,
Im Tag empor! Aus sich erschwellt,
Ist froh ihr Wesen hoch hinangerichtet:
Ja, sie entwanden sich der Tat zur Welt!

Wie klar das Meer: ein Nix in Taugirlanden!
Opalhaft glimmt die frische Seeglasur.
Im Morgenflor wird Aphrodite landen:
Sie bringt die Lebensmilch in die Natur.

 

        F rei grüßt sie Athene mit blitzender Lanze!
In himmlischen Augen erblaut ihre Seele:
Sie schaut auf ihr Hellas im traumgrauen Glanze,
Auf Elfenbeinburgen und Lichtseejuwele.

Gar fröhlich bringt Hermes den Göttern die Kunde
Der plötzlichen Schönheit erblühender Wiesen:
Sein Flug übersilbert um Juno die Runde:
Ermunternd erscheint er auf duftenden Brisen.

Nun hören die Götter die Lenzlerchen schmettern.
Nun jubeln die Schwalben. Nun gurren die Tauben.
Und Horen beginnen auf Bäume zu klettern,
Um hurtig den Wald und die Flur zu belauben.

Sanft wecken der Venus leichtschwebende Schritte
Verschlafene Schlangen, die Spinnen und Schnecken.
Befreit sind auch Muscheln vom schleimigen Kitte:
Schon können sich Nattern nun wiederum strecken.

 

        D ie Sturmflut des Lenzes, der Lichter und Gluten,
Umbrandet die Hügel, als reifendes Korn.
Noch steigen die Blutzungen fordernden Fluten:
Die Schöpfung durchadert ein Ewigkeitsborn.

Im Herbst aber müssen die Reben verbluten,
Bald leert sich der Flora frei spendendes Horn.
Dann werden die Faune in Felsspalten tuten:
Im Blättersturm regt sich die Dürre, der Dorn.

Kein Laub hemmt den Schall mehr; ein Jubel der Klänge,
Die Jäger, das Echo erscheinen im Tal:
Wild wirbelnde Rhythmen verdrängen Gesänge,
Das klatscht und das macht den Bacchantenskandal.

Jetzt fangen die Faune an laut zu erwachen!
Lang staken die Schalke in fremdem Revier:
Du hörst sie und gleich darauf Bergschelme lachen,
Und was du auch sagst, spricht ein Sprachenspalier.

Nun rufen des Herbstes glücksuchende Stimmen.
Nun blutet die Rebe, die Gluten ersehnt:
Sie liebt den Vesuv, und sie will ihn erklimmen,
So sonnt sich Ariadne an den Panther gelehnt.

Jetzt wirbelt des Herbstes bacchantischer Reigen!
Jetzt tanzt ihn im Walde ein weiblicher Chor:
Wie Kupfer entflimmern die Blätter den Zweigen,
Rasch rascheln dabei Tamburellen hervor.

Wie taumelnd erstarrte Titanen verschlingen
Sich Felsen, von Wäldern und Bächen umrauscht,
In Schluchten, wo lustige Sprudel entspringen,
Hat einst die lernäische Schlange gehaust.

Gigantenkakteen erfächern auf Wänden:
Um Felshermen züngelt wildwuchernder Wein,
Die Rillen durchglimmt er mit blutigen Händen,
Und Moose umflechten wie Bärte den Stein.

Du spürst sich den Efeu zu Schaukeln verknüpfen,
Und drauf hocken Olme und krötig Getier.
Vor Grotten beginnen Giftvipern zu hüpfen,
Und drinnen pfeift pfiffig der kleinste Satyr.

Auf Pinien und kühnen Zypressen verspinnen
Die Lichter sich langsam zu loderndem Flor.
Da zucken umgoldet die purpurnen Zinnen
Der Burgen des Tages zum Abend empor.

Jetzt schreitet uns Bacchus im Walde entgegen,
Das Wetter bedingt seinen launigen Sinn.
Was wär ihm an anderer Unbill gelegen?
Mit grünendem Thyrsusstab zieht er dahin!

Am Wagen verschlingt sich das Laub um die Speichen:
Leicht schleppen ihn Panther durch fruchtbare Flur.
Doch scheinen die scheckigen Tiere zu schleichen,
Und Efeu entwuchert als Wagenradspur.

Jetzt reicht eine Nymphe dem Weingotte Wasser:
Er sieht nur mit funkelndem Blicke hinein,
Und rasch wirkt der Zauber! Der Trank edler Prasser
Entschäumt nun der Schale. Schon blutet der Wein.

 

        V on Eris, der streitbaren Schwester, geleitet,
Von Hermes, dem Gotte der Stürme, befreit,
Erscheint uns jetzt Ares, der aufbrüllend reitet:
Er hat dieses Tal seinen Fackeln geweiht.

Er hetzt auf dem Sturme, der Eichen entwurzelt,
Und Wirbelwind kugelt sich hinter ihm her.
Schon sind manche Racker in Schluchten gepurzelt,
Die Klüfte durchrast bald das schnaufende Heer.

Die Stimmen im Sturme versammeln sich Mannen!
Trompeten umdröhnen Gestalten der Wut,
Der Marsgesang rafft, Troß auf Troß, rasch von dannen:
Gebirge sind Brücken für Menschen mit Mut.

Das Land übertummeln blutsuchende Stämme,
Schon stürzen sich Horden auf strotzende Flur.
Die Anhöhen krönen lebendige Kämme,
Schnell wechselt der Spitzberge reger Kontur.

Ein Stamm schleudert Steine auf steiles Gemäuer,
Sein Held dringt mit Fackeln zum Haupttor hinan.
Jetzt helfen die Winde: sie fordern das Feuer
Und stecken sich Brandhorste spielfingrig an.

Nun brennen auch Menschen! Noch streiten Gebeine
Verstümmelter Krieger: jetzt röchelt das Feld.
Der purpurnen Städte zerflatternde Scheine
Durchgrellen die Schlachtnacht, die Ares durchgellt.

Den Stadtwall verkleiden gesteigerte Leitern:
Auch schrauben sich Lanzenquadrate steil auf.
Die Angreifertaktik versagt: Türme scheitern!
Verreckende decken die Erde zuhauf.

Der Kriegsgott zieht lachend durchs Leichengedränge:
Wie freut ihn das Blitzen von Lanze und Speer!
Entstöhnende hören noch Schlachtengesänge:
Im Traumtaumel tummelt sich klappernd das Heer.

So wird noch der Grause, ein Schimmer, von Kriegern,
Im Nu des Verscheidens, befackelt, gesehn.
»O gebt unsern Kindern die Schreckkraft zu Siegern!«
Vollenden, die sterben, im Fieber zu flehn.

Ein Fürst, der verreckt, sieht sein Volk nun in Ketten:
Entschattend und stumm! Keine Rache im Sinn?
Wer kennt ihn noch: niemand mehr? »Hastet, ans Retten!«
Wie herzlos macht Menschen das eigne Dahin.

Der Rotschein von Fackeln um Eris beleuchtet
Verknäulte beim Draufgehn: ein Krieger erschlägt,
Von Blut und von Angstschweiß beschmutzt und befeuchtet,
Den eignen Genossen, der Wertwaffen trägt.

Die Toten ziehn fort, ohne Abschied zu nehmen!
Dem Zug wird, wer einstirbt, verdutzt zugepreßt!
Verkrüppelte können den Rundsturm nicht lähmen:
Beblutet entsteigt gelben Freveln die Pest.

Doch dunkelt sie mit, bei verfinsternden Farben:
In schwarzen Gewändern durchstreift sie die Nacht!
Harpyien, die Gift aus der Pestbrust erwarben,
Verschleppen, was heimlich die Greisin entfacht.

Sie fliegen von dannen: das Nahen der Scharen
Gibt niemals ein Krächzen und Auflodern kund!
Wir müssen beim Sterben ihr Brüten gewahren:
Sie nisten am liebsten im röchelnden Mund.

Sie fliegen stets vorsichtig, durchsichtig, leise
Durch Strecken, die eben der Kriegsgott verheert,
Dann ziehen sie immer noch fremdere Kreise,
Und wo sie erscheinen, wird eifrig bekehrt.

Schon lassen Propheten oft Jünglinge schlachten:
Sie seien den Numen zum Opfer gebracht!
Das Volk sucht ein Sühnungsgebot zu beachten,
Und denkt so, daß Zeus' holde Milde erwacht.

Von Betenden, die krumm Altäre umhocken,
Wird seufzend Erlösung vom Unheil erfleht!
Gelispel will Göttern ihr Mitleid entlocken:
Die Nasen sind plötzlich vom Pesthauch umweht.

Ein Jüngling bleibt starr, durch die frostende Seuche!
Sein Grab hat ein Mädchen für sich mitbegehrt,
Doch kennt nicht der Stamm solche Opfergebräuche:
Der Tod bleibt den Witwen und Bräuten verwehrt.

»Verweigert mir jemand mit dir fortzuschlafen,
So schwöre ich Rache zu nehmen!« Beschließt
Das Mädchen im Wahne: »Auch mich will ich strafen
Wie euch, wie ihr stumpf meinen Buhlen verließt!«

Die Rasende seh ich mit Brandfackeln rennen!
Sie wirft sie in Scheunen. Die Flamme erloht.
Das Dorf der Verseuchten fängt an abzubrennen:
Ihr Nachbarn, frohlockt! Jetzt verläßt euch der Tod!

 

        D och früher schon fühlte ein Mann sich erkoren
Und plötzlich von Göttern zu Taten gedrängt!
Der Angstschweiß beperlte des Aufstachlers Poren:
Sein Sprechen war merkbar von Geistern gelenkt.

Er wußte sich oft durch die Toten beklommen:
Er wünschte, ihm würden die Worte entwürgt!
Und da er auf richtige Silben gekommen,
So blieb seiner Seele die Sendung verbürgt!

Er hielt alle Menschen um sich für besessen;
Und wirklich durch Zungen sprach Fieber und Brunst!
Sie schienen im Angstwahn die Pest zu vergessen:
Er dünkte sich, schreiend, von Schweinen umgrunzt.

Er sah, wie sich Leiber ihr Leben erhalten:
Bewußtlose Körper, von Fäulnis zernagt,
Zerstäubten! Sie wollten nicht krampflos erkalten;
Da hat er die Worte der Rettung gesagt.

Ein Frösteln erhaschte ihm Nase und Ohren:
Er glaubte sich selber vom Übel erfaßt,
Beim Stottern erkannte er schon sein »Verloren!«
Und was er noch sagte, verhaspelte Hast!

Er sprach rasch von Flucht! Doch er ward kaum verstanden.
Noch schwoll seine Inbrunst. Sie kam ungehemmt.
Ein Schwindel war nahe: die Griffe entschwanden,
Durch die er sich lang gegen Ohnmacht gestemmt.

Nun schienen ihn Tote und Träume zu plagen,
Sein Dunkel im Wesen ist haschhaft entbrannt,
So konnte das Herz ohne Hindernis schlagen,
Dann preßte ihn rasch eine blutrote Hand.

Er sprach von der Sonne, von schöneren Ländern:
Ihm kletterten Worte vom Auszug hervor:
Er sah viele Menschen in Flammengewändern,
Sie kamen ihm größer, erlichteter vor.

»Ihr seid alle Kinder des himmlischen Glanzes!«
Begann er, von Fiebern gezwackt und gejagt:
»Ihr leuchtenden Träger des Urflammenkranzes,
O sagt, habt ihr nie euern Ausfall gewagt?«

Doch wiederum fühlt er die Nachtflügel schlagen!
Er wehrt sich und bäumt sich, spricht doppelt vom Licht,
Erzählt von dem Gotte im fliegenden Wagen,
Und stürzt dann zu Boden! Sein Augenlicht bricht.

Da schreien und laufen bereits ganze Scharen,
Die Sonne hochpreisend, zum westlichen Meer.
Solang sie die Krone des Lebens gewahren,
Befiehlt noch ein Herzog dem rasenden Heer.

Am Strande besteigen sie alle Triremen.
Der Zank in der Brandung, ein Aufruhr durch Nacht
Vermögen nicht Fahrlustorkane zu lähmen:
Das liefert sich oft um ein Boot eine Schlacht.

So zimmert euch Flöße, trotzt Stürmen und Tosen
Und fliegt auf die Fluten mit Weib und mit Kind!
Schon stürzen, auf Trubelsee, turmhohe Hosen
Hernieder, und Segel sind Fetzen im Wind.

So retten sich wenige nur in den Booten,
Denn manches, das steuerlos, dicht gefüllt treibt,
Vermißt auf dem Meere den sichern Piloten:
O hört, wie die Flut sich an Bauchplanken reibt!

Wer glaubt nicht, das Ende des Sturmes zu spüren,
Und fühlt sich doch hilflos: allein auf dem Meer?
Wo dämmert das Wissen, ein Schiffchen zu führen?
Die Hirne sind dunkel – die Seele bleibt leer.

Und mag auch das Meer sich im Windschlummer wiegen,
So wacht es doch weiter, und nie wird es ruhn,
Wie könnte dem Leben sein Lieben versiegen?
Am Ozean nachtet ein seliges Tun.

Das Meer mag sich oft ins Unendliche glätten,
Doch senkt sich dabei kaum sein schöpfender Arm;
Es schlingt mit den Lüften die ewigen Ketten
Des Lebens und schwellt seinen Nachtwanderschwarm.

Ein Boot sah von ferne ein plötzliches Glimmen.
Von wenigen Augen nur ward es gewahrt,
Doch bald gings dem Lichte wie freundlichen Stimmen:
Durch Menschen kam Freude auf haltloser Fahrt.

Bald war es verschwunden und nimmer zu finden!
Die Schiffer zerspähten das Dauern der Nacht:
Sie trachteten Fackeln am Bug anzubinden.
Die Masten sind längst schon zusammengekracht!

Bald huschte ein Schein, wie ein Irrlicht, im Meere:
Die Flut schlug darüber und löschte ihn aus!
Dann fuhren die Armen der Kreuz und der Quere
Und hörten im Meeressaus wieder nur – Braus!

Oft zeigten sich Sterne, als Wolken zerrissen:
Schon blinkten sie splittrig auf blaugrauem Stahl.
Der Taggigant hob dann auf wolkigem Kissen
Den Morgen empor in den Sternbildersaal.

Nun schienen Gebirge die See zu begrenzen:
Schon schliefen die Wellen. Der Morgen war lau,
Dann fingen oft Sprungbrisen an auf zuglänzen:
Dort vorn aber wuchtete wolkendes Grau.

 

        W ie? Springt jetzt ein Windwicht im Lichthemd zum Meere?
Schon lächelt das Wasser. Nun himmelt ein Blau.
Delphine sind da! Doch wo sank die Galeere?
Ein Halbwrack erglüht wie ein flammender Bau.

Der Tag steht nun oben: voll goldiger Dauer.
So hold wie ein Jüngling; leichtlockig und blond.
Mein Himmel, du dunkelst: viel höher – noch blauer!
Wie wogenlos bleibt, wer sich wonniglich sonnt.

 

        D ie Verschwenderin der Liebe, unsre Sonne, leuchtet wieder,
Und das Meer ist von der Wonne ihres Goldes überstrahlt,
Muntre Rudel von Delphinen tauchen auf und tauchen nieder:
Ob das Wasser, vor der Sonne, mit den Meergeschöpfen prahlt?

Alle Wellen sind Impulse, sind der Wunsch nach Windbewegung,
Winde sind die Flucht ins Leben, Sprünge aus dem Ruhezwang,
Und das Leben ist die Sehnsucht und der Flug zur Lichterregung,
Und das Meer ist eine Lunge, voll von großem Atemdrang.

Weißes Licht und weiche Lüfte, kommt, das Meer wird euch empfangen:
Schnellts die Wellen doch mit Armen ganz aus Gischt und Licht empor;
Seht! Schon schleuderts Freudenkränze, wo sich Luft und Schaum umschlangen,
Und die fliegen nun zerstrahlend wie ein Meergoldmeteor.

Freude siehst du ringsum funkeln. Sag, was rastet auf den Fluten?
Atmen will das Meer: nur atmen! Seht den Wind, der ihm entweicht!
Hört ihn kichern, hört ihn plätschern! Er, das Kind der Sonnengluten,
Wird die schwülen Lüfte kühlen, wo er nur den Strand erreicht!

Auf den Schiffen die Matrosen werden alle froh und heiter:
Wie ein Traum von Schaumbrillanten zischt der Gischt empor am Kiel,
Ringsum springen die Delphine, unsre muntern Schiffsbegleiter,
Und dann schimmern ferne Riffe: für die Schiffenden ein Ziel.

Jedes Schiff bekommt jetzt Ruder, ja womöglich Steuer, Segel:
Alles regt sich voller Hoffnung, da man fern ein Eiland sah.
Hemden nähn sich rasch zusammen; und das findet Hammer, Nägel:
Und so trägt, nach kurzen Stunden, manches Boot schon Mast und Rah!

 

        D urch den Zitteräther blinken
Riffe traumhafter Gestalt,
Oftmals glaubst du, sie versinken,
Als ein Trugbild ohne Halt.

Silberschwingeninseln schweben
Ferner als der Himmelsrand:
Wenn die Winde sich beleben,
Treibt sichs bald zu ihrem Strand!

Endlich! Endlich sprühn sie näher:
O, die Rettung ist gewiß!
Felsen sehn die besten Späher,
Silbernd wie ein Himmelsriß.

Sind das Inseln der Sirenen,
Von Smaragden eingefaßt?
Warten auf den Sonnenlehnen
Nymphen auf den seltnen Gast?

Alle Herzen wollen lauschen,
Jeder fürchtet den Gesang,
Oder hören sie im Rauschen
Etwa schon den Brandungsdrang?

Dennoch geht es anzulegen,
Sagen sich die Schiffer kühn:
Düfte hauchen schon entgegen,
Und die See wird hell und grün.

Schwierig wird es einzufahren,
Wo das Meer, wie eingeschlitzt,
Zwischen lauter sonderbaren
Klippen, Silbergischt verspritzt.

Hohe Brandungswogen pressen
Sich voll Wucht durch eine Schlucht,
Und es wachen steil Zypressen
Um die dunkle innre Bucht.

Doch die Einfahrt zwischen Klippen
Wagt kein Boot bei Wellengang,
Denn mit lauter lauten Lippen
Warnt das Meer den Fels entlang.

An die nächste Inseldüne
Wird ein Schiff dann angeweht,
Denn es haben kühle, grüne
Ströme günstig sich gedreht.

Hin zum Strande, wo die Qualle
Nach dem kalten Salze lechzt,
Steuern jetzt die Schiffe alle,
Nah von Möwen laut umkrächzt.

Viele wollen strandwärts waten,
Und am feinen Muschelsand,
Den die Schiffer nie betraten,
Ziehn sie jetzt ihr Boot ans Land.

Viele windverstreute Schiffe
Hat ein Strom zum Strand geschwemmt,
Doch es wurde durch die Riffe
Nur ein einziges geklemmt.

Kaum ist in der Felsenenge
Dieses volle Schiff hindurch,
Tönen schon Sirenenklänge,
Und am Buchtgrund lugt ein Lurch.

Wie die Menschen näher kommen,
Sehn sie ringsum Nymphen nahn:
Weiblein plätschern angeschwommen,
Und es wippt dadurch der Kahn.

Jungchen sehn sie Kurzweil treiben,
Viele tummeln sich herum,
Menschen doch und Nymphen bleiben
Alle, voll Erstaunen, stumm!

Nixen mit den Robbenschwänzen
Sind den andern stets voran,
Und sie sehn sich beim Scharwenzen
Klug mit Seehundsaugen an.

»Will ein Fürst sich offenbaren,
Der den Namen freundlich nennt?
Will er sein Geheimnis wahren
Als ein stummer Meerregent?

Seinen Wunsch will ich beachten,
Läßt er gütig uns an Land!
Opfertiere mag ich schlachten,
Stehn wir erst auf festem Strand!«

Diese klug erwognen Worte
Sprach, vom Schiffe aus, ein Mann,
Und aus hoher Felsenpforte
Trat ein Weib, das sanft begann:

»Seid willkommen, ihr Dämonen,
Hier am stillen Nymphenstrand,
Auf der Insel dürft ihr wohnen,
Knüpft mit uns ein Freundschaftsband!

Seht in jenem Flimmerrahmen,
Wie der stille Fürst sich nennt,
Ströme winden grün den Namen
Durch die Flut, die blau entbrennt.

Mag der Wind die Wellen hetzen,
Sichtbar bleibt er immerdar!«
Das entklang in klaren Sätzen
Traut der Frau mit Wunderhaar.

Darauf stieg sie auf die Klippe,
Wo sich steil die Strömung brach,
Und dort lauschte ihre Sippe,
Wie sie freundlich weitersprach:

»Fremdlinge, ihr seid erlesen,
Hier in unsrer Hut zu sein,
Denn wir sind beherzte Wesen,
Die den Menschen Schutz verleihn!

Durch die Ströme dieser Meere
Wurdet ihr uns zugebracht,
Kundig haben euch die Heere
Der Delphine herbewacht.

Eures Volkes bester Samen
Ward durch uns in euch bewahrt:
Ja, wir kennen eure Namen,
Nun erfahrt von unsrer Art:

Wißt, es wurde jedem Fische
Eine Nymphe hold bestimmt,
Seht, wie in der Salzesfrische
Jede anders taucht und schwimmt.

Hier auf diesen niedern Kuppen,
Wo nur hold ein Nixchen liegt,
Leuchten bunt verschiedne Schuppen,
Wenn ein Weib den Schwimmrumpf biegt.

Häufig senden die Forellen
Ihre Nymphen an das Meer,
Über Felsentrümmer schnellen
Sich die Bachgevatter her.

Seht doch, mit dem Karpfenschwanze
Jenes stille Nixenpaar,
Und, im hellen Sonnenglanze,
Hier die Goldmakrelenschar.

Es sind dort die roten Barben
Stolz auf ihren Schuppenglanz;
Schaut und staunt, in tausend Farben
Flimmert unser Nymphenkranz!

Fische werden sie euch bringen:
Flink sei alles hier verschenkt!
In die Netze, in die Schlingen
Wird die Nahrung still gesenkt.

Seid nur gütige Dämonen,
Helft den Nymphen immerdar,
Denn auf fernen Muschelthronen
Herrscht ein böses Otternpaar!

Tief in Grotten soll es wohnen,
Furchtbar wird uns seine Brut,
Nimmer sollt ihr sie verschonen:
Tötet kühn mit kühlem Mut!«

Kaum war dieser Gruß entflossen,
Trat aus einem Felsentor,
Stolz dem Sonnensang erschlossen,
Die Sirenenfürstin vor:

»Höret nun vom großen Sehnen
Hier auf dieser Sonnenflur,
Was die Schar der Felssirenen
Schon an Wundern tief erfuhr!«

Diese holdgesungnen Worte
Wiederholte dann ein Chor,
Und es wuchs am schroffen Orte
Eine Harfe hoch empor.

Gleich umflatterten sie Schwingen;
Durch des Weibes Meistergriff
Ward das Spiel zu Schmetterlingen,
Rings umtanzten sie das Riff.

Stärker war die Meeresbrandung,
Wo ein Kap sich niedersenkt,
Vor der Insel Felsumrandung
Schien ein Gischtstrom hingelenkt.

»Blickt auf unsre Flattermähnen!«
Hub die Felsentochter an:
»Ungekämmt sind die Sirenen,
Doch schon wogt der Schmuck heran.

Meine vollste Augenweide
Taucht aus dem Brillantenschaum,
Rauschend reicht er das Geschmeide
Aus dem allertiefsten Raum.

Seht, es schnellt zu jeder Stunde
Andrer Schmuck vom Grund empor,
Unser Blick gibt unten Kunde,
Welche Glut ich uns erkor!«

Singend flochten die Sirenen
Glut sich um ins lockre Haar,
Bis auf ihren Flimmersträhnen
Licht bei Licht erglommen war.

Doch es floß sofort hernieder,
Sprühte zu der Flut zurück;
Auch das Gold der Wonnelieder
Troff hinab voll Liebesglück!

Horch, die Harfe tönte weiter,
O, sie wuchs bei jedem Ton,
Ihres Klingens Stimmungsleiter
Schuf sich Spielung der Vision.

Denn, statt frischer Silberklänge,
Wurde wildverrungnes Weh
Ein bewegtes Fischgedränge –
Und das fiel dann in die See.

Abend wars mit einem Male.
Langsam brach das Tagesgold,
Auch die Nachmittagsopale
Haben sich am Strand verrollt.

»Hört das Wesen unsrer Tränen,
Lauscht dem Sonnenabschiedsbrauch,
Hört die Trauer der Sirenen!«
Tönte nun ein Zephirhauch.

»Kommt, ihr leichten, holden Elfen,
Löst euch von den Zweigen los,
Kommt, ihr sollt mir spielen helfen,
Denn die Harfe ward zu groß!«

Also sang die Felsentochter,
Als das letzte Gold verglomm,
Und ihr tonweltunterjochter
Elfenchor gehorchte fromm.

Dieser Fürstin stolze Miene
Schien ergriffen, als sie sang:
»Kurz nur krönen uns Rubine,
Wenn der Tag in Blut versank!«

Dunkler Strudel Purpurgluten
Schäumten, bäumten sich zur Bö,
Lustversuchungen, die ruhten,
Sprühten plötzlich in die Höh.

In den Himmel wuchs die Harfe!
Elfen spielten überall,
Und zur stummen Daseinslarve
Ward schon oft ein Anfangshall.

In der Höhe ihres Fluges
Nahmen Vögel sanft den Sang,
Von des holden Elfenzuges
Schöpferharfe, in Empfang.

Helle Abendrosenkränze
Schlangen sich im Hain empor,
Und die wunderbarsten Tänze
Wand dabei der Elfenchor.

Rosen wuchsen um die Klippen
Auf der dunkeln Kuppenflucht,
Rosen aus der Boote Rippen,
In der stummen Inselbucht.

Und da riefen frei und brünstig
Laut die Stimmen auf der See:
»Große Göttin! sei uns günstig,
Lasse uns in deine Näh!«

»Hört noch, hört von den Sirenen!«
Sang darauf die holde Frau:
»Tiefen Nachtfluten entlehnen
Wir die reichste Krönungsschau!

Diese Ströme bergen Greise.
Blendendhell ist ihr Talar:
Und in stillem Lichtgeleise
Schreiten sie dahin im Jahr.

Nur in Silbermondlichtnächten,
Wenn die Muscheln offen sind,
Suchen sie für uns die echten
Perlen aus dem Kalkgewind.

Seht! Die Strömung bringt uns alle
Perlen her in ihrem Lauf,
Und sie wirft sie uns beim Pralle
Ihrer Brandung jäh herauf!

Wenn wir dann die Perlen tragen,
Glühen Käfer uns im Haar,
Und in ihrem Silberwagen
Naht erträumt die Elfenschar.

Lauter leise Elfen laden
Perlen auf für ihren Wald,
Nächtlich schmücken ihn Dryaden
Lieblich dann und mannigfalt.

Morgens, mit der frischen Wärme,
Wogt der Horenzug heran,
Und es sehn die blonden Schwärme
Sich den Putz der Bäume an.

Und sie blicken voll Entzücken
Auf den Perlenüberfluß,
Auf die Nachttauzweige drücken
Sie den frühen Blütenkuß.«

Kaum hat so das Weib gesprochen,
Blinkten Meer und Mondenschein –
Plötzlich hat sie abgebrochen!
Und sie lud die Gäste ein.

Menschen, kaum ans Land gesprungen,
Fühlten: Wald! Und lauschten: Wind!
O, das Meerlied – ausgeklungen!
Wer nicht träumte, war nun blind.

War ein Kind noch: traumumfangen?
Alle hatte Durst gequält:
Von der Ankunft Furcht und Bangen
Wurde spät noch lang erzählt.

Auf der Insel wilder Myrten
Ließ ein stilles Hirtenvolk
Sich von Nymphen, blind, bewirten,
Wunder gaben ihm Erfolg!

Später kam von dort ein echter,
Fabelbauender Poet,
Denn es hatten Urgeschlechter
Guten Samen ausgesät.

Jupiter hat Großes wollen,
Als Semelen er umschlang,
Und da nahmen dort die Schollen
Sein Begehren in Empfang!

 

        E s lebt in dir, o Zeus, wie Menschen dich erfassen,
Die Rumpfnatur und unser Trumpf: die Götterwelt!
In dir sieht man die Riesen, die du haßt, erblassen,
Sie klammern sich an dich, wenn sie dein Arm zerschellt.

Zyklopen, die beim Absturz selber sich zerquetschten,
Hat noch der Kampf gegen die Göttermacht gestählt,
Als die Titanen einst zum letzten Male fletschten,
Ward noch ihr Satansatem Jovis Licht vermählt!

Sie haben sich versteinernd, noch beim Todesringen,
Erkrallt und ihren Feuerodem selbst gehemmt;
Und schrecklich müssen ihre Leiber sich umschlingen,
Seit eine starre Kruste unsre Welt umklemmt!

So lebt in Zeus, was er besiegt hat und zerschmettert,
Die Felsenwucht, die unterm Spiegelmeer versinkt,
Der Lebenssturm, der über Wolken weht und wettert:
Der Menschengeist, der ihn im Marmelstein besingt!

Dein Mund verhaucht, o Jupiter, die Fluchtplejaden,
Und wenn du lachst, so flattern Nebelkinder auf:
Und können deine Blicke Wutblitze entladen,
Bezeugt dein Donnerwort den Ernst im Weltenlauf.

Gott, wolltest du von deinem Throne dich erheben,
So hätte alles Wollen seinen Tod erstrebt,
Du aber würdest still und friedlich weiterleben,
Da deine Allmacht nie vor einem Ende bebt!

Der Reichtum deines Wesens kann dir nicht erlahmen:
Schon ruht des Fatums Ewigkeit in dir vollbracht.
Die Weltgedanken drängen sich zu deinem Samen
Und werden Sterne oder Söhne: deine Macht!

Jetzt runzelt sich auf deiner Stirn der Menschheit Sorge.
Was trübt auf einmal deine heitre Majestät?
Die Furcht, daß sich der Geist ein andres Licht erborge,
Zu dem er einst, durch Leid vergöttlicht, übergeht?

O Zeus, du hehres Angesicht in Hellas' Mythen,
Du blaue Himmelsjugend, die sich voll verschenkt,
Nun weichst du einem Wüstengotte der Semiten,
Der in der Menschheit seine eigne Pein bedenkt.

O Rom, du unermeßlich weiter Machtgedanke,
Du Riesenreich, doch ohne große Religion,
Lang widerstand Jupiter Stator nicht dem Zanke
Der fremden Gottheiten vor Vestas Thron.

Als sich der Römer vor den Feinden sicher fühlte,
Als kein Barbar Italiens Fluren mehr betrat,
Und ferne sich die Kriegswut der Quiriten kühlte,
Da ist die Zeit zum Geisterkampf in Rom genaht.

O Rom, du hast bereits zwischen den Ziegelmauern
Zu sanft und gut in trauter Blumenau geruht
Und konntest drum die Götterschlacht nicht überdauern,
Denn stärker als Cäsarenwut war Glaubensmut!

In Rom ward einst des Menschen Tempelbau beschlossen,
In den die Sonne durch die offne Kuppel scheint.
Ihr Licht ist in dem Raum zu jedem Gott geflossen:
Im Pantheon ward stolz der Weltolymp vereint!

Die Menschen wünschten wohl nur einem Gott zu dienen
Und ahnten kaum, welch Ei das in die Festung trug,
Sie wollten Numen lieben und erbauten ihnen
Den Streittempel, aus dem die Flamme plötzlich schlug.

Die Brandfackel warf einst der Arier Alexander
In eine Tausendglaubensstadt, nach Babylon,
Er schweißte damals viele Götter aneinander
Und setzte sich auf einen neugefügten Thron.

Doch wurde er, wie Babels Kult, ein Ungeheuer.
Er schwankte bald, und alle Tempel wankten mit,
In Babylon entstand ein großes Glaubensfeuer,
Und dort vollzog sich bald der Geister Rassenübertritt.

Die Ariergötter wurden männlicher und böser!
Der Rachegeist hat Asiens Staaten eingerenkt,
Gezähmten Wandervölkern aber wurde der Erlöser
Vom Sieger, als Versöhnung, in das Herz gesenkt.

Schon überkamen die Semiten Indiens Samen,
Hebräer schürten Asiens Gnadenlicht und Heil:
Die Arier handelten in Staatenschicksalsdramen,
Ihr Pfad zum Rassenaufbruch war verkrümmt und steil!

In Rom erst wurde dieser Kampf ganz ausgerungen:
Die Geister sind zu ihrem Stamm zurückgekehrt,
Das Kreuz hat Asiens Überschwemmungsvolk bezwungen,
Das Judentum sich gegen Christi Wort gewehrt.

O Rom, o Rom, beschließ die Einheit deiner Sitten!
Du hast über den Weltenlauf zu kühl gedacht:
Die Römer horchten launisch zu, wenn andre stritten,
Ob Jahwe oder Jupiter die Welt gemacht.

Die Numen wechselten im Lande der Quiriten.
Stets nahm es Fremde auf und hat sie umbenannt;
Bald durften alle sich in Rom Altäre mieten,
Man hielt von keinem viel und wurde tolerant!

Der späte Römerglaube, Sohn von fremdem Boden,
Ward bald von anderen Asiaten fort versetzt;
Die Keuschheit aber lebte schon in hohen Oden,
Die Mutter Gottes hat die Vesta nicht verletzt.

Das Feuer ehrten stets Italiens Kinder!
Als das Symbol der Ehrfurcht ward es scheu geschürt.
Der Römer übergab ihm Lämmer, Widder, Rinder:
So hat er sich bei seiner Gottheit eingeführt!

Dem Müßiggang verdankt die Frau die frühe Achtung,
War sie es doch, die urkundig für Krieger bat:
Dem Tode schenkt, wer rastlos schafft, fast nie Beachtung,
Doch ist ein Fürwort gut, wenn man dem Ende naht!

Wie sind uns heute die Gefühle doch geschwunden,
Um die Geburt verschiedner Glauben einzusehn:
Wie hätte Christi Wort sich können voll bekunden,
Hätte kein Urkult dürfen zu ihm übergehn!

Nur der vermochte sich zu fremdem Leid zu neigen,
Der wohl die kleinen Freuden eines Volks verstand:
Wer nicht verschmähte, sich als Heidenfreund zu zeigen,
Empfing das wahre Heil aus der Apostel Hand!

Oft blieben Krieger, die ihr Leben wild verbrachten,
Als Christen selbst, den Sakramenten fern;
Und da sie sterbend erst ihr Seelenheil bedachten,
Vertiefte und verewigte sich der Avern!

Quiriten mochten nicht des Wesens Zartheit schonen!
Die Toten wurden vor dem Volk verbrannt,
Ja, Rom war froh, Bestattungsfeiern beizuwohnen,
Die Plebs der vollen Urbs kam gern herbeigerannt.

Die Stadt ergötzte sich an Trauerbacchanalien,
Der Römer hat in früher Zeit schon frei gepraßt!
Dem Heidenlenze folgten bald die Luperkalien,
Vom Schaulusttaumel ward das ganze Volk erfaßt.

Erlag ein Imperator durch Gewalt dem Tode,
Hat jeder Bürger sich voll Wichtigkeit gedünkt,
Er fühlte seine Rolle bei der Episode
Und liebte Romas Boden, wo ihn Blut gedüngt!

 

        O Rom, wer hat mit einer Wölfin dich verglichen,
Die nimmersatt die Völker um sich her verschlang?
Die Menschen hat schon bald ein Angstgefühl beschlichen,
Wenn Botschaft deiner Siege bis zu ihnen drang.

Dich fürchtete die Welt als Unhold voller Tücke,
Als bösen Dämon, der am Erdenrand besteht,
Sie glaubte, deine Schwere und Gewalt zerdrücke
Unwiderstehlich, was ein andrer Stamm gesät.

So seh ich dich in Menschen, die du im Triumphe
Durch deine Gassen fortschleppst bis zum Kapitol;
Legionen brachten deinem aufgedunsnen Rumpfe
Die Zufuhr, die ihn labt, denn immer war er hohl!

Zum Spotte und zur Marter zogen Todgeweihte,
In langem Zug, durch manchen aufgesperrten Schlund:
Die Siegespforten und das spöttische Geleite
Der Kriegsgefangnen gaben deine Bosheit kund.

So konnte der Besiegten Haß noch nicht erschlaffen!
Sie hatten ihre Ohnmacht freilich tief erkannt:
Und dennoch griff ihr Blick, voll Wut, zu eignen Waffen,
Die Rom zum Hohne neben den Besiegten band.

Die Männer blieben oft verstummt und wutvergessen,
Sie dachten still an neue, nahe Körperqual;
Die Weiber aber schrieen tierisch, wie besessen,
Erfaßte sie die Schmerzensangst mit einemmal.

Dann wurden sie, ganz ungewohnt, länger zu denken,
Urplötzlich still und haben höchstens mitgebrüllt;
Die Römer aber schien die Stumpfheit arg zu kränken,
Denn Folterwut hat ihren Sinn bereits erfüllt.

Den Qualverfallnen sprachen sie von nahen Schmerzen,
So wurde der Gefangnen Bangen noch gereizt;
Sie wollten erst mit Schreckensgräueln scherzen,
Und haben dann mit ihnen keineswegs gegeizt!

Vertiert erschienen Römern meistens die Barbaren
Und nur die Augen kleiner Kinder hell und klug,
Ein Gott dünkte sich jeder unter diesen Scharen
Und war gewiß, daß er die Zügel würdig trug.

Der Feldherr mußte still an Alexander denken,
Wie er ihn einst auf einem Schlachtenbilde sah;
Er wollte so die Triumphatorrosse lenken,
Was auch voll Pathos und Gebärdenspiel geschah!

Dann ward des Vaterlandes glücklichem Befreier
Der Bürger Dank, beim Einzug, festlich dargebracht,
Ein Dichter hat, im Auftrage, zur Siegesfeier
Ein Widmungslied auf Romas großen Sohn gemacht.

O ruhmumstrahltes Rom, mit einer Riesenrose
Verglich dein Sänger dich im Abendpurpurglanz.
Er sah dich so, da Flammenfalter leicht und lose
Dich bunt umflatterten, als schwirrten sie zum Tanz.

Er nannte, Roma, dich die Blüte edler Freuden,
Den Baum der Griechengöttinnen am Tiberstrand,
Die Stadt, in deren Tempeln und Gebäuden
Der Geist des Plato die Gespenster Asiens fand.

Doch scheinst du, Weltstadt, mir, im klaren Sonnenlichte,
Ein Wuchtkristall, der jede Flutenflucht bezwingt;
Du birgst, in dir versteint, die halbe Weltgeschichte,
In der, zum Schutz, die eigne Sonderheit versinkt.

Du hast wohl fremde Sitten, andern Kult erworben,
Zum Spenden aber war dein Geist zu klein,
Vom Volk ward bald das Wort des Heilandes verdorben,
Und statt Vergessen lugte Trug aus deinem Wein.

In Rom erschien der Griechen wunderleichte Muse
Und hat sich an Italiens Lichtfeldern erfreut,
Die Urbs jedoch blieb eine rohe Riesendruse,
Die alles aufsog, was ein freier Geist verstreut.

Das Lied verknöcherte in steifen Gönnerbanden,
Die Kunst war schon vor Alarich in Rom verscharrt,
Das Nazarenertum hat kurze Zeit bestanden,
Zu toten Formen ist sein Feuertum erstarrt.

Du wuchsest, Urbs, ohne das Weite zu erstreben!
Die Flora Asiens scheint in dich hineinkristallisiert,
Du konntest dich mit dumpfem Punierprunk umgeben,
Der Rom, das große Erdmuseum, ziert.

 

Der Zirkus

        A us den Häusern, von den Schollen
Reißen sich die trägen Haufen,
Denn der Weckruf ist erschollen,
Wilde Bestien werden raufen!
Ja, im Zirkus gibt es heute
Einen Kampf von Gladiatoren,
Dann zerfleischte Christusbräute!
Alles drängt schon zu den Toren,
Hin zum Zirkus der Cäsaren;
Römer, Griechen, Skythen, Mohren
Können da sich bunt gewahren.
Kinder gingen schon verloren,
Mütter fangen an zu kreischen,
Und gepreßte Kinder krächzen;
Vorwärts wollen alle dringen,
Um sich, selbst durch Schreien, Ächzen,
Ihren Einlaß zu erzwingen.
In dem großen Menschenknäule
Können Diebe Beute haschen
Und im großen Angstgeheule
Ihre Opfer überraschen.
Vor den argbedrängten Pforten
Und auch drinnen, auf den Stufen
Des Theaters, allerorten,
Fangen Stimmen an zu rufen:
Bestien seien ausgekommen!
Menschen, die zu rasch geklommen,
Um sich Plätze zu erstürmen,
Die im großen Zirkusbogen
Sich als Stufen übertürmen,
Wollen wieder niederwogen;
Andre hergerannte Leute
Aber bleiben trotzdem hocken!
Draußen noch kam eine Meute
Durch die Aufregung ins Stocken,
Da sich in den engen Gassen
Eine Menschenmenge staute,
Die sich durch die Schreckenslaute
Hat von Angst erfassen lassen!
Endlich drängt die Pöbelschlange
Vor bis zu den letzten Sitzen,
Und die Menge kann nun lange
Noch, im Zirkus wartend, schwitzen.
Diese ganzen trägen Massen,
Die das Welttheater füllen,
Wird, sobald die Bestien brüllen,
Wilder Taumel rasch erfassen;
Alle werden ihre Blicke
Gleich zum grausen Schauspiel wenden,
Wo durch Bisse im Genicke
Menschen ohne Kampf verenden!
Andre, die sich etwas wehren,
Werden wild zerfleischt verrecken,
Um ein neues Blutbegehren
Ihrer Zuschauer zu wecken!
Ja, die ganze tolle Meute
Wird dann mit erhobnen Händen
Rings, für ihre Menschenbeute,
Tigern lauten Beifall spenden.
Reichgeschmückt ist das Gelichter,
Das da wartet: die Gesichter
Sind gerötet durch die Hitze,
Und darüber fallen Witze;
Römer lachen und verspotten
Alle fremden Prachtgewänder,
Denn der rombeherrschten Länder
Bunte Völkermassen rotten
Sich im Zirkus bunt zusammen.
Nicht allein das Blutvergießen
Kann das Publikum entflammen,
Noch das grause Bauchaufschlitzen
Durch die scharfen Krallentatzen
Völlig wilder Wüstenkatzen
Einzig alle unterhalten.
Nein, man lacht und spottet gerne
Über schlechtgeschminkte Falten,
Und was sonst das Hochmoderne,
Blonde Locken, Flachsperücken
Reicher schöner Adelsfrauen,
Die sich fast barbarisch schmücken,
Um berückend auszuschauen!
Heute wird man auch die Priester
Fremder Völker hier verlachen,
Denn die bleiben meistens düster,
Wenn die andern Späße machen.
    Unten staubt schon ein Geknülle,
Doch man kann nichts klar erkennen
Und vernimmt nur Wutgebrülle.
Wilde Schaulüste erbrennen,
Ganze Zirkusreihen schreien
Auf das Staubgewölke nieder,
Viele Stimmen prophezeien
Dem und jenem krumme Glieder.
Kaum verweht die Balgerwolke,
Steht in ihrem Katzenruhme
Eine Bestie vor dem Volke,
Und schon fliegt so manche Blume
Zu den Tigern, die die Christen,
Vor den Blicken Roms, zerfetzten.
Römer wollen sich nun brüsten,
Daß sie wahrlich nicht die letzten
Seien, die imstande wären,
Gästen, die sie zu sich luden,
Ein Spektakel zu gewähren!
Nubier freuen sich und Juden
Und ganz ebenso Germanen,
Allen ist bereits das Morden,
In geschloßnen Zirkusbahnen,
Ein Bedürfnis fast geworden!

 

        S ieh Rom, es gleicht dein rundes Prachttheater,
Das du der Volksbelustigung geweiht,
Fürwahr dem größten Menschenflammenkrater,
Der Brunstglut wuchtvoll über sich verspeit.

Hier wird von Rom Erlesenstes geboten,
Denn als es den Theaterbau begann,
Versuchten Künstler alles zu verknoten,
Was je der Geist voll Trefflichkeit ersann!

Da wurden auf Korinthos' schlanke Säulen
Etruriens Bögen wirksam aufgesetzt,
Und Hellas' Helden mit geschwungnen Keulen
In Marmor und in Travertin gemetzt!

Die Stufen senkten sich vom Aventine
Zum Tale unterm steilen Palatin,
Dem Hügel mit dem Kaiserbaldachine,
Um den geträumte Geier ziehn.

Das war die größte Rennbahn unsrer Erde!
Sie hat elliptisch Steinpfeiler umkreist.
Dort bäumten sich die erzgegoßnen Pferde,
Die weither übers Meer nach Rom gereist.

Selbst Obeliske sollten lichtwärts sich erheben,
Auch Sphinxe gab es rings in großer Zahl,
Die Wölfin säugte Rheas Brut daneben,
Der Zirkusherkules war kolossal.

 

        I ch ahne einen Zirkusbrunnen,
Der zwischen stummen Numen plaudert,
Und Buben stechen mit Harpunen
Ins Spundtier, das zu speien zaudert.

Darunter ruht ein Marmorbecken,
Das Steintritone wuchtig tragen,
Und aus den Plätscherfluten recken
Sich Kinder heitrer Wassersagen.

Als Nixen spielen sie und spritzen
Die Flut zu losen Luftplejaden,
Und aus den Nebelhemdenschlitzen
Der Weibchen rieseln Gischtkaskaden.

Ich höre Abendhauche säuseln
Und sehe Wimpel, die sich schlängeln,
Ich merke, wie sich Kämme kräuseln
Und langsam aus dem Becken drängeln.

Da überspannt die starken Wogen,
Die windbewegt rasch niederschlagen,
Mit einemmal ein Regenbogen,
Den goldne Sprudelfluten tragen.

 

        D er Abend hält die Welt umschlungen,
Der Dinge Lichtringe zerrinnen,
Und lauter goldne Wolkenzungen
Beginnen Stimmung zu gewinnen.

So fliegt denn fort, ihr Himmelszeichen,
Verklagt die blutigen Zäsaren,
Erzählt von stummen Bruderleichen
Den Scharen, die Begeistrung wahren!

Entflattert durch den fernen Äther,
Und Pflügern, die ums Wetter fragen,
Erzählt als rastlose Verräter
Von Zirkus und Cäsarenwagen!

Erklärt euch Völkern, sprecht zu Numen,
Und gibt es wirklich Rachegeister,
So ruft sie auf, und aller Krumen
Befruchtungswunsch sei Cäsars Meister!

Zu Ottern sollt ihr Wolken werden,
Und laßt ihr euch vom Gluthauch tragen,
So mögt ihr fern mit Lämmerherden
Im großen Blau zusammenschlagen.

Ein Wolkenwidder wird sich wehren,
Ihr aber sollt nur Rache schreien;
Mit Blitzen streckt die Lümmelbären:
Der Donner muß den Lenz verleihen!

Das Kriegsvolk, das den Blitz betrachtet,
Wird sich für Speer und Schild entflammen,
Der Priester, der sein Opfer schlachtet,
Hört Götter donnernd Rom verdammen!

Ihr Dünste sollt dann hagelschwanger
Die Wolkenbotschaft weiter tragen,
Und trefft ihr Bauern an am Anger,
So müßt ihr sie vom Felde jagen.

Zerschlagt die Äcker der Barbaren,
Die feig um ihre Herde lungern,
Erweckt den Neid auf die Cäsaren
Und laßt die Friedlichen verhungern!

 

              D as Taggerüst steht jetzt in Flammen,
Die Ordnungswelt scheint zu verlohn,
Profile, die von Phöbos stammen,
Entweichen vor Hephästos' Thron.

Den Marmor haben Abendstrahlen
Im Zirkus bis aufs Blut verletzt,
Und heiser wird von Marterqualen
Voll grauser Lüsternheit geschwätzt.

Ein Schiffer spricht dabei von Feuern,
Die er auf Masten oft erblickt,
Und sagt: »Dann muß man furchtsam steuern,
Da sie ein Gott zur Warnung schickt!«

Auf einmal wird es auch, als schwirrten
Arenaflammen hin und her;
Sie fallen auf, und stille Hirten
Erschreckt ein irres Lichterheer.

Das Abendblut ist abgewaschen.
Der Himmel sieht getigert aus.
Jäh wird die Nacht Rom überraschen,
Doch lähmt sie nicht den Zirkusbraus!

Noch suchen Reiche mit dem Schmuck zu protzen
Und halten Wertsachen ans Licht,
Geschmeide, die von Feuer strotzen,
Behalten Diebe lang in Sicht.

Auf einmal glimmt der Himmel röter,
Die Sterne scheucht ein Glanz zurück,
Doch schimmern nur die Christentöter
In ihrem Ruhm und Schlächterglück!

Ein Morgen graut am Firmamente!
Im Zirkus blickt sich niemand um:
Jedoch die letzten Erdmomente
Der Opfer machen Frauen stumm.

Die Hatz hat noch nicht ausgewütet.
Nun ist die Blutgier voll erwacht:
Noch dünkt sich niemand ganz vergütet,
Viel eher um sein Geld gebracht!

Die Menge lechzt und schreit zum Kampfe!
Der bringt ihr endlich rote Lust.
Sie liebt das wühlende Gestampfe
Der Bestie auf des Opfers Brust.

Der Zirkus weckt die Kriegsbegierden,
Die Lust zu plündern lodert hell:
Der Mensch hängt, trotz Manier und Zierden,
An Schlächtereien und Bordell!

Er will am Abend Lust erreichen,
Er ist durch tolle Brunst erhitzt;
Und mancher denkt sich einzuschleichen,
Weil er kein Kaufgeld mehr besitzt.

Im Zirkus sterben ringsum Christen,
Nach Reihen steigt die Leichenzahl,
Verreckte gibt es mehr als Kisten,
Und noch fließt Blut durchs Marmortal.

Schon schwelgen die Patrizierkinder
Im Vorgefühl vom Bacchanal:
Sie sind obszöne Lustempfinder
Und treffen für die Nacht die Wahl.

Die Weiber, die mit Lümmeln flüstern,
Sind bleich und meistens geil und dick
Und haschen mit dem Buhlen lüstern
Noch eines Christen Sterbeblick.

Das letzte Augenlichtgeflacker
Erfreut sie, weil es Wut erwühlt;
Dann wird, beim Bacchanal, der Racker
Und Metzen Sinnenlust gekühlt!

Nun sind der meisten Menschen Züge
Bereits vertiert und schweißbedeckt,
Doch keiner sah noch zur Genüge,
Wie Tiger Menschenblut geleckt.

Im Zirkus liegen lauter Leichen.
Die Opfer haben ausgezuckt.
Die satten Bestien aber schleichen
Durch Leiber, die sie halb verschluckt.

Es schließt das Leid, in Liebestriften
Des Jenseits, unsre Lust mit ein:
Das Unheil, das wir boshaft stiften,
Macht unsre Opfer froh und rein.

So zieht denn hin, ihr tapfern Christen,
Dem Märtyrer ist Licht bestimmt!
Wozu ein blasses Leben fristen,
Wenn dort, in euch, das Lamm erglimmt?

Die Menschen sind vergangne Schafe,
Die der Zerstörer wild zerstreut,
Dort ferne, hinterm Grabesschlafe,
Erscheint der Hirt, der uns erfreut!

Die Freiheit und die Zucht sind Geister,
Die man auf Erden blind verjagt,
Das Jenseits hilft dem edlen Meister,
In dessen Kunst die Wahrheit tagt!

Ihr Christen, euer weißes Sterben
Ist wirklich ein beherztes Werk,
Ihr mußtet euch in Rom verfärben
Und glänzt dafür auf Zions Berg.

Auch euren Feinden wird verziehen,
Sie gehn mit euch bei Jesu ein:
Es wurde ihnen Wut verliehen,
Um eurer Unschuld Hort zu sein!

 

        S iebenfache Bogengänge
Überwinden ihre Schwere,
Und sie wölben über Hänge
Sich empor zum Belvedere,
Wo ein Kaiser ungezügelt
Seinen grausen Lüsten frönt.
Krauses hat er oft erklügelt,
Doch an seine Staatsverwaltung
Hat die Welt sich bald gewöhnt.
Sie erbaute ohne Murren,
Was der Träume Prunkentfaltung
Eines Kaisers je an Schnurren
Und an bunten Luftgebilden
Nur begehrte! Hängegärten
Wurden steil von Künstlergilden
Und assyrischen Gelehrten,
Mit dem Gelde aller Länder,
Aufgebaut und ausgestattet.
Und der römische Verschwender
Sitzt, von Palmen überschattet,
Auf dem goldnen Herrscherstuhle,
Den die schönste Zierat schmückt:
Neben ihm ruht seine Buhle,
Deren Lächeln ihn beglückt.
Auf des Zirkus Marmorstufen
Liegt die Welt zu Neros Füßen,
Die ihn feierlich mit Rufen
Und Applausen will begrüßen.
Plötzlich aber faßt ihn Schwindel,
Vom verachteten Gesindel
Hört er sich als Gottheit preisen,
Und beglückt durch das Gejohle,
Läßt er tausend Gäste speisen!
Denn es liegt ihm viel am Wohle
Seiner freien Untertanen,
Die in ihm Apollo ahnen.
Jede Kehle schreit sich heiser,
Denn soeben ist der Kaiser
Aufgestanden: und zum Lohne
Winkt er jetzt von seinem Throne.
Wird er auch Befehle nicken?
Ringsum sieht er bleiche Schranzen
Auf die Kaiserwimpern blicken,
Und es wachen Prätorianer
Links und rechts mit blanken Lanzen.
Steil, in Stein, als Wegebahner
Stehn Kentauren bei den Treppen.
Schwarze Sklaven aber schleppen,
Über Nero hoch erhoben,
Wunderbare Flimmerschilder:
Dieser Einfall ist zu loben,
Denn das sind die Ebenbilder
Ewig funkelnder Gestirne,
Die dem Kaiser und der Dirne,
Die er heute nacht wird küssen,
Stets gehorsam folgen müssen!
    Nero geht mit seinen Gästen
Jetzt nach Hause, und von Westen
Speit ein Riesenungeheuer
Ihm die unverdauten Feuer
Eines Tages schräg entgegen.
Dieses Tier scheint sich zu regen:
Greift es gar nach Romas Zinnen,
Die sich immer dunkler röten?
Soll ein Brand der Urbs beginnen
Und die Stadtbewohner töten?
Rom sieht spät den Tag verglimmen
Und die Gluten sich verfärben,
Doch zum Kaiser flüstern Stimmen:
»Bau ein Rom auf Romas Scherben!
Willst du dich mit Zeus verbünden,
Mehr als Helios sollst du können!
Um die Sonne dir zu gönnen,
Mußt du aber Rom entzünden!«
Kaiser Neros Blicke schweifen
Jetzt zum Meer, das sie als Streifen,
Wie ein blutigrotes Zeichen,
Voll Bedeutung, noch erreichen.
Feuerkämme überragen
Albalongas Berggelände,
Hohe Lohezungen schlagen,
Aufgewühlt durch Riesenbrände,
Hinter jenen Hügelketten,
Wie aus Kratern, in die Lüfte!
Doch die Straße stiller Stätten,
Wo die großen Römergrüfte
Ernst aus der Campagna steigen,
Wird nun bald im Dunkel rasten
Und ihr Farbenflimmer schweigen.
Auf den höchsten Gräbern glasten
Jetzt bereits die letzten Schlacken,
Und auf steilen Mauerzacken
Glimmern auch nur Einzellichter,
Denn die Finsternis wird dichter!
Etwas später erst beginnen
Des Gebirges steile Wände
In den Schneefeldern und Rinnen,
Wie in Blut getauchte Hände,
Plötzlich wieder aufzuglühen,
Um ihr Gold rasch zu versprühen.
Nero sind die grellen Scheine,
Vor dem Aufbruch, noch erschienen:
Und er denkt, der Berge Weine
Sich bei Festen zu bedienen!
Romwärts will er jener Täler
Reiche Purpurfluten lenken,
Daß die künftigen Erzähler
Ihm einst Anerkennung schenken,
Denn durch Kaisers Träume spukten
Asiens rote Bacchanalien
Als ein Rauschzug durch Italien.
Und auf Riesenaquädukten
Sieht er nunmehr rote Weine
In den Zirkus sich ergießen
Und sich selber, im Vereine
Mit dem Volk, die Pracht genießen!
»In den spätern Naumachien,«
Sagt sich Nero, »werden Fürsten,
Herrscher ferner Monarchien,
Die nach Ruhm und Reichtum dürsten,
Nur vor Römern dann verenden!
In noch andern Wasserschlachten
Will ich Haifische verwenden,
Denn ich weiß, vor mir schon brachten
Kaiser grause Krokodile
In den Zirkus. Doch mein Wille
Ist noch größer und viel weiser
Bin ich, Nero: Gott und Kaiser!«
Lange, lange muß es währen,
Bis der Zirkus sich vom Haufen
Schwüler Gäste kann entleeren.
Endlich wird man sich verlaufen,
Um in engen, dunkeln Gassen
Oft sein Letztes zu verprassen!
Draußen will sich alles letzen:
Dichte Schatten aber setzen
Sich im leeren Zirkus nieder:
Alle Flämmchen rings zerstieben,
Nur ein Saum wie Frühlingsflieder
Ist am Marmor noch geblieben!
Roms verruchte Hurenschenken
Werden Lüstlinge umringen,
Um erst drinnen nachzudenken,
Wie den Abend zu verbringen!
Ungeheure Gruppen branden
Vor dem gelben Tiberwalle:
Ein'ge können drüben landen,
Doch der Thermen Marmorhalle
Hat auch Massen aus den Gassen
In ihr Inneres gezogen.
Nun verebben vieler Rassen
Aufgewühlte Pöbelwogen.

 

Das Bacchanal

        G anz stille wirds in Neros finsterm Garten,
Wo die Zypressen auf die Winde warten,
Um laut zu ächzen und zu stöhnen.
Und in den Nischen gibt es Marmorbecken,
Auf denen Flammen aufwärts lecken,
Um Götter mit der Erde zu versöhnen!
Der Kaiser sieht sie mit Geknister lohen
Und trockene Bäume in dem Hain bedrohen.
Es muß ihr Rauch sich im Geäste sammeln,
Wo sich beschwingte, lose Windesschlangen
Im dunkeln Kronendickicht mitverfangen,
Da Pinienhäupter ihren Weg verrammeln.
Umkreist von einem matten Irisbogen,
Kommt nun der volle Mond heraufgezogen!
Er ist vom vielen Wandern wohl ermattet,
Er scheint ein trunknes Auge, rot verschwommen:
Der Kaiser merkt es kaum, daß er erglommen,
Da ihn der Pinienhain tief überschattet.
Er läßt sich in den Gang der Orchideen
Und Rosen, die ihm Duft entgegenwehen,
Von seinen Lieblingssklaven tragen.
Er will sich an den Blütendüften weiden
Und Lärm und Lust der Nebenmenschen meiden,
Denn nicht mehr zieht es ihn zu Trinkgelagen.
Der Kaiser denkt jetzt an das Götterende.
Oft wars, als ob man Botschaft sende,
Wenn Schnuppen lautlos durch den Äther schwirrten,
Es werde Zeus von seiner Höhe stürzen!
Und irrte er dabei zwischen den stillen Myrten,
So konnte ihm der Fall die Nacht verkürzen.
    Die Gäste trinken nun beim Bacchanale
Falernerwein aus tiefer; goldner Schale;
An Schönheit kann sich jeder Gast entzücken:
Gelöst sind Romas ernste Ehebande,
Denn eine große einzige Girlande
Umfängt die Menschen, die sich frei beglücken.
Es frönt in Neros marmornem Gebäude,
Wer fröhlich ist, der tollsten Sinnenfreude.
Er ließ die Wände wunderbar bekränzen,
Und um die Würde festlich abzumildern,
Verhängte man den ernsten Stein mit Bildern
Und schuf im Riesensaale Blumengrenzen.
Wenn Römer ihre Marmorhallen bauen
Und in die Säulen tiefe Rinnen hauen,
So bleibt die Felsenwucht doch ganz dem Steine,
Und wenn die Künstler längst zu Staub zerfallen,
So lebt das Märchen steiler Marmorhallen
Noch fort und schafft sich langsam Trauerhaine.
Die Säulen zeugen stumm von Sklavenleiden,
Und wenn sie Glutblumen im Herbst umkleiden:
So sprüht als Rankenschmuck das Blut der Toten
Noch rot hervor in dem Erinnrungsgarten
Der vielen tausend fern und längst verscharrten
Gemarterten, Gefangnen von Despoten!
Sanft blinken weiße Tempel durch die Lauben,
Und um die lauten Brunnen gurren Tauben.
Der Säulen rassescharfer Kannelierung
Entspricht des Dorers adlige Regierung:
Die Hallen zeugen rings von Jugendstärke,
Und stolz auf die Gedankenwelt der Sagen,
Die sie in Stein gemetzt zum Lichte tragen,
Sind diese Bauten traute Meisterwerke!
Versuchte Rom das Schönste sich zu bieten,
So griff es zu den heitern Griechenmythen
Und zauberte sich lieblichste Gelände
Der Odyssee auf rotgetünchte Wände.
Gestalten, die im Trojerkrieg erscheinen,
Lustwandeln in Elysiums heitern Hainen:
Geschmackvoll, unter Heldenepisoden,
Bedecken Seidenkissen Mosaike
Mit ihren Fabelwesen der Antike,
Denn jeder Gast singt, trinkt, versinkt am Boden!
Auf andern Wänden leuchten Luftgestalten
Und blonde Knaben, die Girlanden halten,
Doch von der Decke eines hohen Saales
Beschauen lauter wohlgepflegte Numen
Die muntern Menschen, reichgeschmückt mit Blumen,
Und freun sich am Gebraus des Bacchanales.

*

        E s leben im Weine rebellische Kräfte!
Denn wenn sich der Sommer mit Wolken bedeckt,
Als ob er den Abbruch an Sturmsegel hefte,
So wird auch die Wutglut der Reben erweckt.
Das Erdfeuer will dann sein Wollen bekunden
Und bleibt nicht mehr länger in Trauben gebunden,
Nicht fügt sich das Blut einem Sonnenverzichte,
Das gärt und das sucht seinen Ausbruch zum Lichte!
Solange sich Reben auf Lichthügeln weiten,
Wird Sonnenbegehren den Menschen begleiten,
Denn Traubensaft stärkt uns beim tollkühnen Wagen
Und läßt selbst den Schwankenden nimmer verzagen!
Der Wein ist die Frucht, die den Wildwald vertrieben,
Und froh ein Begleiter des Menschen geblieben,
Er soll zur Berauschung und Freude gedeihen,
Geplagten das Jahr hindurch Lichtlust verleihen;
Er bleibt seinem Pfleger, als Lustspender, treu:
In beiden sind Liebe und Lenz ewig neu!
Drum reift nicht der Same allein in den Früchten:
Auch müssen sich Gluten als Räusche verflüchten!
Berauschen uns Trauben, vom Sommer geschwängert,
So wird unsre Jugend und Wollust verlängert.
Drum sing ich, und trinkst du zum wärmenden Weine,
Damit uns ein Leben urwillig erscheine:
Der Mensch will die Schönheit zur Freude genießen,
Nicht soll meiner Liebe die Frucht nur ersprießen,
Dir müssen der Seele auch Träume entschweben:
Kultur ist ein bacchisches Erdglutenleben,
Und wenn sich die Menschen, aus Traumlust, umschlingen,
So soll sie das Feuer der Erde durchklingen;
Und wenn sie, berauscht, tausend Freuden entzünden,
Befruchten sich Seelen in heimlichen Schlünden!

*

        E in Weib im Saal vergißt des Adels Hoheit.
Die Brunst erhitzt die Lust zu schwüler Roheit.
Das Marterschauspiel voller Blutvergießen
Erweckte schon ein dumpfes Fleischgelüste,
Und als sie einen Sklaven brünstig küßte,
Begann sie toll in Wollust zu zerfließen!
Der Jüngling ist im Zirkus aufgefallen.
Sein rotes Kleid, die blanken Achselschnallen
Gefielen dort sogleich verschiednen Frauen,
Und eine treibt mit ihm die süßen Händel!
Noch schwingt zu ruhelos ihr Seelenpendel:
Sie kann sich nicht am Kind zufriedenschauen,
Sie küßt sein Haupt und seines Haares Rosen,
Doch fühlt sie ihre Gier noch wilder tosen.
Sie hält sein teures Wesen hold im Arme.
Nein, Lüste sind es, die sie halb ersticken:
Jetzt sieht sie Bilder sich entgegennicken,
Und Finger winken ihr im Traumlustschwarme!
Gar feurig glühn des Knaben dunkle Augen,
Sie herzt ihn innig, seinen Hauch zu saugen,
Doch treulos schwelgt ihr trübes Lustempfinden
Bei einem andern, der bereits erblaßte,
Und dessen blondes Haupt sie nie umfaßte!
Sie sah ihn kaum, in wildem Schmerz, sich winden
Und seinen weißen Leib im Blut verschwinden –
Er ist dahin, sein heller Blick gebrochen:
Hat er sein letztes Sterbewort gesprochen?
O könnte er im Traume noch erscheinen,
Um Unverständliches ihr zuzuraunen
Und sie mit blauen Augen anzustaunen!

*

        D as Weib erfaßt Wehmut – fast weint es um Weite:
Die Seele mag atmen und drängt in das Freie,
Sie will, daß der Buhle sie schweigend begleite!
Auch regt schon der Morgen, voll heimlicher Weihe,
Die eigene Stimme aus rauschender Breite.
Das Murmeln und Singen vom innersten Werden
Befreit ein Erwehtsein von Erdenbeschwerden.
Sie fühlt sich so locker, voll trautem Entzücken,
Statt sinnlichem Fiebern ein seelisches Schwingen:
Sie glaubt nun, sie könne den Sorgen entrücken,
Und horcht auf ein erdhaftes, innerstes Klingen.
Beim Wandeln im Parke erschaudert das Paar,
Die Wunder der Welt sind ihm nahe und klar.
Es sieht, wie verwundert, die Stille sich weiten
Und ruhige Sterne die Nachtbahn durchschreiten,
Und beide erkennen die Urzwistigkeiten:
Sie meinen, es dürften die Winde nachlassen,
Und dennoch kann nachttiefer Braus sie erfassen!
Die Nebel entsteigen der goldenen Ferne,
Da spiegeln die Seelen zufriedene Sterne:
Die Umwelt wird munter, und Rom liegt im Schlummer,
Auf Wolken wie Kissen verschläft es den Kummer!
Fast leichenbleich scheint jetzt die Herrin der Länder,
Wo bleibt das Gebraus seiner Menschenverschwender?
Die Berge erschimmern in ruhigen Linien,
Dem Nebelfeld draußen entragen vier Pinien.
Im Park ein Narziß, wie Ovid ihn sich dachte,
Beschaut sich im Schloßteich und horcht auf sein Rauschen:
Ihm wird, als ob Stille bei Sehnsucht erwachte,
Denn immer noch scheint er aus Marmor zu lauschen.
Er fragt und befragt sich im schlummernden Weiher.
Der Geist dieser Statue begreift nicht das Schweigen!
Dann hüllt er sich langsam in flimmernde Schleier,
Da ringsum der Tau fällt und Lichter entsteigen.
Nun werden die Tropfen noch wachsen und schwellen
Und endlich wie schimmerndes Obst sich erhellen,
Wie Keime zu Augen und Knospen ersprießen.
Bald wird auch der Tau sich dem Tage erschließen,
Dann sollen die Tropfen das Sonnlicht empfangen,
Um fallreif und flimmernd im Garten zu prangen.
So sehnt die Natur sich, mit wuchtiger Brunst,
Der Dämmrung entgegen. Auch schwankt schon der Dunst:
Er zweifelt, ob heute das Goldlicht obsiegt!
Vielleicht naht ein Tag, da kein Nebel auffliegt:
Doch nein, denn schon fiebert das Leben nach Licht,
Das Taukränze morgens sich flicht und – durchbricht!

 

        D ie Kuppen der Berge sind Eisgötterzelte,
In Triften, auf Felsen liegt überall Schnee,
Im Tale erdrosselt der Frühling die Kälte,
Und oben verschanzt sich die Winterarmee.

Wenn westliche Winde dann wonniglich wehen,
Ergrünt um die Eisburg ein lebender Wall,
Die silbernen Panzer verschrumpfen, zergehen,
Und Waldstimmen lispeln vom Schneefestungsfall.

Bald sieht sich der Winter im Lager umzingelt:
Er reißt seine Zelte ab, laut ist die Wucht!
Schon hat sich der Schnee so wie Leinwand geringelt
Und stürzt als Lawine hinab in die Schlucht.

Nun tragen die Flüsse die Lenzbotschaft weiter,
Die Schneereste schmelzen, vermischt mit dem Gischt,
Auch blühen die Mandeln, der Himmel wird heiter:
Der Winter hat weithin Italien erfrischt.

Den Gießbächen jubeln die Schwalben im Tale
Voll Freude entgegen: der Obstabhang blüht,
Das Wasser entbraust jedem Bett und Kanale:
Der Frühling kam diesmal so kühn und verfrüht.

Die Tauwinde kräuseln sich laue Gefilde,
Da tauchen die Blüten wie Schaumkämme auf,
Die Weiten umschlingt ihre milchigste Milde,
Stets weißer, bloß weiß wird des Lichtlenzes Lauf:

Wie Inseln, umbrandet von schäumenden Wässern,
Erscheinen die Villen, in blühender Au,
Und bergen die Träume von Daseinsvergessern,
Denn oft wohnen Denker in marmornem Bau.

Oft rastet die Flut dort, um ruhig zu wirken,
Und rings bilden Myrten und Schlehdorn den Hag,
Jetzt treiben sogar viele Linden und Birken,
Und zwischen den Blättern liebäugelt der Tag.

Die langen Alleen beschatten Zypressen:
Ein Teich aber scheint sich durch Rosengerank,
Das knospende Dickicht im Park einzupressen,
Und Lorbeer umdunkelt den Gartenflutgang.

Dem Weiher entragt steil die Inselterrasse.
Sie gleicht einem Schiffe, das Wasserkraut hemmt:
Im Seerosensumpf steckt die breite Rumpfmasse,
Von Blüten ist auch das Verdeck überschwemmt!

Dort oben, am Steinboot, im Frühlaub verborgen,
Enttaucht eine Statue, der Flora geweiht,
Für Lenzopfer braucht da kein Mädchen zu sorgen:
Der Ort heißt: das Glück, wo die Kirsche gedeiht.

Es stellte der umbrische, edle Gestalter
Des Bildes die Reine ins friedliche Grün:
Jetzt singen die Vögel und tanzen die Falter
Davor und umher, wenn die Sträuche erblühn.

So braucht ihr kein Mensch seine Huld zu bezeugen,
Und bleibt auch das Standbild im Dickicht versteckt,
So mögen die Bäume sich weiter verneigen,
Und jährlich wird Frühlingsglück wieder erweckt!

 

        O Flora, du hast dein Italien der Kriege
So herrlich mit Blüten und Träumen verschönt,
Dich hätte das römische Volk nach dem Siege
Von Herzen zur Göttin der Liebe gekrönt.

Doch brachten Gelehrte, verzückt, Aphrodite,
Nach Wanderungsjahren, aus Griechenland heim,
Sie senkten den Blick in die Herzensgebiete,
Das Meer aber gab seinen Erdhimmelsreim.

Die See offenbarte auch ihnen die Liebe
Und hat ihre Rätsel stets weiter entrückt,
Sie zog sie hinein in ihr Wellengestiebe
Und hat sie belehrt und doch niemals beglückt.

Wer liebt nicht den goldenen, sichtbaren Bogen,
Das Ende der Welt, das sich ewig entdehnt?
Du weißt wohl und fühlst, du wirst immer betrogen,
Und doch folgt ihm stets, wer sich fort von sich sehnt.

Und oftmals erblickst du auch Inseln von Streifen,
Wie Reifen, mit Flimmerjuwelen, umsprüht:
Der Mann will das Eiland erreichen, begreifen,
Und löst seinen Gürtel, der Keusches umglüht.

Der Grieche zumal schäumte leicht durch die Wogen!
Er hat lauter Fernen lebendig erfaßt:
Das Meer ist den tollkühnen Männern gewogen
Und trägt seine Last oft zu traumreicher Rast.

Drum hat sich den Griechen der Zauber des Meeres,
Am Strand ihrer Inseln, voll Schönheit enthüllt.
Sie sahen am Morgen auf einmal ein hehres,
Lichtinniges Weib, ganz von Erdbrunst erfüllt!

Das war Aphrodite! Auf schäumenden Kronen
Erschien sie und hat ihre Urmilch verschenkt:
Sie wollte die Kühnen am vollsten belohnen
Und hat Jungfrauaugen vor ihnen gesenkt.

Als Rom von Athen seine Venus empfangen,
Da wurde Italien um Flora gebracht!
Nur selten durchglühte die Lust ihre Wangen:
Doch so ist die Keuschheit der Blumen erwacht.

O Flora, dich hätte kein Christkind vertrieben,
Du wärest, als Göttin der Liebe erkannt,
Die Erdmutter Gottes, die Urfrau geblieben,
In der uns Geburtsglut der Gnade entbrannt!

Du Ewigkeitsweib, holde Flora, wir flehen,
Du Unerkannt-Einsame, die nicht erstirbt:
O lasse dein Wesen die Erde umwehen,
Da Jugend im Dufte sich sucht und erwirbt!

O lasse entwurzelte Seelen durch Kränze
Noch einmal am Erdhauch sich bitter erfreun,
Im Duft schwankt der Sinne und Urfühlungsgrenze,
Drum magst du mit Reuetau Blüten bestreun!

O Flora, du hättest, als Göttin der Liebe,
Den vollen Gefühlen des Volkes verwoben,
Als Hochmal der Hoffnung im Schreckensgetriebe
Der Kriege, die Seele der Römer erhoben.

Das Heiligtum deiner vollendeten Güte,
O Flora, erglühte bereits in den Herzen
Der Streiter, in denen ein Wunschgarten blühte,
Um einst dort zu rasten und Gram auszumerzen!

Den Römern erschienen auf Gipfeln, in Triften,
Sowie in der Wüste die lieblichsten Gärten,
Und wenn sie den Ozean furchtlos durchschifften,
So sahen sie Fluren, die Frieden gewährten.

O Flora, dich seh ich ein Glücksland enthüllen:
Du zeigst heitre Villen an Bajäs Gestaden,
Die Greise, zu Jünglingen eifernd, erfüllen,
Und lauter noch plaudern versteckte Kaskaden.

Umrauscht vom wildsausenden Brandungsgebrause,
Erscheinen Terrassen, die Pfade verknüpfen,
Und diese geleiten zu marmornem Hause,
Um wieder im Dickichte schnell zu verschlüpfen.

Die Villen entstanden im Sinne Vitruvius':
Im Wasser erspiegeln sich feurige Schlangen,
Die rund um die Hänge des nahen Vesuvius
Wie kupferne Klammern und Glutspangen prangen.

Ja! Hasche wie Aale und blutrote Fische,
Enthuschen bei Bajä dem flimmernden Gischte,
Und hie und da hörst du ein seltnes Gezische,
Wenn plötzlich das Mondtier die Glutbrut erwischte.

 

        O großes Rom, mit deinen stolzen Marmorbauten,
Versteckten Backsteinhäusern und verruchten Gassen,
Als deine Kinder ihrer Weltmacht froh vertrauten,
Begannen sie die Stadt beruhigt zu verlassen!

Ein zweites Rom, das seine Festung hold umgrenzte,
Ist dann in der Campagna wunderbar entstanden,
Und diese Landstadt, die dein Mauernrund umkränzte,
Beschützte ihren Frieden zwischen Laubgirlanden.

Schon Cäsar hat die Wünsche Roms verstanden,
Da er dem ganzen Volke seinen Park vermachte:
Als dann die Bürger drin ihre Erholungsfrische fanden,
War jeder Römer stolz, daß Cäsar ihn bedachte.

Dann später wohnten die Patrizier nur in Villen,
Und ihre Baumeister wetteiferten an Können,
Um alle Prachtbedürfnisse von Rom zu stillen
Und sich die Freude freier Künstlerschaft zu gönnen.

Es brachten doch die Bürger zum Palälienfeste
Bis in das Herz von Rom berühmte Blütenhügel:
Die Reichen praßten da, das Volk bekam die Reste,
Oft auch die Plebs Falernar, Wildbret und Geflügel!

 

        D u freudige Stadt, ein entsetzliches Nagen
Durchwühlt deinen Boden. Vernimmst du das Klagen?
O Rom, horche auf, unterscheide das Bohren:
Hier wird unterirdisch ein Lichtgott geboren!
Die Menge, in Christo geinnigt, gräbt Gänge,
Um drinnen ihr Leid und sich selbst zu verstecken,
Es ist, als ob innerste Erdglut sie dränge,
Die Heilkraft der Liebe im Menschen zu wecken!
Du riesiges Rom, deine Wälle und Mauern
Vermögen dem Anprall der Feinde zu trotzen;
Verfolgte jedoch, die in Grotten schmarotzen,
Beginnen dich schon eingescharrt zu belauern:
Kein Leib aber wird seinen Wurm überdauern!
    Die Heiden verspotten noch immer die Christen
Und nennen sie dumme Bewußtseinsbetäuber
Und schelmische Käuze, die unsichtbar nisten.
Versteckt unter ihnen sind freilich auch Räuber,
Von Christo in Schutz seines Kreuzes genommen:
In manchem ist wirklich auch Reue erglommen.
Sie trachten die roten Gespenster zu bannen,
Womöglich die Erdgiftinstinkte zu würgen,
Und singen Lichtlieder, die Priester ersannen,
Um Büßern das ewige Reich zu verbürgen.
Verschiedene Graber und Nachgrübler wähnen
In sich und den meisten den Tod der Gelüste,
Da aber erstehen auf einmal Hyänen,
Die Nachschleicher dessen, der Jesum falsch küßte,
Und diese beschließen die Christengemeinde
Zuerst zu verleumden und dann zu verkaufen.
Denn, meinen sie, liefern wir Rom seine Feinde
Im Untergrund aus, läßt man uns dafür laufen!
Und wirklich, die Römer verzeihen den Räubern
Und lassen die Grottenstadt lüften und säubern:
Sie ziehn unter Rom, aus den schimmligen Löchern,
Gestalten, die halbnackt im Kellersumpf waten
Und lebend schon fast zu Skeletten verknöchern.
Auch Priester sind unten in Isisornaten,
Und alle die Narren (so schimpft man die Sekte,
Von der schon so mancher im Zirkus verreckte)
Verteilt man nun wieder an alle Theater
Und spottet: nun rette sie dort ihr Gottvater!
Das Christentum aber wird niemand vernichten,
Schon steigen die Jünger des Heiles auf Leitern,
Bereit, auf die leibliche Lust zu verzichten,
Zurück in die Grüfte, die noch sich erweitern.
Erglimmt die Begierde zum eignen Entsetzen,
So reißt sich der Christ dort die Kleider in Fetzen
Und kratzt eine Stätte, mit blutigen Händen,
Im Urbsuntergrunde, zum Gottesdienst aus.
Die Tatsachen formeln sich hier zu Legenden,
Und singt man, so schallt in den Gängen Gebraus.
Doch lieben die Christen ihr schreckliches Heim,
Und sprechen sie, lispelt die Decke den Reim:
Der Reim ist geboren, der Reim ist erstanden,
Das christliche Lied, in unheimlichen Banden,
Vermag aus der Urklage klangwärts zu branden!
O Rom, dieses Höhlen durchfrißt deinen Boden,
Auf dem du dich rot wie ein Morgen erhoben:
Dort trachten sich Christen zusammenzuroden,
Um Gott und den Heiland unheimlich zu loben.
Die Leute, die bohrend die Schlünde durchschleichen,
Empfinden ein neues, unstillbares Glück,
Sie trachten gemeinsam das Heil zu erreichen
Und finden davon in sich selber ein Stück.
Gar oft, wenn sie betend und schaffend erschlaffen
Und fieberdurchfröstelt beim Graben verzagen,
Erscheint es beinahe, als könnten Gedanken
Und Geister, allein, weiterschaufeln und schaffen!
Die Weiber erkranken: man gräbt kaum, doch Klagen
Und Seufzer vermögen noch weiter zu nagen!
Ein Priester umgab sich im weitesten Gange
Mit gläubigen, bleichen und Leichengesichtern.
Nun spricht er, beleuchtet von rußenden Lichtern,
Mit winziger Stimme, mit zinndünnem Klange,
Vom Golgatasieg über Satan, die Schlange!
Da schleppen sich immer noch Greise auf Krücken,
Mit Weibern und Kindern, mit wimmernden Stimmen,
Von ringsum herbei, um zu Gott zu entrücken
Und, frei durch den Geist, Christi Reich zu erklimmen.
»O kommt!« ruft der Priester: »Ich will euch beglücken,
Ihr alle dürft Blüten der Ewigkeit pflücken,
Ihr selbst seid des Geistes lebendige Kronen,
Und kann auch der Tod eure Stiele nicht schonen,
So bleibt doch das Licht und der Hauch für Äonen!
Vernehmt ihr die Worte, die Jesus gesprochen,
So wird in euch selber der Winter gebrochen,
Dann träufelt der Tau einer geistigen Taufe,
Erfrischend und segnend, aus Gott in die Seele.
Ihr folgt tausend Strömen, beim innersten Laufe,
Und sorgt, daß der Trost nimmer unter euch fehle!
O Menschen, und sind in euch selbst Christi Saaten
In eigener Wärme im Herz aufgegangen,
So spendet den Pollen mildtätiger Taten!
Doch scheut euch! Verbergt auch die Scham auf den Wangen:
Kommt dann erst, das Blut Christi stumm zu empfangen!
Der Sommer der Seele wird Lenze befruchten,
Der Ingrimm in euch Christi Feind niederwuchten,
Ein Lenz aber, der in der Seele erblühte,
Währt ewiglich, fleht man, daß Gott ihn behüte!«
Die Zuhörer fühlen sich ringsum durchschauert,
Und lichte Gedanken, von Sorgen umkauert,
Die alle zu schwach zum Erblühen geblieben,
Beginnen nun spürbar durchs Dunkel zu sieben.
In Träumen entstand wohl bereits manche Ranke
Aus Eden in Menschen und zauberte Auen
Vor sündige Sinne. Der Anhaltsgedanke
Jedoch war zu schwach, um sich tief zu erschauen,
Und ließ die Gelüste ein Reizschloß erbauen.
Am Ewigkeitskeim konnte Erdfaulheit nagen,
Gewohnheiten durften die Hoffnung verlachen,
Durch Christum jedoch wird Elysium jung tagen,
Die Glutfrucht im Schwachen am stärksten erwachen!
*
O Rom, ein gewaltiges Hämmern und Bohren
Zernagt deinen Boden und will nicht verstummen.
Schon haben sich Christen dort unten verschworen:
So höre das unheimlich steigende Summen!
Die Christen beginnen den Leib zu kasteien
Und so jede Gier aus der Seele zu merzen
Und völlig den Geist aus dem Staub zu befreien,
Denn alles das, glauben sie, können die Schmerzen!
Das Christentum hat tiefe Wurzeln geschlagen.
Sein Keim unterwühlt sich den römischen Boden.
Als Baum wird er bald in den Sonnenraum ragen:
Er jubelt sein Weltüberschatten in Oden!
Erwachen im Ich, den Christkern erwagen,
Besaftet den Baum: ist freies Erhalten
Des eigenen Wachsens in seinem Gestalten!
Nur wird nun sein wuchtender Wuchs Rom zerspalten
Und alle Theater und Tempel zerschmettern,
Doch spendet er dann mit hell lodernden Blättern
Und ewigen Blüten der Welt Freigewalten.
Der Baum, ein Befruchter von Geistesgeschlechtern,
Muß Völkern um sich plötzlich Jugend verleihen.
Durchpilgert von heiligen Glaubensverfechtern
Wird dann ein gesegnetes Weltreich gedeihen,
Und sollte der Baum auch in Rom einst verdorren,
So werden schon Schößlinge ringsum ersprießen,
Denn endlich wird dennoch das Urwort entworren:
Wir werden die Wahrheit gemeinsam genießen!
*
Ein Priester dort unten verträgt nicht das Bohren,
Die Martern, die Sorgen, das ewige Hämmern.
Ihm wird schon, als ginge die Jugend verloren,
Als müßte er nutzlos in Kerker eindämmern.
Gegaukel kann bald seine Lüsternheit schüren,
Auch packt ihn auf einmal ein Ekeln und Grausen,
Ganz freudlos in Gruben verschüttet zu hausen,
Und schon wird er flüchtig, ein Weib zu verführen.
Doch hält ihn dort oben bald Trauer umklammert,
Er sieht seinen Körper zerdämmern in Blässe,
Er fühlt, daß er ungetrost, hoffnungslos jammert,
Und abermals sinnt er zu Dunkel und Nässe;
Durchfinstert erscheint ihm die Seele der Heiden,
Er kennt seine Römer als schamlose Buben:
Ein ewiges Licht aber, weiß er, sind Leiden
Und Jubel der Bruderschaft, unten in Gruben!
Jetzt wirrt ihm auf einmal das Irrlicht die Pfade
Der Innerlichkeit. Und den irdischen Quellen
Der Lust zu, versucht ihn ein Wunsch nun zu schnellen –
Da ruft er: »O Herr, habe Nachsicht und Gnade!«
Noch folgt er dem Tanzlicht durch Gärten und Gassen,
Doch trachtet er Buhlinnen rasch zu bekehren,
Da rufen die Leute: »Was sind das für Lehren,
Fürwahr, er ist toll, und man müßte ihn fassen!«
Nun will er die Zukunft von Rom prophezeien
Und, wie die Sibyllen, das Ende der Götter
Verkünden und Tempelaltäre entweihen!
Doch ruft, ihm zum Trotz, noch gewandter ein Spötter:
»Fürwahr, noch braucht niemand in Rom zu verzagen,
Viel besser als Narren kann Janus uns sagen,
Ob dunklere Jahre mit flunkernden Sehern
Sich uns, den Beherrschern des Erdrundes, nähern.
Doch nein, ihr könnt still wie der Gott – ohne Grauen,
Den Feinden zum Spott, in das Zukunftslicht schauen!«
Da ruft Christi Priester durchwutet und zornig:
»Ihr Heiden seid bleicher als wir in den Schächten,
Und ist unser Weg auch verborgen und dornig,
So will ich, im Schlund, unsern Gott fortverfechten!«
Nun hält ihn der Römer für völlig verschroben
Und läßt ihn auch, trotz seines Blutfluches, laufen;
Doch ihm wird so plötzlich, als müßte er toben
Und weinen: er ist ja gemein wie der Haufen!
Warum ist sein Leib vor dem Herzen geflohen?
Er hat sich verworfen, dem Ludern ergeben:
Die Grottenschaft muß ihn als Judas bedrohen!
Er tappt aber trotzdem zurück durch die Gänge,
In denen Erchristlichte unsichtbar schleichen.
Er fürchtet dabei seiner Seellenker Strenge
Und freut sich auch wieder, das Heim zu erreichen.
Nun wird er (vermag ein Gemüt das zu fassen?)
Von allen Genossen mit Jubel empfangen:
Sie warteten lange, voll Angst und mit Bangen
Auf ihn, der die Grottenverstecke verlassen!
Oft treibt sein Erscheinen sogar zu Entzücken!
Er sieht, wie sich Geistliche demütig bücken:
Sie glauben, er sei aus der Gruft zum Bekehren
Und Spenden des Heiles so plötzlich verschwunden:
Die Flucht war das Rechte! Der Freunde Verwehren
Des Gangs in Gefahren fiel fort. Feste Kunden
Erhofften vom Manne von oben die Christen:
Sie beteten oft um großes Gelingen,
Er möge sich Zutritt bei Feinden erlisten,
Um Sündern das Wort des Erlösers zu bringen!
Der Priester war schwach, und so konnt er sein Treiben
Dort oben in Rom keinem Lenker bekennen:
Doch hoffte er nun ohne Makel zu bleiben
Und nimmer im Fieber ins Freie zu rennen.
Auf einmal jedoch kam die Luftsehnsucht wieder,
Und glühende Brunst fuhr ihm jäh durch die Glieder.
Da warf sich ein Mädchen ihm plötzlich zu Füßen:
Sie kam in die Gruft, für Vergangnes zu büßen:
Sie zitterte lange, sie konnte kaum flehen
Und mutvoll ihr teuflisches Fühlen gestehen.
Doch rief sie auf einmal, mit blutigem Mund:
»O heiliger Bruder, mein Herz ist so wund,
Ich starrte in Moder und garstigen Dunst,
Ich stöhnte: O Heiland, entraff mich der Brunst!
Ich habe gefastet, ich sprach mein Gebet,
Da haben sich Bilder im Kreise gedreht:
Ein Jüngling erschien mir, auf scheckigem Tier,
Doch kam nicht der Heiland herunter zu mir!
Ich faßte den Knaben. Er hat mich geküßt.
Da pochte das Herz, und es wuchs mein Gelüst:
Ich weiß, – o ich hab ihn im Traume gedrückt
Und herrlich mit Blüten und Tränen geschmückt.
Die Venus, vor der ich mich früher geneigt,
Hat heimlich mir diese Gestalt noch gezeigt.
Denn bat ich um Männer, vor ihrem Altar,
So zeigte sich gleich eine kommende Schar.
Wie kraus mich die nackte Erinnerung quält!
Ich hatte da froh, was mich reizte, gewählt,
Doch nun packt mich immer die Sorge im Traum:
Erwach ich, so würgt mich der modrige Raum.
Gespenster erfüllen die furchtbare Leere,
Sie stürzen auf mich, ich fühl ihre Schwere,
O hilf mir, ich weiß, ich bin immer noch geil,
Der eigne Kalvarienberg ist mir zu steil,
O rette mich, du, o versprich mir das Heil!«
Nun bückt sich der Priester und spricht, tief aus Güte:
»Der Heiland erhört deinen innigen Ruf,
So bete mit mir, daß der Herr dich behüte,
Denn siehe, er liebt, was er leiderfüllt schuf.
Umarme die Wände und küsse die Erde,
In der wir verborgen den Heiland erflehn,
Und wisse, noch ruht Christi folgsame Herde
In Grüften, um einstens erkürt zu erstehn!
O wisse, wir können die Erde nicht schänden.
Sie haucht sich jungfräulich die Pestgeier weg.
Nach Kriegen und Aufruhr, nach gräßlichen Bränden
Umgrünt sie, versteckt sie den schandhaften Fleck:
Sie birgt uns in sich, da wir Rom noch zerstören,
Die Stadt, die, wie Babylon, brunsterhitzt praßt;
Doch mußt du dich erst gegen dich keusch empören,
Bevor du das Übel im Heidentum haßt.
Die Urglut der Erde, die hier uns erkoren,
Das Fieber im Darme der Gier-Urbs zu sein,
Hat auch unsern Heiland jungfräulich geboren
Und will, daß die Menschen zum Kreuze gedeihn!«
In sich aber greift wohl der trostreiche Priester
Die Blutwacht des Zwiespaltes, der ihn bewegt:
Er beichtet, befragt sich und innerlich liest er
Dabei ein Gebot, das sein Wesen zerfegt.
Er schluchzt: »Mutter Gottes, du helles Gewissen,
Du glühender Wunsch, der das Dunkel zerteilt,
Der Schmerz hat die Nebel der Seele zerrissen,
Und du hast mein furchtsames Herz dann geheilt!
Maria, du liegst in unendlichen Wehen,
Du Erdmutter, Mutter! Du leidest in Gruben,
Im Schlunde der Urbs, die als Urgrund entstehen.
Wir schwanken, uns schwindelt in wunschdumpfen Stuben,
Wir irren und walten durch weltgraue Räume
Und sind nur die Wurzeln für Träume, für Bäume!
Maria, auch du mußt dich einsam erkunden,
Wir wühlen für dich, und wir schlagen dir Wunden,
Wir wollen verschrumpfen, doch du sollst einst tagen
Und, Sonnen verfinsternd, der Erde entragen.
O Heiland, nun hab ich dich wahrhaft gefunden,
Du ruhtest so traurig und stumm in dem Grab,
Dann bluteten plötzlich, o Herr, deine Wunden,
Da ich dich, dein Mörder, bleich angesehn hab!
Das Blut aber leuchtete sanft in der Tiefe:
Da wurde die Erde auf einmal erhellt,
Und mir wars, als schimmerte, sickerte, liefe
Ihr Selbstlicht ins sonnlichtbeackerte Feld.
Ich schau dieses Glimmen in Weinbeeren reifen:
Der Glaube an dich, guter Heiland, erwacht,
Wir können die Saat deines Blutes begreifen,
Die Herbsternte strahlt in unsagbarer Pracht!
Schon fließt deine Milch in verzücktem Gebete:
Und reifen im Urschein Geschlechter heran,
So legt in dem Baum, den die Schöpferhand säte,
Der Sohn seine Liebe und Fruchtbarkeit an.
So wachsen die Wesen, in Streit und in Liebe,
Und geben ersterbend lebendigen Geist;
Auch ich habe Beeren und Ranken und Triebe
Im Urschatz der Seele, die Gott ewig preist!
In mondbleichen Nächten, beim sternstillen Morgen,
Erleuchtet und kräftigt Der Sohn mein Gebet,
Die Glut, die im Lichtschoß der Erde verborgen,
Berauscht meinen Wein, wenn die Wärme verweht:
Ach, ferne vom Tage und lauten Verhalten
Gibt ganz sich der Mensch seiner Herzlichkeit hin!
O Heiland, dann magst du in mir wachsam walten:
Ich lache, ich weiß, daß ich Du in Mir bin:
Du kannst mich zum Dir, viel zu tief zu dir ziehen,
Dann seh ich, getilgt ist die furchtbare Schuld,
Denn Gnade ist mir, im Ich selber, verliehen,
Ich trage die Reue und Scham mit Geduld!«

 

        G anz erschöpft vom Bacchanale, findet Nero keinen Schlaf,
Und doch dringt aus fernen Räumen sanft verklingende Musik
Bis zum Kaiser noch herüber, weil sie keine Türen traf.
Und da flüchtet das Gewölke. Neros Träumemosaik
Zeigt ihm Rom im Purpurkleide, aufgebaut aus Abendpracht.
Das Gestöhne ferner Flöten hat den Dunst nun ganz verzweigt,
Und in Neros Traumregionen ist ein grauser Schwarm erwacht,
Der aus seinen Seelenkerkern zügellos und wild entsteigt.
Freches Lachen, schrille Schreie: wie das raschelt, wie das klingt,
Wie das Zittern straffer Saiten Schloß und Riegel rasch bezwingt,
Wie es Fieberfeuer schürt, selber nun als Lohe glüht,
Bis im Traumglutstrom des Kaisers mancher Feind als Schatten brüht!
Nero folgt nur seiner Neigung, ob er fiebert oder tobt,
Schrecklich ist das Machtbedürfnis im tiberischen Geschlecht:
Nero kann es nicht vertragen, wenn man Kaiser Claudius lobt,
Weil sich der an fernen Fürsten noch im Innern Roms gerächt!
Viel zu weit sind jetzt die Grenzen im vollstreckten Römerreiche:
Und drum feiern Satrapien selber ferne den Triumph.
Lauter Pflanzstätten entwachsen ringsum schon dem Urbsbereiche:
Und so blühen Freudenorte ferne zwischen Wald und Sumpf.
Nero aber will, trotz allem, Großes seinen Römern bieten,
Und da deucht ihm plötzlich, es entspräch des Volkes Appetiten,
Fing er an, die Traumgestalten wirklich durch die Glut zu hetzen:
Ganz entschieden, denkt er, wird mich Rom dafür unendlich schätzen:
Nimmer schläft sein Weltbeherrscher; immer schwelgt er nur und träumt!
Auch umschmeicheln ihn stets Schleier, wie ein schnellverträumter Trug.
Plötzlich sieht er Fürsten taumeln: ihr Gewand war rot gesäumt.
Und er schaut: aus Wunden schlagen Gluten! Und er ruft: »Genug!«
Dieses Bild hat ihn gereizt, und jetzt denkt er mit Gefallen,
Wie besiegte Völkerstämme blutig enge Fesseln tragen,
Wie auf einmal, aus der Höhe, Feuerschloßen niederfallen
Und die Menschen rasch vertilgen, weil sie ihm nicht mehr behagen.
Ja, er sieht nun blasse Sklaven sich durch Flammenschlangen winden,
Endlich auch die Senatoren, die ihm unerbiegsam trotzen,
Und die ganzen Menschenknäule dann im Purpurdunst verschwinden;
Plötzlich aber andre Fratzen aus den Nebelfalten glotzen:
Doch er grämt sich, daß der Hirnbrand gar so wuchtig weiterschwoll,
Und sein Rauch so schnell entfauchte, ihm den Marterreiz zu nehmen.
Plötzlich gellt ein heisres Lachen. Nero hört, man nennt ihn toll!
Und nun kreischen schon und kichern, rings um ihn, vermummte Schemen.
Flammen werden wohl erscheinen, wenn die Masken niederrollen,
Denkt der Kaiser. »Aber nein doch, seht, das sind die frechen, tollen
Christen!« ruft er: »Die, statt meiner, Rom, die Welt beherrschen wollen!
Nero wagt ihr toll zu nennen, mich, den größten Römerkaiser?«
Brüllend hat er sich erhoben, doch schon schreit er: »Spottet leiser!«
Und er fleht, zum Traum gewendet: »Kreischt doch nicht mit schrillen Stimmen,
Denn die Welt könnte euch hören!« Da ihn Schatten fort ergrimmen,
Will er jetzt im eignen Innern Rauch und Dunst heraufbeschwören,
Denn die Christen, dieser Auswurf, dürfen keine Allmacht stören!
Solche Qualen der Beschimpfung kann ein Kaiser nicht ertragen,
Und so läßt er Lästerchristen rasch aus ihren Höhlen holen
Und sie rot auf hohe Kreuze für ihr freches Höhnen schlagen.
Darauf läßt er Holz entzünden, denn sie sollen schnell verkohlen.
So ein Schauspiel findet Anklang, die verdroßnen Weltbesieger
Lassen, unterm Boden Roms, gar regsam nun nach Menschen scharren:
Nach dem Maulwurf suchen emsig jetzt Hyäne, Hund und Tiger,
Viele Sklaven zwingt der Kaiser mitzubrüllen: »Wir sind Narren,
Denn wir glauben an die Marter, spannt uns vor den Judenkarren!«
Ja, es müssen schwarzverhüllte, todgeweihte Karawanen
Wechselweise ihre Wagen, voll von Christen, vorwärtsziehen
(Drin gibts Bürger, Freie – ganz verschiedne Untertanen),
Aber keinem hat der Kaiser Gnade oder Recht verliehen.
Wie ein Wurm wird nun die Sekte aus dem Darme Roms gerissen.
Doch da trauern nicht die Christen, denn ganz rein ist ihr Gewissen.
Sie bemerken kaum die Feinde, sie vernehmen kein Gekicher:
Ihr Gebet gibt ihnen Stärke, denn nun müssen sie verscheiden!
Und sie ziehen fest und tapfer, ihres Martertodes sicher,
Hin zur Stätte ihrer letzten, gottgefällgen Erdenleiden.
Viele glauben, noch genügts nicht, um zu Gott sich aufzuschwingen,
Stark und gläubig auszuharren; und Verlästerung und Qual
Scheinen ihnen viel zu wenig, um den Himmel zu erringen,
Und sie singen, Gott bestürmend, fromme Lieder im Choral.
Fieberangstdurchzuckt erreicht nun dieser Wurm die Marterstätte.
Hurtig werden schon die Christen auf die Kreuze angenagelt,
Und man ruft, wie einst bei Christo: »Bittet Gott, daß er euch rette!«
Hei! Wie hoch von Flammenstößen das in Funken heiter hagelt!
Rom, besonders um das Forum, wird durch diesen Brand bedroht,
Doch das schürt sein Feuer weiter, hocherfreut, daß etwas loht!
Denkt ein Römer an Gefahren? Mit Gejubel und mit Johlen
Sieht der grausam rohe Haufen starke Christen dort verscheiden!
Alle brüllen, klatschen Beifall, daß die Feinde nun verkohlen,
Denn wer liebt es nicht, an Leiden andrer Menschen sich zu weiden?
Ach, die wilde Feuermarter, wie sie einreißt, wie sie schneidet!
Doch Gedanken und Gefühle, voll von Liebe, Todgeweihte,
Die ihr für den Henkerkaiser und sein feiges Krongeleite
Hoch zu Gott emporgerichtet, weil Er mit der Schöpfung leidet,
Heben euch zu dessen Rechten, Nero noch zur linken Seite!
Wie aus Weltenessen stäuben stets lebendige Gedanken,
Und sie legen, wo sie können, Feuer in den Hirnen an.
Heute aber prasseln Bäume sichtbar mit Raketenranken
Und entzünden in den Seelen, was sich frei empören kann!
Glühend roter Bast, wie Zunder, löst sich los von toten Christen
Und entschwebt ihnen wie Tauben, denn so niedrig ist der Flug;
Bald schon kann in den Gemütern dieses Glutgefieder nisten.
»Feuer!« hörst du plötzlich rufen, wo der Sturm den Zug hinschlug!
Eingeäschert ist schon manches altverwanzte Backsteinhaus.
Jeder Brand bringt darum Freude (denn wer weiß nicht, Nero baut
Gern den Römern neue Häuser), und so gibt es Saus und Braus,
Das tanzt trunken durch Ruinen: Roheit lodert auf! Wird laut.
Leichtsinn ist die schnelle Folge, mit dem Feuer kann man spielen!
So ein Brand ist doch ein Schauspiel, wie's wohl niemand früher kannte:
Nichts ist schöner als ein Feuer, wenn die morschgewordnen Dielen
Funkenstiebend rasch verprasseln und die Balken hochgesandte
Wut entflammen; traurig ist nur, wem sein Haus nicht mitverbrannte!
Trunken und im Trubel drängen sich die Römer hin zum Kaiser,
Der, erleuchtet durch der Kreuze helles, grelles Fackelflackern,
Sich das Marterschauspiel ansieht. Viel zu schrill jedoch und heiser
Gellt ihm jetzt das wilde Schreien von so dünkelhaften Rackern!
Ja, er glaubt ein Machtbewußtsein aus dem Volksgebrüll zu hören –
Gar nichts aber, denkt er, darf durch Lob des Kaisers Allmacht stören.
Jetzt erstürmt der böse Pöbel plötzlich Neros schöne Gärten.
Durch des Pincios holde Haine tollt die angetrunkne Menge
Und entleert sich vor den Büsten von Heroen und Gelehrten,
Und vor Virgils Marmorstandbild lallt der Haufe Lottersänge.
Alle fahnden wild nach Christen, um sie rasch ans Kreuz zu schlagen.
Da sie aber keine finden, fängt das Pack an, drum zu losen.
Kreuze sind schnell aufgerichtet. Tausend Mordgesellen tragen
Schon ein todgeweihtes Mädchen, das sie erst noch lüstern kosen,
Jetzt zum rasch geschaffnen Richtplatz. Keinem Opfer hilft sein Brüllen.
Heute müssen Ungezählte noch als Ruß die Nacht erfüllen!

 

        D ie dunkelsten Gluten des Juli verbluten.
Nun scheint ein entschwundnes und kurzes Vermuten
Glücksprühenden Lebens der Welt zu entsteigen:
Sie fühlt ihrer Spannung tiefrhythmisches Schweigen.

Das quillt wie ein Leuchten aus herbstlichen Narben:
Die Asche der Farben, die brennend erstarben,
Erblaßt und verzittert, und Frühlichtbestäubung
Versenkt alle Schleier der Farbenbetäubung.

Erschlaffen die Strahlen, die Wonne erwecken,
Entstehen Lichtflecken, die Glut zu bedecken:
So scheinen sich Netze auf Farben zu legen,
Und Nerven beginnen sich ringsum zu regen.

Die waren einst selber die Freude, die Farben,
Und ahnten im Lenze, nach sonnlosem Darben,
Den Aufruhr des Sommers, sein fühlendes Schaffen,
Und spüren bereits sein urjähes Erschlaffen!

Auch liebt die Natur diese drückende Schwüle:
Sie ahnt ihre leiblichsten Muttergefühle,
Sie läßt sich von glühenden Küssen betäuben
Und fügt sich in alles: sie kennt ja kein Sträuben!

Sie schweigt, ihrer Wonne, der Sonne ergeben,
Sie schützt ihr, der Starre entbundenes, Leben,
Und stirbt dann der Sommer, verweht ihr Empfinden:
Sie kann sich mit allen Gestalten verbinden!

Nur kurz hat die Schwüle des Juli gedauert,
Schon fühlt sie, wie Müdigkeit matt auf ihr kauert:
Schon flüchtet die Glut über blühende Zäune.
Und fühlst du? Ihr Abschied erschüttert die Bäume. –

Einst baute sich Nero auf Antiums Gestaden
Ein Lustschloß mit marmornen Prachtkolonnaden,
Und eben erfreut sich der Kaiser, im Schatten,
Am heitern Getriebe auf sonnigen Matten.

Er sieht, wie sich Blüten im Zephir entblättern,
Um scheinbar als Flügel ins Blaue zu klettern
Und immer zu fallen, wenn andere fliegen,
Um träumend sich wieder auf Halmen zu wiegen!

Ihm deucht auch, als warteten Pinien am Hügel,
Mit riesigen Kronen wie offene Flügel,
Aufs Machtwort des Lichtes, sich selbst zu besiegen
Und übernatürlich zur Sonne zu fliegen!

Er hört ein Geplätscher aus steinerner Muschel,
Als wäre es Liebender leises Getuschel:
Und wirklich, ein Pärchen, in Marmor gehauen,
Kann dort seine Schönheit im Weiher erschauen.

Im Sonnenlicht aber erfrischen Fontänen
Den Garten mit hellen, gelockerten Strähnen,
Die Marmordelphine, um Nixen, verschnauben,
Damit sie im Mittag wie Perlen verstauben.

Ein Regenkreis soll diese Borne umranden,
Ihr Tau aber sprüht auf die Gartengirlanden,
Die Erzkinder, munter und voller Behagen,
Am Brunnenrand winden und mühelos tragen.

Bei Wassergeräusch und Gefächle von Kühle
Entflügelt vom Herzen, der Stirne die Schwüle;
Da kann ein Campagnatag wunderreich rauchen,
Um abends in blutigem Dunst zu verhauchen.

Dann will sich der Äther mit Nebel verhängen
Und tiefseits die Kreise des Lebens verengen:
Die Küste darf nie eine Welle bespülen,
Da scheint selbst die See diese Schwüle zu fühlen.

Vermag sie dem Land keine Brise zu schicken?
Sie scheint heute wirklich in Dunst zu ersticken.
Die Sonne versinkt hinter glühenden Streifen,
Doch Nero will weiter den Garten durchschweifen.

Er wartet, bis Sterne ihn freundlich begrüßen.
Bald legt sie das spiegelnde Meer ihm zu Füßen,
Denn er ist der Gott, der die Erde verwaltet:
Schon wundert er sich, daß der Dunst sich nicht spaltet.

Der Kaiser beginnt jetzt zu schimpfen, zu fluchen.
Nun will er durch wütendes Schreien versuchen,
Die Götter und Sterne des Himmels zu wecken
Und selbst die Olympier durch Christum zu schrecken!

Er ruft schon: »Ich laß mich bekehren und taufen!
Ich will dann die Sterne den Göttern abkaufen,
Dafür aber Rom als mein Opfer anzünden,
Weil Götter nicht Antwort durch Sterne verkünden!«

So wandelt der Kaiser noch lange am Strande
Und blickt auf den Himmel mit purpurnem Rande,
Die Lichter des Abends sind noch nicht erglommen:
Was zögert das Dunkel herüberzukommen?

Da blicken dann endlich drei Sterne hernieder,
Doch haben sie Höfe, wie blutige Lider,
Sie wollen nicht einfach wie sonst herabsehen
Und alles, voll Milde, auf Erden verstehen.

Ihr Blick ist verfinstert und fast ohne Leben,
Nicht reuelos schöpfender Liebe ergeben,
Doch kann sie der Kaiser verweint fast gewahren
Und hält sie für Zeichen der himmlischen Scharen.

Er sagt sich, da Götter mich ganz anerkennen,
So muß ich zum Danke die Urbs niederbrennen,
Und bau ich dann Tempel mit goldenen Hallen,
So will ich sie plaudernd mit Hermes durchwallen.

Er will, daß die Welt sein Erträumen erlerne,
Denn denkt er, so krümmt sich sein Sinn in die Ferne!
Er kann lauter raumfreie Haine entfalten
Und zeitlos ganz grundferne Bauten gestalten.

Doch plötzlich entsinnt er sich göttlicher Spender
Und blickt dann zum Himmel, wo rötliche Ränder
Noch immer die spärlichen Sterne verschleiern,
Denn ringsum die Nebel sind finster und bleiern.

Es hat sich die Dämmrung noch wenig verzogen,
Er sieht einen heftigen, flitternden Bogen
Von Osten empor sich stets heller erheben,
Daß selbst in der See jetzt Reflexe erbeben!

Auch läßt ihn besonders die Richtung erstaunen,
Er glaubt an ein Schauspiel olympischer Launen,
Da sagt sich der Kaiser: nach göttlichem Rechte
Erleuchte auch ich bald die feindlichen Nächte!

Er sieht sich bereits von der Gluturbs umgeben,
Wo goldene Wimpel den Fenstern entschweben,
Auch dünkt ihn, es grüßen ihn Feuerdämonen,
Die lange schon lauernd die Häuser bewohnen.

Doch stehen auf einmal die schrecklichen Recken
In Kellern und Dachkammern auf, schlagen Decken
Und Treppen schnell ein, und die Rieseneinbrecher
Entragen den Lucken der brennenden Dächer.

Die Glutarme greifen voll Wut und begehrlich
Nach allem, was nah ist und feuergefährlich:
Dabei aber trachten die Flammentitanen,
Sich immer noch andere Gassen zu bahnen.

Die lockern Gesellen, mit zackigen Zungen,
Sind sicherlich schon zu den Tempeln gedrungen,
Und Flammengestalten, mit furchtbarem Hauche,
Entwachsen rings Arme und Häupter am Bauche.

Schon sieht sie der Kaiser sich himmelwärts bäumen
Und ihn, der ein Gott wird, im Kreise umzäumen,
Darauf, als ein lohender, goldener Reigen,
Tief huldigend um ihn, vor ihm sich verneigen.

Doch Nero träumt nimmer! Wahrhaftige Gluten
Beginnen der dunstigen Nacht zu entbluten,
Wo wurden die Wolken zu Lippen und Wunden?
Der Mond und die Sterne sind rötlich verschwunden.

Jetzt hört er auch plötzlich ein menschliches Schreien:
»Der Boden scheint irgendwo Lohe zu speien!«
Doch gleich darauf: »Feuer! Ganz Rom ist verloren:
Wohl hat sich die Plebs mit dem Heere verschworen!«

Nun wollte der Kaiser die Brandfackel werfen!
Drum denkt er die Aufsicht im Land zu verschärfen:
Er sinnt schon nach Strafen für freche Entzünder
Und sieht sich zugleich auch als Roms Neubegründer.

Dann glaubt er, es wollte ihn Zeus freudig stimmen,
Und deshalb ließ Hermes die Häuser erglimmen.
»Wohl folgte ein Gott«, ruft er, »meinen Befehlen,
So kommt denn, wir wollen beim Brande nicht fehlen!«

Es glaubt nun der Kaiser, sein Werk zu genießen,
Nicht soll ihn der Anschlag von andern verdrießen,
Er freut sich noch heute im Feuer zu prassen:
Ja! Strahlend will Nero sein Antium verlassen!

Nun scheinen ihm Qualme, durch irdisches Tosen
Und Wettern entblätterte, himmlische Rosen,
Doch immer noch andre erglühen dort oben,
Wo Träume sich plötzlich als Bäume erhoben!

 

        D ie meisten haben ihr Viertel schon verlassen!
Doch schleichen jetzt Diebe, verwegen und dumm,
Durch öde und schmutzige, brennende Gassen
Und schleppen sich Beute fortplündernd herum.

Jetzt folgen schon allseits den Räubern und Mördern
Die Flammentitanen mit flatterndem Bart.
Auch scheinen noch Stürme ihr Wüten zu fördern,
Und nirgends bleibt arglos ein Stadtteil erspart.

So stürzen sich Winde, in riesigen Wirbeln,
Ins lodernde Rom und zerschleudern es wild:
Da knattern rings Balken, wo Hastfalter schwirbeln:
Der Hunger der Gluten wird nimmer gestillt!

Wenn brennende Bretter, beim Einsturz, zerschellen,
Zerschlendern sich Funken, mit Asche gemischt,
Und Glastfalken können sich blustzu entschnellen:
Vernimmst du Gesud? Wie's im Vipernnest zischt!

Ein Flammenhorst kann rasch acht andre entfachen!
Wie wild sich das Flunkergeflatter vermehrt!
Sein Sang ist ein Angstschrei. Das Giergebrüll: Krachen!
Die Urbs hat durch Prustung sich aufwärts entleert.

*
Die Stadt überrascht nun entzündlicher Regen
Von Funken, den Keimen zu kauerndem Brand,
Und gleich darauf wollen sich Glastschlangen regen,
Gar gierig bezüngeln sie Pflaster und Wand.
So wie sie dann Pfosten und Balken erschleichen,
Umschlingen sie sie, wie durch Hunger ergrimmt:
So lodern sofort Bäume, Fliehende, Leichen!
Der Brand, der die Hügelstadt siegreich erklimmt,
Muß bald den Palast der Cäsaren erreichen!
Am Boden versengen besoffene Leute,
Die plötzlich die Glut in Spelunken erfaßt:
Versprengt stürzt, aus Häusern in Brand, eine Meute
Von Räubern fast immer zugleich mit dem Glast;
Denn Menschen beneiden die Glut um die Beute
Und plündern mit gleicher, geduldiger Hast.
Verworfene Weiber durchjohlen mit Dieben
Die Trümmer und scheinen verteufelt vergnügt,
Und werden sie endlich vom Feuer vertrieben,
So rauft sich das Pack, weil kein Raub ihm genügt.
Das will schon nach Christen zum Peinigen suchen,
Die Menge ist wieder zum Martern geneigt,
Der Pöbel beginnt auf die Juden zu fluchen
Und ruft: »Diese Schmutzbrut von Ratten entsteigt
Den Grüften von Rom, um die Stadt einzuäschern,
Drum spürt sie uns auf, mit Hunden und Häschern!«
Doch findet der Pöbel nicht viele zum Hetzen,
Der Blutdurst Erhitzter wird noch nicht gestillt,
Jetzt sind, nach dem Aufraub von Plunder und Schätzen,
Die Frechsten zum Morden und Schänden gewillt.
Das flucht auf die Numen und huldigt dem Kaiser,
In Rom wird an Geld, nicht an Götter geglaubt.
Dem Bürger erscheint es als richtiger, weiser,
Wenn jeder die Wut gegen Schemen verschnauft!
Wie? Hätten denn nicht beim Verbrennen Penaten
Die Pflicht als Beschützer der Herde verletzt?
Doch sagt, wer könnte des Kaisers entraten,
Hat Nero doch stets, was da brannte, ersetzt!
So freun sich die Römer, wenn Tempel abbrennen:
Wer wird sich zu Göttern, ohnmächtig ihr Gut
Vor Feuer zu schützen, noch weiter bekennen?
Fürwahr, die Olympier vernichtet die Glut
Geschädigter Menschen in Fieber und Wut!
Entlaufene Sklaven, Soldaten und Metzen
Verprassen Geraubtes in wildem Genuß.
Sie plünderten, raubten zuerst auf den Plätzen
Und schwelgen jetzt roh auf der Insel im Fluß.
Der Äskulaptempel wird zornig erbrochen:
Im Inneren predigt ein junger Prophet,
Schon scheint ihm das Blut in den Adern zu kochen,
Er schwört, daß er Zion als Lichtbraut erspäht!
Er fiebert von Sodom, Gomorra, den Städten,
Die einstens Jehova mit Schwefel zerstört,
Er weiß auch die Bibel mit Rom zu verketten
Und ruft, daß Gottvater, durch Frevel empört,
Beschlossen hat, Rom durch den Brand zu zerstören:
Er habe bereits Christi Jünger gesandt,
Die Welt noch zur Einkehr zum Herrn zu beschwören:
Doch werden die Eifrer verkannt und verbrannt!
*
Die Christen erschraken beim Sprengen der Pforten,
Sie wurden auch gleich von der Menge geplagt,
Doch hat noch der Priester, mit feurigen Worten,
Zu sprechen und weiter zu donnern gewagt.
So horcht nun der Mob auf den tapfern Zeloten,
Der alle Patrizier und Reichen verklagt,
Dem Volke, aus Goldgier und Hochmut verboten
Zu haben, verbrüdert und glücklich zu sein,
Doch Christus lüd alle zum Abendmahl ein!
Er spricht von Verzeihung und Gnadenverleihung,
Vom himmlischen, allen verheißenen Reich,
Von Herrschaft der Liebe und Knechtebefreiung,
Und siehe: wie wirkt diese Predigt sogleich!
Der Pöbel versteht einen Gott der Zerstörung
Und fängt schon, in wilder und blöder Empörung,
Im Tempel des Gottes der Heilsmächte an,
Die Opfergeräte in Stücke zu schlagen.
Nun findet in Winkeln ein Mann einen Wagen,
Und rasch macht der Haufe daraus ein Gespann.
Schon wird einer Christin das Büßergewand
Auf einmal mit Johlen vom Körper gerissen,
Und Buben und Greise sind lüstern beflissen,
Das Mädchen zu schmücken: mit komischem Tand
Bedeckt, steht die Nackte nun oben im Karren,
Und der fängt schon an, über Dielen zu knarren!
Obszön hergerichtet, voll Tempelbehängen,
Begleitet von höhnischen Pöbelgesängen,
Erscheint nun die Christin, den Ihren entrissen,
Im Freien. Und kraftlos, als prächtiger Bissen
Gepriesen, entschwinden ihr endlich die Sinne:
Da heißt es: nun schlafe die Göttin der Minne!
Bedroht durch die Flammen, verfolgt von der Hitze,
Verläßt Pack die Insel, von Feuer umloht.
Wohl droht noch der Priester und schreit nach dem Blitze,
Doch schlägt ihn ganz einfach die Wutmenge tot.
Darauf zieht die Meute hinab zum Emporium
Und macht, in der Unordnung komisch vereinigt,
Ein liederlich klingendes Massenbrimborium.
Und trifft Mob wo Christen, wird flott losgepeinigt,
Ja, selbst alle Mächtigen, die nicht entflohn,
Begegnen in Rom jetzt verwerflichem Hohn!
Die Flammen erfaßten die Schläuche Boreas':
Da sind alle Winde dem Gotte entsaust,
Nun werden die Güter der Erben Äneas'
Von Stürmen und Flammen zusammen zerzaust.
*
Die Gassen durchhallt wildes Brausen und Pfauchen,
Und oft dröhnt und donnerts auch plötzlich und kurz,
Das heißt dann, in Häusern, die lodern und rauchen,
Erfolgte im Dachstuhl ein Stützbalkensturz.

Oft zerrt mancher Flüchtling des Hauses Penaten
Noch krampfhaft hervor aus dem drängenden Brand
Und rechnet aufs Glück seiner künftigen Saaten,
Auf Zukunft und Wohlstand, durch eigene Hand!

Das Volk läßt sich schwer durch die Hitze vertreiben.
Es hängt noch am grauen, verlorenen Gut
Und will, nah beim Grab seiner Habe, verbleiben
Und denkt still an das, was für immer dort ruht.

Doch bald fängt Gewühl an nach oben zu drängen,
Wer wüßte sich nicht höher besser gefeit?
Doch liegts auch im Blut, sich in Knäule zu engen,
Gut drückt sichs an anderer Leiber und Leid.

Die Reichen wird hoch ihre Stellung versammeln!
Auf kühleren Hügeln, vor Feuer geschützt,
Beschließen sie gleich ihren Weg zu verrammeln,
Damit nicht das Volk diesen Rückzug benützt.

Wohl muß sie die unklare Zukunft verstimmen,
Besitzende Menschen sind nüchtern und scheu:
Sie zittern, wenn Herr oder Diener ergrimmen,
Und hassen und fürchten, was fremd ist und neu.

Sie trachten, die raschen Entschlüsse zu meiden,
Sie haben sie oft schon, zu spät erst, gefaßt,
Sie bangen auch jetzt für die Götter der Heiden
Und wünschen nicht Altes, doch Aufschub und Rast!

Ja freilich, sie schmähten am liebsten, am stärksten:
Und schwer nur verbeißen sie Kummer und Wut,
Wohl trifft doch das Feuer die Reichen am ärgsten,
Denn was: sagt! verliert die plebejische Brut?

Doch hoffen sie, Nero wird alle beschenken,
Zumal die das Feuer zu Bettlern gemacht:
Besitz in verläßliche Hände zu lenken,
Bewährt sich noch immer zum Stützen der Macht.

Gar viele erklären die Christen für schuldig
Und tuscheln, sie hätten die Hauptstadt zerstört;
Doch besser nichts sagen! Verschwiegen: geduldig!
Solang man nicht Neros Vermutung gehört.

Doch dann wollen Reiche zuerst ihn umstöhnen,
Bis endlich sein Herz sich der Ihren erbarmt:
Doch wer könnte nun dreist die Christen verhöhnen?
Es fühlen sich alle ein wenig verarmt!

Doch gilt es nur, Nero für sich zu gewinnen,
Man sinne nach Macht durch cäsarische Huld;
Und nennt dann der Kaiser die Träger der Schuld,
So wolle man die ganz ins Trugnetz verspinnen.

Die Reichen geloben den Thron zu erhalten!
Sie haben im Freistaat das Alte gestützt:
Seit jeher gefiel ihnen machtvolles Walten,
Und oftmals schon haben sie Kaisern genützt!

Sie lassen sich immerdar schützen und führen,
Wer hat, bleibt der Bürgerschaft sicherer Teil,
Auch können Propheten die Reichen nicht rühren,
Und selten nur sind sie im Staatsdienste feil.
Das, denken sie, muß doch ihr Kaiser bedenken
Und ihnen, bloß ihnen, sein Wohlwollen schenken!
Wahrhaftig, sie sind auch kein schwankender Haufe:
Sie haben nur Sinn für die sichtbare Macht,
Sie folgen dem Strome auf jeglichem Laufe
Und haben es stets wie die Starken gemacht;
Ja, sinkt auf der Wage unsichtbarer Mächte
Die Schale des Neuen, auf einmal beschwert,
So herrschen sie weiter: durch eherne Rechte
Wird wiederum der, der das Geld hat, geehrt!
Sie bleiben dem Staat die Familienerhalter,
Die Herrscher in jeglicher Generation,
Sie lassen ihr Recht als Gesellschaftsverwalter
Bestimmt ihren Enkeln und meistens dem Sohn!

Doch seht nur, sie ehrten doch auch die Penaten
Und brachten oft Opfer nach herrschendem Brauch:
Sie ließen für Jupiter Mastochsen braten
Und freuten ihn so durch den speckigen Rauch.

Sie stellten sich klug zum Olympe am besten,
Indem sie zu Ehren der Götter gepraßt:
Sie opferten immer bei häuslichen Festen,
Genau wie es Priestern des Numen gepaßt!

Wie wurde, bei Reichen, ein Hymen geheiligt!
Sie haben gleich Opfergelage bestellt.
Apollo, Merkur schienen freundlich beteiligt,
Auch Zeus hat sich wunschreich zu Menschen gesellt.

Wie? Hätten die Götter die Starken verlassen?
So denkt doch: warum wurde Rom nicht verschont?
Wer kann ihr Dazutun, ihr Zublicken fassen?
Olymp! Noch bist du von strahlenden Herrschern bewohnt!

Vulkan! Du wirst in den Straßen verlästert!
Schon fragt sich der Römer: verfällt hoch die Zucht?
Die Götter der Griechen sind gierig, verschwestert:
Die Unzucht sticht Gift in verwerfliche Frucht.

Nun spricht ein Patrizier die folgenden Worte:
»O Jupiter Stator, beherrsch uns allein!
Wir halten zu deinem gesetzlichen Horte,
Damit wir auf Erden fast sorglos gedeihn.

Erscheine als Adler und schrecke die Schlange,
Die fürchterlich wütet, zurück in den Staub;
Nun weilt ihre ringelnde Brut schon zu lange
Hier oben: dein Rom war ein Unterweltsraub!

Zertritt diesen Glutwurm mit schmerzlosem Fuße:
Er knete sich rasch zu verzuckendem Knäul,
O Jupiter, hör uns, auch wir tuen Buße,
Gebiete dem furchtbaren Furiengeheul!

Wir lieben dich, Jupiter, Herr unsrer Schlachten,
Du solltest, du guter und leuchtender Gott,
Die anderen Numen zu Tode verachten,
Sonst stürzt dich noch einst ein Olympierkomplott!

Wir wollen von nun an nur dir auf Altären,
Was du und was andere Götter begehren,
Zur Huldigung opfern: den Widder, den Stier,
Die Taube, das Schaf, jedes reinliche Tier,
Auch Sklaven, verlangst du es, schenken wir dir,
Der Kaiser und wir!« und da ruft schon die Menge:
»O Jupiter, herrsche allein auf der Welt,
Wir weihen dir Tempel, und Feiergesänge
Ertönen für dich, der die Ordnung erhält!«

Schon greift jetzt der Brand nach den weitesten Gassen!
Als hungriger, alles verschluckender Wurm.
Beginnt er die Vorstädte rasch zu erfassen,
Und seht, seinen Durst löscht ein düsternder Sturm!

Doch müssen im Bauch die Metalle sich stauen:
Sie reißen des Drachen Gedärme entzwei,
Und was nicht die heißen Geweide verdauen,
Entfließt seinem Wanste als zuckender Brei.

Der Pöbel verläßt nun die dumpfigen Stätten
Des Lasters, weil alles Beflammung bedroht,
Das drängt aus den Schenken, sein Leben zu retten,
Und sieht sich schon himmelhoch grellrot umloht.

Gewürgt von Entsetzen, den Plagen und Sorgen,
Verlieren die Menschen ihr kleines Vertraun.
Die Nacht ist so schreckvoll, und was bringt der Morgen?
Sie denken mit Grauen ans baldige Graun.

*
Die Gier blitzt im Brunststurm: das donnert ins Rauben.
Gelichter, gehorch deinem krallenden Drang!
So schnaube dich aus: du kannst dich dir selber erlauben,
Denn plötzlich sind Mörder die Meister vom Strang.

So grinse Begierde aus tierischen Zügen:
In Blutblicken fuchtelt die Schurkennatur,
Die Nasen verkrümmten entsetzliche Lügen:
Den Mord lies! Hier blinkt jede Stirn seine Spur.

Ein Schrei seines Opfers durchgellte die Ohren
Von diesem Gesellen, der Trümmer durchsucht:
Die Ohrmuscheln sitzen wie knapp angefroren,
Das sagt, so ein Kopf ist von uran verflucht.

Dort lungert ein Haufe, mit Beute beladen,
Die Straßen entlang und verspottet Merkur.
Er ruft ihn, verspricht ihn zu Festen zu laden,
Doch zeigt sich vom Gott keine irdische Spur.
Da pfeift nun der Mob, und ein wildes Geschrei
Erklärt, daß er nimmer die Raubgottheit sei!

*
Der Pöbel macht Aufruhr und schwört, daß er Ares
Allein seinen Diebsanteil abtreten will,
Er flucht und verspricht, daß des Kriegsgottaltares
Gesprenkelter Marmor, vom März bis April,
Und dann vom September bis Ende des Jahres,
Von Lenzzicken, Ferkeln und Herbstwurfhaustieren
Bedeckt sein wird, um seinen Tisch zu garnieren!
Jetzt nähert sich flüchtiges Pack: die Soldaten
Mit wimmernden Kindern, auch Sklaven und Frauen.
Sie werden die Asche nach Opfern durchwaten
Und prahlend sich grausam am Grauen erbauen.
Die Beute verschleppen sie scheu in Spelunken,
Wo Großtun empor pafft. Ein Flammenbetrotzen
Ins Ich irrt. Doch schlimmer noch schwirbeln die Funken,
Bis viele umflimmert ins Lichtgewirr glotzen.

Nun fangen die Römer an, doch sich zu wehren,
Es packt sie die alte, fanatische Wut,
Und siehe, sie treiben die Räuber mit Speeren
Und Steinen zurück in die zischelnde Glut.

Sie sehen oft Mütter im Feuer verschwinden,
Und viele zerfetzen vor Schmerz ihr Gewand:
Die suchen verwirrt ihre Kinder zu finden,
Doch Mörder und Opfer vertilgt schon der Brand.
Nun wagt es kein Mann, sie der Glut zu entreißen,
Und schließlich, wen kümmert das Weibergeschrei?
Sie suchen den eigenen Gram zu verbeißen,
Und stehn, wenn ein anderer schluchzt, stumm dabei.

Auch greifen die Glutklauen immer noch weiter,
Das schnaubende Feuer wird nimmermehr satt:
Es glimmt und es klimmt auf der Hügelurbsleiter
Von Gasse zu Gasse, zum Saume der Stadt.

Jetzt nahen verstrudelt die Flammen den Scharen
Von Römern und Fremden in furchtbarer Not.
Sie können nur Feuer um Feuer gewahren:
Das Grab ihrer Habe ist blutrot umloht,
Die Glut leckt wild weiter, – doch sonst herrscht der Tod!

Das Feuer jedoch wird durch uns zum Gespenste!
Der Gott, der dem Moses im Strauche erschienen,
Und der über Daniel in Babel erglänzte,
Den jetzt, neben Juden, auch Christen umdienen,
Hat eben sein Antlitz den Römern gezeigt:
Und sehet, das Volk hat vor ihm sich verneigt!

Bedrängt durch das Plündern und Morden der Horden,
Erstickt und bedroht durch den qualmenden Brand,
Sind alle beinahe zu Kindern geworden:
Da dünkt sich ein Träumer vom Himmel gesandt.

Er plappert mit Schwüren, zum Volke gewendet,
Es hätten die Götter die Tempel geschändet,
Und dann hat er laut in die Flammen geschrien:
»Ihr Numen habt eure Altäre bespien!

Du, Mars, hast die Pfeiler des Staates zerschlagen:
Nicht Hera blieb heil, noch Hesta verschont,
Die Flammen Hephaistos' verdüstern den Wagen
Des Phöbos, des Gottes, der aufsteilend thront.

Wir werden an Jesum von Nazareth glauben!
Wir wollen ihm Opferaltäre erbaun!
Nun mögen die heidnischen Götter verstauben!
Wir können dem Jupiter nimmermehr traun!«

Die Worte des Priesters erschüttern die Menge:
Sie denkt sich wahrhaftig von Göttern genarrt,
Doch fühlt sie zugleich die erhärtende Strenge
Des Neuen, das dort aus der Glutsäule starrt.

Sie konnte noch nie solche Wutrede hören!
Was heute erscholl, hat noch niemand gewagt:
Sie will sich noch immer nicht offen empören,
Doch wird ihre Furcht hoch von Wut überragt!

Wo ist die Erklärung, daß Götter verkommen?
Doch seht euch nur um, allzu wahr ist der Greuel!
Der Herr aber, der seinen Weltthron erklommen,
Verschüchtert noch immer den hilflosen Knäuel
Von Heiden, den Funken und Sprühgarben taufen.
Und plötzlich spricht wiederum einer im Haufen,
Und zwar der verstockteste, grausamste Heide,
Der früher den Pöbel zum Morden verführt,
Von christlicher Hilfe, von siegreichem Leide
Und Herrschaft der Armen, die Jesus erkürt.
Ein Zukömmling sagt, mit ekstatischen Gesten,
Er sei aus den Höhlen der Christen entflohen:
Er kenne das Walten der Sekte am besten
Und fühle nun wieder sein Christentum lohen.
Er habe sich völlig dem Heiland verschrieben,
Da dieser die Menschen als Brüder beschützt,
Und sei auch ein christlicher Priester geblieben:
Er habe schon oft der Gemeinschaft genützt!

So werden die Bürger, die Rom tief betrauern,
Dem Christentum langsam gewogen gestimmt,
Sie müssen sich selber so innig bedauern,
Daß endlich der Heiland im Herzen erglimmt.

Sie denken, ein Gott, der sich selber gepeinigt,
Erspart uns, die leiden, bestimmt seinen Hohn.
Ein Gott, der in sich alle Welten vereinigt,
Und der seinen eigenen, leiblichen Sohn
Den Menschen geopfert hat, wird uns beschützen
Und freundlich beim Aufbau von Rom unterstützen.

Ein Weib kommt nun plötzlich wie rasend gelaufen:
Wohl rasch durch Geschautes verblüfft und verzückt!
Ein eisiges Staunen nimmt Herrschaft vom Haufen:
Schon wird, ganz in Angst, auseinandergerückt.

Doch hält diese Frau noch die Hände erhoben,
Als folge sie, sehend, der hellsten Vision.
Erst mag sie das Kreuz und die Märtyrer loben,
Und nun schreit die schauende, wilde Person:

»Ich habe zwölf Kinder auf einmal verloren,
Sie wurden vom höllischen Feuer verzehrt!
Ich habe acht Söhne dem Staate geboren
Und selber mit üppigen Brüsten genährt:
Was taten die Götter? Das Wohl ist vernichtet:
Wir sind, wie sie selber, zugrunde gerichtet!«

Nun sucht sie und scharrt sie, im Schutt der Ruinen,
Ihr Schreien hat furchtbar die Brandnacht durchgellt,
Die Mutter des Heilandes sei ihr erschienen:
Sie sieht sie als leuchtende Herrin der Welt!

Nun schwört sie, sie werde zum Throne gerufen,
Es habe die Mutter sich zu ihr geneigt
Und gleich dann, auf herrlich erleuchteten Stufen
Gesteilt, ihre Kinder als Engel gezeigt.

Nun ist sie im Taumel zu Boden gesunken.
Sie glaubt, sie hat himmlische Milde getrunken,
Da süß ihr die Jungfrau die Lichtbrust gereicht,
Und drum ist ihr plötzlich so wonnig, so leicht.

Doch faßt sie sich wieder. Voll jüngstem Verlangen,
Zum Volke zu reden, beginnt sie nun laut:
»Ich habe den Heiland, hoch über den Schlangen
Der lodernden Welten, voll Ruhe, erschaut!«

Zuerst ist ihr Sagen zerbrocktes Gestotter,
Sie zerrt noch, zerzaust ihren Sprachenballast,
Doch plötzlich entwirrt und enthaspelt sie flotter
Die trefflichsten Worte, zu Sätzen gefaßt.

Stets schriller beginnt sie zu wüten, zu wettern,
Als schlüge sie Blitze aus stahlhartem Stein,
Sie ruft, sie kann Götteraltäre zerschmettern,
Und gleich darauf setzt sie den Weltheiland ein!

Schon folgen ihr Mütter und leidende Frauen,
Die viele verloren, die Kinder, den Mann:
Sie wollen nun gläubig der Leidmutter trauen,
Die schmerzensreich ewige Gnade gewann.

Nun zieht sie, im Zuge voraus, durch Gefilde,
Wo Atmen Befreiung nach tiefster Gefahr:
Am Himmel erschaut sie die Göttin der Milde
Und baut ihr im Herzen den Sternenaltar.

Ja, Sterne sind Boten und Blüten der Güte,
Denn immer, wenn lodernde Helle erblaßt,
Sobald nur der Blutring des Tages verglühte,
Ereignet ihr Wink sich als Spender von Rast.

Ihr seliges Wesen ist glühbunt beflügelt.
Ihr gläubiges Funkeln verstrahlt Gottes Macht.
Ihr Minnen ist frei und der Weltwunsch gezügelt:
Was irdisch erkeimt, wird von ihnen bewacht.

Im Ich-Licht der Sterne, den schützenden Müttern,
Sind Sorgen um freundliches Leuchten geschart.
Das Licht-Ich der Sterne wird Frauen erschüttern:
In Demut ersternen ist weibliche Art.

Die nächtliche Ewigkeit: Frauenherz! spendet
Erlöschende Sterne der sterblichsten Welt;
Die Milde der glücklichen Lichtfürsten sendet
Uns Erdkindern Grüße, durch Mitleid erhellt.

Nun flüstern die Mütter: »Wir werden allnächtlich
Uns hier, unter Bäumen, still wiederum sehn,
O bleiben wir, tagsüber, reinlich und rechtlich
Und lassen wir nachts uns von Schauern umwehn!

O bringen wir Blüten, die Sterne des Tages,
Zum holden und herrlichen Gottesaltar,
Dann freuen die Augen des irdischen Hages
Der Sterne urkindliche, liebliche Schar!«

Jetzt singen die glücklichen Weiber: »Wir pflücken
Die Blüten der Felder, um Gott zu erfreun,
Wir wollen versammelt uns lieben und schmücken
Und dann wie die Blätter uns weithin zerstreun!«

*
Als vielerlei Länder Sibyllen gebaren,
Hat Romulus' Wölfin sie alle gesäugt,
Und jetzt stürzt ein Jude das Reich der Cäsaren,
Und Ihn hat das Leid aller Menschen gezeugt.

Er ist ein erfeuernder Seelenerwecker,
Er hat hoch vom Kreuze die Erde befreit,
Er ist aller Völker Verheißungsvollstrecker,
Und wer an ihn glaubt, überflügelt das Leid.

Einst hat ihn die Weibheit der Erde getragen,
Er ward, wie das Licht, der Jungfräulichkeit Kind:
Er leidet das Leben, versternt unsre Klagen
Und schenkt dir sein Blut, wie ein Herbstwald dem Wind!

Es folgen ihm Weiber und gläubige Männer!
Durch ihn sind die Leiber zu sterben bereit,
Er ist unser gütiger Herzenserkenner,
Und wer ihn erfreut, wird von Zweifeln befreit.

Er machte die schweigenden Tiefen empfindlich!
Und als er die Römer zur Kreuzigung zwang,
Da wurden die Leidenden unüberwindlich,
Denn groß ist der Büßenden fürstlicher Gang.

*
Von glühenden Zungen, die Unheil verkünden,
Ist ringsum die Urbs des Genusses umloht,
Und Flammen, die Leiber und Seelen entzünden,
Bereiten den Gottheiten Sorge und Not!

Weltungeheuer, aus Zunder und Feuer,
Nun wurmen die Numen in Satans Gewalt.
Schon werden die Burgen, das Tempelgemäuer
Von kletternden Klauen des Brandes umkrallt.

Die Auen des Pan sind unheimlich verglommen,
Und Flammengedanken verschlingen sich tief
In Seelen, die leibliche Botschaft vernommen:
Erwacht ist der Weinberg, der still und stumm schlief!

Die Krallen des Brandes verschleudern die Steine
Der Tempel der alten, versinkenden Welt.
Verwüstet sind weithin die heiligen Haine:
Schon haben Propheten die Eichen gefällt.

O Rom, du kannst brennende Tempel erblicken,
Penaten vom eigenen Feuer bedroht!
Sie werden aus Angst und in Flammen ersticken:
Schon naht ihr lebendiger, lodernder Tod.

Doch seht auch: die Flammen beschützen das Leben!
Nun sind sie ein furchtbares Zukunftsgespenst:
Oft kann sich der Erdgeist zur Drohung erheben,
Doch Feuer ists, das uns mit Freuden bekränzt.

Der Boden muß Geistererflammung gebären,
Die Erde trägt ewige Wälder im Schoß!
Sie labt, wer da Durst hat, mit Reben und Ähren,
Und wenn wir verzweifeln, – so zeigt sie sich – bloß,

Denn nackt sind die Flammen! Ja Rankenskelette
Das hastige Wesen vom wachsenden Wald.
Urzukunft ergrellen uns brennende Städte:
Und Roma entleuchtet Jehovas Gewalt!

Doch Nero, von brüllenden Löwen umgeben,
Erblickt nur ein Schauspiel von singendem Gold,
Und wenn seine Bestien, vor Schrecken, erbeben,
So fürchtet er – wenig, denn Zeus ist ihm hold!

Die Katzennatur scheint an Flammen zu saugen:
Vielleicht wird ihr Wüstenbedürfnis gestillt?
Die Grausamkeit gleißt schon aus grünlichen Augen,
Der Brand macht die Tiere erschrocken und wild.

Der Kaiser jedoch merkt kein Zerren und Pfauchen,
Er sieht nur ins Feuer, das freudvoll versprüht,
Er schaut, – doch er ahnt nicht, daß Götter verhauchen:
Da schauendes Denken ihn fürchterlich müht.

*
Die nächsten Geschlechter begruben die Numen
Und haben sich Tempel aus Trümmern gebaut,
Ihr Gott aber wuchs aus asiatischen Krumen,
Dann hat er italisch ins Weltwerk geschaut.

Gewählt ward ein Gott, der Ägypten gegeißelt,
Als Pharao, samt seinem Heere, ersoff;
Doch Rom hat ihn gleich im Gedanken gemeißelt:
Sein himmelumwaltendes Herrschtum ward Stoff.

Wer gab ihm bewegliche, griechische Glieder,
Ein jüdisches Haupt auf etruskischem Rumpf?
Man webte sein Wesen in christliche Lieder
Und sang sie zu Ostern zum Sonnentriumph.

So mußten im Brande die Götter vergehen!
Das Jupiterbildnis ward plötzlich gestürzt,
Oft hat ein zerstürmendes Wettern und Wehen
Dem Feuer den Weg über Hügel gekürzt.

Die Flammen zerstörten die Marmoraltäre,
Doch unberührt dauerte Roms roter Thron,
Dort schützte der Papst bald die kirchliche Lehre,
Dann später das Reich und die Inquisition.

 

        O Weltenleu, oft sträubst du deine Flammenmähne:
Entloht der Urbs der Feuerabglanz deiner Wut?
O sage, Löwe: was bedeuten Purpursträhne?

Jetzt brüllt der Mensch. Das Holzwrack knarrt. Schon tobt die Glut.
Sind Gallier in der Stadt, nach Römergold zu scharren?
Die Gänse schnattern nicht, fort ist der Latiermut!

Erscheint ein Triumphator auf dem Siegerkarren,
Soll Rom im Brand den Abglanz seiner Kraft gewahren?
Barbaren sind es, und sie werden hier beharren!

Dort kommen sie mit wildverworrnen, goldnen Haaren!
Wie sträubt die Feuermähnen sich Zerstörungslust
In frechen Söldnern und in freien Kriegerscharen!

Sie haben kaum von Gold und Goldesmacht gewußt:
Und wie sie ungestüm die Tempelpforten sprengen,
Erscheint um manchen plötzlich – Gott, im Flammenwust!

Ihr Römer seht sie nur zertrümmern und versengen!
Sie suchen Gott im Feuerherd und Abendhauche:
Die Stadt beginnt sie drum mit Wasser zu besprengen.

Wie eine Witwe wühlt die Urbs, im eignen Rauche
In der Campagna, sich ins Grab von ihrem Geiste.
Sie scharrt und stöhnt und liegt dann stumm auf ihrem Bauche:

Das Gold ist fort. Und tot der Aar, der sie umkreiste!

 

        D as Weltgenie von Rom war tot.
Der Löwe hatte kurz geröchelt,
Die Leiche aber weiter fort die Welt verpestet.
Ihr voller Rumpf, der sich durch lauter Raub gemästet,
Schwoll an, und wie ein Aas im Straßenkot
Bedrohte er die Welt mit arger Fiebersnot.
Doch Rom, die Stadt des stumpfen Mittelweges,
Blieb selbst noch zweifelnd-abergläubisch groß.
Sie wuchs, denn sich zu füllen blieb ihr Los,
Doch sie behielt auch ferner etwas Träges.
Ihr guter Bürgersinn gab ihr Gedanken
Und stellte sie in keiner Lage bloß.
Verletzten sie des Nachbars Räuberpranken,
So gab sie plötzlich ihm den Todesstoß.
O Rom, ich sehe, wie du meistens dich verteidigt:
Die Völker, die Italien mitbewohnten,
Propheten, die dein Mittelmaß beleidigt,
Die Sklaven, die sich gegen Rom vereidigt,
Und jeder Feind, der deiner Macht genaht,
Ward von der Göttin Roma überfahren!
Du übertrumpftest schließlich das Triumvirat,
Stets konnte sich dein Bürgergeiz das Geld bewahren.
Zertrümmert lag das Werk der herrlichen Cäsaren,
Doch Rom, das immer siegreich seinen Feind zertrat,
Besiegte nun durch seinen Glauben die Barbaren.
Das Wort ward durch das Römertum zur Tat!
Die Urbs verschmähte nicht vom Besten anzunehmen,
Denn niemals liebte sie, was arg zurückgeblieben:
Das Kühnste mußte schließlich sich nach Rom bequemen,
Denn Rom besteht, und die Propheten werden aufgerieben.

 

        G edeihe, großes Rom, bestelle dir Konzile,
Verknüpfe alles, was du irgend schlau vermagst,
Noch gilt dein Wollen einem großen Lebensziele,
Dem Werk, in dem du selber unvergleichlich tagst.

Versuche, Rom, in deiner Kirche das zu fördern,
Was irgendwie sich an dein Machtverlangen schmiegt.
Du wirfst die Weltrebellen zu gemeinen Mördern
Und biegst, zerknickst, was deinem Sieg entgegenliegt.

Wohl braucht der Mensch den Mittelweg, um still zu wandeln,
Und den hat Rom für alle Völker reingefegt:
Die Abgewichnen wird es gerne mild behandeln,
Da keine Schwäche Rom sich in die Wege legt.

Den Tartarus vertiefte sichs zur Christenhölle
Und hat dadurch den Einsturz seiner Macht gehemmt:
Sein Geist war da, damit die Zahl der Christen schwölle,
Und seine Kraft hat Riesenfluten eingedämmt.

O Rom, du wecktest Schätze, die in Heiden schliefen,
Du hast dir Grundverschiednes angepaßt,
Du hörtest tausend Stimmen, die nach Rettung riefen,
Und trugst der Weltkultur unendlich große Last.

Du zogst die Welt in deinen Bann erhabner Ruhe,
Du sammeltest die Worte, die du rings erfrugst,
Du legtest fremdes Gut in deine goldne Truhe,
Um die du dichte Schleier des Vergessens schlugst.

 

        J etzt fühle ich der Schönheit Flügelschläge,
Im Norden ist die Lilie Frankreichs aufgegangen,
Die Christenliebe wird in Marmorblöcken rege!

Hold trägt den Fels nach Offenbarungen Verlangen!
Schon klimmt ein Frühjahr steil empor an Kathedralen,
Und über Türmen seh ich Schönheitsgipfel prangen.

Das Leben läutert sich aus unempfundnen Qualen
(Denn nichts zu fühlen ist der Fluch der schweren Steine)
Zu Formen, die lebendig ihrer Nacht entstrahlen.

So trachten tausend Sonngeburten, im Vereine,
Als Pfeilerbündel langsam sich emporzurecken,
Denn alles Irdische verneint das Steile, Reine!

Jetzt scheinen Osterglocken allerliebste Schnecken,
Verkrümmte Lurche, Olme, Echsen, stumpfe Würmer,
Die reinste Teufelsbrut, im Steine zu erwecken.

Fürwahr, schon ruft, mit ernstem Glockenschlag, der Türmer
Ein ganzes Schlummerreich empor ans Licht, ins Leben,
Und weist: o folgt dem Menschen, euerm Sonnenstürmer!

Ihr Wesen alle, laßt euch froh zum Licht erheben,
Ihr Schwalben, sehnt euch her nach stolzen Menschenwerken,
Ein Taubenschwarm soll immerdar dem Bau entschweben!

Ermüdet mag der Wandrer einen Dom bemerken,
Die Schönheit ihm fast engelsgleich entgegenfliegen,
Des Münsters Himmelssehnsucht jeden Pilger stärken!

Oft mögen Wünsche domwärts in der Luft sich wiegen,
Und sollte unterwegs die Büßer Furcht beschleichen,
So könne Schönheit alle Zweifel gleich besiegen!

Zwar darf kein Engelsbild von seinem Sockel weichen,
Noch je der Glockenklang ihm goldne Flügel leihen,
Doch seine Schönheit wird uns immerdar erreichen!

Jetzt schweben Engel auch in holdgeträumten Reihen
Vom Dom herab und leiten uns in hohe Hallen,
Um Seelen durch beschloßne Ruhe zu befreien!

Das Kirchenherz scheint in Italien aufzuwallen:
Da sieht der holde Franz in eigner Innerferne
Die gleiche Glut wie Frankreich, hinter Blutkristallen!

Sein Münster wölbt sich über Gottes liebe Sterne:
Selbst Vögel nisten traut in seinen Kathedralen,
Denn was da liebt und leidet, hat er innig gerne.

Er scheint mir fast die liebe Frau auf Glas zu malen.
Warum? Ich weiß es nicht! Auf einem stillen Anger
Erscheint mir seine Jungfrau hinter Gnadenstrahlen.

Sie ist für mich der ganzen Welterlösung schwanger,
Schon fangen Frühlingsblüten an, um sie zu lachen,
Doch wird ihr Antlitz immer traumhafter und banger.

Besonders blaß erscheint sie durch das Lenzerwachen:
Sie ahnt vielleicht bereits in ihrem Muttertraume
Den eignen Sohn im Kampf mit einem grauen Drachen.

Da zwitschern aber alle Vögel laut im Zaume
Und wollen so die Angstgedanken wohl verscheuchen,
Doch seht, auch Engel blasen schon im Wolkenflaume.

Das singt aus voller Brust und aufgeblähten Bäuchen,
Das braust, daß es die Jungfrau rasch im Hag erwecke,
Denn Frühlingsstürme werden bald das Land durchkeuchen!

Doch hegt der Heilige besonders eine Hecke,
Wo Blüten bunt aus blassem Glase bluten,
Und predigt Vögeln dann in einer grünen Ecke.

Das alles ist ein Hoheslied der Erdengluten,
Ein Heilsversprechen jeder kleinen Vogelstimme,
Ein wunderbares Dichtertum und Grundvermuten!

Das singt von Höhen, die der Mensch erklimme,
Von einer Liebe, die das Sternenall umarme
Und die in Werken sich ihr Weltgesetz bestimme!

Nun schnitzt der Heilige, in seinem tiefen Harme,
In einer Sprache, die wie Holz so gern erblühte,
Auf einmal Jesum, daß er unser sich erbarme!

Die Sprache, die beim Trab von Virgils Vers erglühte,
Die wie ein Roß die Recken stolz ins Treffen führte,
Wird plötzlich so, als ob sie sanft zu sein sich mühte.

Ja, sie erweichte, als Franziskus sie berührte!
Nun tönt sie hold und gibt des Heiles Stimme wieder:
Dir ists, als ob sie lusthaft seine Hand verspürte.

So bleibt der Heilige bei seinem Werke bieder,
Er hat nur seinen Gott in frisches Holz geschnitten,
Doch keiner blickte je so treu vom Kreuze nieder.

Das ist ein Christus, der für alle ausgelitten.
Umgraut vom Dunkel einer alten Tempelecke,
Erfährt er wohl bereits das Gut, das Er erstritten.

Jetzt hascht ein roter Strahl empor zur kalten Decke,
Vielleicht ein Widerschein der Glut, die Gott entzündet,
Doch ists, als ob die Hölle sich nach oben recke!

Die Sünder schlängeln sich zum Heil, das Er verkündet,
Doch wieder nein, das rote Licht, das da erzittert,
Ist ruhig wie ein Herz, das sich mit Gott verbindet.

Wer weiß, was dieses Lämpchens Einfalt alles wittert?
Wie dem auch sei, das Werk, mit dem er uns bedachte,
Ward bei der Arbeit nie durch Zweifelsangst verbittert.

Er säte stets und sah die Saat, die bald erwachte;
Sein Leib war Früh- und Abendglut, die nach dem Sturme
Schon häufig heitre Überraschungsstunden brachte.

Nicht Glocken, Schwalben rufen uns von seinem Turme.

 

        S chon siebt die Erdenglut durch Kathedralenranken:
Sie hat sich leicht in kühnem Schnörkelwerk verkrustet,
Das Lebensfieber sprengt die glatten Leibesschranken!

Erschaut die Glut, die in den Zinken weiterprustet,
Seht Notre-Dame, die sich trotz Teufelsspott erhoben,
Verweilt, wo nachts der Sturm durch finstre Bögen hustet!

Dort harrt ein Nonnenzug und scheint den Tod zu loben.
Er fleht vielleicht, er möge sie dem Tag entreißen,
Denn hier ist Licht nur bleich in Trauer eingewoben!

Doch höher oben seh ich Marmorengel gleißen,
Die scheinen schon im Himmel Hymnen anzustimmen,
Und drunter trachten Drachen Schmerzen zu verbeißen.

Doch wollen Freuden leicht die Leiden überklimmen,
So strebt und klettert drum das ganze Domgefüge
Vorbei an Wutgebilden, die in Stein ergrimmen.

Dort ringeln sich und wandeln lauter Schneckenzüge,
Wie Schicksalstreppen und versternte Schreckgewinde,
Erhaben hochwärts über Spuk und Teufelslüge.

Hier ist es bald, als ob der Stein die Form empfinde
Und sich im Turm zum Himmelssturme selbst ermannte,
Uns wird, als ob ein Dom die Welt in sich verbinde.

O Bau, jetzt kommt der Geist, den dir Italien sandte!
Er wandelte und blickte lange in Ruinen:
Er liebt und er begreift dich schon, man nennt ihn Dante.

Das Frankentum erfaßt er in Terzinen,
Er ist ein Massenfolterer und Dichter,
Und tief umschielen ihn verblüffte Mienen.

Dir deucht, als ob im eignen Höllentrichter
Er Wurfspiralen, Schatten, rhythmisch bändigte,
Denn seht, im Wirbel glotzen Schreckgesichter!

Mir wirds, als ob sie Gott in sein Belieben händigte:
Er wird ein Geisterrichter und ein Seelenkomponist:
Heil Dante dir, der solche Fahrt beendigte!

Du bist ein Weiser, aber dennoch schon ein Christ,
Ein Welscher, der die Massen liebt und heimlich lauert,
Ob einer das Verstellen kurz vor ihm vergißt.

Doch Gnade jedem, der, ertappt, vor ihm zusammenschauert!
Denn kalt ist er und jetzt sogar ein Menschenhasser:
Er sieht, versteht kein Laster, das sich dumpf verkauert.

Wie lugt die Faulheit doch, verdummt aus grauem Wasser.
Wo Lebensmilde nie durch dicke Deiche bricht,
Da steckt im Eigendreck der Geizhals wie der Prasser.

Dem Dichter winkt gar oft ein schreckliches Gesicht,
Das ist dann meistens wer, den er im Leben kannte,
Und häufig lauscht er hin, was so ein Schatten spricht.

Doch da er jeden Zufall aus der Welt verbannte,
So fühlt er eine urgerechte Welt im Ich,
Und deshalb rührt auch selten nur ein Schicksal Dante!

Durch innre Zwiste führt der Genius einen Strich:
Da tritt, mit blutgem Haupt, die Tragik erst zutage
Und grinst das Wesen an, das sich mit Gott verglich.

Dann ists, als ob ein Höllenlachen aufwärts rage,
Als ob die Grausamkeit sich jäh mit Fleisch bekleide,
Und selbst die Starre falsches Lächeln noch vertrage.

Mich wirrts, als ob ein toter Blick am Leid sich weide:
Stets heller, hohler, höher hallt das Höllenlachen,
Verruchtheit grinst und girrt, verkrallt im Lasterrachen.

Das sind die Zangen der Materie: Sünden, Seuchen,
Auch Unzuchtzähne, Fieberlinge, Ursturzmächte,
Gewissensbisse, die uns hin und wider scheuchen.

Des Schleudergeistes Ohnmacht im Geschlechtsgefechte
Verkrampft, was in uns heult, zum eignen Steinsymbol,
Zur Höllenplastik ewig starrer Seelenmächte!

Verdammtes kreist da, ohne Achse, ohne Pol.
Die Selbstmörder sind ewig in den letzten Zügen.
Der Urblick zwinkert braun vertieft und lichtlos hohl.

Da muß die Wut sich in das Welterbeben fügen,
Und das will rastlos, unerlösbar seinen Tod.
Du kannst den Höllengrund zerreißen, nicht durchpflügen!

Es gibt wohl keine Rettung mehr im Sünderkot.
Und dringt darum auch Wut und Spott aus dem Morast,
So stößt den Schreier Dante heftig weg vom Boot.

Vielleicht hat er bereits das Paradies erfaßt?
Jetzt dringt sein Geist wohl ahnungsvoll in Christi Nähe,
Doch nichts als Dites Stadt entflammt ihm seine Hast.

Ihm ists, als ob sie ganz aus Wut und Glast entstehe,
Schon sieht er Türme, Trümmer schaurig funkeln,
Wer weiß, ob nicht ein Schmerz die Festungsstümpfe blähe!

Seht, Nackenmauern, dick bespickt mit Giftfurunkeln,
Umschwirren Seufzerschwärme, die den Schlaf verloren,
Und Weh entströmt aus Türen, die in uns verdunkeln!

O, das sind Schlünde, Münder, Feuerflammenohren,
Gehirne, Bäuche, die sich nimmersatt verzehren:
Gebisse, Spuk wie Speichel, vor den Höllentoren.

Da brennen Gluten, ohne etwas zu bekehren,
Sie säubern nichts und sind doch grauenvoll und mächtig,
Und nirgends wird sich ihrer je ein Mensch erwehren!

Ach, ewig bleibt die Erde an Verdammten trächtig:
Und dennoch, – was dort schleicht, – das sei mit Recht verachtet,
Ja, Nachsicht ist der Höllenabkunft tief verdächtig!

Was sich verstellt und einwärtsschielend klug betrachtet,
Bleibt immerdar der Qual im Höllenschlund verfallen,
In dem das Fleisch, wenn schuldlos selbst, doch nötig schmachtet,

Da bloß als Gegensatz die Seelen heimwärts wallen!

 

        E ntreißt der Geist von Dante sich aus Höllenkrallen?
Belebt, vermengt er noch dazu den Rassenschleim?
Durch ihn wird manches fremde Lied in Rom erschallen!

Horcht, jetzt entwindet sich sein Wunsch aus Satansheim,
Mit Himmelsrhythmen sprengt er jede Geistesfessel
Und spielt nur mehr mit Bildlichkeiten und dem Reim.

Denn peitscht sein Feuergeist auch im Verderbenskessel
Die Seelen noch, im starren Kreislauf, auf und nieder,
Vertauscht er doch schon Höllenthron und Richtersessel.

Er gibt der Christenheit ihr Rechtsbewußtsein wieder,
Er zeigt den Menschen als ein armes Erdensein
Und nennt den Leib ein urverfluchtes Leidensmieder.

So gilts aus diesem sich im Geiste zu befrein,
Ist in den Körper doch die Seele bloß gebettet,
Und in der Dichtung faßt sie schon den Freiheitschein!

Wo Dante Büßer durch ihr Seufzen kühn verkettet,
Da hat er rasch den Bann des Einzelseins gebrochen
Und Seelen, als des Wortes Widerhall, gerettet.

Des Handelns Einklang hat der Dichter ausgesprochen:
Wir hören ihn und übergeben ihn den andern,
Und deshalb kommen Büßer vielfach angekrochen.

Verbunden müssen sie dem Heil entgegen wandern,
Doch wieder einzeln und entlöst der Glut entschweben,
Denn Seelen werden abermals zu Salamandern!

Einst wirst du stark wie irgendwelches Urerbeben,
Das stets an Rachefelsen, freudenkündend, rüttelt,
Und schreist den Freiheitsschrei, den alle jetzt erstreben!

Denn einst genesen wir vom Fieber, das uns schüttelt,
Ist der Erlösungsruck von Dantes Büßerseelen
Doch ein Gebet, das zwischen Gott und uns vermittelt!

Das Christentum vermochte sein Genie zu schwelen:
Er wurde zum Symbol, das Jesu Kraft erkannte,
Und konnte, aus Vernunft fast, seine Lehren wählen.

O du Verbannter, unerfaßbar herber Dante,
So sage, was bestimmte dich, fürs Heil zu werben?
Ich glaube und mag glauben, daß dich Liebe sandte.

Du suchtest frische Dornen unter Tempelscherben
Und konntest Worte Platos und von andern Weisen
Damit in unsere Gesetzestafeln kerben.

Du sahst, wie lang der Geist auf Christum hingewiesen,
Und wie ihn ein verstecktes Volk hervorgebracht,
Und hast dafür die große Vorsehung gepriesen!

Selbst Aristoteles ist jung in dir erwacht,
Den Himmel bautest du nach Maßen alter Heiden,
Ward Ptolemäus doch der Schwerpunkt neuer Macht.

O Dante, nun verstand dein Geist nicht bloß das Leiden!
Ein Christ schon, fühltest du den Überschwang der Gnade,
Aus deren Wesen sich die Lebenswege scheiden.

Damit sich jede Tiefenglut zu Gott entlade,
Ward uns die Freude am Verschiedenen gegeben,
Und schließlich wandeln wir auf unserm Lieblingspfade!

In allen Völkern sollte sich das Heil beleben,
Und Dante war der Kirche ein beherzter Streiter,
Doch konnte sich sein Geist hoch über Rom erheben!

Seht, alle Völkerengel schweben auf der Himmelsleiter
Empor zum Licht und sind wie Kühnheit, Adel, Treue,
Erhabene und helle Himmelswegbeschreiter.

O, daß nur keiner seines Fühlens Echtheit scheue,
Verschiedne Menschen, alle Völker sind willkommen,
Daß jeder nur in sich die Gottheit freue!

Alltäglich wird das Paradies von uns erklommen:
Durch Christi Licht ist manche Albgewalt zerstoben,
Und um das Gnaden-Ja ein Engelskranz erglommen.

Der Chor im Himmel will das Wohl der Wesen loben,
Und statt der sieben stummen Regenbogenfarben,
Die Ewigkeit bedeuten, wenn Gewitter toben,

Erscheinen Engel, die sich Tatenglanz erwarben,
Um Gottes Ewigkeit im Tagewerk zu künden:
Durch alle Seelen strahlen ihre Flammengarben.

Sie suchen sich zugleich im Fühlen zu verbünden
Und durch den Herzschlag Ewiges zu unterbrechen,
Um rhythmisch in Emporkreisung hinaufzumünden.

Oft wollen wir zu Gott mit goldnen Glocken sprechen,
Und da entsprüht der Seele englische Musik:
Wir loben herztief Gott in freien Feuerbächen.

Die Zeit durch mich, die einstens urharmonisch schwieg,
Bevor dein Raum sich eigentlich hineinergossen,
Erwirbelt sich bewußt als Rhythmenmosaik.

Die Klangrubine, die ganz klar in uns ersprossen,
Beruhn beinah auf unserm tiefsten Daseinshalt,
Da sie der Zeit, doch ohne Raumgericht, entflossen!

Du volle Allgewalt, die durch die Seelen schallt,
Du sollst als Wort den Eindruck meines Ichs erhärten:
O, mache mich zu einer klaren Lichtgestalt!

Ihr Fieberblüten, letzter Wünsche Wollustgärten,
Laßt meinen Seelenhüter hehr in euch enttauchen,
Kommt, Cherubim mit urgezückten Flammengerten!

Aus Zauberbeeten mag die Himmelssehnsucht hauchen:
Sie wandle bodenlos und stumm durch meine Seele,
Ein Gold soll, um ihr rotes Michumwehen, rauchen!

Seht, nun entstehen Engel ohne deine Fehle,
Jetzt blendet mich ihre ergrellte Helmenhelle,
Doch klärt sichs schon, als ob ein Hauch sich drüber schwele.

Nun wogt ein grüner Frauenchor zur Gnadenquelle.
Ein ernster Stolz bewegt ihr weises Erdgehaben,
Doch sind sie bloß der Lenz der blauen Traumeswelle.

Nun braust auch diese schon, berauscht durch Schöpfergaben,
Die sie ins Mich verbürgt, gewaltsam durch das Fühlen,
Und spricht vom Greisenernst und Jubeln muntrer Knaben.

Wahrhaftig, Kinder singen hold auf Wolkenpfühlen.
Wie mild erweichen mich die Schwingen dieser Geister,
Die das Gemüt erwärmen und mein Fieber kühlen.

Ein Saumschwall innrer, regenbogenglanzumkreister
Verträumer mystischer, wie nichtigster Gewalten
Erscheint uns jetzt, geführt von einem stillen Meister.

Unfaßbare, unendlich letzte Geistgewalten
Beginnen, wie aus Schlünden, rein hervorzuklingen,
Um demutsvoll um Unsre Liebe Frau zu walten.

Fast unsichtbar sind ihre lila Cherubschwingen,
Und nun vermag ihr Chor die liebe Himmelsweise
Durch Erdenrhythmen unverletzbar zu verschlingen.

Hoch thront die Mutter Gottes hehr im Engelskreise,
Den unser Dasein in die Ewigkeit erhoben,
Und übertönt der Sterne einfache Geleise.

Der Mutter Wesen ist aus Menschlichkeit gewoben:
Erbleichend darf bloß Sirius ihre Pracht begrüßen,
Und unser Hoffen ihre Muttersorgen loben.

Des Mondes Todessichel starrt zu ihren Füßen,
Der Sterne zwölf, durch ihre Bahnen urverbunden,
Erscheinen bloß, um in ihr Wesen einzufließen:

Und andre trachten, sich zum Krönungsreif zu runden,
So geht im Mutterschoße kein Versuch verloren,
Selbst Sternensehnsucht kann, als Tat, der Mensch bekunden!

Ganz makellos erstrahlt, wer unser Heil geboren!
Dir wirds, als ob das Weib von keiner Sünde wüßte,
Jungfräulichkeit hat sich zur Schöpfungsglut erkoren!

So schwellt des Weibes Minne ihre hellen Brüste,
Doch ihre Milch sind Sternennebel, die vergrauen,
In ihrem Blick geht jeder Sonnentag zur Rüste.

Die Welten scheint ein Fünkchen Güte aufzubauen!
Und nichts als Gnade strahlt aus ihren stillen Augen:
Die Eine Weltidee spannt ihre Flügelbrauen.

Der Mutter Wangen können alle Tränen saugen.
Was zählt ein bloßer Mond in solchem Perlenbilde?
Ihr Nacken mag zum höchsten Königsleiden taugen!

Wie Arme Hände werden, wird die Macht zur Milde,
Die Würde kann sich unter ihrem Halse stauen,
Der Adel birgt sich hinter ihrem Schulternschilde.

Aus dem Profile ragt das hohe Gottvertrauen:
Wohl scheint ihr Haupt, gekrönt von holden, goldnen Flechten,
Die Möglichkeiten der Kometen zu erschauen.

Dir wirds, als ob die Auen ihr ein Opfer brächten,
Ein Duft und Liebeshauche sich zusammenrafften
Und sanft die Schöpferin mit ihrem Kleid bedächten.

Mag doch der Duft an allem, was ihm hold ist, haften,
Um so ein menschliches Gedenken zu erwecken,
Denn Hauche kommen, die der Jungfrau Anmut schafften!

O seht, wie Düfte sie gar einfältig bedecken,
Wie plötzlich lauter Hauche sich zu Bauschen schwellen
Und so den keuschen Leib vor unserm Blick verstecken.

Daß ewig Düfte sich um ihre Glieder wellen,
Verbürgt des Erdenfrühjahrs junges Waldverwandeln,
Denn Lenz muß sich zu Lenz in stiller Reih gesellen!

Ich seh ein Hemd, gewoben aus dem Hauch der Mandeln,
Als Duft und Pracht, der Jungfrau um den Leib sich legen:
Natur, wie zart willst du dein Menschenwerk behandeln!

Die Sonne scheint für dich, Marie, den Strauch zu hegen,
Dem Rosenströme, Purpurfluten hold entrauschen,
Für dich der Strahl in Kelchen Liebe anzuregen.

Denn Königin, du zeigst dich nun in Purpurbauschen:
Du wirst zum Sinnbild aller thronenden Gestalten,
Doch um die Schultern scheinst du Düfte zu vertauschen.

Denn Veilchenhauch legt dort sich auf die Mantelfalten,
Willst du die Demut leicht auf deinem Wesen spüren,
Um in der Welt in milder Huld zu walten!

Wer tritt nun schaudernd durch die goldnen Himmelstüren,
O Jungfrau, schaut dich Dante jetzt in deiner Größe?
Er wagt es nicht, den Saum von dir nur zu berühren!

Doch ists, als ob er Leben in Gebilde flöße,
Die seinem Innern rein wie ein Gebet entsteigen:
Verträgt doch seine Urvollendung keine Blöße!

Er scheint mir selbst ein Baum mit reichen Blütenzweigen,
Ein hoher Stamm, an dessen Wurzeln Menschen nagen
Und dessen Äste Liebeshauche weiter neigen.

Er lauscht, wie andre gegenseitig sich verklagen.
Noch wollen seine Wurzelfühler Leid verspüren,
Um alles Menschliche durch sein Gefühl zu tragen.

Genie, wer trachtet nicht dein Wesen einzuschnüren?
Du darfst, du kannst an Altersschwäche nimmer sterben,
Und deshalb muß der Mensch dein Feuer furchtbar schüren.

Bald wird die Wurzeln dir der Nageneid verderben,
Denn jeder fühlt sich durch dein Riesensein beraubt
Und tut dir weh, um dich dann rascher zu beerben.

Doch Dantes Lebensbaum hat sich stets mehr belaubt:
Da seine Seele bloß das Paradies ersehnte,
So leuchtete es endlich in sein Dichterhaupt.

Ein Engelschor, den seine Seele wirklich wähnte
Und der sonst unerfaßt am Grund der Seelen weilte,
Verhauchte Blüten, die sein Baum ersterbend tränte,

Und vieles, was der Mond zerrüttet hatte, heilte!

 

                    R om, du Stadt des Heiles und der großen Wunder,
Du Licht des Glaubens, das die Christenheit durchleuchtet,
Wir alle fühlen uns durch deinen Trost gesunder!

Ihr Aussatzkranken, die ihr euer eignes Weib verscheuchtet,
Gesteht, vermochte Rom nicht euer Leid zu bessern?
Ihr sagtet nein, da ihr verwirrt vorüberkeuchtet!

Kein Papst vermag es, Eiterwunden zu bewässern,
Den Kranken allen, die ein grauses Übel peinigt,
Hilft kein Gebet, noch sonst ein Arzt mit Trank und Messern.

Von Sünden aber wird der Mensch in Rom gereinigt:
Der Vatikan vergibt die Schuld der Erzbefleckten,
Denn Heiden haben Heilige zu diesem Zweck gesteinigt!

» /nDort, wo die Märtyrer das Gnadenwerk vollstreckten,
Da wird uns Elenden der reichste Trost gespendet!«
Denkt mancher Pilger, dessen Mut Legenden weckten.

Wie mancher sich, von Rom aus, wieder heimgewendet,
Erblickte er, mit voller Lust, im Lenz den Flecken,
Der seinen Tagesmarsch, als nahes Ziel, beendet.

In junger Pracht erwachten schon Toskanas Hecken,
Gar schöne Mädchen kamen ihm des Wegs entgegen,
Und keine schien vor fremden Pilgern zu erschrecken.

Auf allen Wegen sahen sie sich Leben regen,
Oft Söldner vor den Schänken leicht ihr Geld verspielen,
Ein Fräulein gar am Fenster ihre Flechten pflegen,

Verschiedne Wirte nach den Pilgersäckeln schielen,
Oft stumme, dunkle Mädchen, unter niedern Türen
Erröten, wenn sie schmucken Jünglingen gefielen.

Dann kam ein Wirt, die Pilger in sein Haus zu führen,
Und da sie lahm und müde vor den Schänken harrten,
Wars wohl das erste dort, die Schuhe zu entschnüren

Dann wollten sie behaglich auf die Mahlzeit warten,
Zu Haus jedoch, gewahrte einer, voll Vergnügen,
Drei Mädchen wunderbar in einem Nelkengarten.

Es waren Schwestern mit denselben schönen Zügen,
Die sich soeben um den gleichen Freier stritten,
Mit einem andern wollte keine sich begnügen.

Sie riefen alle drei: »Ich hätt es nie gelitten,
Daß dieser Fant mit einer andern sich vermähle,
Und käm dafür ein Prinz für mich herangeritten!«

Ihr goldnes Haar durchblitzen Prachtjuwele,
Und jede konnte, selbst im Streit, den Anstand wahren,
Vielleicht, damit, als Klügste, sie der Freier wähle!

Sie wollten jetzt schon viele Reize offenbaren,
Die Streitbarste trug in den Flechten grüne Spangen,
Die fast wie Schlangenwunder durch den Goldwust waren.

Die zweite schien bei jeder Kopfwendung zu bangen:
Sie hatte Perlen still um ihren Hals gewunden,
Und leichtes Fieber schlug ihr öfters in die Wangen.

Der Jüngsten Art und Scherze schienen zu bekunden,
Daß sie der Brautschaft sich am allernächsten wähnte,
Auch schien, dem Lächeln nach, der Zank ihr fast zu munden.

Wie sie das Köpfchen sanft an ein Geländer lehnte,
Umschwirrtens flinke Schmetterlinge, die der Nelke
Fast glichen, die von ihrer Brust sich aufwärts sehnte,

Denn keine Blume will, daß sie verblätternd welke!
So schienen Herz und Nelken etwas zu erwarten,
Und endlich knarrten auch der Laube Kreuzgebälke.

Der langersehnte Jüngling war nunmehr im Garten,
Und für die Jüngste hat er gleich ein Beet geplündert,
Doch setzten sich darauf gleich Falter aller Arten.

Kein Zweifel hat den Fant, bei seiner Wahl, behindert.
Er ging zur Jüngsten hin, die ihn so bang ersehnte.
Die andern schwiegen. Ward dadurch ihr Schmerz gelindert?

Rasch reichten sie der Braut, die nun am Bräutgam lehnte,
nSchnellabgerißne, schmetterlingsumhuschte Blüten
Und gingen dann von dannen, da ihr Auge tränte.

Als dies der Fremdling sah, so mußte er darüber brüten,
Doch ward er weg vom Traum zum Abendmahl geladen,
Das, wohl aus Müdigkeit, die Pilger stark verfrühten.

Dort hörte er, statt holder Freierserenaden,
Den Sang von Pilgern, die soeben romwärts zogen,
Und auch er selbst empfahl sich da Marias Gnaden:

Wie Abendvögel kamen Männerstimmen angeflogen,
Und endlich konnte er des Liedes Worte auch verstehen;
Sie baten sanft die Jungfrau: »Sei uns Elenden gewogen!«

Sie sangen: »Schenk die Gnade uns, die wir von dir erflehen!
Sei freundlich, und durch Güte tilge unsre Sünden,
Dein Lächeln ist so mild und lind wie stilles Frühlingswehen.

O steig hinab zu unsers Herzens Glutenschlünden
Und kühle unsre Seelen, wie ein Lenzhauch unsre Brüste,
Und hilf uns gnadenvoll das Reich des Sohnes zu begründen!

Maria, geht ein heißer, langer Tag zur Rüste,
So mag, wer seine Heimat liebt, dich holde Mutter loben,
Dann ists, als ob der Himmel sich mit Funkelsternen brüste.

Die Sterne sind in deinen Mondlichtschleier eingewoben,
Der Gürtel deiner Reinheit ist der Milchstrom ferner Sterne,
Und unsre Seelen werden über ihm zu dir erhoben.

Gar tief erfaßt man dich in seines Wesens Glaubenskerne!
Wir danken dir, daß du uns Leid und Liebesahnung schenktest,
Doch hilf uns jetzt, denn wir verzweifeln oft, ob deiner Ferne.

Als du den ersten Liebesblick ins Weltendunkel senktest,
Da konnte gar kein Augenblick mehr zeitlos je verzittern,
Da du bereits in jedem Glück zur Weltverzückung drängtest.

Bald wandte sich der Sonnenball hervor aus Lustgewittern,
Und bis zu uns empor, die wir uns selbst durch dich erworben,
Vermochte keine Wut, kein Trotz die Urflut zu verbittern!

Ward dann ein Schöpfungstag auch durch des Bösen List verdorben,
So konnte doch dein Tränenmeer den Heiland uns gebären:
Du weinst, Marie, daß wir durch eigne Schuld gestorben!«

Wie konnte dieser Sang nun eines Pilgers Herz beschweren,
Denn dieser blieb zurück, aus Reue sich am Rain zu winden,
Er schluchzte laut, denn unermeßlich war sein Bußbegehren.

Ein andrer Pilger, der nach Haus zog, sollte so ihn finden.
Er neigte sich zu ihm herab und flüsterte ganz leise:
»So hör auf mich, du armer Mensch, laß alle Sorgen schwinden!

Schon winkt der Friede dir, nach einer solchen schweren Reise,
Du gehst bestimmt zum Himmel ein, der Papst wird dir vergeben!«
Der andre aber schrie: »Er rettet mich auf keine Weise!«

Er stöhnt: »Verteufelt war von Kindheit an mein ganzes Leben!«
Da sagt der andere darauf: »Der Papst ist voller Macht und Güte,
Noch scheint ein Jünglingsherz in seinem Innern zu erbeben!

Er ist kein Greis, ob er uns auch mit weißem Haupt behüte,
Denn als er mir verziehen hat, da schwanden mir die Sinne,
Da wars, als neigte sanft zu mir sich eine Frühlingsblüte.

Auch schiens, sie streife zart den Schnee herab, daß er zerrinne:
Da fühlt ich keinen alten Mann, ich ward so voll von Leben,
Ich wußte, sah nur, daß ich Trost für alle Zeit gewinne!«

»Umsonst ist meine Pilgerfahrt, ganz nutzlos mein Bestreben!«
Rief abermals der Wandersmann und wandte sich am Boden:
»Nie kann sich ein Gebet von mir bis hin zu Gott erheben!

Der Böse will aus meinem Ich sein Teil zusammenroden,
Ich fühle, wild verzweifelnd, mich bereits in seinen Krallen
Und zahl schon, vor Vertragsverfall, mit Satansepisoden.

Die Seele fleucht den Leib bereits, die Seele, die verfallen!
O sieh, wie sie die Glieder krümmt, um höllenwärts zu fegen,
Nun büß ich ewig, ewig lang für dieses Erdenwallen.

Ich war fürwahr ein herber Kerl, ein wüster, trüber Degen,
Nur blieb ichs wohl von Angeburt, ich mußte eben töten,
Doch eines Tages konnte sich in mir die Reue regen.

Wie glühte da das Hoffnungsrot empor aus Sternennöten:
Voll Einfachheit schien nun mein Sinn zu Gottes Werk zu stimmen,
Der nächste Morgen aber war ein höllisches Erröten!

So muß die Schönheit in der Welt den Bösen arg ergrimmen,
Ach, welchen Bruch vollbrachte er, als ich mein Glück verachtet:
Ich warf mich weg, dann durfte nichts als Haß in mir erglimmen!

Doch was ich tat, war stets gewußt! Mein Sinn war nie umnachtet,
Als Sünder war ich immer frei, mein Blick war niemals kühler:
Ich habe selbst mich schrecklich kalt aus starrem Trotz betrachtet.

Verdammt bin ich in Ewigkeit, ich armer Satansschüler,
Ich füge mich nicht mehr ins Reich, das Gott für uns geschaffen,
Schon fühle ich der Höllenhast verkrümmte Glutenfühler.

Der Abgrund, den ich selbst erschuf, wird nun unendlich klaffen,
Und Schatten werden mir, bei Nacht, von heut ab, stets erscheinen
Und, traurig singend oder stumm, durch dumpfes Dunkel gaffen!

Sie singen schon: Wir wollen uns im Mutterschoß vereinen,
Dich hätte bloß ein Fünkchen Glück in Gotteswelt gerettet,
Doch stießest du die Mutter fort, drum müssen wir nun weinen!

Wohl hätte jede Tat von uns mit Gott dich jung verkettet,
Das Böse schmiegt ans Gute sich, sonst gäb es keine Güte,
Doch hast du uns kein einzigmal im Herzen eingebettet.

Da jedes kleine Tun von uns um dich sich nutzlos mühte,
So sei, samt deinem Schlag, verdammt: noch wird der Fluch sich mehren,
Nun nisten wir als Schreck in deinem ruhlosen Gemüte.

Auch unser Abgang von der Welt kann Hader rings gebären:
Die Hölle ist entsetzlich tief und steigt, wenn Sünder sinken,
Ihr Haß ist furchtbar, kann sie doch die ganze Welt begehren!

Ja wirklich, sieh, ihr Tor versperrn sich rostgefeite Klinken,
Sie will mit ihrem Dunkelschlund rasch Schatten geil erschnappen,
Ich fühle mich ganz rettungslos, stets schneller, glutwärts hinken!«

Das rief der Pilger, und er riß sein Kleid dabei in Lappen,
Im Staube wälzte er sich bleich, als wär er schon ein Schatten,
Und stand dann auf und schwankte weg, um romwärts fortzutappen.

Ein andrer Zug, der heimwärts ging, schien langsam zu ermatten,
Da sang er denn ein geistlich Lied, voll Gottesfurcht und Würde,
Dann ging die Reise mit Gesang oft lieb und leicht vonstatten.

Das stimmte an: »Es trägt der Mensch fürwahr die schwerste Bürde,
Doch arg und bitter wär sie nur, wenn Gott uns nicht auf Erden
Den Eignen Sohn, als Trost und Glück, stets reicher schenken würde!

Dann greifet froh nach Gottes Gunst, verzagt nicht bei Beschwerden,
Das wäre wohl ein trüber Fant, der Gottes Hand verschmähte,
Der könnte sich, statt ehrfurchtsvoll, fürwahr nur dumm gebärden!«

Da plötzlich wars, als ob die Schar ein Wunderbild erspähte,
Was blitzte im Olivenhain? Dort glomm ein Perlenreifen:
Das alles war so silberfrisch, da Wind auf Wiesen wehte.

Auch schien bald eine Wurmgestalt wie durch den Wald zu greifen:
Dann wars der Trasimenersee! – Zu Füßen eines Weibes,
Denn kalte Hauche sah das Aug klar Marmorberge streifen.

Fürwahr, im Mondlicht regten sich die Reize eines Leibes,
Das war ein eignes Wunderding, das an die Götter mahnte,
Und schien entrückt, zu weit entrückt, vom Hauch des Erdgetreibes!

Das wartete, wie kühlbewußt auf Macht, die es schon ahnte:
Noch wars ein Wolkengötterbild, das in Italien reifte,
Und plötzlich schiens, als ob von ihm ein Streif sich seewärts bahnte.

Und als ein Windwehn auf der Flut wie auf und nieder schweifte,
Da schien der Dunst ein Arm zu sein, der Perlensträhne fischte,
Die wohl die Göttin, morgens bleich, von ihrem Leibe streifte.

So lag der Schmuck bei Tag im See, wo sich sein Glanz erfrischte,
Und kam verjüngter nur ans Licht, die Göttin hold zu schmücken,
Dann wars, als ob sein Perlenblau mit Silber sich vermischte.

Doch konnte da die Göttin wohl die Menschen leicht entzücken,
Und tauchte je das Strahlennetz dann auf, voll Lichtgezitter,
So tats der Wind; doch schiens ein Arm, beim Fischen, zu verrücken!

Zypressen wachten schwarz im Tal, man hielt sie leicht für Ritter,
Und Ölbaumreihen ruhten rings wie müde Bajaderen,
Und schliefen sie, durchglimmte stets ihr Dunstlaub Mondlichtflitter.

Doch schien ihr Wesen kaum der Schlaf bedeutsam zu beschweren.
Gar manche sprang frisch auf zum Tanz, wo andre sich umschlangen,
Und eine ausgestreckte schien schon Wollust zu begehren.

Das Mondlicht war das Flockenbett für mancherlei Verlangen:
Und tausend Lagen gaben sich, die Bäume wie die Schatten,
Nun sahn die Pilger, wie sie schon nach andern Posen rangen!

Die Heimfahrt ging den Wanderern nun rasch und gut vonstatten,
Ein Jüngling, der mit ihnen zog, erzählte dann im Norden:
»Italien wollte einen Blick mir in sein Herz gestatten!«

Er sprach: »Ich bin in jenem Land ein neuer Mann geworden!
Dort spielte, nackt und wunderbar, ein Jüngling auf der Leier,
Der Schwestern neun umrauschten ihn und lauschten den Akkorden.

Gar rhythmisch um den Leib gewellt, umwallten sie die Schleier:
Sie wogten sacht wie Fliederduft und ließen sich nicht haschen,
Auch war ihr Anblick leicht verwischt, wie nur ein Hauch im Weiher.

Dann konnt ich sie, beim Tanze, oft im Mondlicht überraschen:
Mit Feuerklängen schmücken sie die rauschenden Gewänder,
Und Wirbel schlingend streut ihr Schritt Geglüh aus Faltentaschen.

Mit Funkelpracht umgürten sie im Schwung die Schleierränder,
Dann ists, als ob die Klänge rings zu Gluten übersprühten
Und so ihr Erdenfeuer sich mit jedem Takt veränder!

Umhaucht ist jener ferne Hain von Oleanderblüten,
Olivenwälder dehnen sich noch weithin um die Lichtung,
Um ihr Geheimnis vorderhand noch eifrig zu behüten.

Den Wald jedoch durchdringt der Klang von jenes Jünglings Dichtung:
Stets zittern Silberblätter mit, als ob sie Wind bewegte,
Und jeder Ölbaum birgt bereits dort dieser Rhythmen Richtung.

Dort ists, als ob der nächste Tag sich langsam mondwärts regte:
Gespenstig schien mir jeder Baum, vor dem sein eigner Schatten,
Zu Mittag wie um Mitternacht, sich dünn zur Ruhe legte!«

Als eines Morgens, noch im Lenz, fromm auf Toskanas Matten,
Die Pilger ihrem Heimatland gar frei und munter nahten,
Da wollte mancher einer sich gar lange Rast gestatten.

Sie warfen ihre Stäbe weg und gruben mit dem Spaten
Im Wald nach einem Wurzelstrunk, der wulstig wär und knotig,
Und bei der Arbeit konnte dann ein Lied zumeist geraten.

Nicht immer war es kunstgerecht, nein schwulstig oft und zotig,
Noch trugs in sich das rohe Maß verknorrter Wurzelknoten
Und sprühte voll von Übermut aus seiner herben Gotik.

Es wußte nichts von Silbenzahl, von steifen Kunstgeboten,
Und gab sich selbst den neuen Guß, den Leib, der ihm behagte.
Der Druck blieb dann als Werk zurück. Die Flammen, die entlohten!

Ja, alle Schöpfung, die bestand, das heißt, dem Stein entragte,
Vermied allein den Untergang, denn Dasein ist das Leben,
Doch blieb sie nur dem Tode gleich, der, was sie schuf, verjagte.

Dann konnte sie, fast wie der Tod, sich plötzlich fremd erheben
Und fing sich gleich, ganz Leiblichkeit, voll Wollust an zu regen,
Denn jedes will die reifste Form des Einzelseins erstreben.

Es ist ein Sein, auf sich gestellt, fast leidlos und verwegen,
Auf sich allein besteht die Lust, und das bewirkt das Leben!
Der Tod kommt, weil wir ungewußt den Weg uns selbst verlegen.

Die Erde trächtigt allerorts berauschendes Erbeben
Und hält sichs auch millionenhaft durch brunstgeschaffne Rudel,
Als Has entspringt der Lenz dem Busch, als Schwalbe fortzuschweben!

Ein Feigenbaum erscheint beinah ein grüner Wollustsprudel,
In dem die Erde Freude spürt, da sie ihn doch belebte!
Damit das Jüngste munter sei, herzt nun ein Kind ein Pudel.

Mir ists, als ob das Blütenglück am Zaun als Bohne klebte,
Als ob ein lustges Frühlingslied, gar quellenfrisch gesungen,
Sich plötzlich mit dem ganzen Rausch recht inniglich verwebte.

Der eine sang: »Welch forscher Bursch kam just vom Busch dahergesprungen?
Der Lenz, das Kind der Winterswut,
Ist er bestimmt und bläst aus vollen Lungen.

Er ist ein starkes, junges Blut
Und freut sich mit den Lerchen,
In Nestern weckt er schon die Brut

Und klappert mit den Störchen!«
Ein andrer hat sein Lied verfaßt
Und singt sichs schaurig wie ein Märchen:

»Der Engel deines Hasses reißt mit Hast
Mir alte Wunden auf am Marterpfahl,
Ich seh dich nicht und finde dennoch keine Rast.

Du träumst mit Lust von meiner Höllenqual,
Doch zieh ich weiter durch den Wald, in wonniglichen Lüften,
Und freu mich stets am grünen Saal mit seinem gelben Lichtportal!«

Jetzt steht ein Zug geblendet still, umschwirrt von Honigdüften,
Und da vermögen kaum die Pilger sich der Sinne zu bedienen,
Fast ists, als stünde ihr Verstand vor lichtdurchsprühten Sonnenklüften.

Sind doch die Dinge rings um sie mit einem Irisring erschienen,
Und endlich glaubte mancher doch, er höre ringsumher ein Summen,
Und wehrte sich mit seinem Arm, als wärs ein Schwarm von Bienen.

Und in den Lüften klar und warm schwoll immermehr das dumpfe Brummen.
Doch drang durch keinen Zitterzweig die Spur von einer Leibgestaltung:
Im Goldrausch wollte nichts entstehn, noch das Gemurre rings verstummen.

Doch plötzlich sahn sie einen Keil, wie eine rote Lichtzerspaltung,
Durchs Flimmergrün, mit festem Schritt, dem Pilgerzug entgegentreten,
Das war dann mancher Wandersmann, der romwärts ging mit edler Haltung.

So zog wohl oft ein Kriegerherz, dort romwärts für sein Heil zu beten.
Denn mancher Knappe war dabei, und wirklich sang ein Troß von Rittern:
»O Herr, wir ziehen von den Dingen weg, die unser Herz verdrehten.«

Dann ging es fort: »Wir taten viel, um deine Freude zu verbittern,
Doch sehn wir auf dem Golgatha von Lanzenknechten dich umgeben,
Und ihr und unser Speer muß gleich vor deiner Huld zersplittern!

Vergießt du auch dein Herzeblut, kann sich in dir kein Zorn beleben:
Die Seele bleibt ganz makellos, ob auch die blutgen Eiterflecken
Den Leichnam dort am Marterkreuz als schwarze Krusten dick umkleben.

So konnte sich der Geist dafür entscheidend aus dem Körper recken,
Und blau wird jetzt der Himmelsbau, zu dem die Wünsche sacht ersprießen,
Wo noch mit weißen Wolken dich die Sünden schwer bedecken!

Dann aber kannst du, durch den Mond, des Nachts dein Sternenhaus erschließen.
Und jeder, der sich Christum minnt, schaut solche Prachtgestaltung
Und fühlt in sich von überall die große Liebe minnig fließen.

Dann sehn wir, hoch im Sternendom, die ewge Heilsentfaltung:
In uns ersteht ein Gnadental voll stillem Himmelsschimmer,
Und alles das verschenkst du uns für kurze Fleischenthaltung!«

Vorüber ging der Ritterzug, und bald verschwand er im Geflimmer:
Da sang die Schar, die heimwärts zog, ein geistlich Lied mit vollen Stimmen
Und hörte in den Pausen noch den andern Chor wie ein Gewimmer.

Sie sang: »O Mutter, hör auf uns, du kannst alleine nicht ergrimmen!
Die Ritter mögen Christi Reich mit List und Lanzen kühn bewahren,
Doch du bleibst Königin des Heils: die Heiligen sind Immen.

Drum halte treu und sündenrein die Seele deiner Pilgerscharen,
Die Schleier, die du wonnig trägst, sind Nebel leichten Iristaues,
Und rotes Strahlengold durchglüht den goldnen Schwall von deinen Haaren.

Als Mittagskleid umwallen dich die Hüllen unsers Himmelsbaues,
Am Abend aber streifst du's ab, in Gold und Purpur dich zu zeigen,
Und fällt dein Kleid ins Meer, so strahlts wie das Geglitzer eines Pfaues.

Im Rosenhemde magst du früh dem Sternenkleide sacht entsteigen,
O Jungfrau, Jungfrau, hör auf uns: Maria, Jungfrau, bleib uns gnädig,
Und wandre hehr durchs Himmelreich, wenn Stürme Völker niederneigen.

Die Schönheit, die dein Sein umstrahlt, was dich enthüllt, ist sonnenfädig
Und knüpft sich jung und neu aus uns, hervor aus unserm Lichtersehnen,
Verzeih uns, Jungfrau, doch es macht Erkenntnis deiner Huld ruhmredig!

Nicht wir sinds, die dir Schönheit leihn, nein, wenn die Menschen Schönheit wähnen,
So wird von dir und deinem Sohn uns seine Ahnung bloß beschieden,
Denn auf den Strömen deines Heils kann jeder sich durchs Weltall dehnen!«

So war, was man beim Pilgern sang, stets wahr und dennoch sehr verschieden,
Ein Kreuzzug, eine Romfahrt gab den Seelen herrliche Belehrung:
Wer hinzog, war von Angst gepeitscht, wer heimging barg den Frieden.

Verschiedentlich wie die Natur, blieb drum der Seelen Lichterhebung.
Doch die Bewegung ging durch Rom. Dort konnte jeder sich bekennen.
Denn da erst faßte man zumeist des Eigenwesens Selbstbestrebung.

Die kleinste Regung gab das Heil. Es sollte überall erbrennen.
Stets konnten Offenheit und Scham den lieben Herrgott gleich erfreuen.
Oft wars, als wollte sich von uns der beste Teil der Seele trennen.

Die meisten mochten ihre Fehl, des Lebens Sünden tief bereuen,
Und kreuzten Pilger sich am Weg, so zog sie's meist in andrer Richtung,
Daß keine je die zweite wog, um jede Wirkung zu zerstreuen!

Ja wahrlich, Rom barg in der Welt, in sich, die größte Wunschverdichtung:
Die Massen wälzten sich herbei, sich ihres Dünkels zu entkleiden,
Und Völker gingen draus hervor, denn rasch ergab sich ihre Sichtung.

Veredelten die Christenwelt doch Glaubenszwang und Alltagsleiden:
Ob jetzt ein Kaiser oder Papst auch grausam ihre Macht gewannen,
So waren doch die Folgen gut, sie konnten Glück von Größe scheiden!

Die Zukunft sehnte sich zum Volk, wie Lust und Bildung zu Tyrannen:
Die Kirche herrschte durch den Geist, schon mehr mit Kraft als wahrem Glauben,
Und trotzte kühn dem Schwabenschwert, des Kaisers kriegserfahrnen Mannen.

Wer Kraft bekam, der wollte bald die Macht der andern rauben:
Der Einfalt blieb der Alltag hold und ließ sich selbst zum Heil belügen,
Die wuchs in grader Ehrlichkeit und ließ die Wildheit dann verschnauben.

Es können Schwert und Fegeglut zur Staatenführung kaum genügen,
Man braucht auch Herrschergier und Not, um Menschen menschlich zu vereinen,
Denn bloß wer hart ein Recht erzwingt, vermag dann Reiche fest zu fügen.

O Rom, wie konntest du den Rausch, der dich umschwoll, in Formen gießen?
Hier weitete des Nordens Bau sich abermals zur Heidenhalle:
Bald tauchten wieder Tempel auf, wie Jovis Priester sie verließen!

Da schiens, als ob des Franken Geist zur Pilgerfahrt nach Süden walle,
Und plötzlich wie Orvietos Dom und wie Spoletos Kathedrale
Zu deinen Füßen, altes Rom, bezwungen auf die Kniee falle!

Das Römertum entreißt sich nie der Erdenwucht mit einem Male,
Gar erdenfreudig strebte hier die stolze Gotik gleich ins Weite
Und wandelte, aus Wonnedrang, den ersten Dom zum hellen Saale.

Doch wars, als ob die Erde selbst die Würde solcher Kunst bestreite,
Die Edelform entstieg dem Grab, denn als man rings nach Tempeln scharrte,
Bedeuchte es, daß Überschwang zum Einfachen von selber leite.

Du siehst, wie Brunellescos Trotz zur Wucht der Rustika erstarrte,
Und wie nach Mystik und nach Furcht, nach langem Himmelreichbegehren,
Der Mensch vernünftig nun sein Tun zu kluger Wirklichkeit erharrte,

So fügten Wichte Stein auf Stein gar bald nach heitern Lebenslehren.

 

        I m Norden aber scheinen sich Gerippe gegen Fleisch zu wehren!
Der Geist, der sich von Roms Bestimmtheit weg und weiter kritisierte,
Vermochte plötzlich eine Form nach eigner Artung zu gebären.

Die schale Leiblichkeit, die bald zur Lasterfratze halb vertierte,
Ward selbst als Sinnbild eitler Lust im Kirchenschnörkelwerk vermieden,
Drum sah man auf den Domen kaum ein Spukbild mehr, das niederstierte.

Man sah, berechnete Verquickungen von seltnen Unterschieden
Und spitzte alles Wissen zu, um himmelwärts hinanzuklettern,
Und steifte sich beim Türmen stets auf Krönungspyramiden.

Gar manches Münster trotzte so, fast erdentrückt, den Himmelswettern
Und ward dadurch ein Ebenbild geklärter, geistiger Empfindung,
Gereifter Reinheit, ders gelang, die Teufelsmächte zu zerschmettern.

Die Säule, keine Stütze mehr, erkannte sich als Rundverbindung:
Im Dome konnten schwindelhoch Gedanken Halt im Stein besitzen,
Denn bloß aus tiefstem Innermaß entströmte jede Pfeilerwindung.

Mit Schillerspielen sollte Licht die Kircheneinsamkeit durchblitzen,
Belehrend drang es in den Dom, erzählte stets von Gottes Wollen
Und drängte, kreuzte sich versprengt durch die verglasten Mauerritzen.

Auch schien ein dunkler Schwermutshauch die Marmorbilder zu umgrollen,
Die Köpfe waren leidverzerrt, fast leibentrückt in ihrer Größe,
Und Mäntel siehst du oft vom überlangen Halse niederrollen.

Gewänder, schlaff und faltenreich, verbauschten keusch die kleinste Blöße,
Der Heiland aber jener Zeit blieb stumm in seinen Marterqualen,
Und oft verbleichte nur sein Leib, zerfleischt durch rohe Lanzenstöße.

Doch ward er blutentleert zu schwer, so fing die Seele an zu strahlen,
Und waren seine Glieder bald verblichen, wesenslos, gebrochen,
Durchgeistigte der Heilandsgeist ganz eigentlich die Kathedralen.

O Christentum, du läßt das Herz der Leidentrückten stärker pochen,
Denn nie verhehlst du einen Schmerz; der Armut magst du dich nicht schämen,
Und da du neue Leiden schufst, hast du dein Machtwort ausgesprochen!

Ja, die Betroffnen eilten zu, an deinem Kreuz sich auszugrämen.
Denn schmerzenfördernd wie du warst, begriffst du auch, wer Schmerz erlitten:
So ists, als ob die Leiden doch zum Menschenheil vom Himmel kämen!

Du tönst als ein Naturlaut fort und hast zumeist den Sieg erstritten,
Denn blutvergießend legtest du stets Balsam auf die Wunden,
Und du erwarbst dein Engelsheer, wo du ein Dasein abgeschnitten.

Die Witwen, Waisen folgten dir, war doch ihr Fröhlichsein geschwunden:
Die ganze Menschheit aber geht stets sonnenwärts durch Leidepochen
Und hat sich drum aus Müdigkeit mit Leidverbreitern noch verbunden.

Die alten Deutschen, die so schwer mit ihrem Heidentum gebrochen,
Empfanden lang das neue Ziel so arg wie scharfe Marterzangen
Und wollten dann die Leiblichkeit dem Geiste gänzlich unterjochen.

Sie nahmen sich fürwahr zu ernst. Zu freudlos war ihr Lichtverlangen.
Sie suchten, konnten fast das Ich, samt seiner eignen Unschuld, morden,
Doch schürten sie da ungewußt Beginne, die im Herz erklangen.

Was er nicht liebte und empfand, verstand nach langer Pein der Norden,
Doch sind dabei, nach kurzer Frist, die groben, trotzigen Germanen
Ein heimatfremdes Träumervolk, ein wurzelwunder Stamm geworden!

Doch endlich schien die Erde sie an ihren tiefsten Hort zu mahnen:
Und Kathedralen, hoch und hehr, strengmathematisch ausgeklügelt,
Steilrhythmisch in die Höh getürmt, ein andres Werden anzubahnen!

Wo sich der Meister selbst erhebt, wenn er des Münsters Wucht beflügelt,
Und kaum der Gottheit Nähe sucht, vermag ers, Türme aufzurecken,
In denen nie der Höhenflug ein erdentreues Rufen zügelt.

Doch in sich selbst begann der Mann noch schönre Dome zu erwecken,
Aus Liebesglut und Brunst gefügt, erstand so mancher Glaubensturm,
Der konnte, einmal ganz am Ziel, die Welt, das Sonnenglück erschrecken!

*

        W ohllautwolken entwirbeln im Orgelsturm
Den Seen der Seelen, die Ufer zerschlugen,
Denn ringsum entreckt sich ein glühender Wurm!

Und rhythmenverblitzende, wuchtige Fugen
Erlösen melodisch die Liebesgefühle,
Die lange den Fluch der Verdammnis ertrugen.

Die Freude entschmettert der lüsternen Schwüle,
Und wonnig erstrahlend, als Freiheit und Äther,
Umhaucht sie ersprühte kristallichte Kühle.

Ein Aufschwung lichtherrlich, urwillig gesäter,
Zu Tönen erglühender, reifender Liebe
Durchwuchtet die Seufzer asketischer Beter.

Genußschreie schluchzen im Wollustgetriebe
Und gleichen dem brausenden Aufklatschen nasser
Strandstürmender, wogenverkrümmender Hiebe.

Es schlingt aus uns allen ein goldener, blasser
Gefühlsschwall, der jeder Verstummtheit entbuchtet,
Sich seitwärts ins bacchische Lachen am Wasser.

Ein tönender Sprudel, der Sonnen befruchtet,
Entzückt, überstürzt sich, berührt mich als Manna:
Erhört sich als Echo im Münster verschluchtet

Und braust über uns als Erlösungshosianna!

 

        A ltes Rom, der große Geist deiner Cäsaren,
Dein erfrühtes Glück und deine Lustgelüste
Übertrotzten jeden Wuchttrumpf der Barbaren,
Nur dein Marstag ging im Sturmgebrüll zur Rüste!

Denn als du die Welt, die du dereinst besessen,
Voll von Möglichkeiten in dir selbst erschautest,
Hast du deine Erzlegionen bald vergessen,
Und es kam die Nacht, in der du selber grautest.

Ja, die Riesenkunst von Rom erstand erst später.
Fremdlinge, die wild die Urbswälle zerschellten,
Blieben tausend Jahre ihre Selbstvertreter,
Bis sie Michelangelo ins Dasein schnellten!

Blutvermischung, Völkerwirbel, Rassenspeicher
Haben Buonarroti an den Tag gewunden:
Die Germanen machten ihn wohl glaubensreicher,
Doch am schwersten hat sich Rom in ihm empfunden.

Seine Seele konnte selbst das Größte meistern:
Jener Dom, der über seinem Geist entstanden,
Krönt den Tempel einer Welt von freien Geistern,
Deren Macht Erschauer der Natur empfanden.

Peterskirche, Markstein romverlorner Schlachten,
Keim und Prachtkristall versammelter Kulturen,
Wuchtgefühl der Urbs, das junge Schöpfer überdachten,
Birgst du Roms Idee in deinen Steinkonturen?

Greifen doch arenarunde Tempelarme
Wie aus deinem Wesen in die breite Weite!
Doch beschützt du auch die Welt im Tagesharme:
Kühlen Brunnen, was dein Glutengeist befreite?

Jener Moses, den ein Wunsch für dich bestimmte,
Petersdom! scheint deinem Innersten zu fehlen,
Denn der Geist, der über Pracht und Zank ergrimmte,
Kann die Welt nicht mehr, aus Rom heraus, beseelen!

Zuchtgebote mußtest du mit Wucht verheißen,
Moses' Wesen, Rom, zur vollen Gottheit steigern,
Nicht versuchen, Länder rings an dich zu reißen,
Und dir selbst das Wort und seine Frucht verweigern!

So hat Michelangelo in seinem Moses
Nur barock sein eignes Wesen übertrieben,
Und es folgte gleich auf ihn ein hoffnungsloses
Epigonentum, das ohne Gott geblieben.

Doch mit jenem Sklaven, der in sich das Wesen
Beider Erdgeschlechtlichkeiten noch verbindet,
Hat er ganz gefühlt und ist er Er geblieben,
Denn das Leid um seinen Lenz steht dort entrindet.

Auch in jenem andern trachtet die Gestaltung
Immer noch aus Unvollendung aufzuragen:
Ach, wie furchtbar ist des Sklaven Marmorhaltung,
Da die Muskeln ihren Arbeitstag verklagen!

Gott! Italiens Erde ist so hold und düster,
In der Mutter Gottes hüllt sie sich in Dünste:
Doch ein knabenhafter, frühlingsglückbegrüßter
Tag entsaugt ihr immer innre Feuersbrünste.

O, das Blut durchrollt die honiggoldnen Blöcke,
Deren Wesen Michelangelo erschaute,
Und Italiens Wiesen, Weine, Rinder, Böcke
Rauschen laut und flüstern hier versteinte Laute!

 

        M orgen wird es! Wie verfleischlicht schweigt die Frühe.
Langsam atmen bloß die hellen, gelben Lehnen,
Und mir ists, als ob der Geist sich Formen glühe!
O du Weib in mir, wonach wirst du dich sehnen?

Wirf die Nacht und ihre Hüllen stolz vom Haupte,
Schon durch deinen Wunsch kann sich der Wind erheben,
Doch noch bleibts, als ob dir nur der Harm erlaubte,
Bald ein Tag zu werden: tief uns zu beleben!

Nein, der Tag erklärt uns nicht sein Wesen:
Ewig unvollendet staunt und lauscht er immer,
Seine Kraft ist niemals seine Macht gewesen,
Panik bloß entwirbelt ihm, als Weltwuchtschimmer.

Könnte er den Arm bereits nach Osten heben,
O, so bliebe unsre Erde plötzlich stehen!
Diese Schöpfung würde gar nichts mehr erstreben:
Doch sein Haupt lenkt, unvollendet, keine Wehen!

*
Jetzt erklärt sich die Sixtina mir im Geiste,
Und ich sehe die Propheten, die Sibyllen
Eifern, daß der Tag sein stilles Lichtwerk leiste,
Denn die Welt gehorcht dem vollen Jenseitswillen.

Bannt doch Gott, der Herr, stets seinen eignen Schatten
Auf die Erde, daß sie reiche Früchte trage,
Und darum ermüden nimmer unsre Matten,
Denn der Geist verlangt, daß er zum Tage rage!

Dort erfaßt sich die Unendlichkeit im Herzen
Adams, den sie weckt, damit sie tief bestehe.
Diese Gabe aber birgt der Mensch mit Schmerzen,
Und er wünscht, daß er zurück- und untergehe.

O das Weib, das ihn so fürchterlich erblickte,
Scheint am Manne nun voll Bangigkeit zu hangen,
Und ihr Schatten, der ihn lange schon bestrickte,
Fängt jetzt an, nach Wahrgestaltung zu verlangen.

So geschieht es denn! Die Frau ist auferstanden!
Aus den Farnenhainen wuchten Paradiese:
Vögel jubeln, Palmen schleppen Prachtgirlanden,
Innre Frühjahre erblühn auf Hang und Wiese.

Doch der Genius wächst noch. Wird das Weib genügen?
Fühlt es schon in sich die eignen Wesensmängel?
Reiz an Reiz versucht sichs an den Leib zu fügen,
Doch der Mann will die Idee und glaubt an Engel.

Schläft das Weib, ermahnt ihn sein Gewissen,
Halte dich an das, was dir der Herr gegeben,
Denn sonst wirst du bald das Paradies vermissen,
Trachte furchtlos fort in dem Durch-Dich zu leben!

Adam aber will sein Innerstes erfassen
Und beschließt zu sinken, um zu Gott zu steigen.
Keine Weltmusik will er geordnet lassen,
Und was schwach ist, knickt und nennt er nun sein eigen!

Armes Weib, du Urversuch den Mann zu trösten,
Biete dich nicht an, verfluchter Lust zu dienen!
Doch schon ists, als ob sich alle Fesseln lösten:
Ja, die Freiheit ist im Weib zuerst erschienen!

Der Entschluß des Opfers ist in ihr entstanden.
Feig hat Adam seine Knechtin angenommen
Und enteilt mit ihr nun allen Heimatlanden
Und ist vielem nah, doch nie zu sich gekommen!

Rase nun, verlorner Sohn, von Schmerz zu Leiden,
Wollte Gott, der Herr, doch still auf dir beruhen:
Du jedoch willst ihn um seinen Grund beneiden,
Und verzweifelt seh ich dich den Tag vertuen.

*
Abend wird es. Blasser Mann, nun darfst du rasten.
Deine Unvollendung fängt sich an zu klären.
Und du sagst dir ernst: wozu das breite Hasten?
Doch zu spät! Der Abend kann nicht lange währen.

Deine Schultern sind die scharfen Horizonte
Eines Tales, dessen Schlund die Nacht entwuchtet,
Die Brust ist alles Berggelände, das sich sonnte
Und nun atmend kundgibt, was es tief verschluchtet.

Dein gewellter Bauch ist wie die See in Häfen,
Die da aufhüpft, gurgelt und nur schwer ermüdet.
Nachsicht schwebt und legt sich nun um deine Schläfen,
Und du preist die Nacht, die sich mit Glut umfriedet.

O, die Nacht geht auf, und hoch im Osten glimmt es!
Einsichtsvoll versenkt sie sich in innre Sterne.
Denn sie liebt ihr sterbliches, weil urbestimmtes
Lächeln aller Welten, ohne Grund und Ferne.

Ihre Brüste sind die See der beiden Hemisphären,
Die da übervoll den jungen Tag erbangen,
Um dem Kinde milde Labung zu gewähren.
Hast auch du, o Nacht, so wildes Lustverlangen?

Große Nacht, ich kann dich eben klar betrachten!
So wie du in stillen Meeren dich oft spiegelst,
Fühl auch ich dich, da auch Sterne mir erwachten:
Bleibe, die du einst die Sonne ganz verriegelst!

*
Stürzt die Welt aus ihrer Tiefe her zusammen?
Drängt das ewige Gericht nun zum Erlöser?
Eine nackte Flamme, der wir fern entstammen,
Ruft uns klar zurück: wir werden religiöser!

Was nicht nackt an uns ist, wollen wir verstecken,
Des Verfleischlichten beginnst du dich zu schämen.
Unsre Bloßheit aber will sich Gottwärts recken:
Herr, du wirst den Geist in deine Obhut nehmen!

Alle Welten streben nach der Seelenmitte.
Und darum empfinden wir das Zeitverschwinden.
Heiland, führe uns bei jedem Heimwärtsschritte,
Denn wir könnten Urlicht aus dem Zeitschlund winden!

Jeder darf in sich den eignen Wert erlangen,
Doch hier gilts zur rechten Stunde anzukommen:
Lange werden deshalb alle Lauen hangen,
Und die Seligkeit gehört den Starken, Frommen!

Herr, die ganze Nacht kehrt in dein Innres wieder.
Jedes Wesen muß unendlich sich beginnen.
Alle Sterne singen ihre Liebeslieder:
Herr, du bist in uns und bist in ihnen drinnen!

 

        I ch fühl den Blick von einem Sterne
Seit meiner frühsten Jugendzeit:
Ich spielte kaum und bangte gerne,
Und nur das Leid war mir nicht weit.

Ich hing an mir und kaum am Leben,
Doch meine Mutter liebte mich!
Ich wollte fort und doch vor Lust erbeben
Und starb nicht, als ich mir entwich!

Ach, ich empfand die Macht von Mächten,
Die mich da losriß vom Gewühl,
Und suchte dann in heitern Nächten
Nach jenem Sterne im Gefühl.

Auf einmal ist er aufgegangen!
Er war nicht der, den ich gewähnt:
Nun überstrahlt er jedes Bangen
Und glüht, wenn meine Seele tränt.

Er lenkt mich oft aus den Gefahren
Und führt mich doch zurück zum Leid,
Er will im Schmerz sich offenbaren,
Und drum vergeß ich meinen Streit.

Als mir das Liebste ward entrissen,
Empfand ich kaum den grauen Tod:
Es ist zwar schwer, den Schmerz zu missen,
Doch bleibt der Stern, dem er entloht!

O, immer strenger wird mein Wesen,
Und die Erinnrung findet ihren Grund:
Schon gilts, sich selber auszulesen,
Die Liebe macht kein Schicksal wund.

Ich fühl den Blick von einem Sterne
Seit meiner frühen Jugendzeit.
Ich spielte nie und bangte gerne,
Und auch das Leid war weit, zu weit!

 

Karneval

        A rkadien meiner Seele, nun erwache!
Ich harre auf den Wind, der mich versteht,
Ich warte, daß er meinen Lenz entfache:
Erscheine, Geist, der durch die Wesen weht!

Wie können Lieder rein in mir erblühen,
Soll keusche Wahrheit plötzlich offen sein?
Das Leid wird bald als Tau den Traum besprühen,
O, nun ergründe dich, mein holder Hain!

In frommer Seelen bleichen Dämmerstunden
Wird gar behutsam jedes Reis gehegt:
In stummen Blumen schlummern unsre Wunden,
Die keusch das Herz, der Lust entrückt, verborgen trägt.

Doch wird aus Menschen Glück sich zu mir bücken!
Ich will ob frohen Gutseins glücklich sein!
Dann wird auch meine Einsamkeit sich schmücken,
Und so Erfühltes wunderbar gedeihn!

 

        M ir ist Italiens Karneval ein großer Dichter:
Das Einsterlebte dieses Volkes wühlt er auf.
Vermummen sich die braven, täglichen Gesichter,
So nehmen die Gefühle ihren freien Lauf.

Wohl preßt sich da der Geist zurück ins Heidenleben:
Die Dominos sind die Gespenster einer fernen Nacht,
Der Pantalon wird gut zu sein in Unschuld streben,
Wozu der Harlekin die Zwischensprünge macht.

Er ist der Hermes dieser grausen Lumpengötter,
Doch seine Farben plaudern das Geheimnis aus,
Er kennt sie alle und ist keck: darum, ihr Spötter!
Ihm machen Unterweltfiguren keinen Graus.

Die Colombina läßt sich noch als Venus schmeicheln
Und ist das Affenspiegelbild der Helena,
Kathrinen muß man selbst mit Pfauenwedeln streicheln,
Denn sie war Juno, als der Weltanfang geschah!

Der Ganymed ist zum Brighella ausgewachsen.
Zum Doktor hat es Aristoteles gebracht.
Der Jupiter versteckt sich hinter Maskenfaxen
Und wird als Erzbetrüger schließlich ausgelacht.

Jetzt fühlt sich jeder frei wie auf des Öta Höhen
Und schlüpft, wo er nur kann, bei einer Nymphe ein.
Auch lassen Danaen sichs ausgezeichnet gehen,
Das regnet Gold in manches stille Kämmerlein.

Nun kann die Juno heute nacht unmöglich schlafen,
Und wirklich kommt ihr Jupiter mit Bacchus heim:
Sie wird ihn barsch, trotzdem es kalt ist, strafen,
Und zwar am Teil mit plastisch vollem Reim.

Der Bacchus aber läßt den Zeus alleine,
Protheisch wechselt seine Ragung überall,
Oft ist er dick, oft klein, dann nichts als Beine,
Und scheint der Schatten aller nach dem Maskenball.

Fürwahr, er ändert sich durchs Gehn zwischen Laternen:
Da schiebt er manche, die nach Haus ziehn, fast zum Licht
Und schmilzt zusammen, wenn sie sich davon entfernen,
Du schlimmer Wicht, hilfst nur in dunklen Gassen nicht!

Was dröhnt jetzt plötzlich? Römische Legionen?
Geharnischt ziehen sie die Gassen laut herauf,
Sie werden ihre Beute, Weibervolk, nicht schonen:
O Weltnotwendigkeit, so nimm denn deinen Lauf!

Der Spaß beginnt. Nun wird es immer lauter, toller.
Die vielen Menschen werden langsam aufgemischt.
Das jubelt, sprudelt immer törichter und voller:
Die Jugend, selbst die Kindheit, wird nun aufgefrischt.

Der Lenz erblüht bereits in den geschloßnen Städten,
Und Frühlingslust und Brunst wird ringsum angefacht.
Das Volk verpfändet selbst die Kleider und die Betten,
Da jeder undrapiert, stets anderswo, erwacht.

Im Karneval drängt alles an die Oberfläche.
Mit Juxen und mit Lumpen ist das Volk bedeckt.
Dir ists, als ob der Tand von selbst aus Kisten bräche,
Und wer nicht mittut, wird als Finsterling geneckt!

 

        D ie Dirnen erscheinen als büßende Nonnen,
Pierrots, häufig Ladenverkäufer, sind stumm,
Und Diebe, als Richter, zu Strenge gesonnen:
Als schwanger ziehn alternde Fräulein herum.

Verkrümmte verkleiden sich gerne als Krieger,
Matronen, wie Puppen, gefallen sich gut,
Schon brüllen Bediente als Löwen und Tiger,
Romantiker tragen die Feder am Hut!

Die Damen bewegen sich oft wie Kokotten
Und laufen im heiklen Momente davon,
Der Freidenker läßt sich als Priester verspotten,
Und ringsum ergeht sich ein Weltpantheon.

Voltaire spricht ein wenig Französisch, und Dante
Gibt rasch einer Köchin für elf Stelldichein,
Selbst Newton verkehrt mit des Beelzebubs Tante
Und reitet mit Cato ein hölzernes Schwein.

Ein Lord mit unendlichem Pappenzylinder
Wird eben mit Gips und Papier überweißt,
Und Sokrates sucht seine eigenen Kinder,
Ein Mönch wird von johlenden Knaben umkreist.

Seht, Bismarck führt dort eine Gans ins Theater,
Vielleicht reißt sie gleich nach dem Abendmahl aus,
Sechs Kinder verloren soeben den Vater,
Und auch ihre Mutter ist nimmer zu Haus.

Die Weiber, mit männlichem Blut und Allüren,
Sind endlich in Hosen zufrieden und keck,
Betrogene lauern im Dunkel der Türen
Und springen oft wütend aus ihrem Versteck.

Nun fliegt wo ein Hut, und man zerrt eine Mähne
(Erstochen wird jedesmal irgendein Mensch),
Die Deutschen erleben dabei eine Szene,
Und Engländer sitzen zufrieden beim Lunch.

Nun siehst du den Karneval selber als Prinzen
Im Wagen erscheinen. Er ist eine Frau.
Und allerhand Leute bestaunen, begrinsen
Den Zug mit Najaden und Magiern genau.

Denn alles ist da tiefsymbolisch gestaltet:
So gehn die drei Könige schmunzelnd voran,
Der Karneval selbst (auch sein Kleid veraltet)
Verzweifelt und stirbt schon im Hintergespann.

Doch gleich nach dem Zug kommen Mönche und Nonnen:
Sie bringen für Mittwoch schon Kohl und Salat,
Doch sind sie noch alle zum Ulken gesonnen
Und tanzen, trotz Gaffern und trotz Zölibat.

 

        D as Frühjahr ist da! Und am Korso erscheinen
Die lieblichsten Frauen in offenem Wagen:
Schon wollte ganz Rom seine Grazien vereinen,
Das Wetter erlaubt, lichte Kleider zu tragen.

Ein Mädchen, das alle Bewerber verlachte,
Erschien uns soeben in Lilien gebettet,
Sie mag, daß die Männerwelt lechze und schmachte:
Wer weiß, welcher Geck sein Geschlecht doch noch rettet?

Ei, seht das Gespann! Alle Pferde und Räder
Sind herrlich mit Rosen geschmückt und umwunden,
Die Damen, die drin sind, besuchen die Bäder
Und haben dort immer Bewundrer gefunden.

Da kommen noch reichere Kutschen mit Damen
Die Gäste des Hauses mit Sträußen beschenken.
Da siehst du auch Bräute in blühendem Rahmen
Vergnüglich an Bälle und Bräutigam denken.

Nun taucht auch ein Karren mit bunten Ciocciaren
Im Hintergrund auf. Rugantino sitzt drinnen.
Wir können durch ihn manches Neue erfahren:
Er wird die Kritik des Momentes beginnen.

Er pfeift auf die Redner und Volkstribunale
Und labt sich am Weine der römischen Hügel:
Was braucht sein Humor alle Nörglerskandale:
Er hält keinen Schmeichlern und Strebern den Bügel.

Das Frühjahr ist da. Keine Maske, kein Spötter
Bekrittelt, bezweifelt sein frühes Erscheinen.
Schon regen sich überall römische Götter,
Der Janus erklärt sich in sämtlichen Hainen.

Bald fallen die Larven. Dann blicken die Augen
Ganz offen hinaus in die goldenen Tage.
Die Wurzeln beginnen ins Leben zu saugen.
Wir pflückten schon Primeln und Veilchen im Hage!

Bald füllt sich die weite Campagna mit Leuten.
Die Mandeln beginnen sie schon zu erwarten:
Wie duften Orangen und rufen nach Bräuten!
Nun wird alle Flur, wie von selber, zum Garten.

 

        O , nun leb auch ich der Freude,
In mir selbst ist Karneval:
Flaggen heitrer Luftgebäude
Wehen jetzt mit einemmal!

Seltnes Glück kann ich erfassen,
Worte hör ich auferstehn,
Darf sie nicht verhallen lassen,
Rasch ist es um sie geschehn!

Flugs verfolge ich Gedanken,
Die ein Wehwunsch auf gescheucht;
O, nun aber ja nicht schwanken:
Packt das Wild, das flüchtig keucht!

Ja, ich habs: ein neuer Kummer!
Dort versteckt er sich im Laub
(Leid zum Lied, noch kurz in Schlummer),
Doch ein Sang ist schon mein Raub!

Alle roten Wolkensippen,
Was der Tag an Brand verbarg,
Lispelt nun mit tausend Lippen,
Schlimm und gut, – um seinen Sarg.

Ferne höre ich die Winde,
Die geschwätzig waldwärts wehn:
Seht, und auch ich selbst empfinde
Träume, – die euch Antwort stehn!

Bäume, die ich oft erspähe,
Tragen ihre Tagesfrucht,
Und die schüttelt erst die Nähe
Einer Nacht in meine Schlucht.

Rosenhauche kurzer Stunden,
Die ihr ringsum Gold verwebt,
Wißt! ich bin euch eng verbunden,
Denn ihr habt mich tief belebt.

Sang zu Sang kann ich vernehmen,
Wehmut schweigt, wo alles singt,
Stimmen, die vor mir sich schämen,
Haben sich schon zugeblinkt.

O, sie trachten sich zu reimen,
Bald verdämmert ihre Macht.
Träume, die im Nu erkeimen,
Stehen nun in Blütenpracht.

Alles mag ich fest umschlingen:
Leg dich, Wind, an meine Brust!
Nacht, du wirst mein Herz durchdringen,
Sterne werdet weltbewußt!

Auch ihr letzten Himmelsnarben,
Seht, bald bin ich stumm – schon wund!
Rasch verflimmern diese Farben:
Unsre Nacht ist urgesund.

Abend naht dir, wenn ich singe.
Ach, der Tag verhaucht, entblaßt.
Ahnt sich ein »Vollbracht!« der Dinge?
Werde Lied! was mich erfaßt.

 

        N amenlos sind meine Lieder,
Sagbar kaum, wie sie entstehn,
Laute tauchen auf und nieder,
Bis sie klar zusammengehn.

Endlich freuen mich die Rhythmen,
Die ein Lied sich ausgewiegt,
Und ich will mich ihnen widmen,
Ihre Stimmung hat gesiegt.

Würde ich durch die Gefühle
Tiefer Liebe überrascht,
Hätte ich im Truggewühle
Alles Wirkliche erhascht.

So vertrau ich meinen Liedern
Nur die wahrste Sehnsucht an.
Kann ein Wesen sie erwidern,
Steh ich schon in einem Bann?

Meine gutgemeinten Worte,
Zieht denn hin und immer fort;
Horcht an manchem fernen Orte,
Ob ein Herz, ein Strauch verdorrt!

Lispelt leiser als die Blätter,
Daß kein Schmerz euch überhör,
Seid der letzten Hoffnung Retter,
Fädelt euch durchs feinste Öhr.

Findet ihr ein keusches Wesen,
Das euch wirklich ganz vernimmt,
O, so kann ich fern genesen:
Plötzlich werd ich gut gestimmt.

Namenlos sind meine Lieder,
Soll ich ihnen widerstehn?
Mein Geschick klingt drinnen wieder,
Was da kommt, ist schon geschehn!

 

        I ch will in einem Park den goldenen Abend feiern
Und träumen, wenn die ersten Sterne sich erschaun.
Dann blickt auch mein Gemüt aus Amethystenschleiern
Und fängt im Traume an, Erlebtes zu betaun.

Dort blinkt schon einer. Und nun gleich ein zweiter.
Ihr fernen Sterne folgt euch stets und habt euch gern.
Ihr hehren Weltbeschreiter seid euch stets Begleiter,
Und alle ehrt ihr, selbst im Kleinern, euern Herrn.

In die Musik will ich mein schweres Leid versenken:
Sie möge es umzaubern und um mich verwehn,
Von purer Glut die Angstgefühle, die mich kränken,
Entwirren, bis Ideen furchtbar vor mir stehn.

Ihr Brunnen seid zu laut zu solcher Klärung.
Ein Garten, ein Sonett, ein Bild sind mir genug.
Ihr tausend Sterne, gebt mir viel zu viel Belehrung,
Wo Schicksal graut, wird alle Sprache bald zum Trug.

Ein Friedhof ist bereits ein Paradies auf Erden,
In das wir schon aus Marmor unbeweglich schaun,
In Gärten aber, wo die Götter sprachlos werden,
Beschleicht mich unergründlich bleiches Graun.

Die Numen schlummern nicht. In einer kecken Laune
Sind alle dort im Lorbeerdunkel festgebannt.
Hermaphroditen wehren schlau sich gegen Faune,
Endymion wird von Artemis im Schlaf erkannt.

Ich kann mich nirgends still mit stummem Grün umfrieden,
Vereinsamt unter Myrten ölt sich ein Athlet.
Bis auf die Zehen bleich sind Marmor-Niobiden.
Geht jetzt der Mond auf? Flüstert Pan ein Nachtgebet?

Die Götter schlafen nicht. Wo ich auch träume, wander,
Verfolgt der Wind mich, und schon rauscht das Laub.
O, nun begleiten mich auf einmal Oleander,
Alleen sind so traut und dort – die Lichtung – taub!

Fürwahr! Hier schweigt und schlummert diese Wiese,
Sie hat sich rings mit Schwermutstränen bunt betaut,
Ein Baum aus Asien wuchtet da als fremder Riese:
Ich meide ihn! Wo tönt mir ein vertrauter Laut?

Ich schweife weiter. Lauter dichtes Flüsterdunkel
Umgibt mich wiederum! Auf einmal lausch ich auf!
Kamelien blühen. Horcht, ein zartes Waldgefunkel,
Dann ein Gebraus sagt laut: dort ist ein Wasserlauf!

Carrara-Schwäne harren blaß an einem Wehre,
Doch Wasserquirle halsen hastig hin und her,
Ein Schneegewölk kommt eben ostwärts in die Quere,
Und nun ist dieses Dunkel lautvoll, leer und schwer.

Der Lorbeerduft und Harzgeruch der Parkzypressen
Umflattert wild mein winderfrischtes Angesicht.
Ich sehe kaum! Wie soll ich Weg und Steg ermessen?
Ich schlendre unterdessen, – seht, – dort wird es licht!

Ein leiser Weiher spiegelt still den Großen Bären.
Die andern Sterne sind noch alle weiß umwölkt.
Vielleicht wird bald die alte Klarheit wiederkehren,
Zumal da doch der Nordwind noch im Duster schwelgt.

Ich zieh den Teich entlang und denke an die Numen,
Die plötzlich in den Seelen heiter aufgetaucht:
Dereinst begrünten sie Italiens dunkle Krumen,
Auch heute sind sie da, und wieder – fast verbraucht.

Was bannt mich fest? Was will sich mir erklären?
Wie, spiegelt dieser Weiher eine echte Sphinx?
Ich blick empor und sehe nimmermehr den Bären,
Denn es bedeckte sich der Himmel neuerdings.

Doch sehe ich die Tiergestalt sich trotzdem spiegeln,
Und zwar so still, daß eine Sphynx auch aufwärts blickt.
So will das Obre seine Tiefe wohl erklügeln,
Und Untres scheint durchs wahre Dasein ganz berückt.

Ich mag mich abermals im Lorbeerhain verlieren,
Nun weiß ich ja, was dieser Garten alles birgt,
Gespenster wallen auf, entwurzeln sich aus Tieren
Und ruhen dort als Urverdichtung streng bezirkt.

Der Garten selbst verschlingt in sich Italiens Schätze,
Dem Stein- und Muschelstrande gleicht der Weiherkies,
Ein dunkler Weg im Grünen ahmt die Gegensätze
Von Flur und Heide in Etruriens Paradies.

Jetzt ist der ganze Park noch kalt, verwildert, finster,
Und ich verstehe seinen Reiz vielleicht allein,
Erblüht jedoch am Meer und Apennin der Ginster,
So rahmt auch hier der Goldlack holde Beete ein.

Und dann umglühen Käfer offne Purpurblüten,
Und eine Aloë verschenkt in einer Nacht
Die Pracht, die ihre Wurzeln hundert Jahre hüten,
Bis sie auf einmal jäh und übervoll erwacht.

Da glänzt mein Pfad! Ich werde nun zu Menschen treten.
Fürwahr! Vor mir erstrahlt ein herrlicher Palast.
Zum Feste denn! Ich darf mich heute nicht verspäten.
Ach, welches Bangen mich auf einmal grau erfaßt!

 

        E in blendendes Treppenhaus hält mich umfangen.
Ich weiß nicht, wie leicht durch die Knäule und Schlangen
Von Masken und Schleppen zum Saal zu gelangen.
Treppauf und treppab seh ich Dominos fliegen,
Sich schwarz oder bunt durch die Festgruppen schmiegen.
Das wirbelt und plaudert. Das blendet die Sinne.
Das funkelt und flunkert von flüchtiger Minne.
Das fächelt mit rosigem Fächer noch Scham
Ins blasse Gesicht eines alternden Gecken,
Der eben sich etwas zu eifrig benahm.
Ich sehe mit Küssen sich Arme bedecken.
Dort wirft eine Dame den Handschuh zurück;
Ein Jüngling berührt ihre Spitzen voll Glück;
Und niemals bemerkte ich Kleider, Geschmeide
So sehr, als wenn Larven die Züge verhüllen.
Jetzt heben sich Finger behandschuht zum Eide,
Erwünschtes verspricht sich hier bald zu erfüllen!
Noch ist das ein Vorspiel in rauschender Seide!
Ich selbst aber sehne mich weg von den Stiegen
Und trachte mich langsam ins Innre zu schmiegen.
Auch schweift schon mein Auge durch flimmernde Zimmer,
Rings spiegelt sich Flitter und Lüsterlichtschimmer.
Ein Walzer fängt an, manches Paar zu beschwingen
Und rhythmisch den festlichen Saal zu durchklingen.
Jetzt wirbelt und tanzt alle Welt durcheinander,
Im Umkreise protzen verlaßne Matronen.
Jetzt streifte mich eben ein Prachtsalamander!
Ein Zwiegespräch könnte sich allerdings lohnen.
Doch ist er bereits unter Feen verschwunden.
Nun faß ichs, es handelt sich hier um Sekunden!
Die nächste Entstiegene lohender Gluten
Wird sicherlich gleich, wo es sei, angehalten;
Vergnüg ich sie dann bloß auf kurze Minuten,
So fürchte ich nimmer die roten Gewalten!
Ein Domino, schwarz wie die Nacht in den Meeren
Trägt Perlen im Haare. Ich sah ihn schon früher.
Vielleicht sind das Schnüre urkünftiger Zähren!
Wer weiß? Er ist lustig, denn viele Bemüher
Und junge Erglüher umschwirren ihn heiter.
Nun lassen wir sie, und lustwandeln wir weiter.
Die Kerzen umschimmern schon flimmernde Schleier,
Und Wandspiegel geben sie kugelhaft wieder;
Fürwahr, oben hangen jetzt durchsichtge Eier
Und gießen ihr Irislicht rieseldicht nieder.

*

        Kurz nur treffen sich die Blicke,
Jedes denkt an heitre Dinge.
Knüpft durch eine Zufallsschlinge
Hier der Augenblick Geschicke?
Ist ein Ansturm wo geglückt,
Plötzlich wird dort hell gelacht.
Ward ein Fall ans Licht gebracht?
Jede Laune wird zerpflückt!
Skepsis ist des Faschings Wesen,
Seine Freude Medisance,
Lauter kleine Antithesen
Geben Witzen Resonance:
»Seht im Spiegel jene Damen
Haben Häubchen wie ein I,
Passen wirklich in den Rahmen!«
Lacht ein Täubchen mit Esprit.
Hier ist alles Rokoko,
Blütenbüschel schlüpfen sacht
Aus der Zierat blasser Pracht.
Engel sitzen ohne Tracht
Wolkenhoch auf dem Popo,
Feen schweben im Trikot
Über unserm Erdniveau;
Alle sind galant und froh.
Masken geben Rendezvous
Vor der Hand nur Fuß an Fuß:
Gottseidank inkognito!
Überall wird kokettiert,
Herzen brennen lichterloh,
Jeder Witz ist unmaskiert,
Wehe jedem, der sich ziert!
Hier kommt alles à propos,
Nur! wo bleibt mein Domino?
Schwupps! da huscht er durch den Saal!
Maske, hab ich dich einmal!
Mut, mein zugereister Mann!
Sprechen wir sie höflich an:
»Magst du, Maske, mir Vertrauen schenken,
Möchte mich um deine Gunst bemühen,
Laß den Blick in deine Seele senken
Und den Fall der Larve hold verfrühen.
Wenn zwei Menschen Gleiches denken,
Kann ein Blick ein Ja versprühen,
Unser Fühlen hold zur Liebe lenken
Und die Herzen aneinanderglühen!«
Meine Kühnheit hat gefallen,
Denn ich bin schon eingeladen,
Plaudernd auf und ab zu wallen,
Und nach heitern Promenaden
(Kann ich wirklich amüsieren)
Ernste Themen zu riskieren.
Doch vor allem will ich loben:
»Holde Maske, du bist prächtig,
Deine Schönheit mitternächtig,
Perlen, die du rings verwoben,
Gleichen deine trauten Augen,
Die nicht für die Erde taugen.«
»Nicht so schnell, das Paradies«,
Heißt es jetzt, »ist furchtbar weit,
Und da man mich draus verstieß,
Trag ich jetzt als brave Maid
Mutig jedes Erdenleid!«
»O, das ist die Einsamkeit«,
Fall ich ein, »voll Bitterkeit!
Täglich schlag ich eine Schlacht,
Mein Alleinsein gibt mir Macht,
Du jedoch bist wie die Nacht,
Weib und schwarz und voller Pracht!«
»Müßte dich erst ganz erproben,
Kannst bestimmt auch andre loben!«
»O, bewundern kann ich viele,
Manche«, sag ich, »hat Geschmack,
Helles paßt zum Faschingstile,
Schwarz jedoch zu meinem Frack!«
»Schließe nicht nach dem Gewand!«
Hör ich, »Mann aus fremdem Land,
Oft verbirgt die schwarze Hülle
Weißer Schönheit Überfülle!«
»Ganz und gar nicht, glaube mir,«
Fall ich ein; »Gewand und Zier
Sprechen offner als ein Mund:
Deine Seele ist ein Schlund!
Weißes Fleisch ist ein Geschenk:
Deine Schönheit dir zu eng,
Durch die Larve, nicht die Haut,
Hab ich ganz in dich geschaut!«
»Was du sprichst, ist zwar gewagt,«
Wird als Antwort mir gesagt,
»Doch es freut mich immerhin,
Deine Worte haben Sinn.
Willst du mit mir plaudern gehn?
Hier, wo sich die Paare drehn,
Die Musik von Liebe girrt,
Werd ich ganz und gar verwirrt!«
»Auf ein recht vertraulich Wort«,
Sag ich, »geh ich gerne fort,
Hier im Saal ist es so warm:
Schlanke Mohrin, deinen Arm
Und zugleich die kleine Hand,
Als ein erstes Freundschaftspfand!
»Alma dürfen Sie mich nennen,
Doch von nun an, bitte: Sie.
Sollen lieber gleich mich kennen,
Denn Sie haben Phantasie.
Stellen Sie sich wenig vor,
Schließen Sie nach meinem Ohr,
Das ist klein und etwas rund,
Und so ungefähr der Mund!«
»In die allerliebste Muschel«,
Sag ich, »wispert sich kein Sie,
Du und du wirkt im Getuschel
Voll von dunkler Harmonie!«
»Nun so muß die Larve fallen!«
Heißt es nun mit Energie.
Was nun folgt, kann mir gefallen,
Dieses Weib hat Poesie!
Kaum eine Sekunde
Sah ich das Gesicht:
Auf die Augen, hin zum Munde,
Flogen Blick und Herzenslicht.
»Werte Dame, Ihre Blicke
Gaben mir den ersten Stich,
Doch ich glaube an Geschicke
Und verstehe manchen Schlich.
Wollte mir daher vertrauen:
Frauen sind nicht fürchterlich,
Doch gesteh ich, Ihre Brauen
Triumphieren über mich!«
Kaum bin ich damit zu Ende,
Reicht sie mir vergnügt die Hände:
»Dem Besiegten«, sagt sie, »Gnade!
Sei'n wir offen und gerade,
Eben noch voll Prüderie,
Hab ich jetzt schon Sympathie!«
»Nun so wandern wir denn weiter,
Flüchten wir von Saal zu Saal!«
Meine ich vergnügt und heiter,
»Menschen sind mir eine Qual!
Sehn wir lieber durch das Fenster,
Hinterm riesigen Kristall,
Auf die silbernen Gespenster,
Dort beim großen Wolkenball!«
»O da bin ich gern dabei,
Was ist, bitte, Poesie?
Sehe sie in allerlei,
Doch ihr Wesen faß ich nie!«
Wie mich das die Dame frägt,
Sage ich ihr unentwegt:
»Treue Freunde, Traumgebilde,
Jeder Ahnung Wahrgestalt,
Unsers Wanderns Mondgefilde,
Gar kein Ziel, ein innrer Halt!
Lebenshauche unsrer Lieder,
Frühjahre der Seelennacht,
Hier an Ihrer Brust der Flieder,
Der mich bang und froh gemacht,
Aller Dinge Melodie,
Nicht der Glanz, doch das Genie,
Tiefste Wirbelharmonie,
Ist ganz greifbar – Poesie!«
»Jene Dame dort im Saale
Scheint mir schön geschmückt zu sein,
Ja, schon ists mir, als verstrahle
Sie den klarsten Sonnenschein:
Ihre Tagsmaragden leuchten
Und, ich sagte gern, befeuchten
Wie ein helles Quellengrün
Wiesen, wo Narzissen blühn!«
In die Rede stimm ich ein:
»Sehn Sie dort, im Kerzenschein,
Ruht ein Weib fast mitternächtig,
Nur Rubine und Granaten
Übersprühn es urbedächtig:
Skeptisch gegen Tagestaten
Scheuen sie fast jeden Laut!
Doch auf ihrem Haare graut
Schon des Morgens Perlenschimmer,
O sie tagen, tauen immer!«
Ihre Larve fällt herab!
Scham und erstes Morgenrot
Sah und haschte ich noch knapp,
Und ich weiß, was mich bedroht!
»Kommen Sie, doch vor den Leuten
Bleibt es noch beim alten Du!
Dieses Sie darf nichts bedeuten!«
Meint die Maske voller Ruh.
»Nun das sei! Um Mitternacht
Sag ich sowieso dann Sie,
Maske, durch deinen Esprit
Wird die Zeit mir kurz gemacht!«
Kaum erst ist das ausgesprochen,
Werden laut wir unterbrochen.

*

        Jetzt wirbeln und rascheln im Saal Tamburellen,
In Seide gekleidete Masken umtollen,
Als Eidechsen, Falter, Insekten, Libellen,
Bacchantinnen, die ihre Spenden entrollen.

Mit Reben umgeben sie Fenster und Türen.
Satyre verschenken Orangen und Nüsse.
Silen will die lieblichste Nymphe verführen,
Und Kinder mit Lichtflügeln werfen uns Küsse.

Jetzt tritt Aristophanes selbst auf das Podium
Und ruft die italischen Masken ins Leben;
Wir sehn lauter Frauen voll Kampflust und Odium
Und Männer sich weiblichen Launen ergeben.

Rosaura hat eben den Hausstand zerschlagen:
Nun kann Harlekin sich darüber nicht trösten,
Doch auch Pantalon nicht den Jammer ertragen:
Er läßt bei Brighella rasch Trostäpfel rösten.

Das alles erklärt von olympischer Warte
Ein Weib, das verzückt aus dem Chore getreten;
Es sagt uns, es sei die Commedia dell' arte,
Das letzte Hellenentum junger Poeten.

Nun schenken uns Faune ganz reizende Tüten;
Wir öffnen sie, kosten und schneiden Gesichter,
Wir möchten das bittre Geheimnis behüten,
Doch schwätzt schon und lacht das Paniskengelichter.

Das Weib am Kothurne entschuldigt sich heiter
Und schwört uns bei Bacchus, das seien die Reste
Des attischen Salzes und fährt munter weiter,
Was wir nun besorgten, sei weitaus das Beste

Aus Hellas, homerisches Riesengelächter!
Wir sollten es tief aus den Bauchhöhlen holen,
Denn Dionys liebt alle frohen Geschlechter!
Und nun schlagen Kobolde laut Kapriolen.

Auf einmal erscheinen im Saale Laternen.
Wer trägt sie und schwingt sie? Ganz weiße Gestalten:
Pierrots mit hellflimmernden, blendenden Sternen
Beginnen jetzt schweigsam beim Feste zu walten.

»Sie sind dem eleusischen Dunkel entstiegen
Und kennen die Paare, die bald sich vermählen
Und werden sich gleich an die Glücklichen schmiegen!«
Beginnt nun die Pythia mit Schwung zu erzählen.

Nun wird meine Maske, dann ich von Laternen
Und stummen Gebärden umschwirrt und umgaukelt,
Und trotzdem die Lichter sich endlich entfernen,
Ists beiden, als würden wir förmlich geschaukelt.

Gottlob, die Prophetin fährt fort: »Die Laterne
Hat Diogenes diesen Pierrots hinterlassen,
Doch auch seine Tonne – ich zeige sie gerne –
Ist da, sie kann heimliche Insassen fassen!«

Wohl will meine Maske nicht wegsehn. Verlegen
Erwarten wir beide recht peinliche Scherze.
Doch nein! Ein gefälliger Gott ist zugegen
Und tritt mit dem veilchenumwundenen Märze,

Der Blumen verstreut, rasch im Pantherfell auf.
Das Faß wird gewendet; schon sprudelt der Wein
Wie Gold aus dem Spund; seinen schäumenden Lauf
Durchkreuzen und dämmen nur Trinkbecher ein.

Verschiedene Zwerge mit kreischenden Stimmen
Und sprechende Vögel erscheinen im Saal;
Sie tuen, als würden sie neidisch ergrimmen
Und machen im Fistelton argen Skandal.

*

        »Folge mir aus diesem Saal,
Hier ist alles zu konfus,
Das wird fast ein Bacchanal!«
Sagt die Maske: »Billigst du's?«
»Nein, ich gehe gerne fort,«
Sage ich sogleich erfreut:
»Sprechen wir ein trautes Wort,
Sinnlos, aber doch gescheit!«
»Sehn wir jetzt dem Windfest zu!«
Sagt die Maske überrascht,
Wie sie plaudernd, ganz im Nu,
Hoch ein Mondgesicht erhascht.
Hinterm Fenster sehen wir
Wolkenrosse Leichen ziehen,
Und ein helles Silbertier
Glotzt in Chaosharmonien.
»Willenlose Wirbel sind
Wilde Beute ohne Herrn,«
Meint die Maske; »jedem Wind
Folgen, geben sie sich gern.«
»Flockenwolken stocken dort!«
Fall ich in die Rede ein,
»Scheuen sich in einem fort,
Formen oder Gischt zu sein.«
»Nebeltüten öffnen sich,
Weiße Kelche gehen auf,«
Meint die Maske feierlich,
»Sieh den dichten Irishauf!«
»Welches fabelhafte Gold,
Welche große Pollenwut«,
Sag ich, »sich dort hoch entrollt
Und dann überm Monde ruht!«
»Gehn wir weiter, möchte jetzt
Eigentlich am Meere sein!«
Sagt die Maske: »denn zuletzt
Sah ich es im Mondenschein.
Ringsum perlte der Kies,
Lauter Wünsche huschten auf,
Alles zerrte, schwirrte, stieß
Ohne Anfang und Verlauf.«
»Habe ich nicht recht geahnt,
Als ich sagte, daß dein Geist
Dich an dunkle Hüllen mahnt?«
Frage ich die Maske dreist.
Sie erwidert: »Sicherlich
Hast du recht, zu recht gehabt,
Doch ich fühle, innerlich
Wird die Trauer weggeschabt.«
»Nun, so wollen wir im März«,
Ruf ich froh, »aufs Land hinaus.
Ja, es pocht bereits mein Herz
Mit dem wilden Meergebraus,
O, der Lenz kommt ungehemmt,
Fühlst du ihn nicht aufwärtsziehn?
Windeswogen überschwemmt,
Wittert ihn der Apennin!
Jeder Wuchtcharakter beugt
Endlich sich vor Lust und Föhn,
Jede Wandlung, die er zeugt,
Macht den Leichtsinn wunderschön.
Hat doch alte Erdenkraft,
Mit der Sonne hold vermählt,
Den Planeten umgeschafft,
Daß er selbst den Gott erwählt,
Der sich ihm als Rausch entrafft.«
»Deinen Fels erklimm ich nicht,
Meine Seele liebt die See,
Dir zu folgen wird mir Pflicht,
Doch bedenk auch du mein Weh!
Unser Urgeburtenmeer
Zog mich fast zurück zu sich.
Schon ward alles ringsum leer,
– Und die Leere fürchterlich!
Doch man hat mich aufgefischt;
Die Erinnrung aber war
Schon im Busen aufgefrischt,
Und nun wird mir völlig klar
(Weiß ich auch nicht recht warum),
Daß ich nichts entfalten darf.
Irgend etwas wehrt mirs stumm,
Damals aber sah ichs scharf!
Doch ich liebe noch das Meer,
Wenns dem Nichts entgegenschäumt
Und erbärmlich hin und her
Sich verschlägt und wild zerträumt!
Schäumt was, glaub ich fast, da sträubt
Etwas sich, nur Wind zu sein,
Doch sowie der Schaum zerstäubt,
Gischtet es dann frei und rein!«
»Ja, wohl sträubt, wohl bäumt die See
Gegen ihr Zerstäuben sich,
Schäumend schluchzt sie noch Ade
Und enthaucht dann bitterlich!«
Fall ich ein, dann faß ich mich:
»Schwarze Maske, lasse das,
Komm aus diesem Witterstrich,
Ohne wirklichen Verlaß,
Rasch zurück zum Maskenfest!
Tritt ans Fenster! Monderhellt
Stehn dort Wesen felsenfest,
Blicke in die äußre Welt!«
»Siehst du jenen Tropenbaum,
Sterne spähn durch sein Geäst,
Goldig sah ich ihn im Traum,
Und darauf ein Schlangennest!«
Sagt das schwarzverhüllte Weib,
Atmet tief und fährt dann fort:
»Gar nichts hatte seinen Leib,
Tiefum wogte Gottes Wort.
Früchte bunt und schlangenrund
Sah ich ohne Zeit und Ort.
Eine führte ich zum Mund:
Und da war ihr Ast verdorrt.
Ich verbiß in Felsen mich,
Durch die Zähne troff die See,
Und der Erde Vipernstich
Fühl ich noch als großes Weh!«
»Komme fort und sieh mich an,
Weg von dir und jener Welt!
Hänge dich an deinen Mann,
Sieh in ihm ein Lichtgezelt.
Was du schaust und hier erfährst,
Das bestätigt, was du bist!«
Sage ich: »denn du bewährst
Tiefer dich als Ziel und Frist!
Wenn man wirklich innig liebt,
Brauchst du keinen Wunsch zu fliehen
Was ein einzger Mensch vergibt,
Hat schon Gott durch ihn verziehen!«
»Sei mein Freund und steh mir bei,
Nimm den Ring von meiner Hand,
So! Nun bin ich endlich frei!«
Sagt ein Weib mir urverwandt!

*

        Mitternacht! 
Mitternacht!
Mitternacht!
Mitternacht!
Mitternacht!
 
 
 
 
 
Mitternacht!
Mitternacht!
Mitternacht!
Mitternacht!
Mitternacht!
 
 
 
Mitternacht!
 
 
 
Mitternacht! Die Larven fallen.
Man erkennt sich, jubelt laut.
Walzer wallen durch die Hallen.
Keinem Gaste bangt und graut.
Die Isis wird bewußt
Und entschleiert sich der Sonnenwelt.
Jubel sprudelt aus der Göttin Brust:
Ihre tiefe Einsicht überwellt
Urgesuchte, weltverliebte Lust.
Wollust wird zu Gott geschnellt.
Ich beschenke dich mit Blumen.
Du trinkst mir zu, man wünscht und hofft.
Blütenreif bedeckt die Krumen.
Der Nordwind geistert und erschreckt uns oft.
Was sieht, nimmt einen Flor.
Völker überziehen sich mit Scham.
Ostern glüht jetzt überall empor.
Geist entsteht. Wer weiß, woher er kam?
Mein Weib und ich sind eins.
Eins im ewiggroßen Weltgebraus.
Glücklich unseres Zusammenseins,
Ruhen wir vom langen Wandern aus!

*

        »Alles Fühlen, alles Denken
Ist ein fremdes oder fernes
Insichselbstsichtiefversenken!«
Sag ich: »Jeder Mensch erlern es.
Doch vor allem soll es gelten,
Sich persönlich zu verschenken:
Licht aus seinen Seelenwelten
In die Nächsten zu versenken.
Alles Sehen, alles Lieben,
Ist an sich das wahre Leben,
Bloß die Hoffnung ist geblieben,
Die Ereignisse entschweben!«
»Das Gebrause, das ich höre,
Ist wahrscheinlich wirklich wahr,
Lauter unsichtbare Chöre
Singen uns als trautes Paar.
Winde wälzen Wolkenwogen
Unaufhörlich himmelwärts,
Für die Liebe ausgezogen
Wuchtet auch in uns der Schmerz.
Dieses Ineinanderbranden,«
Sagt mein Weib, »ist wunderbar,
Oft geht da der Blick abhanden,
Doch auf einmal wird mirs klar:
Immer neue Wünsche winden
Tief sich in ein Urgemüt,
Können nie das gleiche finden,
Da es sich zu dauern müht
Und in stillen Freiheitspeichern
Immer fester sich erfaßt,
Und so glaub ich, wir bereichern
Uns auch fort und ohne Rast!«
»Willst du nicht zum Fenster treten?«
Frag ich: »doch dann sprich nur weiter,
Siehst du dort die Statue beten?
O, die Mondnacht ist nun heiter!«

*

        Der Mond umfaßt die Glieder eines Knaben,
Und seinen Leib bedecken Perlenschnüre.
Ist das Verzückung, starres Lustgehaben?
Die Schatten dauern still wie Liebesschwüre!

Der Mond will sich am weißen Marmor halten,
Als Weltruine liebt er kalte Gesten:
Das Felsgestirn sucht weithin in den Spalten
Der Erdromantik noch nach hehren Resten!

Der Grieche scheint die Mystik einer Seele
Dem toten Lichte völlig darzubringen,
Dafür empfängt sein holder Leib Juwele,
Die aus der Geisterwelt herüberklingen.

Ein Schein wie Milch umfließt die weißen Glieder,
Und Iristropfen schimmern aus dem Steine.
Selene fleht und tritt zum Jüngling nieder:
Mir ists, als ob sie küssend ihn beweine.

Jetzt scheint das Licht sich schweigsam zu beleiben
Und fast die stillen Glieder zu erweichen:
Nun wollen beide stumm in Glück verbleiben
Und bloß in meinem Liede sich erreichen.

*

        »Schwermutwolken kann ich wittern,
Gehn wir nicht zurück zum Fest?
Träume wollen uns erschüttern,
Werde mein und halt mich fest.
Furchtbar fühl ich schon die Stunden,
Da man lebt wie jeder lebt!«
Sagt mein Weib: »Ich liebe Kunden,
Wo der Mensch sich überhebt!«
»Meinst du jene Lichtsekunden,
Da man selber sich entschwebt,
Da die Mühe überwunden,
Weil sie nieder von uns strebt?
Ja, mit jedem Flügelschlage
Schließt man Gräber unter sich,
Denn die Zukunft aller Tage
Wirkt in Dichtern innerlich!
Doch für heute laß das gehn,
Höhen hat die Erde auch,
Und ihr Wesen ist: Gestehn!
Doppelspiel ist Frauenbrauch!
Worte«, sag ich, »kannst du zügeln,
Sterne aber scheinen wahr!
Blicke kann ich kaum erklügeln,
Immer sind sie offenbar!«
»Nun, so komm, wir wollen schweigen,
Glücklich lehnt sich Traum an Traum,
In uns selber aber steigen
Traute Stunden aus dem Raum.
Sieh!« so spricht mein Weib, »wie innig
Hier der Saal sich selbst beseelt,
Wie sich alles still und sinnig,
Minnig fast in Pracht vermählt.
O, der Raum fängt an zu sagen!
Ruht er schon vom Feste aus?
Schweigen ist das tiefste Fragen,
Horch! Hier lispelt jetzt das Haus!«

*

        Marmorsäulen sind mit reicher Steinmetzarbeit dicht umlaubt,
Tragen dumpf der Fenster Bögen. Karyatiden halten Wacht,
Bleich im Narrenspiel der Menschen, stumm im Wechselspiel der Nacht,
Und die kleinen Nischensäulen sind gewunden und geschraubt.

O ihr weiten, fernen Zeiten! In der Seele wachgerufen,
Taucht ihr auf, euch zu empfinden, und lebt fort, wenn ihr mich rührt.
Altumwandet kommt das Neue, und wir werden so verführt,
Als Erprobtes zu verwenden, was wir eben selber schufen.

Große Römervillen werden Ruheplätze der Natur,
Wo sich tausend Elemente unserm Menschenwillen beugten.
Wesen, die fast abgeschlossen von den Schollen, die sie zeugten,
Geistig und sich selber lebten, wandelten auf freier Spur!

Im Gedanken freie Schwärmer, Philosophen, Forscher, Dichter,
Allen Lebens Feuerblüten, starke Seelen voller Glanz,
Immer schlürft ihr, wie Kometen, Pollengold vom Sternenkranz,
Ahnt ihr aber auch die Gründe ewiglich verschiedner Lichter?

Sterne und ihr Nachtgefolge ziehen durch ein stummes All.
Ihre Sehnsucht weckt das Leben, keine Strahlen gehn verloren,
Denn die Ewigkeit ist innig: und in uns bereits geboren,
Wird der Geist, der sie durchleuchtet, jung beseelt als Widerhall!

Stille Treue zu den Sternen ist das Leben der Planeten,
Und die Sonnensehnsucht zeigt sich als Kometen in der Welt,
Und auch diese werden endlich frei auf ihre Glut gestellt.
Suchen sie dann selbst die Ruhe, können Welten sich verkneten.

Aller Sterne Feuerblüten schleift in sich der Weltkomet,
Denn sein Schoß empfängt beim Wandern lauter Sternenelemente,
Doch wir selbst erschaun sein Wurzeln bloß auf kurze Glücksmomente,
Wenn er, Liebesworten ähnlich, seine Feuerschnuppen sät.

*

        »Sieh, im Tanzsaale die Paare!
Hofft dort jemand was wir fanden?
Denn was ich nun tief verwahre,
Hab ich früher nie verstanden.
Sage du mir,« spricht mein Weib,
»Wie soeben alles kam,
War ich dir bloß Zeitvertreib?
Sage, wie ich mich benahm.«
»Nun, wir haben traut geplaudert,«
Gebe ich zur Antwort, »endlich
Hab ich nimmermehr gezaudert,
Alles schien uns unabwendlich!
Holde Anmut deines Wesens
Hat mich innerlich bewegt
Und die Ahnung des Genesens
Plötzlich in mein Herz gelegt.
Traut beginnen meine Lieder,
Bis ich Höhenlust erwühlt,
Schwer nur faß ich mich dann wieder,
Doch so wie ich dich gefühlt,
Holdes Weib, blieb ich hienieden,
Deine Augen hielten Wacht,
Riefen mich und strahlten Frieden.
War das meine letzte Nacht?«
»Deine letzten finstern Stürme!«
Sagt mein Weib: »An meiner See
Bau ich unsre festen Türme«
Daß ich dich beruhigt seh!«
»Richtig!« ruf ich: »Deine Blicke
Senkten gleich sich in mein Sein,
Lenkten schon unsre Geschicke,
Denn ich fuhr im Hafen ein.
Wahrlich, so ist es gewesen
(Jetzt entsinn ich mich vielleicht):
O, ich war ein wirres Wesen,
Habe nie mein Ziel erreicht!
Schifflein waren unsre Reden,
Wiegenspiele muntrer Fahrt:
Mit der Flagge eigner Art
Sollten ernst sie sich befehden.
Gut gerüstet als Piraten,
Haben meine aufgepaßt,
Deine sollten dich verraten,
Da du dich verkleidet hast!«
»Ja, die Wimpel meiner Laune«,
Sagt das Weib, »verrieten mich!
Wirklich wahr, ich denke, staune:
Alle ließen mich in Stich!«
»Ich verfolgte sie im Treffen,
Hofft ich doch, daß ich verlor,
Ließ oft eigne Segel reffen,
Sieh, und dennoch kam ich vor!
Hinterm Damme deiner Zähne«,
Mein ich, »rüstetest du fort,
Plötzlich fiel da eine Träne
Auf das flinkste Kaperwort.
O, da ist es gleich gesunken,
Beide tauchten wir danach,
Alle Mannschaft ist ertrunken,
Unsre Schlacht ward unsre Schmach;
Jene Perle liegt im Meere,
Und wir denken noch an sie:
Tot sind unsre muntern Heere,
Alles schweigt aus Harmonie!«
»Bleib in meinem sichern Hafen,«
Sagt mein Weib, »ich halte Wacht,
Selbst die Träume sollen schlafen,
Ferne braust die dunkle Nacht!«

*

        Die Putten, mit den schweren Fruchtgewinden,
Die heute lauter Schelmerei erlauscht,
Sind fröhlich, denn nun haben sie verstanden
Was Liebe ist – und wie uns Lust berauscht.

Die Spiegel, die Gestalten wiedergeben
Und die dem Saale seinen Prunk verleihn,
In denen scheinbar lauter Paare schweben,
Sind bald bestimmt, ganz blind zu sein.

Erinnerungen werden wiederkehren.
Und tausendfach erträumt sich dann der Saal,
Gleich Spiegeln können ihn Gesichte mehren,
Und ringsum wimmeln Nischen holder Wahl.

Doch werden hier die Samtgardinen rasten.
Im Mondlicht schimmert bald ihr Purpur halb.
Die prachtvollen und schweren goldnen Quasten
Umbaumeln sie darauf gleich einem schweren Alp.

Die Gäste fangen an nach Haus zu gehen.
Die Edelsteine hüllen sich in Nacht.
Aus Samt und Seide wird bald Wärme wehen,
Und feenhaft entschwebt sich selbst die Pracht.

Nun heißt es scheiden und zufrieden bleiben:
Ich nehme vieles Glück vom Feste mit.
Der Abschied drängt: wozu noch Kurzweil treiben?
Zum Wiedersehen wagen wir den ersten Schritt!

Nur lose Blumen darf ich jetzt verschenken:
Sie sind so bunt, wie es beim Feste war,
Ich selber will bloß an die Freuden denken:
Uns wird in Blüten jedes Frühjahr wahr!

 

        » O sei ein Lenz, mein frei verjüngtes Leben!
O lös den Reif, der meine Seele zwängt,
Fort aller Trotz, ich will das Glück erstreben!«
Ruft hold mein Weib: »Die Welt ist glutdurchtränkt!
Mein Keuschheitsfeuer strahlt zu deiner Wärme:
Mein Leib ist dein, auch folgt bereits der Geist,
Fühlst du sie nicht, die flüggen Frühlingsschwärme?
Sie sind aus mir in dich emporgekreist!
Der starken Sprache frische Sprudellieder
Entschwirren mir zugleich als Sang und Lied;
Das Eis zergeht, ich habe dich nun wieder,
Urewig bin und war ich bloß dein Weib.
O sei mein Lenz, ich kann dich herrlich bannen,
In Sehnsuchtsbächen spiegle sich dein Licht!
Fängt dann der Lustschwall an sich abzuspannen,
Umträume mich und schweige: schlafe nicht!
O bleibe mir, daß sich die Seelen küssen,
O fühle dort, wie Wunsch zum Wunsche bangt,
Denn Träume sind es, die sich hören müssen,
Damit ein Sein im andern sich erlangt!«
Nun sage ich: »Laß an die Brust dich drücken,
Uns jauchze schon, voll Übermut, ein Kind!
Wir wollen kindlich, kindisch uns beglücken,
Denn Lust zerrinnt: wer bannt sie, hascht den Wind?
Wenn weltvernarrte Träume uns entschweben,
Verspinnen Scherze sich von Herz zu Herz,
Und immer mehr von uns muß sich ergeben,
Der Leiber Glut vereint zu gleichem Schmerz!
Nicht morgenhold sollst du mich je entflammen,
Kein Scharlachgold entlohe deinem Blut,
Ich scheue Freuden mit zu wundersamen
Enträtselungen unsrer Geisterflut.
Ich mag die Welt in voller Sonne sehen,
Wo jedes Fühlen sich zur Klarheit dehnt:
Wenn Mittagshauche Blütendüfte wehen,
Erhaben alles sich nach Reife sehnt!
Mich freut der Tag, der sich von Liebe flüstert,
Ich liebe Seelen, die sich ganz vertraun,
Das Feuer, das in stillem Blicke knistert,
Doch vor der Schwüle packt mich rasches Graun!«
»O sei mein Lenz, laß mich den Traum vergessen,«
Fleht nun mein Weib, »da ich gar einsam war!
Das war ein Bild voll Weiden und Zypressen,
Und selbst die Sonne schien nur selten klar.
Nun will ich Luft und Licht und dich genießen:
Schon kommt der volle Lenz, der mich erweckt,
Des Winters Irisflimmer wird zerfließen,
Bald scheint die Welt von Teppichen bedeckt.
Wird alles Gold aus dunklem Schacht gezogen?
Sieh; wie sich innerlich die Rebe wärmt:
Von den Geschöpfen wird Licht eingesogen,
Da Glut berauschend durch uns alle schwärmt!
Ein Kuß voll Glut und Gold soll uns vereinen!
O komm, zwei Ringe kühlen, fühlen sich,
Wir wollen fiebernd uns gefällig scheinen:
Wie bist du kalt, war das ein Stich?
Wir sind ein Paar und eng verbunden,
Wir liebten glühend und sind auch erblaßt,
Was fremd uns schien, verblich und ist verschwunden,
Und nur was beide eint, hat sich erfaßt.
Was unsre Seele nicht unendlich paarte,
Ist weggesprüht, in beiden längst versengt,
Doch was sich heimlich, ähnlich, offenbarte,
Hat sich vermengt und Frieden uns geschenkt!«
Ich sage drauf: »Ich kann nur wenig lieben,
Das, was mich freute, wird mir plötzlich fremd,
Was mich dereinst berauschte, das ist stumm geblieben,
Was hat wohl immer noch mein Glück gehemmt?
Mein Traum enttauchte stets dem Abendgolde,
Und unermeßlich schien sein Horizont;
Gestalten wandelten in meinem Solde
Und haben bläßlich sich in Blut gesonnt.
Ich ließ mich oft von Wünschen weiterführen
Und habe Sänger ahnungslos belauscht:
Ich träumte mich durch offne, goldne Türen
Und ward vom Wald in tiefen Schlaf gerauscht.«
»Du rastest nie!« sagt nun mein Weib: »Verbleibe!
Wo rast du hin, hast du ein Ziel im Sinn?
Ich habe auch die Nacht in meinem Leibe:
Sie harrt auf dich, sieh, wie ich hurtig bin!
Schon rauscht aus dunkeln, lebensbangen
Gefühlen manches wie Verwundrung auf;
Sirenen wollen nach Juwelen langen,
Doch trügt der Mond sie und ein Thunfischhauf.«
»Der Mond!« entschlüpft es mir: »Mit Wolkenflügeln
Erweckt er pulsend kaum den Wind am Meer:
Er küßt die Säume, die ihn glitzernd spiegeln,
Doch grollt die See, denn grau ist sie und leer.«
»Ich habe ja das Meer erschaut, empfunden,«
Sagt nun mein Weib, »es sucht und hascht die Lust!
Sein ganzes Wesen ist von Glück durchwunden,
In Geistern, Fischen, durch und durch bewußt.
Ein Irisschleier, Netze der Sirenen,
Verschlingen sich um jeden Funkenschaum,
Und Brisen, die sich sprühend weitersehnen,
Verstrahlen flimmernd irgendwo im Raum.
Das Meer genügt, vergnügt sich, ohne Mitte,
Und spendet, was das Mutterland verlangt,
Entgischtend flüsterts noch die dumpfe Bitte:
Gib mir zurück, wonach mir lange bangt.
Die Erde seufzt darauf und atmet schwerer.
Da springt die Brise auf. Der Schiffe Schwarm
Kehrt rasch zurück. Das Meer wird leerer.
Und alles schläft dann ohne Angst und Harm.«
»O sei mein Hort, mein Heim!« fleht meine Stimme:
»Auf heller Brise wehe ich dir zu.
Daß nur mein Heimatlicht jetzt nicht verglimme,
Sonst findet meine Seele keine dunkle Ruh.
Du bist mein Leuchtturm, will dein Licht mich rufen?
Schon wirft es mir sein langes Flammenseil.
Dort ist der Hafen. Da der Mole Stufen.
Ins Dunkel sticht und wühlt der Blendepfeil.
Das Wasser kann allein das Licht erfassen:
Ihm ist kein Stern zu ferne und zu schwer.
Wird sich in dir mein Glück empfinden lassen,
Und sei es schwankend nur, wie tief im Meer?«

*

        Sahst du noch nie den Fall der Leoniden?
Wenn Sterne lautlos durch den Äther zittern
Und ringsum sich beim Sturze noch zersplittern,
Erkennst du doch den großen Wunsch nach Frieden?

Blick auf die Vögel! Ziehen sie nach Süden,
So scheinen sie, vereint, kein Arg zu wittern.
Doch kann ein einzger Sturz den Zug erschüttern,
Denn gleich fühlt sich der ganze Schwarm ermüden.

Dich konnt ich durch ein tiefes Wort erlangen,
Denn du ergabst dich plötzlich ungewußt,
Und Scham und Liebe quoll in deine Wangen;

Jetzt glüht dein Fühlen hold an meiner Brust.
Bald kann ich dich in voller Glut umfangen,
Denn Ruhe sucht urschließlich jede Lust.


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